Bianca Spezial Band 16

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DAS GEHEIMNIS DES BARKEEPERS von CARO CARSON
Der attraktive Barkeeper Connor lässt Delphinias Herz vom ersten Augenblick an höherschlagen. Aber kaum erwidert sie seinen zärtlichen Kuss, zieht er sich zurück. Fürchtet er, nicht gut genug für eine Professorin wie sie zu sein? Delphinia ahnt, dass er etwas verbirgt …

HALT MICH FEST FÜR IMMER von CARO CARSON
Als Tana in den Armen von Feuerwehrmann Caden aus ihrer Ohnmacht erwacht, wünscht sie sich, dass er sie nie wieder loslässt. Doch sie muss ihre heimliche Sehnsucht ignorieren. Schließlich hat sie gerade erst erfahren: Sie trägt das Kind eines anderen unter dem Herzen!

WO EIN WEIHNACHTSWUNDER WAHR WIRD von CARO CARSON
So vielen Menschen hilft Unternehmer E. L. Taylor mit seinem Ratgeberbuch. Sein eigenes Glück dagegen findet er nicht! Bis er der mittellosen Mallory an Weihnachten ein Dach über dem Kopf bietet. Kann ausgerechnet die hübsche Studentin die Mauer um sein Herz einreißen?


  • Erscheinungstag 18.11.2023
  • Bandnummer 16
  • ISBN / Artikelnummer 9783751527903
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Caro Carson

BIANCA SPEZIAL BAND 16

1. KAPITEL

Als Connor McClaine sie das erste Mal sah, las sie in einem Buch.

Die Gäste in seinem Pub lasen oft. Das Tipsy Musketeer befand sich nicht weit vom Campus der Masterson University entfernt, und so war es nicht ungewöhnlich, einem Studenten ein handgezapftes Guinness zu servieren, der Sokrates oder Soziologie studierte.

Diese Leserin war … anders.

In der Stille des Dienstagnachmittags blätterte sie eine weitere Seite um. Die Bewegung ihres Zeigefingers hatte eine faszinierende Anmut, eine einfache Berührung mit leichtem Druck auf das Papier.

Das Buch hielt sie zum Fenster hin geneigt. Der texanische Sonnenschein lag konstant golden auf ihrem braunen Haar. Die elfenbeinweißen Seiten des Buches reflektierten das Licht, sodass sie wie ein Gemälde wirkte. Wunderschön.

Traditionell waren irische Pubs dunkle Zufluchtsorte vor der rauen Außenwelt, und das Tipsy Musketeer war trotz seiner Lage in Zentraltexas so traditionell, wie ein irischer Pub nur sein konnte.

Der jetzige Besitzer Connor McClaine war jedoch einmal gezwungen gewesen, hundertachtzig Tage in einem Raum ohne Fenster zu leben, also standen die grünen Fensterläden des Tipsy Musketeer offen – und zwar dauerhaft.

Das Gebäude mochte historisch sein, aber die Klimaanlage war modern und effizient.

Die Frau las weiterhin, und Connor genoss die Schattierungen von Whiskeybraun in ihrem Haar. Einhundert Brauntöne – so viele verschiedene Farben hatte Rembrandt verwendet, um das Haar einer Frau zu malen. Connor hatte das in einem Buch über Kunstgeschichte gelesen, das er im Regal einer Gefängnisbibliothek gefunden hatte. Seitdem wollte er immer einen echten Rembrandt sehen.

Hier war sie.

Mit einer zierlichen Fingerspitze blätterte sie die Seite um, las und lachte, ein überraschtes Quietschen.

Connor hielt erschrocken inne, weil das Kunstwerk einen Laut von sich gegeben hatte.

Sie erwachte zum Leben, legte das Buch ab, stützte einen Ellbogen auf den Tisch, das Kinn auf die Hand und lächelte über etwas, das sie gelesen hatte.

Connor hatte das brennende Verlangen, mehr zu erfahren über …

Über …

Nicht über sie, natürlich. Er kannte Frauen wie sie – gebildet, friedlich, gut aussehend. Frauen, die ein ruhiges Leben führten. Frauen, denen nie Fenster und Tageslicht verwehrt wurden. Frauen außerhalb seiner Liga, zum Glück für sie.

Er missgönnte ihnen ihr schönes Leben nicht. Schließlich hatten sie ihm nichts getan, und die Welt wäre ein düsterer Ort, wenn jeder aus der gleichen Dunkelheit käme wie er.

Er könnte zu ihr gehen und sie fragen, ob sie etwas brauchte. So würde er das Buchcover sehen und etwas über sie erfahren. Wenn er später dasselbe Buch läse, wüsste er noch mehr über sie und könnte versuchen, zu erraten, auf welcher Seite, bei welchem Absatz sie gelacht hatte.

Ihr Lächeln verblasste. Mit einem Finger schob sie das Buch ein paar Zentimeter von sich.

Ah, er wusste schon. Er verstand dieses Gefühl. Ein Buch konnte einen an einen anderen Ort entführen, in eine andere Stimmung versetzen. Aber immer ging es zu Ende, und das Leben ging weiter. Die Rückkehr in die Realität konnte sich wie ein Kater anfühlen.

Die Bücher, die ihn aus einem fensterlosen Gefängnis entkommen ließen, hatten böse Kater nach sich gezogen.

Connor wandte sich von der bildschönen Frau ab und warf das Tuch, mit dem er Gläser poliert hatte, in den Wäschekorb. Sie war kein Gemälde, das sich analysieren ließ.

Er stützte die Unterarme auf die Theke und wartete, genoss den Moment, während er seinen lebenden Rembrandt beobachtete. Sie würde jeden Moment in seine Richtung blicken.

„Connor, rette mich.“

Eine andere Frau, ein Teenager, der nur dann Bücher las, wenn die Lehrer es verlangten, geriet in sein Blickfeld. Bridget war neun Jahre alt gewesen, als der vorherige Besitzer, ihr Onkel, ihn einstellte.

„Erschieß mich einfach“, sagte sie.

„Verlockend, aber ich kann nicht beides tun. Dich erschießen und dich retten. Du musst dich entscheiden.“

Bridget ließ sich auf einen der Barhocker plumpsen, womit sie ihm die Sicht auf die faszinierende Frau versperrte. Dramatisch stöhnend legte sie den Kopf auf die Theke.

„Ein kleiner Ratschlag“, sagte er. „Wenn du in zwei Jahren einundzwanzig wirst und legal trinken darfst, solltest du billigen Alkohol auf wilden College-Partys meiden, sonst bekommst du einen Kater, der sich genauso anfühlt, wie du dich jetzt fühlst.“

„Der Teufel soll dich und deine Ratschläge holen“, murmelte sie. „Kannst mir ja eine deiner Katerkuren verpassen.“

Da Bridgets Kopf aus dem Weg war, sah Connor die Frau wieder. Sie verstaute ihr Buch in einer Stofftasche.

„Hey?“ Bridget hob den Kopf und versperrte ihm erneut die Sicht.

Connor begann zu mixen und blickte dabei zu der Frau am Fenster. Sie war aufgestanden und ging auf die Toiletten zu, die Büchertasche über der Schulter. Ihr Chiffonrock flatterte bei jedem Schritt um ihre Knie.

„Wer war das?“, fragte Bridget.

„Wer?“

„Die Frau, der du auf den Hintern guckst.“

Connor goss Tomatensaft in das Glas und zuckte mit den Schultern. „Eine Kundin. Und ich schaue nicht auf ihren Hintern.“ Ich schaue mir den Schwung ihrer Haare an.

Und ihre Beine.

„Deine Kundin hat weder ein Getränk noch sonst etwas.“

„Sie hat gelesen.“

Bridget rollte mit den Augen, wie es nur eine Schauspielschülerin konnte. „Man kann gleichzeitig trinken und lesen. Du hättest sie unterbrechen können. Sie hätte es vielleicht zu schätzen gewusst.“

„Sie hat aufmerksam gelesen, so wie deine Professoren es von dir erwarten.“ Er gab drei Spritzer Tabasco in das Glas.

„Aufmerksam? Du hast ihr aufmerksam beim Lesen zugesehen und sie aufmerksam beobachtet, als sie wegging.“

„Ich habe gesagt, dass sie aufmerksam gelesen hat, und nicht, dass ich sie aufmerksam beobachtet habe, als sie las. Syntax, Bridget.“

„Syntax, Bridget“, wiederholte sie in einer guten Annäherung an seinen herablassenden Ton. „Du solltest Englischlehrer sein, kein Barbesitzer. Dann würdest du mehr Frauen kennenlernen, die aufmerksam lesen, anstatt solche, die sich betrinken und versuchen, dich zu bespringen.“

Connor warf Bridget eine Zitronenspalte zu. „Lutsch daran.“

„Hey …“

„Es ist gut für dich. Vitamin C.“ Er warf zwei weitere Zitronenscheiben in das Glas, rührte um und schob es mit präzise so viel Kraft über die Theke, dass es vor Bridget stoppte.

