Prickelnde Küsse auf der Insel der Träume

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Joel Austin, der sexy Beachboy, der sie eben noch sinnlich küsste, ist kein Angestellter der exotischen Luxusvilla, sondern ein Milliardär? Jessie ist empört. Nach einem Schicksalsschlag fühlt sich die ehemalige Karrierefrau wie im freien Fall. Da braucht sie keinen Herzensbrecher, der mit ihren Gefühlen spielt. Sie ist auf der Karibikinsel, um einen Neuanfang zu planen. Doch als Joel ihr ein dunkles Geständnis macht, sieht sie ihn plötzlich mit anderen Augen. Wäre es etwa möglich, dass ihre Küsse seine Seele heilen?


  • Erscheinungstag 06.02.2024
  • Bandnummer 032024
  • ISBN / Artikelnummer 9783751524520
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Jessie Rose ballte ihre Händen zu Fäusten und biss die Zähne zusammen. Sie starrte auf das türkisblaue Wasser unter sich. Zwischen den Wolken leuchtete plötzlich Sand weiß schimmernd auf und dann sah sie Grün.

Land in Sicht … fester Boden! Ein Anblick, der sie eigentlich beruhigen müsste. Doch als der Flieger erneut ruckelte, umklammerte sie ihre Sitzlehnen und kniff die Augen zusammen. Die Propellermaschine rüttelte und schüttelte sich. Sie befürchtete mehr als davor, dass dieses klapprige und lächerlich kleine Flugzeug jeden Moment vom Himmel fallen könnte.

Angstschweiß und eine enge Brust kannte sie zwar, doch dies sollte ihr Urlaub sein und kein Auslöser einer weiteren Panikattacke.

Atme, Jessie … einfach nur atmen und zählen …

Die monotonen Ermahnungen ihres Therapeuten hallten in ihrem Kopf wider.

Das Flugzeug sackte ab, ihr Magen hob sich und Jessie gab einen erstickten Laut von sich. Zum Glück sah hier niemand, wie sie die Fassung verlor. Der Pilot hatte offenkundig genug damit zu tun, seine Klapperkiste in der Luft zu halten. Nur eine vorübergehende Turbulenz, hatte er ihr lässig versichert. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.

Ha! Ihr kam das ganz anders vor, und ihr Verstand spielte nur zu gern jedes denkbare Schreckensszenario durch … und das bei jeder sich bietenden Gelegenheit, seit dem Unfall ihrer Mutter vor einigen Jahren.

Sie hatte mühsam lernen müssen, es zu verbergen: ihre Schlaflosigkeit, die Panikattacken, den täglichen Kampf ums Überleben. Trainiert hatte sie es zwangsläufig, während der Rund-um-die-Uhr-Betreuung ihrer Mum. Nachdem sie ihren Job gekündigt hatte, war sie zurück nach Hause gezogen und hatte nach Adams Auffassung ihr eigenes Leben aufgegeben.

Adam …

Abwehrend schüttelte Jessie den Kopf. Sie wollte nicht an ihn denken. Gut, dass wir ihn los sind, hatte ihre große Schwester Hannah gesagt, doch Jessie war sich nicht so sicher. Vor allem nachdem Mum auch nicht mehr da war und sie ganz allein. Ohne Ziel vor Augen, verloren und unsicher. Im Gegensatz zu Hannah, die stets alles im Griff hatte.

Ihre Schwester konnte nicht ansatzweise nachvollziehen, wie sie sich fühlte. Sie lebte in einer vollkommen anderen Welt. Hannah wohnte in einer protzigen Wohnung in London an der Seite eines noch protzigeren Ehemannes. Ihr Leben sprudelte förmlich über vor Champagner und Kaviar.

Und sie … sie führte ein bescheidenes Leben.

