Wie verführt man einen Gentleman?

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Endlich frei! Nach dem Ende ihrer lieblosen Ehe will Lady Beatrice das Leben in vollen Zügen genießen. Zunächst mit einer Reise durch England, für die sie den schneidigen Major Duncan McCameron als Begleiter engagiert. In seiner Nähe spürt Beatrice zum ersten Mal ein Aufwallen des Begehrens, das sie ihr Leben lang vermisst hat. Nichts wünscht sie sich mehr, als seine starken Hände überall auf ihrem Körper zu spüren … Doch der sture Major beharrt darauf, sich wie ein Gentleman zu benehmen – und der Verlockung nicht nachzugeben! Wie kann Beatrice ihn nur überzeugen, dass verbotene Früchte am süßesten schmecken?


  • Erscheinungstag 06.12.2022
  • Bandnummer 386
  • ISBN / Artikelnummer 0871220386
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

PROLOG

Eton College, 1797

Es war unmöglich, das Zischen zu ignorieren.

„Psst! Psst!“

In einem heldenhaften Versuch, sich auf den Aufsatz zu konzentrieren, den er und die anderen vier Jungen bis zum Ende des Tages verfassen mussten, hielt Duncan McCameron den Kopf gesenkt. Die schriftliche Arbeit gehörte ebenso zu ihrer Bestrafung wie der stundenlange Arrest in der Bibliothek, und obwohl er sich viel lieber draußen aufhielt und Ball spielte oder mit jemandem um die Wette rannte, sah er doch ein, dass es besser war, einen einigermaßen überzeugenden Text abzuliefern.

In der Abhandlung sollten sie sich mit der Frage auseinandersetzen, wer sie zu sein glaubten – eine lächerliche Fragestellung, genau besehen. Alle hier wussten, wer sie waren. Anderenfalls wären sie nicht Schüler in Eton gewesen.

„Psst!“ Wieder ertönte das irritierende Zischen hinter ihm. „He, McCameron!“

Ohne aufzustehen drehte Duncan sich um.

Den Hals gereckt, spähte Theodore Curtis grinsend zwischen den Bücherregalen hindurch. Normalerweise hatte Duncan wenig mit ihm zu tun, denn der ungeschlachte Curtis galt als Grobian und Querulant, der sich an keine Regeln hielt und angeblich der außereheliche Sohn eines Viscounts war. Duncan dagegen war der eheliche Sohn des Earl of Glenkirk – Träger eines altehrwürdigen schottischen Titels, der zurückreichte bis in die Zeit von Robert Bruce. Der Abstammung eines Menschen maß Duncan keine Bedeutung bei; was für ihn zählte, war der Charakter, und in Curtis erkannte er einen notorischen Gesetzesbrecher.

„Komm her.“ Curtis unterstrich die Aufforderung mit einer Handbewegung.

Duncans Blick glitt zu den anderen drei Jungen, die ebenfalls Hausarrest hatten. Der gelehrte Sebastian Holloway saß über sein Pult gebeugt, und seine Feder flog nur so über das Blatt Papier, auf dem er seine Aufgabe abarbeitete. Lord Clair hatte die Füße auf die Tischplatte gelegt, betrachtete Holloway nachdenklich und sann vermutlich darüber nach, wie er den Jungen dazu bringen konnte, den Aufsatz für ihn zu schreiben.

William Rowe dagegen, das Haar wirr abstehend wie immer, erwiderte seinen Blick unverwandt. Wie gewöhnlich trug er sein sonderbares leichtes Lächeln zur Schau.

„McCameron …“ Curtis verfiel in eine Art Singsang. „McCameronnn …“

Ihn nicht zu beachten war schlechterdings unmöglich, also sprang Duncan auf und marschierte zu den Regalen.

„Halt den Mund“, schnauzte er Curtis an. „Der Oberstufenschüler kann jede Minute wieder hier sein, und wenn er uns beim Reden erwischt, kriegen wir Dresche.“

„Was weißt du schon über Dresche.“ Curtis grinste höhnisch. „Du hast doch noch nie Bekanntschaft mit einem Rohrstock gemacht.“

„Im Gegensatz zu dir, für den er Routine ist“, schoss Duncan zurück.

Curtis schien ihm die Bemerkung nicht übel zu nehmen. Wenn überhaupt, wirkte er erfreut bei der Aussicht, seinen schlechten Ruf zu kultivieren. Ein Ehrgeiz, den Duncan nicht nachvollziehen konnte.

„Hilf mir, hier herauszukommen“, forderte Curtis ihn auf.

Duncan starrte ihn an. „Bist du noch ganz bei Trost?“

„Eddings hat die Tür hinter sich abgeschlossen, aber sieh mal da oben …“ Unbeeindruckt wies Curtis auf ein Fenster, das hoch oben in die Wand eingelassen war. „Mit etwas Unterstützung kann ich sicher dort hinaufklettern und nach draußen gelangen – und da du so sportlich bist, wirst du mir helfen. Ich wette, du schaffst es, überall hinzukommen, und ich brauche jemanden, der das Fenster aufstemmt, damit ich mich hindurchzwängen kann.“

„Ich fasse es nicht.“ Ungläubig starrte Duncan den Schulkameraden an. „Das ist verboten, Curtis.“

„Na klar, du Schwachkopf.“

„Genau darum geht es ihm doch“, ließ sich eine krächzende Stimme hinter Duncan vernehmen.

Als Duncan herumwirbelte, sah er sich Rowe gegenüber. Der Junge stand einen Meter entfernt, und aus der Nähe wirkte sein eckiges Gesicht mit den hellen Augen noch unheimlicher. Rowe hatte sich vollkommen geräuschlos genähert, und obwohl Duncan wusste, dass die Geschichten vom Feenvolk, die man Kindern erzählte, Unfug waren, hätte er jedes Gerücht, das behauptete, Rowe wäre ein Wechselbalg, unbesehen geglaubt.

„Es bringt ihm nichts, etwas zu tun, das nicht verboten ist“, fügte Rowe erklärend hinzu. „Habe ich recht, Curtis?“

Curtis runzelte verwirrt die Stirn, als könnte er nicht recht glauben, dass der unheimliche Rowe ihn ansprach, und schon gar nicht, dass seine Worte irgendwie Sinn ergaben.

Während sie für Duncan, der mit dem Wahlspruch der Familie – Würde, Ehre, Pflicht – aufgewachsen war, das genaue Gegenteil dessen bedeuteten, was er für erstrebenswert hielt.

Regeln gab es nicht umsonst. Ihm hatte man von Kindheit an beigebracht, dass Regeln existierten, um die Welt reibungslos am Laufen zu halten. Ohne sie bestand die Gefahr, dass alles irgendwann zusammenbrach.

„Was macht ihr da?“, ertönte mit einem Mal Clairs Stimme hinter Rowe. Es war klar, dass der beliebteste Schüler von Eton im Mittelpunkt des Geschehens sein musste.

„Wir machen gar nichts“, entgegnete Duncan bissig. „Curtis will, dass ich ihm helfe abzuhauen, aber das tue ich nicht. Schlimm genug, dass ich hier bin. Ich werde meine Situation nicht mit Aufsässigkeit noch verschlimmern.“

Curtis verdrehte die Augen. „Himmel. Was bist du doch für ein Tugendbold.“ Das letzte Wort sagte er wieder im Singsang, und vor Ärger biss Duncan die Zähne zusammen. „Kannst du nicht einmal ein bisschen lockerer sein? Wir müssen alle irgendwann sterben, warum gönnst du dir also nicht vorher ein bisschen Spaß? Wenigstens ab und zu.“

Duncan richtete sich gerade auf und ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er Curtis mitten in sein selbstgerechtes Gesicht geboxt, aber das durfte er nicht. Weil er genau deswegen hier war. Ein Schüler hatte ihn beschuldigt, beim Wettlauf geschummelt zu haben, und im nächsten Moment hatte sich der Bursche mit blutender Nase auf dem Boden wiedergefunden – außer Gefecht gesetzt von Duncan, dem erst in dem Moment klar geworden war, dass er seinem Ankläger einen Schlag verpasst hatte.

Er musste sich beherrschen. Einen Mitschüler niederzustrecken war ein Fehler gewesen. Ihn ein zweites Mal zu begehen hätte sich an der Grenze zur Anarchie bewegt.