Sie starrte ihn an. „Du hast den Wodka vergessen.“

„Da du minderjährig bist, weiß ich, dass du gestern Abend keinen Alkohol getrunken hast, also trink deinen Saft.“

Die Frau, die gelesen hatte, kam zurück. Sie würde jeden Moment in seine Richtung blicken, vielleicht sogar an der Bar stoppen, um sich ein Getränk zu holen.

„Hey, Boss.“ Diesmal streckte ein junger Mann seinen Kopf in Connors Richtung und sprach mit der Energie und Lautstärke eines nicht verkaterten Studenten. „Alle sind auf dem Weg. Ein paar haben gesimst, dass sie sich verspäten, aber sie kommen.“

Kristopher Newell war Student und einer von Connors Barkeepern. Der Staat Texas schrieb nicht vor, dass Barkeeper einundzwanzig sein mussten – Angestellte durften schon mit achtzehn Alkohol ausschenken, solange sie keinen tranken, doch Connor verlangte es.

Kristopher hatte an den Tischen bedient, bis er einundzwanzig geworden war und Connor ihn hinter die Bar ziehen ließ. Wie Mr. Murphy vor ihm schätzte auch er gute Mitarbeiter und kümmerte sich um sie.

„Wie ist dein Test gelaufen?“, fragte er.

„Geht so. Aber hey, wenn ich diese Shakespeare-Sache mit Bravour schaffe, gleicht sich das wieder aus.“

In einer Ecke des Pubs gab es eine kleine Bühne, und heute Nachmittag würde sie von Studenten genutzt werden, die für eine Theaterarbeit proben wollten. Zwischen Mittagspause und Happy Hour war im Pub meist nicht viel los.

Die Frau am Fenster war zum Lesen hergekommen. Vielleicht hatte Miss Rembrandt gehofft, dies sei eine Oase abseits der Studenten, die jedes Lokal in der Athos Avenue bevölkerten, was im Grunde stimmte.

Im Tipsy Musketeer wurden die Ausweise kontrolliert. Es war auf dem Campus allgemein bekannt, dass in dieser Kneipe kein Bier an unter Einundzwanzigjährige ausgeschenkt wurde, und so zog das Musketier ältere Kundschaft an, eher Professoren als Studenten.

Die Frau kam ihm nicht wie eine Studentin vor. Sie war jung, aber keine Neunzehnjährige. Ms. Rembrandt also.

Sie holte ihr Buch wieder hervor, und Connor beschloss, ihre Getränkebestellung aufzunehmen.

„Ich mach das schon.“ Kristopher joggte zu ihr hinüber.

Großartig. Er hatte den gewissenhaftesten und eifrigsten Einundzwanzigjährigen der Stadt eingestellt.

Die Frau hatte eine gewisse Energie an sich. Ihr marineblauer Pullover und der hellblaue Rock wirkten nicht so behäbig, wie sie es wahrscheinlich beabsichtigt hatte. Als sie ihr Buch hinter sich schob, schmiegte sich der Pullover an ihre Kurven.

Ihr Lächeln war echt. Dann lachte sie, ein heller Klang, der den Raum erfüllte. Connor sah das Licht auf ihrem Gesicht, hörte das Licht in ihrer Stimme. Er holte tief Luft.

Er wollte sie kennenlernen. Er wollte wissen, woher sie kam, was sie tat, wohin sie ging.

Es würde jedoch zu nichts führen.

Dieser Pub war eine Fantasiewelt. Ein irischer Pub brauchte einen Wirt, der jeden so behandelte, als wäre er ein willkommener Gast in seinem Haus. Das war die Rolle, die er von Mr. Murphy übernommen hatte, als er das Geschäft kaufte.

Das war eine Rolle, die er auch nach der Schließung des Pubs hin und wieder spielte. Wenn er die Einladung einer Frau annahm, die bis zum Feierabend geblieben war, wusste er, dass sie von ihm erwartete, dass er in ihrem Bett derselbe Mann war wie der, mit dem sie zwischen Spiegeln und Mahagoni geflirtet hatte. Es war besser, die Fantasie aufrechtzuerhalten.

Sein wahres Ich wäre bei den Frauen nicht so beliebt und damit wäre er auch nicht so erfolgreich im Geschäft. Connor hatte seine Geheimnisse. Nichts Exotisches oder Faszinierendes, nur dass er ein Ex-Häftling war, ein Schulabbrecher, der mit neunzehn in einem gestohlenen Auto erwischt worden war. Er hatte in Handschellen vor einem Richter gestanden und sich schuldig bekannt.

Diese strafrechtliche Verurteilung beeinflusste sein Leben immer noch. Er hatte fast zwei Jahre lang keinen Führerschein machen können. Er hatte die Nachfolge von Mr. Murphy erst antreten können, nachdem etliche Jahre vergangen waren, sodass er eine Schanklizenz beantragen konnte. Er hatte seine Absicht, die Lizenz zu erhalten, zweimal in der Zeitung veröffentlichen müssen, um den Einwohnern Gelegenheit zu geben, Einspruch dagegen zu erheben, dass ein verurteilter Verbrecher eine Bar in ihrer Stadt betrieb.

Connor bezweifelte, dass viele diesen einen Satz in der Lokalzeitung gelesen hatten. Das war gut, denn nichts an seiner Vergangenheit passte zu dem Image, das er als Besitzer des Tipsy Musketeer aufrechterhalten musste.

Diese Frau sah aus wie ein Gemälde von Rembrandt und lächelte wie das Mädchen von nebenan. Er könnte sie kennenlernen, aber das Beste, was dabei herauskäme, wäre eine Nacht in ihrem warmen Bett als ihr charmanter Barkeeper.

Bridget trank ihren Saft aus, warf ihm noch einen bösen Blick zu und ging zur Bühne. Eine Gruppe Jungs, eindeutig Studenten, kam herein.

Connor behielt Ms. Rembrandt im Auge. In der Sekunde, in der Kristopher zu seinen Freunden blickte, nahm sie ihr Buch und steckte es in ihre Tasche. Sie fragte Kristopher etwas, der gestikulierte in Richtung Tür, und sie machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Das war’s. Sie wollte gehen.

Connor klopfte mit der Spitze seines Stiefels an ein Fass aus rostfreiem Stahl. Es klang, als wäre so gut wie nichts mehr drin. Er duckte sich unter die Bar, um die Leitung zum Zapfhahn zu trennen, und hörte, wie sich die Tür öffnete und wieder schloss und wie lärmende Studenten hereinkamen, als sie hinausging.

Es spielte keine Rolle, aber so fühlte es sich nicht an.

Connor zog das Fass heraus, kippte es auf die Kante, rollte es hinter der langen Theke hervor und blieb unter dem verzierten eisernen Kronleuchter stehen. Es erstaunte ihn immer noch, dass er nun hier lebte, umgeben von Schönheit, die mehr als ein Jahrhundert überdauert hatte.

Ms. Rembrandt hatte Kristopher angelächelt. Sie hatte gelacht – Gott, dieses strahlende Lachen –, aber Connor hatte diesen Moment der Traurigkeit gesehen. Er hätte mit ihr reden sollen. Schließlich war er Barkeeper.

Das spielt keine Rolle. Es hätte sowieso zu nichts geführt.

Nein, aber er hätte den Titel des Buches mit dem blauen Einband lesen können, das sie in ihre Tasche gesteckt hatte, als hätte sie es gestohlen. Dann hätte er sie erkannt, auf seine Weise.

2. KAPITEL

Als sie ihn das erste Mal sah, trug er ein Fass.

Warum sie das so faszinierend fand, konnte Delphinia nicht sagen, obwohl es in ihrem Leben eher selten vorkam, dass ein Mann ein Fass aus rostfreiem Stahl stemmte. Tatsächlich hatte sie vorher noch nie einen gesehen.

Der Anblick ließ sie innehalten. Das Fass war nicht leicht, die Muskeln in den Armen des Mannes wölbten sich in harten Kurven. Als er von ihr wegging, erkannte sie unter dem engen schwarzen T-Shirt, das er trug, kräftige Rücken- und Schultermuskeln. Auch die Jeans lag eng an. Delphinia schaute ihm nach, bis er hinter einer Ecke verschwand.

Er sah nicht wie die meisten Männer aus, die sie kannte. Sie war Professorin, und in ihrer Ecke der akademischen Welt waren die männlichen Professoren nicht gerade sportlich.

Aber dieser Mann? Sein Oberkörper könnte auf einem Cover erscheinen, das ein aufreizendes Taschenbuch verkaufen sollte.

So ähnlich wie das, das sie gerade in ihre Tasche gestopft hatte.

„Hier ist Ihr Eiswasser, Dr. Dee. Sind Sie sicher, dass Sie keine Zitronenscheibe darin haben wollen?“

Delphinia lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Kristopher, den Schüler, dem sie helfen wollte. „Ich bin sicher, danke.“

Sie hoffte, dass er nicht bemerkt hatte, wie sie den Körper des Barkeepers begutachtete. Wenigstens hatte er das Cover ihres Romans nicht gesehen.