Der Flieger sackte erneut nach unten, Jessie keuchte auf und schämte sich ihrer negativen Gedanken. Ihre Schwester hatte hart gearbeitet, um ihre Ziele zu erreichen. Hannah konnte nichts dafür, dass sie selbst keinen Beruf fand, der sie interessierte. Und dass sie sich in den falschen Mann verliebt hatte! Oder ihr Leben in London aufgab, um in ihr Heimatdorf zurückzukehren und ihre Mutter zu pflegen …

Inzwischen konnte sie gut nachvollziehen, dass Hannah sie dabei nicht so wie erhofft unterstützt hatte, da sie in London festsaß. So gesehen war diese Reise wohl der Versuch, sie für dieses Versäumnis zu entschädigen.

„Es wird dir guttun, mal rauszukommen, Sonne zu tanken, umsorgt zu werden und neue Energie zu tanken. Und … ja, um wiedergeboren zu werden.“

Jessie glaubte, eine Spur von Schuldgefühl in Hannahs Stimme zu hören, daneben aber auch ein feines Lächeln, als sie von Wiedergeburt sprach. Was für ein esoterischer Ausdruck … und das von ihrer Schwester!

Anders als ihre Mutter, die noch auf dem Sterbebett liebevoll die Hand ihrer jüngeren Tochter umfasste und sanft drückte. „Das Leben ist das Abenteuer, das du daraus machst, Jessie. Lebe es, liebe es und bereue nichts …“

Nun, genau das tat sie. Oder besser gesagt, sie wollte es auf jeden Fall versuchen. Als Hannah ihr diese Fluchtmöglichkeit anbot, hatte sie zunächst kategorisch Nein gesagt. In einem Ferienhaus zu wohnen, das einem Partner aus Hannahs Kanzlei gehörte, kam ihr falsch vor. Besonders da sie diesen Mann nur wenige Male gesehen hatte und keinen Penny zahlen durfte, für einen exklusiven Urlaub, den sie sich niemals hätte leisten können.

Selbst ihr Erbteil war nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu dem Reichtum und Luxus, der sie erwartete. Oder besser gesagt, in den sie gerade hineinflog.

Mustique Island, ein exklusiver Zufluchtsort für die Reichen und Berühmten und so weit von ihrer Welt entfernt, wie man nur sein konnte.

Aber möglicherweise hatte Hannah recht. Vielleicht war es genau diese Auszeit, die sie brauchte. Medikamente waren sicher nicht die Lösung, doch zumindest ihr Therapeut hatte sich als eine Art Schützenhilfe erwiesen. Aber nichts konnte die Lücke füllen, die ihre Mutter vor einem halben Jahr hinterlassen hatte und …

Ihr Handy meldete sich: Eine Nachricht von Hannah, deren Timing wie immer perfekt war: Vergiss nicht, mir Bescheid zu sagen, wenn du angekommen bist … x

Jessie schüttelte den Kopf, seufzte und tippte: Wenn ich nicht vorher im Flieger sterbe … x

Jess! x

Sollte ein Scherz sein. x

Sie spürte förmlich, wie ihre Schwester mit den Augen rollte, echte Sorge im Blick, und ihr Herz zog sich zusammen. Sorry! Ich melde mich auf jeden Fall, aber im Moment haben wir Turbulenzen … x

Seit wann erschreckt dich so was? x

Seit mich das wahre Leben eingeholt hat … Ihr Finger schwebte über dem Button Senden, aber das wäre nicht fair. Nicht gegenüber ihrer Schwester und auch nicht sich selbst und ihrem Vorsatz gegenüber, diesen Urlaub als einen Neuanfang zu betrachten. Also löschte sie die letzte Zeile und schrieb: Wir landen gleich. Ich schicke dir eine Nachricht, sobald ich da bin. Also hör auf, dir Sorgen zu machen, und konzentriere dich lieber auf deinen nächsten „Big Deal“ … x

Jetzt gerade bist du meine Priorität, kleine Schwester. Pass auf dich auf, ich liebe dich … x

Tränen schnürten Jessies Kehle zu, als sie aufs Handydisplay starrte. Doch diesmal hatte der Drang zu weinen nichts mit Angst oder Panik zu tun, sondern mit Familie. Mit der Familie, die ihr noch blieb …

Ich liebe dich … drei einfache Worte, mit denen viele achtlos um sich warfen, aber nicht Hannah. Sie zeigte selten ihre Gefühle. Selbst nach dem Tod ihrer Mutter erlebte Jessie ihre große Schwester eher zögerlich und unbeholfen.

