Besieg die dunklen Schatten

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Dringend sucht Dominick Fleetwood eine Archivarin für sein imposantes Anwesen. Doch als sich Emily Stuart um den Job bewirbt, ist er überrascht: Statt einer biederen Bibliothekarin steht eine umwerfend attraktive Frau vor ihm. Und schon bald wohnen sie unter einem Dach...


  • Erscheinungstag 11.01.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787707
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Ihr zukünftiger Chef war groß, breitschultrig, ein dunkler Typ und attraktiv. Emily sah zu, wie er aufstand, um den riesigen Mahagonischreibtisch herumging und auf sie zukam, und einige Augenblicke lang drohte sie die Nerven zu verlieren.

„Miss Stuart, kommen Sie und setzen Sie sich.“ Seine Stimme klang angenehm, dunkel und verriet ein männliches Selbstbewusstsein, wie es nur in Familien entstehen konnte, die seit Generationen Reichtum und Macht besaßen. Emily holte tief Luft, als sie seinen warmen, kräftigen Händedruck spürte.

„Danke.“ Mit zitternden Knien setzte sie sich in den Sessel, den er ihr anbot. Sie schlug die Beine übereinander. Der Rock ihres violetten Wollkostüms kam ihr plötzlich zu kurz vor. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Gegenüber ihr Unbehagen insgeheim amüsiert beobachtete.

„Möchten Sie Tee oder Kaffee?“

„Tee, bitte.“ Sie lächelte kühl. Nun hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Die Entdeckung, dass Dominick Fleetwood eine faszinierende Mischung aus Mel Gibson und Kevin Costner war, hatte sie zuerst aus der Fassung gebracht, doch ihre Motivation war stark genug, sodass sie damit fertig werden konnte.

Er gab ihre Bitte an die ältere Haushälterin weiter, die sie auch hereingeführt hatte. Dann setzte er sich auf die Kante seines Schreibtischs und musterte Emily ausdruckslos.

„Sie sind geprüfte Archivarin?“ Ihr fiel auf, dass seine Augen erstaunlich blau waren, als sein Blick dem ihrer täuschend sanften grauen Augen begegnete.

„Ja“

„So sehen Sie nicht aus.“

Sie unterdrückte ein Auflachen. „Wie sieht denn eine Archivarin aus?“, fragte sie ernst.

„Ich habe mir eine vertrocknete, flachbrüstige alte Jungfer vorgestellt“, entgegnete er trocken. „Vermute aber, dass sich hinter Ihrer Brille und Ihrem Haarknoten eine Frau verbirgt, die man heiraten kann.“

Der unverschämte Chauvinismus seiner Aussage raubte ihr fast den Atem. Glaubte er wirklich, dass sie den Job annehmen würde, wenn er sich solche Frechheiten herausnahm? Aber die Aussicht auf einen Job, der wie auf sie zugeschnitten war, und ein Geheimnis, das sie momentan noch nicht zu enthüllen beabsichtigte, hielten sie an ihren Sessel gefesselt wie eine Gefangene.

„Ob das nun als Kompliment oder als Beleidigung gemeint ist“, brachte sie ruhig heraus, „ich tue Ihnen den Gefallen und ignoriere es.“

Nachdenklich musterte er sie. Er hatte lange Wimpern, und sein Blick war beunruhigend durchdringend. Obwohl sie gefasst war, merkte Emily, wie sie nervös wurde, als sein Blick über ihr blasses Gesicht glitt, ihr kastanienbraunes Haar, das im Nacken zusammengehalten war, über ihr konservativ geschnittenes Kostüm, das nicht ihre weiblichen Kurven; ihre schmale Taille und ihre langen Beine verbergen konnte.

Sie hielt seinem Blick stand, registrierte das feine graue Tuch seines Anzugs, sein teures weißes Hemd. Sein Teint war fast so dunkel wie der eines Südländers. Er hatte volles, welliges schwarzes Haar, kurz geschnitten, nur im Nacken etwas länger. Es würde zu ihm passen, einen goldenen Ohrring zu tragen, dachte Emily spöttisch. Irgendwie hatte er die gefährliche Ausstrahlung eines Zigeuners, was nicht mit seiner gehobenen Herkunft in Einklang stand.