Sie sollte kein Buch verstecken müssen, aber …

Ihre Eltern wären entsetzt, wenn sie wüssten, dass sie nebenbei Shakespeare für Schauspielschüler unterrichtete. Sollten sie mitbekommen, dass Dr. Delphinia Ray, ihr Wunderkind, in einer Bar bei der Lektüre eines Taschenbuchs erwischt worden war, würden sie sie wahrscheinlich verstoßen.

In der Mitte des Herbstsemesters hatte Delphinia einen Shakespeare-Kurs am Bryan Community College in der Stadt westlich von Masterson übernommen, als die reguläre Lehrerin in Mutterschaftsurlaub gegangen war. An zwei Abenden in der Woche hatte sie alle durch den Sommernachtstraum geführt, und dabei war ihr aufgefallen, wie oft Kristopher und Bridget sich während des Unterrichts verstohlen Blicke zuwarfen, wie sie abrupt wegschauten, wenn sie sich zufällig beim Anstarren ertappten.

Delphinia erkannte eine lebende, atmende Romanze, wenn sie sie sah. Der Junge war verknallt.

„Bridget und ich könnten jetzt mit Romeo und Julia anfangen.“ Kristopher wandte sich der leeren Bar zu. „Wo ist sie hin?“

Keine Ahnung. Ich habe den Mann in dem engen schwarzen T-Shirt beobachtet.

Kristopher drehte sich in Richtung der Toiletten, hob die Hände an den Mund und rief: „Bridget!“ Er klang wie ein Drill-Sergeant, nicht wie ein Liebender.

Bridget kam herein und verdrehte die Augen. „Entschuldigung, Dr. Dee. Ich habe Sie vorhin von hinten nicht erkannt, sonst hätte ich Hallo gesagt.“

„Bist du endlich so weit?“, fragte Kristopher sie. „Manche von uns können nicht faulenzen nach einer durchfeierten Nacht.“

Delphinia schaute zwischen den beiden hin und her, und ihr Herz wurde schwer. Ihre Eltern hatten recht, sie hatte kein Radar. Allerdings benutzten ihre Eltern nicht den Slang „Radar“. Sie sagten, ihre Tochter verfügte nicht über die geringste Fähigkeit, romantische Anziehung zu erkennen, wenn sie nicht zwischen zwei Buchdeckeln stattfand.

Sie meinten das liebevoll. Ihre Eltern machten sich einen Spaß daraus, sie zu necken, weil sie zu Beginn des Schuljahres die Aufmerksamkeit eines neuen Professors nicht bemerkt hatte. Sie hatte ihn beim Abendessen für neue Fakultätsmitglieder kennengelernt. Vincent Talbot, JD, PhD, war neu am College of Law. Sie, Delphinia Ray, PhD, war nicht neu, also hatte sie sich nichts dabei gedacht, als man sie nebeneinander platzierte. So wurde es jedes Jahr gemacht, ein neuer Professor saß neben jemandem, der bereits zur Fakultät der Masterson University gehörte.

Später erfuhr sie, dass Vincent Talbot sich sehr für sie interessierte. Er hatte extra darum gebeten, neben ihr zu sitzen. Ihre Eltern wussten das, denn ihr Vater und ihre Mutter waren Dr. Archibald Ray, der Dekan des Masterson University’s College of Liberal Arts, und Dr. Rhea Acanthus-Ray, Vorsitzende des Fachbereichs für Englisch.

Vincent Talbot war nicht nur Professor, sondern auch ein Anwalt. Außerdem war er groß und gepflegt. Am besten geeignet, hatten ihre Eltern gesagt.

Delphinia hatte Vincent nicht wirklich charmant gefunden. Sie hatte ihn nicht dabei erwischt, wie er ihr während des Essens heimliche Blicke zuwarf. Er war nie rot geworden. Sie hatte sich nie schwindlig gefühlt in seiner Nähe. Sollte eine Romanze nicht so beginnen?

Nach der Belustigung ihrer Eltern zu urteilen, nein. Die Liebe im wirklichen Leben war nicht so dramatisch und aufregend wie in den literarischen Welten, in denen sie lebte.

Shakespeare war ihr Favorit. In Shakespeares Stücken war alles farbenfroh und leidenschaftlich, vom Liebeswerben bis zu den Schwertkämpfen.

Schade, dass sie das nicht unterrichten durfte.

Ihre Mutter hatte kein Interesse an Shakespeare. Die Stücke waren für den einfachen Mann geschrieben worden. Vierhundert Jahre später waren sie immer noch alltäglich und ließen sich leicht zu Filmen und sogar zu Comics umgestalten. Die verehrte Komplexität von Hamlet konnte auf ein bei Disney gezeichnetes Löwenjunges reduziert werden. Das sagte alles, nach Meinung ihrer Mutter.

Daher war Victorian Prose and Essays der ihr zugewiesene Kurs. Delphinia verbrachte ihre Tage damit, Vorträge über Männer der viktorianischen Ära zu halten, die geglaubt hatten, die Welt müsse deren persönliche Meinung über die Überlegenheit der Industrie gegenüber der Landwirtschaft kennen, und über Männer, die lange Widerlegungen geschrieben hatten, in denen sie Hirten gegenüber Stahlarbeitern verteidigten.

Sie verbrachte ihre Nächte damit, Aufsätze der Studenten über Essayisten zu benoten. War es da ein Wunder, dass die jüngste Dr. Ray nicht erkannte, dass der neue Dr. Talbot sie faszinierend fand?

Oder dass sie sich so sehr in den beiden Schülern getäuscht hatte, die sich in dieser Sekunde vor ihr zankten?

„Welche Szene aus Romeo und Julia habt ihr ausgewählt?“, fragte sie.

Kristopher stieß einen Seufzer aus und rollte mit den Augen. „Sie will die Balkonszene machen, weil sie unbedingt auf den Balkon will.“

„Weil ich Schauspielerin bin und eine der berühmtesten Szenen spielen will, die je geschrieben wurden“, sagte Bridget und biss die Zähne zusammen. „Es ist nicht, weil der Balkon cool ist.“

Delphinia schaute nach oben. Der Balkon war wirklich cool. Er zog sich hoch oben über die gesamte Länge einer Wand. Das hölzerne Geländer würde ein großartiges Bild abgeben, wenn Julia ihrem Romeo ihre Liebe gestand.

Ihr Blick ging zu der Ecke, um die der Barkeeper im schwarzen T-Shirt verschwunden war. Shakespeare hatte Romeo als körperliche Rolle geschrieben, die von der Figur verlangte, auf einer Maskerade zu tanzen, Gartenmauern zu erklimmen und Straßenschlachten zu beenden. Leidenschaft erforderte mehr als schöne Worte. Sie sollte einen Mann dazu inspirieren, seinen Körper einzusetzen, zu handeln, ein Fass zu schleppen …

Ein Fass. Was war mit ihr los?

Direkt gegenüber der Bühne befanden sich drei abgetrennte Sitzbereiche. Delphinia trat näher und strich über das dunkle Holz eines geschnitzten Pfostens. „Wunderschön. Ich frage mich, wann dieses Haus gebaut wurde. Es ist eindeutig viktorianisch, aber …“

„1889“, sagte Bridget. „Ich weiß das, weil es jahrzehntelang meinem Onkel gehört hat.“

Kristopher rief alle zu sich. „Das ist die Dr. Dee, von der ich euch erzählt habe. Sie hat letztes Semester Shakespeare am BCC unterrichtet. Wenn ihr noch keine Einführung in Shakespeare hattet, solltet ihr sie an der BCC und nicht an der MU belegen. Das ist viel einfacher.“

„Weil sie so gut erklären kann, was in den Stücken vor sich geht. Nicht, weil sie eine bequeme Lehrerin ist, du Schwachkopf.“ Bridget verpasste Kristopher einen Klaps auf den Arm.

Delphinia hätte sich gern amüsiert, aber sie war zu besorgt, dass einer der anderen Studenten erkennen könnte, dass Dr. Dee vom BCC auch Dr. Ray von der Masterson war.

„Ich meinte nur, Sie sind die Beste, Dr. Dee. Es ist nett von Ihnen, uns zu helfen.“

Auf den ersten Arbeiten, die sie am Community College benotet hatte, hatte sie sich als Dr. D. Ray ausgegeben. Kristopher hatte das Dr. D aufgegriffen und das Ray weggelassen, und der Spitzname war hängen geblieben. Praktisch.

Delphinia konnte nicht widerstehen, sich auf eine der alten Bänke zu setzen. Sie war vielleicht fünfzehn Fuß lang und durch hölzerne Trennwände in drei Nischen unterteilt. Im Gegensatz zu einer modernen Kabine waren die Wände so hoch, dass man selbst im Stehen nicht über sie hinwegsehen konnte. In jeden Bereich passten zwei zusätzliche Stühle und ein kleiner Tisch. Hier war sie vor den Blicken anderer Gäste geschützt.

