Unter dem weiten Himmel der Provence

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Annie liebt ihre Arbeit für das Luxus-Unternehmen der Pemberton-Familie in Paris. Und sie schwärmt seit Langem für ihren Boss, den attraktiven Parfümeur Phillipe Leroux. Als sie in einen Skandal um ihre illegitime Herkunft verwickelt wird, nimmt Phillipe sie kurzerhand mit auf eine Geschäftsreise. Unter dem weiten Himmel der Provence kommen sie sich näher, und Annie träumt von heißen Küssen und magischen Nächten. Aber Phillipe hat nach einer schlimmen Enttäuschung geschworen, nie wieder Gefühle zuzulassen …


  • Erscheinungstag 10.01.2023
  • Bandnummer 012023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751518277
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Februar

Mit großen Schritten durchmaß Stephen Pemberton, der junge Earl of Chatsworth, sein Büro auf Chatsworth Manor.

„Was wollen Sie damit sagen, George?“ Vor dem schweren Mahagonischreibtisch blieb er stehen und bedachte seinen Bilanzbuchhalter mit einem stechenden Blick. Er hatte den Mann extra eingestellt, um die Immobilienkonten zu überprüfen. „Wo ist es denn?“

Mit „Es“ meinte er das Geld, das seit sechsundzwanzig Jahren halbjährlich aus dem Immobilienfonds verschwunden war. Verglichen mit dem Wert der Vermögenswerte insgesamt war es keine beachtliche Summe – pro Jahr etwa dreißigtausend Pfund. Aber im Laufe der Jahre war immerhin gut eine dreiviertel Million zusammengekommen.

„Wenn Sie möchten, kann ich das nachverfolgen. Ich versichere Ihnen, Lord Pemberton, es ist die einzige Auffälligkeit, die ich bei meinen Überprüfungen festgestellt habe. Das ist die gute Nachricht.“

Vermutlich hätte er erleichtert sein sollen. Es war ein Schock für Stephen gewesen, den Titel und die Immobilien so früh zu erben. Und die Familie nagte keineswegs am Hungertuch. Die Modefirma Aurora war ausgesprochen erfolgreich. Aber er allein war verantwortlich für den Nachlass seines Vaters. Deshalb sah er sich in der Pflicht, die finanziellen Verhältnisse überprüfen zu lassen.

„Nennen Sie mich Stephen“, sagte er ruhiger. „Es ist für mich immer noch seltsam, mit dem Titel angesprochen zu werden.“

„Daran sollten Sie sich gewöhnen“, gab George Campbell zurück. „Immerhin sind Sie jetzt der Earl, Sir.“

„Bitte gehen Sie der Sache nach, George. Sie haben alle Freiheiten. Wenn Sie dafür eine Vollmacht brauchen, lassen Sie es mich wissen.“

„Das mache ich, Sir. Die einzelnen Beträge waren übrigens keine automatischen Abbuchungen.“

„Dann hat er sie also selbst überwiesen“, überlegte Stephen.

„Sieht so aus. Die letzte nur ein paar Monate vor seinem Tod.“

Entschlossen nickte Stephen. „Tun Sie, was getan werden muss. Offensichtlich hat irgendjemand sechsundzwanzig Jahre lang einen Teil aus dem Vermögen meines Vaters bekommen. Ich will wissen, wer und warum.“

Nachdem George sich verabschiedet hatte, ließ Stephen sich schwer in den Ledersessel hinter seinem Schreibtisch fallen.

Eines wusste er mit Sicherheit: Seiner Mutter würde er nur im Notfall von der Sache erzählen, um ihre angeschlagene Gesundheit nicht zu gefährden. Und ganz sicher würde er nicht darüber sprechen, bis er dieser … Auffälligkeit, wie George es genannt hatte, nicht auf den Grund gegangen war. Es war unnötig, die Familie in Alarmbereitschaft zu versetzen. Vielleicht gab es einen ganz harmlosen Grund. Sein Bauchgefühl allerdings sagte ihm etwas völlig anderes.