Plötzlich hatte sie das beklemmende Gefühl, dass er genau wusste, wer sie war, dass er genau wusste, warum sie so wild darauf war, Fleetwood Manor zu sehen … Schließlich war er ein brillanter Strafverteidiger, in London gefeiert als einer der jüngsten und scharfsinnigsten, die am Gericht tätig waren. Wurde den Strafverteidigern nicht nachgesagt, dass sie einen sechsten Sinn dafür hätten, die Gedanken und Motive eines Menschen zu erkennen? Alles über jeden zu wissen?

Doch das war verrückt. Dominick Fleetwood würde sich nicht an sie erinnern. Sie erinnerte sich ja auch nicht an ihn. Sie war zwar hier auf dem Besitz der Fleetwoods geboren, aber ihre Eltern waren fortgegangen, als sie fünf war. Und Dominick war damals wahrscheinlich auf einem Internat gewesen.

Außerdem, wie sollte er wissen, warum sie hier war, wenn sie es selbst nicht einmal wusste?

Die Hinweise, die sie aus den Erzählungen ihres Vaters gewonnen hatte, waren überzeugend, aber nicht zwingend.

„Ihnen ist doch klar, dass die Familienunterlagen in staubigen Kisten verwahrt werden, in Ecken, in denen Spinnen hausen?“, fragte Dominick spöttisch.

„Davon gehe ich aus.“

„Können Sie schwere Koffer voller Papiere heben?“

„Ja. Ich bin ziemlich kräftig.“

„Fleetwood Manor befindet sich in einem bedauernswerten, renovierungsbedürftigen Zustand. Manches ist noch so, wie es im 15. Jahrhundert war, als das Haus gebaut wurde. Stört es Sie, allein auf dem Dachboden zu arbeiten?“

„Falls Sie meinen, ob ich Angst vor Geistern oder so etwas habe, nein, nicht im Geringsten. Geschichte und das Studium alter Häuser, alter Dokumente sind meine Leidenschaft“, verriet sie begeisterter, als sie beabsichtigt hatte.

„Sie haben also vor, sich mit Ihrer Arbeit zu verheiraten, Miss Stuart?“ Da war ein komischer Unterton in seiner Stimme, den sie nicht deuten konnte.

„Es gibt Schlimmeres. Auf jeden Fall bleibt eine Frau auf diese Weise Herr ihres eigenen Schicksals“, entgegnete Emily ruhig. Warum ließ sie ihn so nah an sich herankommen? Dieses Interview verlief in keiner Weise so, wie sie es geplant hatte. Ihr fiel ein, dass Dominick den Ruf hatte, einer der ersten Strafverteidiger Englands zu sein, wenn man den Medien Glauben schenken sollte. Er war verschiedentlich charakterisiert worden als jemand, der die Geschicklichkeit im Umgang mit dem Florett auf der Ebene des Wortes mit der Schlauheit eines Wolfes verband.

Hatte sie wirklich geglaubt, ihn und damit die ganze arrogante, destruktive Familie Fleetwood hereinlegen zu können?

Sie biss sich auf die Lippe, wütend über ihre eigene Verletzbarkeit.

„Das klingt, als ob Sie schlechte Erfahrungen im Hinblick auf das Eheglück gemacht haben.“

Unwillkürlich dachte Emily an ihre Eltern, doch sie zuckte die Schultern und lächelte unverbindlich.

„Ich bin nicht verheiratet gewesen, falls Sie das meinen.“

Sie war hierhergekommen mit dem Vorsatz, ihm gleichgültig gegenüberzutreten, war kurz aus dem Gleichgewicht gebracht worden von seiner überwältigenden Erscheinung, doch ihn nicht zu mögen, würde ein Kinderspiel sein. Sie brachte ihm bereits einen grimmigen Zorn entgegen. Wie der Vater, so der Sohn, dachte sie finster. Herablassend gegenüber Frauen, gönnerhaft …

Die Tür ging auf, und die Haushälterin, eine angenehm aussehende grauhaarige Frau, brachte ein Tablett mit Tee und Gebäck herein. Als sie wieder allein waren, setzte Dominick sich hinter den Schreibtisch und lehnte sich lässig in seinem Ledersessel zurück. Er betrachtete Emily forschend.

