Verbotenes Verlangen nach dem Highlander

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Lady Sabrina Bell möchte im Boden versinken! Ein breitschultriger Mann hat sie aus dem See im Hyde Park gerettet. Seine bewundernden Blicke auf ihre Kurven in dem pitschnassen Gewand sind einfach skandalös. Doch sie entflammen in ihr auch ein höchst verbotenes Verlangen nach diesem Mr. Graeme Kendrick! Dass Sabrina den schottischen Geheimagenten bald schon in Edinburgh wiedertrifft, weckt in ihr eine gewagte Idee: Sie will Graeme verführen. Egal, wie hoch der Preis ist – ihr Herz könnte in tausend Scherben zerbrechen. Denn niemals dürfte sie, die Tochter eines Earls, diesen ungestümen Highlander heiraten …


  • Erscheinungstag 08.11.2022
  • Bandnummer 385
  • ISBN / Artikelnummer 0871220385
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

1. KAPITEL

London, England,

Juni 1822

Graeme Kendrick kauerte unter einer riesigen Ulme und ließ sein Zielobjekt nicht aus den Augen. Vor ein paar Stunden war es dem gerissenen Sassenach tatsächlich gelungen, ihn abzuhängen, doch dann hatte er den Kerl zufällig wiederentdeckt, als er über die Mauer geklettert war, die die Kensington Gardens vom Hyde Park trennte.

Ein bisschen Glück, das er wahrhaftig verdient hatte, so befand Graeme voller Genugtuung. Immerhin war er der übelsten Verbrecherbande von ganz London auf der Spur. Seit Monaten wüteten die Diebe im ton wie marodierende Nordmänner, stahlen kostbare Juwelen, Kunstgegenstände und unersetzliche Antiquitäten. Normalerweise wäre ihre Verfolgung in den Aufgabenbereich der Bow Street gefallen, doch als die goldene Taschenuhr des Duke of York – ein Erbstück der königlichen Familie – bei einem Ball entwendet worden war, hatte sich die Situation schlagartig geändert. König George war außer sich gewesen, Bow Street zu Recht betreten, und man hatte Captain Aden St. George, den obersten Chef des Geheimdienstes, zu Hilfe gerufen.

Zu Graemes Erstaunen hatte Aden den Fall ihm anvertraut.

Doch obwohl Graeme den Dieben schneller auf die Spur gekommen war als die Runner, hatte er sie noch immer nicht dingfest gemacht. Jedes Mal waren sie seinem Zugriff entkommen. Erst gestern hatte Aden ihm klargemacht, wie unzufrieden er mit Graemes Fortschritten war.

Äußerst unzufrieden.

Es war schlimm, wenn es sich bei dem Vorgesetzten, der einem im Nacken saß, um einen Verwandten handelte. Hinzu kam, dass Aden der Halbbruder von Victoria Kendrick, Countess of Arnprior und zufällig auch noch Graemes Schwägerin, war. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, waren sowohl Aden als auch Victoria außereheliche Nachkommen Seiner Majestät des Königs, sodass der gute alte George in gewissem Sinne ebenfalls zu Graemes Familie gehörte.

Aber wenn es um den Kendrick-Clan ging, hatte man es mit unglaublich komplizierten Familienverhältnissen zu tun. Und wenn es ihm nicht gelang, diesen Fall zu lösen, würde er jedes einzelne Mitglied seiner Familie enttäuschen, einschließlich des verdammten Sassenach-Königs.

Graeme seufzte lautlos. Als wäre es ihm in die Wiege gelegt, seine Familie ein ums andere Mal zu enttäuschen.

Konzentrier dich auf deinen Auftrag, du Dummkopf.

Er zog sich die vom Regen durchweichte Kappe vom Kopf, strich sich mit dem nassen Handschuh das feuchte Haar aus der Stirn und setzte die Mütze anschließend wieder auf. Aus irgendeinem Grund war seine Zielperson hinter einem Baum in der Nähe des Serpentine, des schmalen Sees, der sich durch den Park schlängelte, stehen geblieben.

Angesichts des trostlosen Wetters und der frühen Stunde lag der Hyde Park verlassen da. An warmen Sommertagen pflegten die Londoner um diese Zeit einen frühen Spaziergang zu machen, die risikobereiten nahmen sogar ein Bad im Serpentine, doch an diesem Morgen hing ein Regenvorhang über dem Park, und von der nassen Erde stiegen kühle Dunstschwaden auf.

„Was in Dreiteufelsnamen führst du im Schilde?“, murmelte Graeme halblaut vor sich hin.

„Vielleicht hofft er darauf, einem reichen Pinkel auf dem Nachhauseweg die Geldbörse abnehmen zu können. Nur um die Nacht abzurunden.“

Seufzend warf Graeme einen Blick über die Schulter. Ein kräftiger Bursche von ungefähr fünfzehn, gekleidet wie ein Botenjunge, ging hinter ihm in die Hocke.

„Ich bin Ihnen zuvorgekommen, hab ich recht?“ Der Halbwüchsige grinste frech.

Graeme zuckte mit den Schultern. „Kann sein, dass ich ein bisschen langsam bin, aber ich habe in den letzten vierundzwanzig Stunden kein Auge zugetan.“

Mit dem Kinn deutete der Junge auf ihr Zieleobjekt. „Gut, dass Sie den Mistkerl entdeckt haben, als er über die Mauer geklettert ist. Der Captain wäre ganz schön sauer, wenn Sie seine Spur wieder verlieren würden.“

„Ganz schön sauer wäre auch seine Gattin, wenn sie hören würde, was für Ausdrücke du benutzt. Es ist noch vor Tagesanbruch. Weiß Lady St. George, wo du dich um diese Zeit herumtreibst?“

„Der Captain weiß es. Er hat mich losgeschickt, um nachzusehen, ob Sie Hilfe brauchen.“

„Losgeschickt, um mich im Auge zu behalten, wohl eher“, erwiderte Graeme spöttisch. „Und es wird mir heruntergehen wie Öl, wenn Lady St. George herausfindet, dass er dich mitten in der Nacht mit Aufträgen losschickt. Zumal sie sich alle Mühe gibt, einen anständigen Menschen aus dir zu machen, mein lieber Tommy.“

Tommy verdrehte die Augen gen Himmel. „Als wär ich nicht mächtig anständig, Sir, wo ich doch jeden Tag zum Unterricht bei Ihrer Ladyschaft gehe! Was aber kein Grund nicht ist, dass ich dem Captain nicht helfen darf, wenn es nötig ist. Davon ab ist es nicht mitten in der Nacht.“

Was kein Grund ist und davon abgesehen“, korrigierte Graeme mechanisch, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Dieb konzentrierte.

Der Mann stand reglos da wie jemand, der … wartete.

Graeme zwang sich zur Geduld. Doch er hatte eine lange Nacht hinter sich und sein Zieleobjekt von einer Spielhölle zur nächsten verfolgt, quer durch die ganze verdammte Stadt. Dem Dieb war es gelungen, sich mit zwei sehr reichen und ebenso beschränkten Adligen anzufreunden. Graeme hatte kurz in Erwägung gezogen, die Männer zu warnen. Doch er kannte sie und wusste, dass es sich bei beiden um Geizkragen erster Güte handelte. Wenn die Trottel am Morgen entdeckten, dass man ihnen die Geldbörse gestohlen hatte, war der Gerechtigkeit Genüge getan, wenn auch auf Umwegen.

Davon abgesehen hatte Graeme Wichtigeres zu tun, nämlich den Anführer der Bande aufzuspüren. Und zu diesem Zweck musste er herausfinden, wo sich der Verbrecherkönig aufhielt. Irgendwo in Covent Garden oder den Elendsvierteln von St. Giles, wie er und Aden vermuteten. Möglicherweise lieferten die Ereignisse an diesem Morgen eine Antwort auf die Frage, zumal es zu erwarten war, dass der Dieb bald mit seiner Beute zum Versteck der Bande zurückkehren würde.

Graeme würde sich ihm an die Fersen heften.

„Los, mach schon, du Hurensohn“, flüsterte er angespannt. „Komm in die Gänge.“

„Sie reden schon wieder so komisch“, beschwerte Tommy sich leise.

„Man nennt es Jargon, wie du sehr wohl weißt.“

„Hört sich trotzdem komisch an, wenn Sie mich fragen.“

Graeme schnaubte. Wenn Tommy aufgeregt oder beunruhigt war, redete er in einem Jargon, der seinem eigenen an Unverständlichkeit in nichts nachstand. In diesen Jargon verfiel er, wenn er unzufrieden oder wütend war, und neuerdings öfter, als ihm lieb sein konnte.

Andererseits waren Unzufriedenheit und Wut besser als anhaltende Langeweile. Lieber begab er sich bis zu den Haarwurzeln in Gefahr und Chaos, als nutzlos daheim herumzusitzen und sich zu Tode zu langweilen.

Oder, schlimmer noch, von Lady St. George mitgeschleppt zu werden zu den Partys des ton, weil er zur Aufmunterung angeblich Geselligkeit brauchte.

„Nichts Aufmunterndes weit und breit“, murmelte er zu niemand im Besonderen.

Tommy warf ihm einen eigentümlichen Blick zu, doch Graeme ging darüber hinweg. Für Erklärungen war er zu müde. Seit Wochen hatte er keine Nacht mehr anständig geschlafen, und vielleicht lag Vivien gar nicht so falsch. Vielleicht arbeitete er tatsächlich zu viel.

Sein Gefährte versetzte ihm einen Stoß in die Rippen. „Da, er setzt sich in Bewegung.“

Graeme richtete sich auf. „Sieht aus, als wollte er spornstreichs nach Piccadilly. Versuch ihn zu überholen, für den Fall, dass er seinen Kurs ändert und durch eines der anderen Tore verschwindet.“

Tommy nickte, doch bevor er lossausen konnte, packte Graeme ihn bei der Schulter. „Halt unbedingt Abstand zu ihm. Er ist zweifellos bewaffnet, und Aden wird mir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen, wenn dir etwas passiert.“

Der Junge schnaubte verächtlich. „Ich bin kein Anfänger nicht, Meister. Ich mache diese Arbeit schon länger als Sie.“

„Ich bin kein Anfänger“, korrigierte Graeme geistesabwesend, während der Junge bereits in den Regenschleiern verschwand.

Aber Tommy hatte recht. Er war ein zuverlässiges Mitglied des Haushalts der Familie St. George, und das seit Jahren, erledigte Botengänge und übermittelte wichtige Nachrichten. Dennoch war er mehr ein Familienmitglied als ein Laufbursche oder selbst ein Agent in Ausbildung, und Graeme hätte eher einen seiner Arme geopfert, als den Jungen in Gefahr zu wissen.

Als überhaupt ein Kind in Gefahr zu wissen. Dass es einmal so weit gekommen war, hatte er seiner Dummheit zu verdanken, und …

Hastig schüttelte er die grauenvollen inneren Bilder ab und trat vorsichtig hinter dem Baum hervor. Er folgte dem Weg, den der Dieb eingeschlagen hatte, hielt sich in angemessener Entfernung und bemühte sich, wie ein Anwohner auszusehen, der einen gemächlichen Morgenspaziergang unternahm. Was angesichts des Wetters eher absurd wirken musste, doch da der Mistkerl fast kroch, konnte Graeme nicht schneller gehen. Entweder führte der Bursche etwas im Schilde, oder er hatte gemerkt, dass er verfolgt wurde.

Wenn Letzteres zutraf, musste Graeme darauf gefasst sein, dass der Kerl plötzlich losrannte.