Würde, Ehre, Pflicht.

„Du kannst mich mal“, erwiderte er stattdessen knapp.

Curtis stöhnte enttäuscht, während Duncan sich an Rowe und Claire vorbeidrängte, zu seinem Pult ging und sich auf den Stuhl fallen ließ. Er verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, nicht eingeschnappt zu sein. Schmollen war etwas für kleine Kinder, und über dieses Alter war er hinaus. Er war vierzehn und in wenigen Jahren würde er ein Offizierspatent haben und in der Armee Seiner Majestät dienen. Das war sein Plan, und er pflegte sich an seine Pläne zu halten.

Er wandte sich seinem Aufsatz zu, der Frage, die er seit frühester Jugend hätte beantworten können, seit er seine Zinnsoldaten auf dem Fußboden des Kinderzimmers in ordentlichen Kolonnen aufgestellt hatte. Er war von seinen Eltern und seinen Lehrern für seine außergewöhnliche Fähigkeit, Anweisungen zu folgen, gelobt worden – immer pünktlich zum Tee, das Spielzeug immer ordentlich an seinen Platz zurückgestellt, die Schularbeiten stets pünktlich erledigt –, was hieß, dass er ein hervorragender Soldat werden und dem erhabenen Namen seiner Familie Ehre machen würde.

Und dennoch spotteten diese Jungen – Rowe, Curtis, Clair – über Selbstbeherrschung und Disziplin. Sie schienen beides nicht als Werte zu betrachten, sondern eher als Hindernisse.

„Sch…schon in Ordnung, McCameron“, rief Holloway ihm stotternd zu. „Es schadet nichts, Regeln zu beachten.“ Er lächelte scheu.

Duncan erwiderte nichts darauf, fragte sich indes, ob Curtis recht hatte. Was, wenn sein ganzes Leben vorüberging, und er nur immer gehorsam gewesen war? Oder war es besser, wie Holloway sagte, die Regeln zu beachten und niemandem Schaden zuzufügen?

Verdammt, er wusste es nicht, und etwas nicht zu wissen ging ihm mächtig gegen den Strich.

Wenn nur dieser endlose Tag endlich vorüber wäre, damit er die Jungen loswerden und sein ordentliches, von Regeln strukturiertes Dasein weiterführen konnte. Dann würde alles wieder in Ordnung sein.

1. Kapitel

London, 1817

Die Menschen ächzten unter der drückenden Sommerhitze, kein Lüftchen regte sich. Über der Stadt lag eine stickige Dunstglocke, die einem das Atmen schwer machte. Duncan marschierte durch die Straßen von Mayfair, und am liebsten hätte er den Hut abgesetzt und sein Krawattentuch gelockert, aber in den annähernd zwanzig Jahren als Offizier bei den Queen’s Own Cameron Highlanders war es ihm zur zweiten Natur geworden, der Welt ein tadellos ordentliches Erscheinungsbild zu präsentieren, und selbst jetzt, da Frieden herrschte, konnte er die zwei Jahrzehnte militärischer Disziplin nicht einfach abschütteln.

Er war fast am Ziel, als sein Blick auf ein paar Arbeiter fiel, die die Fassade eines Gebäudes renovierten. Er beneidete die Männer um die Freiheit, ihre Jacken auszuziehen und die Hemdsärmel hochzukrempeln.

Nein, wenn er ehrlich war, beneidete er sie um mehr als die Freiheit, die sie sich bei ihrer Kleidung erlauben konnten. Sie gingen einem Beruf nach, hatten eine Aufgabe, für die sie täglich das Bett verließen; eine Aufgabe, die sicherstellte, dass sie des Nachts gut schliefen.

Etwas Vergleichbares konnte Duncan von sich nicht behaupten. Aber das würde sich hoffentlich bald ändern, und aus genau diesem Grund war er auf dem Weg zu Rotherbys Stadtresidenz. In der Gewissheit, dass sein zielloses Umhertreiben bald ein Ende finden würde, beschleunigte er seine Schritte.

Der Warnruf eines Mannes schreckte ihn aus seinen Gedanken.

„Passen Sie auf!“

Über ihm krachte es. Flüchtig aufblickend nahm Duncan wahr, wie ein Gerüstbrett sich gefährlich neigte und die Backsteine, die darauf gelagert waren, zur Kante rutschten. Einer der Maurer schaffte es, den Stapel aufzuhalten, doch ein Stein entkam und schoss genau auf Duncans Kopf zu.

Mit einer instinktiven, geschmeidigen Bewegung hechtete er zur Seite. Der Backstein zerschellte auf dem Bürgersteig.

Als Duncan sich einigermaßen sicher sein konnte, dass er außer Gefahr war, rappelte er sich auf die Füße und besah sich den zerborstenen Mauerstein. Wäre er nicht gerade noch rechtzeitig beiseitegesprungen, das Geschoss hätte seinen Schädel getroffen und sein Hirn auf der Straße verteilt.

„Um Himmels willen.“ Ein Handwerker kam auf ihn zu gelaufen. „Das war knapp. Aber alle Achtung.“ Der Mann schnippte mit den Fingern und maß Duncan mit einem bewundernden Blick. „Der Sprung war klasse. Sie haben nicht mal einen Kratzer abgekriegt.“

Duncan grinste schief. „Nach allen Begegnungen mit dem Tod, die ich schon hatte, wäre es wohl der Gipfel der Ironie, wenn ich mein Ende ausgerechnet auf dieser ruhigen, sonnenbeschienenen Straße in Mayfair gefunden hätte.“

Ein solcher Tod erschien ihm wie der Inbegriff der Sinnlosigkeit, und wenn er schon sterben musste, dann wenigstens aus gutem Grund. Doch selbst so hatte er in der gerade überstandenen Lebensgefahr nicht einmal einen Anflug von Angst verspürt. Er war zu oft mit dem Sterben konfrontiert gewesen, als dass er sich noch dazu herbeilassen mochte, die Existenz des Todes zur Kenntnis zu nehmen. Er war für ihn wie ein namenloser Gast in einer Schankstube, der dort regelmäßig auftauchte. Man nickte einmal in seine Richtung, dann richtete man seine Aufmerksamkeit auf sein Ale.

Der Krieg war nun seit über zwei Jahren vorbei, und vermutlich hätte er in der Zeit stärkere Bindungen an das Leben entwickeln sollen. Was es wohl über ihn aussagte, dass alles, was er an Gefühlen aufbringen konnte, nachdem er um ein Haar den Tod gefunden hatte, Gleichgültigkeit war?

Er sah ein, dass er etwas brauchte, das ihn motivierte. Und er hoffte zu Gott, dass Rotherbys Angebot genau das tat.

„Hören Sie“, der Handwerker kratzte sich am Schädel, „ich spendiere Ihnen ein Pint, wenn Sie mögen.“

Duncan zog seine Taschenuhr hervor und ließ den Deckel aufschnappen. „Besten Dank, aber in fünf Minuten habe ich eine Verabredung, und der kleine Tanz mit dem Tod hat Zeit gekostet.“

„Aber sicher würde Ihre Verabredung doch nichts dagegen haben, wenn Sie sich erst ein wenig die Kehle benetzen, zumal nach Ihrer Begegnung mit dem Sensenmann.“

„Der Sensenmann und ich sind gute Freunde.“ Duncan ließ die Uhr in die Westentasche gleiten und klopfte sich eine Spur Staub vom Hosenbein. „Und der Mann, mit dem ich verabredet bin, ist auch ein guter Freund. Wenn ich mich verspäte, hält er mir eine Predigt, die sich gewaschen hat.“ Er tippte sich an die Hutkrempe. „Einen schönen Tag noch.“

Der Rest des Weges zu Rotherbys eindrucksvollem Londoner Domizil verlief angenehm ereignislos, und innerhalb von Minuten stand Duncan unter dem säulengetragenen Portikus und betätigte den Klopfer.

Augenblicklich ging die Tür auf, und der Butler begrüßte ihn. „Major McCameron.“

„Symes.“ Duncan trat in die mit einer Gewölbedecke versehene Eingangshalle und reichte einem Lakaien seinen Hut. Bei der derzeitigen Hitze brauchte man keinen Mantel, und Duncan hatte für Allüren wie einen Spazierstock nichts übrig. Schließlich verfügte er über zwei gesunde Beine, oder etwa nicht?

