Wie Katz und Maus

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Ein Blick auf Luca und Leonie weiß genau: Der Mann ist nichts für mich! Zu attraktiv, zu charmant, zu siegesgewiss - von solchen Typen hat sie gründlich die Nase voll. Da sucht sie sich doch lieber was Verlässliches. Allerdings ist es gar nicht so einfach, Luca aus dem Weg zu gehen. Und noch schwerer ist es, seinen Küssen zu widerstehen ...
  • Erscheinungstag 10.08.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733786410
  • Seitenanzahl 142
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Buongiorno!“, begrüßte Marina Farinelli ihre Schüler.

„Buongiorno, Signora Farinelli“, erwiderten die fünfzehn Teilnehmer des Italienischkurses im Chor. Leonie Drewes hatte ihr Buch bereits aufgeschlagen und freute sich auf den Abend. Italienisch lernen in sechs Wochen. Das hatte man ihnen im bunten Flyer des Instituts versprochen, und deswegen war sie hier.

Vor zwei Monaten nämlich hatte ihr Chef, Rudolf Wanninger, Inhaber eines Kaufhauses mit edler Mode, sie von der Abteilungsleiterin zu seiner Chefeinkäuferin für italienische Designerartikel gemacht. Unter einer Bedingung, hatte er gesagt: „Sie lernen Italienisch, damit Sie die Einkäufe in Rom demnächst allein tätigen können!“

„Sì, sì“, hatte Leonie übermütig geantwortet. Ihr bis dahin einziges italienisches Wort, aber das sollte sich im Istituto Italiano nun ändern. Heute war die dritte Stunde, es ging zügig voran, und Leonie hatte schon fast das ganze Lehrbuch durchgearbeitet. Sie ging nicht einmal mehr aus, weil sie Abend für Abend lernte. Das hatte überdies einen Riesenvorteil: Sie musste sich nicht mehr mit ihrem Freund Felix darüber streiten, dass eine Endzwanzigerin wie sie eine tickende Zeitbombe namens biologischer Uhr in sich trug. Seit einer Woche hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und Leonie war froh, dass sie sich mit dem Dolce Vita, jedenfalls dem in ihrem Arbeitsbuch, ablenken konnte.

„Wer möchte mir sagen: Ich heiße, du heißt?“, fragte Signora Farinelli jetzt und blickte ihre Musterschülerin erwartungsvoll an. Leonie antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Mi chiamo, ti chiami, si chiama …“

Weiter kam sie nicht, weil die Tür zum Kursraum aufflog und ein dunkel gelockter Adonis hereinschneite. Leonie wollte schon weitermachen, als sie feststellte, dass acht Augenpaare regelrecht an ihm klebten. Die Augen aller Frauen im Raum, inklusive der von Signora Farinelli. In diesem Moment hätte Leonie ganze italienische Arien singen können. Es hätte keinen auch nur die Bohne interessiert.

Signora Farinelli strahlte den Neuankömmling geradezu hingebungsvoll an. Hallo?, fragte sich Leonie, der Junge ist zu spät gekommen und hat bislang fünf Kursabende versäumt. Ist das ein Grund, ihm ein solches Lächeln zu schenken? Und Signora Farinelli hatte wirklich ein äußerst charmantes Lächeln. Das musste Leonie neidlos zugeben, ob sie es wollte oder nicht. Na ja, die Lehrerin war ja auch keine alte Schachtel, sondern nur wenig älter als Leonie und bildhübsch.