Als der Dieb hinter einem Gebüsch verschwand und reglos stehen blieb, wurde Graeme klar, dass der Schurke sich verhielt wie die Katzen auf Castle Kinglas, wenn sie Mäuse jagten – dass er sich zielstrebig der Beute näherte, ohne in deren Blickfeld zu geraten.

Aber wer …

Im nächsten Moment hatte Graeme die Antwort, denn plötzlich schoss der Mann aus der Deckung und flitzte über den schmalen Rasenstreifen am Ufer des Serpentine auf eine Gestalt in einem schwarzen Umhang zu – eine Frau, wie der breitkrempige Hut, der ihr Schutz vor dem Regen bot, unschwer erkennen ließ. Ohne ihrer Umgebung Beachtung zu schenken, wandte sie Graeme und dem Dieb den Rücken zu, spähte in Richtung des Weges, der zum Grosvenor-Tor führte, und schwenkte geistesabwesend ihr prall gefülltes Retikül. Man brauchte kein Genie zu sein, um zu wissen, was als Nächstes passieren würde.

Graeme verkniff sich eine derbe Verwünschung und rannte los. Er wollte verdammt sein, wenn er zuließ, dass die Frau ausgeraubt wurde, selbst wenn es bedeutete, dass er seine Deckung aufgab. Warum zum Teufel hatte er sie nicht früher bemerkt? Und was in Gottes Namen hatte sie überhaupt hier zu suchen?

Er schloss auf, aber der Dieb hatte einen zu großen Vorsprung.

Graeme holte Luft. „Achtung, Mädchen. Hinter Ihnen!“, brüllte er aus voller Lunge.

Die Frau wirbelte herum, doch der Halunke hatte sie bereits geschnappt.

Flüchtig registrierte Graeme, dass Tommy aus der Gegenrichtung angerannt kam. Er winkte heftig, um den Jungen zu warnen, doch Tommy ignorierte ihn, umrundete eine Gruppe Eichen und lief auf das ungleiche Paar zu.

Die Frau wehrte sich nach Kräften, kämpfte wie eine Löwin um ihr Retikül.

„Lass sie los, du stinkender Entführer!“, schrie Tommy mit schriller Stimme.

Das Gebrüll lenkte den Dieb gerade so lange ab, dass die Frau ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein zu versetzen vermochte.

Was den Schurken nur dazu anhielt, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Er entriss ihr das Retikül, warf einen Blick über die Schulter zu Graeme, dann packte er die Frau bei den Oberarmen und schleifte sie zum Rand des Ufers. Im nächsten Moment hatte er sie ins Wasser gestoßen.

Die Frau ruderte verzweifelt mit den Armen, dann landete sie mit einem lauten Klatschen im Serpentine.

Der Dieb schoss in Richtung des nächsten Parktors davon, direkt auf Tommy zu.

„Bring dich in Sicherheit, Tommy!“, rief Graeme alarmiert.

Der Junge hechtete zur Seite und rollte auf dem Rasen ab, kam in eine kauernde Position. Der Dieb rannte weiter in Richtung Piccadilly.

Graeme gab die Verfolgung auf. Die Frau im Serpentine schlug wild um sich, versuchte verzweifelt den Kopf über Wasser zu halten. Der durchweichte Hut war ihr ins Gesicht gerutscht.

„Halten Sie durch, Mädchen, ich komme.“ In Windeseile entledigte Graeme sich seines Mantels.

Der Serpentine, wiewohl ein lachhafter Abklatsch von einem See, war andererseits sicher so tief, dass jemand mit so vielen Schichten Kleidung einschließlich eines schweren Umhangs darin ertrinken konnte. Wasser war ein Mörder, wie er nur allzu gut wusste.

Er sprang, ohne lange zu überlegen, und schickte einen mächtigen Schwall Wasser über die Frau, unter dem sie beinahe versank. Als er sie erreichte, sprudelte sie ein paar überraschend deftige Verwünschungen hervor.

„Ich habe Sie.“ Er umfasste ihre Schultern.

Sie teilte blindlings Schläge nach ihm aus, und die Krempe ihres durchweichten Huts sackte ihr bis zum Kinn hinunter. Dennoch schaffte sie es, einen kräftigen Treffer auf seinem Ohr zu landen.

„Lassen Sie mich los, Sie Dreckskerl!“, keuchte sie entrüstet.

„Brauchen Sie Hilfe, Meister?“ Tommy stand am Ufer, während Graeme sich und die Frau über Wasser zu halten versuchte. Sie war zwar schlank, aber kein Schwächling.

„Ich habe alles im Griff.“ Graeme umklammerte den Brustkorb der Frau und zog sie an sich. „Kümmer du dich um den Verbrecher, aber komm ihm nicht zu nahe. Verfolge ihn und erstatte anschließend Bericht. Ich versohle dir den Hintern, wenn du es nicht tust.“

Der Junge nickte und setzte sich eiligst in Bewegung. Wahrscheinlich war es aussichtslos, aber wenn jemand den Kerl einholen konnte, dann Tommy. Hoffentlich würde er auf ihn hören und sich dem Schurken nicht nähern. Den Auftrag hatten sie vermasselt, aber Tommy war ein aufgeweckter Junge, und Graeme musste darauf vertrauen, dass er sich vernünftig verhielt.

Doch im Augenblick galt es, die Frau in seinen Armen davon abzuhalten, sie beide zu ertränken. Was sie anscheinend vorhatte.

„Hören Sie auf, um sich zu schlagen, Sie verrücktes Mädchen.“ Es gelang ihm, sie näher ans Ufer zu ziehen. „Ich will Sie nicht ausrauben. Der Mistkerl, der das vorhatte, ist längst verschwunden, was wir übrigens nicht Ihnen zu verdanken haben.“

Endlich hörte die Frau auf, sich zu wehren, sodass er ihr den Hut aus dem Gesicht schieben konnte. Und einen atemberaubenden – und wutentbrannten – pfauenblauen Blick auf sich gerichtet sah. Nicht dass die Wut von ihrem attraktiven Gesicht hätte ablenken können. Das ebenso atemberaubend war wie ihre Augen, wenn man die Haarsträhne ignorierte, die an ihrer Stirn klebte, und den Schmutzstreifen auf ihrer vollkommen geraden Nase und dem fein gezeichneten Wangenknochen.

„Lassen Sie mich los, Sir. Augenblicklich.“

Sie versetzte ihm einen überraschend heftigen Stoß, der dummerweise dazu führte, dass sie beide untergingen.

Seufzend zog Graeme sie wieder über die Wasseroberfläche. „Wenn Sie nur einen Moment stillhalten wollten, könnte ich Sie von dem Hut befreien, und dann würden Sie sehen, dass ich nicht Ihr Angreifer bin.“

Sie gab ihren Widerstand auf, und er zog ihr den verdammten Hut vom Kopf, sodass er im Nacken hing, anstatt ihr Gesicht zu bedecken.

„Ich versuche nur, Sie zu retten“, fügte er erklärend hinzu.

Sie musterte ihn finster. „Dann stellen Sie sich aber selten dämlich an. Und ich bin absolut in der Lage, mich selbst zu retten.“

„Ich glaube nicht, dass Ihr Angreifer dem beipflichten würde.“ Graeme steuerte mit ihr auf den Grünstreifen zu, der den See umgab.

„Ich bin ganz gut allein klargekommen, vielen Dank auch.“

„Ja, das habe ich gesehen, als der Kerl Sie ins Wasser stieß.“

„Was erst passierte, als Sie auf uns zugelaufen kamen.“

Graeme starrte sie ungläubig an. „Der Schurke hat Sie angegriffen, Mädchen. Was in Gottes Namen hätte ich tun sollen? Entspannt vorbeischlendern, während Sie eine Schlägerei mit ihm anfangen?“

Für einen Moment sah es so aus, als wollte sie ihre feurige Tirade fortsetzen. Dann rieb sie sich die Nase, wie um ein Niesen zu unterdrücken. Als sie die Hand sinken ließ, bogen sich ihre Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben. Sie hatte schöne Lippen, prall und rot wie eine Rosenknospe.

Was absolut nichts mit irgendetwas zu tun hatte.

„Ich fürchte, ich höre mich schrecklich undankbar an, nicht wahr?“ Sie schüttelte unmerklich den Kopf. „Es war sehr freundlich von Ihnen, hinter mir herzuspringen, wenn auch unnötig. Ich bin eine sehr gute Schwimmerin.“

„Nicht mit der schweren Kleidung. Ihr Umhang dürfte zwanzig Pfund wiegen, nass, wie er ist.“

„Vielleicht ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass wir Grund unter den Füßen haben. An diesem Ende ist der Serpentine ziemlich flach.“

Graeme sah an sich hinunter. Er stand bis zur Taille im Wasser, sie bis zur Brust.

„Zur Mitte hin ist es etwas tiefer“, fuhr sie mit ihrer Belehrung fort, „aber ich bin nur untergegangen, weil der Kerl mich so fest gestoßen hat. Wirklich in Gefahr war ich zu keinem Zeitpunkt.“

Graeme konnte nicht anders, er war verärgert. „Für mich sah es aus, als würden Sie ertrinken. Jeder hätte das angenommen.“

„Ich war überrumpelt, sonst gar nichts. Das konnten Sie natürlich nicht wissen.“

So langsam hatte er den Eindruck, dass sie ihn für ziemlich beschränkt hielt. „Es ist ja nicht so, als pflegten vornehme Damen gewohnheitsmäßig im Serpentine herumzuschwimmen.“

Sie nickte. „Ganz richtig. Und da nun alles gesagt ist, was halten Sie davon, wenn wir mit der Rettung weitermachen?“

Anscheinend war er tatsächlich beschränkt. „Entschuldigen Sie.“

Die Frau schob sich ihre havarierte Frisur aus der Stirn. „Ich wäre gerne aus dem Wasser, ehe uns jemand sieht.“

„Bei diesem Wetter?“

Ein schneller Rundblick bestätigte, dass der Park verlassen dalag. Selbst die Männer der Royal Humane Society, der Lebensrettungsgesellschaft, waren nicht aufgetaucht, trotz allem Um-sich-Schlagen im Wasser. Das kleine Gebäude der Gesellschaft am gegenüberliegenden Ufer des Serpentine war normalerweise rund um die Uhr besetzt für den Fall, dass ein ertrinkender Londoner Hilfe brauchte. Doch dass sich an einem so trübseligen Morgen wie diesem jemand im Park aufhielt, schienen die Lebensretter nicht in Betracht zu ziehen.

Blieb die Frage, was ausgerechnet diese Frau veranlasst hatte, sich im Park herumzutreiben. Ihretwegen war Graeme der Dieb entkommen. Schon wieder. Ein Ärgernis sondergleichen.

„Dem Himmel sei Dank“, sagte sie in seine Gedanken hinein. „Natürlich weiß ich Ihre Hilfe zu schätzen, aber vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Sie gar nicht erst aufgetaucht wären.“

Er fasste es nicht.

Ohne sie loszulassen, suchte Graeme am Ufer nach Halt und wandte sich zu der Frau um. „Wie ungeschickt von mir. Gedankenlos nachgerade.“

Sie krauste die Nase. „Anscheinend habe ich mich schon wieder rüde angehört, richtig?“

„Nicht doch. Wo denken Sie hin?“

„Jedenfalls brauche ich Ihre Hilfe, um hier herauszukommen“, entgegnete sie munter. „Meine Kleider sind klatschnass und schwer und meine Finger taub vor Kälte. Wer hätte gedacht, dass das Wasser im Sommer so kalt ist?“

Für Graeme fühlte es sich eher wie Badewasser an, aber als Highlander war er an Gebirgsbäche und Meeresarme gewöhnt, bei deren Temperatur man auch im August noch zu Eis erstarrte.