„Seine Gnaden erwartet Sie im Arbeitszimmer.“

Symes brauchte ihm den Weg nicht zu zeigen. Duncan war unzählige Male bei Rotherby zu Gast gewesen, schon zu Zeiten, als dieser noch Lord Clair gewesen war, und so brachte er die kilometerlangen Korridore zwischen der Eingangshalle und dem Arbeitszimmer im Handumdrehen hinter sich. Weder ging er langsamer noch blieb er stehen, um die Kunstwerke und die kostbare Ausstattung zu bewundern, sondern hob nur, wie gewöhnlich, in zuneigungsvoll derber Manier zwei Finger, als er an Rotherbys Porträt vorbeiging, das kurz nachdem er die Herzogswürde geerbt hatte, gemalt worden war.

Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen, und Duncan trat umstandslos ein. Er fand Rotherby an seinem Schreibtisch, angewidert auf mehrere Haufen von Dokumenten starrend, die sich vor ihm auftürmten. Die Pflichten eines Dukes waren allem Anschein nach umfangreich und brachten offenbar auch gewaltige Mengen Papier mit sich.

„Glaubst du, es wird auffallen, wenn ich sie verbrenne“, fragte Rotherby, ohne aufzusehen, „und das ganze Haus mit ihnen?“

„Ihre Gnaden könnte etwas dagegen haben, ihr Zuhause zu verlieren.“ Duncan ließ sich in einen der beiden Sessel fallen, die vor dem Schreibtisch standen.

Bei der Erwähnung seiner Gattin blitzte ein Lächeln in Rotherbys unfassbar attraktivem Gesicht auf. Die beiden waren seit einem Monat verheiratet, nach einer Verlobungszeit von wenigen Wochen. „Ich nenne sechs Landsitze mein Eigen, was den Schlag etwas abmildern dürfte. Aber trotzdem, wenn du meinst, dass Jessica sich aufregt …“

„Sie ist eine anpassungsfähige Frau, aber ich weiß nicht, ob sie mit Brandstiftung einverstanden wäre.“ Der Zusammenstoß mit dem herabfallenden Backstein hatte Duncan kaum berührt, doch nun, da er in Rotherbys ruhigem Arbeitszimmer saß, das so wenig Ablenkung bot, pulsierte er nur so vor fieberhafter Unruhe.

Er sprang auf die Füße und marschierte zum Kamin, schüttelte die Hände aus, als bereitete er sich auf einen Kampf vor, und hatte für einen Moment das Gefühl, allein mit der Kraft seines Geistes ein Feuer in Gang setzen zu können, wenn er sich nur richtig konzentrierte. So rastlos und zynisch, wie er in den letzten zweieinviertel Jahren geworden war, hätte es ihn nicht überrascht, wenn er in der Lage gewesen wäre, mit bloßen Gedanken Flammen heraufzubeschwören.

„Eins deiner Anwesen wird bald mir anvertraut sein.“ Er versuchte, begeistert zu klingen. „Lass mich dir noch einmal danken, dass du mir die Position des Verwalters von Carriford angeboten hast.“

Völlig unerwartet war Rotherby bei seinem Hochzeitsfrühstück mit dem Vorschlag an ihn herangetreten. Anfangs hatte Duncan nur gelacht und geglaubt, er hätte es mal wieder mit einer der gelegentlichen menschenfreundlichen Schrullen seines Freundes zu tun. Aber Rotherby hatte es ernst gemeint, und nachdem Duncan das klar geworden war, hatte er die Position angenommen. Für gewöhnlich fanden jüngere Söhne keine Anstellung als Verwalter, doch seine Familie legte Wert darauf, dass man sich nützlich machte. Es war besser, eine Arbeit anzunehmen – in einem Bereich, der für einen Gentleman taugte, natürlich –, als dem Müßiggang zu frönen.

„Ich handele aus reiner Selbstsucht.“ Rotherby wedelte wegwerfend mit einer Hand. „Mr. Gregory geht in den Ruhestand, weil er mehr Zeit mit seinen Enkelkindern verbringen will, und da Carriford mein Lieblingsanwesen ist, brauche ich jemanden mit schwindelerregender Kompetenz, der die Nachfolge antritt.“

„Es wird nicht einfach sein, in Mr. Gregorys Fußstapfen zu treten …“

„Ach was, die Größe von Stiefeln ist nur halb so wichtig wie die Größe von Handschuhen.“ Rotherby trat an den Kamin, und sein Blick glitt zu Duncans Händen. „Ich war überrascht, dass du mit diesen Wurstfingern überhaupt ein Gewehr laden kannst.“

„Ich kann sogar sehr delikate Dinge damit tun. Über meine Finger hat sich noch nie eine Frau beschwert.“

Nein, das stimmte nicht. Er erinnerte sich an Susannahs Seufzer, weil seine Hände viel zu groß und zu grob waren für den Sohn eines Earls. Sie hatte ihm Handschuhe geschenkt in der Hoffnung, dass sie darin ein wenig eleganter wirkten – und der ganze Mann ebenfalls.

Gereizt verdrängte er die Gedanken an sie. Es war vorbei. Es war nicht mehr wichtig.

„Für die Aufgaben auf Carriford sind sie jedenfalls bestens geeignet“, sagte er ein wenig gepresst. „Vielleicht solltest du mir in einem halben Jahr einen Zwischenzeugnis ausstellen, um sicherzugehen, dass ich deine Erwartungen erfülle.“

„Das ist nicht nötig …“

„Ist es doch.“ Es war ein Indiz für die Strapazierfähigkeit ihrer Freundschaft, dass er dem Duke ohne einen Tadel zu riskieren ins Wort fallen konnte. „Ich weiß zu schätzen, was du für mich getan hast, aber was ich erhalte, soll wirklich verdient sein. Auch diese Stellung, selbst wenn es einer meiner besten Freunde ist, dem ich sie verdanke.“

„Dein Vater hat dir ein Offizierspatent gekauft“, rief Rotherby ihm in Erinnerung.

„Ich hatte keine Wahl, denn er kündigte mir an, den Geldhahn zuzudrehen, wenn ich nicht zum Militär gehe. Aber ich bin nicht Major geworden, weil ich meinen Burschen angebrüllt habe, meine Stiefel zu polieren.“ Duncan stützte einen Ellbogen auf den Kaminsims. „Lass dir gesagt sein, Rotherby, ich meine es ernst. Meine Anstellung muss an die Bedingung geknüpft sein, dass meine Leistungen angemessen sind.“

Mit dieser Entscheidung rang er, seit Rotherby ihm die Position angetragen hatte. Die Stimme in seinem Kopf hatte schreckliche, gemeine Dinge geflüstert. Dass sein Freund ihm das Angebot nur aus Mitleid mache – auch wenn er hoffte, dass die Arbeit seinem Dasein den Sinn gab, der ihm fehlte.

Hätte Duncan den Auftrag gehabt, eine Liste von Aktivitäten abzuarbeiten, aus denen sein Leben in Friedenszeiten bestehen sollte, er wäre der Aufstellung buchstabengetreu gefolgt. Doch trotz aller Treue zu Vorschriften trieb ihn eine innere Rastlosigkeit um, die sich nicht beherrschen ließ. Und das lag zweifellos an ihm.

Ihm fehlte etwas. Etwas, das seinen Körper beschäftigt hielt und mehr noch seinen Verstand. Aber nichts schien seine Aufmerksamkeit noch fesseln zu können, und er fand es annähernd unmöglich, Vergnügen an den Dingen zu finden, die ihm früher Spaß gemacht hatten.

Rotherby war seit vier Wochen verheiratet, und seit rund einem halben Jahr auch Holloway. Nun, da zwei Mitglieder der Vereinigung der Wüstlinge mehr Zeit zu Hause verbrachten als früher, trafen sich die anderen weniger häufig. Doch Duncan war schon vorher, als seine vier Freunde sich die Nächte in Spielhöllen, Theaterlogen und auf privaten Partys um die Ohren geschlagen hatten, rastlos gewesen. Er hatte sich oft dabei ertappt, wie sein Blick zur Tür gewandert war, als wartete er darauf, dass jemand hereintrat, jemand, der das Heilmittel für seine Unzufriedenheit in der Hand hielt.

