Bachelor in Blackwater Lake (12-teilige Serie)

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Noch ist die Single-Dichte im schönen Örtchen Blackwater Lake relativ hoch ... Heiße Junggesellen und hübsche junge Frauen bringt Autorin Teresa Southwick auf ihre charmante Art zusammen und sorgt dafür, dass kein Herz einsam bleibt.

Folgende Romane von Teresa Southwick sind in diesem E-Book-Paket enthalten:

  • Ein unmöglicher Liebesdeal
  • Zum Küssen, diese Nanny!
  • Was muss ich tun, damit du bleibst?
  • Eine Braut muss sich entscheiden ...
  • Ich liebe dich, süße Lügnerin
  • Mami und der Millionär
  • Nur Küsse sind süßer als Rache
  • Lass Sonne in dein Herz
  • Nur ein bisschen verheiratet?
  • Tausend gelbe Rosen
  • Darf ich dir mein Herz anvertrauen?
  • Nur eine heiße Sommerromanze?

  • Erscheinungstag 10.03.2022
  • ISBN / Artikelnummer 9783751514002
  • Seitenanzahl 1920
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Teresa Southwick

Bachelor in Blackwater Lake (12-teilige Serie)

IMPRESSUM

Ein unmöglicher Liebesdeal erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
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Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2013 by Teresa Southwick
Originaltitel: „Her McKnight in Shining Armor“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA
Band 58 - 2018 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Stefanie Thoma-Kellner

Umschlagsmotive: GettyImages_Halfpoint, oxinoxi

Veröffentlicht im ePub Format in 10/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733719531

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Alex McKnight brauchte eine Frau.

Eigentlich brauchte er seinen Architekten, aber dabei handelte es sich zufälligerweise um eine sehr attraktive Frau. Allein die Tatsache, dass ihm das aufgefallen war, stellte jedoch schon ein Problem dar, denn mit Kolleginnen ging er grundsätzlich nicht aus. Auch nicht mit anderen Frauen aus Blackwater Lake, Montana. Schließlich musste er in dieser Stadt eine Firma führen. Er konnte es sich einfach nicht leisten, die Gerüchteküche zu schüren und potenzielle Kunden vielleicht mit seinem Privatleben vor den Kopf zu stoßen.

Ein noch größeres Problem war es jedoch, dass diese sehr attraktive Architektin sich bereits ganze zwei Stunden verspätet hatte, und das verhieß nichts Gutes, was den Erweiterungsbau für das Ärztezentrum „Mercy Medical Clinic“ und seine pünktliche Fertigstellung anging.

Alex schaute noch einmal auf seine Uhr und fluchte dann leise. Es war schon fast zwölf Uhr und er hatte immer noch nichts von Miss Suellen Hart gehört. Morgen wurde bereits das Fundament gegossen, und bei ihrem Telefonat am Freitag hatte sie versprochen, so früh von Dallas loszufliegen, dass sie am Montag mehr als rechtzeitig hier sein würde.

„So viel zum Thema Versprechungen“, murmelte er missmutig.

Vielleicht war er aber auch ein bisschen streng. Aber andererseits hatte er dafür seiner Meinung nach ja auch einen ausgezeichneten Grund. Seine Exfrau hatte ihm auch immer Versprechungen gemacht … ihn zu lieben und zu ehren und den ganzen anderen Blödsinn. Aber das hatte sie auch nicht daran gehindert, sich dem Vater ihres Babys erneut an den Hals zu werfen – und Alex bis dahin glauben zu lassen, dass es sein eigenes Kind wäre. Wenn das mal kein Grund war, verbittert zu sein, dann wusste er auch nicht.

Alex ging um die Holz-Form für das Fundament herum. Er inspizierte noch einmal alle Stützen für die tragenden Wände. Es wäre schön, wenn die Architektin ebenfalls hier wäre, um seine Beurteilung zu bestätigen, aber letzten Endes war das auch nur eine Formsache.

Genau in diesem Augenblick hörte er, wie ein Auto mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz bog. Er drehte sich um und sah, wie ein Mietauto vom Flughafen vor dem Bauwagen anhielt. Die Fahrertür ging auf und als Nächstes bekam er die schönsten Beine zu sehen, die er jemals im Leben zu Gesicht bekommen hatte. Die Frau war einfach umwerfend, und zwar von Kopf bis Fuß. Heute trug sie einen roten Rock und eine dazu passende, enge Jacke. Die farblich darauf abgestimmten Stöckelschuhe wirkten beinahe wie eine Aufforderung zum Flirten.

Langsam schlenderte er zu ihr hinüber.

Miss Suellen Hart lächelte. „Wie schön, Sie wiederzusehen, Mr. McKnight.“

Er hatte sie bereits kennengelernt, als sie für ein paar Meetings in der Stadt gewesen war.

„Ich dachte, wir hätten vereinbart, dass du Alex zu mir sagst.“

„Das habe ich ganz vergessen.“ Ihre Augen waren so blau wie Wiesenlupinen. Entschuldigend sah sie ihn an. „Keine Überraschung, nach der Verspätung. Das tut mir so leid, Alex. Normalerweise bin ich immer überpünktlich. Eigentlich wollte ich schon gestern herfliegen, aber Mutter Natur hatte offensichtlich andere Pläne. Mein Flug wurde wegen eines Gewitters abgesagt, und dann saß ich am Flughafen fest. Dort hatte ich kein Netz, also konnte ich dich nicht mal anrufen. Ich bin dann aber so schnell es ging, von diesem süßen kleinen Flughafen hergerast. Ist ja praktisch fast um die Ecke.“

Der „süße kleine Flughafen“ war fast hundert Meilen von Blackwater Lake entfernt, und die Berge sorgten dafür, dass Handyverbindungen ständig abbrachen. „So was kommt vor.“

„Du musst jetzt ja denken, dass ich total unzuverlässig bin.“

Das war eigentlich nicht sein erster Gedanke gewesen. Vor allem, wenn sie in diesem Tonfall mit ihm sprach; atemlos, mit Südstaateneinschlag und ein bisschen rau … ein bisschen süß und überaus feminin. „Das wäre doch nicht fair.“

„Ich verspreche dir auch, dass keiner so hart arbeitet wie ich. Ich werde bestimmt niemanden enttäuschen.“ Sie holte tief Luft. „Ich muss mich entschuldigen. Rede ich zu viel?“

„Nein.“ Verdammt, ihre Stimme war so berauschend wie Whiskey. Er könnte ihr den ganzen Tag lang zuhören.

„Ich habe bestimmt einen ganzen Eimer Kaffee getrunken. Keine Sorge, das legt sich bald wieder.“

Als er sie jetzt richtig musterte, konnte er sehen, dass ihr Rock so zerknittert war, als ob sie tatsächlich darin geschlafen hatte, und vor Erschöpfung hatte sie sogar dunkle Ringen unter den großen, wunderschönen Augen. Der Anblick weckte sofort Fürsorglichkeit in ihm. Dabei hatte er gedacht, dass er sich diesen Instinkt endlich abgewöhnt hatte.

„Jetzt bist du ja da.“ Beinahe hätte er „besser spät als nie“ hinzugefügt. Doch das tat er nicht, denn sie war schön genug, um ihn in Versuchung zu führen. Daher wäre „nie“ tatsächlich momentan die bessere Alternative. „Dann zeig ich dir mal das Büro.“

„Okay. Ich bin schon ganz wild darauf, endlich loszulegen.“ Sie strahlte ihn an. „Ich schwöre, Bürgermeister Goodson und der Stadtrat werden es nicht bereuen, mich für dieses Projekt ausgewählt zu haben.“

„Dein Angebot war bei Weitem das billigste“, sagte er. „Ohne dir zu nahtreten zu wollen.“

„Kein Problem. Ich habe eben Arbeit gebraucht. Aber ich muss schon sagen, ich bin überrascht, dass du keiner der Bauunternehmer bist, die glauben, dass die Arbeit eines Architekten mit der Fertigstellung der Blaupausen getan ist.“

„Womit du natürlich eigentlich sagen willst, wie sehr du dich freust, dass ich deine Anwesenheit nicht nervig oder überflüssig finde.“

„So was würde mir doch niemals über die Lippen kommen.“

Das sind wirklich wunderschöne Lippen, dachte er. Aber dann ermahnte er sich zur Konzentration auf die Arbeit. „Ich glaube, Architekten spielen beim Bau eine sehr wichtige Rolle. Außerdem ist die Erweiterung der Mercy Medical Clinic nicht nur irgendein Haus.“

Sie nickte. „Wenn es nur um einfache Untersuchungsräume ginge, dann wäre das ja auch keine Herausforderung. Aber für eine ambulante Klinik ist da natürlich wesentlich mehr gefragt im Hinblick auf Strom- und Wasserleitungen.“

„Du musst den Auftrag ja wirklich gewollt haben.“ Er bemerkte, wie ihr Lächeln kurz verblasste.

„Das ist schließlich eine Investition in die Zukunft, und jeder muss mal irgendwo anfangen.“

„Ja.“

Nur war sich Alex ziemlich sicher, dass dieses Projekt nicht der Anfang ihrer Karriere war. Er hatte nämlich ihren Lebenslauf gelesen. Zwischen ihrem Studium und ihrem Job bei Hart Industries, der Firma ihrer Familie in Dallas, klaffte eine einjährige Lücke. Er fragte sich, was wohl in diesem Jahr passiert war. Bestimmt nichts Gutes. Aber sie hätte die Daten auch manipulieren können und das hatte sie nicht getan.

Außerdem war das momentan gar nicht sein Problem. Schließlich hatte er die Entscheidung, sie zu beauftragen, gar nicht getroffen. Er musste aus dieser Entscheidung einfach nur das Beste machen. „Komm doch rein.“

„Ich muss nur schnell noch ein paar Sachen aus dem Auto holen …“

„Kann ich dir vielleicht etwas abnehmen?“

„Nein, daran bin ich schon gewöhnt.“ Sie machte den Kofferraum auf, und schnappte sich eine Aktentasche und ein paar Röhren, die wahrscheinlich Pläne enthielten.

„Ist das alles?“ Als sie nickte, machte er den Kofferraumdeckel wieder zu. „Na, dann komm.“

Normalerweise war Alex ein „Ladys first“-Typ. Aber wenn er jetzt vorging, musste er wenigstens nicht sehen, wie der enge Minirock ihren erstklassigen Po umspielte. Urplötzlich hatte er ein Bild vor seinem geistigen Auge, das aus ausgestreckten Beinen und zerwühlten Bettlaken und ihrem langen braunen Haar auf einem weißen Kopfkissen bestand.

Himmel. Alex konnte nicht glauben, dass er gerade daran gedacht hatte, mit dieser Frau Sex zu haben. Andererseits, rechtfertigte er sich, war es schon lange her für ihn. Die Reaktion hatte nichts mit ihr persönlich zu tun. Es war einfach nur die normale Reaktion eines Mannes auf eine schöne Frau.

Er öffnete die Tür des Bauwagens und ließ sie jetzt doch vorgehen. „Nach dir.“

„Wenn es dir nichts ausmacht, dann stürze ich mich sofort in die Arbeit.“ Sie sah sich um. „Ist es okay, wenn ich diesen Schreibtisch dort benutze?“

„Nur zu“, antwortete er.

Sie durchquerte den Raum und stellte ihre teure Aktentasche und ihre überdimensionale Handtasche darauf ab. Die Röhren ließ sie einfach auf den Tisch fallen. Sie nahm ihren Laptop aus der Tasche und klappte ihn auf. Nach ihrer texanischen Gesprächigkeit kam ihm die Stille nun seltsam falsch vor.

„Bist du in der Blackwater Lake Lodge untergebracht?“

„Ehrlich gesagt, nein. Für so lange Zeit hatten sie dort nichts.“

Er lehnte sich mit der Hüfte gegen den Schreibtisch, dann schenkte er ihr ein freundliches Lächeln. „Hast du denn überhaupt schon eine Unterkunft?“

„Oh, da hat mir Dr. Stone aus der Patsche geholfen.“

Anscheinend war Adam jetzt ein Verfechter von Nachbarschaftshilfe und Nächstenliebe geworden. Der Allgemeinarzt war letzten Sommer hergezogen und hatte die Wohnung über der von Jill Beck gemietet. „Wie hat Adam das denn angestellt?“

„Er hat vorgeschlagen, dass ich einfach seine alte Wohnung miete. Er und Jill sind doch jetzt verlobt und wohnen gemeinsam unten bei ihr.“

„Und?“

„Jill hat daraufhin einem befristeten Mietverhältnis zugestimmt. Normalerweise tut sie das nicht, aber ich schätze mal, für mich hat sie eine Ausnahme gemacht.“

„Dann müsst ihr zwei euch ja wirklich gut verstehen.“

„Das tun wir. Sie hat mich sogar zur Hochzeit eingeladen.“ Ein strahlendes Lächeln erhellte daraufhin Ellies Gesicht. „Jedenfalls“, fuhr sie fort, „war ich erleichtert, dass ich jetzt ein Dach über dem Kopf habe.“

„Außerdem hast du sogar eine großartige Aussicht auf den See und die Berge.“ Im Augenblick konnte Alex sich über seine Aussicht allerdings auch nicht beschweren. Der Anblick von Ellie Hart wertete den schäbigen Baucontainer unheimlich auf.

„Aber jetzt …“ Bedauern lag in ihrer Stimme. „… muss ich wirklich wiedergutmachen, dass ich an meinem ersten Tag direkt zu spät gekommen bin. So etwas macht einfach keinen guten Eindruck.“

Eindruck gemacht hatte sie auf ihn auf jeden Fall. Ob gut oder schlecht, würde die Zeit zeigen, und so sauer, wie er wegen ihrer Verspätung gewesen war, konnte er kaum glauben, dass er als Nächstes sagte: „Also, wenn du Zeit brauchst, um auszupacken, dann nimm sie dir ruhig.“

„Das ist echt süß von dir, aber …“ Sie schüttelte den Kopf. „Es gibt viel zu tun und morgen wird bereits das Fundament gegossen. Deshalb muss ich jetzt erst einmal die Stützen für die tragenden Wände überprüfen und die nächste Projektphase noch einmal genau unter die Lupe nehmen.“

„Das habe ich schon gemacht. Also, wenn du keine Änderungen mehr vornehmen willst, dann sind die Pläne gut so“, sagte er. „Sehr gut sogar.“

„Danke.“ Sie gestattete sich ein leichtes Lächeln. „Aber ich will trotzdem nichts dem Zufall überlassen.“

„Dafür hast du meinen Respekt.“ Er wartete auf eine Antwort von ihr, aber sie konzentrierte sich bereits auf ihren Computer.

Schließlich schaute sie auf. „War noch etwas?“

„Nur eins noch.“ Er verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. Jetzt ließ er sich auch noch von ihrem Charme einwickeln. „Wie wäre es, wenn wir heute Abend nach der Arbeit …“

Sie hob die Hand. „Da muss ich sofort Stopp sagen.“

„Das ist aber so Brauch bei McKnight Construction. Am ersten Tag wird der Architekt immer auf einen Drink eingeladen. Das bringt Glück. Du kannst von mir aus ruhig sagen, dass ich abergläubisch bin.“

Sie verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln. Aber dieses Mal ließ das Lächeln ihre Augen nicht aufleuchten. „Ich wage es jetzt mal, mich meilenweit aus dem Fenster zu lehnen, und behaupte, dass du noch nicht oft mit Architektinnen zu tun hattest.“

„Das stimmt. Wie kommst du nur darauf?“

„Noch eine wagemutige Behauptung … aber ich wette, dass du normalerweise auch nicht mit dem Architekten flirtest.“

„Was das Flirten angeht, da irrst du dich. Ich will einfach nur nett sein.“ Hörte sich das tatsächlich so schmalzig an, wie es ihm vorkam? So hatte er das doch gar nicht gemeint. „So stellt man eben ein gutes Arbeitsklima her.“

„Ja, solange, bis es das nicht mehr ist. Ich will nicht unhöflich sein, nur ehrlich.“ Sie holte tief Luft. „Mach dir bitte nichts vor, nur weil ich einen kurzen Rock anhabe. Ich bin kein zartes Gewächs. Ich kann diese Arbeit genauso gut oder sogar noch besser als jeder Mann machen, und genau das habe ich auch vor. Eine schlechte Erfahrung kann einen Karriererückschlag bedeuten, und das wird mir bestimmt nicht passieren.“

Wieder. Wieder passieren. Sie sagte es zwar nicht, aber dieses Wort stand mitten im Raum. Wenn er raten müsste, würde er vermuten, dass ihr jemand am Arbeitsplatz mal Avancen gemacht hatte. Das war nicht gut angekommen und ihr guter Ruf hatte darunter gelitten. Danach von der Firma eine Empfehlung zu bekommen, war bestimmt unmöglich gewesen. Das würde auch die zwölfmonatige Lücke in ihrem Lebenslauf erklären.

„Alles klar.“

„Okay. Gut.“ Sie wandte ihre Aufmerksamkeit nun wieder dem Computer zu und ignorierte ihn danach einfach.

Es gab viele gutaussehende Junggesellen in Blackwater Lake und Alex McKnight führte diese Liste bei Weitem an. Das war jedenfalls Ellies Meinung. In den letzten zwei Wochen war ihre freundliche, aber professionelle Fassade wirklich hart auf die Probe gestellt worden. Jetzt freute sie sich darauf, zur Abwechslung mal Spaß zu haben. Die Hochzeit von ihrer Vermieterin Jill Beck und Adam Stone schien dafür wie geschaffen zu sein.

Gleich würde die Zeremonie beginnen. Die Feier fand auf dem Rasen vor dem Haus statt, gleich unterhalb von Ellies Fenstern. Sie saß neben Liz Carpenter, der Rezeptionistin der Mercy Medical Clinic. Abgesehen von Braut und Bräutigam war diese praktisch die Einzige, die Ellie hier kannte.

„Ist hier noch frei?“

Ellie musste gar nicht erst hinsehen, um zu wissen, dass die Stimme hinter ihr Alex McKnight gehörte. In den letzten zwei Wochen hatte seine Stimme sie täglich auf dumme Gedanken gebracht. Sie schaute zu ihm auf und ihr stockte der Atem.

In dem dunklen Anzug mit dem grauen Hemd und der silbern und schwarz gestreiften Krawatte konnte sein Anblick praktisch die Erde daran hindern, sich weiterzudrehen.

Sein kurzes dunkles Haar war ordentlich gekämmt, und durchdringende braune Augen mit dunklen Wimpern brachten sie dazu, an leidenschaftliche Küsse unter einem Sternenhimmel zu denken. Sie wusste auch, wie er nach einem langen Arbeitstag aussah, wenn sich sein Bartschatten längst gezeigt hatte. Doch jetzt waren seine schmalen Wangen und der kräftige Kiefer frisch rasiert. Sie verspürte das absurde Verlangen, sein Gesicht zu berühren, nur, um zu sehen, ob seine Haut wirklich so glatt war, wie sie aussah.

„Ellie?“

„Hi, Alex.“ Sie zwang sich, ihn anzulächeln. „Klar, ist der Platz noch frei.“

„Jetzt nicht mehr.“ Er setzte sich und sie rechnete jeden Augenblick damit, dass zwischen ihnen die Funken sprühen würden. Er beugte sich vor und sagte: „Weit hast du es für diese Feier ja nicht.“

„Ja, nur die Treppe hinunter.“ Sein Atem kitzelte Ellies Ohr und der würzige Duft seines Eau de Toilette ließ ihre Willenskraft rasch schwinden. Seit dem ersten Tag hatte er sie nie anders behandelt als den Rest der Crew. Außerdem gehörte zu den Tischlern auch noch eine Frau. Inzwischen kam ihr ihre anfängliche Predigt, die sie ihm gehalten hatte, mehr als albern vor. „Ich schätze mal, die haben mich nur eingeladen, damit ich mich nicht bei der Polizei beschwere, wenn die Party zu laut wird.“

Er lachte und ließ den Blick von ihrem Kopf bis zu ihren rosa lackierten Zehennägeln gleiten, die aus ihren silbernen hochhackigen Sandalen hervorlugten. „Du bist wunderschön heute Abend.“

„Danke. Du siehst auch nicht übel aus.“ Das war eine reine Untertreibung. Einerseits wollte sie ihn für sein Kompliment am liebsten kritisieren aber andererseits waren sie ja nicht auf der Arbeit. „Bist du mit der Braut oder dem Bräutigam befreundet?“

„Mit beiden. Adam und ich haben uns angefreundet, als wir beide dem Komitee für die Erweiterung des Ärztezentrums angehört haben, und Jill kenne ich, weil ich mein Boot in ihrem Hafen liegen habe.“

„Ich vermute mal, dass es kein Ruderboot ist.“

„Da hast du recht. Auf ein Autodach passt es bestimmt nicht.“ Er lächelte. „Wenn ich mal so richtig Abstand und Ruhe brauche, fahre ich am Wochenende damit ans andere Ufer des Sees.“

„Zeltest du dann dort?“, fragte sie.

„Nein. Das Boot hat eine Kabine.“

Mit einem Bett? wollte sie schon fragen. Zum Glück behielt sie diese Frage aber für sich und er konnte auch ihr heftiges Herzklopfen nach diesen anzüglichen Gedanken nicht hören.

In diesem Augenblick fingen die Musiker an, den Hochzeitsmarsch zu spielen. Alle drehten sich daraufhin zum Mittelgang um. Einen Augenblick später kamen das blonde Blumenmädchen und der dunkelhaarige Ringträger den Gang entlang, gefolgt von der Brautjungfer. Zuletzt kam Jill, in einem schulterfreien cremefarbenen Kleid aus Satin und Spitze an ihnen vorbei. Sie hielt die Hand ihres siebenjährigen Sohnes, der sie zum Altar führte. In seinem Smoking sah er unglaublich süß aus.

Ellie warf dem Bräutigam, der mit seinem Bruder und dem Pfarrer unter einer mit Rosen geschmückten Laube wartete, einen kurzen Blick zu. Adam wirkte gleichzeitig benommen und verliebt.

Die Gefühle schnürten auch Ellie schnell die Kehle zu und Tränen traten ihr in die Augen. Warum machten sie Hochzeiten bloß immer so sentimental? Sie spürte, wie ihr eine Träne über die Wange lief. Sie wischte sie hastig weg und hoffte, dass niemand etwas bemerkt hatte. Doch eine Sekunde später hielt Alex ihr ein Taschentuch hin. „Habe ich bei Hochzeiten immer dabei.“

Sie lächelte, als er es ihr in die Hand drückte. Nur ein paar Augenblicke später war sie froh, es zu haben, denn das romantische Eheversprechen und der spektakuläre Kuss ließen ihre Tränen nur so fließen. Nach der Zeremonie verschwand das Brautpaar sofort mit dem Fotografen. Die Gäste erhoben sich und schlenderten nun über den Rasen zum Festzelt hinüber.

„Danke. Ich gebe es dir zurück, wenn ich es gewaschen habe.“ Ellie hielt das Taschentuch in die Höhe. „Ehrlich gesagt, bin ich äußerst froh, dass du so gut ausgerüstet warst.“

„Ich weine halt immer bei Hochzeiten.“

„Klar.“ Sie lachte. „Das ist mir wirklich unendlich peinlich. Du musst ja denken, dass ich eine richtige Heulsuse bin. Aber das war nun mal so eine schöne Hochzeit.“

„Du musst dich doch nicht entschuldigen. Es war wunderschön und es tut gut, zu wissen, dass manche Menschen irgendwann auch ihr glückliches Ende bekommen.“ Sein Ton war entweder sehnsüchtig oder verbittert. Was es genau war, war schwer zu sagen.

Dieses Mal schaffte sie es nicht, sich auf die Zunge zu beißen. „Wer hat dir denn das Herz gebrochen?“

„Wie kommst du denn darauf?“

Er hatte nun eine Hand an ihren Ellbogen gelegt, um sie über den unebenen Rasen zu führen, und die Berührung seiner warmen Finger drohte bereits, ihre Denkfähigkeit zu beeinträchtigen. „Was du gerade über ihr glückliches Ende gesagt hast … als ob du keines bekommen hättest.“

„Das habe ich auch nicht. Bei mir ist das alles ziemlich spektakulär schiefgegangen.“

Sie sah ihn erwartungsvoll an, aber er erzählte nichts mehr. „Würdest du gerne darüber reden?“

„Eigentlich nicht.“ Doch ein Funkeln ließ jetzt seine rauchgrauen Augen aufleuchten. „Aber ich ließe mich vielleicht dazu überreden, wenn du mit mir etwas trinken gehst.“

Das wollte sie unglaublich gerne. Rein technisch gesehen würde sie dabei nicht mal ihre Prinzipien über den Haufen werfen, sich nie am Arbeitsplatz mit einem Mann einzulassen, denn sie waren ja gerade nicht bei der Arbeit. „Okay.“

Sie gingen jetzt ins Zelt. Direkt neben dem Eingang war eine Bar aufgebaut. Alex bestellte einen Weißwein für sie und ein Bier für sich. Dann führte er sie zu einem freien Tisch in einer abgelegenen Ecke. Kleine weiße Lichter und Blumenarrangements aus Rosen, Orchideen und Lilien schufen eine fast magische Atmosphäre.

Alex zog einen Stuhl für sie zurück und als sie sich gesetzt hatten, berührten sich ihre Knie leicht.

„Also, dann erzähl mir mal von deinem spektakulären Fehlschlag“, sagte sie.

„Ich war bereits ein Mal verheiratet.“

Sie wusste seine Offenheit durchaus zu schätzen. Denn genau das war die Art von Information, die der Fiesling bei ihrem ersten Job ihr bewusst vorenthalten hatte. Nur, um sicherzugehen, fragte sie nach: „War?“

„Ja, ich bin jetzt geschieden.“

„Wie hast du sie denn kennengelernt?“

„Bei der Arbeit.“

War das nicht irgendwie immer so? Darum war sie ja jetzt so übervorsichtig. Das einzige Problem mit dem daraus entstandenen Misstrauen war die unglaubliche Einsamkeit. Alex brachte sie irgendwie dazu, zu vermissen, von einem Mann umarmt zu werden … geküsst zu werden … geliebt zu werden.

„War das im College?“

„Nein. Ich war der Chef und brauchte eine Assistentin. Sie war qualifiziert, und schön noch dazu. Dann wurde irgendwann mehr daraus.“ Sogar die schwache Beleuchtung konnte nicht verbergen, wie er dabei die Lippen zusammenpresste. „Kurz darauf hat sie mir gesagt, dass sie schwanger ist.“

„Also hast du sie geheiratet?“

„Und sie außerdem überredet, nach Blackwater Lake zu ziehen, weil das ein großartiger Ort ist, um Kinder großzuziehen.“

„Hat es ihr hier nicht gefallen?“

„Zum Teil. Vor allem habe ich ihr nicht besonders gefallen.“

„Dann warst du also nicht derjenige, der Schluss gemacht hat?“, fragte sie.

„Nein. Denn wie sich herausgestellt hat, hätte ich sie nicht fragen sollen, ob sie mich heiratet, als sie gesagt hat, dass sie schwanger ist. Ich hätte stattdessen viel lieber fragen sollen, wer der Vater ist.“

Sie brauchte einen Augenblick, bis ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde. „Oh, nein … sie hat dich glauben lassen …“

„Ja, ich habe es wirklich genossen, einen Sohn zu haben, solange ich einen hatte.“ Verbitterung lag nun in seiner Stimme.

„Das tut mir so leid, Alex …“

„Das muss es nicht.“

„Ich hätte dich nicht dazu bringen sollen, darüber zu reden. Vor allem nicht bei so einem fröhlichen Anlass.“

„Das macht mir ehrlich nichts aus.“ Er stieß mit seiner Flasche gegen ihr Glas. „So habe ich dich wenigstens dazu gebracht, etwas mit mir zu trinken.“

„Das ist wahr.“ Und sie gleichzeitig auch etwas milder ihm gegenüber gestimmt. Vielleicht sogar mehr als nur etwas, und das war wiederum nicht notwendigerweise gut. Sie trank ihren Wein aus und stand auf. Applaus brandete auf, als die Braut und der Bräutigam nun Hand in Hand hereinkamen, gefolgt von den Angehörigen und Freunden. „Ich muss mir jetzt einen Platz suchen.“

„Bleib doch hier.“ Alex streckte die Hand aus und hielt sie sanft am Handgelenk fest. „Jetzt habe ich dir doch schon mein ganzes Herz ausgeschüttet. Reicht das nicht vielleicht noch für ein gemeinsames Abendessen aus?“

Erneut fühlte sich seine Berührung so unfassbar gut an. Die Wärme drang durch mehrere ihrer Schutzschichten, unter denen sie ihre Einsamkeit vor dem Rest der Welt versteckte. Es war schon so lange her, seit ein Mann sie berührt hatte. Sie konnte sich deshalb einfach nicht überwinden, sich ihm zu entziehen.

Also setzte sie sich wieder hin und sagte: „Das wäre schön.“

Wenn sie nicht hätte bleiben wollen, wäre es ganz leicht gewesen, einfach wegzugehen. Aber sie konnte es nicht. Also hoffte sie einfach, dass alles gut gehen würde.

2. KAPITEL

Die Feier war so schön wie die Hochzeitszeremonie. Adam und Jill tanzten zum ersten Mal als Mann und Frau miteinander. Adams Bruder, der Trauzeuge, brachte einen Toast auf das glückliche Paar aus, und die Brautjungfer wünschte ihnen ein langes und glückliches Leben.

Das Essen war einfach köstlich und die Hochzeitstorte wurde von den Neuvermählten ohne Zwischenfall angeschnitten. Das war eine ausgezeichnete Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen. Ellie musste nämlich gehen, weil sie so gerne bleiben wollte, und daran war nur Alex schuld.

Sie sah ihn intensiv an, während er den letzten Bissen von seinem Stück Hochzeitstorte genoss. „Das war richtig schön …“

„Sag es nicht“, warnte er sie.

„Was denn?“

„Dass du jetzt gehst.“

„Vielleicht wollte ich ja auch sagen, dass das die schönste Hochzeit war, die ich jemals erlebt habe.“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.

„Oder ich wollte sagen, dass ich zu spät zum Jongliertraining mit Tortentellern komme.“

Er verzog die Mundwinkel zu einem umwerfenden Lächeln. „Irgendwie habe ich so das Gefühl, dass du nicht der Typ fürs Jonglieren bist. Nein, dein Tonfall war eindeutig die Andeutung eines schnellen Abgangs.“

„Ich hatte ja gar keine Ahnung, dass du so scharfsinnig bist.“

„Tja, das bin ich aber. Lektion Nummer eins: Der Schein trügt oft.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Du hast doch bestimmt gedacht, dass ich nur so ein typischer Lackaffe bin.“

Das brachte sie unwillkürlich zum Lächeln. Sie konnte einfach nicht anders. „Jetzt willst du mich doch nur dazu bringen, dir alle Gründe aufzuzählen, warum ich weiß, dass du ein intelligenter Mann bist.“

Seine braunen Augen funkelten. „Dann denkst du also, dass ich klug bin?“

„Das weiß ich sogar.“ Niemand konnte ihr ein besonders gutes Urteilsvermögen zusprechen, wenn es um Männer ging, aber sie hatte lange genug mit ihm zusammengearbeitet, um zu wissen, dass er kein Dummkopf war. „Du hast die Arbeiter fest im Griff, aber du bist immer fair. Du liegst momentan fünf Prozent unter dem Kostenvoranschlag und niemand in Blackwater Lake hat bisher auch nur ein Wort über dein Privatleben verloren.“ Sie hatte nämlich ihr Bestes getan, um unauffällig Informationen aus den Arbeitern herauszukitzeln.

„Vielleicht liegt es daran, dass ich momentan gar kein Privatleben habe.“

„Jetzt unterschätzt du mich aber.“ Sie lachte. „Natürlich hat ein Mann wie du, ein Privatleben. Es findet eben nur nicht hier in der Stadt statt.“

„Jetzt bin ich aber beeindruckt.“ Diese Feststellung bestätigte nichts, verneinte aber auch nichts. „Aber was meinst du mit ein Mann wie ich?“

„Ich muss jetzt wirklich gehen.“

Genau in diesem Augenblick setzte die Musik wieder ein. Mehrere Paare schwebten auf dem Tanzboden in der Mitte des Hochzeitszelts an ihnen vorbei.

„Wie wäre es denn mit einem letzten Tanz und dann bringe ich dich nach Hause?“ Alex reichte ihr die Hand.

Ellie starrte ihn an. Cinderella war dem Märchenprinzen nach einem Tanz auf dem Ball schließlich auch entkommen.

„Na schön.“ Sie legte ihre Hand in seine und er zog sie hoch.

Alex legte seine Hand an ihr Kreuz, als er sie auf die Tanzfläche führte. Dort schlang er ihr den Arm um die Taille und zog sie locker an sich. Sie legte daraufhin eine Hand auf seine Schulter, während er die andere nahm und mit seiner verschränkte, bevor er sie eng an seinen Oberkörper drückte. Das war so eine intime Geste, dass ihre Hormone fast verrücktspielten. Sie bewegten sich so mühelos im Takt der Musik, als ob dieser Tanz nicht der erste für sie wäre.

„Du bist wirklich eine gute Tänzerin.“ Sein Atem ließ ihre Haarsträhnen, die ihr in die Stirn gefallen waren, flattern.

„Du auch.“

Außerdem bist du attraktiv, humorvoll und intelligent. Nur mühsam schaffte sie es, normal weiterzuatmen, so außer Atem fühlte sie sich. Sie würde ihre Lieblingsschuhe darauf verwetten, dass jede Frau, die mit ihm ins Bett ging, sich den Rest ihres Lebens an diese Nacht erinnern würde.

Großer Gott, wo kam denn nur dieser Gedanke plötzlich her? Aber es war schlichtweg unmöglich, von ihm in den Armen gehalten zu werden und dabei seine breiten Schultern und seinen muskulösen Oberkörper nicht zu bemerken. Er brachte sie irgendwie dazu, sich zerbrechlich und feminin zu fühlen. Wie konnte sie da nicht darüber nachdenken, wie sich seine nackte Haut an ihrer anfühlen würde?

Himmel, es war auf einmal so heiß im Zelt!

Zum Glück war der Song jetzt vorbei, bevor sie sich noch blamierte. Alex ließ sie jedoch nicht los, als das nächste Lied begann. Offensichtlich hatte er vor, nicht nur den kleinen Finger zu nehmen, sondern gleich die ganze Hand.

Ellie entschlüpfte gekonnt seinem Griff. „Ich muss jetzt los.“

„Ich kann dir das wirklich nicht ausreden?“

Das wäre sogar geradezu jämmerlich leicht, aber sie zwang sich, Nein zu sagen. „Ich fürchte nicht.“

„Okay. Aber dann begleite ich dich wenigstens.“

„Das ist nicht nötig. Ich hab’s ja nicht weit. Was könnte mir denn schon passieren?“

„In Blackwater Lake? Höchstwahrscheinlich gar nichts, aber ein McKnight lässt eine Dame auf dem Heimweg trotzdem nicht allein.“

„Wie ritterlich.“

Sie ging zum Tisch zurück, wo noch mehrere Gäste saßen, und sagte allen Gute Nacht. Da Braut und Bräutigam gerade ganz versunken auf der Tanzfläche waren, beschloss sie, die beiden nicht zu stören.

Die Juniluft war kühl und der Himmel dank des Vollmonds, der sich im See spiegelte, sehr hell. Könnte die Atmosphäre noch romantischer sein? Sie konnte sogar den Bootssteg erkennen und die Schiffe, die daran festgemacht waren.

„Welches ist denn deins?“ Die Frage rutschte ihr auf einmal einfach so heraus.

„Das ganz am Ende, wo das Wasser tiefer ist.“

Sie hatte keine Ahnung von Booten, aber sogar sie sah, dass es das größte Schiff an der ganzen Anlegestelle war.

„Sieht ja toll aus.“ Sie ging nun auf die überdachte Veranda zu, wo die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufführte.

Alex legte jetzt eine Hand auf ihren Arm. „Willst du sie dir vielleicht ansehen?“

„Das Schiff?“ Das war eine dämliche Frage und sie diente nur dazu, Zeit zu gewinnen.

„Ja.“

Nicht nur die Wärme seiner Finger führte sie in Versuchung, sie war tatsächlich auch neugierig.

„Gerne“, stimmte sie deshalb zu. „Aber nur eine kurze Führung, dann muss ich echt ins Bett.“

„Okay.“

Es gefiel ihr, wie er seine Hand an ihren Rücken legte. Die Geste wirkte irgendwie galant. Im Mondlicht und nach ein paar Gläsern Wein wurde es immer schwieriger, sich daran zu erinnern, warum er als Liebhaber für sie nicht in Frage kam.

Der Steg schwankte kaum merklich. Sie gingen an mehreren Reihen Boote vorbei, bevor er sie bis ganz ans Ende des Stegs führte.

„Das ist die Independence“, sagte er stolz.

Geschickt begab er sich an Bord. Anschließend streckte er die Arme aus, legte ihr die Hände um die Taille und hob sie mühelos auf das Boot, während sie sich an seinen Schultern festhielt.

„Danke.“ Ihre Stimme klang ein bisschen atemlos und das hatte bestimmt nichts mit ihrem Spaziergang zu tun.

Er schien es zum Glück gar nicht zu bemerken. Er nahm einfach nur ihre Hand und zeigte ihr das Schiff. Zuerst erklärte er ihr, wo der Platz des Kapitäns hinter dem Steuerrad war und dann zeigte er ihr den hinteren Teil des Schiffs, wo die Passagiere sich entspannen und Sonne tanken konnten.

„Jetzt geht’s nach unten“, sagte er. „Lass mich aber zuerst die Leiter runtersteigen.“

„Du bist der Kapitän!“

Ein paar Sekunden später schien das Schiff ihn förmlich zu verschlucken. Dann ging unten ein Licht an. „Okay.“

Sie drehte sich um, genau wie er es getan hatte und hielt sich am Geländer fest. Danach stieg sie vorsichtig mit den Spitzen ihrer hochhackigen Schuhe die Leitersprossen hinunter. Es war nur noch eine Sprosse bis zum Boden, als sich einer ihrer Absätze plötzlich im Saum ihres Chiffonkleids verfing und sie das Gleichgewicht verlor. Aber starke Arme fingen sie auf und setzten sie sanft ab. Er hielt sie an der Taille fest, während sie sich an seinem Oberkörper festklammerte. So standen sie sich ganz nah gegenüber und sie sah genau, wann der humorvolle Ausdruck in seinen Augen sich in Verlangen verwandelte.

Er zögerte nur einen Sekundenbruchteil, bevor er seine Lippen auf ihre presste. Nach einem kurzen Moment des Schocks gab sie sich den unglaublichen und erregenden Empfindungen hin, die er mit seinen verzehrenden Küssen in ihr auslöste. Sie konnte einfach nicht genug von ihm bekommen. Er reizte sie und quälte sie förmlich mit seiner Zunge und sie schmeckte dabei das Bier und die Torte.

Als er sie gegen die Wand drückte, streifte Alex sie nur kurz mit den Hüften, löste damit aber einen wahren Sturm des Verlangens in ihrem Inneren aus. Er zog jetzt sein Jackett aus, dann lockerte er seine Krawatte und zog sie sich achtlos über den Kopf, ohne sie auch nur aufzuknoten. Ellie zerrte in dieser Zeit sein Hemd aus der Hose. Aber bevor sie mehr tun konnte, drehte er sie um und öffnete den Reißverschluss ihres Kleides. Sie ließ es daraufhin langsam nach unten gleiten. Weil sie sich auf einem Boot befanden, wusste sie nicht, ob ihr von seinen berauschenden Küssen oder von dem Schaukeln des Schiffs schwindelig war.

Sie trug keinen BH und als Alex sie von hinten umarmte und die Hände um ihre nackten Brüste legte, fühlte sie sich, als ob sie genauso gut in einer Rakete zum Mond sein könnte. Wahrscheinlich erlebte sie gerade das beste Vorspiel ihres ganzen Lebens.

