Verruchte Küsse eines Gentleman

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Durch einen dummen Zufall landet Eleanora unversehens im Bett eines fremden Gentleman! Als andere Schankstubengäste Zeuge dieser kompromittierenden Situation werden, bleibt Eleanora nur ein Ausweg, um ihre Ehre zu wahren: Sie muss Nicholas Marley zum Gemahl nehmen. Obwohl noch kein Mann derart heftige Gefühle in ihr geweckt hat, ist Eleanora zutiefst verunsichert. Und dann taucht auch noch Nicholas’ Verlobte auf …


  • Erscheinungstag 07.06.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778330
  • Seitenanzahl 100
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Eleanor Oglesby war eine wahrhaftige Träumerin.

Sie träumte von Schlössern und Märchenprinzen, von guten Feen und bösen Zauberern. In diesen Fantasien konnte sie sich verlieren und die reale Welt um sich herum vergessen.

Zumindest manchmal.

Nur leider nicht heute.

Heute war der Tag, an dem Eleanor Oglesby gegen ihren Willen aus London verbracht wurde, und das auf dem Höhepunkt in der Ballsaison, in der ein gesellschaftliches Ereignis auf das andere folgte. So fand sie sich in einer unzulänglich gefederten Mietkutsche wieder, als Begleitung ihrer älteren Schwester, die anlässlich ihrer bevorstehenden Niederkunft zum Familiensitz ihres Ehemanns reiste. Der Gedanke, dass das Kind vorzeitig kommen und Walter die Geburt verpassen könnte, war für Francesca vollkommen unerträglich, wie sie Eleanor erklärt hatte.

Zumindest würde Francesca bei ihrem Landaufenthalt mit einem Sohn oder einer Tochter beglückt werden … nein, selbstverständlich mit einem Sohn. Schließlich war das der Wunsch ihres Gatten Walter Fiske, und daher hatte es auch so zu geschehen.

Eleanor dagegen würde nicht nur ihr Exil noch bis zum Geburtstag des Königs – am Ende der Saison – erdulden müssen, sondern im Anschluss daran eine weitere beschwerliche Reise per Kutsche zurück zu ihrem Elternhaus.

Es war keineswegs so, dass Eleanor ihre Schwester nicht liebte oder keine Babys mochte. Doch von der Aussicht, ihren selbstgefälligen und herrischen Schwager Walter wiederzusehen, war sie nicht sonderlich erbaut. Zudem war auch die bisherige Ballsaison für sie nicht allzu gut gelaufen, angesichts der Tatsache, dass Eleanor eine zierliche Brünette mit braunen Augen war, dieses Jahr aber große, blauäugige Blondinen als Debütantinnen bevorzugt wurden.

Sie entsprach also nicht dem neusten Trend. Am traurigsten aber war der Gedanke, dass sämtliche Gentlemen, die sie als attraktiv befand, sich nun wie sabbernde Hündchen um die schlanken, blonden Debütantinnen rissen, nur weil diese eben dem diesjährigen Schönheitsideal entsprachen. Die Hälfte dieser blauäugigen Frauenzimmer kicherte kleinmädchenhaft, und der Rest mochte wohl dumm wie Bohnenstroh sein. Aber gegen die Mode konnte man nun mal nichts ausrichten. Diese Erkenntnis machte Eleanor nicht nur schwermütig, sondern ließ sie auch am Verstand der Männerwelt im Allgemeinen zweifeln.

Trotz allem liebte sie die Stadt, ja sie vergötterte London geradezu. Und ihre allererste Ballsaison wäre so herrlich geworden, hätte Francesca sich nicht genau diese Zeit ausgesucht, um Walter einen Erben zu schenken. Womöglich hatte sie dies sogar absichtlich getan, hatte die Monate genau an den Fingern abgezählt – Francesca war nicht besonders gut im Rechnen –, nur um sicherzugehen, dass sie mitten in Eleanors erster Ballsaison niederkommen würde. So ein Mensch war Francesca.

Da ihre Mutter vor langer Zeit starb, war es an ihr gewesen, Eleanors Erziehung zu übernehmen. Die heimlichen Knuffe und Zwicker, die gemeinen Bemerkungen, mit denen Francesca sie schikanierte, weil sie ihre vier Jahre jüngere Schwester für eine Bürde hielt, waren Eleanor noch gut in Erinnerung.