Seufzend lehnte er sich zurück. Er hätte nie gedacht, dass der Adelstitel so schwer auf seinen Schultern lasten würde. Ob sein Vater es genauso empfunden hatte?

1. KAPITEL

April

„Anemone, haben Sie die Unterlagen, um die ich heute Morgen gebeten hatte?“

Über ihre Brille hinweg sah Annie ihren Chef Phillipe Leroux an. Vor einem Monat war sie in seine Abteilung versetzt worden. Sie sollte das Bindeglied zwischen seinem Büro und der Werbeabteilung sein, wenn das neue Parfum von Aurora auf den Markt kam. Der Launch, wie die Markteinführung im Branchenjargon hieß, war ihr Baby, das erste Projekt, das sie für die Firma leiten durfte. Und sie würde kein Detail dem Zufall überlassen.

Mit ihrem Job bei Aurora hatte sich für sie ein Traum erfüllt. Das internationale Unternehmen stand für erstklassige Mode, hochwertigen Schmuck und luxuriöse Kosmetik. Es gehörte der Familie Pemberton, und damit auch Stephen Pemberton, dem Earl of Chatsworth. Damit war er Annies Halbbruder. Doch davon ahnte er nichts.

Niemand aus der Familie wusste, dass der kürzlich verstorbene Cedric Pemberton eine uneheliche Tochter gehabt hatte, und sie hatte derzeit nicht vor, daran etwas zu ändern.

Mit einem Lächeln reichte sie Phillipe den Ordner. „Ich habe alles für Sie ausgedruckt, inklusive der Diagramme und Kurven der jüngsten Zahlen. Es wird Ihnen gefallen – unsere Zielgruppen reagieren sehr erfolgversprechend.“

Nectar, der neue Duft von Aurora, sollte in einer Woche in die Läden kommen. Annie wusste, wie wichtig der erfolgreiche Start für Phillipe war, denn auch er war neu auf seiner Position. Er war Verkaufsleiter für die Parfümsparte und unterstand damit direkt dem Chef der Abteilung Kosmetik und Mode, William Pemberton.

Doch Phillipe war Parfümeur, kein Verkaufsstratege, und deshalb hatte er sie als Verstärkung angefordert. Annie hatte sich geschmeichelt gefühlt, dass er eine solch hohe Meinung von ihr hatte und offensichtlich darin auch von der Chefetage unterstützt wurde.

Nervös blätterte Phillipe die Akte durch und warf nur einen kurzen Blick auf die einzelnen Seiten. Dann sah er auf, und als seine graublauen Augen ihre trafen, flatterten Schmetterlinge in ihrem Bauch. Das passierte immer, wenn er sie anschaute. Er war unglaublich attraktiv mit seinem dichten dunklen Haar und dem kleinen Lächeln, das immer verschmitzt wirkte. Außerdem war er ausnehmend klug, und Annie hatte eine Schwäche für intelligente Männer.

Es war schon kompliziert genug, als illegitime Halbschwester der Pembertons bei Aurora zu arbeiten. Sie war sicher, dass man sie sofort hinauswerfen würde, wenn sie verkündete, die uneheliche Tochter von Cedric Pemberton zu sein. Sich zudem noch in Phillipe zu verlieben, machte ihren Arbeitsalltag nicht einfacher.

„Vielen Dank, Anemone.“ Er reichte ihr die Mappe zurück.

„Nennen Sie mich Annie, das tun fast alle“, sagte sie strahlend.