„Dann lassen Sie uns zusehen, wie wir Sie an Land bekommen. Sind Sie sicher, dass Sie ausreichend Halt haben?“

Sie schob ihren nassen Umhang über die Schulter zurück. „Da mir das Wasser kaum bis zur Brust reicht, werde ich wohl stehen können.“

Die Erwähnung ihrer Brust ließ seinen Blick zu diesem Teil ihrer Anatomie wandern. Ihr hellgelbes Kleid hing erbarmungswürdig schlaff an ihr herunter, sodass der obere Rand ihres Korsetts zu sehen war. Obendrein klebte der Stoff an einem Paar großartiger Brüste – perfekt gerundet und üppig. Und ihr schien in der Tat kalt zu sein, denn selbst durch die Lagen von Stoff hindurch konnte er ihre straffen Knos…

Ahem.“

Sein Kopf ruckte hoch, und wieder war der zornige pfauenblaue Blick auf ihn gerichtet.

„Richtig“, meinte er brüsk. „Gehen wir es an.“

Er stemmte sich auf das Ufer hoch, spritzte sie erneut nass. Sie prustete ungehalten, als er ihr die Hand entgegenstreckte.

„Es tut mir leid.“

Mit ihren behandschuhten Fingern umklammerte sie sein Handgelenk. „Wahrscheinlich können Sie nichts dafür. Schließlich sind Sie ganz schön wuchtig.“

Er half ihr ans Ufer, umfasste ihre Taille, um sie zu stützen, als sie sich auf das Gras setzte.

„Stark auch“, fügte sie ein wenig atemlos hinzu. „Und Schotte, wenn ich mich nicht irre.“

„Wie haben Sie das erraten?“

Sie machte einen sinnlosen Versuch, ihren tropfnassen Umhang auszuschütteln. „Ich bin keine Närrin, Sir, obwohl es Ihnen vielleicht so erscheint.“

„Ich käme nicht auf die Idee, so etwas auch nur zu denken. Und Sie holen sich den Tod, wenn Sie diesen nassen Umhang anlassen.“

Er hob seinen Mantel auf. Obwohl er sich klamm anfühlte, würde er sie besser warm halten als ihre durchweichten Kleider.

Das arme Mädchen zitterte, und seine roten Lippen wirkten ein wenig bläulich an den Rändern. Graemes Sorge wuchs. Wenn sie nicht bald ins Trockene und Warme kam, würde sie sich den Tod holen. Er wusste, wovon er redete.

Sie kämpfte erfolglos mit den Bändern ihres Umhangs.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“ Die Bänder waren hoffnungslos verknotet, also riss er sie auseinander und warf den Umhang auf den Boden.

Sie verzog das Gesicht. „Er war neu und sehr kostspielig.“

„Ihnen ist nichts geschehen, Mädchen. Das ist es, worauf es ankommt. Und am besten legen Sie auch den Hut ab.“

„Ebenfalls neu und kostspielig.“ Sie entledigte sich der beschädigten Kopfbedeckung und ließ sie auf den Umhang fallen.

Graeme legte ihr seinen Mantel um die Schultern, tippte gegen einen ihrer zierlichen Goldohrringe. Er konnte sich nicht erinnern, dass er Ohren jemals verführerisch gefunden hatte, doch ihre waren es eindeutig.

„Wenigstens haben Sie Ihre Ohrringe nicht verloren.“

Sie wickelte sich fest in seinen Mantel. „Danke hierfür. Er ist so …“

Stirnrunzelnd verstummte sie, um im nächsten Moment mit spitzen Fingern Graemes Messer aus der Tasche zu ziehen.

„Oh, tut mir leid.“ Er nahm ihr das Messer ab und steckte es in den Schaft seines rechten Stiefels.

„Ich habe das Gefühl, da sind noch ein paar andere … nun, Gerätschaften in Ihren Taschen.“

„Das stimmt. Verzeihen Sie.“

Er fühlte sich wie ein Dummkopf hoch zehn, als er seine Pistole aus der anderen Manteltasche holte, sie in den Hosenbund steckte, anschließend ein Paar Schlagringe aus der Innentasche fischte. Er warf sie auf den Umhang, dann zog er den Mantel fest um ihren Körper.

Sie beäugte ihn neugierig. „Sind Sie etwa ein Bow Street Runner?“

„Nein, aber ich bin gern auf alles vorbereitet. Man weiß nie, wer einem über den Weg läuft, wie Sie selbst unlängst feststellen konnten.“ Er zwinkerte verschwörerisch.

Die verdiente Reaktion erfolgte umgehend. Sie rutschte rückwärts, geriet gefährlich nahe an die Uferböschung.

„Passen Sie auf, Mädchen. Oder wollen Sie noch einmal ins Wasser fallen?“

Sie musterte ihn gründlich, dann schien sie zu einer Entscheidung zu gelangen. „Wenn Sie mich umbringen wollten, hätten Sie es wahrscheinlich längst getan. Aber merkwürdig finde ich es schon, dass jemand so viele Waffen mit sich führt.“

„Nicht merkwürdiger, als wenn eine vornehme junge Dame vor Tagesanbruch und bei strömendem Regen ohne Begleitung im Hyde Park herumläuft.“

Ihre Augen weiteten sich erschrocken. „Ach, du meine Güte. Hannah!“

„Hannah?“

„Meine Zofe. Ich wollte nicht, dass sie nass wird, also habe ich sie fortgeschickt … Oje.“

Sie sprang auf, lief los in Richtung einer Baumgruppe am anderen Ende des Sees. Graeme folgte ihr. Tatsächlich entdeckte er eine weitere Person unter den Bäumen – ein junges Mädchen, das auf dem Boden lag.

Die Frau, die er gerettet hatte, ging neben dem Mädchen in die Hocke. „Hannah muss in Ohnmacht gefallen sein, als ich angegriffen wurde.“

„Wie hilfreich.“

„Das arme Ding hat offenbar einen furchtbaren Schock erlitten.“

„Sie sind es, die den Schock erlitten hat. Ihre Zofe hat nicht einmal geschrien, geschweige denn versucht zu helfen.“

Die Frau tätschelte dem Mädchen die Wange. „Eine Enttäuschung, in der Tat, aber Hannah ist erst seit ein paar Wochen in London. Sie stammt von einem unserer Anwesen auf dem Lande und findet die Stadt beängstigend.“

„Sie sollten sie einmal gründlich schütteln. Dann kommt sie vielleicht zu sich.“

„Riechsalz haben Sie nicht zufällig bei sich?“

„In der Regel führe ich immer welches mit mir, genau wie meine Pistole, aber heute scheine ich es vergessen zu haben.“

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Es besteht keine Notwendigkeit, sarkastisch zu werden.“

„Wirklich? Da bin ich anderer Meinung.“

Die Situation als absurd zu bezeichnen wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Sie waren nass wie ersoffene Hühner, er hatte sein Zielobjekt aus den Augen verloren und machte sich Sorgen um Tommy. Wenn der Junge unverantwortliche Risiken eingegangen war, würde er es sich nie verzeihen – und Aden würde ihn umbringen und für alle Ewigkeit mit ihm fertig sein.

„Ich habe immer Riechsalz dabei, aber es war in meinem Retikül“, sagte sie in seine Gedanken hinein.

„Vielleicht wird es dem Dieb gute Dienste tun“, erwiderte Graeme bissig.

„Anstatt solche wenig hilfreichen Kommentare abzugeben, sollten Sie vielleicht etwas Nützliches tun.“

„Wie zum Beispiel?“

„So nass, wie Sie sind, könnten Sie Hannahs Gesicht beträufeln. Vielleicht würde das helfen.“

Als er zu lachen anfing, bogen sich ihre Lippen nach oben. „Ich bin schon wieder unhöflich, nicht wahr?“

„Ich kann es Ihnen nicht verdenken.“ Mit dem Kinn deutete er auf das ohnmächtige Mädchen. „Aber sie scheint zu sich zu kommen.“

Hannah stöhnte, dann flatterten ihre Lider, und sie schlug die Augen auf.

„Oh, Mylady“, flüsterte sie schwach. „Ich dachte schon, Sie wären tot.“

Aha. Nicht einfach nur vornehm. Die durchweichte Schöne war eine Adelige.

„Mir geht es gut, aber ich bin nass bis auf die Haut“, beruhigte die Zofe sie. „Kannst du dich aufsetzen?“

Als Graeme die Hand ausstreckte, um ihr aufzuhelfen, schrie das Mädchen auf. „Da ist er, Mylady. Er wird uns beide umbringen!“

„Hannah, dieser Gentleman hat mich vor dem Angreifer gerettet.“

„Bitte, versuch dich aufzusetzen.“

Graeme und sie stützten die Zofe und halfen ihr, sich gegen den Baumstamm zu lehnen.

„Sind Sie sicher, dass er uns nichts tut, Mylady?“ Ängstlich spähte Hannah zu Graeme hoch. „Ich finde, er sieht zwielichtig aus.“

„Ihn als zwielichtig zu bezeichnen wird ihn nicht für uns einnehmen.“

„Wer ist er denn?“, fragte die Zofe flüsternd.

Ihre Herrin warf einen flüchtigen Blick über die Schulter und hob eine Braue.

Graeme vollführte eine Verbeugung. „Graeme Kendrick, zu Diensten.“

Die Zofe musterte ihn misstrauisch. „Ihr Name sagt uns nicht, ob Sie anständig sind oder nicht.“

„Er ist absolut harmlos, Hannah.“ Die junge Adlige lächelte leicht. „Ich kann es dir versichern.“

Unerklärlicherweise war Graeme verärgert über die Beschreibung.

„Viel wichtiger ist“, fuhr sie stirnrunzelnd fort, „dass wir nach Hause kommen, ohne dass man uns sieht.“

„Aber inzwischen dürfte die gesamte Dienerschaft auf den Beinen sein“, wandte die Zofe beunruhigt ein, „und Sie sehen aus wie aus dem Wasser gezogen.“ Die Zofe schnitt eine Grimasse. „Entschuldigung. Aber ich wusste ja, dass es keine gute Idee ist, sich davonzuschleichen und Seine Lordschaft zu treffen wie …“

„Darüber reden wir später“, fiel ihre Dienstherrin ihr hastig ins Wort. „Abgesehen davon nützt es nichts, zu klagen.“

„Dürfte ich einen Vorschlag machen? Lady …“ Graeme ließ das Wort vielsagend in der Luft hängen.

Kurz presste die junge Dame die Lippen zusammen. „Meinen Namen möchte ich Ihnen lieber nicht nennen.“

Verständlich unter den Umständen. Geheime Treffen zwischen Angehörigen verschiedenen Geschlechts nahmen selten ein gutes Ende, wie er aus eigener schmerzlicher Erfahrung wusste.

„Ist Ihnen Lady Vivien St. George bekannt?“

Augenblicklich hellten sich ihre Züge auf. „Aber ja doch. Sie kennen sie?“

„Sehr gut sogar. Und ihren Gatten ebenfalls. Das Stadthaus der beiden liegt nicht weit vom Hyde Park entfernt, wie Sie wahrscheinlich wissen. Sie könnten sich dort aufwärmen, und vielleicht findet Vivien etwas Passendes zum Anziehen für Sie. Das würde es Ihnen leichter machen, wenn Sie nach Hause zurückkehren.“

„Eine ausgezeichnete Idee, Sir.“ Sie nickte anerkennend.