Feiglinge sterben viele Male, bevor sie tot sind.

Hätte ihr ein dramatischeres Shakespeare-Zitat in den Sinn kommen können?

Ihre Eltern nahmen an, dass sie jeden Dienstag und Donnerstag abends abwesend war, weil sie sich mit Vincent zum Essen traf. Sie glaubten, dass sie ihrem Leben Leidenschaft hinzufügte, und das tat sie – in ihrem Berufsleben.

Als sie weit weg von zu Hause war, an ihrer geliebten Alma Mater in Neuengland, gab es eine Menge Leute, die sie mochten. Sie war mit Jungs ausgegangen, und niemand musste sie extra darauf hinweisen, dass die Interesse an ihr hatten.

Mit neunzehn hatte sie ihren Bachelor-Abschluss gemacht, und ihre Eltern hatten darauf bestanden, dass sie für ihren Master-Abschluss und ihren Doktortitel nach Masterson zurückkehrte.

Von da an gab es keine Taco-Partys mehr im Studentenwohnheim, keine Buchclubs, keine Zeit für Verabredungen. Sie stellte ihre Dissertation im Rekordtempo fertig.

In ihren Zwanzigern waren jahrhundertealte literarische Figuren ihre Hauptbegleiter. Jetzt war sie neunundzwanzig und würde ihre Dreißiger mit Professor Vincent Talbot an ihrer Seite beginnen. Er war angeblich perfekt für sie.

Irgendwann würde sie einen Funken Leidenschaft für ihn empfinden. Ganz bestimmt.

Delphinia strich über eine detaillierte Rosette, die in die Rückwand der Bank geschnitzt war. Wie viele leidenschaftliche Geschichten konnte diese Rose erzählen? Wie viele Liebeserklärungen waren genau hier auf dieser Bank gemacht worden?

Ihre Geschichte würde nicht dazugehören, selbst falls – nein, wenn – sie und Vincent ihre Beziehung auf die nächste Stufe hoben, denn Vincent würde sie nie in eine Kneipe mitnehmen. Er zog die Cocktailstunden vor, die ihre Eltern in ihrem Haus für Gastprofessoren, Gastdozenten und gelegentlich auch für Politiker veranstalteten.

Ihr Blick glitt zu der Ecke, in der der Mann im schwarzen T-Shirt verschwunden war.

„Oh, Romeo, Romeo. Warum bist du Romeo?“

Bridgets Appell schwebte vom Balkon herab. Auf der Bühne warf Kristopher angewidert die Hände hoch. „Noch nicht. Ich sage meinen Text zuerst.“

Noch nicht, noch nicht.

Eines Tages.

3. KAPITEL

Connor trug das leere Fass in den Lagerraum, aber seine Gedanken blieben bei der Frau, die ein Buch dem wirklichen Leben vorzog.

Sie ist verschwunden und mit ihr ihre Probleme.

Mr. Murphy hatte ihn gewarnt, dass er ausbrennen würde, wenn er die Traurigkeit seiner Gäste nicht an sich abperlen ließ.

Du hast ihnen ein Glas eingeschenkt, sie haben dir ihr Herz ausgeschüttet, und das war’s. Du hast ihnen für einen Moment ein besseres Gefühl gegeben. Das ist es, was ein Kneipier tun kann. Nimm nicht alle traurigen Geschichten mit, wenn der Arbeitstag vorbei ist.

Leichter gesagt als getan.

Connor stellte das Fass ab. An dem Tag, an dem Mr. Murphy das Tipsy Musketeer an ihn verkaufte, hatten sie eine formelle Besichtigung mit dem Immobilienanwalt durchgeführt. Hier, im Lagerraum, hatte Mr. Murphy ihm die Schlüssel zu diesem Königreich überreicht.

Er rollte ein volles Fass in den Flur. Dort stand zwar eine Sackkarre, aber er benutzte sie nicht. Wenn er ein 150 Pfund schweres Stahlfass nicht in die Bar tragen konnte, konnte er auch keinen 200 Pfund schweren Unruhestifter aus der Bar eskortieren.

Ab und zu war „eskortieren“ ein Euphemismus für: ihn am Hemdkragen packen.

Wobei er nie einen Schlag austeilte. Das texanische Recht wäre normalerweise auf der Seite des Grundstückseigentümers, der sich in einem Kampf verteidigt, aber er war nicht bereit, darauf zu wetten, dass nach seiner Verurteilung eine Anklage wegen Körperverletzung gut für ihn ausgehen würde.

Er trug das schwere Fass in die Bar, wo er den Rest des Tages – wahrscheinlich den Rest all seiner Tage – damit verbringen würde, dafür zu sorgen, dass seine Gäste die problemlose Welt genießen konnten, die er im Tipsy Musketeer für sie geschaffen hatte.

Er hoffte, dass das die Frau mit ihrer Traurigkeit und dem blauen Buch mit einschloss. Falls sie zurückkam, würde er mit ihr reden, und vielleicht würde sie etwas von der sicheren und freundlichen Atmosphäre aufnehmen und ihre Traurigkeit hierlassen. Das war es, was eine gute Kneipe für einen Menschen tun konnte.

Das war alles, was er für sie tun konnte.

Delphinia bemerkte, dass der Barkeeper mit einem weiteren Fass zurück in die Bar kam.

Sie versuchte, nicht zu starren, aber es war unmöglich. Dieses Fass war eindeutig schwerer, denn seine Muskeln waren nicht nur angespannt, sie arbeiteten.

Dennoch bewegte er sich selbstbewusst, als ob er ständig Fässer mit sich herumschleppte und genau wusste, was er tat und wie viel er bewältigen konnte.

Delphinia lehnte sich ein wenig vor, um ihn zu beobachten. Er ging hinter den Tresen und stellte das Fass ab, dann richtete er sich auf, spannte die Muskeln in seinem Rücken an und schüttelte seine Arme aus.

Sie setzte sich schnell zurück.

Kristopher verpatzte seinen nächsten Satz. Delphinia hätte ihn zur Rede gestellt, aber sie hatte den Überblick über das Geschehen verloren.

Bridget rief seinen Text vom Balkon herunter: „‚Ihr Vestalinnengewand ist krank und grün‘, du Trottel.“

Kristopher nahm seine Rolle wieder auf, und Delphinia lehnte sich erneut vor. Der Barkeeper beobachtete das Spiel mit voller Aufmerksamkeit und stützte sich mit den Händen auf der Bar ab. Die kurzen Ärmel spannten sich um seine Bizepse. Er war perfekt, die Verkörperung eines griechischen Gottes.

Aus rein akademischen Gründen, wie sie sich sagte, ließ Delphinia ihren Blick über seine Schultern zu seinem Gesicht gleiten. Sein Gesichtsausdruck verriet keine starken Emotionen. Kein Krieger, kein Liebender. Nur ein unnahbarer Gott, der in der Lage war, alles zu zähmen, was gezähmt werden musste, wenn er Lust dazu hatte.

Er verkörperte wahrhaftig das griechische Ideal, abgesehen von einer Narbe, die seine rechte Augenbraue auffällig einkerbte. Sie mochte diese Narbe, denn sie zeigte, dass er nur ein Sterblicher war.

Er lehnte sich nach vorne und die Ärmel rutschten höher, sodass sie einen Teil einer Tätowierung sah, eine Linie aus schwarzer Tinte.

Faszinierend. Tätowierungen waren in der akademischen Welt nicht üblich. Sie kannte niemanden, der ein Tattoo hatte.

„Fang noch mal an“, befahl Bridget von oben.

Kristopher begann erneut, und Delphinia lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne.

Jetzt kam ihre Lieblingsstelle. Julia stützte ihr Kinn in die Hand, und Romeo wünschte sich, er wäre ein Handschuh auf dieser Hand, damit er die nackte Haut ihrer Wange berühren konnte.

Wie musste es sich anfühlen, jemanden so sehr zu lieben, dass man so bescheiden wurde?

Ein schwarzer Tintenfleck auf gebräunter Haut?

Delphinia hatte noch nie die Tätowierung von jemandem angefasst. Fühlte die Haut sich anders an? Würde sie bei geschlossenen Augen merken, wenn ihre Fingerspitzen über die Tinte auf dem Arm des Barkeepers glitten?

Ihr Blick blieb an seinem Mund hängen, an der perfekten, maskulinen Rundung seiner Lippen, denn er rezitierte Romeos Zeilen, murmelte die Worte leise mit. Wusste er überhaupt, dass er das tat?

Wow. Er kannte die Worte. Ihre Lieblingsstelle, gesprochen von einem starken, schönen Mann.

„Ach, wäre ich doch ein Handschuh auf dieser Hand, dass ich diese Wange berühren könnte“, wiederholte Kristopher.

Ihr Blick und der des Barkeepers trafen sich. Er wirkte, als wäre er überrascht, sie zu sehen, als hätte er sie erkannt.