„Come ti chiami?“, fragte die Farinelli den Neuzugang nun zuckersüß. Er schien rein gar nichts zu verstehen, aber sofort flüsterten ihm die Mädels von allen Seiten zu: „Sie will wissen, wie du heißt.“

„Ich heiße, äh chiami Luca!“, strahlte er daraufhin. Es heißt „Mi chiamo“, wollte Leonie ihn gerade verbessern, als Signora Farinelli säuselte: „Molto bene!“

Da bekommt man ja schon vom Zuhören Zucker, dachte Leonie. Wie gut, dass sie gegen solche lächelnden Mistkerle völlig immun war. Sie musste nur an ihren Vater denken, und schon sah sie hinter jeder Lächelfassade und jedem Herzensbrecher Aufschneider, Lügner und notorische Fremdgänger. Keine Frage, sie hatte ihren Vater trotz allem geliebt. Selbst wenn er ihre Mutter mit einem Berg Schulden hatte sitzen lassen, als er in Begleitung seiner jungen Geliebten mit dem Flugzeug abgestürzt war. Aber Liebe war das eine. Vernunft das andere.

Das war jedenfalls bis vor Kurzem ihre feste Überzeugung gewesen. Um genau zu sein, bis zu jenem Abend neulich, an dem Felix eine Riesenliste aufgestellt hatte, was alles noch vor einer potenziellen Heirat zu erledigen wäre, erinnerte sie sich seufzend. Besonders über Punkt Zehn konnte sie sich, kaum dass sie daran dachte, schon wieder höllisch aufregen. Meine Eltern davon überzeugen, dass ich mit Leonie nicht unter meinen Möglichkeiten heirate! Das wird er nie schaffen!, dachte Leonie mit einem verstohlenen Blick auf den verdammt gut aussehenden Neuankömmling. Ach, so ein bodenständiger Kerl wie Felix, der vernünftig abwägt, ist mir doch immer noch lieber als so ein Blender wie dieses Modell Herzensbrecher, sprach sie sich gut zu. Und jede Wette, der Spinner hieß bestimmt nicht Luca!

„Luca. Que bello. Schöner Name!“, zwitscherte Signora Farinelli.

„Quatsch!“, hörte sich Leonie laut und bissig sagen.

Jetzt waren alle Augen auf sie gerichtet. Auch die braunen funkelnden Augen von Signor Everybody’s Darling Zuspätkommer.

„Lucca ist eine Stadt in der Toskana und kein Männername!“, erklärte sie mit fester Stimme und funkelte Signor Unwiderstehlich kampfeslustig an. Der aber hatte nun nur noch Augen für sie und strahlte in ihre Richtung.

„Das stimmt!“, erklärte er mit sanfter Stimme und lächelte sie gewinnend an. „Meine Mutter behauptet, sie hat mich so genannt, weil sie meinen italienischen Vater dort kennengelernt hat. Und an diese Liebe sollte ich sie stets erinnern.“

Ein Seufzen ging durch den Raum. Böse Blicke von allen Seiten trafen Leonie. Darin stand geschrieben: Wie kann man nur so unromantisch sein?

„Was für eine wunderbare Geschichte!“, stöhnte Signora Farinelli und ergänzte: „Du kannst übrigens Marina zu mir sagen.“

„Ah, du chiamo Marina!“, wiederholte er in einem Ton, der die Italienischlehrerin völlig zum Schmelzen brachte. Sie schmachtete ihn regelrecht an.

„Es heißt ‚tu ti chiami Marina‘!“, unterbrach Leonie den innigen Blickkontakt der beiden und fügte unwirsch hinzu: „Können wir jetzt vielleicht endlich weitermachen?“

„Er muss doch erst einmal ankommen“, erwiderte Marina prompt. Leonie verdrehte die Augen. Wieder guckten die Mitschülerinnen Leonie an, als hätte sie gerade einen Zauber zerstört. Dabei wollte sie nur eines: konzentriert und zügig weiterarbeiten und sich nicht unnötig mit einem undisziplinierten Zuspätkommer beschäftigen. Ob er endlich seinen Hintern auf seinen Platz bewegen kann?, dachte sie und wünschte ihn auf einen der freien Plätze ganz am anderen Ende des Raumes.