„Um Himmels willen, Miss, wollen Sie wirklich mit ihm gehen?“ Hannah klang alarmiert.

„Mr. Kendrick hat sich als vertrauenswürdig erwiesen“, erwiderte ihre Dienstherrin knapp. „Abgesehen davon muss ich aus diesen Kleidern heraus, sonst verwandele ich mich in einen Eisblock.“

Ein plötzliches, ganz und gar unerwünschtes Bild erschien vor Graemes innerem Auge. Er, wie er sie von ihren Kleidern befreite, ihren Körper mit seinem wärmte.

Seinem nackten Körper, natürlich. Aber so funktionierte nun einmal sein Gehirn.

„Und wie wollen Sie erklären, wo Sie waren?“, gab Hannah ängstlich zu bedenken.

„Du wirst allen sagen, dass ich mit Migräne zu Bett liege und dass du zur Apotheke gegangen bist, um mir Kopfschmerzpulver zu holen.“

„Aber Lady Sabrina, Sie haben doch nie Migräne!“

Dass sie zusammenzuckte, als die Zofe ihren Namen sagte, war Graeme nicht entgangen. Er fing an, sein Gedächtnis zu durchforsten, wo er ihn unterbringen konnte.

„Jetzt habe ich eine“, murmelte sie resigniert.

„Da es aufgehört hat zu regnen, würde ich vorschlagen, Sie machen sich auf den Weg, Hannah“, schaltete Graeme sich ein, „Ich kümmere mich um Ihre Herrin.“

„Aber …“

„Bitte tu, was er sagt, Hannah.“ Lady Sabrinas Stimme klang fest.

„Aber wie kommen Sie ins Haus?“

„Ich überlege mir etwas. Du musst nur behalten, was ich dir gesagt habe.“

Hannah blickte zweifelnd drein. „Nun, wenn Sie meinen.“

„Ja.“ Mit dem Finger wies Lady Sabrina in Richtung des Stanhope-Tors. „Jetzt, bitte.“

Die Zofe warf Graeme einen letzten misstrauischen Blick zu, machte einen Knicks und eilte davon.

„Können Sie sich darauf verlassen, dass sie tut, was Sie ihr befohlen haben?“ Graeme führte Lady Sabrina zu dem Kleiderhaufen am Ufer.

„Ich hoffe es, sonst habe ich ein handfestes Problem. Mein Vater würde einen Anfall bekommen, wenn er wüsste, was ich getan habe.“

„Sich davonstehlen, um sich mit unbekannten Männern zu treffen, findet selten elterlichen Beifall. Merkwürdigerweise.“

Sie schnaubte ungeduldig. „Der Gentleman ist mir nicht unbekannt. Und er ist absolut respektabel.“

„Nicht, wenn er sich vor Tagesanbruch mit jungen Damen trifft.“

„Unsinn. Im Hyde Park gehen unzählige Paare spazieren.“

Nun war es an Graeme zu schnauben. „So früh? Wenn es regnet? Netter Versuch, Mädchen.“

„Ich war in Begleitung, das haben Sie doch gesehen.“

„Aye. In Begleitung der zuverlässigen Hannah.“

Lady Sabrina murmelte etwas, das er nicht verstand. Er bückte sich, wickelte ihren Umhang und den Hut zu einem ordentlichen Bündel zusammen und steckte die Schlagringe in seine Westentasche.

„Müssen Sie diese Dinger oft einsetzen?“, fragte sie interessiert.

„Nur wenn ich Bälle in Mayfair besuche. Mörderische Angelegenheiten, wie man weiß.“

Die Bemerkung entlockte ihr ein zögerndes Lächeln. „Nach der heutigen Erfahrung überlege ich, ob ich mir auch welche anschaffe. Vielleicht können Sie mich beraten.“

„Für gewöhnlich erhält man sie nicht in Damengrößen.“

Sie schob sich eine wirre Haarsträhne aus der Stirn. Sie hatte üppiges Haar, wie Graeme auffiel, dickes, schweres, welliges Haar. Wenn es trocken war, so nahm er an, würde es leuchten wie heller Weizen an einem Sommertag.

„Dabei könnten Damen sie gebrauchen, öfter, als Sie für möglich halten“, erklärte sie ernst.

Das bezweifelte Graeme nicht im Geringsten. Von den Frauen in seiner Familie hatten sich einige unter äußerst ungünstigen Umständen verteidigen müssen.

Er umfasste Lady Sabrinas Ellbogen und schlug ein forsches Tempo an. Nun, da der Regen nachließ, würde es bald voller werden im Park. Tatsächlich bog in einiger Entfernung vor ihnen jemand auf den Kiesweg ein und trottete …

Tommy.

„Endlich“, murmelte Graeme erleichtert.

„Jemand, den Sie kennen?“

„Aye, er ist ein guter Junge. Wir arbeiten zusammen.“

Sie maß ihn mit einem neugierigen Blick. „Mr. Kendrick, womit genau beschäftigen Sie sich? Abgesehen davon, dass Sie Jungfern in Nöten beistehen?“

„Was in der Tat eine meiner vorschriftsmäßigen Pflichten ist.“

Graeme blieb eine ausführlichere Antwort erspart, denn Tommy hatte sie erreicht.

„Alles in Ordnung, Meister? Ist die Miss verletzt?“

„Alles in Ordnung.“ Graeme wechselte das Thema. „Was ist passiert?“

Tommy verzog den Mund. „Ich hatte den Nichtsnutz auf der Curzon Street eingeholt, aber kurz hinter der Regent Street ist er mir abgehauen.“

Verdammter Mist.

„Du kannst mir später zeigen, wo genau du seine Spur verloren hast. Vielleicht fällt mir dann etwas ein.“

„Machen Sie sich meinetwegen bitte keine Umstände“, meldete Lady Sabrina sich zu Wort. „Ich bin sicher, er war ein ganz gewöhnlicher Taschendieb.“

Tommy warf ihm einen raschen Blick zu, und Graeme schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Wie Sie wünschen“, antwortete er freundlich. „Tommy, könntest du vorauslaufen und uns eine Droschke besorgen? Ich bringe die Dame zum Haus des Captain. Sie und Lady Vivien St. George sind befreundet.“

„Echt? Aber Damen treiben sich doch eigentlich nicht allein im Park herum, und schon gar nicht so früh am Tag“, erwiderte der Junge mit der fatalen Ehrlichkeit, die ihm eigen war.

Lady Sabrina wirkte pikiert, und Graeme knuffte ihn gegen die Schulter. „Sei nicht so vorlaut, Bürschchen.“

Tommy seufzte dramatisch. „Ich wollte Sie nicht beleidigen, Miss. Übrigens heiße ich Tommy. Und ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits, Tommy.“

„Ich heiße …“

Als sie zögerte, beendete Graeme den Satz für sie. „Lady Sabrina Bell.“

Sie bedachte ihn mit einem verblüfften Blick. „Woher wissen Sie das?“

Graeme führte sie in Richtung Knightsbridge, und Tommy lief voraus. „Sie werden merken, Mylady, dass ich ziemlich viel weiß.“

Ihr Schweigen legte nahe, dass sie von seiner Antwort nicht sonderlich begeistert war.

2. KAPITEL

Sabrina machte selten etwas falsch im Umgang mit Gentlemen, aber der verdammte Marquess hatte sich als totaler Fehlgriff entpuppt. Nun musste sie hoffen, dass Mr. Kendrick sie vor den Folgen ihres Irrtums schützen konnte.

„Geschieht dir ganz recht“, murmelte sie vor sich hin. Sie hatte ihrem Spürsinn nicht vertraut bei der Verabredung an diesem Morgen.

Dass sie Opfer eines Beutelschneiders geworden war, konnte man ihr nicht zum Vorwurf machen. Und welcher halbwegs zurechnungsfähige Mensch würde jemanden in den Serpentine schubsen?

Kendrick sah sie an. „Was sagten Sie?“

Selbst im Sitzen überragte er sie und quetschte sie zudem in die Ecke der Mietkutsche. Es schien eine Eigenart der Schotten zu sein, dass sie ein wenig rau waren, was man vielleicht der Wirkung der sauberen Hochlandluft zuschreiben konnte.

„Nichts Wichtiges, Sir.“

Sie versuchte ein Stück wegzurutschen, doch es war kein Zoll Abstand zwischen sie zu bringen. Und so nass, wie sie beide waren, und mit Kendricks hirschledernen Breeches, die ihm an den muskulösen Schenkeln klebten und an … nun, einem gewissen anderen Körperteil, lagen Sabrinas Nerven blank.

Verdammt sollte er sein, der vermaledeite Marquess. Es war unglaublich enttäuschend, dass Seine Lordschaft sich als so unzuverlässig erwiesen hatte.

Andererseits enttäuschten die Männer sie immer.

„Wir sind beide tropfnass, und das ist kein Spaß“, sagte Kendrick in ihre Gedanken hinein. „Ich habe dem Kutscher eine halbe Guinea zahlen müssen, damit er uns in seinem verdammten Hackney mitnimmt.“

„Gestatten Sie mir, für die Kutschfahrt aufzukommen, Sir.“

Er ließ ein unfassbar charmantes Grinsen aufblitzen, ein Grinsen, bei dem empfängliche Frauen vermutlich reihenweise in Ohnmacht fielen. Gott sei Dank war sie derlei männlichen Reizen gegenüber unempfindlich.

Im Großen und Ganzen.

„Ich bitte Sie, machen Sie sich nicht die Mühe, Mylady. Ich kann es mir leisten.“

Er hatte eine aufregende Stimme, eine Art heiseres Schnurren mit einem Schuss Mundart. Seine Augen waren von einem ungewöhnlichen kräftigen Grün, und sein wie gemeißelt wirkender Kiefer und der feste Mund schienen eher zu einem mürrischen Ausdruck zu neigen denn zu einem Lächeln.

Aber wenn er lächelte, setzte ihr Herz einen Schlag aus, was sie einigermaßen ärgerlich fand.

Soweit sie es bei der Nässe beurteilen konnte, war sein Haar dunkelrot, und auf seinen hageren Wangen zeigten sich Bartstoppeln. Er erschien ihr wie eine merkwürdige Mischung aus wild und kultiviert, und es war der wilde Teil, der sie anfangs in Panik versetzt hatte.

Dass er auch gütig und ein Gentleman war, stand außer Zweifel. Aber welche Sorte Gentleman? Sabrina hatte einen geschärften Sinn für gesellschaftliche Unterschiede. Nicht dass sie den Charakter eines Menschen daran maß, aber derartige Unterschiede zu erkennen erleichterte es, angemessen auf jemanden zu reagieren.

Dass dies eine Situation war, die sie vorher noch nie erlebt hatte, verstand sich von selbst.

„Ist Ihnen kalt?“, fragte er besorgt.

Die raue Note in seiner Stimme sandte ihr einen prickelnden Schauer über die Haut. Den sie entschlossen ignorierte, genau wie die Erinnerung an seinen Blick auf ihre Brüste, als sie im Wasser gestanden hatten. Es war ein anerkennender Blick gewesen, und sie hatte sich gezwungen gesehen, ihr Missfallen kundzutun.

„Ehrlich gesagt, nein. Ihr Mantel ist warm und behaglich.“

Besonders nachdem sie das Messer aus der verborgenen Innentasche genommen hatte, die ihr erst beim Platznehmen in der Kutsche aufgefallen war. Gott sei Dank steckte die Klinge in einem festen Futteral.

Obwohl sie ziemlich sicher war, dass sie es bei Mr. Kendrick nicht mit einem Kriminellen zu tun hatte, fragte Sabrina sich doch, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente.