Entweder hatte ihre massive Panikattacke, die Hannah vor ein paar Wochen miterleben musste, sie aus dem Konzept gebracht, oder es ging etwas anderes in ihr vor. Jessie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte.

Wie dem auch sei, sie musste sich zusammenreißen. Erstens, um ihrer Schwester zu beweisen, dass sie geistig fit war und ihr Leben ohne Einmischung führen konnte, und zweitens, um für Hannah da zu sein, falls die sie brauchte. Nicht dass das zu befürchten stand, so kämpferisch, unabhängig und karriereorientiert wie sie war.

Denk mehr an dich selbst und weniger an die „Kleine“, die längst erwachsen ist. Liebe dich auch xx

Damit steckte Jessie ihr Handy weg und klammerte sich erneut an die Armlehnen. „Traumurlaub und neues Leben … ich komme!“, knirschte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Joel Austin betrachtete die Brandung. Er wollte noch einmal mit dem Surfbrett aufs Wasser gehen, bevor das Wetter umzuschlagen drohte. Die Wellen wurden immer höher und unvorhersehbar. Doch jetzt aufzugeben, hieß zu akzeptieren, dass es vorbei war mit seiner Auszeit. Lieber wollte er ein Risiko in Kauf nehmen, als in die Realität zurückzukehren …

„Mr. Austin!“

Er wandte den Kopf und suchte aus schmalen Augen den Ufersaum ab, um zu sehen, wer es wagte, ihn hier aufzuspüren und zu stören.

Ah, natürlich Anton …

Selbst aus dieser Entfernung war nicht zu übersehen, wie gestresst der arme Mann wirkte. Joel seufzte ergeben. „Hallo, Anton … wollen Sie sich mir anschließen?“

Heftiges Kopfschütteln. Joel wusste ohnehin, dass das Auftauchen des treuen Dieners nur eins bedeuten konnte: Sein Kumpel Brendan war ihm offenbar auf den Fersen.

„Verzeihung, Sir, aber Sie werden dringend verlangt.“ Anton fuchtelte mit seinem Handy in der Luft, und Joel seufzte erneut. Eindeutig Brendan!

„Okay, ich komme.“ Er gönnte der verlockenden Brandung einen letzten sehnsüchtigen Blick. Doch auch wenn er sich gern mal halsstarrig und renitent zeigte, war er es seinem besten Freund wohl schuldig, das Personal nett zu behandeln, wenn Brendan ihm schon sein Feriendomizil und den damit verbundenen Luxus zur Verfügung stellte.

Er sprang vom Brett, brachte es in Sicherheit vor den heranrollenden Wellen und zwang ein Lächeln auf seine Lippen. An seiner desolaten Verfassung waren weder Anton noch Brendan schuld, sondern allein er selbst. Ein Rückzug aus der Realität konnte sein Problem nicht lösen …

„Was ist los?“, gab er sich unwissend und forderte Aufklärung von Brendans Angestellten, obwohl er nur zu genau wusste, was anstand.