Ellie drehte sich jetzt um und vergrub die Finger in seinem Haar, während er an einer ihrer Brustspitzen saugte. Sie krallte sich an ihm fest, damit er weitermachte, aber plötzlich zögerte er. Sie legte die Hände auf seine Hüften und zog ihn an sich. „Alex, ich will dich …“

Sein glühender Blick traf sie. „Ich weiß genau, wie du dich gerade fühlst …“

„Jetzt sofort. Bitte.“

„Nicht hier. Das Schlafzimmer …“

„… ist viel zu weit weg.“

Er grinste. „Da täuschst du dich aber.“

Er ging einen Schritt zur Seite und in eine Kabine hinein, die wirkte, als ob sie nur aus einem Bett bestünde. Er zog die Decke zur Seite, dann nahm er Ellie in den Arm und ließ sie auf die feste Matratze gleiten. Sie streifte daraufhin hastig ihre Schuhe ab und schlüpfte aus ihrem Slip, während er sich ebenfalls ganz auszog. Bevor er sich zu ihr gesellte, nahm er eine kleine Plastikpackung aus seinem Geldbeutel.

Sie sah zu, wie er die Folie und das Kondom überstreifte, dann konnte sie kaum atmen, als er behutsam ihre Beine spreizte und sich über ihren Körper senkte. Sanft drang er in sie ein. Genau wie beim Tanzen zuvor fühlte es sich nicht wie das erste Mal mit ihm an. Sie nahm ihn leicht in sich auf und passte sich automatisch seinem Rhythmus an. Er bewegte sich in ihr und baute nach und nach eine köstliche Spannung auf, bis sie es kaum noch ertragen konnte. Als er eine Hand zwischen ihre Körper schob und die empfindsamste Stelle zwischen ihren Schenkeln liebkoste, brachte die Explosion der Empfindungen, die er damit unvermittelt in ihr auslöste, ihre Welt kurz zum Stillstand. Keuchend rang sie nach Luft.

Alex hielt sie fest und flüsterte ihr zärtliche Worte ins Ohr, die sie aber in ihrem vor Lust ganz benommenen Zustand kaum verstand. Als sie wieder einigermaßen denken konnte, schlang sie die Beine fest um seine Hüften und brachte ihn seinerseits zum Höhepunkt. Bereits Sekunden später stöhnte er auf, spannte sich an und klammerte sich fest an sie, während er ebenfalls vor Lust explodierte.

Ellie hatte keine Ahnung, wie lange sie noch so in seinen Armen lag, bevor er sich zur Seite drehte, aufstand und verschwand. Aber bereits eine Minute später kam er wieder zurück und zog sie erneut an sich.

Den Kopf an seine Schulter geschmiegt, flüsterte sie schläfrig: „Du bist ziemlich … fantastisch.“

„Du auch, El.“ Erschöpfung klang aus seinen Worten heraus, so als ob er ihr gar keinen Spitznamen hatte verpassen wollen, sondern einfach nur zu müde war, um ihren ganzen Namen zu sagen.

Sie wusste genau, wie er sich fühlte, denn sie war auch viel zu müde, um die Augen noch offen halten zu können. Bevor sie einschlief, war ihr letzter Gedanke, dass sie unbedingt aufstehen und zurück zu ihrer Wohnung fahren sollte.

Alex machte ein Auge auf, als er hörte, wie jemand neben ihm nach Luft schnappte. Er brauchte nur eine Sekunde, bis ihm klar wurde, dass Ellie gerade aufgewacht war und gemerkt hatte, wo sie war … mit wem sie zusammen war und was sie miteinander angestellt hatten. Im Morgenlicht war ihr Gesichtsausdruck nur allzu leicht zu erkennen und zu deuten.

Er stützte sich nun auf einen Ellbogen auf. „Hi.“

„Guten Morgen.“ Sie zog sich die Decke bis zum Hals hinauf.

Ihr Haar ergoss sich wie braune Seide über das Kopfkissen. Sie sah höllisch sexy aus. Wahrscheinlich war das jetzt kein guter Zeitpunkt, um ihr zu sagen, dass sie mit der Decke bis zum Kinn genauso erregend wirkte wie splitterfasernackt. Denn die Decke betonte die Konturen ihres Körpers und er konnte darunter jede Rundung ihrer schlanken Gestalt erkennen, die er in der letzten Nacht so genüsslich erforscht hatte.

„Was ist los?“ Er wusste genau, dass ihr etwas zusetzte, weil sie sich nervös auf ihre Unterlippe biss. Auch diese Lippe hatte er gründlich gekostet und er hätte nichts dagegen, das Ganze sofort zu wiederholen.

„Ich schätze mal, wir müssen darüber reden.“ Ihr Gesichtsausdruck sagte deutlich, dass sie viel lieber barfuß über glühende Kohlen gehen würde. „Das ist so ein schreckliches Klischee, aber ich hasse mich heute Morgen wirklich dafür.“

„Wir könnten ja so tun, als ob das Ganze nie passiert wäre.“

„Es war ein Fehler, Alex, und ich übernehme die volle Verantwortung dafür.“

Er hatte schließlich auch einen Fehler gemacht, deshalb sagte er: „Wie wär’s wenn wir die Schuld fünfzig-fünfzig aufteilen?“

„Das ist fair.“ Sie drehte sich um. „Die Sache ist nur …“

Das musste das mit Abstand merkwürdigste Gespräch am Morgen danach sein, das er je geführt hatte. „Ich bin ganz Ohr.“

„Wenn das doch nur wahr wäre“, murmelte sie. „Wir sind Kollegen. Ich habe es mir doch fest zur Regel gemacht, niemals mit einem Kollegen ins Bett zu gehen.“

„Ich hasse es, dir das sagen zu müssen, aber der Zug ist wohl abgefahren.“

„Danke für den Hinweis auf das Offensichtliche“, sagte sie trocken. „Ich war schließlich auch dabei. Aber das darf wirklich nicht wieder vorkommen.“

„Da scheinst du ja sehr eisern zu sein.“ Obwohl er ihr theoretisch sogar zustimmte, wollte ein Teil von ihm das Ganze trotzdem als Herausforderung auffassen.

„Aus gutem Grund.“ Sie senkte den Blick. „Im College habe ich zu den Besten meines Jahrgangs gehört. Ich habe mein Praktikum bei einem der besten Architekturbüros von Dallas gemacht. Nach meinem Abschluss bin ich sofort dort eingestellt worden und damit hatte ich es endlich geschafft. Ich wollte meinem Vater und meinen Brüdern beweisen, dass ich allein für mich sorgen kann.“

„Und was ist dann passiert?“ Irgendetwas musste schließlich passiert sein.

„Ich habe eine Beziehung mit einem der Partner angefangen, und er hat es leider versäumt, mir zu sagen, dass er verheiratet war.“

„Das hört sich an, als ob es eine große Firma war. Hat dir denn keiner die Augen geöffnet, bevor es zu spät war?“

„Bei mir hätten sofort die Alarmglocken schrillen müssen, als er unsere Beziehung geheim halten wollte. Niemand im Büro hat davon gewusst. Das war mein Fehler. Ich habe seiner Erklärung geglaubt, dass er mich nur vor neidischen Kollegen beschützen wollte, die mir meinen Erfolg nicht gönnen und alles auf unsere Beziehung schieben würden.“

„Wie hast du es denn herausgefunden?“

„Seine Frau hat ihn erwischt. Dank einer E-Mail und einer Nachricht auf dem Handy.“ Sie umklammerte immer noch das Laken, mit dem sie ihre Brüste bedeckte. „Ist ja auch egal. Sie ist auf jeden Fall ins Büro gekommen und hat mich dort mit der ganzen Sache konfrontiert.“

„Das gab bestimmt eine richtig miese Szene.“ Das war keine Frage.

Sie nickte unglücklich. „Natürlich hat niemand geglaubt, dass ich so naiv gewesen bin, nicht zu wissen, dass er verheiratet war. Die Firma ist äußerst konservativ. Man hat mir noch einen Gefallen getan und mir erlaubt selbst zu kündigen.“

Wie großzügig, dachte er wütend. Also stand zwar keine Kündigung auf ihrem Lebenslauf, aber die Arbeitserfahrung konnte sie trotzdem nirgendwo angeben. „Was hast du dann gemacht?“

„Ich habe mich still und leise aus dem Staub gemacht und mit meinem Bruder Lincoln für Hart Industries gearbeitet. Er leitet die Entwicklungsabteilung für meinen Vater.“

„Kein schlechter Deal.“

„Für mich schon.“ Sie lächelte traurig. „Denn die Harts haben ein Gedächtnis wie Elefanten. Ich will doch nur, dass sie stolz auf mich sind, aber da habe ich mir wohl selbst eine richtig tiefe Grube gegraben.“

„Das ist jetzt der Augenblick, wo ich dich auf das Offensichtliche hinweise – der Typ ist ein Mistkerl gewesen.“ In Anbetracht der Tatsache, wie wütend er gerade war, hörte sich seine Stimme erstaunlich ruhig an.

„Damit rennst du bei mir offene Türen ein, aber das ändert trotzdem nichts daran, dass ich den Rückzug antreten musste. Das Ganze ist jetzt zwei Jahre her. Die Mercy Medical Clinic hier in Blackwater Lake ist also meine zweite Chance. Die darf ich auf keinen Fall verspielen. Fehler kann ich mir einfach nicht mehr leisten.“

„Da bin ich ganz deiner Meinung.“

„Ehrlich?“ Sie hörte sich überrascht an.

„Ich bin schließlich Geschäftsmann. Das hier ist eine Kleinstadt. Wenn eine Beziehung vorbei ist, dann gibt’s vielleicht auch verletzte Gefühle. So etwas spricht sich schnell rum und die Leute ergreifen dann automatisch Partei.“ Er zuckte mit den Achseln. „Das ist niemals gut fürs Geschäft.“

Sie begegnete seinem Blick. „Dann sind wir uns also einig?“

„Das sind wir. Ich respektiere es, dass du nichts Unverbindliches willst, aber das ist momentan leider alles, was bei mir möglich ist. Mir darf bei der Arbeit ebenfalls nichts dazwischenkommen. Ich muss mich um meine Projekte und meinen guten Ruf kümmern.“ Damit wiederholte er im Wesentlichen ihre Worte.

„Ich freue mich, das zu hören.“ Sie schaute zum Fenster hinaus. „Wie stehen wohl die Chancen, dass die letzte Nacht unser Geheimnis bleibt, in Anbetracht der Tatsache, dass beinahe die ganze Stadt auf der Hochzeit war?“

„Du wohnst doch hier in der Nähe und die Leute wissen, dass ich manchmal auf meinem Boot übernachte.“ Er bemerkte ihren Blick und grinste. „Nur um zu schlafen natürlich.“

„Klar.“

Den Einwurf ignorierte er. „Was ich damit sagen will, ist, dass keiner einen Gedanken daran verschwenden wird, dass mein Auto noch hier ist.“

„Na, da bin ich aber erleichtert.“

„Du musst nur wieder in deiner Wohnung sein, bevor das frisch vermählte Paar und ihr neugieriger kleiner Junge aufgestanden sind.“

„Dann mach ich mich mal besser sofort auf den Weg.“ Sie wollte schon aufstehen, als sie ihm noch einen Blick zuwarf.

„Ich schätze mal, du hättest jetzt gerne ein bisschen Privatsphäre.“ Ein bisschen spät dafür, dachte er allerdings schmunzelnd. Denn er hatte ihre weiche Haut ausgiebig betrachtet, berührt und geküsst, und er würde die vergangene Nacht den Rest seines Lebens in Erinnerung behalten. „Dann lasse ich dich jetzt mal allein.“

Ihm war es egal, ob sie ihn nackt sah. Also schlug er die Decke zurück und ließ sich Zeit dabei, seine Sachen einzusammeln, bevor er die Kabine verließ. Vor der Tür entdeckte er ihr Kleid und hob es auf. Nachdem er die sinnliche Seide sanft gestreichelt hatte, legte er es auf das Bett. „Das wirst du brauchen.“

Sie wollte jetzt bestimmt nicht hören, dass ihm das Kleid zwar sehr gut gefiel, aber dass sie ihm nackt noch lieber war. Vielleicht sogar nur in Stöckelschuhen.

Der Gedanke brachte ihn spontan zum Lächeln, und ihm fiel etwas ein. Es gab noch etwas, worüber er unbedingt mit ihr sprechen musste.

Gerade als er sich die Hosen angezogen hatte, tauchte Ellie vollständig angekleidet wieder auf. Sie ging zur Leiter, die nach oben auf das Deck führte. „Dann sehe ich dich morgen bei der Arbeit.“

„Eine Sekunde noch.“

Mit einer Hand an der Leiter warf sie ihm einen Blick zu. „Was gibt’s denn noch?“

„Nimmst du zufällig die Pille?“

„Nein.“ Ihre Augen weiteten sich erschrocken. „Dafür gibt es momentan keinen Grund, denn ich habe ja keine Beziehung. Aber du hast doch ein Kondom benutzt.“

„Ja, das stimmt.“ Ein Kondom, dessen Haltbarkeitsdatum schon lange überschritten war.

Aber er hatte in diesem Moment ja auch mit allen möglichen Körperteilen und nicht mit seinem Kopf gedacht.

„Es ist gerissen“, sagte er nun beklommen.

„Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast.“ Sie nickte nachdenklich. „Ich bin sicher, dass es da kein Problem gibt. Mach dir keine Sorgen.“

3. KAPITEL

Es war Montag und fast Feierabendzeit und Ellie hatte sich noch niemals so sehr darüber gefreut. Sie war unglaublich erschöpft. Von der Arbeit, aber vor allem auch von der Anstrengung, sich Alex gegenüber ganz normal zu verhalten. Wie machte man Sex einfach ungeschehen? Wie hörte man auf, sich einen Kollegen nackt vorzustellen, nachdem man ihn tatsächlich nackt gesehen hatte?

Jedes Mal, wenn sie seine braunen Schlafzimmeraugen und seine breiten Schultern sah, konnte sie nur noch an Sex mit ihm denken.

„Der Klempner kommt morgen früh.“ Alex schaute hoch und ertappte sie dabei, wie sie ihn anstarrte. Sein Blick war dunkel und durchdringend, als ob er genau wusste, was sie gerade gedacht hatte.

„Richtig.“ Das Wort hörte sich fast wie ein Krächzen an und ihr Magen verkrampfte sich. „Bist du sicher, dass die Leute gut sind?“

„Es sind die besten Handwerker hier in der Gegend.“

„Gut. Die Leitungen für den Operationssaal und die Aufwachräume machen mich nämlich ganz schön nervös.“

„Diese Leute schaffen das schon“, sagte er zuversichtlich.

Er war immer so unglaublich selbstsicher, sogar beim Sex. Verdammt. Jetzt dachte sie schon wieder daran. Höchste Zeit, zu verschwinden. „Ich sehe mir nur noch mal schnell alles an, damit wir morgen direkt loslegen können.“

„Aber du machst bald für heute Schluss, oder?“

„Ja.“ Dann fragte sie sich, ob er sie vielleicht loswerden wollte. „Warum?“

„Du siehst müde aus.“

Der Mann war einfach viel zu aufmerksam. Zu ihrer Schande fragte sie sich allerdings, ob das bedeutete, dass ihm etwas an ihr lag. Sie wollte auf keinen Fall zu den Frauen gehören, die erwarteten, dass ein Mann tiefere Gefühle für sie entwickelte, nur weil sie miteinander geschlafen hatten. Sex war ein rein körperlicher Akt zwischen einem Mann und einer Frau, weil sie sich attraktiv fanden, das war alles und damit hatte es sich auch schon.

„Ich habe heute tatsächlich viel zu viel gearbeitet.“ Sie stand auf und klappte ihren Laptop zu. „Aber wenn ich einen gemütlichen Arbeitstag gewollt hätte, dann hätte ich mir einen anderen Beruf ausgesucht.“

„Das war auch nicht als Kritik gemeint.“ Alex erhob sich ebenfalls. „Ich wollte dich nur etwas fragen, aber wenn du zu müde bist, kann das natürlich auch warten.“

„Mir geht’s prima. Was gibt’s denn?“

„Ich habe über die Verbindung von dem neuen Flügel mit dem Ärztezentrum nachgedacht, und ich denke, an der bestehenden Wand sollte noch eine Dehnungsfuge angebracht werden.“

Daran hatte sie selbst auch schon gedacht und ihr war klar, dass er die Abdeckleiste dafür benutzen wollte, um die beiden Gebäudeteile nahtlos miteinander zu verbinden. „Meinst du, das funktioniert sonst nicht?“

„Genau.“ Er kam um seinen Schreibtisch herum. „Ich zeige dir mal eben, was ich meine.“

„Okay.“

Inzwischen sehnte sich Ellie danach, die Schuhe mit den hohen Absätzen auszuziehen, aber als sie vor Alex stand, war sie ganz froh über die zusätzlichen Zentimeter. Auch, wenn sie nicht genau wusste warum, war es ihr wichtig, neben ihm so groß wie möglich auszusehen.

„Bringen wir es hinter uns, damit du schnell von hier verschwinden kannst.“ Er ging vor ihr her und hielt ihr die Tür auf, bevor er die drei Stufen der Metalltreppe hinunterging. Schon den ganzen Tag hatte seine überaus attraktive Rückansicht ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so auch in diesem Augenblick. Alex McKnight war ein wirklich ausgesprochen gutaussehender Mann. Mit Jeans und auch ohne Jeans.

Sie starrte gebannt seinen Po an, anstatt auf die letzte Stufe zu achten, und blieb deshalb mit dem Absatz daran hängen. Einen Augenblick stand sie noch da, im nächsten stürzte sie schon mit einem leisen Aufschrei hinunter. Ihr Körper drehte sich zur Seite, aber ihr Schuh leider nicht. Sie spürte mehr, als sie hörte, wie etwas in ihrem Knöchel knackste, dann durchfuhr plötzlich ein glühender Schmerz ihr Bein.

Alex war sofort an ihrer Seite. „Alles okay bei dir?“

„Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht. Das tut echt unglaublich weh.“

Als er ihren Absatz befreite, schrie sie schmerzerfüllt auf. „Verdammt“, murmelte er. „Tut mir leid.“

„Schon okay. Oh … Himmel, tut das weh. Kannst du mir bitte aufhelfen?“

Er presste die Lippen zusammen, als er einen Arm um ihre Taille schlang und sie stützte, damit sie aufstehen konnte. Als sie mit dem Fuß den Asphalt berührte, schrie sie erneut auf. Der Schmerz nahm ihr schier den Atem.

„Das war’s.“ Alex hob sie kurzerhand hoch. „Gut, dass der Arzt direkt nebenan ist.“

„Das ist nicht nötig. Ich bin mir sicher, der Knöchel ist nur verstaucht.“ Bitte, lieber Gott, lass ihn nur verstaucht sein.

„Auch darum kann sich mein Bruder kümmern“, sagte er grimmig.

Sie legte die Arme um seinen Hals und biss vor Schmerzen die Zähne zusammen. Irgendwo hatte sie einmal gehört, dass verletzte Sehnen und Bänder schmerzhafter waren und langsamer heilten als gebrochene Knochen. Aber das kam ihr trotzdem weniger schlimm vor als die Alternative. Denn sie durfte nicht arbeitsunfähig werden, denn das würde das Projekt mit der Mercy Medical Clinic aufhalten. Verzögerungen waren niemals gut, und sie konnte sich wirklich erst recht keine leisten. Nicht, während sie versuchte, eine Scharte auszuwetzen, was ihre berufliche Reputation betraf.

Ellie lag mit hochgelagertem Knöchel auf dem Untersuchungstisch. Sie wartete darauf, dass der Orthopäde mit seinem Urteil zurückkehrte. Dr. McKnight – der sie gebeten hatte, ihn Ben nennen – hatte ihr erklärt, dass es sich wahrscheinlich um einen Bruch handelte. Aber erst die Röntgenaufnahme würde Gewissheit bringen. Nachdem er ihr etwas gegen die Schmerzen gegeben hatte, hatte er gesagt, sie solle sich solange ausruhen.

Sie war noch niemals in ihrem Leben so erschöpft gewesen. Der Druck im Job dieses Mal alles richtig zu machen, machte sich immer mehr bemerkbar, und dann war da auch noch Alex …

Als es leise an der Tür des Untersuchungszimmers klopfte, rollte sie sich vorsichtig auf die Seite.

Ginny Irwin stand in der Tür. „Wie geht’s Ihnen denn, Süße?“ Die Stimme der Krankenschwester war fest, aber nicht unfreundlich.

„Besser.“ Ellie verlagerte ihr Gewicht und zuckte erschrocken zusammen, als ein dumpfer Schmerz von ihrem Knöchel bis in den Oberschenkel strahlte. „Ich bin mir sicher, er ist nur verstaucht.“

Die ältere Frau musterte sie kritisch. „Kann ich Ihnen vielleicht etwas bringen? Einen Snack? Oder etwas zu trinken?“

„Nein, danke.“ Ihr Magen fühlte sich immer noch ganz verkrampft an, vor lauter Schreck. „Ich glaube nicht, dass ich jetzt irgendetwas runterbringen würde.“

„Doch, das können Sie. Ich weiß sogar genau das Richtige.“ Ohne auf ihren Protest zu warten, drehte Ginny sich um. „Jetzt versuchen Sie erst einmal, sich ein bisschen auszuruhen.“

Leichter gesagt, als getan, dachte Ellie. Sie fühlte sich geradezu jämmerlich verloren und allein, als es erneut an der Tür klopfte. Hoffentlich war das Ben McKnight mit guten Neuigkeiten.

„Herein.“

Einen Augenblick später stand tatsächlich ein McKnight in der Tür, aber nicht der, auf den sie gehofft hatte.

Alex kam herein und hatte eine Dose Ginger-Ale und einen Plastikbecher mit Strohhalm in der Hand. „Hi.“

Ellie ärgerte sich, weil er so verdammt gut aussah, während sie sich so mies fühlte. „Ich habe doch gesagt, du sollst nach Hause gehen.“ Jetzt hörte sie sich auch noch zickig und undankbar an. „Ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen, Alex. Ich wollte nicht unhöflich zu dir sein.“

Er schenkte ihr die prickelnde Limonade ein und wartete, bis die Blasen sich gesetzt hatten, bevor er ihr den Becher überreichte. „Jetzt nimm erst einmal einen Schluck.“

„Ich habe der Krankenschwester schon gesagt, dass ich nichts will.“

Er musste ihr wohl angesehen haben, dass sie auf stur schalten wollte, denn er fügte hinzu: „Ich habe den Befehl erhalten, mich hier nützlich zu machen. Ginny Irwin jagt mir und allen anderen Patienten hier einen Mordsrespekt ein. Wenn du so schlau bist, wie ich denke, dann geht’s dir genauso und du tust lieber, was sie dir sagt.“

Ellie hätte nicht gedacht, dass sie an diesem Tag noch einmal in Versuchung kommen würde zu lächeln, aber Alex hatte ihr gerade das Gegenteil bewiesen. Sie stützte sich auf einen Ellbogen auf. „Wenn du das so formulierst …“

Er hielt den Strohhalm fest, während sie trank. „Braves Mädchen.“

Nachdem sie ungefähr die Hälfte getrunken hatte, streckte sie sich wieder aus. Merkwürdigerweise fühlte sie sich jetzt tatsächlich ein bisschen besser. „Danke.“

„Gern geschehen.“ Er musterte sie von Kopf bis Fuß. „Wie geht’s dir denn jetzt?“

„Wie sehe ich denn aus?“ Wie er die Lippen zusammenpresste bei dieser Frage, war nicht sehr beruhigend. „Sag mir die Wahrheit.“

„Du bist weiß wie eine Wand und dein Knöchel ist geschwollen und zwar heftig.“

„Deine Ehrlichkeit weiß ich sehr zu schätzen.“ Das meinte sie wirklich ernst. Denn Ehrlichkeit war ihr von jeher sehr wichtig. Aber das half ihr nicht, ihre wachsende Panik zu bekämpfen.

„Alles wird gut, Ellie.“

Wie denn? wollte sie am liebsten fragen. Ein gebrochener Knöchel würde sie beeinträchtigen, und das passte nun mal überhaupt nicht in ihren Terminkalender. Ihre Pläne, ihren guten Ruf karrieretechnisch wiederherzustellen, waren nun mal nicht flexibel.

„Daran habe ich gar keinen Zweifel.“ Sie war sich ziemlich sicher, dass sie genug Zuversicht in ihre Worte gelegt hatte, um überzeugend zu wirken.

„Verdammt richtig. Egal, was passiert. Wenn du etwas brauchst, musst du es mir nur sagen.“

Niemals, dachte sie. Sie hatte einmal einem Mann vertraut, jetzt wollte sie allein zurechtkommen.

„Ich bin mir sicher, dass ich nichts brauchen werde, aber das ist ein schrecklich nettes Angebot, Alex.“ Sie lächelte so ehrlich wie möglich. „Es ist doch jetzt schon längst Feierabend, du solltest nach Hause gehen.“

„Mir macht das nichts …“

Ein Klopfen unterbrach ihn, dann ging die Tür auf. Ben kam herein, ihre Röntgenaufnahmen in der Hand. „Hey, Alex. Ich habe gar nicht gewusst, dass du auch noch da bist.“

„Ich habe ihm gerade erklärt, dass er gehen soll“, sagte Ellie.

Der Arzt sah sie beide an. „Ich habe hier den Bericht des Radiologen.“

„Na endlich.“ Jetzt, wo die Ergebnisse vorlagen, hatte sie auf einmal Angst.

Die beiden Brüder standen genau nebeneinander. So war die Familienähnlichkeit unverkennbar. Die Gesichtsform war absolut identisch, bis hin zu dem kantigen Kinn und den markanten Wangenknochen. Farblich bestanden leichte Unterschiede, denn das Haar des Arztes war heller. Alex war hingegen ein bisschen größer und hatte breitere Schultern. Sein Haar war dunkler, seine braunen Augen durchdringender.

Als er keine Anstalten machte zu gehen, räusperte sich Ben.

„Ihr zwei seid offensichtlich befreundet, aber ich muss jetzt allein mit Ellie sprechen.“

„Oh. Richtig. Tut mir leid.“ Alex verließ den Raum sofort.

Als sich die Tür hinter ihm schloss, wusste Ellie nicht, ob sie erleichtert war oder ob sie seine Unterstützung vermissen würde.

„Okay. Also, was ist los, Doc?“

Er hängte die Röntgenbilder nun an den Leuchtkasten. Sogar für einen Laien waren die Knochen von Fuß, Knöchel und Unterschenkel zu erkennen. Mit seinem Stift wies Ben auf eine Unregelmäßigkeit.

„Es tut mir sehr leid, Ellie, aber das ist eindeutig eine Fraktur.“

„Okay.“ Sie holte tief Luft. „Also, was geschieht jetzt? Ich bekomme bestimmt einen Gips. Könntest du einen machen, mit dem ich auch laufen kann?“, fragte sie hoffnungsvoll. „Damit ich weiter arbeiten kann.“

„Du bekommst zunächst einmal einen Gips, damit du die Verletzung nicht schlimmer machst, während wir darauf warten, dass die Schwellung zurückgeht.“

Das hörte sich gar nicht gut an. „Und anschließend?“

„Um das zu richten, muss ich dich leider operieren. Eine Platte muss den Knochen beim Heilen zusammenhalten. Das Problem ist …“

„Was?“ Ihr Magen verkrampfte sich immer mehr.

„Wenn die Erweiterung des Ärztezentrums erst einmal fertig ist, kann so etwas hier ambulant gemacht werden, aber so lange kannst du nicht warten. Das heißt, du musst in ein richtiges Krankenhaus und dieses ist ziemlich weit weg.“

Es befand sich in der Nähe des niedlichen kleinen Flughafens, das wusste sie. „Wie viel Arbeitszeit werde ich dadurch verlieren?“

„Den Tag der Operation und noch ein oder zwei Tage danach.“

„Kann ich in der Zwischenzeit denn weiterarbeiten?“

„Ja, mit Krücken. Du darfst das Bein aber nicht belasten, und du musst den Fuß so viel wie möglich hochlegen, damit er abschwellen kann. Je eher die Operation gemacht wird, umso eher bist du wieder auf den Beinen.“

„Okay.“

„Hast du sonst noch Fragen?“ Mitgefühl zeigte sich in den dunklen Augen des Arztes.

„Im Augenblick nicht, danke.“

Ellie vermutete, dass sie einen Schock hatte. Denn das war die einzige Erklärung dafür, warum sie so ruhig blieb, während der Gips angelegt wurde. Als dieser fertig war, gab Ginny ihr Krücken und half ihr in einen Rollstuhl hinein. Sie war gerade auf dem Weg in den Wartebereich und wollte die Krankenschwester schon um den Gefallen bitten, noch ein bisschen weiter, bis zu ihrem Auto gefahren zu werden, aber bevor sie das tun konnte, entdeckte sie auf einmal Alex.

Ginny schob sie auf ihn zu. „Hier ist sie.“

„Danke, Ginny.“

Ellie konnte einfach nicht glauben, dass er immer noch da war. Noch viel wichtiger: sie wollte sich auf keinen Fall daran gewöhnen.

4. KAPITEL

Bei Ellies Anblick fühlte Alex sich unweigerlich an einen wütenden, verängstigten Kolibri erinnert. Sie saß in einem Rollstuhl, hatte ein Paar Krücken in der Hand und einen knallrosa Gips, der ihr bis unter das linke Knie ging.

„Also, was diese ärztliche Schweigepflicht angeht …“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Würdest du mir erzählen, was mein Bruder gesagt hat?“

„Eigentlich nicht.“ Die Entschlossenheit in ihrem Blick sagte ihm, dass sie das ernst meinte. Aber es lag auch Verletzlichkeit darin. „Aber du hast natürlich ein Recht, Bescheid zu wissen. Mein Knöchel ist gebrochen.“

„Oh, Ellie, das tut mir so leid.“

Sie versuchte, das Ganze mit einem Schulterzucken abzutun, aber ihre Enttäuschung war deutlich spürbar. „Man muss die Dinge eben nehmen, wie sie sind, wie Hastings Hart sagen würde.“

Alex hatte das Gefühl, dass ihr Daddy immer äußerst hohe Ansprüche an seine Tochter stellte. „Okay. Er ist also gebrochen, aber das ist doch nicht das Ende der Welt. Jetzt hast du eben einen Gips und ich nehme an, mit Krücken wirst du in nächster Zukunft bestimmt keinen Marathon laufen. Das bremst dich halt ein bisschen aus.“

„So einfach ist das nicht.“

„Warum?“

„Ben sagt, ich muss operiert werden. Er muss die Knochen mit einer Platte fixieren, sonst werde ich nie einen Marathon laufen, oder überhaupt noch richtig laufen können. Die OP kann leider nicht warten, bis die Erweiterung fertig ist.“

„Okay.“ Alex stützte die Ellbogen auf die Knie. „Also musst du am besten so schnell wie möglich operiert werden.“

„Ich muss erst einmal warten, bis die Schwellung zurückgegangen ist, anschließend muss ich ins Krankenhaus. Aber es muss zum Glück nicht stationär sein, das kann ich auch ambulant machen lassen.“

„Also, das ist natürlich blöd“, stimmte er ihr zu, „aber wir können notfalls auf der Baustelle auf dich verzichten, wenn es sein muss. Das ist keine Katastrophe.“ Er bemerkte plötzlich, dass der Nagellack auf ihren Zehennägeln zu dem quietschrosa Gips passte. „Außer für dich, natürlich.“

„Das ist wahr.“ Sie seufzte. „Das war wirklich nicht mein Tag.“

„Hast du denn noch große Schmerzen?“

„Es tut schon noch weh, aber ich bin hart im Nehmen.“ So sah sie aber überhaupt nicht aus; eher wie ein ausgesetztes Kätzchen. „Ben hat gesagt, rezeptfreie Schmerzmittel sollten reichen.“

„Na schön, dann fahr ich dich …“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ist doch der linke Knöchel, also kann ich noch fahren.“

„Ich bin mir sicher, dass du das kannst, Ellie, aber ich bin doch sowieso schon hier, also musst du das nicht. Ich fahre dich gerne überall hin, wo du hinwillst.“

„Ich will nach Hause, aber es ist wirklich nicht nötig, dass du so einen Umweg wegen mir machst.“

„Das ist überhaupt kein Umweg. Ich wohne nämlich in der Nähe vom See, gar nicht weit weg von deiner Wohnung.“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Wohnst du nicht in der oberen Etage?“

„Ja, das tue ich.“ Einen Augenblick lang sah sie besorgt aus, aber dann gewann ihr Dickschädel wieder die Oberhand. „Ich komme schon klar, mache dir keine Gedanken.“

„Wie?“

„Was?“

Wie willst du denn die Treppe hinaufkommen?“

„Das schaff ich schon.“ Es kostete sie sichtlich Mühe, aber sie brachte ein Lächeln für ihn zustande. „Okay, das war ein wirklich aufregender Tag und ich bin jetzt echt todmüde. Also verabschiede ich mich und bedanke mich noch mal bei dir. Ich bin mir sicher, die Krankenschwester hilft mir gerne zu meinem Auto.“

Sie senkte die Krücken auf den Boden und stemmte sich mühsam hoch. Ihre riesige Handtasche hing währenddessen am Griff des Rollstuhls. Alex konnte sehen, dass Ellie überlegte, wie sie das alles schaffen sollte.

„Lass mich das machen“, sagte er und sprang auf.

„Das ist wirklich nicht nötig. Ich muss mich sowieso daran gewöhnen.“

„Ja, aber doch nicht direkt heute Abend.“ Als sie den Mund aufmachte, um zu protestieren, fuhr er sie gespielt streng an: „Ach, halt die Klappe, Ellie. Meine Eltern haben keinen Rüpel großgezogen. Ich bringe dich jetzt zu deinem Auto!“

Der Ausdruck in ihren Augen sagte deutlich, dass sie ihm das sofort wieder ausreden wollte, aber dafür reichte ihre Energie wohl nicht mehr, denn sie nickte nur. „Danke.“

„Nicht der Rede wert.“

Nachdem sie sich von Ginny und Ben verabschiedet hatten, trug er ihre große Tasche und hielt ihr die Tür auf. Der Weg zum Baustellenparkplatz dauerte unendlich lange und war für Ellie sehr schmerzhaft, wenn er ihre zusammengebissenen Zähne richtig deutete.

Er wollte sie am liebsten auf den Arm nehmen und tragen. Dabei ging es ihm allerdings nicht nur darum, die Prozedur zu beschleunigen oder ihre Beschwerden zu verringern, denn so sehr er sich auch bemühte, er konnte einfach nicht vergessen, wie gut es sich angefühlt hatte, sie in den Armen zu halten.

Er schloss nun das Auto auf. „Bist du dir wirklich sicher?“

„Ja.“ Unbeholfen manövrierte sie sich in Richtung Fahrertür.

„Stell dich mit dem Rücken zur Tür und lass dich langsam auf den Sitz sinken. Anschließend gibst du mir die Krücken.“

Sie schien über diesen Ratschlag nachzudenken. Dann meisterte sie das Ganze mit Erfolg. „Okay. Danke schön.“

Er konnte sich immer noch nicht vorstellen, wie sie die Treppe hinaufkommen wollte. Als er die Krücken in Reichweite auf dem Beifahrersitz verstaut hatte, beugte er sich vor und warf ihr einen intensiven Blick zu. „Wenn du irgendetwas brauchst, dann ruf mich bitte an.“

„Danke. Ich komme durchaus alleine klar, wirst schon sehen.“

Ja, das würde er, und zwar früher, als sie dachte, denn so sehr er sich auch bemühte, er traute ihrem Unabhängigkeitswahn einfach nicht.

Alex schloss nun die Beifahrertür, blieb aber noch stehen, während sie auf die Main Street einbog. Sekunden später war sie außer Sichtweite. Aber das hieß noch lange nicht, dass er nicht mehr an sie dachte.

Er war so nahe dran gewesen, Ellie in seine Arme zu ziehen und sie einfach nur festzuhalten. Wie dämlich war das denn? Sie hatten sich schließlich darauf geeinigt, dass es ein Fehler gewesen war, miteinander zu schlafen. Ein Fehler, den sie nicht wiederholen sollten und würden.

Er empfand einfach Mitleid mit ihr, aber irgendjemand hatte ihr offenbar eingebläut, dass es eine Schande war, um Hilfe zu bitten. Vielleicht der verlogene Mistkerl, der sie den Beginn ihrer Karriere gekostet hatte, oder vielleicht war sie auch einfach so erzogen worden. Aber diese Situation musste und würde sie nicht allein durchstehen, und das würde er ihr beweisen, ob ihr das nun gefiel oder nicht.

Von der Stadt Blackwater Lake zum gleichnamigen See waren es nur ein paar Meilen. Trotzdem war es für Ellie die längste Fahrt ihres Lebens. Mit dem gesunden Fuß gab sie Gas und bremste auch, doch sogar das fiel ihr schwer. Irgendwie beeinflusste die Verletzung ihre gesamten Bewegungsabläufe. Aber sie brachte die Fahrt dennoch unversehrt hinter sich.

Doch dann fingen ihre Probleme erst richtig an.

Nachdem sie angehalten hatte, griff sie nach einer der Krücken, aber sie blieb damit dauernd am Armaturenbrett, an der Windschutzscheibe oder am Lenkrad hängen.

„Was soll das denn?“ Sie war plötzlich ganz frustriert und den Tränen nahe.

Sie überlegte einen Augenblick, dann kam sie zu dem Schluss, dass sie die Krücken nur so aus dem Auto kriegen würde, wie Alex sie hineinbekommen hatte, und zwar von außen. Die einzige Herausforderung bestand lediglich darin, es auf einem Bein zu tun. Aber sie könnte ja hüpfen und sich dabei am Auto festhalten.

Das funktionierte auch tatsächlich. Aber obwohl sie das Bein gar nicht belastete, sorgte allein die ungestüme Bewegung schon dafür, dass ein heftiger Schmerz ihren Knöchel durchfuhr. Als sie die Krücken endlich unter die Arme geklemmt hatte, schwitzte sie heftig. Ihr Blick fiel jetzt frustriert auf die Handtasche auf dem Beifahrersitz. Sie würde es niemals schaffen, mit dem Ding über der Schulter die Balance zu halten. Also musste sie sich die Riesentasche wohl oder übel um den Hals hängen.

Genau wie für die Fahrt brauchte sie auch jetzt eine ganze Weile, bis sie es zur Veranda geschafft hatte. Es ging bereits drei Stufen nach oben, bevor die Treppe zu ihrem Apartment überhaupt nur anfing.

Sehnsüchtig warf sie dem Schaukelstuhl vor der Haustür von Adam und Jill einen Blick zu. Es stand sogar ein kleiner Tisch daneben, der wie gemacht dafür war, ihr verletztes Bein hochzulegen. Wenn sie es nur schaffte, ihn zu erreichen.

Mit einer Hand hielt sie die Krücken, mit der anderen klammerte sie sich am Treppengeländer fest. Die Handtasche hatte sie immer noch um den Hals hängen. Sie wappnete sich gegen den Schmerz und hüpfte dann eine Stufe nach oben. Als sie das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wiederholte sie die ganze Prozedur noch zwei Mal und lehnte sich dann erschöpft an einen Verandapfosten.

„Gott sei Dank.“ Sie schaffte es zum Schaukelstuhl und ließ sich erleichtert fallen. Nachdem sie sich eine Minute ausgeruht hatte, zog sie den kleinen Tisch näher an sich heran und legte ihr verletztes Bein darauf.

Anschließend wurde ihr die traurige Wahrheit bewusst. Vielleicht käme sie ja tatsächlich alleine die Stufen zu ihrem Apartment hinauf, aber bis sie das geschafft hatte, wäre es bereits Morgen und schon wieder Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sie musste unbedingt eine andere Unterkunft finden, entweder eine im Erdgeschoss oder mit einem Aufzug. Die Blackwater Lake Lodge schien ihr die einzige Möglichkeit zu sein.