Aber irgendwann waren sie beide erwachsen geworden. Francesca war jetzt dreiundzwanzig und seit zwei Jahren verheiratet. Diese beiden Jahre, die Eleanor allein mit ihrem Vater in Kent verbracht hatte, waren möglicherweise die glücklichsten ihres Lebens gewesen.

Was daran lag, dass ihr Vater ein begeisterter Jäger, passionierter Angler und Billardspieler war, der zusammen mit seinen Kumpanen literweise Portwein in sich hineinschüttete, was ihn quasi die ganze Zeit über vom Haus fernhielt, sodass Eleanor sich selbst überlassen blieb.

Was natürlich nicht anging, schließlich musste jemand auf sie aufpassen. Und sie brauchte eine Anstandsdame für die Ballsaison. Jemand musste auf ihre Aufmachung, ihre Kleidung und ihre Frisur, aber auch auf ihr Benehmen achten. Jemand musste all ihre Einladungen genaustens überprüfen, nicht, dass das arme Kind am Ende versehentlich einer Einladung folgte, bei der es sich in einer dunklen Ecke des Vauxhall Lustgartens wiederfand oder an irgendeinem schlüpfrigen Maskenball teilnahm, bei dem sich verschleierte Mätressen unter die Mitglieder des ton mischten.

Wer wäre besser dafür geeignet, hatte ihr Vater vor seinem Aufbruch nach Schottland befunden, als ihre sensible und weise Schwester und deren edler, hochanständiger Gatte? Somit wurden Eleanor und Francesca wieder miteinander vereint, eine Aussicht, die keine der beiden sonderlich in Freudentaumel versetzte.

So bekam Eleanor Tanzstunden und auch Benimmunterricht, den sie überwiegend als peinlich empfand. Während dieser Zeit hatten sich Francesca und ihr auf Sparsamkeit bedachter Walter im Oglesby-Haus in Mayfair einquartiert.

Eleanor konnte es kaum noch erwarten, endlich zu debütieren, während Francesca sich die ganze Zeit bitterlich beklagte, wie sich ihre Figur veränderte, wie ihre Knöchel anschwollen und dass ihr geliebter Walter unerwartet zum Landsitz seines Vaters reisen musste, weil dort irgend etwas mit der Bewässerung der Felder nicht stimmte.

Seit Walter sie also zurückgelassen hatte, war es an Eleanor allein gewesen, sich um Francescas Wohlergehen zu kümmern. Francesa, die offenbar glaubte, sie wäre die erste Frau auf der Welt, die ein Kind bekommen würde, betonte wieder und immer wieder, was ihr Eleanor für all die Jahre schuldig war, die Francesca damit verbracht hatte, so ein eigenwilliges, undankbares Gör wie sie aufzuziehen.

„Etwa dafür, dass du mich immer gekniffen hast, wenn niemand hinsah? Um dann so zu tun, als hättest du keinen blassen Schimmer, warum ich weine?“, fragte Eleanor sie mit zuckersüßem Lächeln. Daraufhin hatte Francesca drei Tage lang nicht mehr mit ihr gesprochen, was Eleanor mehr als recht gewesen war.

Doch nun redete Francesca wieder mit ihr. Die ganze Zeit. Diese beschränkte Person hörte einfach nicht auf, vor sich hin zu plappern.

Sogar bei der rumpligen und ungemütlichen Fahrt über Land in dem, was Walter als komfortables Reisegefährt bezeichnet hatte, quasselte sie wie ein Wasserfall. Alles, was Eleanor tun konnte, war, die Augen zu schließen und zu hoffen, dass ihr das sehnige Hammelragout, das sie drei Stunden zuvor in einem schäbigen Gasthof zu sich genommen hatte, nicht wieder hochkommen würde.