Delphinia ruckte hinter die Trennwand zurück.

Er konnte sie nicht kennen. Sie war ihm noch nie begegnet. Er war kein Mann, den man vergaß. Ein griechischer Gott mit einer Narbe auf einer Augenbraue und einer Tätowierung auf einem Arm konnte nicht unbemerkt auf dem Campus herumlaufen.

Aber hatte er sie schon mal gesehen? Sie hatte vorhin dagesessen und gelesen. Vielleicht hatte er sie bemerkt. Ihre Wangen wurden warm bei dem Gedanken, und sie nahm einen Schluck Eiswasser.

Romeo und Julia setzten ihre Szene fort, und Delphinia rief sich zur Ordnung. Sie war die Professorin, die Semester für Semester die Aufsätze über längst verstorbene Männer las. Sie war die Frau, die die Meinung ihrer Eltern akzeptierte, der neue Juraprofessor sei der perfekte Partner für sie. Sie war Professor Delphinia Acanthia Beatrix Ray.

„Oh, trügest du einen anderen Namen“, flehte Julia.

Ein vergeblicher, pubertärer Wunsch.

Delphinia stellte ihr Glas ab und platzierte ihre Stofftasche auf ihrem Schoß. Sie war, wie sie war, ein kluges Mädchen, das Bücher liebte. Sie zog nicht die Aufmerksamkeit eines leidenschaftlichen Mannes auf sich, nicht wie Julia. Sie war auch nicht so wie die verführerische Heldin in ihrem Taschenbuchroman.

Natürlich hatte sie sich den interessierten Blick des Barkeepers nur eingebildet. Das war die einzig vernünftige Schlussfolgerung. Ihr Fehler.

Sie räusperte sich und spähte über die Trennwand.

Er musterte sie immer noch. Das hübsche Gesicht, das ruhige Vertrauen waren auf sie gerichtet.

Aufregung erfasste sie, ein Aufbrausen, das sie schwindelig machte.

Von oben rief Julia ihrem Romeo zu: „Es ist zu voreilig, zu unbedacht, zu plötzlich. Zu sehr wie ein Blitz …“

Delphinia ignorierte Julias eindringliche Warnung. Sie fühlte sich zwar etwas schwindlig, doch dies konnte nicht der Beginn einer epischen Romanze sein. Sie hatte bereits einen passenden Verehrer, und in diesen Barkeeper verliebten sich vermutlich täglich Frauen. Stündlich.

Aber er hatte sie bemerkt.

Sie fühlte sich geschmeichelt. Sie war in sicherer Entfernung, und sie würde direkt nach der Probe nach Hause gehen, also wagte sie ein Lächeln. Es ist nett, dass Sie mich bemerkt haben.

Julia kam die Treppe herunter, doch Romeo bekam es nicht mal mit, als sie sich an ihm vorbeischlich.

Delphinia konnte sich nie an Vincent vorbeischleichen. Sie würde ihn heute Abend sehen, denn er hatte sich selbst eingeladen, bei der Soiree ihrer Eltern ihre Begleitung zu sein. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, daran teilzunehmen, aber dann müsste sie sich Vincent gegenüber rechtfertigen, also war es einfacher, hinzugehen.

Ein anderer Schüler betrat die Bühne. „Diese Auswahl ist aus der Tragödie von Othello.“

Ah, ein Stück über die Auslöschung der Romantik. Delphinia griff nach ihrem Glas, aber es war leer. Macht nichts, es war ja nicht so, dass sie Gefahr lief, zu überhitzen.

Aus welchem Grund auch immer.

4. KAPITEL

Sie war noch da.

Ms. Rembrandt musste eine Schülerin sein. Sie war mitten unter den Theaterkindern. Jetzt ergab es einen Sinn, dass Kristopher zu ihr hinübergelaufen war. Sie waren vermutlich in derselben Klasse.

Während er im Lagerraum gewesen war und sich gefragt hatte, welch große Traurigkeit sie tief in sich trug, hatte sie mit Bridget und Kristopher und den anderen geplaudert.

Er hatte ihren Buchkater falsch verstanden. Ihr Leben war nicht schlimmer als ihr Buch. Offenbar war ihr Buch trauriger als alles, was sie sich in ihrem wirklichen Leben vorstellen konnte. Das musste es sein.

Und doch …

Das Bild von ihr, wie sie am Fenster saß, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Sie war zutiefst unglücklich gewesen, nachdem sie ihr Buch zugeklappt hatte.

Connor sah sich um.

Sie schaute ihn an. Nach einem Moment lächelte sie. Dann setzte sie sich zurück, außer Sichtweite.

Das war kein „Komm und hol mich“-Lächeln. Sie hatte nicht geflirtet. Er war lange genug Barkeeper, um zu wissen, wann eine Frau versuchte, sein Interesse zu wecken. Rembrandt tat das nicht.

Dies war die Zeit, die er normalerweise für sich nutzte. Die Bar war bereit für den abendlichen Ansturm. Kristopher würde sich um etwaige Gäste kümmern, also sollte er nach oben gehen. Sein Zuhause war, wie bei allen Gastwirten vor ihm hier, der gesamte dritte Stock des Gebäudes. Er sollte duschen und sich rasieren, etwas zu Abend essen und einige Kapitel aus dem Buch lesen, in dem er gerade steckte.

Oder er könnte hierbleiben und sich weiter Shakespeare ansehen. Es war praktisch so, als würde man sich ein Buch vorlesen lassen.

Romeo und Julia waren fertig und nach einigem Gemurmel unter den Schülern betrat ein junger Mann die Bühne, fasste sich ans Herz und ließ den Kopf hängen.

Connor war enttäuscht. Er hatte gehofft, Rembrandts Aufführung zu sehen. Er hatte alle Stücke von Shakespeare gelesen und wollte wissen, welches ihrem Geschmack, ihrem Stil, ihrem Interesse entsprach.

Der verzweifelte junge Mann auf der Bühne sank auf die Knie und flehte zum Himmel: „Bring diese schreckliche Glocke zum Schweigen.“

Connor stutzte. Er kannte diese Stelle. Sie stammte aus Othello. Bei dieser Szene handelte es sich um eine Kneipenschlägerei, weshalb sie sich wahrscheinlich in seinem Kopf festgesetzt hatte. Es war zu lange zu viel Alkohol getrunken worden, und die Offiziere der Armee stritten sich.

Nicht in der Version dieses Schülers. Er rezitierte Othellos Zeilen, als würde er um eine verschollene Liebe trauern. So viel zu umgeworfenen Tischen, verschüttetem Bier und Verrat.

Die anderen Schüler hörten aufmerksam zu und nickten vielsagend. Ms. Rembrandt hatte die Nische verlassen, um näher an der Bühne zu stehen, und runzelte konzentriert die Stirn. Connor verschränkte die Arme vor der Brust und verfolgte die völlig falsche Interpretation des jungen Mannes.

Mit verzweifeltem Wehklagen beendete der Student seinen Monolog auf den Knien und blickte zu einer imaginären Geliebten hinab, die offenbar im Sterben lag. „Bei deiner Liebe, ich beschwöre dich.“

Connor rieb sich das Kinn, beinah hätte er losgelacht.

Er hörte ein Quietschen und erkannte dieses Geräusch, so klang Rembrandts Belustigung, als sie in ihrem Buch umblätterte. Sie biss sich auf die Lippe und wandte sich von der Bühne ab, wobei sie sich bemühte, nicht zu lachen.

Ihre Blicke trafen sich. Sie beide waren die Einzigen, die den Witz verstanden. Er grinste sie an, und der Junge auf der Bühne stieß einen letzten Stöhnlaut aus und brach theatralisch zusammen.

Das war zu viel. Ms. Rembrandt verlor den Kampf und lachte hell auf, doch sofort wurde sie wieder ernst. „Halt. Lass uns hier kurz stoppen“, sagte sie.

Sie war also eine Frau, die das Kommando übernahm. Connor spürte, wie sich sein Interesse – an allen möglichen und unmöglichen Stellen – regte. Sie war Farbe in Bewegung. Wenn er malen könnte, würde er sie malen.

„Ich fürchte, wenn du es so machst“, sagte sie, „wird dein Professor wissen, dass du das Stück nicht gelesen hast. Weißt du, was die Aufgabe von Othello ist?“

Ihr Kommilitone stand auf. „Er ist ein Typ vom Militär.“

„Ja, aber nicht irgendein Militär. Er ist der oberste Befehlshaber. Obwohl er nicht aus Venedig stammt, obwohl Othello nicht derselben Rasse angehört wie die, die ihm unterstellt sind, ist er so brillant, dass man ihm die Sicherheit des Landes anvertraut hat. Er heiratete sogar die Tochter eines Adligen ohne die Erlaubnis ihres Vaters. Jeder andere wäre eingesperrt worden, aber er wurde befördert. Das zeigt, was für ein harter Kerl er ist.“

Alle Schüler kicherten. Connor lächelte, als er sah, wie selbstverständlich sie mit dem Publikum sprach.