Nachdem sie ihr Handy aus der Handtasche gezogen hatte, rief sie die Auskunft an und ließ sich direkt verbinden.

„Blackwater Lake Lodge. Hier spricht M.J. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Hi, M.J. Mein Name ist Ellie Hart und …“

„Sie sind doch die Architektin, die das Projekt für die Erweiterung der Mercy Medical Clinic leitet, oder?“

„Ja, das bin ich.“ Wahnsinn, wie schnell sich in einer Kleinstadt alles herumsprach.

„Ist alles in Ordnung?“

Nein. Aber sie wunderte sich über diese persönliche Frage. „Warum fragen Sie?“

„Na ja, man ruft hier normalerweise nur an, wenn man ein Zimmer braucht. Aber Sie wohnen doch in Jill Becks Apartment – ich meine Jill Stones.“

Noch mal Wahnsinn. Die Leute hier waren wirklich gut informiert. „Das stimmt, und Sie haben recht. Aber ich hatte leider einen kleinen Unfall.“

„Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.“

„Nein, das wird schon wieder, aber ich habe ein Gipsbein, und das Apartment ist im Obergeschoss. Ich schaffe es momentan leider nicht hinauf. Also habe ich mich gefragt, ob vielleicht in der Lodge etwas frei ist.“

„Das tut mir so leid, Ellie. Wir sind momentan komplett ausgebucht.“ M.J. hörte sich an, als ob ihr das wirklich leidtat. „Es gibt mittlerweile sogar schon eine Warteliste. Lassen Sie mich mal ein paar Anrufe machen, ob ich nicht doch ein Zimmer für Sie finden kann …“

„Das ist wirklich sehr nett, aber das kann ich doch nicht von Ihnen verlangen. Ich werde schon etwas finden.“

„Sind Sie sicher?“

„Absolut. Aber danke, M.J.“

Ellie beendete das Gespräch und lehnte den Kopf an die hölzerne Lehne. Sie war unglaublich müde und alles tat ihr weh. Sie schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Es kam ihr so vor, als wären nur ein paar Sekunden vergangen, als sie plötzlich ihren Namen hörte.

„Ellie. Aufwachen.“ Die männliche Stimme war leise und sanft.

Blinzelnd öffnete sie die Augen. Alex kniete vor ihr. „Wo bin ich?“

„Auf Jills Veranda.“

Die schreckliche Erinnerung kehrte sofort zurück. Ihre Lippen zitterten, als sie zugab: „Ich komme die Treppe nicht allein hoch. Wage es ja nicht, mir jetzt zu erklären, dass du es mir doch gleich gesagt hast.“

„Das käme mir doch nie in den Sinn.“ Aber er sah ertappt weg.

„Ich habe die Lodge angerufen, aber die haben gerade kein Zimmer frei. Nicht mal für heute Nacht.“

„Dann kommst du eben mit zu mir.“

Sie hatte mit ihm geschlafen und sie hatten sich danach darauf geeinigt, dass das Ganze ein Fehler gewesen war, und jetzt schlug er vor, dass sie in seinem Haus wohnen sollte? Der Vorschlag war mehr als schlecht.

„Das halte ich für keine gute Idee.“

„Vielleicht nicht, aber mir fällt keine Alternative ein, dir?“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Die Arbeit geht schließlich vor. Es steht immerhin für dich viel auf dem Spiel und für mich auch.“

„Warum? Ich meine, ich weiß, worum es für mich geht. Aber was ist mit dir?“

„Ich habe mich auf diesen engen Zeitrahmen für das Projekt eingelassen, um Bürgermeister Goodson und dem Stadtrat einen Gefallen zu tun, aber für Fehler bleibt da nicht viel Raum.“ Entschlossenheit lag in seinem Blick. „Wenn du nicht auf der Baustelle bist, ist das Risiko von Verzögerungen einfach zu groß. Wenn ich dir eine Übernachtungsmöglichkeit anbiete, dann geht es mir einzig und allein darum, dass das Projekt im Zeitplan bleibt. Sonst nichts.“

Ellie hätte erleichtert sein sollen, aber im Augenblick schaffte sie das nicht. Die Tatsache, dass sie auch nur ansatzweise enttäuscht über seine Worte war, bedeutete, dass ihre Gefühle für ihn eindeutig ein bisschen zu persönlich geworden waren. Andererseits hatte sie keine andere Wahl.

„Okay, Alex. Ich nehme dein Angebot an. Das ist wirklich sehr nett von dir. Ich hasse es, dich darum zu bitten, aber ich bräuchte noch ein paar Sachen.“

Er dachte kurz nach, dann schien er zu dem Schluss zu kommen, dass es nicht sehr effizient wäre, sie nach oben zu tragen, dann wieder nach unten und anschließend ihre Sachen zu holen.

„Ich hol dir den Kram. Was brauchst du denn?“

Sie sagte einfach, was ihr einfiel. „Waschzeug. Anziehsachen. Unterwäsche.“

In dem schwachen Licht war das zwar schwierig zu erkennen, aber sie hätte schwören können, dass er blass geworden war. Sie war sich allerdings nicht sicher, ob ihr das Befriedigung bereiten sollte.

Sobald Alex Ellies Apartment betrat, wurde ihm klar, was für einen Riesenfehler er gemacht hatte, denn die Wohnung roch nach ihr … nach Blumen und Gewürzen und einfach nur gut. Ein Atemzug und seine Hände kribbelten bereits vor Verlangen nach ihr.

Er zog sein Handy aus dem Gürtel und drückte die Kurzwahltaste für Ellies Nummer. Sie musste ihn telefonisch unterstützen und ihm genau sagen, was er für sie einpacken sollte.

„Hi, Alex.“

Wahrscheinlich war das nur die Erschöpfung, aber ihre Stimme klang wie Rauch und Honig. „Wo ist denn dein Koffer?“, fragte er und gab sich dabei keine Mühe, höflich zu sein.

„Im Schrank im Schlafzimmer.“

Er ging den Flur hinunter. Als er am Badezimmer vorbeikam, wurde ihr Duft noch intensiver.

„Okay. Ich habe ihn“, sagte er, als er in ihren Schrank geschaut hatte.

Ein Blick in den Schrank bewies, dass sie nur vorübergehend hier war. Er war fast leer im Vergleich zu denen, die Alex in den Schlafzimmern anderer Frauen gesehen hatte. Ein paar Hosenanzüge mit passenden hochhackigen Schuhen, die Ellie so bald nicht wieder tragen würde. Schwarze Hosen, Seidenblusen und ein paar Röcke.

„Mit dem Gips sind Röcke wahrscheinlich am praktischsten.“

„Ja“, sagte sie. „Und ich habe auch ein Paar weiße Tennisschuhe eingepackt.“

„Soll ich nur den rechten einpacken?“

„Sehr witzig.“ Sie seufzte. „Tu mir einen Gefallen und bring das ganze Paar.“

„Okay.“

„Pack die Shorts aus der mittleren Schublade ein und auch die Jogginghosen. Das sind drei Paar, glaube ich. Wenn ich bei denen die Beine abschneiden muss, ist das kein so großer Verlust.“

Er entdeckte die Kleidungsstücke in der Kommode. „Eingepackt. Was noch?“

„Unterhosen und BHs.“ Ihr Ton war sachlich, aber sie musste sich hörbar anstrengen dabei. „Oberste Schublade.“

Alex öffnete sie und fing sofort an zu schwitzen. Rosa, gelb, grün, rot und schwarz. Ein unbarmherziger Regenbogen femininer Reizwäsche. Winzige Slips aus Seide und Satin mit Spitzenbesatz. Sie waren hoch geschnitten und würden ihre Beine noch länger wirken lassen …

„Alle?“ Er hoffte, dass seine Stimme nicht so heiser klang, wie sie sich für ihn anhörte.

„Ja.“

„Okay.“ Seine Hand zitterte, als er alles einsammelte. Einer Frau Reizwäsche auszuziehen war unglaublich erotisch, das war normal. Aber die Sachen in einen Koffer zu packen, sollte ihn nicht so sehr erregen. Aber er wollte verdammt sein, wenn sie nicht die erotischste Unterwäsche auf dem ganzen Planeten besaß.

„Was noch?“, knurrte er ins Handy.

„Den Morgenmantel und Schlafanzüge.“

Er stöhnte beinahe laut auf. „Auch in der Kommode?“

„Unterste Schublade.“

Alex fürchtete sich fast davor, diese aufzumachen. Der erste vorsichtige Blick war wie ein Ausflug in seine ganz persönliche Hölle. Knappe Oberteile mit Spaghettiträgern, die nichts verbargen, und winzige dazu passende Höschen, die so kurz waren, dass sie kaum ihren unglaublichen runden Po bedecken würden. Er ließ sich nicht viel Zeit zum Nachdenken, sondern warf einfach alles in den Koffer hinein.

Als ob sie seine Gedanken lesen konnte, sagte Ellie nun: „An dem Haken an der Badezimmertür hängt der Morgenmantel.“

Er atmete vor Erleichterung auf. Endlich mal Frottee, dick und lang. „Gott sei Dank.“

„Was hast du gesagt?“, fragte sie verwirrt.

„Ich glaube, ich habe jetzt alles“, antwortete er.

„Vergiss das Waschzeug nicht.“

„Wovon reden wir denn da?“

„Shampoo, Conditioner, was fürs Glätten, was fürs Volumen, was für den Glanz, Haarspray. Make-up. Bodylotion …“

„Du machst Witze, oder?“

„Du glaubst wohl, gutes Aussehen geht schnell, ist einfach und billig?“, fuhr sie ihn grinsend an.

Er dachte, dass sie früh am Morgen mit verschmiertem Mascara und zerzaustem Haar bestimmt ebenso wunderschön aussah, aber nichts davon kam ihm über die Lippen.

„Ich denke“, sagte er vorsichtig, „ich bringe dir erst einmal deine Klamotten runter und dann hole ich den Rest.“

Ellie saß immer noch auf dem Schaukelstuhl. Das verletzte Bein hatte sie hochgelegt. Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. Jetzt konnte er die dunklen Ringe unter ihren Augen sehen, und die Blässe ihrer Wangen deutete auf Schmerzen hin. Jetzt kam er sich wegen seiner Gedanken in Bezug auf ihre Dessous erst richtig schäbig vor.

„Danke“, sagte sie leise. „Ich hasse es, dir so viel Mühe zu machen.“

„Das ist doch nicht der Rede wert.“ Bei ihren Worten verspürte er plötzlich einen Stich ins Herz. „Habe ich eigentlich erwähnt, dass mein Haus ebenerdig ist? Also gibt es dort keine Treppen, und ich habe sogar eine Haushälterin.“

„Ich bin mir sicher, sie wird sich über die zusätzliche Arbeit freuen.“

„Hunde, die bellen, beißen nicht. Martha ist genauso.“

„Willst du mir damit sagen, dass sie mir nichts tun wird?“

Er konnte einfach nicht anders, er musste lächeln. „So was in der Art. Sie wird sich bestimmt freuen, eine Frau im Haus zu haben.“

„Ich werde aber mein Bestes tun, praktisch unsichtbar zu sein.“

„Also gut, dann hol ich jetzt mal den Rest.“

Er verstaute die erste Ladung ihrer Sachen im Wagen und ging dann wieder nach oben, um den Rest zu holen. Nachdem er alles eingepackt hatte, erklomm er die drei Stufen zur Veranda. Sie griff nach den Krücken, aber er schob sanft ihre Hand weg.

„Ich nehme dich auf den Arm, das geht schneller.“

Ohne auf ihren Protest zu warten, trug er sie zum Auto. Ihre verführerischen Rundungen belasteten sein Gewissen deutlich mehr als seine Arme. Die Herausforderung, ihre Sachen zu packen, war dazu im Vergleich wie eine kalte Dusche gewesen.

Er setzte sich hinter das Lenkrad und drehte dann den Schlüssel im Zündschloss.

Ellie lehnte den Kopf zurück und seufzte leise. „Ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich das anstellen werde, aber ich will jetzt nur noch eine heiße Dusche und mir die Haare waschen.“

Alex wusste nicht, ob sie Gedanken lesen konnte oder nur eine echte Begabung dafür hatte, ihn zu quälen. „Korrigiere mich, wenn ich da falsch liege, aber soll der Gips nicht trocken bleiben?“

„Ich schaff das schon irgendwie.“

Er aber nicht. „Die Sache ist die, ich will meinen Bruder lieber nicht mitten in der Nacht anrufen müssen, weil dein neues schickes Gips-Accessoire unter meiner Aufsicht gelitten hat.“

„Hast du etwa Angst vor Ben?“

„Natürlich nicht.“ Er hatte eher Angst, dass sie sich noch schlimmer verletzen könnte, und das setzte ihm ganz schön zu.

Den Rest der Fahrt über schwieg sie. Aber das machte keinerlei Unterschied in Bezug auf die Anspannung, die er in seinen Schultern und seinem Nacken spürte. Schließlich lag die Abzweigung zu seinem Haus genau vor ihnen. „Wir sind fast da.“

„Du wohnst ja wirklich in der Nähe“, sagte sie erstaunt.

Alex parkte vor seinem Haus, direkt am Eingang. Dann trug er sie durch das ganze Haus, um ihr eine kleine Führung zu geben. Er zeigte ihr zuerst das Gästezimmer und das Gästebad, dann sein Arbeitszimmer und das große Schlafzimmer. Anschließend ließ er sie und ihre Sachen zurück, damit sie in Ruhe auspacken konnte, während er den Rest holen ging.

Zehn Minuten später stand er in der Tür des Gästebads. Dort hatte ihr Duft sich bereits sinnlich ausgebreitet. Er hielt den dicken Morgenmantel aus Frottee in der Hand. „Ich häng ihn hier an die Tür. Handtücher und Waschlappen sind da drüben im Schrank.“

„Danke.“ Sie lächelte. „Ehrlich.“

Er hakte die Finger in die Taschen seiner Jeans. „Wenn du Hilfe brauchst, bleibe ich auch gerne hier. Ich verspreche auch, nicht zu gucken.“

„Als ob ich dir das glauben würde.“ Aber sie lachte und dieser süße Laut war fast so überwältigend wie der Duft ihrer Haut.

„Okay. Ich bin ja schon weg. Aber ich bleibe trotzdem in der Nähe, wenn du mich brauchst.“ Er machte die Tür zu und blieb direkt davor im Gang stehen. Auf einem Bein zu balancieren war neu für sie und wenn sie ein Problem hatte, wollte er sofort zur Stelle sein.

Eine Weile herrschte drinnen Stille, doch dann hörte er laufendes Wasser. Nach ein paar Minuten wurde es wieder abgestellt und etwas fiel zu Boden. Er spannte sich an. Obwohl er aufmerksam lauschte, versetzte ihm der laute Schlag auf der anderen Seite der Tür einen wahnsinnigen Schreck.

„Ellie, ist alles okay?“ Er klopfte und hörte dann ein Murmeln, aber sonst nichts. Das reichte ihm nicht. Erst vor ein paar Stunden hatte er mit ansehen müssen, wie sie am Boden gelegen und sich vor Schmerzen gewunden hatte. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass das wieder passierte. „Egal, ob dir das jetzt passt oder nicht, ich komme rein!“

Er platzte durch die Tür und erwartete schon das Schlimmste, und das bekam er auch zu sehen, wenn auch nicht unbedingt auf die Weise, wie er es erwartet hatte. Sie stand genau neben der Wanne. Mit einer Hand stützte sie sich an der Wand ab und entlastete so den gebrochenen Knöchel. Das waren die guten Neuigkeiten. Die schlechten waren, dass sie nichts anhatte, außer einem Handtuch.

Gebräunte Beine, muskulöse Arme, verführerische Brüste – all das hatte er nun direkt vor Augen. Er wusste genau, was unter dem Frotteestoff verborgen war, und er könnte ihn ihr mit einer kleinen Handbewegung vom Leib zerren.

Sie herzubringen war ein Riesenfehler gewesen. Aber Himmel, im Augenblick hatte er ernsthafte Schwierigkeiten, sich an den Grund dafür zu erinnern.

„Alles okay?“

Nein, ist es nicht, dachte Ellie.

Sie stand schließlich gerade nur mit einem Handtuch bekleidet vor ihm, auch wenn das wohl kaum eine Rolle spielte, nachdem er sie bereits nackt gesehen hatte. Aber Alex sah sie momentan an, als ob er sie entweder küssen oder umbringen wollte und als ob ihm ziemlich egal war, welche Alternative es am Ende sein würde.

„Ich habe nur das Shampoo fallen lassen“, sagte sie, ohne seine Frage wirklich zu beantworten. „Ich wollte nur meine Haare waschen, aber das Waschbecken ist zu klein und ich kann mich mit dem Gips nicht über die Wanne beugen.“

„Du hast dich doch nicht verletzt oder?“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Sie sah, dass seine Hand zitterte. „Du bist wirklich nicht gestürzt?“

„Nein.“

„Du hast mich zu Tode erschreckt, Ellie.“

„Das tut mir leid. Es ist einfach so frustrierend. Ich kann mich nicht normal bewegen, ich bin so unbeholfen, und mein Bein tut unglaublich weh.“

„Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis du dich an …“

„Jetzt behandele mich nicht so von oben herab. Ich will doch nur meine Haare waschen. Das sollte doch wohl nicht so schwierig sein, und jetzt wiederhole ich mich sogar schon.“ Sie seufzte. Es war überhaupt nicht fair, das Ganze an ihm auszulassen. „Ansonsten bin ich jetzt sauber. Also werde ich wohl mit der Enttäuschung leben müssen und mir morgen eine Lösung dafür überlegen.“

Er presste die Lippen zusammen, bevor er sie anherrschte: „Zieh dich an!“

„Echt jetzt? Jetzt erteilst du mir auch noch Befehle?“ Rechtschaffene Empörung würde ihr bestimmt leichter fallen, wenn sie nicht nur mit einem Handtuch bekleidet auf einem Bein stehen würde.

„Das hier ist mein Haus und ich kann sagen, was ich will, und es ist nun mal leichter, mich auf dein Problem zu konzentrieren, wenn du etwas anhast.“

„Oh.“ Wahnsinn. Es war ziemlich schmeichelhaft, dass er so auf sie reagierte. Lästig, aber trotzdem schmeichelhaft.

„Also, zieh dir etwas an und dann komm in die Küche.“ Er hob die Flasche mit dem Shampoo auf, dann ging er hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Ellie zitterte. Zum Teil von rein körperlicher Erschöpfung, zum Teil aber auch als Reaktion auf Alex und seinen unverhohlenen Sex-Appeal. Das an sich wäre ja gar kein Problem, wenn sie sich nur nicht so zu ihm hingezogen fühlen würde.

„Hör auf damit, Suellen Hart. Konzentrier dich gefälligst.“

Sie ließ das Handtuch fallen und schaffte es nach einiger Mühe, ihren Morgenmantel anzuziehen. Anschließend hopste sie vom Bad ins Gästezimmer. Der große, schöne Raum war mit einem Doppelbett und einem dazu passenden Schrank aus Eichenholz ausgestattet. Es gab auch einen Ankleidetisch, wo sie sitzen, sich frisieren und ihr Make-up auflegen konnte.

Obwohl sie geschworen hatte, ihre Sachen selbst auszupacken, hatte Alex das in der Zwischenzeit für sie erledigt. Sie nahm sich saubere Unterwäsche und ein T-Shirt und suchte danach eine Jogginghose heraus, die sie über den Gips ziehen konnte. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie in die Küche, wo Alex vor der Spüle aus Edelstahl stand. Er hatte die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und sah sehr nachdenklich aus.

„Melde mich zum Dienst, Sir.“ Ohne die Krücken hätte sie jetzt sogar noch zum Scherz salutiert. „Also, warum bin ich hier?“

Die Flasche Shampoo stand direkt neben ihm. Außerdem lag ein dunkelblaues Handtuch in der Nähe. „Du willst doch deine Haare gewaschen haben.“

„Alle Leute wollen Dinge, die sie nicht haben können.“

„Das gehört aber nicht dazu. Du beugst dich jetzt über die Spüle und ich wasche deine Haare.“ Er deutete auf die Wasserdüse, die an einem Schlauch befestigt war und herausgezogen werden konnte.

„Das musst du doch nicht tun.“

„Hör zu …“ In den beiden Worten lag jede Menge Gereiztheit. „Ich werde mir jetzt bestimmt nicht den Mund fusselig reden, nur um dich davon zu überzeugen. Willst du jetzt deine Haare gewaschen haben oder nicht?“

„Ja.“ Sie kam hastig näher, bevor er seine Meinung wieder änderte.

„Okay. Also, lehn dich gegen das Spülbecken, beug dich vor und halt dich an der Kante fest. Ich kümmere mich schon um den Rest.“

„Kapiert.“

Sie folgte seinen Anweisungen und schloss die Augen. Bald darauf spürte sie, wie er ihr Haar nach vorn kämmte, bevor er es mit warmem Wasser befeuchtete. Das Shampoo war zuerst kalt, bis er den Klecks einmassiert hatte und dadurch duftenden Schaum erzeugte.

„Das fühlt sich himmlisch an.“ Diese Bemerkung rutschte ihr zusammen mit einem Seufzen einfach so heraus und sie hoffte, dass er es nicht gehört hatte. Als er nichts dazu sagte, kam sie zu dem Schluss, dass das Rauschen des Wassers sie zum Glück übertönt hatte.

Merkwürdigerweise war diese Haarwäsche intimer und erotischer, als fast nackt vor ihm zu stehen. Er stieß nun mit ihr zusammen und streifte dabei ihren Körper, weil er so nahe neben ihr stehen musste. Sie spürte seine Körperwärme, sein Selbstbewusstsein und seine Stärke, wie sie es noch nie zuvor bei einem Mann erlebt hatte. Seine Finger fühlten sich kräftig, zugleich aber auch sanft an, als er sie vom Nacken, hinter den Ohren und dann bis zur Stirn streichelte. Er verwendete mehr Zeit auf das Ausspülen, als wahrscheinlich notwendig war, aber Ellie machte das überhaupt nichts aus. Sie hätte ewig so verharren können. Conditioner wäre zwar noch schön gewesen, aber es wäre wahrscheinlich keine gute Idee, ihr Glück herauszufordern.

Als er das Wasser abgedreht hatte, sagte er: „Das Handtuch liegt rechts neben deiner Hand. Ich halte dich fest, während du es um dein Haar wickelst.“

„Okay.“

Seine Hände legten sich stark und sicher um ihre Taille, als sie das Handtuch auf ihrem Kopf zu einem Turban schlang. Anschließend half er ihr, sich umzudrehen, bis sie sich gegenüberstanden. Sie war ihm wirklich überaus dankbar und wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Danke, Alex.“ Das schien ihr irgendwie nicht genug zu sein. Sie stand mittlerweile so dicht vor ihm, dass sie mit den Lippen seine Wange berühren konnte. Als sie es tat, verspannte er sich sofort. „Ich weiß das wirklich zu schätzen. Du bist mein Ritter und ein richtig netter Kerl.“

Er wich zurück. „Lass das.“

„Was denn? Ich kann nicht anders, als dir dankbar zu sein.“

„Ich bin aber kein Held“, warnte er sie, „ich bin ein selbstsüchtiger Mistkerl.“

„Da täuschst du dich aber.“

„Nein, das tu ich nicht.“ Er kniff die Augen zusammen. „Würde ein echter Ritter etwa in Versuchung kommen, eine verletzte Frau anzumachen?“

„Daran zu denken, ist eine Sache, etwas zu tun, eine ganz andere, und das hast du schließlich nicht.“

Noch nicht.“

Deshalb war er also so griesgrämig. Er musste ihr nicht erst sagen, dass das Ganze so enden könnte, wie in der Nacht auf dem Boot. Aber sie wollte nun mal nicht einfach nur Spaß haben und er wollte nichts anderes. Daher steckten sie beide jetzt in der Zwickmühle.

„Wir schaffen das schon. Ich werde dir einfach aus dem Weg gehen. Das ist schließlich ein ziemlich großes Haus.“

Er hatte sie immerhin durch das ganze Haus getragen. Sie wollte am liebsten seufzen und dahinschmelzen, aber damit begab sie sich auf gefährliches Terrain. Sie hatte ihre Zweifel, ob der ganze Bundesstaat Montana groß genug wäre, damit sie sich aus dem Weg gehen könnten.

5. KAPITEL

Mit Ellie im Haus hatte Alex überhaupt nicht gut geschlafen. Die Haarwäsche war vielleicht für Ellie himmlisch gewesen, für ihn war sie jedoch die reinste Hölle gewesen.

Das Gefühl, wie ihm diese seidigen Strähnen durch die Finger geglitten waren, hatte ihn bis in den Schlaf hinein verfolgt. Keine Sekunde lang hatte er vergessen können, dass sie sich gleich am Ende des Flurs befand und seine Küsse erwidern würde, wenn er nur zu ihr ging. Er würde niemals begreifen, was ihn dazu gebracht hatte, diese Qualen freiwillig auf sich zu nehmen. Wahrscheinlich hatte es etwas damit zu tun, wie verloren sie ausgesehen hatte, als ihr klargeworden war, dass momentan nichts in ihrem Leben mehr normal war und auch eine ganze Weile nicht mehr sein würde.

In seinem Leben aber natürlich auch nicht. Jetzt beschäftigte er sich gerade in seinem Arbeitszimmer, bis Ellie aufwachte und sich entschied, ob sie mit ihm zur Baustelle kommen würde oder nicht.

„Im Gästezimmer ist eine fremde Frau.“

Martha Spooner, seine Haushälterin, stand auf einmal in der Tür. Unter der Woche kam sie jeden Morgen um sieben Uhr hierher und machte sich meistens sofort an die Arbeit, weil er dann schon fast immer das Haus verlassen hatte. Offensichtlich hatte sie das heute auch so gemacht und war dabei direkt über Ellie gestolpert, weil er vergessen hatte, Martha abzufangen und seinen Gast bei ihr anzukündigen.

„Ihnen auch einen recht schönen guten Morgen“, sagte er.

„Es war ein guter Morgen … bis ich in Ihrem Gästezimmer eine fremde Frau vorgefunden habe.“

„Sie kommt aus Texas und sie ist ziemlich harmlos.“

„Sie ist hübsch. Weitere Aussagen kann ich bis jetzt noch nicht machen.“

Martha war gerade mal eins fünfzig groß und so zierlich, dass ein kräftiger Windstoß sie davonwehen könnte. Sie war Anfang sechzig, hatte kurze, silbern melierte Locken und blasse, blaue Augen, denen nie etwas entging. Ihre Stimme war tief und ein bisschen rau. Das kam vom Rauchen, das sie allerdings mit fünfzig Jahren aufgegeben hatte, um sich fit für die Rente zu machen.

Sie kam nun herein und blieb auf der anderen Seite des Schreibtischs stehen. Ohne ein Wort starrte sie ihn an. Mit diesem Blick könnte sie sogar einem abgebrühten Kriminellen Informationen entlocken.

Was?“, fragte er schließlich.

„Das wissen Sie doch selbst“, antwortete sie so streng, dass niemand glauben würde, was für ein weicher Kern sich unter ihrer harten Schale verbarg. „Sie bringen doch niemals Frauen mit nach Hause. Ich habe sogar mal Gerüchte gehört, dass Sie schwul sind. Außerdem konnte mir keine Frau in Blackwater Lake bestätigen, dass Sie es nicht sind. Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass Sie Frauen mögen, aber der Punkt ist nun einmal der: Sie gehen nie mit irgendjemandem hier in der Stadt aus.“

Er grinste. „Das ist Ihnen also aufgefallen?“

„Natürlich.“ Ihre hellblauen Augen verengten sich. „Es gibt hier Frauen, die meinen, ein Mann ist praktisch dazu verpflichtet, sie vor dem Singledasein zu bewahren. Wenn denen einer durch die Lappen geht, sorgt das natürlich sofort für Aufsehen.“

Alex hatte bestimmt nicht vor, seinen Junggesellenstatus aufzugeben, denn dann müsste er heiraten, und seine erste Ehe war eine absolute Katastrophe gewesen. Deshalb drängte ihn nichts dazu, diese Erfahrung zu wiederholen.

„Ich bin einfach nur diplomatisch. Sie wissen doch genau, warum ich keine Beziehungen habe.“

Martha presste die Lippen zusammen. „Wegen der früheren Mrs. McKnight.“

„Laurel …“

„Was weiß ich. Sie hat immer darauf bestanden, mit ‚Mrs.‘ angeredet zu werden.“

Darüber hatte Alex mit seiner Exfrau auch gesprochen, aber diese hatte darauf beharrt, dass Angestellte ihre Arbeitgeber nicht mit dem Vornamen anreden sollten. „Sie ist jetzt aber nicht mehr Mrs. McKnight.“

„Und Sie versuchen jetzt Zeit zu schinden“, meinte Martha. „Also … wer ist die Dame und warum ist sie hier? Denn der Himmel weiß, dass Sie nichts mit ihr haben.“

„Woher wissen Sie das denn?“

„Sie ist schließlich nicht in Ihrem Bett.“

Es gab Augenblicke, da wünschte sich Alex, dass Martha nicht die beste Haushälterin war, die er jemals gehabt hatte. Er wünschte sich außerdem, dass er sie nicht so sehr mochte.

Er seufzte und gab schließlich auf. „Ihr Name ist Ellie Hart und sie ist Architektin.“

„Ich habe schon von ihr gehört. Das ist doch die, die mit Ihnen an der Mercy Medical Clinic arbeitet.“

„Das stimmt.“

Alex erklärte ihr daraufhin die ganze Situation. Außer der Tatsache, dass sie einmal miteinander geschlafen hatten, natürlich.

„Also helfen Sie ihr nur, bis sie wieder auf den Beinen ist?“ Martha nickte nachdenklich.

„Ja, das ist alles.“

Die Haushälterin starrte ihn misstrauisch an. „Wenn Sie es so betonen, dass das alles ist, fragt man sich unweigerlich, was tatsächlich los ist.“

Das war jetzt vielleicht nicht der passendste Augenblick, um sich an den Rat seines Scheidungsanwalts zu erinnern, so wenig wie möglich zu sagen und immer genau zu wissen, wann man am besten gar nichts mehr sagen sollte.

„Ich kann Sie nicht daran hindern, darüber nachzudenken“, sagte er schließlich.

„Sie haben es erfasst. Ich werde ausgiebig darüber nachgrübeln und die anderen Leute in der Stadt bestimmt auch.“

„Martha …“

„Was denn?“ Sie sah ihn so unschuldig an, wie das mit dem Funkeln in ihren Augen möglich war. „Das sind nun einmal brandheiße Neuigkeiten.“

„Gibt es vielleicht irgendetwas, das ich sagen könnte, um Sie davon zu überzeugen, das Ganze nicht an die große Glocke zu hängen?“

Sie tippte sich an die Lippe und dachte einen Augenblick nach. „Nein.“

Es klopfte auf einmal an der offenen Tür. Ellie stand dort und balancierte auf ihren Krücken. „Hi. Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Nein.“ Nur dabei, dass er gerade gelöchert wurde wie ein Schweizer Käse. „Ellie Hart, das ist meine Haushälterin, Martha Spooner.“

Ellie humpelte auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Wie schön, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits, Miss Hart.“

„Bitte sagen Sie doch Ellie zu mir.“

„Das mache ich gern.“ Martha zog eine Augenbraue hoch und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

„Wie geht’s denn dem Knöchel?“, fragte er.

„Tut zum Glück nicht mehr so weh. Ich bin also zu allem bereit.“ Sie warf nun einen Blick auf die Jogginghose, die sie immer noch anhatte. „Na ja, fast.“

Er musste nur einen Blick auf ihr zerzaustes, sonnengebleichtes braunes Haar und ihr frisches, hübsches Gesicht werfen und Alex war automatisch auch zu allem bereit. Dabei dachte er allerdings nicht an die Arbeit. „Es ist okay, wenn du dir mal einen Tag freinimmst. Du hast schließlich in den letzten vierundzwanzig Stunden viel durchgemacht.“ Er bemerkte Marthas Blick und fügte hinzu: „Mit deinem Knöchel, meine ich.“

Ellie sah ihn skeptisch an. „Ich kann ja früher Schluss machen, wenn es nötig sein sollte. Aber die Auszeit hebe ich mir lieber für später auf. Falls überhaupt.“

„Wie du willst.“

„Na schön. Dann mache ich mich jetzt mal fertig.“ Sie schenkte der Haushälterin daraufhin ein freundliches Lächeln, komplett mit Grübchen. „Ich werde auf jeden Fall mein Bestes versuchen, Ihnen keine Arbeit zu machen. Ich verspreche, Sie werden gar nicht merken, dass ich da bin.“

Wenn das doch nur stimmen würde, dachte Alex. Aber so viel Glück hatte er nicht. Die beiden Frauen verließen nun das Zimmer, und seine Haushälterin versprach Ellie jetzt Kaffee und ein Frühstück.

Sofort ließ er alle Hoffnung fahren, dass die ältere Frau sich in Diskretion üben und das Ganze für sich behalten würde. In Kürze würde garantiert die ganze Stadt darüber Bescheid wissen, dass Ellie Hart vorübergehend bei ihm wohnte.

6. KAPITEL

„Mir geht’s gut, Lincoln. Dr. McKnight hat gesagt, die Operation ist genau wie erwartet verlaufen. In vier Wochen bin ich den Gips wieder los und mein Knöchel ist dann so gut wie neu.“ Ellie verlagerte vorsichtig ihr Gewicht auf dem Sofa in Alex’ Wohnzimmer, dann schob sie das Handy an ihrem Ohr ein bisschen zur Seite.

„Dann bist du jetzt also besser, schneller, stärker? Meine bionische Schwester?“

„Das hier ist das echte Leben“, antwortete sie.

„Du hörst dich nicht gut an.“

„Wie höre ich mich denn an?“

„Betrunken oder verkatert. Ich kann mich nicht entscheiden, was genau.“

„Ich bin einfach nur müde. Die Operation war sehr früh heute Morgen und das nächste Krankenhaus ist rund hundertzwanzig Kilometer entfernt von hier.“

„Das ist ja irre.“ Lincoln Hart hörte sich tatsächlich schockiert an. „Was zur Hölle machst du denn überhaupt in … Wo bist du eigentlich gerade? Black Hole, Montana?“

„Blackwater Lake, und weißt genau, warum ich hier bin.“

„Die ambulante Klinik.“

„Genau. Jetzt weiß ich auch aus eigener Erfahrung, warum das Ärztezentrum hier so dringend eine braucht. Wenn der Erweiterungsbau endlich fertig ist, müssen Patienten wegen der Operation, die ich gerade hatte, nicht mehr über hundert Kilometer weit fahren.“

„Jetzt wo ich darüber nachdenke … Bitte sag mir, dass du nicht selbst gefahren bist“, sagte Linc scharf.

„Natürlich nicht.“

„Jetzt komm mir nicht so. Denk dran, mit wem du sprichst. Ich kenne dich besser als sonst jemand.“

„Das stimmt auch wieder.“

Er war zwar sechs Jahre älter als sie, stand ihr altersmäßig aber immer noch näher als Cal und Sam. Katherine und Hastings Hart hatten ihre drei Jungs kurz hintereinander bekommen. Daraufhin hatten sie gedacht, damit wäre ihre Familie komplett … bis irgendwann Ellie gekommen war. Sie war ein Versehen oder besser gesagt, eine Überraschung gewesen. Weder das eine noch das andere war ihrer Meinung nach etwas Gutes. Bestenfalls war sie ein Nachsatz.

„Hast du Schmerzen?“

„Keine schlimmen.“ Das überraschte sie eigentlich ein bisschen. Aber der Arzt hatte ihr gesagt, dass die Verletzung wahrscheinlich mehr wehgetan hatte, bevor er den Bruch gerichtet hatte. „Es tut zwar ein bisschen weh, aber nichts was ein paar stinknormale Schmerztabletten nicht hinkriegen würden.“

„Wo bist du denn jetzt?“

„Auf dem Sofa, und den Fuß habe ich hochgelegt.“

Alex hatte sie ins Haus getragen, als ob sie nichts wiegen würde, und sie dann im Wohnzimmer abgesetzt. Aber das behielt sie lieber für sich, denn sie hatte Linc nie von ihrem Umzug in Alecs Haus nach dem Unfall erzählt. Es gab Dinge, die ein Bruder mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt einfach nicht wissen musste. Außerdem war sie sich ziemlich sicher, wenn sie ihm davon erzählen würde, dann könnte sie auch unmöglich für sich behalten, dass sie mehr Gefühle für einen bestimmten Kollegen hatte, als sie haben sollte.

„Ist gerade jemand bei dir?“

„Ja, jemand von der Arbeit.“

„Sag ihr, dass sie sich gut um dich kümmern soll.“

„Das mache ich.“

„Bist du sicher, dass ich nicht nach Black Hole kommen soll?“

„Absolut.“ Ellie wusste, dass er sie liebhatte und es nur gut meinte, aber sie wollte ihm auf keinen Fall zur Last fallen.

„Okay, El. Ich muss jetzt los zu einem Meeting. Ich habe da gerade einen richtig großen Fisch am Haken. Dabei könnte sogar ein Auftrag für meine Lieblingsarchitektin rausspringen.“

„Das sagst du doch nur, weil ich deine Schwester bin.“ Alex kam auf einmal mit einer Tasse Tee herein. Ihr Herz machte bei seinem Anblick wie immer diesen albernen, kleinen Satz, der dafür sorgte, dass ihr kurz die Luft wegblieb.

Anscheinend hatte Linc das auch bemerkt. „Bist du sicher, dass bei dir alles okay ist?“

„Alles bestens. Ehrlich. Ich melde mich bald wieder, Linc. Viele Grüße an alle. Ich habe dich lieb.“

„Ich dich ich auch. Bis dann.“

Sie beendete den Anruf und legte ihr Handy auf den Sofatisch neben der Couch, dann nahm sie die Tasse von Alex entgegen. „Danke, das ist genau das, was der Doktor verordnet hat.“

„Eigentlich hat er gesagt, dass du dich ausruhen und den Knöchel hochlegen sollst.“

Sie warf einen Blick auf ihren neuen, quietschrosa Gips, der ihr bis unter das Knie reichte, und im Augenblick sorgsam auf einigen Kissen ruhte.

„Ich werde mein Bestes tun, um eine Musterpatientin zu sein.“

Alex setzte sich auf die Lederottomane neben ihr. „Es ist langsam an der Zeit, etwas zu essen. Du hast schon seit gestern Abend gefastet.“

„Ich bin aber nicht sehr hungrig.“

„Erzähl das lieber jemandem, der nicht dafür verantwortlich ist, dass du schnell wieder auf die Beine kommst.“

Wahnsinn, sie hatte ja eine richtige Glückssträhne. Der zweite Mann in weniger als fünf Minuten, der sie daran erinnerte, dass sie nur eine Verpflichtung darstellte.

„Ich bekomme bestimmt wieder Appetit, wenn ich mich nur ein bisschen ausruhen kann.“

„Wie wäre es mit Hühnersuppe und einem Ginger-Ale?“

„Du gibst nicht auf, bis ich Ja sage, oder?“

Er schüttelte den Kopf. Der Ausdruck in seinen dunklen Augen war pure Entschlossenheit. „Und was sagst du dazu?“

„Ich habe im Moment einfach nicht genug Energie, um mich mit dir zu streiten.“

„Super. Das Essen wird gleich serviert.“ Er stand auf und konnte anscheinend gar nicht schnell genug aus dem Zimmer kommen.

Ellie machte ihm deswegen keine Vorwürfe, schließlich war sie eine Belastung für ihn. Sie stellte die Tasse auf den Tisch und schloss die Augen.

Sie hasste es unglaublich, auf jemand anderen angewiesen zu sein. Vor allem auf einen Mann, der sie eigentlich gar nicht in seiner Nähe haben wollte.

Der plötzliche Geruch von Essen brachte sie dazu, die Augen aufzuschlagen. Ihr Magen knurrte tatsächlich.