„Mr. Hart hat versucht, Sie telefonisch zu erreichen. Wegen des aufziehenden Sturms wollte er sich vergewissern, ob Ihre geplante Abreise …“

„Ob Sie mich bald los sind?“, schnitt Joel ihm das Wort ab und stürzte den armen Mann damit sichtlich in Verlegenheit. „Haben Sie mich etwa schon satt, Anton?“

„Ganz und gar nicht, Sir!“, versicherte der arme Mann mit aufgerissenen Augen. „Aber ein neuer Gast müsste jeden Moment …“

„Keine Panik, Anton, ich ziehe Sie nur auf.“

„Mich aufziehen, Sir?“

„Soll heißen, das war nur Spaß.“ Joel bückte sich nach Handtuch und Handy. „Alles läuft ab wie geplant. Mein Flug geht heute Nachmittag.“

Er hätte auch nichts dagegen, hier zu stranden, doch Anton empfand offenbar anders, denn sein besorgter Blick wanderte zum Horizont und dem sich offenkundig zusammenbrauenden Sturm.

„Entspannen Sie sich, Anton, alles bestens …“, riet Joel und wandte sich in Richtung Strandvilla. „Wer ist denn der Gast, der mich aus dem Paradies vertreibt?“

Anton warf ihm einen Seitenblick zu. Er schien unsicher, ob er ihn nicht doch verärgert hatte. Deshalb bemühte Joel sein breitestes Lächeln, eine Art Geheimwaffe, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Niemand kam je auf die Idee, hinter die blendende Fassade mit dem typischen blonden Surfer-Schopf, dem strahlend weißen Lächeln und dem kristallblauen Blick zu schauen.

„Sie ist die Freundin eines Freundes, soweit ich das verstanden habe.“

„Eine Frau?“ Joel zog eine Augenbraue hoch. „Gibt es auch einen Mann dazu?“

Anton schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, sie ist allein unterwegs.“

Hmm, interessant. Vielleicht wäre ein kurzer Anruf bei Brendan …

„Gehen Sie ruhig voraus, Anton. Ich kümmere mich um das Brett und rufe dann Brendan an.“ Vielleicht wurde dieses Abenteuer zum Ende ja noch unerwartet von einem aufregenden Highlight gekrönt.

„Mr. Austin. Ich …“

„Joel, einfach nur Joel. Der offizielle Teil ist doch jetzt so gut wie vorbei, oder nicht?“

„Das ist hier nicht üblich und …“

„Ich bin eben kein üblicher Gast, also lassen Sie den Mister und den Sir weg, okay?“

„Okay, kann ich Ihnen etwas bringen … Joel? Vielleicht eine Erfrischung?“

„Danke, nein. Sind meine Koffer gepackt?“ Eine Frage, auf die er die Antwort längst kannte angesichts der Effizienz und Zuverlässigkeit von Brendans Mitarbeitern.

„Selbstverständlich, S… Joel. Abgesehen von Ihrer Reisegarderobe, die June für Sie bereitgelegt hat.“

„Perfekt. Danke.“ Er wartete, bis Anton gegangen war, bevor er Brendans Nummer wählte, und der meldete sich bereits nach dem zweiten Klingelton. „Lauerst du etwa die ganze Zeit am Handy? Du brauchst endlich ein eigenes Leben, mein Bester“, zog Joel ihn auf.

„Und du musst deins wiederfinden, mein Bester.“

Mit einem Auflachen hoffte Joel den Schmerz zu überspielen, den die prompte Retourkutsche bei ihm auslöste. Er war noch nicht bereit, einen solchen Schritt zu wagen. Verdammt, vielleicht würde er es nie sein.

„So einen Rat akzeptiere ich von niemandem, der nur für seine Arbeit lebt.“

„Ist noch nicht lange her, da warst du genauso.“

„Du siehst ja, wo mich das hingebracht hat!“, konterte Joel mit rauem Auflachen.

Er spürte, wie sich lähmende Kälte in seinem Körper ausbreitete, und zwang sich, langsam und tief durchzuatmen, wobei ihm die Anspannung des Freundes am anderen Ende der Leitung nicht entging. Mit zusammengepressten Lippen wartete er auf unvermeidliche Sympathie- und Mitleidsbezeugungen, die Brendan gleich anbringen würde, wenn er ihm nicht zuvorkam.

„Joel, ich bin …“

„Sag mir sofort, wer die glückliche Lady ist, die mich hier ablösen wird“, forderte er.