„Du wirst dich natürlich meinen Anweisungen fügen, Eleanor, solange wir in Fiske Hall sind. Und in der Zeit meiner Niederkunft tust du, was Mrs. Thistledown dir sagt. Sie ist schon eine Ewigkeit bei uns und duldet keinerlei Unfug von so einem launischen jungen Ding wie dir, das kann ich dir versichern.“

„Natürlich, Francesca“, erwiderte Eleanor und musste den Mund zusammenpressen, denn der Hammel kündigte bereits seine Rückkehr an.

„Und dass du Walter nicht mehr heimlich hinter seinem Rücken ‚Fiske Pfennigfuchser‘ nennst. Ich habe es genau gehört, letzte Woche, als er uns den Reiseplan erläutert hat. Mit dieser Kutsche hier ist alles in bester Ordnung.“

„Aber sie riecht nach Schweiß und fauligem Heu“, meinte Eleanor. „Anstandshalber möchte ich dich vorwarnen, Francesca. Wenn ich das Fenster nicht einen Spalt weit öffnen kann, wird mir schlecht. Ich meine, richtig schlecht.“

„Herrgott, hör schon auf zu quengeln und öffne das Fenster. Aber sollte ich mir eine Erkältung einfangen, bist du daran schuld. Immerhin bin ich es, die den Erben in sich trägt.“

„Wie könnte ich das vergessen“, seufzte Eleanor. „Du reibst es mir ja dauernd unter die Nase.“ Sie schob die Koffer und Reisetaschen auf der abgewetzten Polsterbank neben sich zur Seite und rutschte hinüber, um das Fenster herunterzuschieben, das, wie sie feststellte, klemmte. „Das hätte ich mir ja denken können.“

Sie türmte den Berg an Gepäck auf die andere Seite, um dort das Fenster zu öffnen. Es ließ sich ebenso wenig bewegen. Weiteren Bemühungen kam Francesca mit der Feststellung zuvor, dass die Fenster auf ihrer Seite der Kutsche nicht geöffnet würden, unter keinen Umständen.

Eleanor nahm ein Spitzentaschentuch aus ihrem Retikül und betupfte damit ihre Oberlippe, auf der ihr Schweißperlen standen. Alles an ihr war verschwitzt, und sie sehnte sich so sehr danach, sich in einer heißen Badewanne einzuweichen, dass allein der Gedanke daran sie den Tränen nahe brachte

„Meine Bonbons, Eleanor“, sagte Francesca im Befehlston. „Sie sind unter deinem Sitz, in der Dose.“

„Ich verstehe nicht“, meinte Eleanor. Ihre Laune war auf dem Tiefpunkt, obwohl sie eigentlich ein höflicher Mensch war. „Sagst du mir das nur, damit ich Bescheid weiß? Wo könnten sie in dieser jämmerlich engen Kutsche auch sonst sein, außer auf meiner Seite, die schon völlig mit Gepäck überladen ist? Das mich, ganz nebenbei bemerkt, total einquetscht. Oder wolltest du mir mitteilen, dass du schon wieder Hunger hast und es zu schätzen wüsstest, wenn ich, dein liebes Schwesterlein, so freundlich wäre, unter den Sitz zu langen, die Dose zu angeln, sie zu öffnen und dir ein paar Bonbons anzubieten?“ Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen. „Vielleicht möchtest du ja, dass ich sie dir auch noch vorkaue?“

„Kein Wunder, dass die Männer kein Interesse an dir zeigen“, gab Francesca garstig zurück. „Das liegt nicht an deinem Haar und deiner Augenfarbe. Sondern daran, dass du ein grässliches, grässliches Kind bist. Das merkt doch jeder.“

„Süßes gefällig?“, fragte Eleanor mit zuckersüßer Stimme, machte den Deckel der Dose auf und hielt sie ihrer Schwester unter die Nase.

So ging es zwei Tage lang. Dabei hätte es lediglich eine Fahrt von einem Tag sein müssen, wenn sie bessere Pferde gehabt hätten. Mit den beiden Schindmähren jedoch, die vorgespannt waren, war es bereits spät, als die Kutsche am Abend endlich in ein dunkles, nachtschlafendes Dorf hineinrumpelte und stotternd vor einem heruntergekommenen und zweifelsohne billigen Gasthof zum Halten kam.