Es geht dich nichts an.

„Aber Ihnen muss kalt sein“, fügte sie stirnrunzelnd hinzu.

Er schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Aber wie auch immer, wir sind gleich da.“

„Wahrscheinlich wären wir früher da gewesen, wenn wir zu Fuß gegangen wären.“

Die Kutsche hielt vor einem Stadthaus in der Nähe des Cadogan Square, das nicht weit vom Hyde Park entfernt lag, aber wegen des Regens hatte die Fahrt länger gedauert.

Kendrick lachte in sich hinein. „Ja, und sicher wäre Lord Musgrave hellauf begeistert, von unserem Stadtspaziergang zu erfahren, zumal wir aussehen wie die Schmutzfinken. Hoffen wir, dass Ihre Zofe zuverlässig ist.“

Lady Sabrina zuckte zusammen. Wenn ihr Vater jemals von ihrem Ausflug erfuhr, sah es finster für sie aus. „Sollte Hannah die Sache verderben, sage ich einfach, dass ich frische Luft gebraucht und einen Spaziergang gemacht habe.“

„Ja, nichts tut so gut wie ein Marsch durch den strömenden Regen, sage ich immer.“

„Ein Problem nach dem anderen, Mr. Kendrick.“ Sabrina schlug einen festen Ton an. „Und im Augenblick will ich nur diese nassen Kleider loswerden.“

Er sah sie ausdruckslos an, dann rutschte er unbehaglich auf dem Sitz hin und her. Aber er war nicht der Einzige, der sich eingeengt fühlte.

„Ich habe den Fahrer angewiesen, uns in den Stallhof zu fahren.“ Seine Stimme klang merkwürdig angespannt. „Wir nehmen den Eingang der Küche, damit man uns nicht sieht.“

„Wir werden dennoch einige Überraschung hervorrufen, wenn wir in diesem Aufzug auftauchen.“

„Keine Sorge, Mädchen. Tommy ist vorausgelaufen, um St. George zu warnen.“ Kendrick verzog das Gesicht. „Tut mir leid, ich sollte Sie Lady Sabrina nennen. Ich bin viel zu salopp.“

Es mochte unpassend sein, doch Sabrina gefiel es, wenn er sie Mädchen nannte. „Sie müssen zugeben, dass wir uns unter höchst informellen Umständen kennengelernt haben.“

„So kann man es auch sehen.“

Plötzlich klang er wieder grimmig. Und Sabrina hatte erneut das Gefühl, dass da etwas war, das ihn über die Maßen ärgerte – nicht sie als Person, auch nicht die leidige Begebenheit im Park. Es war offensichtlich, dass er nicht einfach einen Morgenspaziergang unternommen hatte. Es gab einen Grund, weswegen er im Park gewesen war, und ihr Sturz in den Serpentine hatte ihn vom Kurs abgebracht.

Aber etwas anderes, als sich zu entschuldigen, konnte sie nicht tun, und entschuldigt hatte sie sich bereits. Im Augenblick war es ihr vorrangiges Ziel, zu verhindern, dass ihr Leben durch einen Skandal zerstört wurde; einen Skandal, den sie obendrein selbst verursacht hatte. Denn auch wenn der Marquess gut aussah und Charme hatte – so viel Ärger war er nicht wert. Und davon abgesehen, welcher Mann überhaupt?

Die Mietdroschke nahm eine scharfe Kurve, und sie landete halb auf Kendricks Schoß. Abermals wurde sie sich überdeutlich seiner muskulösen Schenkel und seines beeindruckenden Körpers bewusst – auf eine Weise, die sie ganz durcheinanderbrachte. Zumal die Vorderseite seiner nassen Breeches genau erkennen ließ …

Sabrina richtete sich auf. „Verzeihung.“

„Wir sind da“, sagte er brüsk.

Er stieß den Schlag auf und sprang hinaus, ehe die Kutsche zum Stehen kam.

Sabrina versuchte der Hitze, die ihr in die Wangen stieg, keine Beachtung zu schenken, nahm seine dargebotene Hand und kletterte mit so viel Würde, wie sie nur aufzubringen vermochte, den Klapptritt hinunter.

„Ihr Gesicht ist ganz rot.“ Kendrick runzelte die Stirn. „Ich hoffe, Sie haben sich keine Erkältung geholt.“

Sie hätte sich krümmen mögen vor Verlegenheit. „Ganz sicher nicht. Ich werde so gut wie nie krank.“

Eine unbehagliche Pause entstand.

„Nun, das ist großartig“, erwiderte er lahm.

Dieser Tag musste der peinlichste ihres ganzen Lebens sein, und dabei war es noch nicht einmal neun.

Kendrick schob sie zu einem massiven Eisentor in der Gartenmauer, holte einen Schlüssel aus seiner Westentasche und schloss auf. Dann bedeutete er ihr einzutreten und schloss hinter ihnen ab. Seine Vorsicht erschien ihr übertrieben, doch was noch wichtiger war – weshalb besaß er einen Schlüssel zum Grundstück von St. George?

Sie folgten einem Kiesweg durch eine hübsche kleine Anlage. In einer Ecke entdeckte Sabrina einen gepflegten Kräutergarten, der Rest bestand aus Rosenbeeten, in deren Mitte ein schmiedeeiserner Pavillon stand. Selbst im Regen wirkte er wie ein charmanter Rückzugsort und sehr viel einladender als der im italienischen Stil gehaltene Figurengarten von Musgrave House.

Der Weg führte zu einem modern wirkenden Backsteinhaus. Die St. Georges waren kurz nach ihrer Hochzeit an den Cadogan Square gezogen und lebten ruhig und zurückgezogen. Vor ihrer Ehe war Lady St. George eine allseits beliebte Schönheit gewesen, ein lebhafter, charmanter Schmetterling des ton, und es fiel Sabrina immer noch schwer, die Veränderung ihrer Freundin nachzuvollziehen.

„Da seid ihr ja“, begrüßte Vivien sie persönlich, als sie in die niedrige, herrlich warme Küche traten.

Weder sie in ihrem frivolen Negligé und ebenso frivoler Nachthaube noch die Köchin oder die Spülmagd, noch der geschäftig herumeilende Lakai schienen sonderlich überrascht von der Ankunft der tropfnassen, dreckverkrusteten Gäste zu sein, die eine Schmutzspur auf dem sauberen Steinfußboden hinterließen.

Ohne Sabrinas jammervolles Erscheinungsbild zu beachten, drückte Vivien die Freundin an sich. Dann drehte sie sich zu einem adrett gekleideten Mann in mittleren Jahren um, der aus der Vorratskammer kam und einen Stapel sauberer Handbücher trug. „Wunderbar, Simpson, danke.“

Sie nahm Sabrina den nassen Umhang ab und gab ihr ein herrlich flauschiges Handtuch. Dann wandte sie sich zu Kendrick um.

„Graeme, ich hoffe, du bist nicht schuld an Lady Sabrinas Zustand. Wenn doch, wäre ich sehr verstimmt.“

Kendrick, der sich ein Handtuch genommen hatte und sein Haar trocken rieb, warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Ich bin derjenige, der ihren hübschen Hintern aus dem Serpentine gezogen hat. Sie säße ganz schön in der Bredouille, wenn ich sie nicht gerettet hätte.“

„Ich wäre sehr gut allein klargekommen“, erklärte Sabrina ein wenig schmallippig, sobald sie sich von dem Schreck über seine unverblümte Wortwahl erholt hatte. „Das Wasser reichte mir nicht einmal bis über den Kopf.“

„Ja sicher, und anschließend wären Sie quer durch Mayfair nach Hause geschlendert. Nicht zu erwähnen Ihre nutzlose Zofe.“

„Was ist mit der Zofe?“, fragte Vivien streng.

„Sie fiel in Ohnmacht, als der Taschendieb mich ins Wasser stieß“, antwortete Sabrina kleinlaut.

Vivien schüttelte den Kopf. „Nicht sehr hilfreich von ihr. Vielleicht solltest du dir eine neue Zofe suchen, meine Liebe.“

Sabrina blinzelte. Die entspannte Reaktion ihrer Freundin auf die morgendlichen Ereignisse erstaunte sie. „Nun, also …“

Doch Vivien hatte sich schon zu Kendrick umgedreht und sprach ihn an. „Und was hast du unternommen, während sie ins Wasser gestoßen wurde und ihre Zofe in Ohnmacht fiel? Aden wird nicht sehr begeistert sein, wenn er hört, dass du es nicht verhindert hast, Graeme.“

„Das wäre ja mal etwas Neues“, entgegnete Graeme ironisch. „Tatsache ist, dass ich zu weit weg war, um zu verhindern, dass das törichte Mädchen ausgeraubt wird. Oder glaubst du etwa, das hätte ich nicht getan?“

Töricht? Sabrina runzelte die Stirn. Sie war niemals töricht.

Doch, diesen Morgen schon.

„Ich war schlicht und ergreifend damit beschäftigt, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, als dieser schreckliche Kerl beschloss, mich zu berauben.“ Sie hörte selbst, dass sie in einem Tonfall gekränkter Würde sprach.

„Um Ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert?“ Kendrick schüttelte den Kopf. „Was hat eine vernünftige junge Dame morgens um diese Zeit im Park verloren?“

Vivien rümpfte die Nase. „In dem Punkt muss ich Graeme recht geben, meine Liebe. Anständige Menschen pflegen nicht vor Mittag spazieren zu gehen, und ganz bestimmt nicht in einem Platzregen.“

Sabrinas Wangen röteten sich erneut. Dies war keine Unterhaltung, die sie in Anwesenheit der Diener führen wollte, obwohl sie der Fairness halber sagen musste, dass keiner der Bediensteten auch nur das geringste Interesse zeigte. Simpson stand mit gottergebener Miene da, als erlebte er regelmäßig Situationen wie diese.

„Vivien, ich muss die nassen Kleider ausziehen“, wechselte sie entschlossen das Thema. „Können wir später weiterreden?“

Augenblicklich war ihre Freundin abgelenkt. „Meine Güte, wie unhöflich von uns, euch in diesem Zustand hier stehen zu lassen. Die Köchin ist wahrscheinlich außer sich, weil Graeme ihre Küche schmutzig macht.“

„Gar nicht wahr“, protestierte Kendrick entrüstet.

„Du tropfst“, widersprach Vivien nüchtern. „Und Tropfen auf dem Fußboden kann Evans nicht ausstehen.“

Die Köchin, eine hochgewachsene, schlaksige Frau mit einer Ausstrahlung beeindruckender Tüchtigkeit, war dabei, eine üppige Teemahlzeit zusammenzustellen, von der Sabrina inständig hoffte, dass sie für sie bestimmt war, denn sie war halb verhungert.

„Keine Sorge, Mylady“, meinte Evans mit einem markanten Yorkshire-Akzent und winkte gelassen ab. „Ich habe heißes Wasser nach oben bringen lassen und eine Dienerin beauftragt, Ihrer Ladyschaft zur Hand zu gehen. Das Teetablett kommt dann auch gleich.“

Vivien strahlte. „Sie sind eine Perle, Evans. Was würden wir nur ohne Sie tun?“

„Verhungern wahrscheinlich“, erwiderte die Köchin trocken.

Angesichts des vertraulichen Tonfalls blinzelte Sabrina verwundert. Der Haushalt war eindeutig unkonventionell. Nicht dass es sie überrascht hätte, zumal Vivien schon immer etwas exzentrisch gewesen war. Im Zusammenhang mit ihrer Heirat hatte es einen ziemlichen Skandal gegeben – irgendetwas mit einem russischen Prinzen, den sie für den mysteriösen Aden St. George sitzen gelassen hatte. Sabrina war ein paar Jahre jünger als ihre Freundin und zu der Zeit noch zur Schule gegangen, sodass sie die Einzelheiten der Geschichte nicht kannte.