„Annie“, wiederholte er und schenkte ihr ein Lächeln, das kaum sichtbar war, aber trotzdem ihre Knie weich werden ließ. „Großartige Arbeit.“ Er wedelte mit dem Ordner. „Was steht heute noch an?“

Sie blickte auf den Bildschirm vor ihr und öffnete die Datei mit seinem Kalender. „Eine Besprechung mit William in einer Stunde. Am Nachmittag sind keine Termine.“

Dann sah sie von ihrem Laptop auf. „Ich treffe mich später mit den Kollegen aus der Marketingabteilung, um noch ein paar Details zu besprechen. Und dann lege ich mit dem Caterer das Menü für die Präsentation fest.“

„Fantastisch.“ Er beugte sich vor und stützte sich mit den Ellbogen auf ihrem Schreibtisch ab. „Es gefällt mir, wie Sie das alles unter Kontrolle haben.“ Dann trat er einen Schritt zurück. „Sind Sie bereit für eine Exkursion?“

Verblüfft sah sie ihn an. „Eine Exkursion, Monsieur Leroux?“

„Wenn ich Sie Annie nennen soll, sagen Sie Philippe zu mir“, bat er. „Wir sollten diese Förmlichkeiten hinter uns lassen.“

„Gern … Phillipe.“

Obwohl sie so für ihn schwärmte, empfand sie ihm gegenüber immer ein bisschen Ehrfurcht. Ihn mit Vornamen anzusprechen, erschien ihr deshalb seltsam unpassend. „Und … wohin gehen wir?“, erkundigte sie sich.

Sein feines Lächeln wurde breiter, es war einfach umwerfend.

„Ich dachte, so kurz vor der Markteinführung sollten Sie sehen, wo wir das neue Parfüm lagern, und einen Crash-Kurs in Sachen Produktion bekommen.“

Begeistert nickte Annie. „Das wäre toll. Soll ich ein Taxi auf eine bestimmte Uhrzeit bestellen?“

„Ich weiß noch nicht genau, wann ich hier loskomme.“

„Kein Problem. Sagen Sie einfach Bescheid, wenn Sie soweit sind.“ In Gedanken listete sie alle Aufgaben auf, die sie heute eigentlich noch bearbeiten musste, und fragte sich, was davon sie vor dem Mittag noch schaffen könnte. Ihre Lunchpause würde ausfallen müssen, aber das störte sie nicht.

Nachdem Phillipe gegangen war, atmete Annie tief durch und stützte den Kopf in die Hände. Das war gar nicht gut. Sie hatte einen Traumjob – noch dazu direkt im Unternehmen ihrer ihr lange verheimlichten Familie –, und dann verliebte sie sich in ihren Chef. Das würde im Chaos enden. Noch nie war ihr so etwas passiert. Aber sie hatte auch noch nie einen Chef wie Phillipe gehabt.

Wie gern wäre sie jetzt nach Hause gefahren und hätte ihrer Mum davon erzählt. Doch ihre Mutter war gestorben, und erst nach ihrem Tod hatte Annie von der wahren Identität ihres Vaters erfahren. Zwei Jahre zu spät, um ihn noch kennenzulernen. Der Verlust ihrer Mutter, die Gewissheit, dem eigenen Vater niemals mehr begegnen zu können – all das hatte ihr das Herz gebrochen.

Es war ein Schock für sie gewesen, zu erfahren, dass sie Cedric Pembertons Tochter war. Und ihr war klar, dass seine Witwe und die Kinder diese Neuigkeit nicht gerade mit Begeisterung aufnehmen würden.

Annie war nicht der Typ, der eine Bombe platzen ließ. Und obwohl sie sich immer eine große Familie gewünscht hatte, wollte sie die Pembertons nicht brüskieren. Niemand außer Cedric Pemberton und ihrer Mutter war schuld an dieser Situation. Und was würde es ändern, wenn sie der Familie von Cedrics Seitensprung erzählen würde?

Wenn ihre Mutter ihr gegenüber offen gewesen wäre, dann hätten sie gemeinsam überlegen können, welcher Schritt sinnvoll wäre. So aber hatte sie erst im Testament von der Existenz ihres Vaters erfahren.

Mit neunundzwanzig Jahren stand Annie jetzt ohne Mutter und Vater da. Sie hatte keinen Partner, der diese schwere Zeit mit ihr gemeinsam durchstand, und ihre beste Freundin lebte in Norwich. Aber wenn ihre Mutter es geschafft hatte, ein Kind allein großzuziehen, würde Annie wohl auch allein mit dieser Situation klarkommen.