„Entzückend, das ist ja noch schicker als unser letztes Nachtquartier“, bemerkte Eleanor und spähte durch die trüben und unbeweglichen Fenster der Kutsche hinaus auf den dreckigen Hof, auf dem ein schmuddeliger Stallbursche argwöhnisch ihre Kutsche beäugte, als wolle er sagen: „Was habe ich damit zu tun?“

„Deinen Sarkasmus kannst du dir schenken, Eleanor“, ermahnte Francesca sie. „Walter ist eben sparsam. Man wird nicht dadurch reich, dass man sein Geld für eine temporäre Unterkunft hinauswirft.“

„Oder für trockene Betten, saubere Toiletten, genießbares Essen und dergleichen“, grummelte Eleanor, als sie den Türschlag öffnete und die Stufen hinabstieg. Sie hatte schon mitbekommen, dass der angeheuerte Kutscher es nicht zu seinen Pflichten zählte, ihnen dabei auch nur im Entferntesten zu helfen. Wenn man jedoch berücksichtigte, was Walter diesem Mann zahlte, war Eleanor schon dankbar, dass er sich bei ihren Zwischenstopps zumindest um das Gepäck kümmerte.

Sie trat in den Hof – was wörtlich zu verstehen war, denn ihre Halbstiefel versanken gut zwei Zoll tief im Matsch – und bot Francesca ihre Hand an. „Mach schon, Francesca. Du stöhnst doch schon seit mindestens einer Stunde, endlich auf Toilette gehen zu können. Pass auf beim Aussteigen. Das ist der reinste Sumpf hier.“

„Ach herrje.“ Francesca verzog das Gesicht, als auch sie halb im Matsch einsackte. „Ich wusste nicht, dass es geregnet hat.“

„Hat es auch nicht. Ich will mir gar nicht vorstellen, was diesen Hof so matschig gemacht hat. Aber beeil dich bitte, Francesca. So unglaublich es klingt – ich glaube, hier duftet es irgendwo ganz köstlich. Könnte das etwa Roastbeef und Yorkshire Pudding sein?“

Sie waren schon auf halbem Weg zur Tür des Gasthofes, als drei Männer erschienen. Einer von hielt ihnen hilfsbereit die Tür auf.

„Vielen Dank, Sir. Ich … meine Güte, sind Sie nicht Nicholas Marley, Earl of Buckland? Aber natürlich sind Sie es. Verzeihen Sie meine Direktheit. Ich bin Francesca Oglesby Fiske, die Gattin von Walter Fiske.“

Eleanor sah, wie Lord Buckland Francesca anstarrte, die ungelenk versuchte, einen Knicks vor ihm zu machen.

Hübsch, aber nicht helle, so war Francesca, ging es Eleanor durch den Kopf, während sie rasch nach dem Ellbogen ihrer Schwester griff und ihr beim Aufrichten half, bevor sie noch in den Schlamm fallen würde.

Lord Buckland verbeugte sich und stellte dann seine beiden Begleiter vor. Allerdings stellte er sie nur Francesca und nicht Eleanor vor. Zum einen vermutlich, weil Francesca ihnen Eleanor ebenfalls nicht vorgestellt hatte. Und zum anderen, weil er die verschwitzte und mitgenommen aussehende Eleanor für ein Dienstmädchen hielt und nicht für Francescas Schwester.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, soweit es Walter betraf, war sie genau das: ein überflüssiges Dienstmädchen. Angesichts der Überzahl an Zofen in Fiske Hall war er der Meinung, es wäre nicht nötig gewesen, noch ein weiteres aus dem Haus seines Schwiegervaters mitzunehmen, zumal man es im Anschluss ja auch wieder zurückschaffen musste.

Dass Lord Buckland sie ignorierte, war typisch für ihn, diesen eingebildeten und widerlichen Kerl. Eleanor hatte bei mehr als einem Ballabend aus der Ferne beobachtet, wie dieser groß gewachsene, dunkelhaarige und nebenbei außerordentlich gut aussehende Mann das Meer von Bewunderinnen durchquert und Wellen von Seufzern und Wunschträumen in seinem Fahrwasser hinterlassen hatte.