„Mille grazie, Marina!“, bedankte sich Luca nun überschwänglich, blickte sich suchend um und steuerte gezielt auf den freien Platz neben der charmefreien Kratzbürste zu. Wäre doch gelacht, wenn er die nicht knacken würde. Das war ein Spiel, das er kannte. War eine Frau im Raum, die nicht sofort auf ihn abfuhr, dauerte es meist nur einen winzigen Augenblick, bis sie von sich aus mit ihm zu flirten begann. Mittlerweile langweilte ihn das ganz furchtbar. Er mochte Frauen, keine Frage. Aber eigentlich sehnte er sich nach einer echten Beziehung mit einer Frau, die ihn überraschte und nicht nur auf sein strahlendes Äußeres ansprang. Dabei war er schon so auf die Welt gekommen. Bereits in seinen Kinderwagen hatten die Frauen die Nasen gesteckt und waren bei seinem Anblick in Entzückensschreie ausgebrochen. Wie süß! Luca schob es auf seine schwarzen Locken. Den Charme hast du von deinem Papa geerbt, hatte seine Mutter immer behauptet.

Bei dem Gedanken an seine Mutter, die vor ein paar Monaten so plötzlich gestorben war, verging ihm das Lachen. Und auch bei dem Gedanken, dass sie ihm erst auf dem Sterbebett gestanden hatte, sein Vater wäre gar nicht tot, sondern lebe quietschlebendig in Rom. Während er seine Gedanken schweifen ließ, fixierte er seine Nachbarin aus den Augenwinkeln. Sie machte immer noch keine Anstalten, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Im Gegenteil, sie würdigte ihn keines Blickes, sondern folgte dem Unterricht, als ob es hier einen Preis zu gewinnen gab, während Luca noch nicht einmal wusste, ob er die Sprache wirklich erlernen wollte. Nur um einen Mann zu besuchen, der kein Wort Deutsch redete und seinen unbekannten Sohn nach Rom zitiert hatte? Luca war sehr unsicher in dieser Angelegenheit, und das hatte ihn bislang auch immer wieder davon abgehalten, zu dem Kurs zu gehen, für den er sich angemeldet und im Voraus gezahlt hatte. Und jetzt saß er hier wie damals in der Schule. Da hatte er auch einmal eine Zeit lang neben so einer Streberin gesessen, aber die war lange nicht so hübsch gewesen wie Signora Besserwisserin neben ihm. Sie könnte wirklich süß aussehen, wenn sie nicht so verbissen gucken würde, schoss es ihm durch den Kopf.

„Luca, magst du uns einmal sagen, was heißt: Ich bin, du bist, er, sie, es ist …“ Damit riss Marina Farinelli ihn aus seinen Gedanken. Er räusperte sich und knipste auf Kommando sein Lächeln wieder an.

„Das haben wir gleich“, versprach er und blieb mit seinem Blick an Leonies Arbeitsheft hängen. Was für ein Glück. Dort stand es schwarz auf weiß.

Als hätte er das immer schon gewusst, ratterte er es jetzt herunter: „Sono, sei, è, siamo, siete, sono, sono stato.“

„Molto bene. Das passato prossimo hatten wir doch noch gar nicht“, lobte Signora Farinelli ihn nun über den grünen Klee und erklärte in einem verschwörerischen Ton: „Es ist nicht schlimm, dass du die ersten Stunden versäumt hast. Das wirst du schnell aufholen. Du hast unsere Sprache im Blut, kein Wunder, du bist ja auch Halbitaliener.“

„Kann der Signor Halbitaliener sich wohl ein eigenes Buch besorgen?“, zischelte seine Nachbarin ihm aus dem Mundwinkel zu. Das Lächeln gefror Luca auf den Lippen. Sie schien ihn als Mann schlichtweg zu ignorieren. Schade, dachte er, sie hat schöne Augen und einen sinnlichen Mund, der sicher ungeküsst ist. Ob sie wohl wirklich so ernsthaft bei der Sache ist, dass sie mich überhaupt nicht wahrnimmt?, fragte sich Luca, rückte ein wenig näher an sie heran und raunte: „Mach ich, Signora Streberin, aber dürfte ich heute wohl mit in Ihr Buch gucken? Sonst petze ich, dass Sie mich nicht mit reingucken lassen!“