Sie hatte noch keine Entscheidung getroffen, ob und wann sie die Pembertons mit ihrer wahren Identität konfrontieren wollte. In der Zwischenzeit genoss sie einfach diesen großartigen Job und entdeckte nebenbei, dass die Unternehmerfamilie keineswegs arrogant und verwöhnt war, sondern ausgesprochen nett. Sie fing an, die Pembertons zu mögen.

Fluchend fuhr sich Phillipe mit dem Finger am Hemdkragen entlang, um ihn zu lockern. Er fühlte sich unbehaglich. Als er jemanden als Unterstützung für die Markteinführung des neuen Parfüms gebraucht hatte, war die Wahl schnell auf Annie gefallen. Sie arbeitete in der PR-Abteilung, und ihr dortiger Chef hatte sie in den höchsten Tönen gelobt. Und tatsächlich hatte sich schnell herausgestellt, dass sie gut zusammenarbeiten konnten. Doch dabei war es nicht geblieben.

Er hatte bemerkt, wie ihre Locken über die Schultern fielen, wenn sie ihr Haar offen trug. Wenn das Licht darauf fiel, schimmerte es kastanienbraun. Ihre Augen waren von einem so tiefen Blau, dass es sogar auffiel, wenn sie ihre Brille trug – die ihr im Übrigen ausgesprochen gut stand. Er wusste ihre effiziente Arbeitsweise zu schätzen, und es erstaunte ihn immer wieder, dass sie genau zu wissen schien, was er gerade brauchte. Und gleichzeitig war sie so süß – etwa, als sie ihn gebeten hatte, sie Annie zu nennen.

Er seufzte entnervt auf. Seit wann war er so rührselig?

Dabei hatte er weitaus Wichtigeres zu tun, immerhin sollte nächste Woche die Präsentation des Parfüms stattfinden. Es war seine erste Produkteinführung, seit er Senior Manager geworden war, und er wollte William nicht enttäuschen. Oder Bella. Mit seiner Beförderung hatten die Pembertons ihm viel Vertrauen geschenkt.

Tatsächlich hatte er das Parfüm schon vor zwei Jahren entwickelt, und es war ein seltsamer Zufall, dass er es jetzt selbst herausbringen sollte.

Verrückt, wie sehr sich das Leben in zwei Jahren ändern konnte.

Er schob die Erinnerungen beiseite und konzentrierte sich auf die Termine, die vor ihm lagen. Der Ausflug nach Montparnasse würde Annie in die Welt der Düfte entführen, die Aurora zu bieten hatte. Wenn das Labor nicht ganz so weit entfernt läge, hätte er ihr auch gern gezeigt, wie die Aromen komponiert wurden. Aber von Paris bis Grasse waren es gut 900 Kilometer.

Stattdessen würde er ihr das Endprodukt präsentieren und ihr die einzelnen Schritte bis zum fertigen Parfüm erklären. Wenn sie weiterhin in der Welt der Düfte arbeiten wollte, musste sie wissen, wie sie entstanden. Und währenddessen konnte er sich noch einmal davon überzeugen, dass die Qualitätskontrolle beste Ergebnisse geliefert hatte.

So viele Details, um die er sich kümmern musste! Manchmal vermisste er die Arbeit im Labor. Doch nach seiner Scheidung hatte er Grasse unbedingt verlassen wollen und die Gelegenheit, die sich ihm bot, sofort ergriffen.

Das Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.