„Also, erzählen Sie mir, warum Sie hierhergekommen sind und hier arbeiten wollen“, sagte er ruhig. „Sie haben gerade Ihre Prüfung hinter sich und möchten mehr verdienen als das armselige Gehalt, das man sonst als Archivar bekommt. Ist das alles, oder steckt noch mehr dahinter?“

„Wie ich schon sagte, ich liebe es, in alten Papieren herumzuwühlen und im Leben längst vergangener Generationen herumzustöbern. Was für Motive brauche ich sonst noch?“

„Es gibt wahrscheinlich genug Leichen im Keller der Fleetwoods, um ein Skandalblatt monatelang mit Material zu versorgen“, meinte er langsam und betont unbeteiligt.

Emily spürte, dass sie rot wurde. Leichen im Keller? Was für eine Untertreibung …

„Klingt ganz so, als ob mir der Job sehr viel Spaß machen wird, Mr Fleetwood“, meinte sie sanft und hoffte, ihr beiläufiger Tonfall würde ihn davon abhalten, sie weiter ins Kreuzverhör zu nehmen. „Oder … soll ich Sie mit ‚Sir Dominick‘ ansprechen?“

„Nein. Ich nehme hier nur die Aufgaben eines Vertreters wahr“, antwortete er gelassen. „Bis mein älterer Bruder Richard ausfindig gemacht werden kann.“

„Oh, ja …“ Es war durch alle Zeitungen gegangen. Die Suche nach dem vermissten Baronet, nach dem älteren Bruder, der automatisch den Titel und Besitz erben würde.

Vielleicht war es ihr leichtes Zögern oder nur ihr schlechtes Gewissen, doch er sah sie durchdringend an.

„Emily Stuart …“ Er wiederholte langsam ihren Namen. Plötzlich runzelte er noch mehr die Stirn. „Sie sind nicht zufällig mit den Stuarts verwandt, die hier vor Jahren gearbeitet haben? Sie hatten eine Tochter, die Emily hieß.“

Emily sah ihn einige Sekunden lang stumm an. Ihr Magen zog sich zusammen. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen. Sie musste ihm die Wahrheit sagen.

„Ja. Meine Eltern haben hier gearbeitet.“

„Ich erinnere mich an Sie“, sagte Dominick gelassen. „Jack Stuart war der Wildhüter, nicht wahr? Und zwar ein sehr guter. Ich weiß noch, wie mein Vater es bewunderte, dass er dafür gesorgt hat, dass im Frühling pro Woche zweitausend Rebhühner schlüpften, damit sie dann für die Jagd im Herbst zur Verfügung standen.“

„Ja …“ Emily wurde rot und fühlte, wie Ärger in ihr aufstieg. Es bestand kein Grund, warum ihr die Vergangenheit peinlich sein sollte, Sie war schließlich erst fünf Jahre alt gewesen, als sie fortgingen.

„Ich kann mich kaum noch an die Zeit erinnern, als wir hier gelebt haben. Aber mein Vater hat mir Geschichten über Fleetwood Manor erzählt …“ Sie zögerte. Ihr Vater hatte es immer so romantisch dargestellt, war so eingetaucht in die Vergangenheit voller Geister und Legenden. Als sie Kind war, hatten sich viele ihrer Fantasien an diesen Ort geknüpft …

„Geschichten?“, hakte Dominick nach.

„Darüber, wie Wilderer bei Vollmond gestellt wurden, solche Sachen …“ Sie lächelte leicht. Es waren immer melodramatische, abenteuerliche Geschichten gewesen. Diese Vorliebe ihres Vaters war einer der Gründe, warum sie sich für Geschichte interessierte. Doch jetzt, da ihr Vater tot war, hatte Fleetwood Manor eine andere Bedeutung in ihrem Leben bekommen …

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie äußerlich ruhig zu wirken versuchte. Dominick hatte herausgefunden, wer sie war, aber was war schon dabei? Sie war Jack und Amy Stuarts Tochter. Konnte er daraus irgendwelche Schlüsse ziehen?

Es war unmöglich zu erraten, was Dominick dachte. Wie viel er wusste. Er erinnerte sich offenbar noch an ihre Eltern, aber das bedeutete nicht, dass er über alles Bescheid wusste, was sich zwischen seinem Vater und seinen diversen Angestellten abgespielt hatte … Sie musste sich davor hüten, in Panik zu geraten.

„Wie interessant“, sagte Dominick schließlich. Er nahm einen Kugelschreiber und spielte damit herum. Sein Blick war nachdenklich.