In den letzten Monaten hatte er sich rigoros an seine Zeitpläne gehalten. Aufstehen um sechs Uhr morgens, anschließend geschlagene zwei Stunden körperliche Ertüchtigung, dann ein Bad und ein leichtes Frühstück, gefolgt von einer Tätigkeit, mit der er sein Einkommen aufbesserte, indem er die Bücher von Freunden und Bekannten prüfte. Um Punkt vier Uhr am Nachmittag ein Ausritt nach Hampstead Heath und zurück – auf der Rotten Row war es zu voll für einen anständigen Galopp –, dann machte er sich frisch und traf sich mit seinen Freunden. Gleichgültig, wann er schließlich zu Bett ging, er stand um sechs Uhr am nächsten Morgen auf, genau, wie er es festgelegt hatte.

Tag für Tag für Tag.

Er verbrachte seine Zeit also so, wie es sich für einen Gentleman in Friedenszeiten gehörte, und hätte zufrieden sein sollen.

Stattdessen war er ständig gereizt, und wenn er mit seinen Freunden lachte, klang es in seinen Ohren so gezwungen, dass er schon glaubte, er würde nicht über die innere Feinstofflichkeit verfügen, die es für Fröhlichkeit brauchte.

Vielleicht war die Arbeit auf Rotherbys Anwesen die Rettung. Hoffentlich.

Sein Freund sah aus, als wollte er Widerspruch gegen das Zwischenzeugnis einlegen, aber dann schien ihm die Vergeblichkeit eines Streits mit einem Schotten klar zu werden, und er warf die Arme in die Luft. „Wie du willst, du störrischer Esel.“

„Lass uns die Abmachung besiegeln.“ Duncan streckte eine Hand aus.

Rotherby schüttelte sie. „Auf Treu und Glauben. Wie es sich für Gentlemen gehört.“

„Außer dass du vor deiner Heirat zwar schon ein Duke, aber kein Gentleman warst.“

„Jessica wäre nicht sehr erbaut, wenn ich plötzlich betulich würde. Andererseits, wenn es ihr missfiele, wäre vielleicht eine Strafe fällig …“ Rotherbys Blick wurde glasig, als stünde ihm etwas außerordentlich Genussvolles vor dem inneren Auge.

„Um Himmels willen! Davon will ich nichts hören!“ Duncan verzog das Gesicht. „Die Ernte beginnt bald, und ich brauche eine lückenlose Aufstellung der Pächter und ihrer voraussichtlichen Erträge.“

Rotherby strich sich über die tadellos glatten Rockaufschläge. „Ich habe dich heute nicht hergebeten, um über die Stellung zu reden.“

Duncan hob eine Braue. „Sondern? Wollen wir ausgehen heute Abend?“

Trotz seiner nagenden Unzufriedenheit stellte ein Treffen mit seinen Freunden für ihn eine erfreuliche Aussicht dar. An den Abenden, an denen sie nicht konnten, pflegte er bei Brook’s Billard zu spielen, doch das war keine wirkliche Ablenkung. Und er konnte es ihnen nicht wirklich verübeln, dass sie sich seltener trafen, zumal Rotherby und Holloway ihm glücklicher vorkamen als je zuvor.

„Kein Ausgehen, und es dreht sich eher um eine Woche.“ Rotherby reckte das Kinn. „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Duncan ohne zu zögern. Auch wenn er sich Rotherby nicht verpflichtet fühlte, hieß Freundschaft für jeden von ihnen, die sie seinerzeit ihre Strafe in der Bibliothek von Eton abgebüßt hatten, alles für die anderen zu tun – so fraglos, dass es keiner Erwähnung bedurfte. „Worum geht es?“

Rotherby trat an den Wandtisch, auf dem die Karaffen standen, und schenkte zwei Gläser voll. Was allein schon ein Hinweis darauf war, dass etwas Ungewöhnliches vorging. Als Junggeselle hatte Rotherby praktisch den ganzen Tag Alkohol getrunken. Doch seit er verheiratet war, genehmigte er sich erst nach Sonnenuntergang das eine oder andere Getränk.

Er reichte Duncan ein Glas, und sie tranken einen Schluck. Unabhängig davon, was der Grund dafür sein mochte, dass Rotherby seine Enthaltsamkeit von hochprozentigem Alkohol während des Tages brach, wusste Duncan den hervorragenden Whisky zu schätzen. Wie jeder gute Highlander vertrat er die Auffassung, dass Whisky entweder aus Schottland stammte oder aber bernsteinfarbenes Spülwasser war.

„Eine Kleinigkeit, genau besehen“, antwortete Rotherby nach einer Weile. „So etwas wie Ferien eigentlich. Ich habe eine Freundin, die zu einer Hausparty in Nottinghamshire reist. Sie hat ihre Gesellschafterin dabei, aber da sie eine enge Freundin von Jessica ist, liegt mir ihre Sicherheit sehr am Herzen.“

„Und ich soll sie auf dieser Reise nach Nottinghamshire begleiten.“

„Ich wäre beruhigt, wenn ich wüsste, dass sie dich – einen verdienten Soldaten – als Leibwächter an ihrer Seite hat. Jemand, der übelwollende Kerle von ihr fernhält. Sie ist Witwe und durchaus weltgewandt, aber man weiß nie, wer sich da draußen herumtreibt und eine allein reisende Frau auszunutzen versucht.“

„Das verstehe ich.“ Duncan nahm noch einen Schluck und ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Es hörte sich einfach an, und angesichts der spätsommerlichen Hitze in der Stadt, die ohnehin zu dieser Zeit des Jahres wie ausgestorben war, konnte ein Ausflug aufs Land nur erfrischend sein. Weite Strecken in der Kutsche waren nicht ideal – er hätte es vorgezogen zu reiten –, aber wenn die Gesellschaft angenehm war, würde er sich bemühen, ein anständiger Reisebegleiter zu sein.

„Dann machst du es?“ Rotherby klang beinahe gleichgültig.

„Wie du sagtest, eine Woche auf dem Land ist eher ein Ferienaufenthalt. Wenn ich zurück bin, schließe ich die Vorbereitungen für den Umzug nach Carriford ab.“ Duncan trank aus, stellte das Glas auf den Kaminsims. „Erzähl mir von der Dame, die ich nach Nottinghamshire begleiten soll. Meiner begrenzten Erfahrung nach sind Witwen unterhaltsame Gesellschaft, und aus einem mir unerfindlichen Grund finden Dowager und ältere Damen mich unwiderstehlich und flirten hemmungslos mit mir. Ich spiele gern den galanten Kavalier für sie. Sie fühlen sich dann angeblich wieder jung.“

„Diese Witwe ist eigentlich keine ältere Dame.“ Rotherby schlenderte zum Klingelzug. „Übrigens ist sie gerade bei uns. Im Salon, sie trinkt Tee mit Jessica.“ Als kurz darauf ein Lakai eintrat, wies Rotherby ihn an: „Führen Sie den Gast Ihrer Gnaden in mein Arbeitszimmer.“

Der Bedienstete machte eine Verbeugung und entfernte sich wieder.

„Wie macht sich die Seife von McGale & McGale?“, erkundigte Duncan sich höflich, während sie warteten.

Rotherby strahlte vor Stolz. „Jessica ist ein Wunder. Das Auftragsvolumen hat sich binnen eines Monats verdreifacht. Wenn die Firma weiter in dieser Geschwindigkeit expandiert, werden wir sämtliche Einwohner von Honiton und der angrenzenden Ortschaften anheuern müssen.“

Duncan nickte anerkennend, verspürte jedoch gleichzeitig einen Anflug von Neid. Er freute sich, seinen Freund so verliebt in seine Gattin zu erleben, spürte aber auch umso deutlicher, wie leer sein eigenes Leben war – schon viel länger, als ihm lieb sein konnte.

Die Tür ging auf, und der Lakai machte einen Schritt beiseite, um jemanden eintreten zu lassen. Einen Moment später erschien eine umwerfende Frau im Raum. Sie trug ein sommerlich dünnes blaues Seidenkleid, und um ihren großzügig geschnittenen Mund spielte ein leichtes Lächeln.