Wider Willen musste Leonie grinsen, weil sie noch niemals zuvor als Streberin bezeichnet worden war. Sie war ja auch sonst keine, aber das hier musste sie schnell durchziehen: Die erste Reise nach Italien stand in ein paar Wochen an, und da wollte sie ihren Chef schon mit ihren neu gewonnenen Sprachkenntnissen beeindrucken. Als Leonie merkte, dass sie immer noch grinste, setzte sie umgehend wieder eine ernste Miene auf und schob das Buch wortlos in die Mitte, sodass sie zusammen hineingucken konnten.

Dabei berührten sich ihre nackten Arme. Leonie trug ein schwarz-weiß gepunktetes Kleid mit kurzen Ärmeln, Luca hatte die Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt. Leonie zuckte zusammen, als sie seine Haut an der ihren spürte, aber sie wagte nicht, den Arm wegzuziehen. Dann würde er doch merken, dass es für sie wie ein Stromschlag gewesen war. Und das wollte Leonie vermeiden. Nicht dass er sich noch einbildete, sie würde seinem Charme erliegen.

Luca aber vermutete nicht im Entferntesten, dass sie überhaupt etwas merkte. Auch ihm war diese winzige Berührung nicht entgangen. Wie ein kleiner Blitz hatte es ihn durchzuckt. Deshalb rührte er sich auch keinen Millimeter weg, damit sie bloß weiter so Arm an Arm in das Buch schauten. Nur leider konnte er sich jetzt gar nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren.

Dabei wollte ihm nicht in den Kopf, dass seine Nachbarin bei dieser Spannung sogar einen kleinen Text fehlerfrei übersetzen konnte. Wenn er dran gewesen wäre, hätte er nur an ihren nackten Arm denken können und an dieses Prickeln, das die Berührung mit ihrer Haut in ihm ausgelöst hatte. Sie riecht gut, schoss es ihm durch den Kopf, als Leonie ihren Text fehlerfrei beendet hatte.

Geschafft!, dachte Leonie erleichtert und spürte, wie sie langsam ins Schwitzen kam. Es war keine leichte Übung gewesen, einen Text zu übersetzen, während an ihrem nackten Arm ein kleines Feuerchen zu brennen begann. Und wie gut er riecht. Nach Sommer, Sonne und Meer. Sie hoffte, er würde nicht merken, wie sie versuchte, die Fassung zu bewahren, guckte nach unten auf das Buch, und ihr Blick blieb an seinen Händen, die neben dem Lehrbuch lagen, hängen. Schöne, große, männliche und braungebrannte Hände. Er war offensichtlich von Natur aus ein eher dunkler Typ.

„Und jetzt machen wir eine kleine Übung. Immer zu zweit. Ihr fragt euch jetzt gegenseitig, wie ihr heißt, wie es euch geht und woher ihr kommt. Auf Italienisch. Avanti.“

Leonie sah Luca fordernd an. „Wer fängt an zu fragen?“

„Ich!“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen.

„Okay!“

„Wie heißt du?“, fragte er nun mit einer samtigen wohlklingenden Stimme, aber sie blieb stumm. Vor Schreck, weil sie ihr durch und durch ging. Sie holte tief Luft.

„Hallo, anybody home? Ich fragte, wie du heißt!“

„Parla Italiano, per favore!“, verlangte sie nun in oberlehrerhaftem Ton von ihm. Lieber sollte er sie für eine Zicke halten, als zu merken, dass nicht nur seine körperliche Nähe, sondern auch seine Stimme sie alles andere als kalt ließ.