Vivien nahm sie beim Arm. „Lass uns nach oben gehen und etwas Trockenes und Warmes zum Anziehen für dich heraussuchen.“ Sie bedachte Kendrick mit einem warnenden Blick. „Und wenn du dich umgezogen hast, solltest du Aden Bericht erstatten.“

„Glückspilz, der ich bin.“

„Und was ist mit deiner Zofe passiert?“, wandte Vivien sich wieder an Sabrina. „Sicher hast du sie doch nicht im Park liegen lassen?“

Kendrick blickte betont zur Decke, als würde er um Geduld bitten. „Wir haben sie nach Hause geschickt und sie angewiesen, allen zu sagen, dass Lady Sabrina im Bett bleibt, weil sie Migräne hat.“

„Sehr geistesgegenwärtig von euch.“ Vivien nickte anerkennend.

Graeme zuckte mit den Schultern. „Es war Lady Sabrinas Idee.“

Vivien ließ ein dezentes Schnauben hören, dann zog sie die Freundin mit sich aus der Küche.

Bereits in der Tür, sah Sabrina kurz über die Schulter und lächelte Kendrick entschuldigend zu.

Wieder zuckte Graeme mit den Schultern, dann fuhr er fort, sich das Haar trocken zu reiben. Es hatte einen wunderschönen rostroten Ton, so lebendig wie Herbstlaub.

Sabrina folgte Vivien die Treppe hinauf. „Ich habe eine Dankesschuld bei Mr. Kendrick“, erklärte sie der Freundin ernst. „Dafür, dass er mir unter sehr ungünstigen Umständen zu Hilfe kam.“

„Graeme weiß, dass ich ihn auf den Arm nehme. Jedenfalls meistens. Er kann ganz schön rücksichtslos sein, und ein gelegentlicher Tadel tut ihm eher gut.“

„Ich hätte dich nie für manipulativ gehalten, Vivien, aber du scheinst ganz gut darin zu sein.“

„Nicht so gut wie du, meine Liebe. Deine Fähigkeit, Gentlemen aller Art zu manipulieren, ist legendär.“

Sabrina seufzte. „Heute Morgen ist es mir nicht ganz so gut gelungen.“

„Aha, dann hattest du also tatsächlich eine Verabredung.“

„Weshalb sonst sollte ich mich bei strömendem Regen im Hyde Park aufhalten?“

Vivien führte sie durch den Korridor im oberen Stockwerk. „Sobald du dich aufgewärmt und etwas Trockenes angezogen hast, kannst du mir alles erzählen.“

„Und am besten beeile ich mich. Wenn ich nicht nach Hause …“

„Graeme und Aden werden sich eine plausible Geschichte ausdenken. Darin sind sie ziemlich gut.“

Die Standuhr am Kopfende des Korridors schlug die volle Stunde.

„Verflixt.“ Sabrina biss sich auf die Unterlippe. „Schon acht!“

Vivien legte den Kopf schräg. „Ja, die Kinder sind inzwischen sicher auch munter.“ Sie lächelte.

„Es tut mir furchtbar leid, dass ich euch wegen etwas so Törichtem so früh am Morgen gestört habe.“

„Unsinn. Aden und ich sind Frühaufsteher. Meistens ist mein Mann schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen.“ Ihr Lächeln bekam etwas Durchtriebenes. „Ich auch.“

Sabrina musste lachen, und Vivien öffnete die Tür zu einem behaglichen Schlafgemach. Es war in Beige und Schlüsselblumengelb gehalten und mit modernen Polstermöbeln ausgestattet, auf denen sich Berge von Kissen mit zauberhaftem Blumenmuster türmten.

Noch schöner war das prasselnde Feuer im Kamin und die Schüssel mit heißem Wasser auf dem Waschstand. Eine Zofe eilte geschäftig hin und her, breitete einen Flanellmorgenrock und frische Unterwäsche auf dem Bett aus. Sabrina schlüpfte hinter den Wandschirm, um sich ihrer klammen Kleidung zu entledigen, und hörte, wie das Teetablett gebracht wurde. Einen Augenblick später entließ Vivien die Bedienstete.

In den Morgenrock gehüllt, trat Sabrina hinter dem Wandschirm hervor. Auf dem kleinen Tisch vor dem Kamin stand eine dampfende Tasse, daneben eine Schale mit Gebäck.

„Wasch dir die Hände und das Gesicht, dann kämme ich dir die Haare“, schlug Vivien vor. „Du siehst aus, als hätte man dich durch eine Dornenhecke geschleift.“

Sabrina wusch sich flüchtig, dann sank sie dankbar in den Sessel. „Du brauchst mich nicht zu bedienen, Vivien. Ich bin sicher, du hast Besseres zu tun.“

„Unsinn. Und davon abgesehen sterbe ich vor Neugier. Erzähl mir alles, meine Liebe.“

Sabrina trank einen Schluck Tee. „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

„Ich werde kein Sterbenswörtchen weitererzählen, ich verspreche es.“

„Ich glaube dir, aber dafür ist es zu spät. Eure Diener haben mich gesehen.“

Vivien griff nach einem silbernen Kamm und begann vorsichtig, Sabrinas Locken zu entwirren. „Unsere Dienerschaft tratscht nicht. Aden würde es nicht dulden.“

„Aber …“

„Die Pflichten meines Mannes bei Hofe verlangen äußerste Diskretion innerhalb dieses Haushalts. Es wird kein Gerede über deinen Besuch heute Morgen geben.“

„Auch nicht von Mr. Kendrick? Oder Tommy?“

„Tommy ist absolut zuverlässig und Graeme auch.“

„Hattest du nicht gesagt, dass er rücksichtslos ist?“

„Nicht, wenn es um den guten Ruf einer Dame geht.“

Sie schwiegen eine Weile, während Sabrina sich an dem Gebäck bediente und Vivien sich einer besonders widerspenstigen Haarsträhne widmete.

„Und mit wem hast du dich nun im Park getroffen?“, fragte sie schließlich nach.

„Zuerst musst du mir etwas von Mr. Kendrick erzählen“, entgegnete Sabrina fest. „Er wirkt auf mich wie ein Gentleman, obwohl er ziemlich schroff ist. Sehe ich es richtig, dass er für deinen Ehemann arbeitet?“

Vivien lachte. „Ein vorbildliches Ausweichmanöver, meine Liebe.“

Sabrina seufzte. „Ich würde gern mehr über ihn wissen, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass mein dummer Unfall mehr als eine gewöhnliche Unannehmlichkeit für ihn war.“

Vivien hielt mitten in der Bewegung inne. „Wovon redest du?“

„Er schien äußerst … nun, missmutig zu sein. Als hätte er eine wichtige Aufgabe unterbrechen müssen.“

„Eine diskrete Verabredung im Park vielleicht?“

Sabrina drehte sich um und sah sie an. „Du glaubst, er wollte eine Frau treffen? Er hat nichts dergleichen angedeutet.“

Es zuckte um Viviens Mundwinkel. „Du kennst Graeme Kendrick nicht.“

Sabrina versuchte, nicht allzu finster dreinzuschauen, als sie sich wieder umdrehte. „Er scheint mir nicht der Typ zu sein, der sich …“

Verflixt. Eine diskrete Verabredung. Genau wie sie.

„Wie ich schon sagte, Graeme kann rücksichtslos sein, aber er ist ein Gentleman“, wiederholte Vivien ruhig.

„Genau wie der Mann, den ich treffen wollte. Ein reicher Aristokrat, um genau zu sein.“

Vivien kam um den Sessel herum und setzte sich Sabrina gegenüber. „Und wieso unternimmt dieser Aristokrat keinen schicklichen Spaziergang zu einer schicklichen Zeit mit dir?“

„Du weißt, wie schwierig es ist, sich anständig mit einem Mann zu unterhalten. Alle beobachten einen ständig.“

„Dafür gibt es Gründe, meine Liebe.“

„Ich bin kein Backfisch mehr, Vivien. Ich führe meinem Vater seit Jahren den Haushalt.“

Vivien streckte ihre Füße, die in verspielten, federbesetzten Schühchen steckten, näher zum Feuer hin. „Warum lädst du ihn nicht nach Musgrave House ein und machst einen Spaziergang im Garten mit ihm? Ich bin sicher, ihr findet eine private Ecke, in der ihr plaudern könnt.“

Sabrina winkte ungeduldig ab. „Vater würde es nicht wollen. Er regt sich furchtbar auf, wenn es um potenzielle Bewerber geht.“

„Dein lieber Papa hat Angst, dass du heiratest und ihn verlässt.“

„Ehrlich gesagt, bin ich auch nicht erpicht aufs Heiraten. Der Mann, der mich dazu bringen könnte, müsste mir erst noch über den Weg laufen.“ Sie winkte ab. „Eher im Gegenteil.“

„Nur weil du dem Richtigen noch nicht begegnet bist.“

„Sie können eben nicht alle sein wie Captain St. George. Er ist der Inbegriff von umwerfend.“

Ein glücklicher Seufzer entschlüpfte Vivien. „Das stimmt. Aber was ist mit Graeme? Er entspricht ganz bestimmt nicht dem durchschnittlichen Gentleman des ton. Vor allem, weil er ein Highlander ist.“ Sie wedelte mit der Hand. „Allein die Mundart. Einfach entzückend.“

„Vivien St. George, du bist eine verheiratete Frau und Mutter!“

„Eine sehr glücklich verheiratete Frau obendrein, doch das bedeutet nur, dass ich einen guten Blick habe für den richtigen Typ Mann.“

„Das kannst du nicht ernst meinen. Mr. Kendrick ist außerordentlich …“

Attraktiv.

„… diktatorisch“, beendete sie den Satz.

„Er ist ein Mann, Sabrina. Und eine kluge Frau gibt so etwas umgehend zurück. Ich bin sicher, du kämst sehr gut mit Graeme Kendrick zurecht.“

„Ich habe den Mann doch gerade erst kennengelernt“, protestierte Sabrina. „Während ich eigentlich mit einem anderen Mann verabredet war, wie ich hinzufügen möchte.“

„Der jedoch nicht zu erscheinen geruhte.“

Sabrina nahm Vivien den Kamm aus der Hand und fing an, die verbliebenen Strähnen zu bearbeiten. „Diese Unterhaltung ist absolut lächerlich. Abgesehen davon würde mein Vater einen einfachen Mister nicht akzeptieren, erst recht keinen schottischen. Er akzeptiert ja nicht einmal einen Adeligen mit einem riesigen Anwesen.“

„Und das, obwohl deine Mutter Schottin war und du einen Steinwurf von der Grenze entfernt geboren wurdest? Wie kann es sein, dass Lord Musgrave Schottland ablehnt?“

„Wir wohnten auf unserem Anwesen in Northumberland, als Mama krank wurde. Mein Vater ist überzeugt, dass sie noch leben würde, wenn wir in London geblieben wären, wo sich die besten Ärzte um sie hätten kümmern können.“

Eine ansteckende Krankheit hatte ihre Mutter in weniger als einer Woche dahingerafft, als Sabrina noch keine drei Jahre alt gewesen war. Lord Musgrave zufolge hatte seine arme Gattin stets unter einer anfälligen Gesundheit gelitten, und es war eher unwahrscheinlich, dass irgendein Arzt sie hätte retten können.