Duncan warf Rotherby einen ungehaltenen Blick zu. Der verdammte Mistkerl wusste genau, was er von der Dame hielt, und ihm wurde klar, dass der Freund ihren Namen mit Absicht unterschlagen hatte. Duncan atmete langsam aus. Hätte er gewusst, um wen es sich handelte, er hätte sich nicht annähernd so bereitwillig auf die Mission eingelassen.

„Lady Farris.“ Rotherbys Stimme war so glatt wie ein geschliffener Stein. „Ich glaube, Major Duncan McCameron kennen Sie schon.“

„Major McCameron.“ Ihr Lächeln bekam etwas Ironisches, und sie streckte ihm eine Hand entgegen. „Wir haben uns im Juni kennengelernt.“

„Lady Farris.“ Duncan neigte den Kopf und hob ihre Hand an seine Lippen. Ein Hauch ihres blumigen Parfüms stieg ihm in die Nase. Es war kein schwerer, süßlicher Duft. Ganz im Gegenteil. „Auf Carriford, Madam.“

Er richtete sich auf und musterte sie. Sie war eine faszinierende Frau mit ausgeprägten Gesichtszügen und kühn geschwungenen dunklen Brauen. Silberne Strähnen durchzogen ihr rötlich braunes Haar, und in den Winkeln ihrer dunkelbraunen Augen entdeckte er feine Linien. Er war nicht gut darin, das Alter von Menschen zu schätzen, doch er konnte sehen, dass ihre Mädchenjahre schon eine Weile hinter ihr lagen. Mit ihren vollen Lippen und der Art, wie sie sich hielt, strahlte sie eine reife Sinnlichkeit aus, beinahe so, als wollte sie sich jeden Moment vorbeugen und einen erotischen Vorschlag in ein williges Ohr flüstern.

Wie es wohl sein mochte, der Besitzer jenes Ohrs zu sein?

Augenblicklich schob Duncan den fehlgeleiteten Gedanken beiseite und rief sich in Erinnerung, dass er eine Frau vor sich hatte, die so merkwürdige Dinge tat wie auf Bäume klettern und auf dem Dach sitzen und den Mondaufgang beobachten und schallend zu lachen; eine Frau, die einfach eine Zumutung war. Er hatte es nicht geschafft, den Blick von ihr abzuwenden, außerstande, seine Aufmerksamkeit auf jemand anderen zu lenken.

Sie benahm sich nicht wie eine respektable Dowager Countess. Wie sollte man sich einer Frau von Stand gegenüber verhalten, die sich anscheinend nichts aus Umgangsformen machte und nicht einmal annähernd die Erwartungen erfüllte?

Selbst seinen Freunden war nicht entgangen, dass er sich in ihrer Gegenwart in einen schroffen, misslaunigen Bären von einem Mann verwandelt hatte, worauf er wahrhaftig nicht stolz war. Leider hatte er sich in ihrer Nähe jedes Mal ungeschickt und wenig liebenswürdig verhalten.

„Ihr Schlafgemach lag neben meinem“, sagte sie in seine Gedanken hinein, „und immer, wenn ich im Zimmer herumging, hörte ich die Dielen in Ihrem knarren, als setzten Sie Ihre Schritte im gleichen Rhythmus wie ich meine.“

„Ich habe einen leichten Schlaf, Madam.“ Das stimmte, doch in jener Nacht, die sie Wand an Wand verbracht hatten, war er sich mit jeder Faser ihrer Anwesenheit nebenan bewusst gewesen. Ihre Rastlosigkeit in jener Nacht hatte seine eigene befeuert.

„Dann sollen Sie also mein Aufpasser sein, Major?“ Eine neckende Note schwang in Lady Farris’ Stimme mit.

„Ich begleite Sie nach Nottinghamshire, Madam“, antwortete er ernst. „Die Reise wird je nach Straßenverhältnissen vier, fünf Tage dauern. Ehe wir aufbrechen, hätte ich gern eine Aufstellung sämtlicher Orte auf dem Weg, in denen wir halten, und eine Liste der Gasthäuser, in denen eine Dame von Stand übernachten kann. Jeder einzelne Moment sollte belegt sein.“

Es zuckte um Lady Farris’ Lippen. „Auch die Zeiten für Toilettenbesuche?“ Als er keine Antwort gab, fuhr sie fort: „Und was die Mahlzeiten angeht, sollte ich vielleicht überlegen, wie lange ich pro Bissen brauche. Aber beinhaltet das nur Kauen oder Kauen und Schlucken? Und natürlich kommt das Abtupfen des Mundes mit der Serviette hinzu.“

Duncan biss die Zähne zusammen und sah sie unverwandt an. „Sie müssen diese Maßnahmen ernst nehmen, Madam.“

„Muss ich? Sie sind ein so ernster Mensch, ich bin sicher, Sie sind ernst genug für uns beide.“ Und wieder lächelte sie dieses Lächeln, das neckend war und spöttisch zugleich.

Es war unmöglich, dieser Frau Vernunft beizubringen, also versuchte er es gar nicht erst.

„Ihre Miene ist selbst für Ihre Verhältnisse außergewöhnlich finster, Major. Ich könnte wetten, beim düster Dreinblicken haben Sie sich einen Orden verdient. Den Mürrischen Blick am Bande.“

Rotherby lachte leise in sich hinein, fing jedoch an zu hüsteln, als der Freund ihn drohend anstarrte.

Als Duncan nichts darauf erwiderte, ließ Lady Farris eine Braue in die Höhe schnellen und wandte sich zu Rotherby um. „Sosehr ich Ihre Bemühungen, einen Begleiter für mich zu finden, schätze, sollten wir vielleicht nach jemandem Ausschau halten, der weniger …“, sie musterte Duncan von oben bis unten, „straff organisiert ist.“

„Major McCameron ist für diese Aufgabe hervorragend geeignet“, erwiderte Rotherby rasch. „Bei der Reise einen ehemaligen Soldaten an Ihrer Seite zu haben ist in diesen unsicheren Zeiten ideal.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Meinetwegen.“

„Wenn Sie mich nicht als Begleiter wollen“, meldete Duncan sich angespannt zu Wort, „wird es mir eine Freude sein, Ihren Wünschen zu entsprechen und in London zu bleiben.“

„Lady Farris.“ Rotherby lächelte charmant und legte Duncan eine Hand auf den Arm. „Darf ich um ein Wort unter vier Augen mit dem Major bitten?“

„Aber selbstverständlich.“ Sie schlenderte zu den Bücherregalen und nahm ein Buch heraus. Angesichts der Schnelligkeit, mit der sie die Seiten durchblätterte, war klar, dass sie nur so tat, als würde sie lesen.

Duncan ließ sich zum Fenster ziehen. Dass er sich bei jeder Bewegung in Lady Farris’ Gegenwart ungeschickt fühlte und ebenso, wenn er den Mund auftat, ging ihm mächtig gegen den Strich.

„Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?“ Auch dieses Mal entsprach Rotherbys leichter Ton nicht dem Inhalt seiner Frage. „Die Dowager Countess ist absolut liebenswürdig …“

„Absolut irre“, fiel Duncan ihm leise ins Wort. „Du lieber Himmel, auf Carriford ist sie auf Bäume geklettert. Welche erwachsene Frau tut so etwas?“

Laut klappte Lady Farris das Buch zu und stellte es mit viel Aufhebens zurück ins Regal. Sie zog ein anderes heraus und gab sich ausgesprochen desinteressiert.

Rotherby lehnte sich zu Duncan vor. „Darf ich deine Erinnerung an die Nacht, als du und Rowe in den Tower von London eingebrochen seid und einen Pfau gestohlen habt, auffrischen? Gott sei Dank bin ich ein Duke, sonst wärt ihr beide verhaftet worden.“ Er warf einen raschen Blick in Richtung der Countess, dann sprach er weiter: „Erspar mir deine Beschwerden über unangemessenes Benehmen. Zuweilen verhältst du dich nämlich kein bisschen besser als ein unberechenbares Tier.“

Duncan verspannte sich. „Im Kreis der Wüstlinge, ja. Außerhalb …“ Er atmete aus, und es hörte sich rau und zerhackt an. Alles in seinem Leben fühlte sich rau und zerhackt an. „Der Krieg verändert einen Menschen, Rotherby. Er hat mich verändert.“

Der Blick des Freundes wurde weich. „Ich weiß.“

Dankbarkeit durchströmte Duncan. Bei all seiner Überheblichkeit konnte Rotherby sich erstaunlich gut in andere einfühlen. Nun ja – wenn es die Mitglieder der Vereinigung der Wüstlinge betraf. Bei allen anderen rutschte Rotherby schnell in seine herzogliche Arroganz.