Einen Moment herrschte Stille, dann folgte ein tiefer Seufzer. „Woher weißt du, dass es eine Frau ist?“

Still gratulierte sich Joel zu seinem gelungenen Ablenkungsmanöver. „Anton.“

Brendan fluchte in sich hinein, was Joel mit einem Auflachen quittierte. „Ging das gerade gegen mich?“

„Nein.“

„Ich denke doch.“

Noch ein abgrundtiefer Seufzer. „Na ja, vielleicht.“

„Aber warum zum Henker hast du …?“

„Sie ist Hannahs kleine Schwester.“

„Sprichst du von der Hannah, deiner sexy Geschäftspartnerin in der Kanzlei?“

„Ich wünschte wirklich, du würdest nicht so über sie reden“, kam es steif zurück.

„Und ich wünschte immer noch, du hättest dich an sie rangemacht, bevor dieser Trottel von einem Ehemann sie einkassiert hat. Aber wir bekommen eben nicht alles, was wir uns heimlich wünschen, oder?“

„Hör mal, Joel …“

„Was denn? Dieser Leon, der sie sich geschnappt hat, ist ein Idiot“, stellte er klar. „Keine Ahnung, was du jemals in dem Kerl gesehen hast, der nur deine Reputation und deine Beziehungen ausnutzt und …“

„Und jetzt der letzte Mann auf Erden ist, über den ich reden will“, schnitt sein Freund ihm das Wort ab. „Also hör auf, mich abzulenken, und sag mir, dass du bereits gepackt hast und quasi auf dem Weg zum Flughafen bist.“

Joel lachte, mit einem Blick in Richtung Horizont und auf das sich zusammenbrauende Unwetter. „Wieso bist du nur so erpicht darauf, dass ich mich von hier verziehe?“

„So ist es nicht. Du weißt, dass du dort immer willkommen bist, aber …“

„Du willst nicht, dass ich hier bin, wenn sie ankommt?“

„Genau“, kam es nach einer Pause zurück.

Hätte er das nicht verdient, wäre Joel jetzt beleidigt. Doch angesichts des Rufes, den er sich im letzten Jahr erworben hatte, obwohl die meisten Pressemeldungen nicht mehr als aufgeblasener Unsinn waren … nicht dass er sich um Aufklärung bemüht hätte!

„Okay, verstanden.“

„Tut mir leid, Joel, du weißt, dass ich dich liebe, aber sie ist Hannahs kleine Schwester. Ich kann nicht riskieren, dass du sie verärgerst, und da du keinerlei Hemmungen hast, wenn es um das andere Geschlecht geht …“

„Von wegen! Was war mit deiner Großtante, die ich energisch in Schach hielt, als sie mich in jenem Sommer angebaggert hat?“

Brendan lachte. „Die gute alte Mags! Ich vermisse sie schrecklich.“

„Ich nicht.“

„Jetzt mal im Ernst, Joel …“

„Hör auf, dir Sorgen zu machen“, unterbrach er den Freund rau. „Ich bin weder taub noch dumm und habe die Botschaft verstanden.“

„Danke.“

„Ich danke dir, dass du mich hier hast wohnen lassen.“

„Hattest du wenigstens einen guten Urlaub?“

„Auf jeden Fall. Wie könnte es auch anders sein, an so einem zauberhaften Platz?“

„Bezieht sich das auf den Ort oder auf Gäste in den anderen Domizilen?“

Joel lachte. „Du kennst mich doch! Immer gesellig und …“

„Ich wünschte, du würdest das auf deine Familie ausweiten.“

Ein wenig dezenter Wink, den Joel geflissentlich überhörte. „Also, wenn dir daran liegt, könnte ich auch bleiben und Hannahs kleiner Schwester die Sehenswürdigkeiten …“