„Das habe ich gehört.“ Alex hatte ein Tablett mit einer dampfenden Schüssel und einem Glas in der Hand.

„Ich muss wohl weggedämmert sein.“ Sie setzte sich aufrecht hin.

„Gut so.“ Alex stellte ihr das Tablett auf die Oberschenkel, dann setzte er sich neben sie. „Und jetzt iss was.“

„Jawohl, Sir.“

Sie versenkte den Löffel in der heißen Suppe und häufte Nudeln, Hühnchen und Gemüse darauf. Nachdem sie gepustet hatte, aß sie einen Löffel. Diesen Vorgang wiederholte sie, bis die Schüssel komplett leer war. „Das war wirklich gut. Ich habe gar nicht gewusst, dass du kochen kannst.“

„Das kann ich auch nicht. Aber ich bin ein Experte, was das Wiederaufwärmen angeht. Für die Suppe kannst du dich hingegen bei Martha bedanken.“

„Das werde ich.“

Sie griff nun nach dem Glas. Das süße und kalte Getränk floss ihr leicht die Kehle hinunter und sie fühlte sich sofort gestärkter. Anscheinend hatte sie wirklich etwas zu Essen nötig gehabt.

Während sie einen Schluck trank, sah sie sich um. Sie hatte mittlerweile viel Zeit an diesem Platz verbracht, seit Alex sie vor ungefähr einer Woche das erste Mal hier abgesetzt hatte. Irgendwie hatte sie jedoch bisher nicht viel auf die Einzelheiten in ihrer Umgebung geachtet.

Gerahmte Schnappschüsse in Schwarz-Weiß von Bergen und Seen hingen an den Wänden. Hinter der Couch stand ein Beistelltisch mit einer Messinglampe und gerahmte Fotografien standen auf beiden Seiten. Ein Bild zeigte ein Baby. Das musste das Kind sein, das Alex damals für seinen Sohn gehalten hatte.

Alex war wirklich ein großartiger Mensch. Er war keiner dieser Typen, der sie verführen, belügen und dann im Stich lassen würde. Er war so ehrlich, dass er ihr sofort gesagt hatte, dass er nie wieder einer Frau vertrauen würde und nie wieder heiraten wollte. Sie selbst war ja gerade auch nicht auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung. Aber jedes Mal, wenn sie ihn ansah oder berührte, weckte er irgendwie diesen Wunsch in ihr.

Erneut warf sie einen Blick auf die Fotos. Sie erinnerte sich daran, dass er ihr erzählt hatte, er wäre wieder hergezogen, weil es ein guter Ort war, um Kinder aufzuziehen. Jetzt war er offenbar nur noch auf Spaß aus, und das bedeutete, dass er nie eine Familie haben würde. Das machte sie traurig. Es tat ihr leid, dass er nie wieder das Risiko eingehen wollte, sein Herz zu verschenken.

Sie drehte den Kopf zur Seite und ertappte ihn dabei, dass er sie mit solchem Verlangen ansah, dass seine dunklen Augen fast schwarz wirkten. Ihr Körper reagierte sofort darauf und Hitze wallte in ihr auf. Das war auch eine interessante Erkenntnis. Er heuchelte Desinteresse, aber sie war sich sicher, dass er genau wie sie gegen die Anziehungskraft kämpfen musste, die sie aufeinander ausübten. Wenn sie doch nur die Zeit zurückdrehen könnte und das, was auf seinem Boot passiert war, ungeschehen machen könnte.

Wenn sie nicht diese eine himmlische Nacht in seinen Armen verbracht hätte, würde sie jetzt bestimmt nicht die Hölle auf Erden durchleben, um ihm zu widerstehen.

„Also, ich weiß nicht“, sagte Alex.

Sie waren gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und waren jetzt in seiner Küche damit beschäftigt, das Abendessen zuzubereiten. Es handelte sich um eine fantastische Küche mit Arbeitsflächen aus Granit und Küchengeräten aus Edelstahl. Ellie sehnte sich danach, hier richtig in Aktion sein zu können. Alex bemühte sich allerdings nach Kräften, ihr dabei im Weg zu sein.

Er hatte ihr gesagt, dass sie sich auf einen Barhocker an der Kochinsel setzen sollte, aber sie war nicht in der Stimmung, eine nutzlose Plastikpflanze zu spielen. „Ich will aber helfen. Ich kann helfen und ich werde helfen!“

„Wie willst du das denn anstellen?“

Er verschränkte die Arme vor dem Oberkörper und lehnte sich gegen den Küchenschrank. Seine Schultern waren breit und gingen in einen sichtbar muskulösen Oberkörper über, an den sie sich noch viel zu gut erinnerte.

„Ich werde Omeletts machen.“ Als er sie verständnislos ansah, fügte sie hinzu: „Du bist der Laufbursche. Ich bleibe einfach hier stehen und schneide die Zutaten klein, dann stelle ich mich vor eine Pfanne und bereite sie zu. Alles andere ist deine Sache.“

„Ich weiß nicht so recht“, wiederholte er. „Bist du dir sicher, dass du keine Schmerzen mehr hast?“

Es war wirklich süß von ihm, so besorgt zu sein, aber sie erlaubte sich nicht zu glauben, dass seine Sorge um sie mehr war als das Bedürfnis, sie schnellstmöglich wieder gesund zu kriegen, um sie loswerden zu können.

Sie ließ einen letzten, sehnsüchtigen Blick über sein T-Shirt gleiten … wie es sich über die glatte verführerische Muskulatur seiner Oberarme spannte, dann zwang sie sich, nur noch ans Kochen zu denken.

„Okay, hol mir bitte Eier, Pilze und Frühlingszwiebeln. Ist auch Käse da?“

Alex machte den Kühlschrank auf und sah nach. „Ja. Schweizer Käse und Cheddar am Stück.“

„Den Schweizer. Hast du auch eine Reibe?“

Er warf ihr einen belustigten Blick zu. „Das hier ist vielleicht eine Junggesellenbude, aber keine Steinzeithöhle.“

Alex folgte Ellies Anweisungen und suchte das Gemüse zusammen, das geschnitten werden musste, sowie die Werkzeuge, um das zu tun. Als alle Zutaten für die Omeletts vorbereitet waren, stützte sie sich auf die Krücken und drehte sich zum Herd um, wo sie das Gemüse kurz anbriet. Anschließend schlug sie Eier in eine Schüssel, fügte Milch hinzu und verrührte die Mischung mit einem Handmixer.

Sie goss nun alles in eine vorgeheizte Pfanne. Genau im richtigen Augenblick fügte sie das Gemüse und geriebenen Käse hinzu, dann faltete sie die Eiermasse zusammen.

„Zeit für den Toast“, verkündete sie.

Er brachte ihr daraufhin zwei Teller mit gebuttertem Toast und beobachtete, wie sie das Omelett halbierte und je eine Hälfte auf die Teller beförderte.

„Das Essen ist fertig!“

„Sieht wirklich gut aus. Jetzt geh und setz dich endlich hin“, befahl er ihr.

Sie gehorchte und wartete dann, bis Alex das Essen vor sie hinstellte. Er setzte sich anschließend auf den Stuhl ihr gegenüber. Nach dem ersten Bissen sagte er: „Das ist gut.“

Sie kostete und nickte genießerisch. „Mir schmeckt’s auch.“

Das war allerdings nicht alles, was sie genoss. Während ihrer Affäre mit dem Mistkerl war ihr gar nicht aufgefallen, dass er sich immer nur nach dem Abendessen mit ihr getroffen hatte, dass er nie mit ihr ausgegangen oder über Nacht geblieben war. Sie hatte immer für ihn kochen wollen, aber das hatte irgendwie nie geklappt. Was für eine Idiotin sie doch gewesen war.

Irgendwie war sie froh, dass der Widerling ihr die Erfahrung, für einen Mann zu kochen, nicht verdorben hatte. Sie freute sich, dass Alex der Erste in dieser Beziehung für sie war.

Als sie mit dem Essen fertig waren, sagte er: „Du hast gekocht, also mache ich den Abwasch.“

„Ich kann helfen.“

„Das musst du aber nicht. Warum entspannst du dich nicht einfach und schaust ein bisschen fern?“

„Es kommt mir aber falsch vor, dich hier mit allem allein zu lassen.“

„Daran bin ich gewöhnt, wie du weißt.“

Ja, natürlich. Er brachte ja niemals Frauen hierher.

Alex räumte den Tisch ab und sie folgte ihm zum Spülbecken. Dabei überlegte sie, was sie tun könnte, um ihm zu helfen. Nachdem er einen Teller kurz abgespült hatte, hielt er ihn in der Hand und schaute sie an.

Ihr Blick fiel auf die Spülmaschine. „Tut mir leid. Ich bin dir im Weg.“ Sie wich zurück. Dafür war allerdings offenbar mehr Koordination erforderlich als für das Vorwärtskommen.

„Ehrlich, Ellie, geh ins Wohnzimmer und leg den Fuß hoch.“

„Okay. Wenn du dir wirklich sicher bist.“

„Ganz sicher.“ Er klang langsam gereizt.

Sie machte einen großen Bogen um die Spülmaschine herum. Alex bewegte sich aber im selben Augenblick, und so war sie ihm schon wieder im Weg.

„Tut mir leid.“

Sie bemühte sich, einen Schritt zur Seite zu machen. Dabei verlor sie allerdings die Balance, hätte aber das Gleichgewicht noch wiedergefunden. Das musste sie nur gar nicht mehr, denn Alex legte sofort die Hände um ihre Taille, um ihr Halt zu geben. Er verstärkte seinen Griff, um sie anschließend hochzuheben und sich so den Weg frei zu bahnen. Aber dazu kam es nicht.

Ein paar Augenblicke lang starrte er intensiv ihren Mund an und schien innerlich einen Kampf auszufechten, dann fluchte er leise, senkte den Kopf und berührte ihre Lippen mit seinen.

Ellie öffnete den Mund sofort und Alex ließ seine Zunge sanft hineingleiten. Während er sie streichelte und liebkoste, durchfuhr eine unglaubliche Hitze die intimsten Stellen ihres Körpers. Sie verlor sich vollkommen in dem Augenblick. Als sie die Arme um seinen Hals legte, fielen ihre Krücken achtlos zur Seite. Aber er hielt sie fest und zog sie eng an sich. Sie konnte spüren, dass er sie genauso sehr begehrte wie sie ihn.

Also hatte sich seit dem ersten Mal überhaupt nichts zwischen ihnen geändert. Das Ganze war kein Strohfeuer gewesen, und das zu wissen war ihr wichtiger, als ihr klar gewesen war, stellte sie jetzt fest.

Glücksgefühle erfüllten sie, und dieses Mal glaubte sie nicht, dass sie gegen diese Emotionen ankämpfen konnte. Als ob er ihre Gedanken lesen könnte, hob Alex sie nun hoch. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und genoss seine Stärke, und wie er sie so locker den Flur hinuntertrug. Nur ein paar Augenblicke später befanden sie sich in seinem Schlafzimmer und er setzte sie behutsam auf die Bank am Fußende seines Betts ab. Sie beobachtete, wie er die Bettdecke zurückschlug.

„Das ist das erste Mal, dass ich in deinem Zimmer bin.“ An ihrem ersten Abend in seinem Haus hatte er sie nämlich einfach daran vorbeigetragen und sie nur darauf hingewiesen, aber sie waren nicht hineingegangen.

„Und was hältst du davon?“ Seine Stimme war heiser und klang ungeduldig.

Der Raum war sehr maskulin, mit einer Kommode und Nachttischen aus dunklem Holz. Die Bettdecke hatte ein geometrisches Muster in Schwarz und Beige. Der Holzfußboden war im selben Farbton wie die Möbel gebeizt. Das Zimmer passte einfach perfekt zu Alex.

„Es ist ganz du!“

Er begegnete ihrem Blick. „Ist das jetzt gut oder schlecht?“

„Das sage ich dir noch.“

Als er das Bett aufgedeckt hatte, kam er zu ihr zurück. Die Sonne ging gerade unter und Schatten machten sich langsam in dem Zimmer breit, aber sie konnte seinen durchdringenden Blick dennoch genau erkennen. Er brachte sie damit augenblicklich zum Erglühen.

Er kniete sich vor sie hin und ihre Blicke trafen sich, dann beugte er sich vor und küsste sie. Es gefiel ihr, wie sein Mund sich auf ihrem Mundwinkel anfühlte, wie er die Seite ihrer Nase berührte und ihre Wange und wie er ihren Hals mit Küsschen bedeckte, bis er … Oh Himmel, sie genoss es unglaublich, als er die empfindliche Stelle unter ihrem Ohr entdeckte, die sie stets in den Wahnsinn trieb.

„Alex …“ Sie ließ den Kopf nach hinten fallen und bot ihm ihren Hals dar. Er atmete schwer und unregelmäßig, und ihre Atemzüge waren wie ein Echo von seinen.

„Ich will dich jetzt ausziehen.“

Jedes Wort ging ihr sofort unter die Haut und verwandelte ihr Blut in flüssiges Feuer. „Was hindert dich denn daran?“

„Also, erstens sitzt du.“

„Ja. Tut mir leid. Ich habe die Krücken vorhin fallen lassen.“ Sie rieb mit dem Daumen über die Stelle an seinem Nacken, wo sie spüren konnte, wie heftig sein Puls schlug. „Als Architektin habe ich allerdings gelernt, dass es stets für jedes Problem eine Lösung gibt.“

„Ach ja?“ Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Und was ist deine Lösung für dieses Problem, du Genie?“

„Leg mich einfach hin, wohin du willst!“ Ellie beobachtete, wie das Verlangen seinen Blick noch feuriger machte.

Er lächelte, dann stand er auf und hob sie mühelos hoch, bevor er sie auf dem Bett absetzte. Als Nächstes ging er auf ein Knie hinunter und bewegte sich wie ein Raubtier auf sie zu. Über ihr richtete er sich wieder auf und packte den Saum seines T-Shirts. Er zerrte es ungeduldig über seinen Kopf und warf es dann zu Boden. Sekunden später beugte er sich nach vorne und zog auch ihr das Oberteil aus.

Ellie hielt den Atem an, als er die Hand ausstreckte, um an den Verschluss ihres BHs heranzukommen. Er löste ihn mit einem Fingerschnipsen und zog dann die Träger über ihre Arme nach unten. Hitze loderte in seinen Augen auf, als er sie nun ansah. Als ob er nicht anders konnte, streckte er langsam die Hand aus und zeichnete mit dem Zeigefinger einen Kreis um die Spitze ihrer linken Brust.

„Perfekt“, murmelte er.

„Ich weiß genau, was du meinst“, sagte sie und fuhr mit einem Finger die muskulösen Konturen seines Oberkörpers nach.

Er öffnete jetzt die Schublade von einem der Nachttische und zog ein Kondom hervor Der Anblick, wie er seinen Gürtel öffnete und dann langsam Jeans und Boxershorts auszog, sorgte dafür, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Seine Haut war wie Bronze und seine Muskeln bewegten sich geschmeidig. Er war ein echter Mann und in diesem Augenblick gehörte er ganz ihr.

Sie streckte die Arme aus. Er kam augenblicklich zu ihr und zog sie an sich. Nun lagen sie da, Körper an Körper, Haut an Haut. Alle ihre Sinne vibrierten vor Verlangen und Lust. Ganz entfernt nahm sie wahr, wie er die Hand in den Bund ihrer Shorts schob. Hurra wegen des elastischen Bundes. Sie stemmte die Hüften in die Höhe, um die Prozedur zu beschleunigen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals etwas so sehr gewollt zu haben, wie sie ihn in diesem Augenblick begehrte.

Sekunden später war sie so nackt wie er und sie spürte, wie er ihre rechte Brust umfing. Er hielt die Spitze fest, während er den Kopf hinabsenkte und dann die erregte Brustwarze in den Mund nahm. Sie schloss genießerisch die Augen, als er sanft daran saugte, bis sie sich wieder und wieder vor Lust verspannte. Ihr Körper gehorchte ihr mittlerweile gar nicht mehr. Sie wand sich und hob instinktiv die Hüften, um ihm zu signalisieren, was sie gerade so sehr wollte.

„Alex …“

Allein seinen Namen so voller Verlangen auszusprechen, sagte alles. Er rollte sich zur Seite und sie hörte, wie er rasch die Packung aufriss, die er schon bereitgelegt hatte. Im nächsten Augenblick legte er sich über sie. Dabei stieß sein Bein aus Versehen an ihren Gips. Die Berührung ließ ihn sofort erschrocken erstarren, als ob er sich gerade erst wieder an den gebrochenen Knöchel erinnert hätte.

„Oh Gott, Ellie – habe ich dir wehgetan?“

„Nein, mir geht’s gut. Hör bloß nicht auf.“ Sie legte die Hände über die warme Haut seiner Taille und drängte ihn dazu weiterzumachen.

Überaus vorsichtig senkte er nun seinen Körper auf ihren. Sie presste die Handflächen gegen seine Brust und ließ die Härchen ihre Finger kitzeln, während sie seinen heftigen Herzschlag spürte. Wieder waren sie Haut an Haut, während er sie langsam ausfüllte und gleichzeitig ihren Mund mit seinen Küssen eroberte.

Es kam ihr plötzlich so vor, als ob sie die einzigen Menschen im ganzen Universum wären. Alle Probleme und alle Konflikte waren auf einmal weit weg von diesem Bett, wo er sie gerade liebte.

Er entzog ihr jetzt kurz seinen Mund und stemmte sich ein wenig nach oben. So machte er sich für sie leichter, während er anfing, sich rhythmisch in ihr zu bewegen. Die Bewegung kitzelte und streichelte ihre Nervenenden zugleich, bis die Anspannung schließlich den Punkt erreichte, an dem sie sich nicht mehr zurückhalten konnte. Die ganze Zeit über hatte sich der Druck in ihrem Inneren gesteigert, und jetzt wartete er darauf, sich Bahn brechen zu können. Lust überschwemmte sie in einer erlösenden Sturzflut der Empfindungen. Die ganze Zeit über hielt er sie sanft fest und barg ihren Kopf in seiner Handfläche.

Als sie irgendwann aufhörte zu zittern, presste er sich noch tiefer in sie und verlieh seinen Bewegungen mehr Schwung, bis auch er schließlich vor Lust erschauderte. Er zog sie noch einmal fest an sich, als er zum Höhepunkt kam. Es fühlte sich an, als ob er sie nie wieder loslassen wollte. Die Zeit schien stillzustehen, als sie sich in den Armen lagen. Solange, bis Alex sich wieder rührte und sie zärtlich küsste.

„Bin gleich wieder da.“ Er zog das Bettlaken mit der gleichen beschützerischen Geste wie beim letzten Mal über ihren nackten Körper.

Sie nickte und dann fielen ihr auch schon vor Erschöpfung die Augen zu. Sie bekam nur noch mit, dass irgendwo in der Nähe eine Lampe ein- und wieder ausgeschaltet wurde. Es verging gerade genug Zeit, dass sie sich fragen konnte, ob ihr Zusammensein wohl wieder so enden würde wie auf dem Boot, als sie sich hastig angezogen und weggelaufen war. Nur war sie dieses Mal ja mehr oder weniger in seinem Bett gefangen. Denn ihre Krücken lagen immer noch auf dem Fußboden in der Küche. Bevor sie sich allerdings eine Lösung für dieses Problem ausdenken konnte, legte er sich ebenfalls wieder ins Bett und schmiegte sich sanft an sie.

Egal, dachte sie. Dann entspannte sie sich und legte die Wange auf seinen Oberkörper. Das hier ist anders. Ein paar Augenblicke lang sagte keiner ein Wort, dann setzten sie auf einmal beide gleichzeitig zum Sprechen an.

„Ich wollte nicht …“

„Was soll ich nur mit dir machen?“ Er seufzte, dann sagte er: „Normalerweise lasse ich ja immer die Dame zuerst ausreden, aber ich habe gerade etwas Wichtiges auf dem Herzen.“

Sie dachte kurz daran, ihn darauf hinzuweisen, dass sie im Moment praktisch genau auf seinem Herzen lag, aber ihr war klar, dass er das nicht damit meinte. „Okay. Du zuerst.“

„Als Erstes einmal muss festgehalten werden, dass unsere Abmachung nicht miteinander zu schlafen ein kompletter, totaler Fehlschlag war.“

„Ist mir auch schon aufgefallen“, erwiderte sie. „Normalerweise bin ich bei so etwas viel ehrgeiziger.“

„Ich weiß, was du meinst. Aber das lässt sich ganz leicht erklären.“

„Ach ja?“

Er rieb das Kinn liebevoll über ihr Haar. „Es hat keinen Zweck mehr, es zu leugnen, dass ich mich zu dir hingezogen fühle.“

Seine Aussage bestätigte ihren Verdacht, dass er genauso viel Mühe damit gehabt hatte, sich von ihr fernzuhalten wie sie von ihm.

„Und ich schätze, die Tatsache, dass ich gerade in deinem Bett liege, macht es sinnlos, zu leugnen, dass ich dich ebenfalls attraktiv finde.“ So, wie sie jetzt über ihm lag, konnte sie die Vibrationen seines Lachens spüren. „Also, um unser Abkommen einhalten zu können, werde ich wohl wieder in mein Apartment ziehen müssen.“

„Es ist aber immer noch im ersten Stock“, erklärte er.

„Mir geht’s doch jetzt besser. Ich hüpfe einfach hoch oder notfalls krieche ich eben.“

Er dachte kurz darüber nach. „Ihr Texaner seid wirklich zäh. Wahrscheinlich würdest du das sogar hinkriegen, aber bestimmt nicht, wenn du dabei etwas tragen musst. Wie zum Beispiel Essen, oder andere Vorräte. Allein für deine Haarpflegeprodukte bräuchtest du einen Kran.“

„Sehr witzig.“ Aber sie wusste genau, worauf er hinauswollte. „Vielleicht könnte ich mir das ja alles liefern lassen.“

„Sogar, wenn es in einem so kleinen Ort wie Blackwater Lake einen solchen Service geben würde, glaube ich nicht, dass diese Strategie logistisch sinnvoll wäre. Du hast den Gips doch keinen Monat mehr. Da ist es doch nicht nötig, das Risiko einzugehen, die Verletzung wieder zu verschlimmern. Das könnte außerdem den Baufortschritt beeinträchtigen und das will doch wohl keiner von uns“, fügte er hinzu.

Erneut verstand sie, worauf er hinauswollte. „Dann müssen wir uns eben mehr anstrengen, damit so etwas wie das hier, nicht noch einmal vorkommt …“

„Ich hätte da eine andere Idee.“

„Okay. Lass hören.“ Sie konnte sich zwar keine Alternative vorstellen, war aber immer offen für Vorschläge.

Er fuhr mit dem Daumen sanft über ihren Oberarm. Die Berührung verursachte sofort ein Kribbeln bei ihr, das sie bis in die Zehen hinein spürte. „Wir haben unsere Abmachung doch schon einmal gebrochen. Um die Schuldgefühle zu vermeiden, wenn das Ganze noch einmal passieren sollte, schlage ich stattdessen eine Affäre vor.“

Wie bitte?“ Sie konnte nicht glauben, dass sie gerade richtig gehört hatte. Es war gut, dass sie im Moment nicht stand, denn diese Worte hätten ihr glatt den Boden unter den Füßen weggezogen. „Alex, du weißt genauso gut wie ich, warum wir uns darauf geeinigt haben, dass eine Affäre nicht funktionieren würde …“

„Also, ich denke, wir haben das doch ganz gut hingekriegt.“

„Du weißt genau, dass ich das nicht gemeint habe.“

„Hör mir doch einfach nur zu.“ Einen Augenblick lang schwieg er und sie war so sprachlos, dass vollkommene Stille herrschte. „Die Sache ist doch die … du hast deine Vorbehalte und ich habe meine, aber wir können uns auch gut leiden. Richtig?“

„Ja“, gab sie zu. Aber er schlug jetzt plötzlich vor, mehr daraus zu machen, und das war wahrscheinlich ein großer Fehler.

„Also geben wir doch unseren Gefühlen einfach nach und reagieren uns ab und haben Spaß. Ganz ohne Verpflichtungen. Keiner wird verletzt, und wenn der Erweiterungsbau fertig ist, sind wir es auch.“

„Weil ich dann die Stadt verlasse.“

„Richtig.“

„Lass mich mal sehen, ob ich das richtig verstehe.“ Sie war irgendwie froh, dass sie ihm in ihrer gegenwärtigen Position nicht in die Augen schauen musste. „Du schlägst also eine rein körperliche Beziehung auf der Basis von Freundschaft vor. Vergnügen ohne gefühlsmäßige Bindungen. Mit anderen Worten, ich soll mich wie ein Mann benehmen.“

„Mehr oder weniger. Aber mir wäre es lieber, wenn du dich einfach benimmst wie du selbst.“

Das brachte sie unwillkürlich zum Lächeln. Dass er das immer wieder schaffte, gefiel ihr mit am besten an ihm.

Ellie dachte ernsthaft über seinen Vorschlag nach. Alex zu widerstehen, hatte nicht besonders gut funktioniert, und ihr Herz zu verschenken, hatte in ihrer letzten Beziehung mit einer riesigen Katastrophe geendet. Es war in der Tat wesentlich einfacher und praktischer hier bei ihm zu bleiben. Wenn er nur nicht so nervenaufreibend attraktiv wäre. Aber da sie nach diesem Auftrag sowieso wieder nach Texas zurückkehren würde, schien tatsächlich nicht viel auf dem Spiel zu stehen. Affären hatten kraft ihrer Definition schließlich immer nur eine kurze Halbwertszeit.

„Mir gefällt dein Schlafzimmer wirklich sehr, Alex.“ Sie schmiegte sich enger an ihn. „Ich bin also dabei!“

Nach der Arbeit, sobald sie wieder zu Hause waren, verschwand Alex in seinem Arbeitszimmer „um ein paar Anrufe zu erledigen“. Insgeheim hatte Ellie aber das Gefühl, dass er ihr aus dem Weg ging.

Sie ließ ihre Handtasche auf den Tisch neben der Haustür fallen, dann humpelte sie auf ihren Krücken in die Küche. Marthas Auto stand noch vor der Tür, daher wusste sie, dass die Haushälterin noch da war.

Neben der Kücheninsel, wo Martha gerade Essen vorbereitete, blieb sie stehen.

Martha schaute nicht einmal hoch. „Ein guter Rat von mir, Ellie. Geben Sie Ihren Job nicht auf, um Einbrecher zu werden.“

„Haben Sie mich etwa kommen hören?“

„Ungefähr eine Meile weit.“ Die ältere Frau schaute lächelnd auf. Ihre blauen Augen funkelten. „Aber es gibt natürlich auch körperliche Betätigungen, bei denen Heimlichkeit und Stille nicht erforderlich sind.“

Sie redete von Sex. Sogar wenn sie das vielleicht gar nicht meinte, war es automatisch das, woran Ellie denken musste. Außerdem arbeitete die Frau hier. Es gab also Dinge, die auch der Dümmste zwangsläufig bemerken musste. Dinge, die darauf hindeuteten, dass sie die letzten Nächte im Bett von Alex verbracht hatte. Ihr Gesicht wurde sofort vor Schamesröte ganz heiß.

„Martha, es ist nicht das, was Sie jetzt denken …“

„Dann schlafen Sie und Alex also nicht miteinander?“ Sie schaute von der Selleriestange auf, die sie gerade klein schnitt. Ein Edelstahltopf voll gekochter Kartoffeln und anderem Gemüse stand direkt neben ihr.

„Okay, dann ist es doch genau das, was Sie denken. Aber wir haben eine Abmachung, es ist nichts Ernstes. Schließlich bleibe ich ja nicht hier, wenn die Mercy Medical Clinic fertig ist.“

„Was das angeht, habe ich nur vier Dinge zu sagen.“ Martha sah einen Augenblick von ihrer Arbeit hoch. „Erstens, wenn es um Sex geht, funktionieren Abmachungen in den meisten Fällen nicht. Zweitens, Alex nimmt immer alles todernst. Drittens, es gibt Gründe, warum er nie etwas mit Frauen aus Blackwater Lake anfängt, und viertens, Sie kommen mir nicht wie eine Person vor, die nur zum Spaß mit einem Mann ins Bett geht. Damit meine ich, ohne Gefühle für ihn zu haben.“

„Hmm.“ Sie hoffte aus tiefster Seele, dass Martha sich da täuschte. Aber so oder so gab es nichts, dass sie dagegen tun konnte. „Können wir vielleicht über etwas anderes reden?“

„Natürlich, über was Sie wollen.“

„Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass Sie gerade Kartoffelsalat machen.“

„Sie sind ja der reinste Sherlock Holmes“, scherzte Martha. „Alex hat darum gebeten, als Beilage für die Steaks, die er heute Abend grillen will.“

„Kann ich Ihnen irgendwie dabei helfen?“

„Sicher. Sie können die da schälen.“ Sie zeigte auf die Kartoffeln. „Aber nur unter einer Bedingung.“

„Und was für eine?“ Nicht mehr mit Alex zu schlafen?

„Setzen Sie sich auf den Stuhl da, bevor Sie sich noch etwas brechen.“

Ellie gehorchte widerstandslos. Martha brachte ihr daraufhin ein Messer, eine alte Zeitung für die Schalen und den Topf Kartoffeln.

„Wie lange arbeiten Sie denn schon für Alex?“, fragte sie neugierig.

„Seit er mit dieser schwangeren Frau aus Kalifornien zurückgekommen ist.“

Sie schaute Martha an und diese verzog missbilligend den Mund. „Sie haben seine Frau wohl nicht gemocht?“

„Nein.“

„Bevor oder nachdem sie Alex verlassen hat, um wieder mit dem Kindsvater zusammen zu sein?“

„Er hat es Ihnen also erzählt.“ Das war keine Frage. Sie nahm eine saure Gurke aus dem Glas. „Schon vorher. Als sie endlich weg war, wollte ich ihr am liebsten das Herz mit einem Eislöffel aus dem Leib schaben.“

Die Vorstellung konnte einem glatt den Geschmack an Eiscreme verderben. „Das würde bestimmt sehr wehtun.“

„Das wäre ja der Sinn der Sache.“

„Muss ich jetzt etwa Angst vor Ihnen haben?“, scherzte Ellie.

„Nur wenn Sie vorhaben, ihm das Herz brechen.“

„Das würde ich niemals tun, und er mir auch nicht. Ich mag ihn und respektiere ihn viel zu sehr dafür.“

Martha begegnete ihrem Blick, musterte sie intensiv und nickte dann. „Ich glaube Ihnen.“

„Gut.“ Ellie legte eine geschälte Kartoffel in die Schüssel zurück. Es war höchste Zeit, das Thema zu wechseln und über etwas Belangloses zu sprechen. „Was denken Sie eigentlich über diesen Millionär, der in Blackwater Lake eine Ferienanlage für Sommer- und Winterurlaube bauen will?“

„Ich schätze mal, da gibt’s jede Menge Pros und Kontras“, antwortete Martha kryptisch.

„Wie zum Beispiel?“

„Das Gute daran ist, dass dies eine Menge Geld und viele Leute herbringen wird, und die brauchen dann auch Häuser, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen. Diese Art von Geld kann hier in der Stadt bestimmt viel Gutes bewirken.“

„Aber?“

„Das Leben hier wird sich dann unweigerlich ändern. Es sei denn, die Politiker passen auf, dass es nicht nur um den Gewinn geht, sondern auch darum, das zu bewahren, was diesen Ort zu etwas Besonderem macht.“

Ellie nickte. „Ich weiß genau, was Sie damit meinen.“

„Und dann ist da noch meine Küche.“

Diese Bemerkung verstand sie jetzt nicht. „Tut mir leid, aber ich verstehe nicht, was Ihre Küche mit der neuen Ferienanlage zu tun hat.“

„Alles, wenn Alex tatsächlich den Auftrag dafür bekommt, denn er hat mir versprochen, meine Küche zu renovieren. Wenn er allerdings für diesen Milliardär arbeitet, wird er keine Zeit mehr dafür haben.“

„Ich verstehe.“ Ellie schälte nun die letzte Kartoffel, dann wischte sie sich die Hände an einem Küchentuch ab. „Was stimmt denn nicht mit Ihrer Küche?“

„Sie ist viel zu klein.“ Martha rümpfte die Nase. „Furchtbar schmal, und vom Wohnbereich komplett abgeschnitten. Also kann man nie gleichzeitig kochen und sich dabei unterhalten.“

Das stellte vermutlich für Martha tatsächlich ein echtes Problem dar. „Und was noch?“

„Es ist nicht genug Stauraum vorhanden und die Speisekammer ist ungefähr so groß wie eine Briefmarke.“

Auf der Kücheninsel lagen ein Bleistift und ein Block mit einer angefangenen Einkaufsliste. Ellie riss das oberste Blatt kurzerhand ab, dann zog sie ein paar schwungvolle Linien und zeichnete auf, wie sie sich Marthas Wunsch-Küche vorstellte, während die Frau weitersprach.

„Was ist denn das?“ Marthas Tonfall verriet gleichermaßen Neugierde und Skepsis.

„Nur so eine Idee. Wollen Sie mal sehen?“

„Na klar.“

Ellie drehte den Block zu ihr um. „Ich war ja noch nie in Ihrem Haus, also ist das nicht genau Ihre Küche, aber …“

„Sieht jedenfalls genauso aus.“ Die Haushälterin nahm die Zeichnung genauer unter die Lupe. „Das sind nur ungefähr drei Mal so viele Küchenschränke, wie ich jetzt habe.“

Sie hatte angenommen, dass Marthas Haus älter war, und nach der Beschreibung Vermutungen über den Baustil angestellt. „Das ist alles nur reine Fantasie. Also eine sehr grobe Zeichnung …“

„Können Sie irgendwie Platz für einen doppelten Ofen und einen größeren Kühlschrank darin finden?“

„Man müsste zuerst einmal alles genau ausmessen und natürlich ist der Platz begrenzt. Es könnte also sein, dass Sie ein paar Schränke dafür opfern müssten. Ohne Kompromisse geht es leider nicht.“

Die andere Frau wirkte beeindruckt. „Zeichnen Sie so auch ein ganzes Haus?“

„Jawohl, Ma’am. Wenn man bei Null anfängt, dauert es nur länger, denn dann sind viele Besprechungen nötig, um herauszufinden, was der Kunde genau will. In dieser Phase ist noch nichts endgültig. Aber es ist immer sehr spannend, wenn man abbilden kann, was jemand versucht, in Worte zu fassen.“

„Also, Süße, bei mir haben Sie das perfekt geschafft. Dafür müssen Sie eine echte Begabung haben.“

„Zuhören ist sehr wichtig und Computer sind dabei ein unersetzliches Werkzeug. Ich kann daran nämlich ein dreidimensionales Bild erzeugen, um genau sehen zu können, wie das Produkt am Ende aussehen wird.“

„Um sicherzugehen, dass der Kunde sich auch genau vorstellen kann, wie es in Wirklichkeit aussehen würde“, überlegte die Haushälterin.

„Genau.“

Gar nicht so anders als ihre gegenwärtige Situation mit Alex, dachte sie. Sie schliefen miteinander. Sie waren mehr als Mitbewohner, aber sie waren dennoch kein Paar. Sie lebten unter demselben Dach. Nach jeder möglichen Definition lebten sie also zusammen. Auf jeden Fall konnte sie sich ein Bild davon machen, wie es in Wirklichkeit sein könnte.

Bis jetzt war es unglaublich großartig. Im Bett sorgte Alex dafür, dass sie heftiges Herzklopfen und eine Gänsehaut bekam. Tagsüber bei der Arbeit konnte sie den Feierabend kaum erwarten, um mit ihm nach Hause gehen zu können. Er war humorvoll und großzügig und er hatte sich um sie gekümmert, als sie ihn so dringend gebraucht hatte. Aber nur, weil er sie auch brauchte. Außerdem hatten sie sich darauf geeinigt, dass ihr Zusammenleben vorbei sein würde, wenn sie sich nicht mehr brauchten.

Die Regeln von vornherein zu kennen, hätte eigentlich zu ihrem Seelenfrieden beitragen sollen, doch mit jedem Tag war sie sich weniger sicher, ob sie es wirklich schaffen würde, dass alles einfach so hinter sich zu lassen, ohne dabei verletzt zu werden.

Was auch immer zwischen ihr und Alex lief, widersprach nämlich allem, was sie gelernt hatte. Auch ihrer Ausbildung als Architektin, denn anders als die Gebäude, die sie entwarf, war ihre Beziehung nicht auf Dauer ausgelegt.

„Alex?“

Als er Ellies leise Stimme hörte, schaute er von den Listen mit den Baumaterialien auf, über denen er gerade gebrütet hatte. Sie stand in der Tür zu seinem Arbeitszimmer und balancierte dabei auf ihren Krücken.

An den Enden befanden sich zwar kleine Gummipolster, aber wenn man das ganze Körpergewicht darauf stützte, musste es trotzdem sehr unbequem sein. „Tun die Dinger deinen Armen weh?“

Sie warf einen Blick auf ihre Hände, die auf den horizontalen Streben ruhten. „Jetzt nicht mehr.“

Das hieß, sie hatten anfangs sehr wohl wehgetan, und sie hatte sich kein einziges Mal beschwert. Noch etwas an ihr, dass er respektierte und das ihm an ihr gefiel.

Sie trug Shorts aus Jeansstoff und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Blackwater Lake, Montana“. Es passte perfekt zu dem quietschrosa Gips an ihrem Bein. Auf einmal begehrte er sie unglaublich und das Gefühl war so stark, intensiv und so überwältigend, dass er an nichts anderes mehr denken konnte.

„Arbeitest du noch?“, fragte sie nun.

„Nicht wirklich.“

„Hast du Appetit?“

Das war keine zweideutige Frage, aber für ihn hörte es sich so an, weil er gerade daran gedacht hatte.

„Martha hat Kartoffelsalat gemacht. Ich habe ihr geholfen“, fügte sie hinzu. „Sie hat gesagt, dass du Steaks dazu grillen willst.“

Er stand auf. „Dann machen wir uns mal an die Zubereitung des Abendessens.“

„Wird aber auch Zeit.“ Rasch bewegte sie sich rückwärts und drehte sich dabei zur Küche um.

„Du beherrschst die Dinger ja inzwischen ziemlich gut.“

„Ich weiß. Willst du vielleicht ein kleines Rennen machen?“ Sie warf ihm über die Schulter hinweg einen Blick zu und grinste.

„Ich fürchte, das würdest du gewinnen.“

„Es ist wie bei allem anderen im Leben – Übung macht nun mal den Meister.“ Auf der Schwelle zur Küche blieb Ellie kurz stehen. „Soll ich schon mal den Tisch decken?“

„Warum essen wir nicht einfach draußen?“ Das war eine spontane Idee und er war sich nicht sicher, wo sie herkam.

„Das klingt toll.“ Dank ihres begeisterten Lächelns fühlte er sich, als ob er ihr gerade den Mond vom Himmel geholt hätte.

„Ich trag alles auf die Terrasse und du kannst die Sachen dann ja auf dem Tisch anrichten.“ Als sie nickte, fügte er hinzu: „Was hat Martha denn sonst noch gemacht?“

„Grünen Salat, Maiskolben in Alufolie und zum Nachtisch Beeren mit Schlagsahne.“

„Na, dann mal los. Ich bin am Verhungern.“ Er hoffte, dass sie nicht bemerkte, wie er ihren Mund anstarrte, als er das sagte.

Während er die Filetsteaks und den Mais grillte, verteilte Ellie die Platzdeckchen und Teller auf dem runden Tisch aus Redwood-Holz. An der Hauswand standen noch ein Sofa aus dem gleichen Holz und Sessel mit Polstern, die zusammen eine Sitzecke bildeten.

Der Rasen hinter dem Haus reichte bis zum Waldrand, der eine natürliche Grundstücksgrenze bildete. Büsche und Blumen umgaben den gesamten Garten. Alles sah perfekt aus, und das war keine Angeberei, sondern einfach nur seine bescheidene Meinung.