Mitgefühl stand in Viviens blauen Augen. „Es tut mir so leid, meine Liebe.“

Sabrina hob die Schultern. Es fühlte sich immer merkwürdig an, wenn sie von ihrer Mutter sprach. Vielleicht, weil sie so wenige Erinnerungen an sie hatte.

„Danke. Ihr Tod traf Vater ins Mark. Seither hasst er Schottland, besonders den Norden. Und er würde einen Anfall bekommen, wenn ich auch nur in Erwägung zöge, einen gewöhnlichen Bürgerlichen aus Schottland zu heiraten.“

„An Graeme Kendrick ist nichts gewöhnlich. Er ist der Bruder des Earl of Arnprior, was bedeutet, dass er der Schwager …“

Um ein Haar hätte Sabrina den Kamm fallen lassen. „Nein!“

„Jawohl. Der Schwager von Victoria Kendrick, Lady Arnprior. Der außerehelichen Tochter des Königs.“

„Lady Arnprior ist die Halbschwester deines Ehemannes.“

Es war eines der bestgehüteten Geheimnisse des ton, dass Aden St. George ein leiblicher Sohn König George IV. war. Die Sache mit Lady Arnprior hatte Sabrina vollkommen vergessen – wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass der König und seine Brüder eine schockierende Anzahl Kinder außerhalb ihrer Ehen gezeugt hatten.

„Was bedeutet, dass Graeme ebenfalls Teil unserer Familie ist.“ Vivien lächelte schief. „Obwohl es einigermaßen kompliziert wird, wenn man derartige Beziehungen nicht öffentlich zugeben darf.“

Die Stutzuhr auf dem Kaminsims schlug die Viertelstunde, und Sabrina verzog das Gesicht.

„Ich wünsche Mr. Kendrick alles Gute, und ich bin ihm dankbar.“ Sie erhob sich. „Aber ich muss mich jetzt auf den Weg machen. Wenn du mir deine Kutsche leihen würdest, wäre ich dir sehr verbunden.“

Vivien erhob sich ebenfalls. „Selbstverständlich. Aber willst du mir wirklich nicht sagen, mit wem du im Park verabredet warst?“ Sie zeigte anklagend mit dem Finger auf Sabrina. „Ich finde, du schuldest mir etwas.“

„Erpressung mit anderen Worten.“ Sabrina trat zum Bett und begann sich anzuziehen.

In Viviens Augen funkelte es mutwillig. „Ich bin ziemlich gut darin.“

„Nun, im Grunde ist es egal, weil der Schuft sowieso nicht aufgetaucht ist. Es war der Marquess of Cringlewood.“

3. KAPITEL

Aden St. George griff nach der Karaffe, die in den in die Wand eingelassenen Bücherregalen in seinem Arbeitszimmer stand, und goss einen Brandy ein. „Es ist noch nicht einmal neun Uhr morgens, Graeme, aber ich glaube, den wirst du brauchen.“

„Da ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe, betrachte ich ihn als Betthupferl.“

Graeme hatte einen guten Brandy schätzen gelernt und mochte ihn fast genauso sehr wie einen Whisky aus den Highlands, etwa den, den er in einem Versteck auf dem Land seiner Familie gebrannt hatte. Als Nick dahintergekommen war, hatten er und sein Zwillingsbruder mächtig eins aufs Dach bekommen für ihr Abenteuer.

Graeme stützte die gestiefelten Füße auf den schmiedeeisernen Feuerbock und genoss das Gefühl von Wärme und Trockenheit. Er hatte ein Apartment im Albany’s, gleichzeitig jedoch auch ein Zimmer in Adens Haus, dessen Ausstattung Kleidung für Notfälle beinhaltete, zu denen neuerdings offenbar auch die Rettung von Jungfern aus dem Serpentine gehörte.

Aden ließ sich im Sessel gegenüber seinem nieder und goss sich einen Kaffee ein.

Das Frühstück auf dem Beistelltisch zwischen ihnen war noch nicht abgeräumt, doch Graeme hatte auf keine der Köstlichkeiten Appetit. Wie überhaupt in den letzten Tagen. Meist bestanden seine Mahlzeiten aus einer Fleischpastete von einem Stand in Covent Garden oder einem hastig heruntergeschlungenen Stück Rindfleisch und einem Ale in einer Taverne, ehe er sich den Dieben erneut an die Fersen heftete. An diesem Morgen war er näher an den Mistkerlen dran gewesen als jemals zuvor.

„Danke, dass du mir nicht die Leviten gelesen hast.“ Er sah Aden müde an.

Aden lächelte schief. „Ich behalte es mir vor. Aber du konntest tatsächlich nicht viel tun unter den Umständen.“

„Törichte Frau“, murmelte Graeme in sein Glas.

„Im Gegenteil. Lady Sabrina ist eine ungewöhnlich vernünftige junge Dame.“

„Sich vor Tagesanbruch im Hyde Park herumzutreiben, im strömenden Regen, betrachtest du als ungewöhnlich vernünftigen Zeitvertreib für junge Damen?“

„Es ist merkwürdig, zugegeben.“

„Sie wartete auf einen Kerl. So viel ist sicher.“

„Sie hat Scharen von Verehrern, die ihr den Hof machen möchten, und das seit Jahren. Lady Sabrina hat es nicht nötig, sich in Parks herumzutreiben.“

Graeme ging über den irritierenden Stich in seinen Eingeweiden hinweg. „Aber sie ist keine Debütantin auf dem Heiratsmarkt.“

Aden stellte seine Tasse ab. „Sabrina führt ihrem Vater seit Jahren den Haushalt. Sie ist unentbehrlich für Lord Musgrave, und er überlässt ihr sämtliche häuslichen Angelegenheiten. Angesichts der Freiheiten, die sie genießt, und ihres Reichtums, hat sie, glaube ich, nicht viel Veranlassung zu heiraten.“

„Warum sollte eine Frau sich auch an einen Nichtsnutz binden, der sie aller Wahrscheinlichkeit nach ignoriert, dafür aber den letzten Shilling ihres Vermögens für Glücksspiel, Pferde und Mätressen verschwendet?“

Aden ließ ein sardonisches Grinsen aufblitzen. „Und das aus dem Munde eines ehemaligen Nichtsnutzes.“

„Mit Betonung auf ehemalig. Ich kann es dem Mädchen nicht verdenken, dass es für den Ehestand nichts übrighat. Und da sie vermögend ist – was hat sie zu gewinnen, wenn sie irgendeinen hirnlosen Pinkel heiratet, der ihr dann Befehle erteilt?“

„Ich fürchte, Lady Sabrina erteilt niemand Befehle.“

„Da könntest du recht haben. Sie hat mich für ihre Rettung getadelt.“

Aden lachte. „Klingt ganz nach ihr. Aber das beantwortet die Frage nicht – was hatte es damit auf sich, dass sie so früh am Morgen mit jemandem im Park verabredet war?“

„Vielleicht hat sie ihre Meinung über die Ehe geändert.“ Graeme zuckte mit den Schultern. „Frauen ändern ihre Meinung oft.“

„Vielleicht verbringst du einfach zu viel Zeit mit den falschen Frauen.“

„Oder den richtigen.“

Aden überging den lahmen Scherz. „Ich finde deine Ansichten über die Ehe ziemlich überholt, Graeme. Ich frage mich, wo sie herrühren.“

Graeme versuchte dem durchdringenden Blick seines Vorgesetzten standzuhalten. In dieser Hinsicht erinnerte Aden ihn an seinen ältesten Bruder Nick. Der Laird of Arnprior hatte die unheimliche Fähigkeit, seine Gedanken zu lesen, fast so, als wäre Graemes Schädel aus Glas.

„Sollten wir uns nicht auf meinen Auftrag konzentrieren anstatt auf das verflixte Mädchen? Ohne die dumme Eskapade hätten Tommy und ich den Halunken gestellt.“

Graeme leerte den Rest seines Brandy in einem Zug, dann erhob er sich und schenkte sich noch einen Schluck ein. Als er sich wieder setzte, knarrten Leder und Holz des Sessels so laut, dass Aden zusammenzuckte.

Graeme lächelte schief. „Entschuldige.“

„Vivien musste zwei Stühle im Speisezimmer ersetzen lassen. Wenn du noch einen kaputt machst, ziehe ich es dir von deinem Gehalt ab.“

Aus unerfindlichen Gründen hatten Graeme und sein Zwillingsbruder die unfehlbare Gabe, Möbel zu zerstören. Es war ein Dauerscherz unter den Kendricks, auch wenn Graeme ihn langsam nicht mehr hören konnte.

„Lass es uns am besten gleich erledigen, weil es garantiert wieder passiert.“

Nach der langen Nacht machte sich Erschöpfung in ihm breit. Und ein Gefühl des Versagens, das fast schon an Scham grenzte.

„Alles in Ordnung mit dir, Graeme?“

Er zwang sich zu lächeln. „Aber ja, sicher. Was sollte denn sein?“

Aden legte den Kopf schräg. „Ich weiß nicht recht. Darum habe ich ja gefragt.“

„Ich bin unzufrieden. Dieser Einsatz hat sich zu einem kapitalen Fehlschlag entwickelt, und ich weiß nicht genau, weshalb. Und dabei ist es nicht einmal der schwierigste Auftrag, den du mir je zugeteilt hast. Bei Weitem nicht.“

In den zwei Jahren, die er nun schon für Aden tätig war, hatte Graeme ein paar wirklich gefährliche Missionen übernommen. Ursprünglich war sein Vorgesetzter vorsichtig vorgegangen und hatte ihn mit erfahrenen Agenten losgeschickt – wenn auch zum Teil, um die nervigen Kendricks zu beschwichtigen, besonders seine Schwägerin Victoria. Doch Graeme hatte sich bald als sehr begabt für verdeckte Ermittlungen erwiesen. Es war ihm praktisch im Alleingang gelungen, einen gefährlichen Schmugglerring vor der Küste von Kent auszuheben.

Trotz der Bedenken seiner Familie kümmerten Graeme die Gefahren und Schwierigkeiten seiner Tätigkeit wenig. Er war nie besonders gut in etwas gewesen, aber Verbrecher jagen konnte er. Er zog eine Genugtuung aus seiner Arbeit, die er nie zuvor empfunden hatte.

Bis zu diesem Fall.

Aden stellte seine Kaffeetasse ab. „Um ehrlich zu sein, du wirkst ruhelos und unkonzentriert in den letzten Tagen. Was vielleicht Auswirkungen auf den Erfolg deiner Bemühungen hat.“

Graeme zuckte unmerklich zusammen angesichts der treffsicheren Einschätzung seines Vorgesetzten. Er war in der Tat ruhelos. Zu seiner Überraschung fehlte ihm Schottland, besonders die windgepeitschten Gipfel und die sanften Hügel von Kinglas, dem Familiensitz. Als Junge hatte er sich nie vorstellen können, irgendwo anders zu leben als in der Ehrfurcht gebietenden rauen Landschaft mit ihren Bergen, Lochs und dem weiten Himmel.

Aber irgendwann waren Kinglas und das Stadthaus der Familie in Glasgow ihm zu eng geworden. Sosehr er seine Brüder und ihre wachsende Kinderschar liebte, hatte er Schottland als rückständig und provinziell empfunden.

Die Chance, die Aden ihm geboten hatte, hatte er mit Kusshand ergriffen. Anfangs waren London und sein neues Leben ihm großartig vorgekommen, das ganze unabsehbare, herrliche, draufgängerische Durcheinander. Endlich hatte er etwas gefunden, das zählte, etwas, worin er gut war.