„Hast du nicht einen dringenden Termin in Tokio?“

„Einen Termin in Tokio?“

„Simon hat mich angerufen.“

Und schon waren sie wieder bei seiner Familie. „Na, wer hätte das gedacht …“

„Sag das nicht so.“

„Wie sonst, wenn mein kleiner Bruder mir hinterherspioniert?“

„Er macht sich eben Sorgen und …“

„Und ich bin mit fünfunddreißig alt genug, um für mich allein zu sorgen. Also, willst du mich nun von der Insel runter haben oder …?“

„Joel, so ist das nicht.“

„Es ist, wie es ist“, schnitt er dem Freund brüsk das Wort ab und schaute mit gefurchten Brauen erneut in Richtung des immer dunkler werdenden Horizonts. Dann ließ ihn ein ungewohnt reges Treiben am Strand aufhorchen. Überall sammelte man ein, was nicht festgebunden war. Paolo, der Fahrer und Platzwart, schloss die Fensterläden der Strandhütten und befestigte sie. „Hör zu, ich muss los. Das Sturmtief rückt näher, und es sieht so aus, als würden deine Leute meine Unterstützung brauchen, bevor ich mich von hier verabschiede.“

„Sie können sich allein um das Haus kümmern. Dafür werden sie bezahlt.“

„Während ich mich zurücklehne und zuschaue?“

„Nein, aber du solltest dich sputen, um deinen Flieger zu bekommen, ehe …“

„Schon gut, ich habe verstanden.“ Joel beendete abrupt das Telefonat. Wäre er nicht so genervt von Brendans unerwünschten Ratschlägen, hätte er deswegen vielleicht ein schlechtes Gewissen. Aber er war ja quasi schon auf dem Weg, und was Hannahs Schwester betraf …

Das Geräusch einer kleinen Maschine im Landeanflug lenkte seinen Blick gen Himmel. Na, wenn das nicht der angekündigte Feriengast war, der seinen Platz in dieser Luxusherberge einnehmen sollte! Ein kleiner Willkommensgruß konnte sicher nicht schaden.

Entgegen der landläufigen Meinung war er durchaus in der Lage, den Gentleman rauszukehren, wenn es angebracht war. Vor allem wenn es sich um eine Frau handelte, die angesichts von Brendans Warnungen für ihn tabu war, was seinem derzeitigen, bewusst gewählten Junggesellenstatus sehr entgegenkam. Davon abgesehen hatte er kein Interesse daran, sich aufzudrängen, wo er laut seinem Freund nicht hingehörte.

Doch ein kleiner Flirt zur Ablenkung? Wem sollte das schaden?

Jessie blinzelte. Dann erneut, diesmal eine Spur heftiger.

Sie schob es auf das grelle Sonnenlicht, was allerdings nicht erklärte, warum ihr Mund plötzlich weit offenstand. Ein Grund war wohl diese fast unwirkliche Luxusvilla inmitten einer Vegetation, wie man sie aus Hochglanzprospekten exotischer Urlaubsregionen kannte.

Aber der wahre Grund …

Ein braungebrannter blonder Hüne schlenderte über das Grundstück, mit mehreren langen Holzbrettern über einer Schulter und einem umwerfenden Grinsen auf dem markanten Gesicht. Oder lag es an diesem unfassbaren Körperbau? Halbnackt, die gebräunte Haut schweißbedeckt, was seine offenkundig trainierte Muskulatur besonders hervorhob und zur Schau stellte.

Jessie schluckte trocken. Überraschen sollte sie ein derartiger Anblick auf dieser Insel eigentlich nicht, denn mörderisch attraktiv zu sein gehörte sicher zu den Grundvoraussetzungen, wollte man auf Mustique Urlaub machen.

Nur mit Anstrengung unterdrückte sie den Impuls, sich mit der Zungenspitze über die Lippen zu fahren. Wahrscheinlich hätte sie es trotzdem getan, würde nicht Anton, der Butler dieses unglaublichen Ferienhauses, sie offenbar bereits erwarten.