Doch wenn es überhaupt jemanden gab, dem Duncan sein Innerstes anvertrauen konnte, dann war es Rotherby.

„Ich war für meine Männer verantwortlich“, sagte er leise. „Nicht nur für ihr Tun als Soldaten, sondern auch für ihr Wohlergehen als Menschen. Ich war es, der über ihren Schlaf wachte, ich war es, dem es oblag, für ihren Proviant zu sorgen und sicherzustellen, dass sie in eroberten Städten nicht randalierten.“

Er ballte die Hände zu Fäusten, öffnete sie und spreizte die Finger, als müsste er Fluten von Erinnerungsbildern zurückdrängen. „Ich war verantwortlich, in jedem einzelnen Moment, und konnte mir den Luxus, frei zu sein und mich gehen zu lassen, nicht erlauben.“

Er blickte aus dem Fenster, das auf die Terrasse und den angrenzenden Garten hinausging, doch er sah nicht die hübsche, wohlgepflegte Anlage, sondern die Schlachtfelder und die zerstörten Städte Spaniens. „Ich kann das alles nicht abstellen wie einen Zapfhahn.“

„Ich verstehe.“ Rotherby legte dem Freund eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. „Ich wollte dir nur eine kleine Auszeit verschaffen. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass die Reise in irgendeiner Hinsicht gefährlich wird, sodass du dich ein wenig von der Hitze und der Langeweile der Stadt erholen könntest.“

„Ich weiß es zu schätzen“, entgegnete Duncan ernst.

„Wenn es jedoch schwierige Gefühle in dir auslöst, die Countess nach Nottinghamshire zu begleiten, musst du dir keinen Zwang antun. Ich entlasse dich aus jeder Zusage.“

Es war die Gelegenheit, sich ohne Ehrverlust aus der Sache zurückzuziehen. Andererseits … „Wie du schon sagtest, die Countess ist eine Freundin von euch.“

„In erster Linie von Jessica, aber ich teile ihre Wertschätzung. Und es wäre Jessica eine Erleichterung zu wissen, das Lady Farris sicher ist.“

„Wenn das Wohlergehen der Countess deiner Frau so am Herzen liegt, werde ich dafür sorgen, dass sie gut ankommt.“ Für Duncan war Freundschaft kein Austausch von Gefälligkeiten. Er erwartete keinen Ausgleich, wenn er einem seiner Freunde half, und er wusste dass es für seine Freunde genauso war.

Doch Rotherby hatte ihm eine zweite Chance gegeben, die Möglichkeit, als Verwalter von Carriford Sinn und Zweck in seinem Leben zu finden. Eine Woche in der Gesellschaft der nervigen Countess war ein geringer Preis für diesen unermesslichen Gewinn. Er stand in Rotherbys Schuld, und er würde nicht mehr in den Spiegel blicken können, wenn er sich nicht für die Großzügigkeit seines Freundes revanchierte.

Rotherby atmete langsam aus und sah Duncan lächelnd an. „Sie ist bei dir in den besten Händen.“ Er wandte sich zu Lady Farris um. „Ich glaube, wir sind uns einig, Mylady.“

In ihrem fließenden blauen Kleid kam die Countess auf sie zu, und Duncan erhielt einen flüchtigen Eindruck ihres weit ausgreifenden Schritts. „Danke für Ihre Bemühungen, Euer Gnaden“, sagte sie, als sie zu ihnen trat. „Und Ihnen, Major“, sie drehte sich halb zu Duncan, „sollte ich wohl sagen, dass ich Sie gründlich enttäuschen muss, wenn es um einen konkreten Zeitplan geht. Mein Kutscher kennt die Strecke, aber wann und wo wir anhalten, hängt von den Straßenverhältnissen und dem Zustand der Pferde ab.“

„Eine Schätzung der Fahrleistung liegt nicht gänzlich außerhalb des Möglichen“, antwortete er steif.

„Ich brauche keinen Aufseher, Major.“

„Und ich habe nicht die Absicht, einer zu sein, Madam.“

Sie hob einen Finger. „Ich brauche Sie, um sicherzustellen, dass meine Kutsche nicht von Straßenräubern überfallen wird und niemand mich belästigt.“

„Für all das werde ich sorgen.“ Er würde zu verhindern wissen, dass ihr auf dieser Reise etwas Schlimmes widerfuhr. „In meiner Begleitung wird Ihnen nichts geschehen. Wenn ich eine Aufgabe übernehme, führe ich sie auch aus.“ Er machte eine militärisch knappe Verbeugung – und hörte sie ausatmen. Er war sich nicht sicher, doch es klang, als fände sie ihn amüsant.

Sein Rückgrat wurde zu Eisen.

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und strich sich mit einer Hand über die Kehle. Die Geste schien eine Gewohnheit von ihr zu sein. Sein Blick folgte dem Weg ihrer Finger über ihre Haut, hielt inne, wenn ihre Fingerspitzen innehielten. „Wir brechen morgen in der Dämmerung von meinem Stadthaus aus auf.“

„McCameron ist pünktlich“, erklärte Rotherby zuversichtlich. „Immer genau da, wo er sein soll.“

Was das anging, war er sich nicht so sicher. Duncans Blick folgte der Countess, als sie herumwirbelte und aus dem Raum schwebte.

2. Kapitel

Wie packte man für eine Orgie?

Es war eine Frage, die Beatrice Sloane, Dowager Countess of Farris, sich noch nie hatte stellen müssen, doch die Aussicht erfüllte sie mit schwindelerregender Freude. Sie ließ ihren halb vollen Koffer stehen, eilte zum Schreibtisch, auf dem ein halb fertiger Brief an ihren ältesten Sohn lag, und wieder zurück. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, aber daran ließ sich nichts ändern, wenn sie praktisch im Begriff war, den letzten Schritt auf der Reise zu ihrer persönlichen Erfüllung zu unternehmen.

Edward war seit drei Jahren tot, und sie hatte die Trauerzeit vor zehn Monaten beendet. Seitdem tat sie alles, um das Leben zu leben, das sie sich immer gewünscht hatte, das ihr jedoch jahrzehntelang versagt gewesen war. Und nun gestattete sie sich endlich etwas, von dem sie lange geträumt, aber nie die Möglichkeit gehabt hatte, es wahr werden zu lassen.

„Wollten Sie das halbtransparente Negligé mitnehmen, Mylady?“ Jeanie, ihre Gesellschafterin stand im Türdurchgang ihres privaten Salons. „Oder den durchsichtigen Morgenrock?“

Die Schreibfeder noch in der Hand, hielt Beatrice inne und dachte nach. Bei Orgien trug man wahrscheinlich hauchdünne Kleidung und Unterwäsche; Sachen, die sich leicht ausziehen und womöglich auch aufreißen ließen.

Was für köstliche Aussichten.

„Lucy soll beides einpacken“, sagte sie nach kurzem Überlegen. „Es kann nicht schaden, auf alles vorbereitet zu sein. Und sorgen Sie dafür, dass sie die alten einpackt, die leicht reißen.“

„Sie wird sicher erraten, weshalb“, erwiderte Jeanie zögernd.

„Und wenn schon.“ Beatrice lachte leise. „Was Schicklichkeit angeht, war ich die letzten Monate ohnehin kein Vorbild.“

Es gab ein paar Schurken – Mitglieder des ton –, die nichts unversucht gelassen hatten, um sie auf ihr Niveau herunterzuziehen. Kurz nach dem Ende der Trauerzeit hatten sie eine Wette abgeschlossen, in der es darum gegangen war, wer von ihnen sie als Erster in seinem Bett haben würde. Zum Glück hatte sich ein Freund von ihr eingeschaltet und die Lumpen in die Schranken gewiesen.

Beatrice hatte sich geschworen, dass niemand außer ihr selbst noch jemals Verfügungsgewalt über ihren Körper erlangen würde – ein weiterer Grund dafür, dass sie es kaum erwarten konnte, Lord Gibbs Hausparty zu besuchen. Sie würde es sein, die darüber entschied, mit wem sie das Bett teilte.