Als das Essen fertig war, lud er alles auf ein Tablett und machte den Gasgrill aus. Anschließend trug er es zum Tisch, wo Ellie sich bereits hingesetzt hatte.

„Lecker. Das riecht aber gut. Ich habe den Salat schon angemacht. Ich hoffe, du magst Ranch Dressing.“

Die Sonne war gerade dabei zu sinken, und würde schon bald hinter den Bergen verschwinden, aber im Augenblick war noch genug Licht vorhanden. Eine Weile aßen sie schweigend, und das war auch gut so, denn jedes Mal, wenn er ihren Mund ansah, der von dem gebutterten Mais sinnlich glänzte, wollte er ihr am liebsten die Butter von den Lippen küssen.

Es war fast eine Erleichterung, als Ellie einen Löffel Kartoffelsalat nahm. „Mmm. Ich kann einfach nicht glauben, wie lecker das ist.“

„Das ist eine der Spezialitäten meiner Haushälterin.“

„Du hast so ein Glück, dass sie für dich arbeitet.“ Ellie räusperte sich und schaute verlegen nach unten. „Martha weiß übrigens, dass wir ein gemeinsames … Schlafzimmer benutzen.“

„Das überrascht mich nicht.“ Der Frau fiel einfach alles auf. Aber auch wenn er sie noch so sehr wegen ihres Hangs zu Klatsch und Tratsch aufzog, wusste er, dass Martha durchaus auch diskret sein konnte.

„Hat sie sonst noch etwas gesagt?“

„Sie hat gesagt … lass mich das mal so umschreiben … wenn das bei uns nicht läuft wie geplant, wird sie mir das Herz mit einem Eiscremelöffel rausschälen.“

Diese Drohung hatte er schon einmal in Bezug auf seine Exfrau gehört. Trotzdem rief er: „Autsch.“

„Echt.“ Sie lachte. „Ich verstehe sie aber schon. Sie hat dich eben ins Herz geschlossen.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“

„Mir ist aufgefallen, dass Leute wie Martha quasi das Herz von Blackwater Lake bilden. Ihre Warmherzigkeit bringt alles, was hier so wunderbar ist, genau auf den Punkt.“

„Da könnte ich dir gar nicht mehr zustimmen.“

„Dann muss ich dich aber mal etwas fragen: Was hältst du von dem Bau dieser Ferienanlage? Mal abgesehen davon, einen neuen Auftrag zu bekommen.“ Sie nahm einen Bissen von ihrem Steak.

„Gute Frage.“ Alex überlegte einen Augenblick lang. „Ich habe da irgendwie gemischte Gefühle. Einerseits will ich die idyllische Atmosphäre des Ortes unbedingt erhalten, in dem ich ja schließlich auch aufgewachsen bin.“

Des Ortes, an dem er eigentlich sein eigenes Kind großziehen wollte.

„Andererseits“, fiel sie ihm ins Wort, „garantiert so eine große Anlage, dass Blackwater Lake größer wird.“

„Ja. Ich habe lange mit den Leuten des Unternehmers gesprochen. Abgesehen von Hotels, Restaurants und Läden geht es da auch um einen kleinen Flughafen.“

Ellie warf ihm einen schiefen Blick zu. „Dafür bin ich auf jeden Fall, auch wenn mich niemand nach meiner Meinung gefragt hat.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“ Er grinste, als er sich daran erinnerte, dass sie an ihrem ersten Tag zu spät gekommen war, weil sie über hundert Kilometer von diesem „süßen kleinen Flughafen“ herfahren musste. „Der finanzielle Erfolg hängt nämlich sehr von den Touristen ab. Denn diese müssen ohne große Umstände herkommen können.“

„Das ist nur gesunder Menschenverstand“, stimmte sie ihm zu.

„Wenn der Stadtrat dem Vorhaben also zustimmt, wird hier unweigerlich vieles anders werden.“

„Aber nicht alle Veränderungen werden negativ sein“, erinnerte sie ihn. „Das Ärztezentrum wird ja gerade bereits erweitert, und es wäre doch ein unglaublicher Triumph für McKnight Construction, wenn du als Bauunternehmer für dieses Projekt ausgesucht wirst.“

„Ja.“ An all das hatte er auch schon gedacht. „Das Geld sorgt für bessere Straßen und den Ausbau der Infrastruktur. Das alles sind Veränderungen zum Besseren. Die Schaffung vieler neuer Arbeitsplätze miteingeschlossen.“

„Kompromisse können doch dafür sorgen, dass ihr hier das Beste aller möglichen Welten bekommt.“

„Das ist wahr“, stimmte er ihr zu. „Dein Wort in Gottes Gehörgang.“

Ellie legte nun die Gabel hin und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Sie seufzte leise, als eine leichte Brise ihr Haar um ihr Gesicht wehte. „Ich bin mir sicher, es gibt einen Weg, die Eigenschaften, die diese Gegend zu so etwas Wunderbarem und unglaublich Besonderem machen, zu bewahren.“

Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass sie deshalb so starke Gefühle hegte. „Welche denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel die Bäume. Ich kann all die Kiefern riechen und das ist einfach wunderbar.“ Sie sog mit geschlossenen Augen den Atem ein. „Ich habe noch nie beeindruckendere Berge in meinem Leben gesehen. Obwohl, ganz ehrlich, dass natürlich auch daran liegt, dass Texas ziemlich flach ist.“

„Das habe ich auch schon gehört.“

„Ich habe immer gedacht, der Himmel zu Hause ist schön, aber hier …“ Sie schüttelte den Kopf.

„Was?“

„Mir ist jetzt klar, warum es ‚Big Sky Country‘ heißt – Land des großen Himmels. Tagsüber nimmt einem das Blau fast den Atem, aber nur bis zur Dämmerung. So wie jetzt.“ Staunen verwandelte ihr Gesicht. Dies war ein Ausdruck, den man nicht spielen konnte. „Der Sonnenuntergang trifft einen irgendwie mitten ins Herz und lässt einen nicht mehr los, und in der Nacht wirken die Sterne wie Glitter auf Samt.“

Diese Darstellung machte ihn unglaublich stolz auf seinen Heimatort und er freute sich, dass sie verstand, was an diesem Ort so besonders war. Seine Ex hatte sich immer nur darüber beklagt, am Ende der Welt festzusitzen. „Das ist ja richtig poetisch.“

„Das ist nur die Wahrheit. Der Himmel, die Bäume, das Gras, die Blumen.“ Sie schwenkte die Hand, um auf sein Haus, den Garten und die zerklüfteten, hoch aufragenden Berge zu deuten. „Daran könnte ich mich echt gewöhnen.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann verspannte sie sich plötzlich, als ob ihr bewusst wurde, was sie da gerade gesagt hatte. „Ich meine jetzt nicht hier hier. Nur Montana im Allgemeinen.“

„Das weiß ich doch.“

„Gut, denn …“

„Schon okay, Ellie.“

Aber das war es nicht. Nicht ganz zumindest. Denn der Gedanke sorgte bei ihm für Unbehagen. Ihm wurde auf einmal klar, wie viel es ihm bedeutete, dass sie Blackwater Lake, die Gegend und sein Haus so sehr mochte. Ihre Meinung, ob sie nun positiv oder negativ war, sollte ihm eigentlich nichts bedeuten. Sie würde doch sowieso bald weggehen und er hatte bestimmt nicht vor, sie daran zu hindern. Aber …

Es gab immer ein „Aber“ und er hatte das dumpfe Gefühl, dass dieses spezielle „Aber“ bedeutete, dass ihre Abreise ihn verdammt einsam machen würde.

Ellie verließ die Baustelle der Mercy Medical Clinic und ging zu dem Bauwagen. Die Krücken behinderten sie mittlerweile kaum noch. Alles lief absolut prima, sowohl beruflich als auch privat. So konnte es gerne bleiben.

Sie war jetzt fast sechs Wochen in der Stadt und wohnte schon beinahe vier Wochen bei Alex. Bald war ihre Arbeit hier getan, dann würde sie wieder nach Texas zurückkehren. Der Gedanke daran machte sie seltsam traurig und weckte Sehnsüchte in ihr, aber sie hatte keine Entschuldigung, noch länger zu bleiben.

Es sei denn, er würde sie darum bitten, zu bleiben. Diese Idee gefiel ihr besser, als es ihr lieb war. Dabei war die Chance dafür ungefähr so groß wie die, dass Ostern und Pfingsten auf einen Tag fielen.

Sie hielt nun die Tür zum Bauwagen mit der Schulter auf, während sie sich gleichzeitig hineinschob. „Hi.“

Alex schaute von seinem Schreibtisch auf. „Hey. Was gibt’s denn?“

„Der Einbau der Rauch- und Feuermelder verläuft plangemäß und in ein paar Tagen ist ein Probealarm angesetzt. Wenn der Test gut läuft, sollte danach alles zur Abnahme fertig sein. Die Arbeiter gehen jetzt nach Hause.“ Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Was steht sonst noch an?“

„Ich habe ein paar Grundstücke rund um den See, für Einfamilienhäuser. Das für Ben ist gerade fertiggeworden.“ Er lächelte. „Zum Glück ist seine Verlobte ebenfalls begeistert.“

„Dann ist das kein Baugebiet mit festen Bauvorschriften?“

Er schüttelte den Kopf. „Alles ganz individuell. Die Kunden suchen sich einfach ein Grundstück aus und kaufen dann das Land. Sie heuern ihren eigenen Architekten an, und wir übernehmen anschließend den Bau.“

„Klingt spannend.“

„Ja, das ist es.“ Er runzelte die Stirn. „In das Projekt habe ich sogar eigenes Kapital investiert. Also steht für mich beruflich und auch finanziell so einiges auf dem Spiel. Leute, die ein Zuhause wollen, möchten schließlich nicht warten müssen, bis irgendein Großprojekt fertig ist, um endlich ihr Haus bekommen zu können.“

„Ich verstehe, was du damit meinst. Also musst du jonglieren.“

Zum ersten Mal heute lächelte er. „Genau.“

„Mir ist gerade aufgefallen, dass ich abgesehen von Blackwater Lake bisher nur den Bootssteg gesehen habe.“

Daran, den See zu erforschen, hatte sie überhaupt nicht gedacht, als er in der Nacht auf dem Boot ihren Körper erkundet hatte.

Alex sah sie nachdenklich an. „Sind wir für heute fertig?“

„Die Arbeiter sind wahrscheinlich schon weg, und ich habe nichts weiter vor.“

Er griff in die oberste Schublade und holte die Autoschlüssel für seinen Truck heraus. „Lass uns zum See fahren, dann gebe ich dir eine kleine Führung.“

„Das wäre toll.“ Bei diesen Worten lief ihr unwillkürlich ein Kribbeln den Rücken hinunter.

Fünfzehn Minuten später fuhren sie die gewundene Straße um den waldbedeckten Berg herum, der auf den Blackwater Lake herabschaute. Alex zeigte ihr, wo seine Grundstücke anfingen und aufhörten. Es handelte sich dabei um ein wirklich außergewöhnliches Gelände.

Sie starrte die blauen Wellen auf dem See an, und ihr wurde klar, dass es sich um eine Spiegelung des wolkenlosen Himmels über ihnen handelte. Der Winkel der Sonne sorgte dafür, dass die Sonnenstrahlen genau auf den Wogen glitzerten und sie in Diamanten verwandelten. Auf der anderen Seite des Sees ragten die schroffen Berge auf und hoben sich mit ihrer dunklen Silhouette vom Himmel ab.

„Wahnsinn, das ist unglaublich fantastisch.“ Sie betrachtete die Landschaft. „Das äußere Design von Gebäuden ist immer sehr wichtig, aber hier ganz besonders.“

„Warum?“

„Erstens braucht man an diesem Ort viele Fenster. Denn den Blick auf den See oder die Berge nicht auszukosten, sollte hier illegal sein.“ Nachdenklich tippte sie sich an die Lippe. „Außerdem sollte man so viele Bäume wie möglich versuchen zu erhalten.“ Sie deutete auf ein Grundstück, als sie daran vorbeifuhren. „Da könnte ich mir zum Beispiel Berghäuser sehr gut vorstellen. Vielleicht mit Gaubenfenstern, auf beiden Seiten eine Veranda. Damit man sich nach Lust und Laune für eine Aussicht entscheiden kann.“

„Das ist ein gutes Argument.“

„Und dort.“ Sie zeigte auf das nächste Grundstück. „Wäre eine Steinfassade mit Holzbalken wunderbar. Imposant, aber dennoch rustikal. Dazu noch ein Aussichtspunkt, wo der See schmaler wird.“

„Ich verstehe, was du meinst.“

„Aber nicht zu modern“, überlegte sie. „Jedes Haus sollte sich natürlich in die Umgebung einfügen und das Ambiente ergänzen.“

„Wahnsinn.“

Sie warf ihm einen nervösen Blick zu und fragte sich, ob ihr das Ganze jetzt peinlich sein sollte. „Tut mir leid. Ich wollte dich bestimmt nicht totquasseln.“

„Ganz und gar nicht. Rede ruhig weiter. Ich bin sehr beeindruckt.“

Sie wollte bei seinen Worten nicht strahlen, aber sie konnte einfach nicht anders. „Okay, dann muss ich daran denken Plappern als Pluspunkt auf meinen Lebenslauf zu setzen.“

„Das war kein Scherz, Ellie. Du hast ein wirklich gutes Auge. Ich kann mir genau vorstellen, was du gerade beschrieben hast, und es ist genau das, was ich auch im Kopf hatte, als ich das Land gekauft habe.“

Sein Lob tat ihrem geschundenen Selbstvertrauen unglaublich gut. Es würde ihr so unfassbar viel Spaß machen, mit einem von seinen Kunden an der Gestaltung eines Hauses hier vor Ort arbeiten zu dürfen. Dann spann sie den Gedanken noch weiter: Wie viel Spaß würde es erst machen, mit ihm zusammen daran zu arbeiten. Sie war schon drauf und dran damit herauszuplatzen, aber sie biss sich auf die Zunge, denn solange sie mit Alex schlief, waren geschäftliche Entscheidungen zugleich auch persönliche Entscheidungen. Plötzlich war ihr ein bisschen übel. Wahrscheinlich von der kurvenreichen Straße. Oder weil sie so viele kreative Ideen hatte, dass ihr Kopf beinahe explodierte. Egal warum, ihr Magen war mit dem Ganzen offenbar nicht einverstanden.

Sie spürte den Blick von Alex und fragte sich, ob er froh war, sie bald loszuwerden. Sie verspürte noch ein ganz anderes Gefühl in der Magengrube. Das war allerdings keine Übelkeit, sondern die ganz jämmerliche Hoffnung, dass er sie vermissen würde, denn sie wusste hundertprozentig, dass sie ihn vermissen würde.

Je eher sie wieder in ihrem eigenen Apartment war, umso besser, denn je mehr Zeit sie bei Alex verbrachte, umso schwerer würde es ihr fallen, zu gehen. Vor ein paar Minuten hatte sie sich beinahe gewünscht, es könnte doch mehr daraus werden. Dabei wusste sie genau, dass das Ganze nur ein Luftschloss war. Sogar sein Schiff hieß „Independence“ – Unabhängigkeit – um Himmels willen!

Wenn sie verletzt wurde, dann war das nicht seine Schuld. Er hatte sie schließlich nicht angelogen, hatte ihr nichts versprochen und hatte es nicht versäumt, sie vor ihm zu warnen. Nein, dieses Mal konnte sie wirklich nur sich selbst Vorwürfe machen.

7. KAPITEL

„Ich habe doch gewusst, dass der Gips heute nach der Arbeit runterkommt. Wie konnte ich denn nur meinen Schuh vergessen?“ Wahrscheinlich hatte sie damit dem Schicksal zuvorkommen wollen, bevor es wieder irgendeine Katastrophe über sie hereinbrechen ließ.

„Wenn ich du wäre, würde ich sowieso noch eine Weile mit den meterhohen Absätzen warten. Ich meine ja nur …“ Alex warf ihr einen Blick zu. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu. „Wie fühlt sich der Knöchel denn an?“

„Himmlisch.“ Sie drehte den Fuß langsam hin und her und versuchte dabei zu ignorieren, wie ausgezehrt und blutarm er durch die Zeit im Gips wirkte. Der Arzt hatte ja vorhergesagt, dass sie Muskelmasse verlieren würde. „Es ist komisch, wie merkwürdig es sich anfühlt, wieder normal zu laufen. Ich kann schließlich schon sehr lange laufen. Aber nur ein paar Wochen außer Gefecht – und ich mutiere prompt zum Kleinkind. Aber das Gute daran ist, dass das Treppensteigen mir dabei helfen wird, meine Beinmuskulatur wiederaufzubauen.“

Er sah sie kurz an. Sein Blick war betont lässig. „Jetzt, wo du dich schon bei mir eingelebt hast, was hältst du denn davon, einfach weiterhin bei mir zu bleiben, bis das Projekt fertig ist?“

Das sagte er so beiläufig, dass sie einen Augenblick brauchte, bis ihr die volle Bedeutung seiner Worte bewusst wurde. In diesem Augenblick hämmerte es plötzlich in ihrem Kopf und es rauschte in ihren Ohren. Er bat sie tatsächlich, bei ihm zu bleiben. Freude stieg in ihr auf. Doch dann traf sie der Nachsatz mitten ins Herz.

Bis das Projekt fertig ist.

Zwischen den Zeilen hieß das doch, dass er seine Meinung nicht geändert hatte, was die zeitliche Begrenzung ihres Zusammenseins anging. Er würde sich bestimmt nicht auf eine Beziehung mit ihr einlassen.

Sie bemühte sich sehr, nicht verletzt zu sein, denn er hatte sie schließlich nie angelogen, nicht ein einziges Mal. Aber sie empfand so unglaublich viel für ihn, und zu wissen, dass er es sich nicht gestattete, ebenfalls Gefühle für sie zu entwickeln, trieb ihr die Tränen in die Augen. Ihre Emotionen lagen momentan vollkommen blank und das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Die Herausforderung bestand jetzt allerdings darin, ihn das nicht merken zu lassen, denn das wäre absolut erniedrigend.

„Ellie?“

„Hmm?“ Sie traute ihrer Stimme nicht zu, ungerührt zu klingen. Also brachte sie nur diesen einen kleinen Laut hervor.

„Es macht also durchaus Sinn, wenn du bei mir bleibst.“

„Warum?“

Er brauchte einen Augenblick, um zu antworten. Als er es tat, war sein Tonfall sehr vorsichtig: „Deine ganzen Sachen sind doch schon da.“

„Die kann ich auch wieder mitnehmen.“

„Dann wäre da noch die Tatsache, dass wir uns zusammen gut amüsieren.“

„Willst du damit etwa sagen, dass du mich vermissen würdest?“

Er sah sie kurz an, dann wandte er den Blick hastig wieder der Straße zu. „Das werde ich bestimmt; wenn du wieder nach Texas zurückkehrst.“

Weil er bisher immer die Wahrheit gesagt hatte, war das zumindest etwas. Aber sie wollte mehr. Mehr als er ihr geben konnte, und je eher sie sich von ihm trennte, umso leichter könnte sie den Schmerz verhindern, der unweigerlich auf sie warten würde, wenn sie es nicht tat.

„Das ist sehr lieb von dir, Alex, aber es ist langsam an der Zeit für mich, in mein Apartment zurückzukehren. Ich bin dir schon lange genug zur Last gefallen.“

Der Blick, den er ihr daraufhin zuwarf, war voller Ironie. „Ja, es war echt hart mit dir.“

„Schwierig zu sein ist eben eine richtige Lebensaufgabe. Aber irgendjemand muss das halt auf sich nehmen.“ Sie versuchte, dabei cool und clever zu klingen, anstatt wehleidig und traurig, wie sie sich tatsächlich fühlte.

„Diese frechen Sprüche werde ich auf jeden Fall vermissen, wenn du wieder in Texas bist.“

Gib mir einen Grund zu bleiben, flehte sie ihn im Stillen an. Sie würde nämlich wesentlich mehr vermissen als seinen Wortwitz. Sie würde es vermissen, in seinen Armen einzuschlafen und am Morgen mit ihm aufzuwachen. Sie würde auch den Sex vermissen, und einfach nur seine bloße Nähe führte dazu, dass sie sich unheimlich geborgen fühlte. Mit ihm war alles irgendwie so leicht und das war etwas, was sie noch nie zuvor erlebt hatte. Sie schaute jetzt aus dem Fenster des Trucks, während ihr eine Träne über die Wange lief und sie wusste nicht, ob er etwas bemerkt hatte.

Eine halbe Stunde später hatte Alex sich in seinem Arbeitszimmer verbarrikadiert und Ellie klappte im Schlafzimmer ihren Koffer auf.

Sie kam gerade mit ihren Toilettenartikeln aus dem Bad, als Martha ins Zimmer kam.

„Jetzt sieh sich das einer an“, sagte die Haushälterin. „Da läuft ja jemand auf zwei Beinen herum.“

Ellie legte die Sachen in ihren Koffer, dann beobachtete sie, wie die ältere Frau einen Stapel Kleidungsstücke auf das Bett legte. Davon gehörte offensichtlich nichts Alex und Ellie wusste ihre Mühe wirklich zu schätzen.

„Sind Sie stolz auf mich?“, fragte Ellie.

„Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.“

Der kühle Tonfall war sehr auffällig. Die ältere Frau war seit ihrer ersten Begegnung immer nur warmherzig und freundlich zu ihr gewesen.

Ellie setzte sich auf das Bett. Ihr Bein tat ein bisschen weh. „Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“

„Noch nicht, soweit ich das beurteilen kann.“

Noch nicht? „Wenn Sie mir nicht sagen, was los ist, kann ich es auch nicht in Ordnung bringen.“

„Sie und Alex scheinen sich ja ziemlich … nahezustehen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Das tat Ellie. Trotzdem bemühte sie sich, ihre nächsten Worte mit Bedacht zu wählen. „Alex war ein guter Freund für mich, als ich dringend einen gebraucht habe.“

„Das ist alles?“ Martha verengte die Augen, als ob dies die falsche Antwort gewesen wäre.

„Das ist zumindest alles, was er will. Aber ich muss zugeben, dass er mir sehr fehlen wird.“

„Komisch, dass Sie das sagen. Ich will ja jetzt nicht aufdringlich sein, aber ich habe den Eindruck, dass Ihnen etwas ganz anderes fehlt.“ Sie zog eine Augenbraue hoch.

Jetzt war Ellie vollkommen verwirrt. „Ich bin mir nicht sicher, was Sie genau meinen.“

„Dann rede ich jetzt einfach mal Klartext.“ Marthas Augen glitzerten. „Sie leben inzwischen über einen Monat in diesem Haus.“

„Ja, ich weiß. Aber …“

Martha hob die Hand. „Ich will ja nicht neugierig sein, aber manche Dinge fallen mir nun einmal einfach auf. Ich bin die Köchin und ich glaube, dass Sie nicht besonders viel essen. Geht es Ihnen gut?“

„Doch. Meistens schon. Aber manchmal wird mir beim Geruch von Essen übel und mein Appetit ist nicht da.“

Die ältere Frau bedachte sie mit einem wissenden Blick, als sie fragte: „Ist vielleicht sonst noch irgendetwas ausgeblieben?“

„Ausgeblieben?“ Dann ging ihr plötzlich die Bedeutung dieses Wortes auf.

Ausgeblieben, so wie ihre Periode. Du lieber Himmel, die Frau hatte recht! Sie hatte tatsächlich seit … „Oh, mein Gott!“

„Wie ich sehe, ist Ihnen gerade ein Licht aufgegangen.“

Wenn sie nicht schon gesessen hätte, dann wäre Ellie jetzt wahrscheinlich umgekippt, als der Schock sie mit ganzer Wucht traf. Sie fühlte sich wie der größte Dummkopf aller Zeiten. Aber seit der Nacht auf dem Boot war einfach so viel los gewesen. Er hatte ihr ja sogar gesagt, dass das Kondom gerissen war, aber ernsthaft? Das war doch nur dieses eine Mal gewesen. Wie hoch standen da die Chancen schwanger zu werden? Anscheinend bei hundert Prozent.

Jetzt ergab auch plötzlich alles einen Sinn. Ihr war morgens immer übel und sie war so unglaublich müde. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auch ein, dass ihre Brüste hin und wieder schmerzten.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Dann hatten Sie wirklich keine Ahnung?“ Der Tonfall der Haushälterin war mehr als nur skeptisch.

„Ich weiß, das ist schwer zu glauben. Aber, nein. Mir ist im Traum nicht eingefallen, dass das passieren könnte. So was geschieht doch immer nur anderen Leuten.“ Sie hatte einfach nicht daran gedacht, weil sie ihre Arbeit hatte machen müssen, und weil sie sich den Knöchel gebrochen hatte, und dann war sie bei Alex eingezogen. Sie hatte eine Menge zu verarbeiten gehabt. Aber sie hätte trotzdem besser aufpassen sollen. „Ich bin ja so blöd.“

„Die Sache ist die“, sagte Martha, „mir ist es egal, ob Sie es sind oder nicht. Schwanger, meine ich, nicht blöd. Aber seine Ex hat ihn damals angelogen. Sie hat ihn getroffen, wo ein Mann am verwundbarsten ist. Das hat ihn wirklich unglaublich tief verletzt. Darüber ist er niemals hinweggekommen. Sie müssen also schnell herausfinden, ob sie wirklich mit seinem Kind schwanger sind und es ihm dann sagen, und zwar bevor Sie abreisen.“

Ellie nickte. „Ich würde ihm so etwas doch niemals vorenthalten. Alex bedeutet mir dafür viel zu viel.“

„Ich habe auch niemals gedacht, dass Sie etwas anderes tun würden, aber ich habe eben das Gefühl, ihn beschützen zu müssen. Also musste ich einfach etwas sagen. Ich denke, Sie wissen so gut wie ich, dass er ein wirklich guter Mensch ist. Er wird bestimmt eine Lösung finden und das Richtige tun.“

Ellies Magen verkrampfte sich. Ihr wurde auf einmal klar, dass dies die nächste Katastrophe war, die das Schicksal für sie auf Lager hatte.

Als Ellie sich gewünscht hatte, dass Alex ihr einen Grund geben würde, in Blackwater Lake zu bleiben, hatte sie dabei allerdings nicht im Traum an ein Baby gedacht. Sie warf einen Blick auf die Tüte aus der Apotheke auf ihrem Beifahrersitz. Darin befand sich ein Schwangerschaftstest. Zwei sogar – unterschiedliche Marken, der Gründlichkeit wegen.

Irgendwie hatte sie natürlich schon gemerkt, dass ihre Periode sich verspätet hatte, aber sie hatte gedacht, das wäre eine Nebenwirkung vom Trauma des Knöchelbruchs und wegen des Stresses im Job, und natürlich von der Aufregung, mit Alex zusammenzuleben. Seit gestern wohnte sie nicht mehr bei ihm, aber irgendwie half das auch nichts.

Die Autos von Jill und Adam waren da, als sie auf dem Parkplatz anhielt und C.J. spielte vor dem Haus mit einem Fußball.

„Hi, Ellie!“, rief er. „Guck mal, wie ich dribbeln kann.“

„Okay.“ Als sie näher kam, sah sie, wie er den schwarz-weißen Ball vorsichtig mit der Seite seines Fußes bewegte.

„Gut gemacht!“

„Echt?“ Als sie nickte, grinste er. „Ich habe ja auch geübt!“

„Das merkt man.“ Sie mochte den Jungen wirklich gern. Er war einfach ein freundlicher, lustiger kleiner Kerl.

„Danke.“ Er strahlte. „Mein Dad hilft mir immer.“

Ellie wusste, dass er damit Adam Stone meinte. Der Mann hatte das Kind bereits als sein eigenes angenommen. Bei Jills und Adams Hochzeit hatte Alex ihr von der Frau erzählt, die ihn betrogen hatte, und von dem Sohn, den er für seinen eigenen gehalten hatte. Wie würde er sich wohl fühlen, wenn sie jetzt auf einmal mit seinem eigenen Kind schwanger war?

„Also, dann magst du Adam?“, fragte sie.

C.J. stand mit dem Ball unter dem Arm vor ihr. „Ich finde ihn total super. Aber …“

„Was?“ Er hatte plötzlich einen merkwürdigen Gesichtsausdruck. „Stimmt was nicht?“

Er zuckte mit den Achseln. „Meine Mom und mein Dad haben mich gefragt, ob ich einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester haben will.“

„Und was hältst du davon?“

„Ich schätze mal, das wäre schon cool. Aber Mommy hat gesagt, dass ein Baby viel Zeit braucht, und dass ich sie deshalb teilen müsste.“

Also bereiteten sie ihren Sohn gerade schon einmal vorsichtig auf Familienzuwachs vor. „Aber du hättest dafür jemanden, mit dem du immer spielen kannst, und deine Mom und dein Dad werden dich immer liebhaben. Außerdem warst du immerhin als Erster da.“

Darüber dachte er eine ganze Weile nach. Dann lächelte er. „Ich werde dann immer der Größte sein.“

„Ich habe auch drei große Brüder. Die kümmern sich alle sehr gut um mich.“ Die Gebrüder Hart machten ihr vielleicht manchmal das Leben ganz schön schwer, aber solange es die drei gab, würde sie zumindest niemals allein auf der Welt sein.

„Wie geht es denn deinem gebrochenen Knöchel?“, fragte C.J.

„Alles prima. Ich brauche gar keine Krücken mehr.“

„Dann kannst du also jetzt mit mir spielen?“

„Okay. Ein paar Minuten.“ Ellie stellte ihre Handtasche und die Tüte auf der untersten Stufe der Veranda ab, dann drehte sie sich zu ihm um. „Ich bin bereit.“

Er trat den Ball in ihre Richtung. „Da kommt er.“

Sie schoss mit ihrem unverletzten Fuß zurück. „Du trittst ja ganz schön kräftig zu.“

„Das sagt mein Dad auch immer.“

Es war überraschend entspannend, einfach nur seinem Geplapper zuzuhören, während sie den Ball hin und her spielten.

Hinter ihr ging nun die Haustür auf und sie hörte, wie Jill rief: „C.J., du sollst Ellie doch nicht stören.“

„Das habe ich doch gar nicht, Mom. Sie wollte mit mir spielen.“

Ellie drehte sich um und lächelte. „Ja, das stimmt.“

Die junge Frau sah sie zweifelnd an. „Das ist wirklich nett von dir, aber solltest du nicht die Füße hochlegen? Schließlich bist du gerade erst die Krücken losgeworden.“

„Das wäre wahrscheinlich schon klug.“ Sie warf dem Jungen einen entschuldigenden Blick zu. „Ich muss jetzt leider gehen.“

„Okay.“ Die Enttäuschung in seiner Stimme tat ihr merkwürdig gut. Aber dann hellte sich seine Miene auf. „Ich zeige dir noch schnell meinen größten und stärksten Schuss.“

„Lass es krachen“, ermutigte ihn Ellie.

Er ließ den Ball fallen und wich zurück, dann rannte er auf den Ball zu und trat so heftig danach wie er konnte. Der Ball schoss genau an Ellie vorbei und traf ihre Sachen. Die Tüte kippte um und einer der Schwangerschaftstests fiel heraus.

„Oh, nein! Ich hoffe, es ist nichts Zerbrechliches darin.“ Jill eilte die Stufen hinunter.

„Ist alles okay. Mach dir keine Sorgen. Ich …“ Ellie sah, wie sich die Augen der anderen Frau weiteten.

„Es tut mir leid, Ellie. Ich schätze mal, ich bin noch stärker, als ich gedacht habe.“ C.J. kam angerannt. Er sah, was seine Mutter in der Hand hatte. „Hey, Mom, das sieht genauso aus wie die Schachtel, die du vor Kurzem besorgt hast.“

Jill steckte den Test hastig wieder in die Tüte und reichte sie Ellie. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Ich schätze mal, dann darf man dir und Adam gratulieren.“ Ellie wünschte sich, der Erdboden würde sich auftun und sie einfach verschlingen. „Ich wüsste es zu schätzen, wenn du mit niemandem hierüber sprechen würdest.“

„Natürlich.“ Jill nickte. „Freust du dich denn?“

„Über was?“ C.J. warf erst seiner Mutter und dann Ellie einen Blick zu.

„Dass ich meine Krücken endlich los bin“, antwortete Ellie hastig.

„Wenn du irgendetwas brauchst … oder einfach nur mal reden willst …“, bot Jill ihr an.

„Danke, aber ich muss jetzt wirklich rein. Man sieht sich, C.J.!“

„Bye.“ Er rannte die Treppe hinauf und dann ins Haus.

„Ehrlich, Ellie. Wenn ich irgendwie helfen kann, dann zögere nicht zu fragen.“

„Ich sage dir Bescheid“, erwiderte sie und versuchte zu lächeln.

Anschließend ging sie die Treppe hinauf. Jill würde bestimmt nicht sofort zum Telefon eilen, um die Neuigkeit zu verbreiten aber in so einer kleinen Stadt blieben solche Dinge nun mal niemals lange ein Geheimnis. Wenn sie wirklich schwanger war, dann musste sie diejenige sein, die es Alex zuerst sagte.

Sie ging ins Badezimmer und las dort die Anweisungen auf der Verpackung mehrfach durch, um sicher zu sein, was sie tun musste.

Es dauerte nicht lange bis zum Ergebnis und als sie es sah, war dies ein richtig surrealer Augenblick für sie.

„Oh, mein Gott …“

Ihr Handy klingelte, bevor sie komplett die Fassung verlieren konnte. Es war Linc. „Hallo?“

„Hi, El. Wie geht’s?“

„Gut.“ Das war zwar eine Riesenlüge, aber sie brauchte unbedingt Zeit, um diese Neuigkeiten zu verarbeiten, bevor sie ihrer Familie davon erzählte. Vor allem ging das nicht einfach so am Telefon.

„Also, dann ist alles nach Plan verlaufen?“

Er redete offenbar von ihrem Knöchel. „Ja, der Gips ist runter.“

„Und wie fühlt es sich an?“

„Was?“

„Na, den Gips los zu sein.“ Ungeduld schwang in seinem Tonfall mit, als ob er genau merkte, dass sie abgelenkt war.

„Super.“ Sie musste das Gespräch unbedingt beenden. „Ich muss leider los …“

„Warum?“ Die Stimme ihres Bruders klang jetzt angespannt. „Was ist los?“

„Nichts.“

„Das glaube ich dir nicht, Ellie.“

In diesem Augenblick war es wirklich äußerst lästig, wie gut er sie kannte. „Da kann ich dir dann auch nicht helfen.“

Er stieß den Atem aus. „Sag mir schon, was los ist.“

„Mir geht’s wirklich prima.“ Körperlich schon zumindest, emotional war sie allerdings ein Wrack.

„Und da ist es schon wieder. Dieses Wort, das mich beruhigen sollte, aber je öfter du es sagst, umso weniger glaube ich dir.“

„Kannst du noch misstrauischer sein …“ Das war keine Frage, denn die Antwort wollte sie wirklich nicht wissen.

„Natürlich bin ich misstrauisch.“ Er seufzte. „Ich mache mir eben Sorgen, du bist schließlich meine kleine Schwester und ich habe dich lieb.“

„Ich habe dich auch lieb …“

Wieder starrte sie den positiven Schwangerschaftstest in ihrer Hand an und fing an zu schniefen.

„Weinst du etwa gerade?“

„Nein …“ Aber die Gefühlswallung schnitt ihr das Wort ab.

„Ellie Hart, bitte sag mir sofort, was zur Hölle ich jetzt tun soll!“

Die Sorge in seiner Stimme schaffte sie noch zusätzlich. „Ich bin schwanger!“ Eine ganze Weile herrschte Schweigen am anderen Ende, aber sie wusste genau, das würde nicht von Dauer sein, und das war es auch nicht.

„Ellie … verdammt noch mal! Du schaffst es offenbar einfach nicht, bei der Arbeit nicht in Schwierigkeiten zu kommen, was?“

„Das ist jetzt kein besonders guter Zeitpunkt, mich aufzuziehen.“

„Ich ziehe dich nicht auf. Das meine ich todernst.“ Mit diesen Worten legte er einfach auf.

In einer Welt, in der anscheinend alles schiefging, klappte offenbar endlich mal etwas. Denn wenigstens war sie direkt im Badezimmer, als ihr Magen plötzlich beschloss, sich umzudrehen.

8. KAPITEL

Am nächsten Tag war Ellie ganz allein im Bauwagen. Am Ende der Arbeitszeit wurde sie fast verrückt, weil sie auf Alex wartete. Seit dem positiven Ergebnis des Schwangerschaftstests hatte sie versucht, sich eine gute Methode auszudenken, wie sie es ihm sagen könnte.

Aber am Ende war sie zu dem Schluss gelangt, dass es keine gute Methode gab. Geradeheraus und ohne Umschweife war wohl am besten.

„Ich kann hier einfach nicht nur blöd herumsitzen.“ Sie stand auf und ging zur Tür. „Dann werde ich noch komplett wahnsinnig.“

Draußen ging sie nun zum Erweiterungsbau des Ärztezentrums hinüber. Die Fassade ging nahtlos in das alte viktorianische Gebäude über. Sie hatte sich große Mühe gegeben, um die anmutigen Linien und den architektonischen Stil des Originalbaus in den Anbau zu integrieren, damit der Neubau nicht wie rangeklotzt wirkte.

Sie ging hinein. Die Arbeiter waren gerade dabei, Schränke einzubauen und Leisten zu verlegen. Ein leichter Geruch von Sägemehl lag in der Luft.

Spülbecken, Arbeitsflächen, Farbe und Böden – alles lag genau im Zeitplan. Beruflich hatte hier alles perfekt geklappt, privat allerdings leider nicht so sehr.

„Hey, Ellie.“

Beim Klang der tiefen Stimme drehte sie sich sofort um. Ben McKnight stand im leeren Wartezimmer.

„Hi, Doc.“ Sie lächelte zur Begrüßung. „Für heute fertig mit der Arbeit?“

Er nickte. „Heute sollte ich eigentlich sogar nur den halben Tag arbeiten.“

„Und dann Golf spielen gehen?“

„Das ist ein absolutes Klischee, und ich mag Golf auch nicht besonders.“ Er lächelte. „Aber wir versuchen immer, einen Tag in der Woche weniger zu arbeiten und dann nach Hause zu unseren Familien zu gehen.“

Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Heute hat das wohl offenbar nicht geklappt.“

„Ich hatte einen Notfall. Ein Skateboard-Unfall. Ein gebrochener Arm.“

„Tut mir leid, das zu hören. Wie geht’s ihm denn?“

„Warum denkst du denn, dass der Patient ein Junge ist?“

„Ich habe Brüder.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Du hast ja auch recht.“ Er grinste. „Der Patient ist ein Junge, der einen Sprung vom Bordstein machen wollte. Sein Arm hat die Landung allerdings nicht so gut überstanden. Aber wo wir gerade beim Thema sind, wie fühlt sich denn dein Knöchel an?“

„Er tut ein bisschen weh, wenn ich länger auf den Beinen bin, und darf ich bei dieser Gelegenheit auch erwähnen, dass sich meine Haut schält?“ Sie zog die Nase kraus. „Das ist absolut ekelig.“

Er lachte. „Das ist vollkommen normal. Versuch es mal mit einem sanften Peeling. Ich verspreche auch, der Zustand hält nicht lange an.“

„Gut zu wissen.“ Sie schaute an die Decke, wo sich Alt- und Neubau trafen, dann fragte sie: „Also, was hältst du davon?“

„Sieht richtig gut aus.“ Er steckte die Hände in die Taschen des weißen Arztkittels. „Wir suchen sogar schon nach einem weiteren Arzt.“

Das war interessant. Blackwater Lake war eine Kleinstadt. Ihrer Meinung nach sprach viel dafür, hier zu leben. Das Städtchen war ihr in der kurzen Zeit wirklich ans Herz gewachsen. Doch manchen Leuten reichte das vielleicht nicht aus. So wie der Exfrau von Alex.

„Was meinst du, wie schwierig es werden wird, jemanden zu finden?“, fragte sie.

„Das könnte eine ganze Weile dauern“, vermutete Ben.