„Aber er sagt all diese rührseligen Sätze über Seelen“, sagte der Schauspieler. „Er kann das Klingeln einer Glocke nicht ertragen.“

„Die Glocke ist der Feueralarm, deshalb. Othello ist aufgetaucht, weil …?“

Der ahnungslose junge Mann sah seine Freunde hilfesuchend an. Connor starrte auf Bridgets Hinterkopf.

Komm schon, Bridget. Du solltest das wissen. Ich habe es dich lesen lassen.

„Das ist eine Kneipenschlägerei“, rief Bridget von ihrem Platz aus.

Ja.

„Ja.“ Rembrandt klatschte begeistert in die Hände. „Und wer kämpft? Seine ranghöchsten Offiziere. Othello muss sie aufhalten, weil er ihnen übergeordnet ist. Er war mit seiner neuen Braut im Bett, als der Alarm losging. Wenn er also in der Bar auftaucht, ist er nicht weinerlich und rührselig. Er ist …?“

Sie wartete. Connor wartete ebenfalls. Er würde jetzt auf keinen Fall nach oben gehen.

„Er ist verärgert?“, wagte der ahnungslose Schauspieler.

Rembrandt stieß angesichts der lauwarmen Antwort die Luft aus, doch sie gab nicht auf.

„Der Kerl hatte Sex mit seiner heißen jungen Frau, die er ohne Erlaubnis geheiratet hat.“

Der Schüler lachte, aber er schaute nervös weg. Die anderen kicherten. Sie waren alle in einem Alter, in dem sie fast schon besessen von Sex waren, allerdings noch nicht reif genug, um darüber zu sprechen und es nicht als schmutzigen Witz zu betrachten.

Connor würde nie wieder so jung sein wollen. Neunzehn war scheiße gewesen. Dreißig war okay.

„Es gibt also sexuelle Frustration zusätzlich zu der Sache mit den Offizieren, die sich schlecht benehmen. Shakespeare setzt noch einen drauf, um alles dramatischer zu machen. Das ist ein Schwertkampf. Tödliche Waffen.“

Connor wusste, er könnte sie nicht malen. Das würde ihrer Energie und ihrem Enthusiasmus nicht gerecht werden.

„Wenn er sagt, dass der nächste Typ, der sich bewegt, seine Seele nicht wert ist, schreit er: ‚Keine Bewegung‘. Wenn jemand auch nur einen Muskel rührt, wird er ihn persönlich erledigen.“ Sie hielt die Hände hoch, als wäre sie der Unglaubliche Hulk oder so, und wiederholte im bedrohlichen Tonfall aus dem Videospiel Mortal Kombat: „Mach ihn fertig!“

Alle lachten, und Rembrandt ging zurück auf ihren Platz. Sie warf einen Blick in seine Richtung. Connor nickte ihr zu und sie lächelte.

Etwas Verrücktes regte sich in seiner Brust. Da war eine Frau, die Farben mochte, eine Frau, die aufmerksam Bücher las und ruhig zu einer Gruppe sprach und alle zum Lachen brachte, während sie Shakespeare lebendig werden ließ.

Verdammt!

Er könnte sich in den letzten zwei Minuten ein wenig in sie verliebt haben.

Kristopher stand von seinem Stuhl auf, ganz Joe Cool, die Hände in den Hosentaschen. „Ich hab euch ja gesagt, dass sie großartig ist.“ Er ging zu der Frau hinter der Holzwand.

Verdammt noch mal.

Kristopher konnte unmöglich mit Ms. Rembrandt zusammen sein. Er war nicht mal annähernd der Richtige für eine Frau wie sie, und doch gab er mit ihr vor seinen Kumpels an.

Rembrandt und Kristopher? Völlig falsch.

Aber …

Sie waren Studenten desselben Fachs. Kristopher war einundzwanzig, zuverlässiger als die meisten. Sie war wahrscheinlich älter, aber Connor bezweifelte, dass sie älter als fünfundzwanzig war.

Bridget kam mürrisch an die Bar, als die nächste Person die Bühne betrat. War sie nur verkatert oder war sie verärgert darüber, dass der Typ, in den sie verknallt war, mit einer anderen zusammen war?

„Wie geht’s dem Kater?“, fragte Connor.

„Ich bin nicht glücklich.“

Ja, aber warum? Hast du Grund, eifersüchtig zu sein?

Wenn sie es wäre, hätte auch er einen Grund, eifersüchtig zu sein.

Das war der verrückteste Gedanke, den er je gehabt hatte.

Er war ein Barkeeper. Ms. Rembrandt war eine Studentin. Sie würde ihren Abschluss machen und sich zu größeren Dingen aufschwingen, genau wie Kristopher. So wie sie es alle taten.

Er stellte ein Glas Wasser vor Bridget hin. „Trink.“

In den ersten turbulenten Jahren in dieser Bar hatte er begriffen, dass, egal wie leidenschaftlich ein Mädchen anfangs von ihm besessen war, er am Ende nicht mehr als ein Teil ihrer College-Erfahrung für sie wäre. Sie würde ihren Hut und ihre Robe anziehen und Masterson verlassen, genau wie die vor ihr und die nach ihr.

Seitdem flirtete er mit offenen Augen und genoss es, mit Frauen auszugehen, die kamen und gingen. Ihre Gefühle folgten alle demselben Muster und verglühten nach einiger Zeit. Und schließlich machten die Frauen sich auf den Weg, egal ob sie einundzwanzig oder einundvierzig waren.

Ihm fiel es leicht, loszulassen, er wollte aber nicht, dass Bridget ein gebrochenes Herz hatte. „Worüber bist du nicht glücklich?“

„Kann ein Mädchen nicht einfach Kopfschmerzen haben?“ Sie legte den Kopf auf ihre verschränkten Arme.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass Kristopher längst weiterarbeiten sollte. Die Proben waren zu Ende, doch der junge Mann saß immer noch gemütlich mit Ms. Rembrandt zusammen.

„Jetzt wollen sich alle für Ihren Kurs im nächsten Semester anmelden“, sagte Kristopher.

Delphinia lachte darüber. „In den Frühjahrsferien werden sie es alle vergessen. Wenn nicht, sollten Sie sie vorwarnen. EN313? Kein lustiger Kurs.“

„Aber Sie sind eine lustige Lehrerin. Sie sind großartig.“

„Viktorianische Prosa ist kein gutes Fach. Sagen Sie niemandem, dass ich das gesagt habe, außer denjenigen, die Sie mögen und die es als Wahlfach für Literatur wählen wollen.“

Sie hatte erwartet, dass Kristopher lachte. Stattdessen beugte er sich vor und sagte: „Dann würden Sie mit einem Hörsaal voller Leute enden, die ich hasse. Das könnte ich Ihnen nie antun.“

Das fühlte sich eindeutig und unangenehm wie eine romantische Ouvertüre an. So kaputt konnte ihr Radar doch nicht sein.

„Ich habe schon sehr viele Vorlesungen vor vielen Leuten gehalten. Als Doktorandin habe ich jahrelang Vorlesungen gehalten, und seither bin ich drei weitere Jahre an der Fakultät hier tätig.“ War sie zu offensichtlich, um den Altersunterschied zwischen ihnen zu betonen? Sie war neunundzwanzig. Er konnte nicht älter als einundzwanzig sein.

„Ich bin wirklich froh, dass ich Shakespeare bei Ihnen belegt habe.“ Kristopher lächelte sie an. „Ich hätte sonst nicht gewusst, was ich verpasse.“

Hatte sie sich das nur eingebildet, oder war seine Stimme tiefer geworden, als wollte er sie verführen?

Kristopher legte einen Ellbogen auf die Lehne der Bank und neigte charmant den Kopf. „Ich weiß nicht mehr, wie ich dazu kam, Sie letztes Semester Dr. Dee zu nennen. Mir ist klar, dass das nicht Ihr Name ist. Wie soll ich Sie denn jetzt nennen, wo der Kurs vorbei ist?“

„Sie können mich Dr. Ray oder Professor Ray nennen.“

Kristopher blinzelte und lehnte sich näher, um etwas zu sagen, doch jemand kam ihm zuvor: „Kristopher.“

Der junge Student zuckte vor Überraschung zusammen. Delphinia drehte sich um. Da stand der Mann mit dem gemeißelten Körper, das griechische Ideal mit der eingekerbten Augenbraue, der Mann, der ihr nach ihrem improvisierten Kurs über Othello einen lässigen Gruß zugenickt hatte.

„Auf ein Wort.“

Der Satz hätte eine Frage sein können, aber der Mann sagte ihn wie den Befehl eines Offiziers.