Er war genau die Art Mann, die sie verabscheute – wenn er nicht gerade in ihren Träumen vom schönen Prinzen vorkam, der sie als Prinzessin aus dem einsamen Turmverlies befreite.

Die beiden Schwestern betraten die schummrige Eingangshalle des Gasthofes. Buckland und seine Begleiter folgten hinter ihnen, um dann ohne ein Wort des Abschieds zu verschwinden. Eleanor hätte ihre vierteljährliche Apanage darauf verwetten können, dass die Männer das private Speiseseparee dieses elenden Lochs, das sich Gasthof schimpfte, gemietet hatten.

Sie nahm noch den himmlischen Bratenduft wahr, bevor sich die Tür hinter Buckland schloss. Insgeheim verwettete sie ihre nächste Apanage darauf, dass der Earl sogar seinen eigenen Koch mitgebracht hatte. Und vermutlich würde die Mahlzeit, die man ihr und Francesca im Schankraum vorsetzen würde, aus etwas bestehen, das von Arthritis befallen durch den Wald gehoppelt war, um dann praktischerweise direkt vor der Hintertür der Küche kurz vor dem Abendbrot an Altersschwäche zu verenden.

Eleanor warf einen Blick in den Schankraum, in dem dicht an dicht lauter gut gekleidete, offensichtlich aus London stammende Gentlemen saßen. Wie seltsam. Dann hörte sie jedoch einen der Herren, der neben der Tür saß, über den „prächtigen Faustkampf morgen“ reden und begriff, dass dieses kleine Dorf wohl Austragungsort für ein Boxturnier war. Natürlich. Nichts war mehr dazu angetan, die Gentlemen der feinen Gesellschaft aus London heraus und in schmuddlige Kaschemmen auf dem Land zu führen als die Aussicht darauf mitzuerleben, wie zwei aus ihren Reihen sich gegenseitig blutig schlugen.

„Wir werden unser Abendbrot auf dem Zimmer einnehmen müssen, Francesca“, erklärte sie ihrer Schwester, die mit dem Gastwirt in einer leisen Diskussion vertieft war. Dass er der Betreiber sein musste, war für Eleanor offenkundig, denn er trug eine lange, schmierige Lederschürze und bekam von Francesca eine Handvoll Münzen ausgehändigt, die ihr ihrerseits von Walters ebenso knauserigem Buchhalter zugeteilt worden waren, komplett mit schriftlichen Anweisungen, wie und wann jeder Penny im Einzelnen auszugeben sei.

„Ja, das habe ich mir schon gedacht, Eleanor“, meinte Francesca und schaute seufzend die enge, steile Treppe hinauf. „Ich verstehe das nicht. Walter hat mir noch ausdrücklich gesagt, ich solle jedem Wirt zehn Pence extra geben, damit wir das beste Zimmer erhalten. Aber letzte Nacht haben wir es nicht bekommen. Und der schreckliche Gastwirt von gestern hat mich nur ausgelacht und mir einfach das Geld zurückgegeben. Was das Essen heute angeht … selbstverständlich speisen wir auf unserem Zimmer. Der Gasthof ist ja völlig überfüllt, und auch wenn es alles Gentlemen sind, bin ich mir sicher, dass man sich als Frau nicht unter sie begeben sollte. Aber auch das konnte Walter nicht vorhersehen.“

„Wie auch“, entgegnete Eleanor, die ihrer Schwester die Treppe hinauffolgte. „Schließlich bestellt er ja nie Zimmer in solchen Absteigen.“

Francesca blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah ihre Schwester wütend an. Dabei hatte sie schon Tränen in den Augen. „Hör auf, Eleanor. Hör einfach auf damit. Ich bin zum Umfallen müde, meine Knöchel sind geschwollen, ich schleppe diesen … diesen Ballast mit mir herum, wo immer ich auch hingehe. Ich sehe einer Niederkunft entgegen, ohne eine Ahnung zu haben, was auf mich zukommt, außer dass es ziemlich sicher kein Vergnügen wird. Du musst mich also nicht alle fünf Minuten daran erinnern, dass dies eine schreckliche Reise ist. Einfach nur schrecklich.“