In der beigen Hose und dem kurzärmeligen weißen Hemd wirkte er unglaublich frisch und adrett, sein Lächeln war respektvoll und einladend. Die intelligenten braunen Augen ließen nicht erkennen, was er von ihrem Outfit hielt, das, wie Jessie zugeben musste, schon bessere Tage gesehen hatte. Ihre hellbraune Leinenhose war nach der Reise zerknittert, das lockere cremefarbene Hemd angesichts der Hitze weit aufgeknöpft, ihr kastanienbraunes Haar zerzaust und schweißnass.

Aber was den Mann betraf, der ihr als Erstes ins Auge gestochen war … für ihn schien die zurückhaltend elegante Kleidung des Hauspersonals nicht zu gelten. Vielleicht war er der Gärtner oder ein Handwerker? Keine Ahnung, aber wahrscheinlich hatte sie mehr mit ihm gemeinsam als mit dem Besitzer dieses exklusiven Anwesens, der entweder verrückt oder unglaublich großzügig sein musste, da er sie unbegrenzt lange darin wohnen ließ.

Privater Transport, luxuriöse Unterkunft inklusive Personal. Für sie alles kostenlos!

Angesichts dieser Großzügigkeit musste sich Jessie kneifen. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was tatsächlich dahintersteckte. Warum sollte jemand so etwas für sie tun? Für eine Person, die er gar nicht kannte? Vielleicht ging es ihm um jemand anderen? Was waren eigentlich Brendans wahre Absichten in Bezug auf ihre Schwester?

„Kommen Sie, Miss Rose“, ermunterte Anton sie und nahm ihr den Koffer aus der Hand, was ihr angesichts des ramponierten Zustands peinlich war. Doch statt hochgezogener Brauen oder einem missbilligenden Naserümpfen empfing sie ein einladendes Lächeln. „Wie wäre es mit einer Erfrischung, bevor ich Sie herumführe? Laut Mr. Hart haben Sie den langen Weg aus England auf sich genommen, um sich hier ein wenig zu erholen.“

Sie nickte lächelnd, wagte aber nicht zu erwähnen, wie unwohl sie sich bei der Vorstellung fühlte, dieses riesige und unter Garantie makellos saubere Haus zu besichtigen, ohne sich zuvor frisch gemacht zu haben. Doch dann gab sie sich einen Ruck.

„Ein Schluck zu trinken wäre toll, aber ich würde liebend gern zuerst duschen …“

„Was immer Sie wollen. Wir sind hier, um Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen.“

Jessie lächelte dankbar und eine Spur verlegen. „Das klingt himmlisch!“

„Ich wünschte nur, ich könnte Ihnen auch ein angenehmeres Wetter bieten.“

Sie blieb stehen und runzelte die Stirn. „Dann ist tatsächlich ein Wirbelsturm im Anmarsch? Der Pilot sagte so etwas in sein Funkgerät, ich hoffte aber, ihn falsch verstanden zu haben.“

Genauer gesagt, hatte sie ein Stoßgebet zum Himmel gesandt! Ein Hurrikan angesichts ihres gegenwärtigen Gemütszustandes …

„Keine Sorge, wir sind nicht direkt betroffen, doch ein wenig turbulent könnte es werden. Ich hoffe, Ihr Flug verlief nicht allzu holprig?“

„Alles bestens“, rang sie sich ab und schalt sich eine erbärmliche Lügnerin.

Anton wandte sich ihr voll zu. Aufmerksam musterte er ihr blasses Gesicht, nahm das gezwungene Lächeln und die angstgeweiteten Augen wahr. „Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Rose, hier sind Sie sicher.“

Sie nickte und wollte ihm nur zu gerne glauben.

„Anton, soll ich die Bretter hier ablegen?“

Das unerwartete Auftauchen des halbnackten Adonis ließ Jessies Atem stocken. Dafür rauschte ihr Blut unerwartet heftig durch die Adern. Wow! Was für eine Stimme und was für ein … englischer Akzent?