Kristopher rappelte sich auf und schaute auf seine Smartwatch. „Bin ich zu spät? Die Uniform ist in meinem Auto. Ich hole sie. Zwei Minuten, ich schwöre.“

Der Mann machte eine Geste, das großmütige Winken eines Milliardärs. „Nimm fünfzehn.“ Er zögerte kurz. „Wenn ihr hier fertig seid.“

Delphinia erkannte, dass er eigentlich meinte, wenn du mit ihr fertig bist, denn er ließ seinen Blick über ihren Körper schweifen, von Kopf bis Fuß und wieder zurück. In seinem Gesichtsausdruck war nichts ihrer früheren gemeinsamen Belustigung zu erkennen. Aber die Art, wie er sie musterte …

„Ja, wir sind fertig. Tut mir leid.“ Kristopher ließ sie mit einem entschuldigenden Lächeln zurück.

Der Mann betrachtete eine Sekunde lang ihr Gesicht, nicht ihren Körper. Sah sie zu offensichtlich erleichtert aus, weil Kristopher ging? War ihr Seufzer zu laut gewesen?

„Ihre Erklärung von Othellos Kneipenschlägerei hat mir gefallen.“

Sein Bass war sanft.

„Danke.“

„Sie können so lange bleiben, wie Sie wollen.“ Sein Blick fiel auf ihre Tasche. „Das ist ein guter Ort, um ein Buch zu genießen.“

„Ich mag es hier. Die Nischen sind schön.“

„Das alte Wort dafür ist ‚snug‘. Sie wurden eingebaut, damit Frauen in einem Raum trinken konnten, ohne belästigt zu werden.“

„Niemand belästigt mich.“ Idiotin. Er kann das sehen.

Er lächelte kurz, dann ging er weg.

Sie sah ihm nach. Die Jeans saß verdammt eng.

Hör auf zu starren.

Sie nahm ihr Taschenbuch aus der Tasche und strich über das blaue Cover mit dem männlichen Model ohne Hemd, blickte den Barkeeper an und verglich Perfektion mit Perfektion.

Schüttele es ab.

Er blieb an dem Tisch stehen, an dem sie vorhin gelesen hatte, und schaute einen Moment aus dem Fenster – eine Silhouette im Licht der späten Nachmittagssonne. Ein einsamer Wolf oder, einfacher ausgedrückt, ein einsamer Mann.

Du starrst immer noch. Sie hatte sich die Anziehung eingebildet. Völlig lächerlich. Delphinia schlug ihr Buch auf.

Im Gegensatz zu ihm war sie ein zahmes Hündchen, das akademische Schoßhündchen ihrer Eltern. Sie wusste, was die wollten und wie sie es ihnen recht machte, und tat es.

Niedergeschlagen klappte sie ihr Buch zu. Es musste sich etwas ändern.

Delphinia nahm ihr Handy heraus. Da war eine E-Mail, die sie seit einer Woche nicht beantwortet hatte, aber jetzt wusste sie, was sie sagen wollte. Sie begann, an den Leiter der Englischabteilung zu tippen – nicht an ihre Mutter, sondern an den von der BCC:

Es tut mir leid, zu hören, dass Ihr Professor sich einer Operation unterziehen muss. Ja, ich unterrichte gern an seiner Stelle Shakespeare II, wenn es nach den Frühjahrsferien wieder losgeht.

Ich danke Ihnen für das Angebot.

Sie drückte auf den Sendeknopf. Das war’s. Sie war dem Ruf der Wildnis gefolgt.

Sie starrte auf die Bühne.

Auf den Balkon.

Oh, dass ich diese Wange berühren könnte.

Sie wollte sich nicht mehr gegen die Anziehung wehren, die der Barkeeper auf sie ausübte. Es kam nicht jeden Tag vor, dass sie einem Mann mit der Statur eines griechischen Gottes und Shakespeares Worten auf den Lippen begegnete. Seine Alphamännchen-Aura zog sie an, als wäre er ein Eisen und sie ein Magnet.

Natürlich würde nichts dabei herauskommen, denn sie konnte unmöglich sein Typ sein, aber sie wollte sehen, wie es sich anfühlte, in der Nähe des Mannes zu sein, in den sie sich in den Taschenbüchern verliebt hatte.

Außerdem würde es nie einfacher sein, sich einem einsamen Wolf zu nähern. Er war der Barkeeper. Sie brauchte nur an die Bar zu gehen, ihr Glas abzusetzen und mit ihm zu reden.

5. KAPITEL

Ms. Rembrandt kam auf die Bar zu.

Es gab zwanzig Barhocker. Bridget saß auf Platz fünfzehn, den Kopf gesenkt, und versuchte zu schlafen. Connor hatte das Gefühl, Ms. Rembrandt kam nicht, um nach ihr zu sehen.

Er hatte recht. Sie nahm auf dem Barhocker vor ihm Platz, Hocker sieben.

„Sie kennen Ihren Shakespeare.“

„Er ist unterhaltsam genug.“ Connor legte einen Untersetzer vor sie hin, ein Pappquadrat mit einem aufgedruckten keltischen Liebesknoten.

„Genug wofür?“

Wollte sie ein Gespräch mit ihm beginnen? Sie hatte ihr Haar aufgeplustert, ihre Lippen glänzten. Connor erkannte die Zeichen. Sie war gekommen, um zu flirten.

Das war definitiv ein Problem.

Er konnte keinen Small Talk mit einer Frau führen, die wie ein Gemälde aussah und wie die Sonne lachte, nicht mal, wenn sie nur die Zeit mit ihm totschlug, während sie auf Kristopher wartete.

„Ich mag Shakespeare so sehr, dass ich die Auftritte von Bridget und Kristopher ertrage, selbst wenn ich sie auf der Bühne wie Turteltäubchen miteinander turteln hören muss.“ Er sah, dass Bridget den Kopf hob, wandte sich aber an Ms. Rembrandt. „Es stört mich nicht. Stört es Sie?“

Bridget verdrehte die Augen und stolzierte davon.

Connor beobachtete, wie Ms. Rembrandt Bridget nachschaute. Sie sah nicht siegreich, sondern traurig aus.

Es gab also keine romantische Rivalität. Connor atmete auf.

Ms. Rembrandt seufzte. „Noch nie haben sich Romeo und Julia so sehr gehasst.“

„Hass? Ist es das, was da vor sich geht?“

„Sie glauben nicht, dass sie sich hassen?“

Connor nahm ein sauberes Geschirrtuch und polierte die Wasserflecken von einem Weinglas. „Liebe und Hass können sich in ihrem Alter sehr ähneln.“ Vielleicht übertrieb er ein wenig, als er auf Kristophers relative Jugend hinwies.

„Können Sie ein Geheimnis bewahren?“

„Ich bin Barkeeper.“

„Die beiden waren letztes Semester in meiner Klasse, und ich dachte die ganze Zeit, was für ein süßes Paar sie wären. Ich hoffe, Sie haben recht. Ich hoffe, sie hassen sich nicht wirklich.“

Connor drehte sich um, um das Weinglas aufzuhängen. Jubel war kein Gefühl, mit dem er oft zu tun hatte, doch dies fühlte sich fast so an. Sie erwiderte Kristophers offensichtliches Interesse an ihr nicht, ganz und gar nicht. Es hätte keine Rolle spielen sollen, aber das tat es.

Er wischte sich das Lächeln aus dem Gesicht und wandte sich ihr wieder zu. „Wir werden sehen. Der Lauf wahrer Liebe war noch nie glatt.“

„So schnell kommen helle Dinge in Verwirrung.“

Er hörte mit dem Polieren auf.

„Tut mir leid.“ Es war ihr peinlich. „Sie haben diese Zeile über den Verlauf der wahren Liebe zitiert, also habe ich eine weitere Zeile aus dieser Szene hinzugefügt. Ein Sommernachtstraum, erster Akt, erste Szene.“

„Das ist ein beeindruckender Bar-Trick. Die meisten Mädchen versuchen einfach nur, mit ihrer Zunge einen Knoten in einen Kirschenstiel zu machen.“

Sie seufzte wehmütig. „Meine Zimmergenossin in New England konnte das. Ich nicht. Aber ich muss Sie warnen. Falls wir einen Wettbewerb veranstalten, wer die meisten Shakespeare-Zitate einstreuen kann, gewinne ich.“

„Daran habe ich keinen Zweifel.“

Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn berechnend an. „Aber nicht, weil Sie mich in der irrigen Annahme, dass der Gast immer recht hat, gewinnen lassen würden, oder?“

Connor lächelte nur.

Was möchten Sie?

Heraus kam eine andere Frage: „Wie ist Ihr Name?“

„Das erraten Sie nie.“

Sie war verspielt. Er warf sich das Geschirrtuch über die Schulter und stützte sich mit den Händen auf die Theke. Ihr Blick fiel auf seinen Arm, seinen linken Arm, den mit der Tätowierung. Frauen liebten sie. Ms. Rembrandt war ganz eindeutig eine Frau.

Rasch sah sie ihm wieder in die Augen. Ihr Erröten verlieh ihren Wangen einen warmen Hauch von Rosa.