Nun jedoch drohte ihm das Gefühl von Sinnhaftigkeit abhandenzukommen, und verdammt noch einmal, er wusste nicht, was er dagegen tun sollte.

Aden seufzte. „Ich hätte dich nach dem letzten Einsatz nach Hause schicken sollen. Schon da brauchtest du Erholung und ein wenig Zeit mit deiner Familie. Es war ein Fehler, dich pausenlos arbeiten zu lassen.“

„Unsinn“, widersprach Graeme hastig. „Es war mein Fehler, nicht deiner. Abgesehen davon erwies es sich am Ende als richtig. Der Mistkerl wird nie wieder Gelegenheit haben, einem Kind etwas anzutun, und auch sonst niemandem. Dafür habe ich gesorgt, oder etwa nicht?“

Bedauerlicherweise würde das kleine Mädchen, das er an jenem Tag gerettet hatte, vielleicht nie über das grausige Erlebnis hinwegkommen. Das Kind hatte alles mit angesehen, einschließlich der Dinge, die Graeme hatte tun müssen, um es vor seinem eigenen Vater zu schützen.

Aden sah ihn streng an. „Du hast alles richtig gemacht, aber du warst in Lebensgefahr. Und du bist nur um Haaresbreite davongekommen, Graeme. Um Haaresbreite.“

Bei der Erinnerung an jenen Tag wurde ihm immer noch elend. „Mir geht es gut, keine Sorge.“

„Einen Zoll weiter zur Seite, und du wärst tot gewesen.“ Aden schüttelte den Kopf.

„Es war nur eine Fleischwunde, Mann. Nichts, worüber man sich aufregen müsste.“

In Wahrheit war es eine sehr hässliche Fleischwunde gewesen, die ihn drei Wochen lang ans Bett gefesselt hatte. Wäre er nicht im allerletzten Moment herumgewirbelt, die Klinge hätte seine Nieren erwischt, und der Himmel mochte wissen, was sonst noch.

Aber wenigstens gab es jetzt ein Ungeheuer weniger, das die Straßen Londons unsicher machte.

„Meine Schwester hat sich ziemlich aufgeregt, wie ich mich erinnere“, erwiderte Aden knapp. „Ich dachte, sie und dein Großvater würden mir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen wegen des Zwischenfalls.“

„Meine Familie weiß, dass ich genau da bin, wo ich sein will, und genau das tue, was ich tun möchte.“

Ein wachsamer Ausdruck trat in Adens dunkle Augen. „Bist du sicher? Ist es wirklich so?“

Graeme blieb eine Antwort erspart, als Vivien in den Raum schwebte, Maggie, ihre sechs Jahre alte Tochter an der Hand. Als das kleine Mädchen ihn sah, kreischte es vor Freude und warf sich ihm in die Arme.

„Hallo, mein Kleines.“ Er hob das Kind auf seinen Schoß. „Wie geht es dir an diesem großartigen Morgen? Du siehst so hübsch aus wie die Maienkönigin.“

Maggie kicherte und tätschelte ihm die Wange.

„Onkel Graeme, du bist stoppelig.“

„Weil ich die ganze Nacht auf den Beinen war und hart gearbeitet habe.“

Maggie drehte sich um und musterte ihren Vater vorwurfsvoll.

Bei der ernsthaften Besorgnis des Kindes stockte Graeme der Atem. „Mir geht es gut, meine Süße“, beteuerte er rau. „Ehrlich.“

Dann bemerkte er den Blick, den Aden und Vivien tauschten, und unterdrückte eine Verwünschung.

„Mir geht es gut“, wiederholte er betont.

„Kein Grund, unwirsch zu werden, mein Junge.“ Vivien lächelte.

„Junge? Ich bin neunundzwanzig, Vivien.“

„Nicht so alt, dass ich dir keine Schelte mehr erteilen würde, erst recht, wenn du sie verdient hast.“

Graeme warf Aden einen sprechenden Blick zu.

Sein Vorgesetzter kam ihm zu Hilfe. „Sosehr ich es genieße, dich und Maggie hierzuhaben, meine Liebste, aber Graeme und ich müssen arbeiten.“

Seine Ehefrau seufzte tief. „Maggie wollte zu ihrem Onkel. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, Nein zu sagen.“

Das kleine Mädchen nickte. „Ich habe ihn so lange nicht mehr gesehen.“

„Doch, meine Süße, vor drei Tagen erst.“ Ein Lächeln zuckte um Graemes Mundwinkel. „Abgesehen davon stimmt es, was dein Da gesagt hat. Wir müssen arbeiten.“

Maggie strahlte. „Oh, musstest du jemandem eine Tracht Prügel verabreichen oder einen Mistkerl ins Kittchen bringen?“

Graeme verkniff sich ein Lachen. Es war kein Geheimnis, wo Maggie ihre farbenreiche Sprache herhatte. Die Dienstboten im Haushalt waren allesamt Agenten, ehemalige und aktive. Sie schützten die Familie und waren Adens Augen und Ohren in London. Sie beteten Vivien und die Kinder an und hätten ihr Leben für sie gegeben, auch wenn einige von ihnen hartgesottene Gesellen waren.

Für seine Frau und seine Kinder tat Aden alles, und er sorgte dafür, dass im Haus eine normale Atmosphäre herrschte. Doch an dem nach außen hin so ruhig wirkenden Stadthaus am Cadogan Square war in Wahrheit nichts normal.

„Keine bösen Wörter“, mahnte Vivien liebevoll. „Deinem Papa gefällt das gar nicht.“

Aden warf seiner Tochter einen väterlich strengen Blick zu. „Junge Damen sollten keine derbe Sprache benutzen, mein Liebling. Es ist unschicklich.“

Maggie schüttelte verwirrt den Kopf. „Aber Papa, du benutzt ganz oft böse Wörter, und du bist ein Gentleman. Warum dürfen Gentlemen Sachen sagen, die Spaß machen, und Damen nicht?“

„Ehrlich gesagt“, murmelte Graeme halblaut, „würde ich die Antwort auf diese Frage auch gerne wissen.“

Vivien kam der drohenden Predigt ihres Ehemannes zuvor. „Weil Papa ein Agent ist, Maggie. Agenten dürfen merkwürdige Dinge sagen.“

Aden sah seine Frau strafend an. „Vivien St. George. Agent ist kein Begriff, den wir in diesem Haushalt benutzen wollen.“

„Papperlapapp. Maggie müsste sehr beschränkt sein, wenn sie die vielen heimlichen Aktivitäten nicht bemerken würde, und meine Tochter ist weit davon entfernt, beschränkt zu sein.“

„Keine sehr beruhigende Antwort“, erwiderte Aden trocken.

„Ich kann Geheimnisse sehr gut für mich behalten, Papa“, erklärte Maggie feierlich. „Wenn ich groß bin, will ich Spionin werden, genau wie du, deswegen übe ich, Geheimnisse nicht zu verraten.“

Aden bedeckte die Augen mit der Hand.

Graeme konnte nicht anders, er lachte schallend. „Aye, du wirst eine großartige Spionin, mein Mädchen. Wenn du jetzt schon faustdicke Lügen mit unbewegter Miene erzählen kannst.“

Ein Strahlen breitete sich auf Maggies rundem Gesichtchen aus. „Danke, Onkel Graeme.“

Adens finsterer Blick verhieß böse Folgen.

„Und du ermutigst sie auch noch, du Hornochse.“ Aden wandte sich zu seiner Gattin um. „Vivien …“

Vivien hatte Erbarmen mit ihrem geplagten Ehemann. „Maggie, sag Onkel Graeme Auf Wiedersehen, dann gehen wir frühstücken. Dein Bruder und das Kindermädchen warten sicher schon.“

Maggie seufzte herzhaft. „Muss ich? Justin hat überhaupt keine Manieren.“

„Er ist erst drei, Liebling, und er ist ein Junge. Manieren haben Jungs meistens nicht.“

Graeme gab Maggie einen Kuss auf den Scheitel. „Deine Mama hat recht, mein Mädchen. Ich bin ein erwachsener Mann, und was Manieren angeht, hapert es bei mir immer noch.“

„Wie wahr“, bestätigte Aden sarkastisch. „Und da wir gerade dabei sind – ich hoffe, Lady Sabrina ist inzwischen auf dem Heimweg?“

„Maggie und ich haben sie zur Kutsche gebracht, ehe wir herkamen.“ Vivien lächelte sanft. „Sie lässt euch grüßen und ihren Dank ausrichten.“

„Ich war derjenige, der die ganze Arbeit hatte.“ Graeme machte ein unzufriedenes Gesicht. „Und sie hat sich nicht einmal anständig verabschiedet.“

Vivien winkte ab. „Es war ihr peinlich, daher zog sie es vor, einfach zu verschwinden. Ich weiß, dass sie wirklich dankbar ist.“

Graeme schaffte es, beiläufig mit den Schultern zu zucken. „Nicht so wichtig. Ich bin sicher, ich werde sie nie wiedersehen.“

„Wer weiß.“ Vivien zwinkerte ihm zu und streckte ihrer Tochter die Hand entgegen. Maggie rutschte von Graemes Schoß. Sie winkte ihm zum Abschied zu, dann brachte ihre Mutter sie aus dem Raum und übergab sie der Obhut einer Dienerin. Als Vivien wiederkam und sich auf die Ottomane aus Leder zu Füßen ihres Ehemanns hockte, stieß Aden einen Seufzer aus.

„Und jetzt?“, fragte er resigniert.

Vivien lächelte strahlend. „Du bist ziemlich gescheit, wie du weißt, und ich wette, du kannst meine Gedanken lesen.“ Aden beugte sich vor und hauchte ihr einen langen Kuss auf die Stirn. Vivien schloss die Augen und legte ihrem Ehemann die Hand aufs Knie.

Neid durchzuckte Graeme wie ein Blitz. Neid auf das, was Aden und Vivien teilten, Gutes und Schlechtes gleichermaßen. Sie führten eine lebendige Beziehung, in der es auch Auseinandersetzungen gab, aber es war unstrittig, dass sie einander liebten und sich gegenseitig mit der gleichen grimmigen Entschlossenheit schützten wie ihre Kinder.

„Jedenfalls hatte ich massenhaft Gelegenheit, es zu üben“, räumte Aden besänftigt ein. „Besonders weil du so gut darin bist, Geheimnisse für dich zu behalten.“

Vivien verzog das Gesicht. „Das Geheimnis, über das wir jetzt reden müssen, würde ich wahrhaftig lieber für mich behalten.“

„Geht es um den Gentleman, den Lady Sabrina im Park erwartet hat?“, fragte Graeme hellhörig.

„Ja, und es wird euch genauso wenig freuen wie mich, seinen Namen zu erfahren.“ Sie warf Graeme einen besorgten Blick zu. „Dich am allerwenigsten.“

„Ich kenne das Mädchen kaum. Warum sollte es mir etwas ausmachen?“

„Weil sie sich mit dem Marquess of Cringlewood treffen wollte.“ 

Ein Kugelblitz schien in Graemes Schädel einzuschlagen, gleichzeitig hing eine lastende Stille im Raum. Das Krachen in seinem Kopf erreichte eine unerträgliche Lautstärke, und er schoss aus seinem Sessel hoch.

Autor

Vanessa Kelly
Bereits auf der Universität konzentrierte Vanessa Kelly sich auf die englische Literatur des 18. Jahrhunderts. Ihren Job im öffentlichen Dienst gab sie auf, um hauptberuflich zu schreiben. Inzwischen sind ihre Romane, die meist zur Zeit des Regency spielen, regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten zu finden und wurden bisher in neun...
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