„Ich hoffe, nicht zu lange. Es ist schließlich wunderschön hier. Jeder, der hier leben darf, kann sich doch glücklich schätzen.“

„Die Stadt ist nicht sehr groß.“ Damit wiederholte er ihre Gedanken. „Keine großartigen Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten gleich um die Ecke.“

„Für die wirklich wichtigen Dinge muss man aber nicht weit fahren“, argumentierte sie. „Nette Leute, die Fremde willkommen heißen. Nachbarn, die einspringen, wenn jemand Hilfe braucht. Der See und die Berge. Das hier ist ein Ort, wo eine Familie zusammenhalten kann. Wo die Kinder noch Werte kennenlernen und wie wichtig Gemeinschaft im Leben ist.“

Er zog eine dunkle Augenbraue hoch. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du hier gar nicht mehr wegwillst.“

„In Dallas warten schon Projekte auf mich.“ Alex schien ja offenbar gerne bereit zu sein, sie gehen zu lassen, so ungerührt, wie er dabei zugesehen hatte, wie sie aus seinem Haus ausgezogen war.

„Ich habe aber den Eindruck, dass mein Bruder und du ganz gut zusammengearbeitet habt.“

„Hast du etwa gedacht, das würden wir nicht?“ Komisch, dass er Alex gerade jetzt erwähnte. Als ob er ihre Gedanken lesen könnte.

„Das nicht.“ Er runzelte die Stirn. „Ich habe mich nur daran erinnert, dass er ein Treffen mit dir erwähnt hat, als er das Haus inspiziert hat, das er für mich gebaut hat.“

„Ach ja?“ Das klang recht unverbindlich, aber sie wollte unbedingt hören, ob Alex etwas Nettes über sie gesagt hatte, oder vielleicht auch etwas nicht so Nettes.

„Ja. Er hat mir fast den Kopf abgerissen.“ Ben verschränkte die Arme vor der Brust. „Hast du eine Ahnung, was für eine Laus ihm über die Leber gelaufen ist?“

Das überraschte sie ehrlich gesagt. Der einzige Unterschied, der ihr aufgefallen war, seit sie wieder in ihr Apartment gezogen war, bestand darin, dass er zwar weiterhin freundlich, aber recht unpersönlich zu ihr war. Genauso wie nach ihrer Ankunft. Daraus konnte sie ihm jedoch keine wirklichen Vorwürfe machen, denn er hatte ihr nie mehr versprochen, als Spaß zu haben. Trotzdem schien es ihm so leichtzufallen, sie zu vergessen.

„Warum sollte denn irgendetwas nicht stimmen?“

„Er war heute früh schon als Erster hier. So früh komme ich normalerweise nicht, aber ich hatte Papierkram zu erledigen, deshalb war ich auch da.“

„Und was ist passiert?“

„Dein Name wurde erwähnt.“

Ihr Herz fing sofort an, wild zu klopfen. „Ehrlich?“

„Ich habe ihm von der Stadtratssitzung gestern Abend erzählt. Der Bürgermeister hat von dem Plan berichtet, einen Tag der offenen Tür für die Klinik abzuhalten. Mit Führungen durch das Gebäude, um für öffentliches Interesse zu sorgen und alle über die neuen Angebote informieren zu können.“

„Und deshalb war Alex wütend?“

„Nicht, bis ich gesagt habe, wie schön es wäre, wenn du dafür auch hier wärst.“ Er zuckte mit den Schultern, als wolle er damit ausdrücken, dass er die Reaktion seines Bruders nicht verstehen konnte. „Auch wenn mein Bruder gerne alle Lorbeeren für die gute Arbeit ernten würde, hätte er dieses Projekt ohne dich bestimmt nicht geschafft.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen, Ben.“ Sie zwang sich zu lächeln. „Ich hoffe, das bedeutet, dass ich auf eine positive Empfehlung von Blackwater Lake hoffen kann.“

„Ich glaube, ich spreche im Namen der gesamten Stadt, wenn ich dir sage, dass du dich darauf verlassen kannst, dass alle hier fortan Lobeshymnen auf dich singen werden.“

„Gut.“ Urplötzlich wollte sie allein sein, denn sie hatte einfach keine Energie mehr für Smalltalk. „Na, gut. Es war schön, dich zu sehen. Aber ich muss jetzt leider los.“

Ben sah sie besorgt an. „Ist alles in Ordnung, Ellie?“

„Ja. Warum?“

„Du siehst so erschöpft aus.“

Dafür gab es auch einen guten Grund und den würde er noch früh genug herausfinden. Aber sein Bruder musste unbedingt als Erster davon erfahren. „Mir geht’s prima.“

Er nickte nachdenklich. „Ein gebrochener Knochen kommt einem wie ein sehr begrenztes Trauma vor, aber es nimmt in Wirklichkeit den ganzen Körper mit. Es ist okay, sich auszuruhen. Vor allem jetzt, wo der Druck wegen der Klinikerweiterung nachlässt.“

Er war so freundlich und deshalb setzte es ihr unglaublich zu, dass sie ihm den Grund für ihre Müdigkeit nicht sagen konnte. Aber das musste nun einmal Alex entscheiden. Wo in aller Welt steckte er denn bloß? Wenn er nicht bald auftauchte, würde sie ihn einfach anrufen und ausmachen, sich irgendwo mit ihm zu treffen.

„Ich werde daran denken, aber jetzt sollte ich mich langsam auf den Weg machen.“

„Ich auch“, sagte Ben. „Ich gehe nämlich mit meiner Verlobten essen.“

„Viel Spaß heute Abend.“

„Den haben wir immer.“ Er drehte sich um und pfiff leise vor sich hin, während er aus seinem Arztkittel schlüpfte.

Sie ging hinaus, und ihr Blick wurde automatisch vom Bauwagen angezogen. Daneben stieg Alex gerade aus seinem Truck. Ihr Magen machte augenblicklich einen Salto; der Moment der Wahrheit war gekommen.

Ellie stieß den Atem aus und ging auf ihn zu. Als sie die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte, raste plötzlich ein Auto mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass es sich dabei um einen Mietwagen vom Flughafen handelte. Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann, der ihr wohlbekannt war, stieg aus und ihr Magen machte noch einen Satz. Dieses Mal aus einem ganz anderen Grund.

„Oh, mein Gott. Nein. Linc …“

Es konnte nur einen Grund geben, warum ihr Bruder hier war!

Sie rannte los, aber die Muskeln in ihrem linken Bein waren noch zu schwach und ließen es nicht zu. Irgendwann war sie nur noch ein paar Meter entfernt. Nahe genug, um Linc sagen zu hören: „Sind Sie Alex McKnight?“

„Ja. Was kann ich für Sie tun …“

Ohne Vorwarnung ließ Linc die Faust vorschnellen und schlug Alex so heftig ins Gesicht, dass sein Kopf zurückgeworfen wurde.

„Das ist dafür, dass du meine Schwester geschwängert hast.“

Ellie trat jetzt zwischen die Männer. Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. „Hör sofort auf, Linc!“

„Geh mir gefälligst aus dem Weg, Ellie.“ Die blauen Augen ihres Bruders blitzten vor Zorn. „Niemand nutzt meine kleine Schwester aus und kommt damit einfach so davon.“

„So war das doch gar nicht.“ Sie warf über die Schulter hinweg einen Blick auf Alex, der so wütend aussah, als ob er bereit dazu wäre, zurückzuschlagen. Wenn die beiden sich nicht beruhigten, würde noch einer von ihnen ernsthaft verletzt werden, und ihr bedeuteten doch beide Männer sehr viel. Sie sah ihren Bruder entsetzt an. „Um Himmels willen, beruhig dich doch.“

„Noch nicht.“ Er versuchte, sie zur Seite zu schieben.

„Sei gefälligst nicht albern.“ Sie ließ sich nicht von ihm wegdrängen.

„Ich beschütze nur deine Ehre!“ Er warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Ich rühre mich nicht von der Stelle. Erst musst du mich aus dem Weg räumen und wenn du das versuchst, könntest du das Baby verletzen.“ Sie beobachtete, wie diese Worte langsam ihren Bruder erreichten. „Das hier ist allein mein Problem, und ich werde mich damit so auseinandersetzen, wie ich es für richtig halte.“

„Aber Ellie, ich …“

„Kein Wort mehr.“ Sie hielt einen Finger in die Höhe, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Echt jetzt? Das ist der Dank?“

Sie zog ihre Schlüssel aus der Handtasche und löste den für ihr Apartment. „Ich wohne in der Lake View Road. Ich empfehle dir, unterwegs nach dem Weg zu fragen.“

Sie hörte nun, wie hinter ihr die Tür des Trucks aufging und dann wieder geschlossen wurde. Der Motor heulte auf, dann setzte der Truck zurück und schoss davon.

„Ich empfehle dir, in meiner Wohnung auf mich zu warten, Linc.“

Widerspruchsgeist blitzte in seinen Augen auf. „Und was machst du jetzt?“

„Mit Alex reden.“ Sie wollte sich schon umdrehen, doch dann ging sie noch einmal auf ihn zu, um ihn kurz zu umarmen. „Dein Timing hätte wesentlich besser sein können, aber trotzdem danke, dass du hergekommen bist, Linc.“

Er schlang die Arme um sie. „Immer doch.“

Was sollte sie jetzt bloß zu Alex sagen?

„Hättest du mir je gesagt, dass du schwanger bist?“ Der Schmerz ihres Vertrauensbruchs war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören und stand auch in seinen Augen geschrieben.

Vierzig Minuten, nachdem er die Baustelle verlassen hatte, reichte Ellie ihm eine Tüte mit gefrorenen Erbsen, die sie aus seiner Gefriertruhe geholt hatte.

„Natürlich hätte ich es dir gesagt“, antwortete sie schließlich.

„Aber deinem Bruder hast du es zuerst gesagt.“ Die Verletztheit ließ die Konturen seines Gesichts noch markanter wirken.

„Linc hat mich in einem schwachen Augenblick erwischt. Ich saß gerade da und habe den Schwangerschaftstest mit dem positiven Ergebnis angestarrt. Wenn du mir Vorwürfe machen willst, weil mir etwas rausgerutscht ist, als ich fix und fertig war, bitte sehr, nur zu.“

Seine Ex hatte Alex wesentliche Informationen vorenthalten. Zum Beispiel, dass er gar nicht der Vater ihres Babys war. Ellie konnte deshalb natürlich verstehen, warum er in dieser Beziehung so empfindlich war.

Sie saß nun neben ihm auf dem Sofa im Wohnzimmer. Sie wollte ihn so gerne berühren, aber das wollte sie im Moment nicht riskieren.

„Außerdem musst du mich nicht beschützen.“

„Das habe ich ja auch nicht. Ich hatte eher Angst um meinen Bruder. Ich wollte nur ein Blutvergießen verhindern, aber anscheinend habe ich damit euren männlichen Stolz verletzt.“

„Darum geht es überhaupt nicht. Er hat das alles ganz falsch verstanden.“

„Und ich stelle alles richtig, sobald ich ihn sehe.“ Hoffentlich war die Sache dann endlich erledigt. „Alex, nur damit das ganz klar ist: Es ist dein Baby!“

„Ich habe nie etwas anderes geglaubt.“

„Doch, das hast du. Vielleicht nur eine Sekunde lang, aber ich verstehe auch gut, warum.“ Sie betrachtete die rote Stelle auf seiner Wange. „Drück den Beutel auf dein Gesicht, das hilft.“

„Wirklich“?

Sie nickte. „Wahrscheinlich kriegst du trotzdem ein blaues Auge, aber vielleicht wird es nicht so schlimm, wenn du es jetzt lange genug kühlst.“

„Wenn das nur für mehr gut wäre als für blaue Augen.“ Er warf die Tüte seufzend auf den Sofatisch.

Okay, dachte Ellie, jetzt ist er also kindisch und stur. Sie hatte endgültig genug. Sie war schwanger und das war sie schließlich nicht von allein geworden.

„Hör zu, ich sage dir das nur ein einziges Mal, also pass gut auf, mein Guter. Ich habe den Test gestern erst gemacht und Linc hat zufällig genau in diesem Moment angerufen. Mein Plan war es, es dir heute bei der Arbeit persönlich zu sagen, aber du warst nicht da.“ Er verzog keine Miene und das machte sie noch wütender. „Ich bin bereit, meinen Teil der Schuld auf mich zu nehmen, aber du warst immerhin dafür verantwortlich, unzerreißbare Kondome zu kaufen.“

„So was gibt’s doch überhaupt nicht.“

„Dann sind wir eben beide schuld.“ Anspannung zeichnete immer noch jede Linie und jeden Winkel seines Gesichts nach, aber das Misstrauen war anscheinend endlich verschwunden. „Ich wollte das alles nicht.“

„Das weiß ich doch.“

„Okay.“ Sie nickte. „Also, ich denke, wir sollten das Ganze erst einmal verarbeiten und dann überlegen wir uns in Ruhe eine Vorgehensweise.“

„Da gibt’s nichts zu verarbeiten. Wir werden Eltern, und da kann man nur eines tun.“

„Was denn?“

„Ich werde dich so bald wie möglich heiraten.“

Ich werde dich heiraten. Nicht „wir sollten heiraten“. Die Wortwahl sprach Bände.

Sie erkannte, dass er das ernst meinte, und ehrlich gesagt, warum war sie so überrascht? Martha hatte ihr schließlich bereits gesagt, dass Alex das Richtige tun würde. Ellie hatte nur gedacht, dass die Haushälterin damit finanzielle Unterstützung und eine Beziehung zu seinem Kind meinte.

„Willst du denn nichts dazu sagen?“, fragte er.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich sagen soll.“

„Wie wäre es mit Ja?“

Ellie hatte in ihrer letzten Beziehung sehr böse Erfahrungen gemacht und sie hatte sich geschworen, nie wieder so dumm zu sein, aber manchmal erlaubte sie sich dennoch, an einen Heiratsantrag zu denken. Dazu gehörte in ihrer Fantasie allerdings auch immer eine leidenschaftliche Liebeserklärung.

Es war schon eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sein Heiratsantrag sie erkennen ließ, dass er keine tiefen Gefühle für sie hegte. Denn genau in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie sich tatsächlich in ihn verliebt hatte.

Darum war ihre Antwort auf seine Frage: „Ich kann dich nicht heiraten.“

„Warum in aller Welt denn nicht?“

„Weil du damit nur nobel sein willst.“

„Und das ist etwas Schlechtes?“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar.

„Nein. Das ist eigentlich bewundernswert, aber wenn die Ehe nicht das Richtige für dich und mich ist, dann ist sie auch falsch für das Baby.“

„Wer sagt denn, dass die Ehe nicht das Richtige für uns wäre?“, wollte er nun wissen. „Wir sind Freunde. Ich mag dich. Du magst mich. Wir sind gut zusammen im Bett.“

Das stimmte alles. Abgesehen davon, dass sie ihn mochte, denn ihre Gefühle gingen mittlerweile weit darüber hinaus. „Ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen. Du bist ein guter Mann, aber …“

„Was aber?“ Er richtete sich auf und straffte die Schultern, als er auf ihre Antwort wartete.

„Ich will einen richtigen Ehemann und Partner. Eine echte Beziehung, keinen McKnight oder sonst einen Ritter in schimmernder Rüstung.“

„Darum geht es hier doch gar nicht. Wir bekommen ein Baby und das Kind hat eine richtige Familie verdient.“

„Das Wort Familie kann auch viele Definitionen außerhalb einer Ehe haben.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und deutete auf die Tüte mit den gefrorenen Erbsen auf dem Tisch. „Leg dir das wieder auf das Gesicht.“

Bevor er noch etwas sagen konnte, ging Ellie. Denn sie hatte mittlerweile Tränen in den Augen und die wollte sie ihn auf keinen Fall sehen lassen. Eine Ehe war zwar ein gutes Angebot, aber sie wollte mehr!

Sie wollte, dass Alex McKnight sie wirklich liebte!

9. KAPITEL

Am nächsten Tag war Alex unglaublich mies gelaunt, als er nach der Arbeit nach Hause kam. Er ging in die Küche, wo Martha gerade beim Gemüseschneiden war. Er nahm sich ganz bewusst vor, seine schlechte Laune nicht an ihr auszulassen.

„Was gibt’s denn zum Abendessen?“ In Anbetracht der Tatsache, dass er am liebsten mit den Fäusten auf die Wand eingeschlagen hätte, war sein Ton noch sehr freundlich.

Mit dem Messer in der Hand schaute sie zu ihm auf. „Hühnchen Piccata.“

Das war Ellies Lieblingsspeise und die Tatsache, dass er das wusste, machte seine Laune noch tausend Mal schlechter. „Sie wissen doch, dass ich nicht verrückt danach bin.“

„Ellie schon.“

„Sie ist aber nicht hier.“

„Okay. Das kann ich aber auch für Morgen aufheben, wenn Sie heute mit ihr essen gehen.“ Sie griff in den Schrank, um eine Plastikdose herauszunehmen.

„Wir gehen aber nicht essen“, informierte er sie.

Martha drehte sich um. Ihre Miene war mehr als missbilligend. „Warum denn nicht?“

„Warum sollte ich?“

„Weil Sie beide so einiges zu bereden haben, wo sie doch jetzt Ihr Baby bekommt.“

„Woher zur Hölle wissen Sie das denn schon wieder?“, fragte er.

„Ich arbeite schließlich hier.“ Ihr Gesichtsausdruck sagte nur Oh Mann. „Manche Dinge bekomme ich eben mit.“

Natürlich. Aber anscheinend nicht genug. „Sie ist weg.“

„Sagen Sie mir etwas, das ich nicht weiß. Sie ist wieder in ihr Apartment gezogen. Ich habe ihr immerhin beim Packen geholfen.“

„Nein.“ Die Leere in seinem Inneren breitete sich aus und vertiefte sich noch sehr viel mehr. „Sie ist überhaupt nicht mehr in der Stadt.“

„Das wusste ich nicht.“ Überraschung zeigte sich in den Augen seiner Haushälterin, aber er empfand keine Genugtuung dabei, endlich mal etwas besser zu wissen. „Woher wissen Sie es denn?“

„Adam Stone hat es mir gesagt. Ihr Bruder hat sie mit nach Texas genommen und sie hat den Schlüssel für ihr Apartment bei Jill abgegeben, bevor sie losgefahren sind.“

„Also, was werden Sie jetzt ihretwegen unternehmen?“ Martha stemmte die Hände in die Hüften.

„Es geht ja nicht um sie.“

„Ach ja?“

„Sie ist nur mal wieder eine Frau, die mich sitzengelassen hat, aber sie ist mit meinem Kind schwanger. Darum geht es. Die richtige Frage wäre also, was ich wegen des Babys unternehmen werde.“

Martha presste einen Augenblick lang die Lippen zusammen. „Hübsches blaues Auge haben Sie da übrigens. Ich habe gehört, dass Sie das von ihrem Bruder haben.“

„Könnte ausnahmsweise mal etwas in dieser Stadt passieren, über das nicht jeder sofort Bescheid weiß?“

„Nächstes Mal verlegen Sie Ihre Prügelei vielleicht lieber nach drinnen, wo nicht alle Bauarbeiter einen Platz in der ersten Reihe haben.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. „Der Kerl lag vollkommen daneben, was die ganze Situation betraf.“

„Dann sind Sie also nicht der Mann, der seine Schwester geschwängert hat?“

„Zumindest nicht mit Absicht.“ Dieses verdammte uralte Kondom, und Ellie hatte schließlich begeistert mitgemacht. Sie hatte ihn genauso sehr begehrt wie er sie. Verdammt, er wollte sie noch immer. Was überhaupt keinen Sinn machte, schließlich war sie ohne ein Wort zu sagen aus seinem Leben verschwunden. „Das ist einfach so passiert.“

„Wenn man dieses Spiel spielt, dann muss man auch bereit sein, die möglichen Konsequenzen zu tragen.“ Martha verschränkte die Arme vor dem Busen, während sie ihn mit scharfem Blick anklagend betrachtete. „Was haben Sie Ellie denn angetan? Abgesehen davon, sie zu schwängern, meine ich.“

„Warum glauben Sie denn, dass ich ihr irgendetwas angetan habe?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Nur so eine Vermutung. Denn sie liebt diese Stadt schon so sehr, als ob sie hier geboren worden wäre. Sie ist furchtbar hastig abgereist und mein Instinkt sagt mir deshalb, dass sie dafür einen guten Grund gehabt hat, und der einzige Grund, der mir einfällt, sind nun einmal Sie.“

„Ich wüsste nicht, wieso. Ich habe nur das Richtige getan. Ich habe sie gebeten, mich zu heiraten.“

Interesse leuchtete nun in Marthas Augen auf. „Und was hat sie dazu gesagt?“

„Dass ich nur nobel sein will.“

„Aha.“

Er war sich ziemlich sicher, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. „Was heißt denn Aha?“

„Das müssen Sie schon selbst herausfinden.“

Was zur Hölle sollte das denn jetzt heißen? Martha Spooner hatte niemals ein gutes Wort für die Frauen übrig gehabt, mit denen er ausgegangen war, und sie hatte jede Menge über seine Ex zu sagen gehabt … nichts davon war gut gewesen. „Ellie hat mich verlassen. Sollten Sie da nicht eigentlich auf meiner Seite sein?“

„Ich sage es gerne noch einmal – sie wird einen guten Grund dafür gehabt haben.“

„Warum verteidigen Sie sie denn bloß? Das haben Sie bei Laurel nie getan.“

Sie schnaubte. „Diese Hexe war auch nicht die Richtige für Sie.“

„Dann denken Sie also, dass Ellie die Richtige für mich ist?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Okay, dann frage ich Sie hiermit offiziell, ob Sie denken, dass sie es ist.“

Martha hielt daraufhin die Hände in die Höhe. „Ziehen Sie mich da nicht mit rein.“

„Seit wann haben Sie denn keine eigene Meinung mehr?“

„Seit gerade eben. Nur Sie allein können entscheiden, ob Ellie die Richtige für Sie ist oder nicht.“ Sie stellte den Plastikbehälter mit dem Hühnchen in den Kühlschrank, dann verließ sie den Raum.

Diese Sache mit Ellie hatte niemals so kompliziert werden sollen, dachte Alex. Es war doch eigentlich nur darum gegangen, ein bisschen Spaß zu haben. Eine Affäre. Der Definition nach kurzfristig. Wenn sie wieder abreiste, sollte es keine verletzten Gefühle geben. Ellie hatte selbst gesagt, dass sie danach einfach wieder zum Alltag zurückkehren würden. Aber er wusste insgeheim genau, was der Haken an ihrem Plan gewesen war, seit sie wieder in ihr Apartment gezogen war. Er hatte sie so sehr vermisst, dass es wehtat, und das hatte ihn vollkommen überrumpelt.

Als er das erste Mal im Bett die Hand nach ihr ausgestreckt und stattdessen in die Luft gegriffen hatte, war er wütend geworden, aber dann hatte er sich einfach nur leer gefühlt. Dasselbe passierte jetzt jedes Mal, wenn er ein Zimmer in seinem Haus betrat und erwartete, dass sie da sein würde, und dann war sie doch nicht da. Tief in seinem Inneren wusste er genau, dass das Haus ohne sie nie wieder dasselbe sein würde, und er hatte keine Ahnung, wie er dafür sorgen könnte, dass alles wieder so wurde wie vorher, und genau das war das Problem.

Jetzt war sie schwanger, und er hatte keinen Zweifel daran, dass er der Vater des Babys war. Ein Teil von ihm wollte unbedingt eine zweite Chance haben. Aber er war auch unglaublich sauer, weil sie einfach so die Stadt verlassen hatte. Nein, nichts an der ganzen Sache war einfach, und er hatte definitiv keinen Spaß daran.

Martha kam nun wieder ins Zimmer zurück. „Auf Wiedersehen, Alex. Ich sehe Sie dann morgen.“

„Nein, das werden Sie nicht. Ellie und ich müssen unbedingt ein paar Sachen klären.“

„Und wie wollen Sie das anstellen?“

„Ich werde nach Dallas fliegen.“

Seine Haushälterin schenkte ihm daraufhin ein wohlwollendes Lächeln. „So ist’s recht.“

Ellie liebte das Haus ihrer Eltern in dem reichen Vorort von Dallas. In dem Anwesen mit den dunklen Holzböden, den terracottafarbenen Wänden und den stuckverzierten hohen Decken hatte sie schließlich ihre gesamte Kindheit verbracht.

Als sie in Blackwater Lake mit ihrem Bruder gesprochen hatte, hatte sie das Gefühl gepackt, dass sie unbedingt nach Hause fahren musste. Aber jetzt war sie sich da gar nicht mehr so sicher. Sie litt unfassbar darunter, Alex sehen und mit ihm zusammen sein zu wollen. Aber er hatte ihre Handynummer und er wusste, wo sie zu finden war. Bisher hatte er sich allerdings noch nicht gerührt.

Hastings und Katherine Hart wussten mittlerweile, dass sie Großeltern wurden. Vor dreißig Jahren hatte Ellies Mutter eine vielversprechende Karriere als Schauspielerin gehabt, bevor sie geheiratet hatte und gleich darauf mit Ellies ältestem Bruder schwanger geworden war. Die Schauspielerei musste ihr offenbar wirklich im Blut liegen, denn Ellie konnte nicht sagen, ob ihre Mutter glücklich, aufgeregt oder enttäuscht darüber war, dass sie Großmutter wurde. Ihr Vater hatte sich das wohl von ihr abgeschaut, denn aus ihm wurde sie momentan genauso wenig schlau.

Sie waren gerade mit dem Abendessen fertig, saßen zu dritt im Wohnzimmer und tranken Kaffee. Nun ja, ihre Eltern, Ellie weniger. Denn sie war beim Frauenarzt gewesen und dieser hatte ihr von übermäßigem Kaffeegenuss abgeraten. Aber als Ina Wheeler, die Haushälterin der Harts, ihr auch noch eine Schüssel mit Obst brachte, während Hasty und Kate Schokoladenkuchen und Eis bekamen, war sie doch ein bisschen verstimmt gewesen.

„Wie sind die Erdbeeren, Suellen?“, fragte ihre Mutter.

„Lecker.“ Sie bedachte eine davon mit einem finsteren Blick.

„Es ist schön, dich hier zu Hause zu haben.“ Kate nahm einen winzigen Bissen Kuchen. Sie war Ende fünfzig, sah aber zwanzig Jahre jünger aus. Viele Leute dachten, dass sie Ellies Schwester war, denn sie waren gleich groß, hatten beide dunkelblaue Augen und die gleiche Haarfarbe … hellbraun mit helleren Strähnen.

„Deine Mutter hat recht. Wir haben dich wirklich vermisst.“ Ihr Vater war nun mit dem Dessert fertig und stellte den leeren Teller auf den Sofatisch. Er war Anfang sechzig, hatte hellblaue Augen und graue Haare. Seine Frau sagte immer, dass er so nur noch distinguierter aussah. „Deine Mutter und ich haben uns unterhalten und wir denken, dass es eine gute Idee wäre, wenn du hier bei uns bleibst.“

Ellie hatte seit ihrer Rückkehr aus Blackwater Lake in ihrem Elternhaus übernachtet, aber an diesem Morgen hatte sie erwähnt, dass sie vorhatte, bald wieder in ihre Wohnung im Zentrum von Dallas zurückzukehren. „Ihr meint, ich soll noch eine Nacht bleiben?“

„Eigentlich haben wir uns überlegt, dass es doch auf Dauer sein könnte.“ Ihre Mutter rührte nun Zucker in ihren Kaffee. „Denk doch mal daran, wie schön es wäre, das Zimmer neben deinem in ein Kinderzimmer zu verwandeln.“

„Du willst doch bestimmt kein schreiendes Baby am Hals haben.“ Hoffentlich würden ihre Eltern die Ausrede nutzen, die sie ihnen gerade auf einem Silbertablett serviert hatte, und die Sache damit auf sich beruhen lassen.

„Hast du schon mal gesehen, wie groß dieses Haus ist?“, scherzte ihr Vater. „Dein Zimmer ist doch in einem ganz anderen Flügel. Wir würden keinen Ton hören.“

„Dann hättest du deine Privatsphäre und zugleich Unterstützung mit dem Baby. Falls es nötig ist“, fügte ihre Mutter hinzu.

„Das ist wirklich ein sehr großzügiges Angebot. Ich werde darüber nachdenken.“

„Das heißt also Nein.“ Kates Tonfall war betont sachlich. Sie war nicht wütend und verurteilte Ellie auch nicht.

„Wie kommst du darauf?“

„Weil du das schon sagst, seit du ein kleines Mädchen warst, wenn du irgendetwas nicht tun willst.“

Sie lächelte ihre Eltern an. „Ich will dem Thema wirklich nicht aus dem Weg gehen, aber das ist nun mal eine schwerwiegende Entscheidung.“

„Das verstehe ich durchaus.“ Kate sah ihren Mann an. „Aber ich bin mir sicher, dass dein Vater das nicht tut.“

„Verdammt, nein. Das verstehe ich tatsächlich nicht.“ Er stellte seine Tasse auf dem Tisch ab. „Ich will doch nur mein kleines Mädchen beschützen.“

Den Beschützerinstinkt von Eltern verstand Ellie allmählich immer besser. Als der Frauenarzt ihr gesagt hatte, dass es dem Baby gut ging, war sie unglaublich erleichtert gewesen.

„Du siehst immer noch so müde aus, Suellen. Bleib doch wenigstens noch ein bisschen hier, damit du dich richtig ausruhen kannst. Wir sorgen auch dafür, dass du dich richtig ernährst“, sagte ihre Mutter. „Und ich will jetzt nicht hören, dass du darüber auch nachdenken wirst.“

„Ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen, danke.“

Aber je eher sie sich wieder an einen Alltag ohne Alex gewöhnte, desto besser. Vielleicht bestrafte sie sich damit aber auch nur für einen weiteren Fehltritt, und die Strafe bestand darin, dies hier allein durchzustehen; die Belohnung war hingegen Selbstvertrauen und Selbstachtung. Das war schließlich der einzige Grund, warum sie den Job in Blackwater Lake überhaupt angenommen hatte.

Bevor ihre Eltern sie überreden konnten, klingelte es an der Tür und Ina rief aus der Küche: „Ich gehe schon.“

Die Haushälterin in ihrer grauen Uniform mit der weißen Schürze war ganz anders als Martha Spooner, die bei der Arbeit einfach nur Jeans trug. Als sie wieder ins Zimmer kam, verkündete sie, dass ein Mann draußen vor der Tür stand, der Ellie sehen wollte.

„Hat er seinen Namen genannt?“, fragte ihr Dad.

„Alex McKnight.“

„Der Kindsvater“, sagte ihre Mutter. Sie sah dabei nicht allzu erfreut aus.

Hastings Hart erhob sich augenblicklich. „Mit dem habe ich sowieso noch ein Wörtchen zu reden.“

Ellies Herz fing daraufhin an, so heftig zu klopfen, dass es beinahe wehtat. Der Gesichtsausdruck ihres Vaters ähnelte nämlich dem von Linc, bevor dieser zugeschlagen hatte.

Ellie stand auch auf. „Schlag ihn bitte nicht, Dad.“

„Das hatte ich nicht vor, das hat dein Bruder schließlich schon erledigt.“

Das beruhigte sie allerdings nicht allzu sehr. „Ich will zuerst allein mit ihm reden. Das ist schließlich mein Problem und ich werde es auch allein regeln.“

Ihre Eltern musterten sie ernst, dann nickte ihre Mutter. „Wir sind dann oben und Ina ist in der Küche, falls du Hilfe brauchst.“

„Es ist alles in Ordnung“, log sie.

Anschließend gingen sie zu dritt in das geräumige Foyer, wo Alex bereits wartete. Sein Anblick versetzte Ellie augenblicklich einen Stich ins Herz und ließ es gleichzeitig höherschlagen. Er trug einen Anzug mit hellblauem Hemd, dessen oberster Knopf offen war.

Er sah unfassbar gut aus, aber sie vermisste dennoch die Jeans, das T-Shirt und die Arbeitsstiefel. Er hatte immer noch einen farbenfrohen Bluterguss auf der Wange. Wahrscheinlich würde ihr Vater es nicht gut finden, wenn sie jetzt zu Alex gehen und den blauen Fleck streicheln würde.

„Hallo, Alex.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu. „Das hier sind meine Eltern – Hastings und Katherine Hart. Das ist Alex McKnight.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mr. Hart, Mrs. Hart.“ Er streckte seine Hand aus, aber ihre Eltern nahmen das Friedensangebot nicht an und er ließ sie daraufhin wieder sinken. „Ich bin hier, um Ellie zu sehen.“

„Das wissen wir.“ Kaum kontrollierter Zorn lag in der Stimme ihres Vaters.

Je eher sie mit Alex allein war, umso besser. „Mom und Dad wollten gerade nach oben gehen.“

„Nicht freiwillig allerdings“, sagte ihr Vater.

„Komm schon, Hasty.“ Ihre Mutter nahm seine Hand, und ohne ein weiteres Wort gingen die beiden die Treppe ins obere Stockwerk hinauf.

„Wir können ja ins Wohnzimmer gehen“, sagte Ellie.

Sie wollte so gerne seine Hand nehmen, so wie ihre Mutter es mit ihrem Vater getan hatte, aber sie hatte nicht das Recht dazu. Ein Heiratsantrag ohne Liebe änderte nichts daran, was sie und Alex hatten, und das war nichts. Die Affäre war vorbei. Er war nur wegen des Babys hier. Aber wenigstens war er überhaupt hier.

Alex blieb nun vor dem Kamin stehen und sah sich fasziniert um. „Was für ein Haus.“

„Tja, hier bin ich aufgewachsen.“ Sie konnte sich gar nicht sattsehen an seinem Gesicht. „Wie geht’s dem Auge?“

„Sieht viel schlimmer aus, als es ist.“

„Ist es denn irgendjemandem aufgefallen?“

„Machst du Witze? In Blackwater Lake?“ Seine Miene war ironisch. Doch dann verschwand jeglicher Humor aus seinem Gesicht und er sah sie vorwurfsvoll an. „Du hast unser Projekt einfach im Stich gelassen.“

„Das stimmt nicht. Meine Arbeit war getan.“ Sie fügte nicht hinzu, dass sie sogar über einer Woche lang Gründe erfunden hatte, um noch länger zu bleiben.

Er presste die Lippen fest zusammen. „Danach hast du mich sitzen lassen. Wenigstens hat meine Ex mir Bescheid gesagt, bevor sie abgehauen ist.“

Er hatte recht, aber die Worte taten trotzdem weh. Er warf sie damit in die gleiche Schublade wie die Frau, die ihn ausgenutzt und belogen hatte. „Ich hatte meine Gründe dafür.“

„Und ich habe Rechte.“

„Du meinst das Baby.“ Sie stand jetzt genau vor ihm, nahe genug, um seine Körperwärme spüren zu können … nahe genug, dass er sie in den Arm nehmen konnte. „Du solltest wissen, dass ich gestern beim Arzt war. Es ist alles in Ordnung. Ich habe ihm von meinem Knöchel erzählt und von der Operation, aber er ist sich sicher, dass es deswegen keinerlei Probleme geben wird. Das bisschen Anästhesie hat keine Auswirkung auf das Baby. Sie haben mir Blut abgenommen und ich werde nun regelmäßig zur Vorsorge gehen.“

„Ich freue mich, das zu hören.“

„Nur damit du Bescheid weißt, mein Anwalt wird sich bald bei dir melden. Wir müssen uns dann eine Sorgerechtsregelung und ein Umgangsrecht überlegen. Ich würde dich niemals von deinem Kind fernhalten.“

„Das habe ich auch nie geglaubt.“

„Die Sache ist die, ich muss weiterhin arbeiten und meine Kontakte sind allesamt hier in Dallas.“ Sie liebte ihren Job sehr und war bereit, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Wenn er sie lieben würde, dann könnten sie sich zusammen eine Strategie überlegen, aber das war ja bekanntlich nicht der Fall. Es war ganz allein ihre Verantwortung, ihre Karriere zu planen und einen Weg zu finden, wie sich das mit der Mutterschaft vereinbaren ließ.

„Ich verstehe.“

„Wenn das alles war, begleite ich dich jetzt wieder hinaus.“

Er hielt die Hand hoch. „Nicht so hastig.“

„Was gibt es denn noch?“

„Du musst wissen, dass ich ein Büro von McKnight Construction hier in Dallas aufbauen will.“

„Das hast du vor? Warum?“

„Um es dir mit dem Baby einfacher zu machen.“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Offensichtlich war er doch nicht ganz so ungerührt, wie er sich gab. „Das ist schließlich auch mein Kind. Deshalb will ich bei allem dabei sein … bei den Arztterminen … bei der Geburt … Einfach bei allem.“

Sie wünschte sich von Herzen, dass diese Geste auch ihr galt und nicht nur garantieren sollte, dass er ihr gemeinsames Kind zu sehen bekam. Aber sie war in diese Gedanken nur miteingeschlossen, weil sie mit dem Baby schwanger war. Wenn das doch bloß anders wäre. Wenn er ihr nur vertrauen und sie lieben könnte, aber der Zug war offenbar abgefahren und es gab anscheinend nichts, was sie deshalb unternehmen konnte.

Wie in aller Welt sollte sie es denn schaffen, ihn zu sehen, ein Kind mit ihm zu haben, und sich dabei nicht anmerken lassen, dass sie ihn liebte und mehr von ihm wollte?

„Okay“, sagte sie. „Dann gibt es ja jetzt nichts mehr zu bereden.“

„Doch“, antwortete er. „Ich denke immer noch, dass wir heiraten sollten.“

„Meine Antwort darauf ist aber immer noch dieselbe, und zwar aus demselben Grund. Wenn du nach Dallas gekommen bist, um meine Familie auf deine Seite zu ziehen, solltest du wissen, dass das nicht funktionieren wird.“

Er rieb sich die Wange. „Dein Bruder hatte so seine Methode, mir zu zeigen, auf welcher Seite er steht, und Worte haben irgendwie nicht dazugehört.“

„Ich habe noch zwei Brüder.“

„Ich weiß“, sagte er. „Und ich habe auch noch mehr zu sagen, aber nicht heute Abend. Du siehst nämlich müde aus.“

„Mir geht’s prima.“ Das war eine Lüge, denn sie war noch nie in ihrem ganzen Leben so erschöpft gewesen. Aber Müdigkeit machte sie leider auch verletzlich, wenn sie stark sein musste. „Ich schätze mal, dann fliegst du morgen nach Montana zurück?“

„Nein. Ich bleibe noch eine Weile hier.“

So viel dazu, zu einem Alltag ohne ihn zurückzukehren. Das war einfach nicht fair. „Dann bring ich dich jetzt mal zur Tür.“

„Okay.“

Mehr sagte sie nicht. Sie ging einfach nur mit ihm zur Haustür und öffnete sie. Er zögerte noch einen Augenblick und es kam ihr so vor, als ob er sie am liebsten küssen wollte, aber dann schüttelte er nur den Kopf. „Gute Nacht, Ellie.“

„Bye, Alex.“

Als er weg war, lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür. Schon bald darauf kamen ihre Eltern die Treppe herunter.

„Was hat er denn gesagt?“, wollte ihr Vater wissen. „Wird er das Richtige tun?“

„Er will auf jeden Fall zum Leben des Babys dazugehören.“ Was bedeutete, dass er auch für immer zu ihrem Leben gehören würde. Das wurde ihr erst jetzt richtig klar. Die Unterstützung, die ihre Eltern ihr angeboten hatten, kam ihr auf einmal unglaublich wichtig vor. „Kann ich noch eine Nacht bei euch bleiben?“

„So lange du willst, Liebling.“ Ihre Mutter umarmte sie fest.

„Ihr müsst mich vor ihm beschützen.“

„Ich habe gedacht, du hast gesagt, dass er das Richtige tun wird.“ Ihr Vater wirkte verwirrt.