Ihr Plan ging auf. Luca fing langsam an, sich über sie zu ärgern. Er stöhnte laut auf: „Chiamo tu?“

„Come ti chiami, heißt das!“

„Sag mal, bist du immer so eine Besserwisserin?“, fauchte er sie an.

„Machen wir jetzt die Aufgabe oder nicht?“, legte Leonie zur Sicherheit noch einmal nach. Wie gut, er schien nichts zu merken! Dabei fühlte sie sich gar nicht so wohl in der Rolle der Besserwisserin, bloß was sollte sie tun?

Luca stöhnte noch einmal genervt auf: „Come ti chiami?“

„Mi chiamo Leonie!“

„Süßer Name!“, erwiderte er und musste unwillkürlich lächeln. Das war kein Spruch. Er fand den Namen wirklich bezaubernd. Leonie aber ignorierte sowohl das Kompliment als auch sein Strahlen und sagte nur: „Weiter!“ Sie war fest entschlossen, ihre Rolle durchzuhalten.

Ich frage sie gleich, was Oberzicke auf Italienisch heißt, schoss es Luca durch den Kopf, aber er schluckte das hinunter und fragte stattdessen: „Wie geht es dir?“

Jetzt war es an Leonie, genervt aufzustöhnen. „Come stai, heißt das!“

„Ja, ja, come stai?“, erwiderte er und fragte sich, was man so einem hübschen Geschöpf wohl angetan haben musste, dass es so spröde geworden war? Sie war doch so nicht auf die Welt gekommen – oder vielleicht doch?

„Eh, mica male!“

„Wie bitte?“

„Geht so, habe ich gesagt, weil ich keinen Bock habe, meine kostbare Zeit hier mit Erstklässler-Spielchen zu verplempern. Du hast ja wirklich keinen Schimmer! Komm, lass mich fragen. Come ti chiami?“

„Mi chiamo Luca!“, antwortete er und dachte: Doch, sie war wohl schon so auf die Welt gekommen!

„Come stai?“

„Bene, weil ich das Glück habe, neben der charmantesten Mitschülerin des ganzen Kurses zu sitzen.“ Dabei lächelte Luca nicht mehr. Langsam war er mit seiner Geduld am Ende. Um die Frau zum Lächeln zu bringen, brauchte man ja einen Seitenwandschneider.

„Was heißt auf Italienisch: Gehen Sie zum Lachen in den Keller?“, fügte er nun hinzu. Leonie sah ihn entgeistert an. Der Mann hielt sie wohl inzwischen wirklich für eine ausgemachte Schreckschraube. Dabei ist er süß, wenn er so ernst guckt, dachte sie und setzte, damit keiner merkte, dass sie sich bereits mit seinem Lächeln beschäftigte, gleich noch einen drauf.

„Di dove sei?“, fragte sie jetzt in strengem Ton.

„Ist das eine Beleidigung?“

„Woher kommst du, heißt das!“

„Sono di Amburgo!“

„Luca, molto bene“, lobte ihn Marina, die herumging und kontrollierte, ob die Zweiergruppen auch fleißig arbeiteten.

„Und nun fragt euch bitte nach euren Telefonnummern. Leonie, fang du bitte an!“ Mit diesen Worten ging die Signora weiter.

„Qual è il tuo numero?“, leierte sie herunter.

Luca grinste und schrieb ihr seine Handynummer mit den Worten: „Falls du mal Nachhilfe im Lächeln brauchst, ich bin immer für dich da!“ ins Lehrbuch.

Leonie rollte genervt mit den Augen. Luca grinste immer noch.