„Inwiefern?“

„Warum haben Sie nicht gesagt, dass Sie als Kind hier gelebt haben?“

Eine völlig verständliche Frage, sagte Emily sich streng. Und sie hatte keine besonders gute Antwort parat. Ihr Hals fühlte sich plötzlich trocken an, und sie musste schlucken. Mit einem leichten Schulterzucken meinte sie abwehrend: „Das hat doch nichts mit der Qualifikation für diesen Job zu tun!“

„Aber es ist doch erwähnenswert.“

„Ich dachte nicht, dass es Sie interessieren würde“, entgegnete sie. Sie griff nach ihrer Teetasse. „Wie ich schon sagte, kann ich mich kaum noch daran erinnern. Meine Familie hat hier nicht lange gelebt.“

„Haben Sie sich deshalb um diesen Job beworben? Aus Neugier? Nostalgie? Aus dem Wunsch heraus, das Haus Ihrer Kindheit wiederzusehen?“

„Zum Teil. Vielleicht. Aber wie Sie gerade sagten, hier kann ich wesentlich mehr verdienen als woanders.“

„Weil ich eine tüchtige Kraft brauche“, teilte er ihr sachlich mit. „Ich bin den größten Teil der Woche am Gericht tätig. Und da ich das Anwesen nur verwalte, bis mein Bruder gefunden und über seine Erbschaft informiert worden ist, kann ich niemanden gebrauchen, der im Schneckentempo arbeitet. Ich bezahle gut für schnelle, effiziente Arbeit. Für totales Engagement. Wenn ich wüsste, dass Sie einen anderen Beweggrund dafür haben, warum Sie hier sind, würde das die Dinge verändern.“

„Wenn ich gleich zu Anfang gesagt hätte, dass ich meine frühe Kindheit hier auf Fleetwood Manor verbracht habe, hätten Sie vielleicht gedacht, ich sei auf eine bevorzugte Behandlung oder so etwas aus. Die Vergangenheit ist ziemlich irrelevant. Ich bin schnell, tüchtig und engagiert“, versicherte sie, so kühl sie nur konnte. „Aber darf ich fragen, warum Sie so viel Wert auf Schnelligkeit legen? Wollen Sie das Haus der Öffentlichkeit zugänglich machen? Interessante Dokumente ausstellen?“

„Wer weiß?“ Er wirkte leicht amüsiert. „Ich persönlich bin nicht auf Einnahmen durch Besucher angewiesen, Miss Stuart. Aber was meinen älteren Bruder angeht, so ist die Situation … unkalkulierbar. Er hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Als wir das letzte Mal von ihm hörten, galt er als Aussteiger und war irgendwo in Tibet verschwunden. Sir Robert hat einige exzentrische Bedingungen gestellt, zu denen mein Bruder sich äußern muss. Außerdem kann ich von Natur aus sehr impulsiv sein.“ Er lächelte, und einen Moment war Emily fasziniert von seinen ebenmäßigen weißen Zähnen. „Ich will einfach, dass die Dokumente sortiert, entschlüsselt und für die Nachwelt sicher verwahrt werden.“

„Natürlich. Das verstehe ich.“

„Gut. Da wir nun wissen, wo wir stehen – wann können Sie anfangen?“

„Wir … wir haben noch nicht über die genaue Höhe des Gehalts oder die Arbeitszeit gesprochen …“

„Wie viel würden Sie sonst als Anfangsgehalt bekommen, da Sie frisch von der Uni kommen?“

Sie nannte eine Summe, und er lachte kurz auf.

„Ich zahle das Doppelte. Normale Arbeitszeit, doppelter Stundenlohn für Überstunden. Sie können hier wohnen. Ich werde Ihnen zeigen, wo Sie schlafen und arbeiten werden.“

Er stand auf, und Emily folgte ihm. Ihre Panik kehrte zurück. Sollte sie sich wirklich in diese Sache stürzen? Selbst wenn die traurige Geschichte ihres Vaters, die er erzählt hatte, bevor er gestorben war, sich als wahr herausstellen würde, könnte sie dann irgendetwas ausrichten mit einer vagen Vorstellung von Gerechtigkeit oder Rache?

Sie folgte Dominick in die prächtige Halle mit den vielen Gemälden und der Galerie. Dann ging es die breite Treppe mit dem blauen Teppich hinauf, über einen Treppenabsatz mit knarrenden Eichendielen, entlang einer Reihe von Porträts zynisch dreinblickender Fleetwood-Vorfahren, einer finsterer und gefährlicher aussehend als der andere. Schließlich erreichten sie eine kleinere Treppe, die zum Dachboden führte.