„Das tut er ja auch, aber ich habe einfach kein Rückgrat, wenn es um ihn geht. Ich zähle deshalb auf euch. Ihr müsst ihn von mir fernhalten, damit ich mich nicht zum absoluten Narren mache.“

Sie hatte ihn dazu gebracht, wieder etwas zu fühlen, und er hasste das.

Denn jetzt konnte sie ihn mit ihren Stilettos zu Brei treten und es gab nicht viel, was er tun konnte, um das zu verhindern.

Er parkte sein Mietauto vor dem Firmensitz von Hart Industries im Zentrum von Dallas. Überall nur Glas, Chrom und harte Kanten.

In dieser protzigen Zentrale arbeiteten Ellies drei Brüder – Sam, Cal und Linc – jeweils in einem anderen Geschäftszweig unter dem Dach des Familienunternehmens.

Alex hatte keine Ahnung, was er zu Ellies Brüdern sagen sollte, aber sein Instinkt machte ihm klar, dass es richtig war, es zu tun.

Er stieß die Glastür auf und ging in die Lobby. Eine hübsche Rothaarige saß an einer Theke aus Mahagoni. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Das hoffe ich …“ Er warf einen Blick auf ihr Namensschild, das sie als Bridget Quinlan auswies. „… Bridget. Ich bin hier, um Mr. Hart zu sehen.“

„Welchen der Herren?“

„Alle drei.“

Ihre grünen Augen weiteten sich leicht. „Ich glaube nicht, dass das möglich ist.“

„Doch, das ist es bestimmt.“

„Haben Sie denn einen Termin?“

„Nein.“

„Ich kann gerne einen für Sie ausmachen“, bot sie ihm an.

„Wenn es Ihnen recht ist, würde ich das gerne heute direkt hinter mich bringen.“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen. „Sie wollen ganz bestimmt mit mir reden. Sagen Sie Ihnen einfach, dass Alex McKnight da ist.“

„In Ordnung.“ Ihr Tonfall gab deutlich zu erkennen, dass er nur seine Zeit verschwendete. Sie griff nun nach dem Telefon. „Hi, Wendy. Kannst du bitte Bescheid sagen, dass ein Mr. Alex McKnight hier unten ist?“ Ein paar Sekunden später sagte sie: „Oh. Okay. Sofort.“

Die Überraschung in ihrer Stimme ließ sich nicht überhören. „Ich schätze, dass bedeutet grünes Licht für mich.“

„Das tut es tatsächlich. Oberste Etage. Man erwartet Sie bereits.“

„Danke, Bridget.“

„Gern geschehen.“ Sie musterte ihn. „Ein schönes Veilchen haben Sie da.“

„Danke.“ So gab sie ihm wohl zu verstehen, dass sie wusste, dass es hier nicht um etwas Geschäftliches ging. „Die Chancen stehen ziemlich gut, dass ich noch eines habe, wenn ich wieder hier vorbeikomme.“

„Viel Glück.“

„Das werde ich brauchen.“

Er ging zu den Aufzügen hinter ihr. Die Anspannung sorgte dafür, dass sein Magen sich verkrampfte. Und zwar aus vielen Gründen, aber im Augenblick konzentrierte er sich ganz auf Selbstverteidigung. Linc hatte ihn damals eiskalt erwischt, und so wie er das sah, hatten die beiden anderen auch noch einen Schlag frei. Wenn sie mehr wollten, würde er wenigstens dafür sorgen, dass sie sich anstrengen mussten.

Als die Aufzugtüren oben aufgingen, standen drei Männer vor ihm. Alle drei waren über einsachtzig groß und irgendwie ahnte er, dass sie sich in der Reihenfolge ihres Alters aufgestellt hatten.

„Hi, ich bin Alex McKnight.“

„Sam Hart“, sagte der größte Bruder. Ellie hatte ihm erzählt, dass er der Älteste war. Anders als seine Geschwister hatte er dunkelbraune Haare und Augen.

Per Ausschlussverfahren ergab sich so, dass der Mann in der Mitte Cal war. Sein Haar war hellbraun und seine Augen hellblau. Es gab eine eindeutige Familienähnlichkeit, und eine ähnliche Gesichtsform, nur mit kleinen Unterschieden, was Augen und Mund anging.

„Was wollen Sie hier?“, fragte Sam ungehalten.

„Es geht um Ellie und …“

„Sie haben sie geschwängert!“ Cals Stimme war tief und tödlich.

Alex kam zu dem Schluss, dass es kontraproduktiv wäre, ihm zu erklären, dass ihre Schwester sehr bereitwillig an der Empfängnis mitgewirkt hatte. Er stellte damit einfach nur das Offensichtliche fest. „Sie ist mit meinem Kind schwanger!“

„Sie haben sie ausgenutzt“, warf Linc ihm erneut vor.

„Hat sie das etwa gesagt?“

Cal gab seinem Bruder keine Chance zu antworten. „Ellie hat die schlechte Angewohnheit, Männern zu vertrauen, denen sie nicht trauen sollte.“

„Ich bin aber keiner von denen.“

„Klar.“ Sams Stimme triefte jetzt vor Sarkasmus.

„Ihr wisst nicht, wer ich bin, und ihr habt deshalb auch keine Veranlassung zu glauben, dass ich die Wahrheit sage. An eurer Stelle würde ich das wahrscheinlich auch nicht tun.“ Die gute Nachricht war allerdings, dass sie ihn noch immer reden ließen. „Die Sache ist aber die: Ich werde für sie da sein, und für das Baby.“

„Dann müssen Sie nur noch eines tun“, knurrte Linc. „Sie müssen sie heiraten.“

Sam warf erst seinem jüngeren Bruder und dann ihm einen Blick zu. „Warum sollten wir glauben, dass Sie Ihren Mann stehen werden?“

„Vertrauen braucht eben Zeit.“

„Eine Ehe macht das Ganze aber verpflichtend und zugleich auch legal.“ Linc machte einen Schritt vorwärts.

„Langsam.“ Cals blaue Augen waren kühl. „Es geht uns hier nicht um Geld. Ellie und dem Baby wird es nie an etwas fehlen. Dafür sorgen wir schon.“

„Das ist mein Baby.“ Alex würde dieses Kind nicht verlieren. Nicht einmal an Familienmitglieder. Nicht noch ein Mal. „Ich werde dafür sorgen, dass es Ellie und meinem Sohn oder meiner Tochter gut gehen wird.“

„Wie denn?“ Sam kniff skeptisch die Augen zusammen.

„Indem ich für sie da sein werde.“

„Das reicht aber nicht.“ Cal schüttelte den Kopf.

„Das sehe ich auch so“, sagte Sam. „Linc hat recht.“

„Das habe ich oft“, erklärte der betreffende Bruder. „Aber warum denkst du das in diesem Fall?“

„Heiraten.“ Sam nickte vehement. „Das ist der einzig sichere Weg. Das ist der beste Schutz für unsere kleine Schwester.“

Cal nickte. „Das ist ein guter Plan.“

„Das wären dann vier Mal Ja“, sagte Alex. „Euer Plan hat leider nur einen Haken.“

„Keinen, soweit ich das sehe“, sagte Sam. „Also ist es abgemacht.“

„Dann sagt das mal Ellie.“

„Wovon reden Sie?“ Linc sah seine Brüder an, ob sie den Einwand besser verstanden als er.

Alex konnte erkennen, dass alle drei im Dunkeln tappten. „Hat Ellie euch vielleicht erzählt, dass ich sie bereits gebeten habe, mich zu heiraten?“

Die Männer starrten ihn verwirrt an. „Nein“, sagte Sam für alle. „Das hat sie nicht erwähnt.“

„Dann redet mal mit ihr. Ich erwarte ja nicht, dass ihr mir glaubt, aber ich habe schon in Blackwater Lake um ihre Hand angehalten und gestern noch einmal, als ich sie bei ihren Eltern besucht habe.“

„Was hat sie denn gesagt?“ Anscheinend löste sich Lincs Feindseligkeit langsam in Wohlgefallen auf. Die Abneigung in seinem Tonfall verlor sich mehr und mehr.

„Wenn sie das erste Mal Ja gesagt hätte, wäre ich jetzt bestimmt nicht hier“, meinte Alex trocken.

„Dann müssen Sie sie eben dazu überreden“, meinte Cal.

„Seid ihr eurer Schwester schon mal begegnet?“, fragte er sarkastisch. „Ist euch klar, dass selbst der liebe Gott ihre Meinung nicht ändern könnte?“

„Dann finden Sie eben einen Weg.“ Sam war offensichtlich daran gewöhnt, Befehle zu erteilen.

„Darauf würde ich lieber nicht zählen. Ihr Nein war ziemlich entschieden.“ Alex sah einen Bruder nach dem anderen an. „Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.“

„Alex?“ Linc machte nun einen Schritt vor.

Er wappnete sich innerlich. „Was?“

„Die Zeit wird zeigen, ob Sie wirklich vertrauenswürdig sind oder nicht, aber heute haben Sie das Richtige getan.“ Widerwilliger Respekt lag in dem Blick des Mannes.

„So weit, so gut.“ Alex streckte die Hand aus und dieses Mal erwiderte Linc den Händedruck.

Unten im Foyer blickte Bridget neugierig von ihrem Computer auf. „Sieht ganz so aus, als ob es gut gegangen wäre.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“

Sie zeigte auf ihn. „Keine weiteren Wehwehchen, die das hübsche Gesicht verunzieren.“

„Diese Kerle wissen halt, wie man keine Spuren hinterlässt.“ Er winkte, dann verließ er das Gebäude.

Er wünschte sich beinahe, es wäre zum Kampf gekommen. Das wäre wenigstens irgendetwas gewesen, dass ihn von dem Knoten in seinem Magen abgelenkt hätte. Er hatte gesagt, was er sagen musste, und mehr bekommen, als er erwartet hatte: Unterstützung für sein Ziel.

Die Idee hatte er letzten Endes sogar von Ellie, weil sie ihm gesagt hatte, dass die Familie auf ihrer Seite war. Er war gekommen, um mit ihren Brüdern zu reden und das zu ändern. Diese Mission war erledigt, jetzt waren die Harts nicht mehr auf einer Linie. Drei von fünf waren bereits auf seiner Seite.

Mit Ellie Hart zusammenzuleben hatte ihm gezeigt, wie stur sie war. Merkwürdigerweise vermisste er das unheimlich. Sie hielt ihn auf Trab. Aber es war noch mehr als das. Er vermisste den Geruch ihrer Haut und es fehlte ihm, als Erstes jeden Morgen ihr süßes Lächeln zu sehen, und ihren sexy Akzent zu hören, der ihn dazu brachte, sie so sehr zu begehren, dass es beinahe wehtat.

Wenn er sicher war, dass er ihre Meinung nicht ändern könnte, dann würde er sich damit zufriedengeben, nur eine enge Beziehung zu seinem Kind zu haben. Aber er wollte sie so gern beim Einschlafen in den Armen halten und spüren, wie sie sich beim Aufwachen an ihn schmiegte.

Er wollte mit ihr leben und mit ihr zusammen alt werden.

Er würde sein Kind nicht verlieren, und Ellie auch nicht!

Alex fuhr jetzt mit seinem Mietauto die Auffahrt der Harts entlang und blieb vor dem Portikus des imposanten Gebäudes stehen. Es gab weiße Säulen, Balkone, grüne Läden, die elegante Fenster einrahmten, und ein riesiges Grundstück. Man musste nicht Bauunternehmer sein, um zu wissen, dass es hier reichlich Geld gab.

Die Familie musste natürlich Bedenken haben in Bezug auf einen Mann, mit dem sich ihre Tochter eingelassen hatte; musste misstrauisch sein, was seine Beweggründe anging. Aber in seinem Fall ging es nicht ums Geld, davon hatte er schließlich selbst mehr als genug. Die Wahrheit war, dass er Ellie Hart einfach nicht widerstehen konnte.

Er schaute auf die Uhr. Es war fünf Minuten vor dem Termin, an dem Ellies Vater dieses Treffen anberaumt hatte, nachdem Alex ihn angerufen hatte.

„Los geht’s“, murmelte er.

Mit schnellen Schritten ging er zur Haustür. Die Tür war mit einem goldenen Klopfer in Form eines Löwenkopfes ausgestattet. Wie passend. Schließlich wartete auf der anderen Seite ja auch eine regelrechte Löwengrube auf ihn.

Die Haushälterin öffnete sofort. „Mr. McKnight. Die Harts sind im Wohnzimmer. Ich bringe Sie hinein.“

Von der Tür zum Wohnzimmer aus konnte er den Garten sehen, der eher einem Park ähnelte. Es gab ein Schwimmbecken von olympischen Ausmaßen mit einer Terrasse aus Ziegelsteinen. Ein kleiner Fluss durchtrennte den hinteren Teil des Grundstücks.

Er holte tief Luft und ging dann in das Zimmer hinein. Dabei brauchte er das ganze Selbstvertrauen, das er sich dadurch erworben hatte, dass er ein erfolgreiches Bauunternehmen aufgebaut hatte, mit Kunden, die genauso reich und so wichtig waren wie die Harts.

„Guten Tag“, sagte er.

Katherine Hart deutete auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich doch.“

„Danke.“

Es war kein freundschaftlicher Besuch, deshalb boten sie ihm auch keine Erfrischungen an.

„Danke, dass Sie bereit waren, mich zu sehen.“

„Das hätten wir bestimmt nicht getan, wenn unser Sohn Sam uns nicht erzählt hätte, was Sie gestern getan haben.“ Der Ton von Hastings Hart war extrem kalt und abweisend. „Um meinen Söhnen gegenüberzutreten, war bestimmt Mut nötig.“

„Weniger als Sie denken, denn ich habe nur das Richtige getan.“

Er fühlte sich jetzt mehr wie ein unbeholfener Teenager als damals, als er tatsächlich einer gewesen war.

„Trotzdem“, sagte Katherine. „Die Jungs können sehr einschüchternd wirken. In dieser Beziehung sind sie ihrem Vater sehr ähnlich.“

Nachdem ein paar Augenblicke verstrichen waren, sagte Mr. Hart: „Sie haben um dieses Treffen gebeten. Also, was wollen Sie?“

Alex begegnete seinem Blick und wusste genau, was Harts Frau gerade gemeint hatte. Ellies Vaters machte keinen Versuch, ihm die Anspannung zu nehmen. Stattdessen setzten beide alles daran, ihn zu verunsichern. Ihre Tochter war ihre oberste Priorität, aber das respektierte er.

„Als Erstes will ich Ihnen versichern, dass ich es nicht auf Ihr Geld abgesehen habe. McKnight Construction ist sehr erfolgreich.“

„Das hat mein Privatdetektiv auch gesagt.“

„Gut.“ Natürlich hat er mich überprüfen lassen, dachte Alex. „Ich bin nur hier, um Sie um Erlaubnis zu bitten, Ellie heiraten zu dürfen.“

„Laut Sam“, sagte Hart, „haben Sie Ellie bereits gefragt. Zwei Mal, und sie hat Sie beide Male abgewiesen. Sogar wenn wir Ihnen unseren Segen geben würden, glaube ich nicht, dass Ihnen das bei ihr viel helfen würde. Sie hört nicht oft auf uns. Sie hat da ihren ganz eigenen Kopf.“

„Ja, das hat sie in der Tat. Aber das ist eine der Eigenschaften, die ich an ihr am meisten schätze.“

Hastings Hart nickte kaum wahrnehmbar. „Dann glauben Sie also, dass Sie wissen, worauf Sie sich einlassen?“

„Das tue ich, Sir.“

„Und Sie sind bereit, es mit ihr aufzunehmen?“

„Ja, Sir.“

„Sie ist ihrer Mutter unglaublich ähnlich, also glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass sie eine Herausforderung darstellt.“

„Das meint er ernst“, stimmte seine Frau zu. „Ich bin tatsächlich kein einfacher Mensch und meine Tochter ist es auch nicht.“

„Darauf freue ich mich schon.“

Wenn eine Frau es wert war, seine Frau zu werden, dann war sie auch jede Mühe wert, und Ellie war ihm alles wert. Das hatte er erkannt, als sie Blackwater Lake verlassen hatte.

„Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir uns in das Ganze einmischen sollten.“ Der Mann warf seiner Frau, die ebenfalls unsicher wirkte, einen Blick zu.

„Ihre Söhne sind alle für eine Ehe. Das war übrigens sogar Lincs Idee“, sagte Alex trocken. „Und das ist es auch, was ich unbedingt will.“

Der andere Mann runzelte die Stirn. „Das sagen Sie jetzt.“

„Ellie hat mir erklärt, dass ihre Familie komplett auf ihrer Seite ist. Aber wenn ich Sie überreden könnte, Ihre Meinung zu ändern, dann glaube ich, dass das helfen würde.“

„Dann hätte das Baby wenigstens einen legitimen Nachnamen“, warf Kate nun ein. „Ganz egal, was noch passieren wird.“

Mrs. Hart meinte damit, falls sie sich irgendwann scheiden ließen. Aber deswegen machte sich Alex wenig Sorgen. Ellie war überhaupt nicht wie seine Ex. Sie war stur, sie würde niemals aufgeben. Aber sie war auch ein guter und ein ehrlicher Mensch.

„Das ist mein Baby und das wird es auch immer bleiben. Das ist keine rechtliche Verpflichtung, sondern ein echtes Privileg für mich.“ Er sah Ellies Mutter an. „Ganz egal, was irgendwann einmal passiert.“

Ellies Eltern sahen sich in stummem Einverständnis an. Ihre Kommunikation als Paar hatten sie über viele Jahre der Ehe hinweg gepflegt und entwickelt. Genau das wünschte sich Alex auch mit ihrer Tochter.

Schließlich sagte Hastings Hart: „Na schön. Wenn Sie einen Weg finden, sie dazu zu bringen, Ja zu sagen, dann sind wir auch dafür.“

„Danke, Sir.“

„Bedanken Sie sich noch nicht.“ Der Blick des Mannes wurde erneut hart und kalt. Beschützerinstinkt leuchtete darin auf. „Wenn Sie meinem kleinen Mädchen irgendwie wehtun, dann verspreche ich Ihnen, dann werden Sie das bereuen.“

„Verstanden, Sir.“

„Wirklich?“

„Ellie hat mir von dem Mistkerl erzählt, der sie damals angelogen hat.“ Er sah Ellies Eltern ernst an. „Ich werde sie niemals im Stich lassen. Vor allem aber werde ich ihr immer die Wahrheit sagen.“

„Sogar, wenn sie wissen will, ob diese spezielle Jeans ihren Po groß aussehen lässt?“ Die Augen ihrer Mutter funkelten amüsiert.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas je passieren würde.“ Das war die reine Wahrheit. Seiner Meinung nach war Ellies Po ein wahres Kunstwerk.

Ihr Humor verflog wieder, als Ellies Mutter nachdenklich hinzufügte: „Ich würde ja gerne glauben, was Sie da sagen, aber das ist schwierig für mich. Ist sie Ihnen denn nicht weggelaufen?“

„Das ist sie, aber …“

„Kein Aber.“ Hastings hob die Hand. „Sie hat Nein gesagt und ist nach Hause gekommen. Was hat sich nun daran geändert?“

„Mir ist klargeworden, dass ich sie liebe“, sagte er schlicht, „und die ersten zwei Mal, als ich sie gefragt habe, habe ich ihr das nicht gesagt.“

„Das war nicht sehr klug von Ihnen, Mr. McKnight.“ Mrs. Hart schnalzte mitleidig mit der Zunge.

„Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Ich habe mich richtig dumm angestellt und ich bin der Erste, der das zugibt. Ich habe ihr niemals gesagt, was ich wirklich empfinde, und das war ein Riesenfehler“, sagte Alex. „Ich will Ellie! Mehr als alles andere auf der Welt. Ich will eine Familie mit ihr haben. Mein Ziel ist es, hier in Dallas eine Niederlassung meines Unternehmens zu eröffnen, damit ich in der Nähe von ihr und dem Baby sein kann.“

„Ist das Ihr Plan B?“

„Genau, Sir. Ein erfolgreicher Mann hat schließlich immer einen auf Lager.“

Ellies Vater kämpfte gegen ein Schmunzeln an, aber er schaffte es nicht ganz. „Verdammt, mein Junge. Sie gefallen mir. Die Jungs hatten tatsächlich recht.“

„Ich freue mich, das zu hören, Mr. Hart.“

„Sag doch Hastings zu mir.“

„Hättest du gerne einen Tee oder Kaffee?“, fragte seine Frau nun plötzlich.

„Danke, Mrs. Hart. Sehr gerne.“

„Und ich bin Kate.“ Sie stand auf und ging zur Tür.

Als seine Frau den Raum verlassen hatte, beugte Hastings sich vor. „Also, mein Junge. Du brauchst unbedingt einen Kampfplan, um zu meiner Tochter durchdringen zu können.“

„Hast du da eine Idee?“

„Darauf kannst du wetten.“

„Hervorragend. Ich brauche nämlich jede Unterstützung, die ich kriegen kann.“

Alex hatte das praktisch Unmögliche geschafft und die ganze Familie Hart auf seine Seite gezogen. Diese Menschen kannten Ellie immerhin besser als alle anderen. Es wäre dumm, ihnen nicht zuzuhören.

Vor allem würde er jetzt nichts dem Zufall überlassen. Er liebte Ellie Hart, und wenn er sich bei einem Spiel der Dallas Cowboys auf den Kopf stellen musste, um sie zu überreden, ihn zu heiraten, dann würde er das auch tun.

Er hoffte nur, dass es dafür nicht schon zu spät war.

10. KAPITEL

„Wirklich, Miss Ellie, Sie müssen mir nicht mit dem Abwasch helfen.“

„Ich will es aber, Ina.“

Sie versteckte sich immer noch bei ihren Eltern. Gerade hatte sie mit ihnen zu Abend gegessen, jetzt half sie beim Saubermachen. Sie hatte sich daran gewöhnt, jeden Abend mit Alex den Abwasch zu machen, und das fehlte ihr irgendwie – weniger das Geschirr natürlich, als er selbst.

Es tat schon weh, nur daran zu denken. Sie sollte deshalb unbedingt über etwas anderes reden. „Wie geht es denn der Familie?“

„Gut.“

Die mollige Frau mit den kurzen dunklen Haaren und den braungrünen Augen arbeitete bereits seit zwanzig Jahren hier. Nachdem ihr Mann plötzlich verstorben war und sie mit vier kleinen Kindern allein gewesen war, hatten Ellies Eltern ihr einen Job angeboten. Eine ihrer Töchter war ein oder zwei Jahre jünger als Ellie. Als Kinder hatten sie oft zusammen gespielt.

„Wie geht es denn Delaney?“

„Wirklich gut. Sie heiratet bald.“

„Das ist ja wunderbar.“ Ellie meinte das ernst, obwohl die Eifersucht sie gleichzeitig heftig packte. „Ich kann gar nicht glauben, dass Sie mir das nicht sofort erzählt haben, als ich nach Hause gekommen bin.“

„Der Zeitpunkt kam mir unpassend vor.“ Die Haushälterin begegnete ihrem Blick. „Sie bekommt auch ein Baby, Miss Ellie.“

Also war ihr die Ähnlichkeit der Situation peinlich. Der Unterschied bestand allerdings darin, dass Delaney den Vater ihres Babys heiraten würde. „Wer ist denn der Mann?“

„Ihr Bruder Sam hat die beiden zusammengebracht. Peter Scott. Er ist ein Banker.“ Ina lächelte. „Er scheint meine Tochter wirklich anzubeten, und er macht sie sehr glücklich.“

„Dann freue ich mich für sie. Herzlichen Glückwunsch!“ Ellie hoffte, dass sie die richtige Mischung aus Ehrlichkeit und Begeisterung in ihre Stimme gelegt hatte. Sie freute sich wirklich für ihre Freundin und sie beneidete sie so sehr, dass sie für diese Sünde geradewegs in die Hölle fahren sollte. Sie wollte auch so gern mit Alex zusammen sein. Aber nicht nur aus reinem Pflichtbewusstsein.

„Gibt’s sonst noch etwas Neues?“, fragte Ellie.

Die andere Frau stellte eine abgetrocknete Platte in den Küchenschrank und antwortete: „Ihr Mr. McKnight ist gestern vorbeigekommen.“

„Haben meine Eltern denn mit ihm geredet?“

„Sehr ausführlich. Er ist sogar zum Abendessen geblieben.“

„Was?“ Sie war heute zum Hauptquartier von Hart Industries gefahren, um ihr Büro aufzuräumen, anschließend war sie mit Linc essen gegangen, und er hatte nichts davon erwähnt. Als sie wieder nach Hause gekommen war, hatten ihre Eltern ebenfalls kein Wort darüber verloren, dass Alex gestern da gewesen war.

Die Welt war vollkommen verrückt geworden. Ihre Eltern, auf deren Schutz sie gezählt hatte, hatten ihn zum Essen eingeladen?

„Miss Ellie …“ Ein mütterlicher Ausdruck lag jetzt in Inas Augen, ein Blick, der sagte, dass sie sich um Ellie wie um ihr eigenes Kind sorgte. „Mrs. Kate und Mr. Hastings wollen doch nur, was für Sie am besten ist, und für ihr erstes Enkelkind.“

„Dann haben sie aber eine sehr merkwürdige Art und Weise, das zu zeigen, wenn sie mit dem Mann zu Abend essen, der …“

„Sprechen Sie doch direkt mit ihnen“, schlug Ina vor. „Ich bringe Ihnen einen Tee.“

„Danke.“ Ellie wünschte sich zwar etwas Stärkeres, aber sie war ja bekanntlich schwanger.

Sie marschierte nun ins Wohnzimmer. Auf dem Sofatisch standen zwei leere Dessertteller. Ihre Eltern saßen nebeneinander in den Ohrenlehnsesseln und tranken Kaffee. Ellie fiel auf, dass sie das schon seit Jahren so machten. Sie waren wie Buchstützen, die die Familie zusammenhielten und die stets für eine geschlossene Front sorgten.

„Wie konntet ihr das nur tun?“, fragte sie entrüstet.

Kate nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Was tun?“

„Mich so verraten.“

„Dann hast du also gehört, dass Alex hier war?“ Ihre Mutter war ganz gelassen. Als ob sie jeden Abend mit dem Vater des Babys ihrer Tochter zu Abend aß.

„Hast du etwa gedacht, ich würde es nicht herausfinden?“

„Natürlich nicht.“ Hastings stellte seine Tasse ab. „Setz dich, Ellie. Ich muss ein paar Dinge mit dir besprechen.“

„Ich bin zuerst dran. Erstens, warum habt ihr Alex nicht sofort weggeschickt?“

„Was das angeht …“ Entspannt schlug ihr Vater die Beine übereinander. „Das hatte ich eigentlich ursprünglich vor, bis deine Brüder mir erzählt haben, was er getan hat.“

„Alex?“ So schlimm konnte es nicht gewesen sein, sonst hätten sie ihm kein Essen gegeben, und Linc hatte auch kein Wort darüber verloren. „Was hat er denn getan?“

„Er ist bei Hart Industries aufgetaucht und hat sich den Jungs gestellt.“

„Unbewaffnet“, fügte ihre Mutter lächelnd hinzu.

„Warum hat er das getan?“

„Um Verantwortung zu übernehmen, und um seine Absicht zu erklären, dem Kind ein echter Vater sein zu wollen. Um ihnen zu versichern, dass er dich nicht nur ausgenutzt hat“, zählte ihr Vater auf.

Das war ja auch die reine Wahrheit, dachte sie. Ein Kuss, und sie hatte ihm gehört! Sie hatte auch keinen Zweifel daran, dass das Gleiche wieder passieren würde, wenn er jetzt in dieser Sekunde hereinkäme und sie in den Arm nehmen würde. Sie liebte ihn so sehr und sie wäre auch heute noch nicht imstande, ihm zu widerstehen. Darum hatte sie ihre Familie gebraucht … um ihn von sich fernzuhalten.

„Dann sind Sam, Cal und Linc also auch zur dunklen Seite übergelaufen?“ Sie sah ihren Vater ernst an. „Ich habe mich darauf verlassen, dass du mich vor ihm beschützt, Daddy.“

„Schau mal, Ellie, du hast klargestellt, dass ich mich nicht einmischen soll. Du hast gesagt, es ist an der Zeit, dass du deine Karriere rehabilitierst und dir ganz ohne meine Hilfe einen guten Ruf aufbaust. Als deine Mutter und ich unsere Zweifel geäußert haben, hast du uns klipp und klar gesagt, dass du auf eigenen Füßen stehen willst.“ Ihr Vater begegnete ihrem Blick. „Du kannst nun mal nicht beides haben.“

Verdammt, er hat recht, dachte sie. Aber seit wann hörte er ihr denn zu? „Da ging’s aber um das Geschäft. Das hier ist persönlich.“

„Du brauchst keinen Schutz vor ihm, Ellie, denn er ist ein guter Mann.“

Das wusste sie selbst besser als jeder andere. Denn er hatte sie aufgenommen und für sie gesorgt, als sonst niemand für sie da gewesen war und sie keinen Ort gehabt hatte, an dem sie hätte bleiben können. Um Himmels willen, er hatte ihr sogar die Haare gewaschen, als sie es nicht konnte.

„Wie hat er euch denn eingewickelt?“

„Er hat gesagt, dass er dich liebt, und das glaube ich ihm.“ Wenn auch schon sonst nichts anderes, war Hastings Hart auf jeden Fall ein guter Menschenkenner.

„Reicht Liebe denn aus?“ Ihr war nicht klar, dass sie das laut gesagt hatte, bis ihre Mutter plötzlich darauf antwortete.

„Liebe ist das A und O.“ Kate rutschte auf ihrem Sessel nach vorn. „Liebling, ich weiß, dass du nie verstanden hast, warum ich meine Schauspielkarriere für die Ehe und Mutterschaft aufgegeben habe, und ich weiß auch, warum du das nicht verstehst. Du bist mit drei Brüdern und einem Vater aufgewachsen, die in der Geschäftswelt totale Überflieger sind. Du willst nur, dass wir genauso stolz auf dich sind.“

Ellie nickte. Ihre Lippen zitterten. Sie setzte sich auf das Sofa neben ihrer Mutter. „Das ist wirklich wichtig für mich.“

„Wir sind stolz auf dich und wir lieben dich sehr.“ Kate streckte den Arm aus und nahm ihre Hand. „Aber die einzige Leistung, die wir wirklich von dir sehen wollen, ist, dass du glücklich bist. Das macht uns stolzer als alles andere.“

„Das reicht aber nicht.“

„Da täuschst du dich aber gewaltig. Ich habe meine Entscheidung damals getroffen, weil ich deinen Vater so sehr geliebt habe, und bis zum heutigen Tag immer noch liebe. Ich bedauere nichts von dem, was ich getan habe.“

„Wirklich?“

„Ganz ehrlich.“ Sie lächelte, als ihr Mann sich zu ihr hinüberbeugte und sie auf die Wange küsste. „Ellie, wenn du eine Karriere willst, dann kriegst du das bestimmt hin. Aber das fängst du am besten mit einem guten, hilfsbereiten Mann an. Mit einem Mann wie Alex.“

„Er hat mich ja gebeten, ihn zu heiraten, aber er hat dabei kein Wort über seine Gefühle mir gegenüber gesagt. Er will einfach nur das Richtige tun.“ So viel zu dem Thema, ihre Familie stolz zu machen. „Auf weniger als Liebe lasse ich mich aber nicht ein.“

„Er versucht, das Richtige zu tun, weil er dich liebt. Man müsste schon sehr beschränkt sein, um das nicht zu erkennen“, sagte ihre Mutter. „Die Sache ist die, Süße, Männer wie Alex McKnight laufen dir nicht jeden Tag über den Weg. Vielleicht einmal im Leben, wenn du viel, viel Glück hast.“

„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Vor dem Baby hatten wir uns darauf geeinigt, dass das zwischen uns nichts Ernstes ist, und er hat mir auch keinen Grund gegeben, zu denken, dass er seine Meinung inzwischen geändert hat.“

„Er ist dir immerhin hierher gefolgt“, erklärte ihre Mutter. „Er ist deinem Vater und deinen Brüdern gegenübergetreten.“

„Du musst mit ihm reden“, warf ihr Vater ein.

Ihr Stolz wollte sie sagen lassen, dass eine Unterhaltung mit Alex eine ganz schlechte Idee wäre, aber es war wohl so langsam an der Zeit, damit aufzuhören, sich so dumm anzustellen. Irgendwann musste sie ihn sowieso wiedersehen. „Wisst ihr, wo er hier in Dallas zurzeit wohnt?“

„Dallas? Weißt du denn nicht Bescheid?“ Ihre Mutter sah sie überrascht an.

„Was?“

„Er ist nach Blackwater Lake zurückgekehrt. Er hat gesagt, du schienst dir sehr sicher zu sein, das du ihn nicht heiraten willst.“

„Also hat er die Stadt daraufhin sofort verlassen“, sagte Ellie. „Für einen verliebten Mann hat er aber ziemlich schnell aufgegeben.“

Ihr Vater warf seiner Frau einen vielsagenden Blick zu. „Ich habe deiner Mutter versprochen, dass nie wieder zur Sprache zu bringen, aber es muss jetzt einmal gesagt werden. Als dieser verlogene, betrügerische Mistkerl dich deinen ersten Job gekostet hat, bist du einfach gegangen, ohne dich zu wehren, und ohne irgendjemandem in der Firma zu sagen, was er dir angetan hat.“

„Niemand hätte mir geglaubt.“

„Deine Familie schon und nur das allein zählt“, erklärte ihr Vater. „Unterm Strich bedeutet das, egal ob du gewinnst oder nicht, du musst dich wehren, wenn du etwas wirklich willst. Wenigstens musst du dann nie zurückblicken und bedauern, dass du dir irgendetwas hast entgehen lassen.“

Ihre Mutter nickte zustimmend. „Ellie, diese schreckliche Erfahrung hat dich damals den Job gekostet. Du bist so schön, klug und talentiert und du hast eine unglaublich erfolgreiche Karriere vor dir. Aber wenn du Alex nicht sagst, was du empfindest, wird dich das dein Glück kosten.“

Außerdem den Respekt ihrer Familie. Es war schwer, zu widersprechen, wenn sie recht hatten.

„Ihr seid wirklich die klügsten Eltern der Welt.“ Sie stand auf, dann beugte sie sich vor, um erst ihrer Mutter und dann ihrem Vater einen Kuss zu geben. „Ich weiß genau, was ich jetzt tun muss.“

Ellie fuhr die Main Street in Blackwater Lake entlang und sog den Anblick in sich auf, als ob sie das alles jahrelang und nicht nur ein paar Tage nicht gesehen hätte. Die Stadt, die Berge und der See rührten sie auf eine Weise, wie es noch kein Ort je zuvor getan hatte.

Die Wahrheit war, dass Alex McKnight ihr Herz berührt hatte. Er empfand vielleicht nicht dasselbe für sie, aber wenn sie nicht wenigstens versuchte, es herauszufinden, würde sie der Zukunft nicht mit erhobenem Kopf entgegengehen können.

Man versagte nämlich nur dann, wenn man es gar nicht erst versuchte.

Die Ampel wurde jetzt grün und sie fuhr weiter, bis sie die Mercy Medical Clinic erblickte. Nachdem sie auf den Parkplatz einbog, stoppte sie ihr Mietauto genau neben Alex’ Truck. Es war wie ein Déjà-vu – die erste lange Fahrt vom Flughafen aus war ebenfalls genau an dieser Stelle zu Ende gewesen. Der Kreis hatte sich also geschlossen. Aber jetzt war alles anders. Nicht nur wegen der Tatsache, dass der Erweiterungsbau des Ärztezentrums es vom Fundament bis zur Fertigstellung gebracht hatte.

Bei ihrer Ankunft damals war ihr Ziel ursprünglich nur gewesen, ihren Lebenslauf aufzubessern. Jetzt musste sie plötzlich ihren ganzen Lebensweg neu ausrichten.

Erst einmal wollte sie die Erweiterung begutachten. An der Seite hing ein Banner, das auf das Datum der großen Eröffnung in ungefähr vier Wochen hinwies. Sie ging durch eine Hintertür in das Gebäude hinein, wo Tischler gerade dabei waren, Schränke einzubauen, und Maler die Wände mit einem beruhigenden hell goldenen Farbton versahen. Sie ging den Flur hinunter und betrat den Wartebereich. Es war gerade Mittagszeit, deshalb waren keine Patienten da.

Alex allerdings schon. Er sah müde aus, aber ansonsten schien er ganz der Alte zu sein, zuverlässig und sexy in Jeans, T-Shirt und Arbeitsstiefeln.

„Hi“, sagte sie. „Wie geht’s dir?“

„Gut. Und dir?“

Sie wusste, dass er damit das Baby meinte. „Alles bestens.“

Er musterte sie aufmerksam. Als er ihre Füße ins Visier nahm, schmunzelte er. „Rosa Turnschuhe. Ist das gerade modisch in Texas?“

„Eigentlich nicht. Eher praktisch in Montana.“

„Warum bist du hier, Ellie?“ Seine Augen verdunkelten sich. „Warum bist du zurückgekommen?“

„Ich bin hier, um zu beenden, was wir angefangen haben.“ So oder so.

„Damit meinst du aber nicht die Klinik.“

Das war zwar keine Frage, aber sie schüttelte dennoch den Kopf. „Meine Familie hat möglicherweise erwähnt, dass ich dumm wäre, dir nicht zu sagen, was ich für dich empfinde.“

Alex kam nun näher. So nahe, dass er sie umarmen könnte, aber er berührte sie nicht. „Ich höre.“

Sie hatte ihre Rede auf der langen, einsamen Fahrt vom Flughafen hierher ausgiebig geübt. „Erst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich mich nicht an die Regeln für unsere Affäre gehalten habe.“

„Wir hatten uns darauf geeinigt, dass keine Gefühle im Spiel sein würden“, sagte er.

„Richtig, und ich hatte auch bestimmt nicht vor, mich in dich zu verlieben, Alex. Das ist einfach so passiert.“ Sie holte tief Luft, denn das war der Augenblick, in dem sie ihm ihr ganzes Herz offenbarte. „Ich verstehe ja, wenn du mich nicht willst …“

„Himmel, Ellie …“ Bereits einen Herzschlag später hatte er sie in seine Arme gezogen. „Ich will dich mehr als alles andere auf der Welt.“

Er legte die Hand an ihre Wange, dann senkte er den Kopf, bis sein Mund ihre Lippen berührte, während sie die Arme um seine Taille schlang. Damit war alles gesagt, was gesagt werden musste. Sein Kuss war so voller Begierde und er hielt sie so fest, als ob er sie nie wieder loslassen wollte.

Sie waren beide ganz atemlos, als er zurückwich und ihr in die Augen sah. „Ich habe dir diese Frage schon zwei Mal gestellt, aber ich habe offenbar versäumt, zuerst das Wichtigste zu sagen.“

„Okay, dann versuch es doch noch einmal.“

„Alle guten Dinge sind schließlich drei.“ Seine Augen wurden ganz dunkel. „Ellie Hart, ich möchte, dass du mich so bald wie möglich heiratest, und das hat nichts mit Pflichtbewusstsein wegen des Babys zu tun. Die Wahrheit ist, dass ich in dich verliebt bin, und zwar schon seit dem Tag, an dem du dich geweigert hast, mit mir nach der Arbeit etwas trinken zu gehen.“

„Niemals“, sagte sie fassungslos.

„Doch.“ Er hielt die Hand immer noch an ihre Wange geschmiegt und streichelte ihr mit dem Daumen über die Lippen. „Die Sache ist die, ich habe mich schon einmal Hals über Kopf verliebt, und das mit uns kam so plötzlich und so unerwartet.“

„Wie ein Blitzschlag?“

„Genauso, und kein Mann wird nun mal gerne vom Blitz getroffen.“

„Frauen auch nicht“, sagte sie schmunzelnd.