„Jetzt muss ich dich nach deiner fragen. Ausschließlich für den Kursgebrauch. Versteht sich. Also: Qual è il tuo numero?“

Leonie rappelte ihre Nummer hastig herunter: „Zero, uno, sette, tre, otto, nove, sette, uno, tre, due, cinque!“, bevor sie mitleidlos ergänzte: „Und du bist sicher, dass du wirklich Italienisch lernen möchtest?“

„Null, eins, sieben, drei, acht, neun, sieben, eins, drei, zwei, fünf“, wiederholte Luca, während er ihre Nummer hastig auf einem winzigen Schmierzettel notierte. Er wusste auch nicht, warum er das tat. Wahrscheinlich nur, um sie zu ärgern, schoss es ihm durch den Kopf, denn ich lege keinerlei Wert auf privaten Kontakt mit dieser humorlosen Streberin. Aber ich sollte ihr zumindest sagen, dass ihr das nicht steht, nahm er sich vor.

Leonie atmete sichtlich auf, als die neunzig Minuten Unterricht endlich vorüber waren. Dieser Typ hatte wirklich alles durcheinandergebracht. Sie beobachtete aus den Augenwinkeln, wie er schnell aufstand und dann zögernd stehen blieb. Groß, schlaksig, verwuschelte Locken und den Blick auf sie gerichtet. Aus funkelnden braunen Augen. Er sieht einfach zum Anbeißen aus, dachte sie und war froh, dass sie so einem Impuls niemals nachgeben würde. Dazu war sie viel zu vernünftig. Und dazu entsprach er viel zu sehr dem Männermodell charmanter Mistkerl.

„Wie wäre es mit einem vino?“, hörte sie ihn nun laut in ihre Richtung fragen, doch bevor Leonie ihm eine deftige Abfuhr erteilen konnte, hatte Signora Farinelli schon lauthals: „Sì, sì, gerne!“ gerufen.

Hastig raffte Leonie ihre Sachen zusammen und rauschte aus dem Kursraum, allerdings nicht, ohne den beiden noch „Viel Spaß!“ zu wünschen. Sie ärgerte sich maßlos. Sie wäre ja nie mit so einem wie ihm einen trinken gegangen, aber der Gedanke, dass die Farinelli ihn jetzt straflos anbaggern konnte, missfiel ihr außerordentlich.

„Aber ich wollte mich doch nur bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Ihre Hausaufgaben abgelesen habe“, rief er ihr jetzt versöhnlich nach.

„Schon erledigt, aber ich habe noch etwas vor“, erwiderte Leonie und ärgerte sich im selben Moment maßlos über diese schroffe Abfuhr, die sie ihm erteilt hatte. Vor allem weil sie gern noch ein Glas Wein getrunken hätte, statt allein nach Hause zu gehen, denn das mit der Verabredung war glatt gelogen.

Ob sie einfach zu Felix gehen sollte? Sie hatten sich schließlich über eine Woche nicht gesehen. So richtig Lust hatte sie keine, aber es wäre vernünftig, sich wieder zu vertragen.

Leonie rief ihn also von ihrem Handy aus an, auch wenn sie gleich wieder an seine dumme Liste denken musste. Trotzdem, er würde sich bestimmt freuen. Das jedenfalls glaubte Leonie. Felix klang allerdings nicht begeistert, als sie vorschlug, spontan bei ihm vorbeizukommen. Er brachte einige wichtige Argumente dagegen vor: Morgen früh hätte er eine Präsentation in der Firma seines Vaters zu machen. Dazu brauche er dringend seinen Schlaf, und er könne nicht schlafen, wenn sie nachts immer auf seine Seite rücke. Morgen vielleicht, schlug er vor. Leonie sagte gar nichts. Erst als sie aufgelegt hatte, rutschte es ihr lauthals heraus: „Blödmann! So ein Blödmann!“

„Oh, oh, da hat wohl einer was falsch gemacht!“, hörte sie nun eine süffisante Stimme neben sich sagen. Es war Luca, der an ihr vorbeiging – mit Marina Farinelli, die sich besitzergreifend bei ihm untergehakt hatte.