Der Ausblick von hier oben war umwerfend. Emily sah durch die staubigen Fenster und blickte über die weite Landschaft von Warwickshire, die einen ersten Hauch von Frühling ahnen ließ.

Frühling, die Zeit für Neuanfänge, sagte sich Emily mit einem Gefühl des Unbehagens. Keine Zeit, um in der Vergangenheit herumzuwühlen und sich auf eine Reise zu begeben zum Ursprung der tragischen Entzweiung ihrer Eltern …

„Eine Menge von den alten Familienpapieren lagert hier oben“, sagte Dominick und stieß die Tür zu einem großen Raum auf, dessen Wände mit Regalen vollgestellt waren. Einige staubige Dokumentenkoffer standen herum, eine große Metalltruhe, verschiedene Holzkisten, einige davon aufregend alt aussehend. Emily überlief ein Schauer der Vorfreude angesichts der historischen Reichtümer, die hier zu entdecken waren. Das Haus war seit dem 15. Jahrhundert im Besitz der Familie. Das wusste sie von ihrem Vater. Welche faszinierenden Informationen mochte sie zutage fördern?

„Sie sehen aus wie eine Katze, der man eine Schüssel mit Sahne hinstellt“, bemerkte Dominick trocken. „Sie mögen Ihren Beruf wirklich, nicht wahr?“

„Ich habe mir immer gewünscht, so etwas wie das hier machen zu können“, gab sie zu, außerstande, ihre Begeisterung zu verbergen.

„Das ist also Ihre Chance, Miss Stuart.“ Er führte sie wieder hinaus und die Treppe hinunter zum ersten Stock. „In den Nebengebäuden befindet sich noch reichlich Material – es wird einige Zeit dauern, bis alles zusammengetragen ist, bevor Sie überhaupt mit dem Ordnen anfangen können. Meine Haushälterin Mrs Shields hat einen Enkel, der Ihnen beim Tragen helfen wird“, sagte er, während er die Tür zu einem Zimmer aufstieß und Emily bedeutete hineinzugehen.

„Danke.“ Sie betraten ein Zimmer mit hoher Decke, das zur Vorderseite des Hauses hinausging. Die Vorhänge waren aus kostbarem, aber verblichenem goldfarbenem Samt. In der Mitte des Raums stand ein Himmelbett, mit gold- und cremefarbenem Stoff verhängt. Durch eine offene Tür war eine altmodische Badewanne auf Füßen zu sehen.

„Soll das mein Zimmer sein?“

Es wirkte so prächtig, trotz des abgetretenen Teppichs und der verblichenen Stoffe, dass Emily es kaum glauben konnte. Als sie sich zu Dominick umdrehte, sah sie, dass er sie amüsiert beobachtete.

„Dieses, ob Sie es nun glauben oder nicht, ist zurzeit das einzige benutzbare Gästezimmer. Die übrigen sind beklagenswerterweise vernachlässigt worden. Leider hat es einen Nachteil“, gestand er ruhig und führte sie ins angrenzende Badezimmer. „Wir müssen uns das Bad teilen.“

Er deutete lässig auf eine zweite Tür, die vermutlich zu seinem Zimmer führte. Emily hatte plötzlich ein merkwürdiges Gefühl im Magen. Sie verspürte Anspannung, Zorn und etwas, das sie nicht identifizieren konnte …

„Ich werde die meiste Zeit über in London sein. Manchmal komme ich am Wochenende her. Stört Sie das?“, fragte er gelassen. Der Blick seiner blauen Augen blieb amüsiert.

„Nicht, wenn Sie nicht erwarten, dass ich Ihnen den Rücken schrubbe“, erwiderte sie und lachte dabei trocken.

„Das gehört nicht zum Vertrag“, bestätigte er lachend, „obgleich ich gestehen muss, dass der Vorschlag nicht ohne Reiz ist.“ Er ließ den Blick langsam über sie gleiten und erst auf ihrem Hals, dann auf ihren Brüsten ruhen.