„Hast du Zeit für unsere Besprechung, Phillipe?“

Als er aufsah, bemerkte er William, der im Türrahmen lehnte. „Oui, bien sûr. Entschuldige, ich war ganz in Gedanken.“

William lachte. „Hoffentlich positive. Läuft alles? Wir haben dich ja ziemlich ins kalte Wasser geworfen mit deinem neuen Job.“

„Es ist eine ganze Menge zu bedenken“, räumte Phillipe ein. „Aber ich habe es im Griff – wenn die Lernkurve auch ziemlich steil ist.“ Er war froh, dass die Familie ihm diese Aufgabe zutraute. Das war seine Rettung gewesen, denn ins kalte Wasser geworfen zu werden, bedeutete, schwimmen zu müssen. Und nach der Trennung von seiner Frau wäre er beinahe untergegangen, um im Bild zu bleiben. Umso weniger Zeit er hatte, um an Madelyn zu denken, desto besser.

Genau deshalb sollte er sich von Anemone fernhalten. Zum einen arbeitete sie für ihn, zum Zweiten war er nach seiner gescheiterten Ehe noch immer ein Wrack. Das waren gleich zwei gute Gründe, Distanz zu halten.

„Wir unterstützen dich gern“, bot William an und setzte sich auf den Stuhl vor Phillipes Schreibtisch. „Hast du die Zahlen aus der Marketing-Abteilung bekommen?“

„Ja, Anemone hat sie mir ausgedruckt. Wir erreichen genau unsere Zielgruppen.“

Er konnte nicht verhindern, dass er an die tiefblauen Augen seiner Assistentin dachte. Wenn er nicht aufpasste, würde er sich eine Menge Ärger einhandeln.

Annie war noch nie in den Lagerräumen in Montparnasse gewesen. Von außen wirkten sie wenig spektakulär, dennoch war sie aufgeregt, als sie mit Phillipe durch die schwere Doppeltür trat. Noch immer empfand sie es als etwas Besonderes, Teil des Aurora-Imperiums zu sein. Und offensichtlich machte es Phillipe Spaß, ihr diesen Teil der Firma zu zeigen. Seine Begeisterung war ansteckend.

Drinnen mussten sie sich in eine Liste eintragen, ehe sie Besucherausweise bekamen.

„Hier lagern Waren von unschätzbarem Wert, daher die besonderen Sicherheitsvorkehrungen“, erklärte er ihr.

„Werden die Parfüms auch hier hergestellt?“, wollte sie wissen.

„Nein, die Produktion ist in Grasse. Dort werden die Düfte auch abgefüllt. Von hier aus finden der Online-Handel und die Verschiffung statt“, sagte Phillipe.

Schwere Stahltüren schirmten die einzelnen Bereiche ab, jede war mit einem Lesegerät gesichert, vor das Phillipe seinen Besucherausweis hielt. Ihre Schritte hallten hier nicht auf Marmor wie in der Firmenzentrale, sondern auf nacktem Beton.

Er öffnete eine weitere Tür, und Annie kam es vor, als beträte sie eine andere Welt. Die Wände waren schlicht weiß gestrichen, der Boden auch hier kühl und grau. In den Regalen aber reihten sich unzählige Glasgefäße unterschiedlicher Formen und Farben aneinander.

Überrascht blieb sie stehen. „Wow“, brachte sie nur heraus.

Er schenkte ihr dieses strahlende Lächeln, das nur so selten sein Gesicht erhellte. „Wunderschön, nicht wahr?“

Die indirekte Beleuchtung tauchte die Flakons in ein goldenes Licht. „Großartig. Sind das alles Aurora-Parfüms?“

„Allerdings.“ Er trat an eines der Regale und nahm eine blau schimmernde Flasche heraus. „Indigo, das haben wir vor drei Jahren kreiert. Es ist als Duft für Damen und für Herren konzipiert worden. Ich habe Bergamotte, Kardamom und Sandelholz verwendet.“

Sie haben das gemacht?“

„Ja, genau wie einige andere Düfte hier. Bevor ich nach Paris gekommen bin, habe ich die Produktion in Grasse geleitet.“

„Die Hauptstadt der weltweiten Parfümproduktion“, ergänzte sie.

„Stimmt“. Wieder schenkte er ihr ein Lächeln. „Waren Sie schon mal dort?“

„Nein, noch nie“, gab sie zu und fühlte sich ziemlich provinziell.