„Das war das Letzte, was ich wollte, und ich war einfach zu stolz und zu stur, um das zuzugeben. Die beste Strategie, die mir daraufhin eingefallen ist, war eine Affäre. Aber es ist so, dass ich dir einfach nicht widerstehen konnte. Ich liebe dich, Ellie Hart!“

„Warum hast du Dallas dann verlassen?“

„Dein Vater hat gedacht, das wäre ein ganz guter Plan. Ein Weg, dich zur Vernunft zu bringen und deine Mom hat zugestimmt.“

Sie war viel zu glücklich, um ihm zu sagen, wie verdreht dieser Plan war. Obwohl er ja tatsächlich funktioniert hatte. „Ich wusste, dass meine Eltern auf deiner Seite sind.“

„Das ist doch gut. Deine Brüder mögen mich auch.“

Sie lächelte. „Heißt das, es würde dir nichts ausmachen, in Dallas zu leben?“

Als er antwortete, konnte sie die Wahrheit in seinen Augen sehen. „Wenn du meine Frau wirst, dann bin ich sogar bereit, auf dem Mond zu leben. Solange wir nur zusammen sind, werde ich überall glücklich sein, ganz egal wo.“

„Das ist gut, denn nichts würde mich glücklicher machen, als deine Frau zu werden und hier in Blackwater Lake mit dir zu leben.“

Sein Lächeln war so unerwartet und so glücklich, dass ihr fast die Knie weich wurden. Er hob sie ausgelassen hoch und drehte sich mit ihr im Kreis. „Alles, was du willst.“

Sie lachte und hielt sich fest. Das Leben mit diesem Mann würde ganz schön aufregend sein. Als er sie absetzte, sagte sie: „Du kannst das leugnen so viel, wie du willst, aber ich kenne die Wahrheit.“

„Und die wäre?“

„Du bist und bleibst mein McKnight – mein Ritter in schimmernder Rüstung.“

– ENDE –

IMPRESSUM

Zum Küssen, diese Nanny! erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2014 by Teresa Southwick
Originaltitel: „Finding Family…and Forever?“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA
Band 33 - 2016 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Anna-Pia Kerber

Umschlagsmotive: GettyImages_olegbreslavtsev

Veröffentlicht im ePub Format in 11/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751504249

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Ich bin nicht auf der Suche nach einer Ehefrau.“

„Dann sind wir uns ja einig. Als ich meine Bewerbung losschickte, habe ich nämlich eindeutig Nanny angekreuzt, nicht Ehefrau.“

Doktor Justin Flint starrte die junge Frau an, die ihm gegenüber am Schreibtisch saß. Ihr Name war Emma Roberts, und abgesehen von ihren tadellosen Referenzen hatte sie offenbar auch einen Sinn für frechen Humor.

Das änderte natürlich nichts an der Tatsache, dass sein Kommentar vollkommen unangebracht gewesen war. Warum war ihm das herausgerutscht? Wollte er sie entmutigen? Emma Robbins entsprach einfach nicht seiner Vorstellung einer Nanny.

Sie war schlicht viel zu hübsch für den Job.

Aber das hätte er ihr niemals gesagt. Einem plastischen Chirurgen, der gerade seinem luxuriösen Leben in Beverly Hills den Rücken gekehrt hatte, um nach Blackwater Lake in Montana zu ziehen, war auch ein bisschen mehr Verstand zuzutrauen. Zumindest genug Verstand, um nicht noch einmal auf ein hübsches Gesicht hereinzufallen.

„Entschuldigung.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. „Das soll nicht arrogant klingen, aber leider musste ich bereits die Erfahrung machen, dass Frauen sich von dieser Stelle … mehr erwarten. Aber Sie sollen sich schließlich um Kyle kümmern – nicht um mich.“

„Sie haben recht. Das klingt ziemlich arrogant.“ Sie zeigte ihm ein freches Lächeln, das sie allerdings noch viel hübscher aussehen ließ. „Aber ich erkenne den besorgten Vater in Ihnen. Und das verstehe ich sehr gut. Also seien Sie gewiss: Mein Interesse gilt ausschließlich dem Job. Nicht Ihnen.“

„Schön.“ Sehr schön. Auch wenn er nicht leugnen konnte, dass ein kleines bisschen an seinem Ego kratzte. „Na gut. Das Vorstellungsgespräch hat nicht ideal begonnen. Und das war allein meine Schuld. Bitte glauben Sie mir, für gewöhnlich gehe ich die Dinge professioneller an.“

„Das habe ich nicht anders erwartet. Ich kann mir gut vorstellen, warum die Ladys mit Ihnen flirten möchten. Aber ich gehöre nicht dazu.“

Würde er noch immer in Beverly Hills leben, hätte er die Auswahl der Nanny einer Agentur überlassen. Aber hier in der Kleinstadt musste er sich selbst darum kümmern. Er hatte eine Anzeige in der Lokalzeitung aufgegeben und sich bei der Suche auf die Empfehlungen von Kollegen aus der Mercy Medical Klinik gestützt.

Das Ergebnis waren sechs potenzielle Kandidatinnen. Vier von ihnen waren allerdings schon ausgeschieden. Für Justins Geschmack hatten sie ein bisschen zu viel mit den Wimpern geklimpert und dabei vergessen, dass die eigentliche Hauptperson der zehn Monate alte Kyle war.

Justin überflog den Bewerbungsbogen. „Also, Miss Robbins. Sie kommen aus Kalifornien?“

„Richtig, Studio City. Das ist im San Fernando Valley, nördlich von Los Angeles.“

„Ein weiter Weg bis Blackwater Lake.“

Sie lächelte. „Das stimmt.“

Er kannte die Gegend gut. Emma Robbins hatte also ebenfalls nahe der Glitzerwelt gewohnt, wo er jahrelang als plastischer Chirurg gearbeitet hatte. Mit ihrem Gesicht hätte sie dort gute Chancen auf eine Karriere gehabt. Zusammen mit unzähligen anderen Stars und Sternchen, die die Straßen von Beverly Hills bevölkerten.

Für eine Sekunde verharrte sein Blick prüfend auf ihrem Gesicht. Nein. Diese Frau hatte nicht Hand anlegen lassen. Sie war eine vollkommen natürliche Schönheit. Mit diesen Gesichtszügen brauchte sie nicht einmal Make-up, um vor einer Kamera glamourös auszusehen.

Ihr langes, glänzendes Haar fiel ihr über die Schultern und war von einer warmen, dunkelbraunen Farbe, durchzogen von goldenen Strähnchen. Ihre großen dunkelbraunen Augen wurden von dichten, schwarzen Wimpern eingerahmt. Aber was Justin am meisten in den Bann zog, war ihr Mund. Die vollen, geschwungenen Lippen ließen nur einen Gedanken aufkommen: Das waren Lippen zum Küssen.

So viel zum Thema Verstand.

Er räusperte sich. „Was hat Sie nach Blackwater Lake geführt, Miss Robbins?“

„Urlaub.“

„Waren Sie schon einmal hier?“

„Nein.“

„So. Und während andere Urlaub in Hawaii machen, zieht es Sie in diese nette Kleinstadt in den Bergen.“ Seine Gedanken machten eine unwillkommene Wende. In einem Bikini würde sie mit Sicherheit für Aufsehen sorgen.

Dabei war sie gerade alles andere als aufreizend angezogen. Mit dem tadellosen weißen Blusenkragen, der unter ihrem marineblauen Pullover hervorlugte, wirkte sie eher wie ein adrettes College-Mädchen. „Ich frage nur, um Sie besser kennenzulernen.“

Sie zögerte. Bildete er sich das ein, oder mied sie plötzlich seinen Blick?

„Es klingt vielleicht albern“, sagte sie schließlich, „aber eines meiner Lieblingsbücher spielt in Montana. Ich habe ein wenig recherchiert. Angeblich ist Blackwater das neue Aspen – nur noch nicht so überlaufen von Ski-begeisterten Touristen. Also dachte ich mir, ich sehe es mir mal an.“

„Und – gefällt es Ihnen?“

„Es ist wunderschön hier“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Die Berge sind so majestätisch, und der See ist wirklich bezaubernd. Außerdem gibt es hier den schönsten und blausten Himmel, den ich je gesehen habe.“

Justin nickte. Er empfand ganz genauso. Allerdings beantwortete das nicht die Frage, ob die junge Frau wirklich dauerhaft hierbleiben wollte. „Sehen Sie, ich möchte ehrlich zu Ihnen sein. Über meine derzeitige Lebenssituation.“

„Das würde ich sehr begrüßen, Dr. Flint.“ Ihr Tonfall war plötzlich ungewohnt ernst. Womöglich war jemand in der Vergangenheit nicht so ehrlich mit ihr umgegangen.

„In Beverly Hills hatte ich eine sehr zuverlässige Nanny für Kyle. Zurzeit wohnt sie hier in meinem Haus, aber sie wird nicht mehr lange bleiben. Es ist nicht so, als würde es ihr hier nicht gefallen. Aber sie hat eigene Kinder, die sie sehr vermisst, und ihre Tochter bekommt bald ein Baby.“

„Und sie möchte zurück, um ihrem Enkelkind nahe zu sein“, beendete sie seinen Satz. „Das ist mehr als verständlich.“

„Ich konnte sie überzeugen, noch zwei Wochen zu bleiben. So kann ich jemand anderen für Kyle finden. Und er hat Zeit, sich umzugewöhnen. Ich möchte, dass ihm die Veränderung so leicht wie möglich fällt.“

Emma Robbins nickte verständnisvoll. Dann zeigte sie auf das Babyfoto, das auf Justins Schreibtisch stand. „Darf ich?“

„Selbstverständlich.“

„Oh, das ist aber ein Hübscher. Ganz der Vater.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Das war kein Flirtversuch, versprochen. Ich wollte nur sagen, dass er Ihnen sehr ähnlich sieht. Mehr nicht.“

Wortlos nahm Justin das Foto entgegen. Es gefiel ihm, was sie darin sah. Wenigstens hatte Kyle etwas Gutes von ihm geerbt. Er hoffte bloß, dass sein Sohn irgendwann ein besseres Urteilsvermögen beweisen würde, wenn es um Frauen ging.

„Jedenfalls will ich nur das Beste für ihn“, nahm Justin das Gespräch wieder auf. „Und ich wünsche ihm Stabilität und Kontinuität. Können Sie das garantieren?“

In Wahrheit war diese Frage völlig unerheblich. Denn niemand konnte im Leben für irgendetwas garantieren. Justin wusste das besser als jeder andere. Und wenn die heiligen Mutter- und Ehepflichten seine Frau nicht davon abgehalten hatten, ihren eigenen Weg zu gehen – wie sollte dann ein einfacher Arbeitsvertrag eine völlig Fremde dazu bewegen, ihm Versprechungen zu machen?

Kyles Mutter hatte ihren Sohn im Stich gelassen. Immer und immer wieder. Seit ihrem Tod hatte Justin sich geschworen, zumindest die beste Nanny für ihn zu finden.

„Dr. Flint“, begann Emma und beugte sich zu ihm. „Ich merke, wie wichtig Ihnen diese Aufgabe ist. Und ich merke, dass Sie sehr vorsichtig sind. Selbst wenn ich Ihnen versprechen würde, mich bestmöglich um Ihren Sohn zu kümmern, wären Sie wahrscheinlich nicht restlos überzeugt.“

Sie breitete die Arme aus. „Deshalb mache ich einen Vorschlag. Sie können gern sämtliche meiner Referenzen überprüfen. Ich habe Frühpädagogik studiert. Und ich hatte bereits mehrere Jobs in dieser Richtung. Rufen Sie meine ehemaligen Arbeitgeber an, wenn Sie möchten. Und wenn Sie sich damit wohler fühlen, können wir zunächst einen befristeten Vertrag schließen und schauen, wie es läuft. Wenn einer von uns nicht zufrieden damit sein sollte, können wir uns noch immer etwas anderes überlegen.“

Das war eine vernünftige Lösung, aber noch war Justin nicht bereit einzuwilligen. „Was ist mit Ihrem Leben in Kalifornien?“

„Was genau möchten Sie wissen?“

„Haben Sie dort Familie? Freunde? Müssen Sie ein Haus verkaufen oder vermieten?“ Gab es einen Mann in ihrem Leben?

Zu seinem Ärger war das die Frage, die ihn am meisten beschäftigte. Na schön, sie sah gut aus. Sehr gut. In ihrem Leben gab es mit Sicherheit einen Mann. Und selbst wenn sie keinen festen Freund hatte, standen die jungen Männer bestimmt Schlange, um mit ihr auszugehen.

Emma lehnte sich wieder zurück und schlug die Beine übereinander. „Ich habe keine Familie. Ich bin ein Einzelkind, mein Vater ist gestorben als ich zehn war. Meine Mutter starb vor einem knappen Jahr.“

„Das tut mir sehr leid.“

„Danke.“ Ihr Mund wurde zu einer schmalen Linie. Es hatte beinahe den Anschein, dass sich hinter der Trauer noch etwas anderes verbarg. Aber was es auch war – Wut, Ärger oder Enttäuschung –, eine Sekunde später schien sie das Gefühl wieder vollkommen abgestreift zu haben. „Meine Mutter hat mir ihr Haus vererbt, aber es gibt da jemanden, der sich darum kümmert.“

Am liebsten hätte er gefragt, ob es sich bei dem jemand um einen Mann handelte, aber diese Frage war ebenfalls unangebracht.

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür seines Büros. Es war die Arzthelferin Ginny Irwin, die Justin darüber informierte, dass sein erster Nachmittagspatient eingetroffen war. Bevor sie die Tür wieder schloss, warf sie einen neugierigen Blick auf Emma Robbins.

Willkommen in der Kleinstadt, dachte Justin. Er erhob sich. „Ich denke, das war’s fürs Erste.“

Als die junge Frau ebenfalls aufstand, wurde Justin bewusst, wie zierlich sie war. Ihre schmale Gestalt weckte unwillkürlich seinen Beschützerinstinkt.

„Nur eins noch“, sagte sie und sah ihn direkt an.

„Ja?“

„Ich möchte diesen Job wirklich. Und ich kann sehr gut mit Kindern umgehen.“

„Gut. Allerdings gibt es noch eine letzte Bewerberin um den Job.“

„Bitte lassen Sie mich wissen, wie Sie sich entschieden haben. So oder so.“

„Das werde ich. Und ich werde Ihre Referenzen gründlich überprüfen.“

„Das habe ich nicht anders erwartet.“ Sie lächelte. „Und ich werde dasselbe tun.“

Er hob die Braue. „Bitte?“

„Es handelt sich um eine Vollzeitstelle, richtig? Ich muss doch wissen, mit wem ich unter einem Dach wohne.“

Justin zog die Stirn kraus. „Das stimmt. Auch wenn ich Ihnen versichere, dass es nur im Interesse meines Sohnes ist. Immerhin muss jemand im Haus sein, wenn ich nachts zu einem Notfall gerufen werde.“

„Ich verstehe. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Dr. Flint.“ Sie streckte die Hand aus.

Justin ergriff sie. Als er ihre zarten Finger berührte, war ihm, als würde ein Funke überspringen. Seine Haut begann zu prickeln.

Bitte lass die nächste Bewerberin Mary Poppins sein, bat er im Stillen.

Denn obwohl Emma Robbins die bisher am besten qualifizierte Nanny war, hatte er Skrupel, sie einzustellen.

Er nahm sie überdeutlich wahr. Als Frau.

Und das war kein gutes Zeichen.

Emma folgte dem Weg den Hügel hinauf und parkte den Wagen vor Justin Flints beeindruckendem Heim.

Es war ein hübsches zweistöckiges Haus in bester Lage, mit Blick auf den Blackwater Lake. Emma atmete tief ein, stieg aus dem Auto und sah sich aufmerksam um. Eine breite Veranda verlief um das Haus und gab auf der Frontseite den Eingang frei. Drei Stufen führten zu einer großzügigen Doppeltür aus geätztem Glas, durch die warmes Licht fiel.

„Heimelig“, murmelte Emma leise. Sie musterte die Schaukelstühle, die jemand einladend auf der hölzernen Veranda platziert hatte. Mit so viel Wohnlichkeit hatte sie gar nicht gerechnet. Vielmehr mit kühlem, modernem Beverly-Hills-Schick.

Nachdem sie die Stufen hinaufgegangen war, drückte sie auf den Klingelknopf. Im Inneren des Hauses vernahm sie Schritte. Sie straffte sich.

Doch es war nicht Dr. Flint, der ihr die Tür öffnete, sondern eine füllige blonde Frau um die Fünfzig. Sie schenkte Emma ein warmes Lächeln und streckte die Hand aus. „Ich bin Sylvia Foster.“

„Emma Robbins. Freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Sie werden also meine Nachfolgerin.“ Ein gutmütiges schelmisches Glitzern lag in ihren blauen Augen.

„Das hoffe ich. Vorerst bin ich einfach nur froh, zu einem zweiten Vorstellungsgespräch eingeladen worden zu sein“, räumte Emma ein. Sie war überrascht gewesen, als Justin angerufen hatte. Nach der Verabschiedung in der Klinik hatte sie sich wenig Hoffnung gemacht.

„Ich sollte Ihnen das vielleicht nicht sagen, aber er ist verzweifelt. Ich musste ihm ein Ultimatum setzen, auch wenn es mir das Herz zerreißt. Es fällt mir wirklich schwer, die beiden im Stich lassen zu müssen“, erklärte Sylvia bedauernd.

„Ich kann verstehen, dass Sie bei der Geburt Ihres Enkels dabei sein wollen.“

„Es wird ein Junge“, verkündete die ältere Dame jetzt voll Stolz. „Ich bin wirklich hin- und hergerissen. Ich werde Kyle schrecklich vermissen, aber meine eigenen Kinder wohnen nun einmal in Kalifornien. Ebenso wie meine Schwester und mein Bruder. Ich möchte wirklich bei meiner Familie sein.“

In diesem Augenblick drang leises Kindergebrabbel aus dem Flur. Sylvia machte einen Schritt beiseite, sodass Emma einen Blick in den geschmackvollen, mit warmen Holzdielen ausgelegten Flur werfen konnte.

Ein niedliches Baby, das unverkennbar Dr. Justin Flints Sohn sein musste, krabbelte mit erstaunlich schneller Geschwindigkeit auf die Haustür zu.

„Kyle Flint“, tadelte Sylvia gutmütig. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du dich davonstehlen kannst.“ Sie bückte sich, um den Jungen aufzuhalten, doch Emma ließ sich auf der Veranda auf die Knie sinken und bat: „Wäre es in Ordnung, wenn er für einen Augenblick nach draußen kommt? Immerhin hat er sich so viel Mühe gegeben. Eine kleine Belohnung für seinen Forschungsdrang kann doch nicht schaden.“

„Mir gefällt, wie Sie denken.“ Sylvia lächelte. „Bitte. Er gehört Ihnen.“

Emma wartete, bis der Kleine vorsichtig die Schwelle überquert hatte. Er robbte auf die Veranda, begab sich wieder auf alle viere und kam zu ihr herüber. Aufmerksam musterte er sie aus großen grauen Augen. Er hat die Augen seines Vaters, dachte Emma unwillkürlich. Und den gleichen forschenden Gesichtsausdruck.

„Hallo, du Hübscher.“ Sie ließ ihm Zeit. Er sollte sich ganz langsam an sie gewöhnen, auch wenn sie ihn am liebsten gleich auf den Arm genommen und geknuddelt hätte.

Zwei Minuten später kroch er noch näher auf sie zu, stützte sich auf ihren Oberschenkel und versuchte, sich hochzuziehen. „Hat er schon die ersten Schritte gemacht?“

Sylvia schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist noch ein bisschen zögerlich.“

Genauso fühlte sich Emma auch. Sie zögerte ebenfalls, den ersten Schritt zu machen – immerhin gab es einen bestimmten Grund, warum sie nach Blackwater Lake gekommen war.

Hier lebten ihre leiblichen Eltern. Die Frau, die sie ihr Leben lang als ihre Mutter gekannt hatte und die vor einem Jahr verstorben war, hatte sie jahrelang belogen. Erst kurz vor ihrem Tod hatte sie Emma gestanden, dass sie sie als Baby entführt und danach als ihr eigenes Kind ausgegeben hatte.

Geraubt von einem Paar, das hier in Blackwater Lake lebte.

Emma hatte einige Tage lang völlig unter Schock gestanden. Bis heute fiel es ihr schwer, das ganze Ausmaß des Geständnisses zu begreifen.

Dann war sie in die idyllische Kleinstadt gefahren. Bei ihrem ersten Besuch hatte sie dreieinhalb Wochen in Blackwater Lake verbracht und herausgefunden, dass ihre leiblichen Eltern ein Restaurant besaßen. Es schien gut zu laufen, und sie wirkten jedes Mal sehr beschäftigt, wenn Emma sie aus der Ferne beobachtete.

Noch hatte sie allerdings nicht den Mut aufgebracht, ihnen die Wahrheit zu sagen.

Vielleicht würde sie ihn niemals aufbringen. Vielleicht würde sie alles nur noch schlimmer machen, wenn sie diesen fremden Menschen nach all der Zeit gegenübertrat. Immerhin schien es, als hätten sie sich nach dem Verlust zusammengerissen und weitergemacht. Sie hatten einen – wenn auch zerbrechlichen – Frieden gefunden. Warum also ihre Welt noch einmal auf den Kopf stellen und womöglich alles zerstören?

Der kleine Junge zupfte an ihrem Hosenbein. „Hey, Kleiner“, sagte Emma sanft. „Du bist wirklich zum Anbeißen süß.“

„Er wird mit Sicherheit einige Herzen brechen, wenn er groß ist. Genau wie sein Vater“, bemerkte Sylvia mit einem Lächeln.

Emma begann sich zu fragen, warum Justin Frauen gegenüber diese Abwehrposition einnahm. Wollte er sie wirklich vor einem gebrochenen Herzen schützen?

Er war immerhin Arzt. Eine Person, die andere Menschen heilte, anstatt ihnen Leid zuzufügen. Oder war er noch immer zu tief verstrickt in den Kummer über den Tod seiner Frau?

Emma hatte einige Recherchen angestellt und herausgefunden, dass seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Es gab erstaunlich viele Berichte über den smarten Chirurgen aus Beverly Hills, der nach dem tragischen Tod seiner Frau Ruhm und Geld aufgegeben und sich aus der Glamour-City zurückgezogen hatte.

Beim Geräusch eines herannahenden Wagens drehte Emma sich um. Ein teurer silberner SUV fuhr auf das Haus zu und parkte neben dem kleinen Mietauto, das sie am Flughafen entgegengenommen hatte.

Dr. Justin Flint war zu Hause. Und wenn dieses zweite Interview so gut lief, wie Emma es sich erhoffte, würde sie ihr eigenes Auto aus Kalifornien herbringen lassen müssen. Und weitere Schritte planen.

„Daddy ist da, Kyle.“ Sylvia klatschte in die Hände.

„Da…“, gab das Baby gurgelnd zurück.

„Kluger Junge“, bemerkte Emma. Sie erhob sich und streckte Kyle die Arme entgegen. Erst nachdem er ebenfalls die Ärmchen nach ihr ausstreckte, hob sie ihn hoch und verlagerte sein Gewicht auf ihre Hüfte. „Wow. Du bist ja ganz schön schwer.“

Justin stieg aus dem Auto und kam auf sie zu. Dafür, dass er unendlich müde wirkte, sah er umwerfend gut aus. Sein kurzes dunkles Haar wirkte zerwühlt, als wäre er im Laufe des Tages mehrere Male mit den Fingern hindurchgefahren.

Der Ausdruck in seinen stahlgrauen Augen wurde weicher, als sein Blick auf seinen Sohn fiel. Für den Bruchteil einer Sekunde war es, als könne man zusehen, wie die Tür zu seiner Seele weit geöffnet wurde. Seine Gefühle waren so offen an seinem Gesichtsausdruck ablesbar, dass es Emmas Herz zusammenzog.

Ganz gleich, wie attraktiv dieser Mann war: Erst in diesem verletzlichen Moment wurde er für Emma unwiderstehlich.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, entschuldigte er sich und trat neben Emma. „Es gab einen Notfall.“

„Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert.“ Unwillkürlich wiegte sie das Baby auf ihrer Hüfte sanft hin und her. Derweil hatte Kyle die Kette entdeckt, die um ihren Hals lag, und griff nach dem kleinen Schmetterlingsanhänger.

„Ein kleines Mädchen hat ein Glas zerbrochen und sich geschnitten.“ Er folgte Emmas Bewegungen aufmerksam. Seine Augen schienen eine Spur dunkler zu werden.

„Geht es ihr gut?“

„Ich habe ihr hoch und heilig versprochen, dass die Narben auf ihren Knien nicht mehr zu sehen sein werden, wenn sie ihre Cheerleader-Uniform trägt.“

„Sie sind ein Held“, sagte Sylvia mit einem Lächeln.

„So würde ich das nicht sagen. Ich habe nur meinen Job gemacht.“ Er streckte die Arme nach Kyle aus. „Hey, Kumpel. Bekomme ich eine Umarmung?“

Der Junge zögerte und vergrub das Gesicht in Emmas Schulter. Natürlich war das nicht ihre Schuld. Doch natürlich war es nicht das, was sich ein Vater erwartete, der den ganzen Tag hart gearbeitet und sich auf seinen Sohn gefreut hatte.

„Das ist ungewöhnlich“, gab Sylvia zu bedenken. „Aber wissen Sie was? Ich habe ein gutes Gefühl bei Emma. Kyle scheint sie zu mögen.“

„Das sagen Sie nur, weil es Ihnen dann leichter fällt, sich aus der Affäre zu ziehen.“

„Das ist wirklich gemein von Ihnen, Dr. Flint. Mein schlechtes Gewissen hat ohnehin schon biblische Ausmaße angenommen. Sie müssen es nicht noch schlimmer machen.“

„Würde ich das je tun?“

Die ältere Nanny zwinkerte Emma zu. „Ohne mit der Wimper zu zucken.“

„Gehen wir ins Haus“, meinte der Chirurg. Ob er verärgert war, ließ er sich nicht anmerken.

Im Foyer sah Emma sich bewundernd um. Die Eingangshalle wurde zu beiden Seiten von breiten Treppen beherrscht, die in das obere Stockwerk führten. In der Mitte der Halle befand sich ein kleiner runder Tisch, auf dem eine Vase mit frischen Blumen stand.

Zur Linken befand sich ein großes, elegantes Esszimmer mit einem langen Tisch, an dem acht holzgeschnitzte Stühle Platz fanden. Zur Rechten befand sich das Wohnzimmer, in dem eine ausladende Couch und mehrere bequeme Sessel standen. Zu ihrer großen Freude entdeckte Emma sogar einen Kamin.

Sie ließen Ess- und Wohnzimmer hinter sich und gingen in den hinteren Teil des Erdgeschosses, wo sich die Küche befand. Auf dem Weg dorthin begann der Junge auf Emmas Armen zu zappeln. „Da!“

Justin nahm ihn ihr behutsam ab. „Na, Großer? Hast du mich vermisst?“ Er kitzelte den Jungen an der Nase, und Kyle quietschte vergnügt.

„Ich werde Kyle etwas zu essen machen, während Sie mit Miss Robbins sprechen“, schlug Sylvia vor.

„Das wäre schön. Danke.“ Justin überließ den Jungen der Obhut des Kindermädchens und führte Emma in sein Büro. Dort forderte er sie auf, in einem der bequemen Ledersessel Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

Emma sah sich neugierig um. „Ihre Einrichtung ist überraschend wohnlich und … gemütlich.“

„Warum überraschend?“

Emma hätte sich ohrfeigen können, dass sie ihre Beobachtung laut ausgesprochen hatte. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

„Nun, ich habe ein bisschen recherchiert, und Sie … Sie waren der Superstar-Chirurg in Beverly Hills. Der Mann, zu dem Stars gehen, wenn sie eine neue Nase wollen. Oder Lippen. Oder …“ Sie senkte den Blick auf ihr Dekolleté, das ihr plötzlich ziemlich kläglich vorkam. Als sie wieder aufsah, bemerkte sie den amüsierten Ausdruck in seinen Augen. „Und so weiter“, beendete sie tapfer den Satz.

„Das war nicht meine einzige Aufgabe.“

„Ich weiß. Ärzte ohne Grenzen. Ihre Reisen nach Zentralafrika, wo Sie Kinder mit Kiefer-Gaumen-Spalte behandelt haben. Und obendrein widmen Sie Ihre Zeit der Organisation Heal the Children.“

„Wissen Sie, bei meiner Arbeit geht es um mehr als Schönheit.“ Er lehnte sich vor und stützte die Unterarme auf die Schreibtischplatte. „Die meisten Menschen, die zu mir kommen, sind nicht einfach mit ihrer Nase unzufrieden. Es geht nicht um kosmetische Eingriffe, sondern um Rekonstruktion. Die plastische Chirurgie ist dafür zuständig zu formen – nicht zu verbessern.“

„Sehr interessant.“

„Ich behebe Missbildungen, die durch Verletzungen, Infektionen oder Krankheiten entstanden sind. Durch Krebs zum Beispiel. Man versucht, das äußere Erscheinungsbild wieder dem ursprünglichen Zustand anzupassen, denn sonst kann es zu einem traumatischen Schock kommen. Und zu Depressionen. Das Äußere wirkt auf den Seelenzustand. Die Patienten beginnen sich zu fragen, wer sie sind.“

Emma hatte sich diese Frage jeden Tag seit dem Tod ihrer Mutter gestellt. Aber die plastische Chirurgie konnte ihr leider keine Antwort darauf geben. Die beste Behandlung der Welt konnte ihr nicht zurückgeben, was sie verloren hatte – ein Leben mit ihren leiblichen Eltern.

„Kann es sein, dass Sie sich Sorgen um die Reputation ihres Berufsstandes machen? Oder warum legen Sie mir das alles so genau dar?“

„Nein. Vielleicht.“ Sein Lächeln war zu einem Drittel verlegen, zu einem Drittel schüchtern und zu einem Drittel unverschämt sexy. „Sorry. Seit ich in Blackwater Lake arbeite, muss ich mich ständig erklären – gegenüber Leuten, die Angelina Jolies Lippen haben möchten. Oder George Clooneys Kinn.“

„Wirklich? Männer?“

„Sie wären überrascht.“

„Nur damit das klar ist, ich finde Ihre Arbeit überaus beeindruckend.“ Bevor er etwas erwidern konnte, hob sie die Hand. „Keine Angst. Das war kein Flirtversuch. Ich sage nur, was ich denke.“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass ich derjenige bin, der sich um einen Job bewirbt?“

„Sie haben doch bloß über Ihren Job gesprochen, um Ihr Berufsbild klarzustellen.“

„Das ist eine sehr nette Art auszudrücken, dass ich mich gern reden höre.“ In seinen Augen glomm ein amüsiertes Funkeln. Ganz anders als die dunklen grauen Sturmwolken, die manchmal in seinem Blick aufzogen.

„Hey, das haben Sie gesagt!“ Es gefiel ihr, dass er sich selbst nicht so ernst nahm.

„Stimmt. Dann verraten Sie mir etwas. Warum sind Sie so überrascht, dass mein Haus gemütlich ist?“

Oh oh. Er hatte den Kommentar doch nicht vergessen. Sie holte tief Atem. „Sie haben in Beverley Hills eine Menge Geld verdient. Vielleicht habe ich deswegen etwas anderes erwartet. Mehr Chrom. Und Glas. Irgendwelche teuren Skulpturen. Und Küchengeräte im Wert eines Kleinwagens.“

Sein Mund zeichnete eine schmale Linie. „Das gehörte alles zu meinem alten Leben. Jetzt lebe ich in Montana. Ich wollte eine Veränderung.“

„Weil Sie Ihre Frau verloren haben?“ Emma biss sich erschrocken auf die Lippe. Das hätte sie nicht sagen sollen. Jetzt konnte sie den Job vergessen.

Und falls sie jemals den Mut aufbringen sollte, ihrer leiblichen Mutter die Wahrheit zu sagen, musste sie sie unbedingt fragen, von wem sie das Talent geerbt hatte, sich um Kopf und Kragen zu reden. „Entschuldigung. Das geht mich nichts an. Außerdem wollten Sie ja die Fragen stellen.“

„Das wollte ich, aber das ist ein wichtiges Thema. Kyle wird seine Mutter niemals kennenlernen. Wer sich um ihn kümmern will, wird sich früher oder später damit auseinandersetzen müssen.“

„Selbstverständlich. Sie wollen ihr Andenken bewahren.“

„Für meinen Sohn.“

Und für Sie, wollte Emma hinzufügen. Doch der Ausdruck in seinen Augen hielt sie davon ab. Vermutlich war es für ihn zu schmerzvoll, über seine Frau zu sprechen. Und aus diesem Grund hatte er Beverly Hills den Rücken gekehrt. Bestimmt tat es ihm weh, ständig an sie erinnert zu werden.

An die Frau, die er geliebt hatte.

Trotzdem wollte er Kyle keine Antworten verwehren. Und nach ihrer eigenen Geschichte wusste Emma, wie wichtig das war. Das Wissen um die eigene Herkunft war unbezahlbar.

Um das Gespräch wieder leichter zu machen, sagte sie: „Ihr Sohn ist wirklich bezaubernd.“

„Er kann mich jedenfalls immer um den Finger wickeln.“ Sein Tonfall wurde ebenfalls weicher. „Und er scheint Sie zu mögen. Deswegen wollte ich das zweite Vorstellungsgespräch hier im Haus: Ich wollte sehen, wie er auf Sie reagiert.“

„Verstehe.“

Er sah sie aufmerksam an. „Ich habe außerdem Ihre Referenzen überprüft. Es scheint, als seien Sie über jeden Zweifel erhaben. Jeder Ihrer ehemaligen Arbeitgeber hat mir versichert, ich wäre ziemlich dumm, wenn ich Sie nicht einstellen würde.“

„Das freut mich zu hören.“

„Und mich hat es ehrlich gesagt sehr erleichtert, nur Gutes zu hören. Deswegen habe ich beschlossen, im Endeffekt Kyle die Entscheidung zu überlassen.“

Emma lächelte. „Und? Was hat er Ihnen zugeflüstert?“ Sie hatte überhaupt keine Bedenken, was den Jungen anging. Schon in den ersten paar Sekunden hatte sie gespürt, dass sie eine starke Bindung zu ihm aufbauen konnte.

Was ihr viel mehr Sorgen bereitete, war der Vater. Zu ihm durfte sie keine Bindung aufbauen – zumindest nicht mehr als die einer Angestellten. Ihr Leben war ohnehin kompliziert genug. Wenn sie sich zu ihrem Boss hingezogen fühlte, machte es das bestimmt nicht einfacher.

Eigentlich hätte sie gleich die Finger von diesem Job lassen sollen. Aber der Mann brauchte dringend eine Nanny. Und sie brauchte dringend eine Anstellung, wenn sie in Blackwater Lake bleiben wollte.

Justins Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Er hat mir gesagt, dass Sie ein guter Mensch sind“, beantwortete er ihre Frage. „Im Ernst: Ich habe gehört, dass Babys sofort bemerken, ob jemand gute Absichten hat. Oder ihnen etwas vormacht. Aber Kyle hat Ihnen sofort vertraut. Für mich war das ausschlaggebend.“

„Das freut mich sehr. Ich habe ihn auch sofort gemocht.“

Justin erhob sich und ging um den Schreibtisch herum. Vor Emmas Stuhl blieb er stehen. „Das war offensichtlich. Also, wann können Sie anfangen?“

„Sofort.“ Am liebsten hätte sie einen kleinen Freudentanz aufgeführt, aber das war wohl kaum angebracht. Stattdessen faltete sie bescheiden die Hände im Schoß.

„Sehr gut.“ Er dachte einen Moment nach. „Sylvia wird in zwei Wochen nach Kalifornien zurückkehren. Es wäre schön, wenn Sie bis dahin mit ihr gemeinsam arbeiten würden. Um Kyle den Übergang leichter zu machen.“

„Das ist eine gute Idee. Ich weiß das sehr zu schätzen, Dr. …“

„Lassen Sie uns doch Du sagen! Ich bin Justin.“

„Okay, gern.“ Ein schöner Name. Für einen schönen Mann, dachte sie insgeheim. „Emma, aber das weißt du ja schon.“ Mit einem leisen Lächeln nahm sie die Hand, die er ausgestreckt hatte.

„Ich habe einen befristeten Vertrag ausgearbeitet, genau wie wir es besprochen hatten. Bitte lies ihn dir durch und unterschreib auf der zweiten Seite. Emma.“

Es war, als würde er den Klang ihres Namens austesten. Und so, wie er ihn aussprach, sandte er einen leisen Schauer über ihren Rücken.

Mit mühsam unterdrückter Aufregung überflog Emma den Text und nahm den Kugelschreiber entgegen, den Justin ihr reichte. „Willkommen bei uns, Emma.“

„Freut mich.“

Sie war zwar nicht sicher, ob ihr diese Anstellung auch den gewünschten Erfolg mit ihrer eigenen Familie bescheren würde, aber zumindest gewann sie auf diese Weise wertvolle Zeit.

Außerdem vertraute sie auf ihre Stärken und wusste, dass Justin die richtige Wahl getroffen hatte. Wenigstens als Nanny würde sie ihn nicht enttäuschen.

Dennoch fühlte sie sich wie eine Schwindlerin. Immerhin hatte sie ihm nicht gesagt, warum sie wirklich nach Blackwater Lake gekommen war. Sie wusste ja nicht einmal, wer sie in Wirklichkeit war. Ihr ganzes Leben war eine Lüge.

Und welcher Mann wollte schon eine Lügnerin als Nanny?

2. KAPITEL

Zwei Wochen später war Sylvia abgereist, und Justin hatte die erste Nacht allein mit Emma im Haus verbracht. Nun, natürlich nicht allein – auch wenn das eine interessante Sichtweise war.

Eine Sicht, die ihm neu war. Immerhin waren ihm solche Gedanken nie gekommen, als er noch mit Sylvia zusammengewohnt hatte.

Während er ins Badezimmer ging, um sich zu rasieren, nahm er den intensiven Duft von Kaffee wahr, der aus der Küche drang. Er brauchte einige Minuten länger als üblich vor dem Spiegel und ertappt sich dabei, wie er die gründlichste Rasur seines Lebens vornahm.

Außer Justins Schlafzimmer im ersten Stock gab es noch fünf weitere Räume im Haus. Emma bewohnte einen im Erdgeschoss. Er verfügte über ein angeschlossenes Gästebad und lag direkt neben Kyles Spielzimmer.

Bisher hatte Emma sich tadellos in Haushalt und Zeitplan eingefügt. Auch wenn Kyle Sylvia gewiss vermisste, brauchte sich Justin keine Sorgen um ihn zu machen: Sein Sohn hing an der neuen Nanny, als würde er sie schon monatelang kennen.

Justin mochte sie auch. Sehr sogar. Und genau das würde in der Zukunft womöglich zum Problem werden.

Nachdem er sich angekleidet hatte, ging Justin nach unten. Die Tür zu Kyles Zimmer stand offen. Emma war gerade dabei, den Jungen anzuziehen. Sie stand mit dem Rücken zur Tür und bemerkte nicht, wie Justin näher trat.

Er beobachtete sie. Nicht, um sie zu überwachen. Doch es war eine so friedliche Szene, dass er nicht stören wollte. Während Emma dem Baby einen bunten Strampelanzug überzog, redete sie leise mit ihm. Es waren liebevolle, alltägliche Dinge, und Kyle schien der Klang ihrer Stimme zu beruhigen.

Sein Sohn hob den Kopf und lächelte seine neue Nanny an.

Justin ging das Herz auf.

„Na, bist du kitzelig?“, fragte Emma und küsste die weichen Fußsohlen des Babys. Kyle gluckste vor Vergnügen.

Autor

Teresa Southwick
Teresa Southwick hat mehr als 40 Liebesromane geschrieben. Wie beliebt ihre Bücher sind, lässt sich an der Liste ihrer Auszeichnungen ablesen. So war sie z.B. zwei Mal für den Romantic Times Reviewer’s Choice Award nominiert, bevor sie ihn 2006 mit ihrem Titel „In Good Company“ gewann. 2003 war die Autorin...
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