Jeanie nickte, und ging in das nebenan liegende Schlafgemach, wo die Zofe das Packen für die Reise und die orgiastische Hausparty beaufsichtigte.

Beatrice gestattete sich ein leises Lachen – ein Kichern eher –, dann versuchte sie ihrer freudigen Erregung Herr zu werden, damit sie den Brief an Antony beenden konnte. Sie musste ihm mitteilen, dass sie für die kommenden vierzehn Tage auf Reisen war, ohne ihm natürlich zu sagen, wo sie hin wollte. Es gab Dinge, die musste ein Sohn von seiner Mutter nicht wissen – etwa dass sie an einer mehrtägigen, durch und durch schmutzigen Ausschweifung teilnahm.

Als sie das Schreiben beendet hatte, streute sie Sand darüber und rief den Lakaien herbei, damit er den versiegelten Brief auf den Weg brachte.

Jeanie kam wieder und strich sich über das weizenblonde Haar. „Lucy hat Ihre durchsichtigsten Hemden eingepackt. Mir scheint, sie weiß genau, weshalb Sie sie mitnehmen wollen. Vermutlich rennt sie zur Beichte, sobald wir losgefahren sind.“

„Das arme Lämmchen.“ Lächelnd ließ Beatrice den Blick über ihren Bücherschrank gleiten. Die Bibliothek lag im Erdgeschoss, doch der private Schrank enthielt eher schlüpfrige Werke einschließlich des letzten Romans der Lady von Zweifelhaftem Ruf. Es war immer gut, diese Art Lesestoff in der Nähe des Betts zu haben. „Welches soll ich mitnehmen? Die Verführung des Wegelagerers? Oder Einen Wüstling verführen?

Jeanie hob eine Braue. „Glauben Sie, Sie werden überhaupt dazu kommen zu lesen?“

„Es steht zu bezweifeln, aber vielleicht brauche ich Anregung. Dann kann ich dort nachschlagen.“ So oft, wie sie Die Verführung des Wegelagerers schon gelesen hatte, war sie wohlvertraut mit dem Inhalt und konnte sich die Szenen ohne Weiteres in Erinnerung rufen. Also wählte sie Einen Wüstling verführen.

Sie stopfte das Buch in ihre Reisetasche, zu dem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen, das nicht weniger als zwölf Schwämme enthielt sowie eine Flasche Essig. Die Besitzerin des Orchid Clubs hatte ihr diese wirkungsvolle Methode der Empfängnisverhütung empfohlen, denn mit sechsundvierzig Jahren wollte Beatrice kein Kind mehr austragen. Zwei erwachsene Söhne und eine erwachsene Tochter reichten völlig. Selbst wenn sie die Tortur einer Schwangerschaft körperlich überstanden hätte, geistig und emotional wäre das sicher nicht der Fall.

„Meine Vermittlungsagentur würde der Schlag treffen, wenn sie wüsste, dass ich Sie zu Lord Gibbs einwöchigem Bacchanal begleite.“ Jeanie lächelte.

„Machen Sie mit“, schlug Beatrice strahlend vor. Es war vielleicht nicht unbedingt üblich, eine Gesellschafterin bei einer mehrtägigen Orgie dabeizuhaben, aber andererseits gaben Handbücher über Etikette kaum Auskunft über diese Frage.

Jedenfalls würde die Orgie wirklich stattfinden, und das Beste war, sie, Beatrice, nahm daran teil. Sie musste niemanden um Erlaubnis bitten, nicht auf Zustimmung warten, nur ihre eigenen Wünsche erfüllen.

„Danke.“ Jeanie machte eine abwehrende Handbewegung. „Aber für diese Art Zeitvertreib hatte ich nie etwas übrig. Ich würde lieber mit einer Tasse Tee und einem Buch in meinem Zimmer bleiben – kein Buch von der Lady von Zweifelhaftem Ruf.“

„Dann sind Sie nicht schockiert, weil ich entschieden habe, Lord Gibbs Veranstaltung zu besuchen? Sollte ich nicht stattdessen Spitze klöppeln oder mir eine andere Beschäftigung suchen, die einer ehrbaren Witwe angemessen ist?“

„Nach allem, was Sie mir über Ihr Eheleben erzählt haben“, Jeanie stützte die Hände in die Hüften, „freue ich mich für Sie. Sie haben es geschafft, an dem Investitions-Bazaar teilzunehmen, und das erforderte Rückgrat. Aber dort ging es um Geschäfte, und bei Lord Gibbs Saturnalien geht es um Vergnügen.“

„So viel Vergnügen wie möglich.“ Beatrice hopste auf und ab wie ein Kind. „Oh, Jeanie, ich kann es kaum erwarten. Abgesehen davon fehlt mir die Geduld für das Klöppeln von Spitze.“

Männer verführen war dagegen eindeutig die Mühe wert. Zumal Edward der einzige Mann war, mit dem sie je das Bett geteilt hatte, und in den letzten Jahren ihrer Ehe nicht einmal mehr das.

„Und Sie werden Ihre Schwester besuchen.“ Nach einer letzten kurzen Überprüfung des Inhalts schloss Beatrice ihre Reisetasche.

„Es ist eine Ewigkeit her, dass ich sie zuletzt gesehen habe.“ Jeanie lächelte. „Und da ich Sie eine Woche später wieder abholen komme, haben Mary Ann und ich mehr als genug Zeit herauszufinden, weshalb wir nicht unter einem Dach wohnen.“ Sie klatschte in die Hände. „Aber bei allen schwesterlichen Reibereien wage ich doch zu behaupten, dass dieser Ausflug recht angenehm wird. Wir werden Spaß haben, Sie und ich.“

„Vielleicht nicht so viel Spaß, wie wir dachten.“ Das Treffen im Hause des Duke of Rotherby am Tag zuvor kam Beatrice in den Sinn. „Jedenfalls seit gestern.“

„Warum denn nicht, um Himmels willen?“ Jeanie schüttelte den Kopf. „Was ist dazwischengekommen?“

„Ich bin dazwischengekommen.“ Im Türdurchgang tauchte Major McCameron auf. Er war tadellos, wenn auch schlicht gekleidet und hatte sich eine Tasche lässig über eine Schulter gehängt.

Es gab nichts auszusetzen an Major McCamerons Erscheinungsbild. Im Gegenteil, er war sehr, sehr attraktiv. Die etwas schroffen Gesichtszüge verliehen ihm eine interessante männliche Ausstrahlung, sein rötlich braunes Haar war kurz geschnitten, lockig und akkurat in Form gekämmt. Als Beatrice gestern neben ihm gestanden hatte, war ihr aufgefallen, dass er nicht viel größer war als sie selbst. Er hatte Augen von einem Blau, das sie noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte, und einen intensiven, durchbohrenden Blick.

„Wie sind Sie hier heraufgekommen?“ Sie hatte noch nicht einmal Schritte im Korridor gehört.

„Die Dienerschaft unten war vollauf damit beschäftigt, Ihre Kutsche vorzubereiten und das Gepäck einzuladen. Ich habe geschlagene fünf Minuten in der Halle gewartet, ohne dass mich ein Diener angesprochen hätte. Also entschied ich mich, nach Ihnen Ausschau zu halten.“

Er sah sich im Raum um, und Beatrice konnte förmlich hören, wie er den Salon beurteilte. Nachdem sie von Farris House in diese eher kleine Stadtresidenz umgezogen war, hatte sie alles nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet. Ihr privater Salon mit den zitronengelben Wänden und den kobaltblauen Keramiken war, genau wie der Rest des Hauses, ein Kaleidoskop von Farben. Die Decke hatte sie korallenrot streichen lassen; eine Disharmonie, deren Anblick ihr jeden Morgen ein Lächeln auf das Gesicht zauberte.

Der Major lächelte nicht. Doch das war nicht wichtig. Wichtig war, dass sie sich wohlfühlte.

„Dies ist Major McCameron, Jeanie.“ Beatrice bemühte sich, heiter zu klingen. „Major, darf ich Ihnen Miss Jeanie Bradbury vorstellen.“

„Madam.“ McCameron machte eine knappe Verbeugung in Jeanies Richtung. Dann wandte er sich brüsk zu Beatrice um. „Wir müssen aufbrechen, wenn wir auf der Straße vorankommen wollen.“

Richtig. Natürlich. Seiner beachtlichen Attraktivität zum Trotz hatte er etwas von einem wütenden, pingeligen Dachs.