„Das sollten wir bald mal ändern“, sagte er. Dann stellte er die Flasche zurück ins Regal und begann, ihr die wesentlichsten Dinge zur Parfümherstellung zu erklären. Die Kopf- und die Herznote etwa oder das Verhältnis von Öl zu Alkohol und Wasser, das entscheidend dafür ist, ob es sich um ein Parfüm, Eau de Toilette oder Eau de Cologne handelt.

Auf einer Seite des Raumes gab es einen langen Tresen mit Unterschränken.

„Die Flaschen in den Regalen sind alle leer“, verriet er. „Das Licht und die Wärme verändern den Duft. Ebenso wie Feuchtigkeit – wussten Sie, dass das Bad so ziemlich der schlechteste Raum ist, um Parfüm aufzubewahren?“ Er nahm einige Flakons aus den Schränken. „Deshalb bewahren wir die Düfte dunkel und kühl auf.“

Damit sprühte er die Parfüms auf einzelne Papierstreifen und ließ sie trocknen. „Testen Sie mal“, forderte er sie auf. „Aber gönnen Sie Ihrer Nase zwischendurch eine Pause, sonst nehmen Sie die Aromen nicht mehr wahr.“

Begierig sog sie alles auf, was er ihr erzählte. Schließlich griff er nach einer bernsteinfarbenen Flasche, in deren Glas Luftbläschen eingeschlossen waren, die den Eindruck erweckten, als würde die Flüssigkeit sprudeln.

„Das ist das neue Parfüm, nicht wahr?“, stellte sie fest und betrachtete den Flakon beinahe ehrfürchtig. „In natura wirkt die Flasche noch schöner als im Entwurf.“

Zustimmend nickte Phillipe, während er den Verschluss abnahm und etwas von dem Duft auf einen Papierstreifen sprühte. „Sagen Sie mir, was Sie riechen.“

Annie schnupperte, schloss die Augen und ließ die Aromen wirken. „Zitrusfrüchte. Und vielleicht … etwas Warmes, Süßes, wie Honig. Und ein Blumenduft.“

„Sie haben eine gute Nase“, lobte er. „Blutorange als Kopfnote, Honig und Jasmin als Herznote. Die Basis bilden Patschuli und Bienenwachs.“

„Deshalb also heißt es Nectar“, stellte sie fest.

„Genau. Allerdings habe ich mit der Namensgebung nichts zu tun. Strecken Sie mal Ihr Handgelenk aus.“

Sie folgte seiner Bitte, und er sprühte einen Hauch Parfum darauf. „Die Kopfnoten werden Sie sofort wahrnehmen. Aber im Laufe des Tages verändert sich der Charakter des Dufts. Er entwickelt sich bei jedem Menschen anders.“

Sie hob die Hand an die Nase und sog den warmen, weichen Duft ein. „Absolut gelungen, Phillipe.“

„Es ist eines meiner Lieblingsparfüms.“

„Haben Sie es entwickelt?“

„Ja, vor zwei Jahren. Ich bin froh, dass es jetzt auf den Markt kommt. Es war das letzte, das ich selbst komponiert habe“, setzte er seufzend hinzu. „Seit ich im Hauptsitz in Paris bin, habe ich mit der Produktion nichts mehr zu tun.“

Zu ihrer Überraschung wirkte seine Miene fast schmerzerfüllt.

„Sie vermissen den Job“, stellte sie fest.

Er rang sich ein Lächeln ab. „Sehr sogar. Verstehen Sie mich nicht falsch – die neue Aufgabe ist eine wunderbare Chance für mich. Aber mein Herz wird immer für das Labor und die Ingredienzen schlagen.“

Dann klatschte er in die Hände und verscheuchte die sentimentale Stimmung. „Kommen Sie, es gibt noch einiges zu sehen.“

Als sie die Besichtigungstour beendeten, war es schon fünf Uhr, und Annies Magen knurrte. Mittags hatte sie nur etwas Obst gegessen, das sie von zu Hause mitgebracht hatte. Diese Art der Diät war eher unfreiwillig – die Mieten in Paris waren extrem hoch, und sie versuchte, möglichst wenig Geld auszugeben. Deshalb war sie froh, dass ihr Job bei Phillipe mit einer kleinen Gehaltserhöhung einherging.