Auch Anton war durch ihr Gespräch so abgelenkt, dass er den Mann erst jetzt wahrnahm.

„Paolo sagt, Sie würden diese Bretter brauchen, um die Front zu sichern.“ Der aufregende Fremde zuckte demonstrativ mit seiner schwer beladenen Schulter, ohne Jessie auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Er rollte leicht das R beim Sprechen, seine dunkle Stimme war heiser, der Tonfall schleppend und seine Augen, als er den Blick auf sie heftete, so blau und kristallklar wie das Meer im Hintergrund.

Ein Schauer rann ihr über den Rücken. Rasch senkte Jessie den Blick und versuchte, ihren fliegenden Puls zu regulieren. Sie war so mit sich und ihrer übersteigerten Reaktion beschäftigt, dass ihr erst verspätet Antons ungewöhnliche Reaktion auffiel.

„Sir, Sie brauchen nicht …“, stammelte er unsicher, wurde aber gleich unterbrochen.

„Alles in Ordnung, Anton, ich bestehe darauf“, versicherte der halbnackte Adonis mit breitem Grinsen, ohne Jessie aus den Augen zu lassen, was zur Folge hatte, dass ihre Knie weich wurden und erbärmlich zitterten.

Mit einer dynamischen Geste beförderte er die Holzlatten auf den Boden, wischte seine Hand an der Hose ab und reichte sie ihr. „Joel … zu Ihren Diensten, Mylady.“

Jessie warf Anton einen unsicheren Blick zu und versuchte seine angespannte Miene zu interpretieren. War es Misstrauen? Oder eher Missbilligung? Riskierte sie, dass Joel gefeuert wurde, wenn sie falsch reagierte? Sicher wollte er nur freundlich sein …

Oder war es ihre eigene nervöse Reaktion, die sie durcheinanderbrachte?

Abrupt umfasste sie die ausgestreckte Männerhand, schüttelte sie kräftig und öffnete schon den Mund, um eine Begrüßungsfloskel zu stammeln, doch der Hitzestoß, der durch die unverhoffte Berührung von ihm ausging, verschlug ihr die Sprache.

„Und Sie sind?“, erreichte sie seine dunkle Stimme wie aus weiter Ferne.

„Jessie!“, platzte sie heraus, befreite ihre Hand aus seiner und strich sich mit bebenden Fingern eine Haarsträhne aus der Stirn. „Jessie Rose … ich bin gekommen, um zu bleiben.“

„Ah, gekommen, um zu bleiben, ja?“, wiederholte er amüsiert. „Was Sie nicht sagen …“

Sie lachte nervös und verwünschte ihre so offensichtliche Unbeholfenheit.

„Es ist mir eine ganz besondere Freude, Sie kennenzulernen, Jessie Rose.“

Das dunkle Timbre in der unerwartet kultivierten Stimme entlockte ihr wider Willen ein anerkennendes Kichern. Dieser Typ war wirklich gut! Charmant, sexy und …

Neben ihr räusperte sich Anton und brachte sie damit aus dem Konzept. Verflixt, wollte sie wirklich, dass dieser unterhaltsame Adonis gefeuert wurde, nur weil er sich mit einem Gast verbrüderte?

„Und Sie, Joel …?“ Weiter reichte ihr Einfallsreichtum nicht. Alles, was ihr auf der Zunge lag, würde einen möglichen Rauswurf dieses attraktiven Handwerkers nur noch beschleunigen!

Was auch immer ihm gerade durch den Kopf gehen mochte, beunruhigt oder verängstigt schien er jedenfalls nicht zu sein. Sein Lächeln war träge, sein Blick schweifte an ihr vorbei aufs Meer hinaus. „Ich schätze, uns bleiben noch ein paar Stunden, Anton“, stellte er überraschend sachlich fest. „Ich werde sehen, was ich noch helfen kann, bevor ich verschwinde.“ 

Autor

Rachael Stewart
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