„Das mag für Sie gelten“, murmelte Emily und fühlte, wie ihr heiß wurde angesichts seiner Arroganz. Er stand einen Schritt von ihr entfernt, doch in der Intimität des engen Badezimmers kam es ihr plötzlich zu nah vor. Er war ein ganzes Stück größer als sie, obgleich sie selbst nicht gerade klein war, und wie er so dastand, die Hände lässig in die Hosentaschen geschoben, und sie durchdringend ansah, war sie sich seiner Männlichkeit deutlich bewusst. So deutlich, dass es sie wie eine Flutwelle mit sich riss, eine Flutwelle der Sinnlichkeit.

Er sei ein brillanter Strafverteidiger, hieß es. Beklemmt machte sie sich bewusst, wie leicht er sein Charisma einsetzen könnte, um zwölf Geschworene auf die Seite seines Klienten zu bringen. Dominick war ein einschüchternder Gegner. Vielleicht war der verschollene Richard der schwächere von den beiden Brüdern. Vielleicht, wenn sie jemals auch nur flüchtig die melodramatische Idee gehabt hätte, die Ehre ihrer Mutter zu rächen und sich selbst ihren Anteil am Erbe zu sichern, vielleicht sollte sie sich dann besser an Richard halten?

„Ist alles in Ordnung, Miss Stuart?“, fragte Dominick sanft mit einem kaum merklichen Anflug von Humor. Emily, gefesselt von seinem Blick, atmete tief ein.

„Ja, alles okay …“

„Ihnen scheint heiß zu sein. Vielleicht brauchen Sie frische Luft?“

„Ja, vielleicht.“ Sie versuchte ihre Empfindungen zu verbergen, hatte aber dennoch das Gefühl, dass er ihre Bitterkeit und ihren Zorn mitbekommen hatte.

„Wollen wir wieder hinuntergehen?“

Steif ging sie an ihm vorbei, die Nerven zum Zerreißen gespannt, während er ihr die Tür aufhielt, und sie hielt fast den Atem an, als ihre Schulter seine Brust streifte.

Unten in der Halle lehnte Dominick sich an die Kante eines riesigen Eichentisches, der über die Jahrhunderte hinweg liebevoll poliert worden war, und betrachtete Emily nachdenklich.

„In Anbetracht Ihrer Referenzen, die bestätigen, dass Sie keine potenzielle Diebin von Kunstgegenständen sind – wann können Sie anfangen, Miss Stuart?“

Sie dachte fieberhaft nach. Sie hatte vorübergehend in einem staatlichen Archiv gearbeitet, während sie darauf wartete, eine ihrem Diplom angemessene Stellung zu finden. Sie müsste noch einen Monat lang die Miete für ihr Zimmer bezahlen, aber bei dem Gehalt, das ihr angeboten wurde, würde das kein Problem darstellen.

„Ich … ich … Wahrscheinlich Montag in einer Woche.“

Dominick zeigte sich nicht beeindruckt.

„Ist das der frühestmögliche Zeitpunkt?“

„Was haben Sie erwartet? Dass ich morgen anfangen würde?“, erwiderte sie aufgebracht.

„Sind Sie immer so … aufbrausend, Miss Emily Stuart?“

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht unhöflich werden.“

„Das gefällt mir besser. Ich mag es, wenn meine Angestellten bescheiden sind, Miss Stuart. Merken Sie sich das.“

Es war schwer zu sagen, ob die Bemerkung witzig oder ernst gemeint war. Emily lächelte ihn zuckersüß an.

„Oh, das werde ich, Mr Fleetwood.“

„Dann also Montag in einer Woche“, meinte er abschließend. Er blickte auf die teure Armbanduhr an seinem Handgelenk, und Emily fühlte sich entlassen. „Mrs Shields wird hier sein, um Sie zu empfangen, wenn ich am Gericht aufgehalten werde. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.“

Er streckte die Hand aus, und sie ergriff sie mit einem lächerlich ängstlichen Zittern.

„Und verbrauchen Sie nicht das ganze heiße Wasser am Freitagabend“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. „Bis dann, Miss Stuart …“

Emily flüchtete die Kiesauffahrt hinunter und sprang in ihren roten R5. Seine Hand schien sie verbrannt zu haben. Emily bebte am ganzen Körper.

Es ist noch nicht zu spät, sagte sie sich, während sie auf das Gaspedal trat und das Herrenhaus hinter sich ließ. Sie könnte immer noch anrufen und sagen, dass sie den Job nicht wollte, könnte immer noch aus der Sache herauskommen, bevor sie zu tief drinsteckte, um einen klaren Gedanken zu fassen …

Aber ich will den Job, stellte sie erschrocken fest. Sie wollte ihn mehr als alles, was sie bisher gewollt hatte.