„So, hier trennen sich unsere Wege“, verabschiedete er sich, als sie wieder am Eingang angekommen waren. „Soll ich Ihnen ein Taxi bestellen?“

Bis zu ihrer Wohnung waren es fast fünf Kilometer. Ein Taxi würde ein großes Loch in ihre Haushaltskasse reißen. „Ich nehme die Metro“, erwiderte sie.

„Jetzt, zur Rushhour?“, gab er stirnrunzelnd zu bedenken. „Wie weit müssen Sie fahren?“

„Ins dritte Arrondissement“, sagte sie betont lässig. „Ich muss nur einmal umsteigen, kein Problem.“

„Aber mit dem Taxi geht es schneller und bequemer“, beharrte er.

„Wirklich, ich kann gut mit der Metro fahren“, widersprach sie.

Er schaute sie an, und sie konnte förmlich sehen, wie ihm die Wahrheit dämmerte. „Wir zahlen Ihnen zu wenig“, sagte er betreten. „Entschuldigen Sie, Annie, darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

„Alles gut. Es geht mir nicht anders als mindestens einer Million anderer Pariser. Ich muss hier und da sparen – zum Beispiel am Taxi. So ist das Leben nun einmal.“ Sie dachte an ihre Mutter, die jeden Tag hatte kämpfen müssen, um etwas Vernünftiges zu essen auf den Tisch zu bringen und Annie kleinere und größere Wünsche zu erfüllen.

„Bitte, nehmen Sie ein Taxi, und lassen Sie sich morgen im Büro das Geld zurückgeben. Schließlich hatten Sie hier beruflich zu tun.“

Wie ein Arbeitstermin war ihr dieser Ausflug keineswegs erschienen. Es war ein wunderschöner, interessanter Nachmittag in attraktiver Begleitung gewesen. Unschlüssig strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Einverstanden“, lenkte sie ein, weil sie spürte, dass es ihm wirklich unangenehm war. Und die Aussicht auf eine Taxifahrt, statt in die überfüllte Metro steigen zu müssen, war verlockend.

Gemeinsam warteten sie am Straßenrand auf den Wagen. Die Luft war mild und brachte eine erste Vorahnung auf den Frühling mit sich. Paris war um diese Jahreszeit besonders schön, fand Annie – noch dazu mit einem Mann wie Phillipe an ihrer Seite.

„Seit wann sind Sie schon in Paris?“, erkundigte er sich.

„Ich habe im Oktober in der PR-Abteilung angefangen. Vorher war ich in Guildford, das ist ein Stück außerhalb von London“, erzählte sie. „Ich habe dort mit meiner Mum gelebt und bin zum Arbeiten in die Stadt gependelt.“

„Ihre Mutter vermisst Sie sicherlich sehr“, vermutete er.

Sie schluckte schwer. Noch immer bildete sich sofort ein Kloß in ihrer Kehle, wenn sie darüber sprach. „Sie ist vor einem Jahr gestorben. An einem Aneurysma im Gehirn. Wir haben nichts geahnt.“

Betroffen sah er sie an, dann nahm er ihre Hand. „Oh, Anemone, das tut mir so leid. Wie schrecklich. Haben Sie noch andere Familienangehörige?“

„Nein. Ich bin Einzelkind, und meine Großeltern sind schon seit Jahren tot.“ Mit einem leichten Lächeln fügte sie hinzu: „Ich wollte ganz von vorn anfangen, deshalb bin ich hier. Und Sie? Genießen Sie es, in Paris zu leben?“

„Es fühlt sich noch nicht wie zu Hause an“, gab er achselzuckend zu. „Ich bin in Grasse aufgewachsen, und ich vermisse es.“

„Gibt es dort noch Menschen, die Ihnen wichtig sind?“

Kaum merklich spannten sich seine Gesichtsmuskeln an, und sie wünschte, sie hätte diese Frage nicht gestellt.