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!“, bellte Leonie zurück und fragte sich noch in demselben Augenblick, warum ihre Laune noch schlechter wurde, als sie ohnehin schon war. Jetzt, wo sie diesen Typen Arm in Arm mit Signora Farinelli sah? Sonst ließen sie solche Kerle doch einfach nur kalt. Jetzt drehte sich dieser Luca auch noch einmal um und lächelte. Es fehlte nicht viel, und sie hätte ihm die Zunge herausgestreckt, aber sie konnte sich gerade noch rechtzeitig beherrschen.

Auf dem Heimweg fiel ihr ein, was sie so wütend machte. Der Gedanke, dass sie gern noch mit diesem Kerl ein Glas Wein getrunken hätte! Denn eines war ihr sonnenklar: Dieser Luca hätte sie garantiert zum Lachen gebracht. Und das hätte sie an diesem Abend dringender gebraucht als alles andere. Zum Lachen in den Keller? Was der jetzt wohl von ihr dachte? Egal, der amüsierte sich nun mit Frau Lehrerin und war nicht einen einzigen Gedanken wert. Die Frage war nur, warum er ihr trotzdem noch im Kopf herumschwirrte.

2. KAPITEL

Leonie hatte in der Nacht schlecht geschlafen. Sie hatte doch tatsächlich von dem gestrigen Womanizer, von Signora Farinellis Herzblatt, geträumt, der versucht hatte, sie mit breitem Grinsen in ein Gourmetrestaurant abzuschleppen. „Komm mit! Komm!“, hatte er sie gelockt. „Hier gibt es alles, was dein Herz begehrt! Du bist doch eine Genießerin, oder?“

Von wegen! Genießerin. Er war im Traum genauso unverfroren gewesen wie im wirklichen Leben. Wieso hatte dieser Kerl überhaupt gewagt, sich in ihre Träume zu schleichen? Und warum fielen die Frauen nur reihenweise auf so einen wie ihn rein?

Bei dem Gedanken erreichte Leonies Laune einen neuen Tiefpunkt. Und die Erkenntnis, dass Luca anscheinend auch bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte, machte sie sogar ausgesprochen wütend.

Gerade negative Gefühle können binden, pflegte Sabrina immer zu sagen. Aber wo war die eigentlich? Obwohl sie bei ihrem Einzug hoch und heilig versprochen hatte, sich in Zukunft um das Frühstück zu kümmern, war es natürlich noch nicht gemacht. Auf dem Küchentisch standen stattdessen die dreckigen Weingläser samt Flasche und Pastaresten von Sabrinas gestrigem Frauenabend. Wahrscheinlich hielt sie ihren Schönheitsschlaf.

Missmutig kochte Leonie sich einen Kaffee und räumte den Tisch ab. Alle beneideten sie um ihre bildschöne, unkonventionelle Mutter. Toll, dachte Leonie, als sie endlich den ersten Schluck Kaffee nahm, die mussten ja auch nicht mit ihr leben. Nicht, dass sie Sabrina nicht gern bei sich aufgenommen hatte, nachdem sie wegen Papas Schulden aus ihrem Haus hatte ausziehen müssen, aber sie benahm sich immer noch so, als wäre sie die Gattin eines wohlhabenden Ehemanns. Und als würde das Mädchen alles wegräumen … Aber hier gab es kein Mädchen – außer Leonie! Manchmal wünschte sie sich so eine echt spießige Mutter, die mit Kittelschürze umherlief, ihre Kinder bekochte und die man Mutti nennen durfte. Und die vor allem ihre abgefressenen Nudelreste selber entsorgte.

„Morgen, Schätzchen!“, wurde Leonie jetzt begrüßt und sogleich abgeküsst, bevor sie in eine Fahne erstklassigen Parfums gehüllt wurde. Wovon sie sich das überhaupt noch leisten kann?, fragte sich Leonie, während Sabrina sich stöhnend auf einen Küchenstuhl fallen ließ.