„Rembrandt.“

Auf Überraschung folgte ihr helles Lachen. „Das klingt wie der Name, den ein Professor für Kunstgeschichte seinem Hündchen geben würde. Rembrandt. Irgendwie süß für einen Hund.“

„Das war meine einzige Vermutung. Ich schätze, Sie werden es mir sagen müssen.“

Ihr Lächeln wurde schwächer. „Ich heiße Delphinia. Ich weiß, ich weiß. Wenn Sie meine Eltern kennen würden, wären Sie nicht überrascht. Sie sind genau die Art Menschen, die einem Baby den Namen einer etwas pingeligen Blume gibt. Die Blume heißt übrigens Delphinium. Nicht Delphinia.“

„Was steckt in einem Namen?“, fragte Connor, der erst heute Nachmittag den Text von Romeo und Julia aufgefrischt hatte. „Das, was wir Rittersporn nennen, würde mit jedem anderen Wort genauso süß duften.“

Ihr Lächeln kehrte zurück. „Meine Eltern hätten mir auch einen normalen Blumennamen geben können wie Rose. Das ist einprägsam.“

„Rose. Lilie. Gänseblümchen ist ein Unkraut am Straßenrand. Keiner von ihnen klingt so süß.“

Sie errötete perfekt. Er lehnte sich ein wenig näher, um seine Frage leise zu murmeln: „Also, meine einzigartige Delphinia, was möchten Sie?“

Sie sah ihn an, und er sah sie an. Plötzlich atmete auch er nicht mehr. Zwischen ihnen zündete etwas, das den Sauerstoff, den sie nicht atmeten, verbrannte. Er spürte es auf seiner Haut, Energie, statische Elektrizität.

Er wollte sie.

„Oh“, sagte sie, wie eine Frau „oh“ sagen würde, wenn sie beim Liebesspiel genau richtig berührt wurde. Oh.

Er wollte seine Finger in ihr whiskeybraunes Haar schieben. Er wollte ihre Lippen schmecken, die sie nur für ihn geschminkt hatte. Lust, ja, doch zwischen ihnen verdichtete sich die Lust zu etwas Intensivem.

Die Tür des Pubs ging auf, Leute kamen herein. Connor konnte nicht aufhören, Delphinia anzustarren, und sie hörte nicht auf, ihn anzustarren. Er wich jedoch zurück, als Kristopher zu ihnen kam.

Der junge Mann gab ihm einen Klaps auf die Schulter. „Bin wieder da. Habe es in zehn Minuten geschafft. Du kannst gehen.“

Delphinia sah auf ihr Glas hinunter. Der Bann war gebrochen.

Connor holte tief Luft. Die Bar war noch da. Die neuen Kunden setzten sich. Es war erschütternd, festzustellen, dass eigentlich nichts passiert war. Ein Mann und eine Frau hatten sich ein paar Herzschläge lang angeschaut. Das war alles.

Seine Kehle fühlte sich zu eng an, um zu sprechen, daher nickte er Kristopher nur zu und deutete mit einem Ruck seines Kinns auf die Gäste.

Kristopher ging zu ihnen hinüber.

Connor blieb bei Delphinia. Er hielt ihr Glas hoch. „Was möchten Sie?“

„Ich habe Eiswasser getrunken.“

Er holte ihr ein sauberes Glas und füllte es mit Eis, wobei er sich mit jeder vertrauten Bewegung normaler fühlte. Sie hatten einen dieser „Denkst du, was ich denke?“-Momente geteilt. Daran war nichts allzu Exotisches. Sie hatten es vorhin schon mal getan, als der weinerliche Othello sie zum Lachen brachte.

Er füllte das Glas mit Wasser auf und stellte es auf den Untersetzer. „Wasser ist ein Bedürfnis, aber was bereitet Ihnen Vergnügen?“

Sie bewegte sich auf ihrem Stuhl und warf ihr Haar zurück, und er wusste, dass sie versuchte, diesen seltsamen Moment des Schweigens zwischen ihnen abzuschütteln. Sie schaute überall hin, nur nicht zu ihm. Er verstand.

„Ich weiß nicht wirklich, was man in einem irischen Pub trinken sollte“, sagte sie.

„Es ist alles da. Es gibt kein Gesetz, das besagt, dass man ein Guinness nehmen muss.“

„Gibt es so etwas wie einen Whiskey für Anfänger?“

Sie war süß und schön zugleich. Allein die Tatsache, dass es sie gab, brachte ihn zum Lächeln, also tat er es. „Wie wäre es mit einem Bourbon und einer Cola?“

Auch sie lächelte. „Das klingt nach etwas, womit ich umgehen kann.“

„Über einundzwanzig?“ Er brauchte ihren Ausweis nicht zu überprüfen, obwohl es verlockend war, wenn auch nur, um herauszufinden, wo sie wohnte.

„Neunundzwanzig.“

Sein Alter, oder fast. Das hätte er nicht vermutet.

Connor stellte Delphinia ihr Getränk vor die Nase und machte weiter, wie es ein normaler Barkeeper tun würde.

Er begann, ein Guinness für den Stadtrat zu zapfen, ohne darauf zu warten, dass der es bestellte. Er hatte ihn und den Rest der Stadtverwaltung fast ein Jahr lang bedrängt, einen sichereren Übergang an der Kreuzung zwischen dem Campus und dem Tipsy Musketeer zu finanzieren.

Zu viele Studenten gingen bei Rot über die Straße, um zu einem der Läden in der Gegend zu gelangen. Connor hatte sogar Entwürfe für eine Fußgängerbrücke anfertigen lassen, die die Athos Avenue überspannte. Die Studenten hatten keine Geduld, an der Ampel zu warten.

Im vergangenen Jahr war eine Schülerin angefahren worden. Er konnte nicht vergessen, wie sie auf dem Bürgersteig lag. Der College-Zeitung zufolge hatte es Monate gedauert, bis sie operiert werden konnte.

Und es gab viele Beinahe-Unfälle. Beim Quietschen der Reifen rannte er jedes Mal hinaus, um zu helfen. Es war immer eine Erleichterung, einen Fahrer und einen Fußgänger zu sehen, die sich gegenseitig anschrien, denn das hieß, niemand war verletzt worden.

Delphinia schaute auf ihr Telefon. Die Traurigkeit war wieder da, Unruhe. Er konnte sie aus zwei Schritten Entfernung wahrnehmen.

„Es tut mir leid, ich muss gehen“, sagte sie zu Kristopher. „Wie viel schulde ich euch?“

Kristopher wandte sich an ihn: „Platz sieben ist ein Bourbon mit Cola?“

Connor wedelte mit einer Hand. „Geht aufs Haus.“

„Bitte sehr“, sagte Kristopher zu Delphinia, als hätte er ihr gerade einen Gefallen getan. Er lehnte sich lässig auf den Tresen und schenkte ihr das gleiche anzügliche Lächeln, mit dem er auch andere Studentinnen bedachte. „Das war großartig heute Nachmittag. Ich habe mich wirklich amüsiert.“

„Das habe ich auch.“ Sie wirkte abgelenkt, düster, schaltete ihr Telefon aus und steckte es in ihre Tasche.

Kristopher zwinkerte ihr zu. „Wir sollten das wiederholen.“ Die sexuelle Anspielung war unüberhörbar.

Sie gehörte ihm nicht, das war Connor klar, dennoch meldete sich sein Beschützerinstinkt, und er gab Kristopher einen wenig freundlichen Schubs in Richtung einiger anderer Kunden.

Delphinia stieg von ihrem Barhocker, jede ihrer Bewegungen war von Unruhe und Dringlichkeit geprägt. Sein erster Eindruck war richtig gewesen, etwas machte sie unglücklich.

Er erwartete, sie würde gehen, ohne sich zu verabschieden, doch sie sagte: „Danke für den Drink. Ich habe etwas vergessen, was ich eigentlich tun sollte, und muss los.“

Sie musste zurück in ihr trauriges Leben, aber sie war einen Nachmittag lang hier glücklich gewesen. Das war es, was eine gute Kneipe für einen Menschen tun konnte. Das war alles, was eine gute Kneipe tun konnte.

„Es war schön, Sie kennenzulernen, Ms. Rembrandt. Sie sind jederzeit willkommen, wenn Sie eine Pause von der Welt brauchen.“

Komm wieder her, damit ich dich ansehen und den Verstand verlieren kann. Bitte!

Sie strich über das polierte Holz, dann drehte sie sich um und ging auf die Tür zu.

Kristopher kehrte zurück, um eine Bestellung auf dem Touchscreen einzugeben. „Sie ist großartig, nicht wahr?“

Connor grunzte zustimmend, um die aufgewühlten Gefühl zu unterdrücken.

Eine unbekannte Frau setzte sich auf Platz sieben und lächelte ihn an. „Weißwein, bitte. Etwas Süßes.“

Connor holte eine Flasche Riesling aus dem Weinkühler unter der Kasse, als Kristopher sagte: „Da siehst du, warum sie meine Lieblingsprofessorin ist.“

Connor u...

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