„Meine Eltern. Sonst niemanden, der mich vermissen würde.“

Das weckte ihre Neugier. In diesem Satz lag so vieles, was er nicht sagte, und sie vermutete, dass eine unglückliche Beziehung ihn aus der Heimat vertrieben hatte.

„Das kann ich mir kaum vorstellen“, widersprach sie. Es war für sie undenkbar, dass irgendjemand Phillipe nicht lieben konnte. Er war freundlich, klug, gutaussehend. Und noch dazu war er erfolgreich. „Und selbst wenn – da ist sie selbst schuld.“

Ruckartig wandte er den Kopf. „Wer sagt, dass es um eine Frau geht?“

„Ihr Gesicht“, erwiderte sie ehrlich. „Oder stimmt es etwa nicht?“

Er seufzte. „Doch, Sie haben recht. Ich bin seit … hm … anderthalb Jahren geschieden. Und ich befürchte, ich habe noch nicht komplett damit abgeschlossen. Es war eine bittere Sache.“

„Vermutlich hat jeder von uns Wunden, bei denen es länger dauert, bis sie verheilt sind, als uns lieb ist“, sagte sie nach einem kurzen Schweigen. „Seien Sie nicht zu hart zu sich selbst.“

„Schwer vorstellbar, dass es bei Ihnen auch so etwas geben sollte.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen und betrachtete ihr Gesicht. „Sie wirken auf mich alles andere als verbittert. Oder voller Selbstmitleid.“

„Sie würden sich wundern!“

„Was ist Ihre Wunde, die nicht verheilt, Anemone Jones?“

Sie sah ihn an und atmete tief durch. Da gab es einiges, und auch wenn sie es normalerweise gut schaffte, positiv zu denken, wurde sie manchmal in ein tiefes dunkles Loch gezogen.

„Ich habe meinen Vater nie kennengelernt“, erzählte sie. „Bis meine Mutter starb, wusste ich nicht einmal, wer er war. Und dann musste ich erfahren, dass er kurz vor ihr gestorben war, sodass ich ihm niemals begegnen werde.“

Seine Mine wurde weich. „Das tut mir leid“, sagte er gepresst. „Es muss hart sein.“

„Manchmal ist es sehr traurig, wenn ich darüber nachdenke, was hätte sein können“, gab sie zu.

In diesem Moment hielt ihr Taxi am Straßenrand, Phillipe öffnete ihr die Tür, und sie setzte sich in den Fond. Kurzentschlossen glitt er neben sie.

„Was halten Sie davon, wenn ich Sie zu Hause absetze und dann weiterfahre? Ich kann die gesamte Fahrt bezahlen, und Sie müssen morgen nicht abrechnen.“

„Gerne“, stimmte sie zu. Doch dann wurde ihr bewusst, dass ihr Chef sehen würde, wo sie lebte – in einem schlichten Wohnblock ohne Fahrstuhl. Aber was spielte das für eine Rolle? Immerhin war ihm klar, dass sie finanziell keine großen Sprünge machen konnte. Also nannte sie dem Taxifahrer ihre Adresse, und der Wagen fuhr los.

„Lassen Sie uns über einfachere Themen sprechen“, schlug Phillipe vor. „Die Party zur Einführung von Nectar nächste Woche. Sie kommen doch, oder?“

Autor

Donna Alward

Als zweifache Mutter ist Donna Alward davon überzeugt, den besten Job der Welt zu haben: Eine Kombination einer „Stay-at-home-mom“ (einer Vollzeit – Mutter) und einem Romanautor. Als begeisterte Leserin seit ihrer Kindheit, hat Donna Alward schon immer ihre eigenen Geschichten im Kopf gehabt. Sie machte ihren Abschluss in Englischer Literatur...

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