Sie musste lachen über seinen Versuch, sie zum Gehorsam zu zwingen. „Wir brechen auf, wenn ich aufbrechen will. Weder früher noch später.“

„Diese Kutsche, die Sie da haben.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, sodass der Stoff seines Gehrocks die muskulösen Konturen seiner Arme unterstrich. „Wie alt ist sie? Ist sie verkehrstüchtig? Wann hat der Kutscher sie das letzte Mal gründlich überholt?“

Beatrice blinzelte verdutzt. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Das ist Wiggins’ Zuständigkeitsbereich, nicht meiner.“

„Haben Sie passende Ausrüstung für die Reise dabei?“

„Wenn Reisekleider und ein paar raffinierte Ziegenlederstiefeletten als Ausrüstung gelten, ja.“ Seine finsteren Blicke konnten sie nicht einschüchtern, also schlüpfte sie in ihre Pelisse. „Es ist nur ein Ausflug nach Nottinghamshire, Major. Wir ziehen nicht in den Krieg.“

„Wir müssen auf sämtliche Eventualitäten gefasst sein. Zum Glück habe ich alles Notwendige mitgebracht. Einen Feuerstein, mein Teleskop …“

„Beides werden wir nicht brauchen.“ Sie knöpfte die Pelisse zu. „Es gibt hervorragende Gasthäuser an der Straße, die Reisenden jeden erdenklichen Komfort bieten.“

„Unvorhergesehene Dinge passieren. Umstände ändern sich.“

Verdruss stieg in ihr auf, aber sie kämpfte ihn nieder und zog ihre Handschuhe an. „Diese Reise wird ein köstliches Abenteuer, Major“, erklärte sie strahlend.

„Woher wollen Sie das wissen, Madam?“

Sollte ihn doch der Teufel holen …

Sie drehte sich halb um sich selbst, als versuchte sie etwas in ihrem Rücken zu erkennen. „Nun, ich laufe nicht mehr am Gängelband.“ Dann sah sie ihn wieder an. „Wie ich bereits gestern bei Rotherby betonte, ich brauche keinen Aufpasser.“

Er presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, was eine Schande war, denn wenn er keine finstere Miene machte, hatte er einen ausnehmend schönen Mund. „Verzeihung, Madam“, erwiderte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Der Lakai erschien im Türdurchgang. „Die Kutsche steht bereit, und Ihre Koffer sind aufgeladen, Mylady. Wünschen Sie, dass ich Wiggins und Green Bescheid sage, dass sie warten sollen?“

Kurz erwog sie, ihren Kutscher und den Postillion zu bitten, in letzter Minute noch eine Inspektion des Gefährts durchzuführen, verwarf den Einfall jedoch umgehend. Sie würde dem Major nicht gestatten, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Er würde ihr nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben regelte. Erst recht, wenn er sie so betont ansah, als versuchte er sie mit seinen Gedanken dahin zu bringen, zu tun, was er wollte.

Es war jedes Mal eine Prüfung gewesen, wenn sie Edward irgendwohin hatte begleiten müssen. Entweder war er schlechter Laune gewesen, weil er auf sie hatte warten müssen, oder er war bissig geworden und hatte Geduld gefordert, wenn sie schon ausgehbereit gewesen war. Nun entschied sie, wann sie was tat.

„Wir kommen sofort.“ Sie zupfte ihre Handschuhe zurecht, warf McCameron einen Blick zu und fügte mit einer Munterkeit, die ihn vermutlich ärgern würde, hinzu: „Mit Ihnen oder ohne Sie, Major.“

Er knurrte etwas Unverständliches und hängte sich die Tasche über die andere Schulter.

Nun gut, wenn er einen Tanz aufführen wollte, würde sie die Schritte vorgeben.

Ohne ein weiteres Wort ging sie mit Jeanie im Schlepptau nach draußen. Kurz darauf folgte ihnen der Major.

Die Chaise stand vor dem Haus, Wiggins saß auf dem Kutschbock und Green auf dem Sattelpferd. Die Haushälterin und die Dienerinnen hatten auf der Eingangstreppe Aufstellung genommen, und der Lakai stand bereit, um den Damen beim Einsteigen zu helfen.

„Amüsiert euch gut in meiner Abwesenheit.“ Beatrice lachte fröhlich. „Ich erwarte, dass ihr eine große Party feiert. Aber sorgt dafür, dass die Festivitäten sich nur im Dienstbotentrakt abspielen.“

„Sehr wohl, Mylady“, scholl es ihr im Chor entgegen.

McCameron musterte sie finster. Wahrscheinlich stieß es ihn ab, dass sie ihren Dienern solche Freiheiten gewährte, aber es interessierte sie einen feuchten Kehricht, was er dachte. Sie segelte an ihm vorbei zu der Kutsche.

Doch ehe der Lakai auch nur dazu kam, hatte McCameron schon die Hand ausgestreckt. Sie sah sekundenlang darauf hinunter – er hatte große Hände, obwohl er kein besonders hochgewachsener Mann war, und trug keine Handschuhe –, dann ergriff sie leicht seine Finger.

Als sie zu ihm hochsah, entdeckte sie einen Kranz winziger goldfarbener Sprenkel um die geweiteten Pupillen seiner strahlend blauen Augen.

Sie bemühte sich, sich so wenig wie möglich auf ihn zu stützen, und stieg ein. Dennoch war es nicht zu übersehen, wie leicht es ihm fiel, ihr Gewicht zu halten.

Beatrice machte es sich auf der Bank bequem und rutschte ans Fenster, damit der Platz neben ihr für Jeanie, der McCameron anschließend beim Einsteigen half, frei war. Obwohl sie es nicht wollte, konnte sie sich nicht davon abhalten hinzusehen, als der Major in die Kutsche kletterte, und erhaschte einen kurzen Blick auf Muskeln, die sich unter straff gespanntem Stoff abzeichneten.

„Alles in Ordnung, Major?“, fragte sie heiter, als er sich ihr gegenüber niedergelassen hatte.

Als Antwort knurrte er wieder etwas Unverständliches. 

„Wenn wir unterwegs sind, können Sie sich gern ausruhen“, fuhr sie honigsüß fort. „Machen Sie ruhig ein Nickerchen, Major McCameron. Auch wenn es Sie enttäuscht, aber wir werden eine sehr vergnügliche Reise haben.“

Sie klopfte gegen das Kutschendach, und einen Augenblick später waren sie unterwegs.

Jeanie nickte ein, lange bevor der Major auch nur blinzelte. Genau genommen waren sie noch nicht aus der Stadt heraus, als Beatrice’ Gesellschafterin bereits schlief und leise schnarchte.

Ohne Jeanie war Major McCameron ihre einzige Möglichkeit, sich zu unterhalten. Die Landschaft draußen bot nichts, was Beatrice’ Aufmerksamkeit zu fesseln vermochte, und da sie in einer fahrenden Kutsche nicht lesen konnte, ohne dass ihr übel wurde, blieb ihr tatsächlich keine andere Wahl, als mit ihrem nervigen Gegenüber ins Gespräch zu kommen.

„Sind Sie nach dem Krieg viel gereist?“, machte sie einen ersten Versuch.

„Nein.“

Sie wartete einen Moment, dann wurde ihr klar, dass er nichts hinzuzufügen beabsichtigte.

Wieder stellte sie eine Frage. „Kennen Sie den Duke schon lange?“

„Ja.“

Abermals breitete sich Schweigen aus.

„Haben Sie beschlossen, mir nur noch einsilbig zu antworten, Major?“

Diesmal erwiderte er gar nichts, doch sein Kiefer spannte sich an, und er maß sie mit einem finsteren Blick.

Autor

Eva Leigh
Wenn Eva Leigh nicht an einer ihrer packenden Romances schreibt, in denen sie die Zeit des Regency lebendig werden lässt, widmet sie sich ihren Hobbys: Sie liebt es zu backen, zu viel Zeit im Internet zu verbringen und Musik aus den 80ern zu hören. Zusammen mit ihrem Ehemann lebt Eva...
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