Als sie erfahren hatte, dass ein Archivar für Fleetwood Manor gesucht wurde, war ihre erste Reaktion bittere Neugier gewesen, ein starkes Verlangen, hinzufahren und zu sehen, wo Sir Robert Fleetwood das Leben ihrer Eltern ruiniert hatte …

Jetzt schienen sie nur noch die alten Dokumente zu reizen, die auf dem Dachboden der Fleetwoods darauf warteten, entdeckt zu werden. Und Dominick Fleetwoods hypnotisierender Blick.

Sie war wütend auf sich selbst, bestürzt und überrascht von ihrer Reaktion auf den Mann, den sie gerade eben kennengelernt hatte.

Und sie fühlte sich einsamer und verwirrter als je zuvor … denn wie um alles in der Welt war es möglich, ein solches Verlangen zu empfinden gegenüber einem Mann, der ihr Halbbruder sein könnte?

2. KAPITEL

Emily nahm ihre Lesebrille ab, legte sie neben das ausgeblichene Pergament auf den Schreibtisch und rieb sich das Gesicht. Sie war müde, hungrig und steif vom langen Sitzen. Im Dachzimmer war es kalt. Es war die Kälte von Jahrhunderten, in denen hier nicht geheizt worden war, und die von dem kleinen Gasofen neben ihr kaum vertrieben werden könnte. Doch tief in ihr brannte die Aufregung wie eine geheime Flamme … Emily verspürte das große Verlangen weiterzuarbeiten. Die Dämmerung bedeutete das Ende des Arbeitstages, und sie war so in ihre Lektüre vertieft, dass sie noch nicht aufhören wollte.

Plötzlich wurde Emily ihre Situation bewusst. Hier saß sie, auf dem staubigen, gespenstischen Dachboden von Fleetwood Manor, über uralte Papiere gebeugt, entzifferte Briefe an Sir George Fleetwood, die vor über vierhundert Jahren geschrieben worden waren, also im 16. Jahrhundert. Die Eisentruhen und Holzkisten enthielten eine Fülle historischer Schätze.

Und wie das Pergament und die verblasste Tinte darauf verrieten, wies Sir Georges Charakter bedauerliche Ähnlichkeit mit dem seiner letzten Abkömmlinge auf. Sir Robert, Dominicks Vater, hätte eine unheimliche Wiederverkörperung seiner verwerflichen Vorfahren sein können. Und Dominick? Emily schauderte es leicht. Wenn sie sich an seinen gelassenen, nachdenklichen Blick bei ihrer letzten Begegnung erinnerte, hatte sie den deutlichen Eindruck, dass sich bestimmte Züge in der Familie weitervererbten …

Das Geräusch von Schritten an der Tür ließ sie herumfahren. Sie hatte Mrs Shields’ Enkel Jamie erwartet. Doch da stand Dominick Fleetwood. Sie hatte plötzlich ein merkwürdiges Gefühl im Magen.

„Immer noch bei der Arbeit?“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Geht das nicht über die Pflichterfüllung hinaus?“

Langsam stand sie auf. Plötzlich war sie sich ihres Äußeren peinlich bewusst. Sie hatte Dominick in den vierzehn Tagen, seit sie hier arbeitete, nicht gesehen. Letztes Wochenende war er in London geblieben. So, wie sie in ihre Arbeit vertieft war, war ihr nicht klar gewesen, dass schon wieder Freitag war und er möglicherweise kommen könnte. Nun war er da, umwerfend in einem taubengrauen Anzug und dem pechschwarzen Seidenschlips, strahlte aristokratische Eleganz aus und gab ihr das Gefühl, ein ungepflegtes Zimmermädchen zu sein.

Autor

Rosalie Ash
Sie hat bisher 21 erfolgreiche Romances geschrieben, wobei sie erst jetzt wieder richtig aktiv geworden ist, nachdem sie eine längere Pause vom Schreiben romantischer Stories gemacht hat. Rosalie Ash ist Mitglied der Society of Authors und der Romantic Novelists Association. Gelegentlich bewohnt sie auch ein Paralleluniversum in ihrer Fantasie, wo...
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