„Du hast Kaffee gemacht. Du bist doch meine beste, allerallerbeste Freundin“, schnurrte Sabrina. Ich bin deine Tochter, lag es Leonie auf der Zunge, aber sie schluckte es hinunter. Es wäre zwecklos. Sabrina würde ihr einen Vortrag darüber halten, dass es für Gerd und sie immer wichtig gewesen wäre, ihr gute Freunde zu sein, denen sie alles sagen konnte. Dabei würde Sabrina dann bei aller Schwärmerei glatt wieder vergessen, dass derselbe Gerd mit Susa auf dem Schoß abgestürzt war, wie sie die Geliebten ihres Mannes überhaupt stets schlichtweg verdrängt hatte. Leonie aber wünschte sich von Herzen eine wirkliche Familie, wo noch klar war, wer welche Rolle spielte. Vater, Mutter, Kinder, basta!

Wie die Familie von Felix eben. Als sie ihn kennengelernt hatte, war sie schwer beeindruckt gewesen, weil er immer mit so viel Respekt von seinen Eltern sprach.

„Liebling“, pflegte er beim Thema Ehe und Familie gern zu sagen, „im Prinzip bin ich ganz deiner Meinung, aber so etwas will gut überlegt sein. Meine Eltern waren schließlich auch drei Jahre verlobt.“ Und vor zwei Wochen dann hatte er die Liste aufgestellt, was alles vor einer möglichen Heirat zu erledigen wäre. Romantik tauchte darauf allerdings nicht auf. Leonie seufzte leise in sich hinein, bevor sie erschrocken aus ihren Gedanken erwachte.

Romantik? Wie kam sie denn plötzlich auf so etwas? Natürlich musste eine Ehe gut überlegt werden. Romantisch war es bei ihren Eltern gewesen, wie Sabrina stets betonte, und wohin hatte das geführt? Nein, Felix hatte schon recht, wenn er sich Gedanken um Steuerklassen und künftige Erziehungsgelder machte. Aber dass er seine Eltern zuerst von ihren Qualitäten überzeugen zu müssen glaubte, das ärgerte Leonie irgendwie doch, Respekt hin oder her. Wenn er warten wollte, bis seine Mutter sie als Schwiegertochter akzeptierte, konnten sie es sowieso gleich vergessen. Leonie hatte Felix’ Eltern in den anderthalb Jahren erst dreimal gesehen und erinnerte sich nur äußerst ungern an das spitze Gesicht seiner Mutter, als die sagte: „Ach, Sie sind Verkäuferin?“ Nein, Leonie stand ganz sicher nicht auf der Liste der potenziellen Ehefrauen, die sich seine Eltern für ihren Sohnemann und Firmennachfolger wünschten.

Felix? Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie zum ersten Mal seit seiner Abfuhr gestern überhaupt wieder an ihn dachte und stattdessen mit einer Wut im Bauch auf Signor Unwiderstehlich eingeschlafen war.

„Und wie wird dein Tag?“, hörte sie ihre Mutter nun zwitschern.

„Ja, wie schon? Ich gehe arbeiten!“

„Oh, was ist dir denn über die Leber gelaufen? Hat dein kleiner Spießer wieder Listen aufgestellt?“ Sabrina kicherte.

Leonie ärgerte sich maßlos, dass sie ihrer Mutter neulich von seiner Vorliebe für Listen erzählt hatte. Sie hätte sich doch denken können, dass sie damit Öl auf die Flammen goss, denn Sabrina machte aus ihren Ansichten nie ein Geheimnis. Und ihrer Meinung nach war Felix der größte Langweiler auf Gottes weiter Erde. Leonie zog es vor zu schweigen. Sonst würde ihr Sabrina wieder Vorträge darüber halten, wie interessant ihre Ehe mit Gerd gewesen war. Nicht eine Sekunde Langeweile. Und Langeweile war das Schlimmste im Leben ihrer Mutter!

Autor

Linda Rudolph
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