„Ach, Frannie, es tut mir leid“, sagte Eleanor, nahm ihre Schwester in den Arm und drückte sie vorsichtig. „Also los, suchen wir unser Zimmer, und ich lasse dir ein Bad bereiten.“

„In die Wanne passe ich nicht hinein“, schluchzte Francesca. „Ich passe nirgendwo mehr hinein. Ich bin nur ein großer, fetter Klops. Selbst meinen Ehering kann ich nicht mehr tragen. Und deshalb halten mich die Leute sicher für ein gefallenes Mädchen ohne Ehemann. Ich will nach Hause, Elly. Nur noch nach Hause.“

„Morgen sind wir dort, Ehrenwort“, sagte Eleanor, nahm ihrer Schwester den Schlüssel ab und steckte ihn in das Türschloss von Zimmer drei. „Aber jetzt nimmst du ein Bad und dann gehst du schlafen. Und ich verspreche, dass ich nicht mehr so biestig bin, in Ordnung?“

„Du hast ja auch deine Sorgen. Die Ballsaison ist für dich nicht besonders gut verlaufen“, meinte Francesca, während sie auf dem einzigen Stuhl im Zimmer Platz nahm und sich von Eleanor ihre Halbstiefel ausziehen ließ, was nicht ganz einfach war.

„Schönen Dank, Francesca, dass du mich an diese Tatsache erinnerst“, erwiderte Eleanor, während sie die schlammverkrusteten Schuhe an den Schnürsenkeln hochhielt und sich nach einem Platz umschaute, wo sie sie abstellen konnte. Nicht, dass man das Zimmer noch viel dreckiger hätte machen können.

„Als ich Debütantin gewesen bin, war braunes Haar in Mode“, fuhr Francesca, die nicht mitbekam, dass sie das Thema besser nicht weiter vertiefen sollte, verträumt fort. „Ich konnte meine Wahl zwischen fünf Verehrern treffen.“

„Und da hast du ausgerechnet Walter gewählt? Das Leben ist voller Mysterien“, sagte Eleanor und biss sich dann auf die Zunge, als ihre Schwester, die derzeit ohnehin nahe am Wasser gebaut hatte, in Tränen ausbrach.

„Wer war denn das?“, wollte Sir James Donaldson wissen, als er seinen Krug hausgebrautes Ale erhob, dem mit Sicherheit noch eine ganze Reihe folgen würde. „Fiske? Der Name sagt mir nichts.“

„Mir ehrlich gesagt auch nicht, Jamie“, erwiderte Nicolas, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, legte seine in Reitstiefeln steckenden Füße auf den Tisch und stellte den eigenen Bierkrug auf seinem flachen Bauch ab. „Aber da die Lady mich offenbar kennt, war ich natürlich höflich. Gegenüber Damen zeige ich immer Höflichkeit.“

„Das ist nicht das Einzige, was du den Damen zeigst, Nicky“, meinte Beecher Thorndyke, der seinen Stuhl umdrehte und sich rittlings daraufsetzte. Er trank eine Limonade, da er noch an einem bösen Kater vom vorherigen Abend litt. „Weißt du, ich habe schon einen Schreck bekommen und mich gefragt, ob du ihr womöglich einen Braten in die Röhre geschoben hast und sie dir nun auf die Pelle rückt.“

„Sehr amüsant, Thorny. Ich sage ja immer, was für ein Witzbold du bist“, gab Nicholas zurück und funkelte ihn verärgert an. „Das arme Ding ist die Frau von Walter Fiske. Ich kann mich dunkel an ihn erinnern. Wir waren auf derselben Schule, glaube ich. Offenbar glaubt er, mein Freund zu sein.“

„Das glauben wir doch alle, Nick“, sagte Beecher Thorndyke. „So sind wir immer auf der sicheren Seite.“

Autor

Kasey Michaels
Als Kasey Michaels ihren ersten Roman geschrieben hatte, ahnte sie noch nicht, dass sie einmal New York Times Bestseller-Autorin werden würde. Und es hätte sie auch nicht interessiert, denn damals befand sie sich in der schwierigsten Phase ihres Lebens: Ihr geliebter achtjähriger Sohn benötigte dringend eine Nieren-Transplantation. Monatelang wachte sie...
Mehr erfahren