Bianca Extra Band 167

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  • Erscheinungstag 17.10.2026
  • Bandnummer 167
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538404
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christine Rimmer, Stella Bagwell, Kathy Douglass, Karen Rose Smith

BIANCA EXTRA BAND 167

Christine Rimmer

1. KAPITEL

Die Mädchen hatten Darius wieder verkleidet.

Als Ava Malloy das Klubhaus der Blueberry-Truppe betrat, umringten ihn zehn lachende Mädchen im Alter von sechs bis acht Jahren.

Die Blueberries hatten ihm eine glitzernde rosa Papierkrone sowie eine übergroße rote Schmetterlingsbrille aufgesetzt. Um den Hals trug er eine riesige lila Spielzeug-Perlenkette.

Der zerknitterte blaue Samtstoff, den sie ihm um den Hals gebunden und über das Hemd und sie Jeans drapiert hatten, sollte vermutlich einen Umhang oder ein königliches Gewand darstellen.

„Mommy, sieh mal! Darius ist der König der Blueberries!“, rief Sylvie, ihre siebenjährige Tochter, während die anderen Mädchen kicherten und klatschten.

„Eure Majestät.“ Sie spielte mit und deutete eine Verbeugung an. Er hob eine Augenbraue und nickte langsam königlich, wobei ihm die Papierkrone tief in die Stirn rutschte. Er hätte lächerlich aussehen müssen. Aber irgendwie wirkte er durch die Verkleidung nur noch männlicher.

Sie kannte Darius „Dare“ Bravo seit der Highschool. Er hatte mit vielen Frauen geflirtet, aber nie geheiratet und eine Familie gegründet. Sie hatte immer angenommen, dass er kein Interesse an Kindern hatte.

Doch dieses Jahr half er beim Weihnachtsprojekt der Blueberries mit. Die Truppe baute fünf Puppenhäuser für fünf örtliche Kinderhilfsorganisationen zusammen. Anschließend wurden sie bemalt und eingerichtet.

Offiziell hatte er die Mädchen während der letzten sechs Wochen lang bei dieser Aufgabe beaufsichtigt. Aber den größten Teil der Arbeit hatte er erledigt und es gleichzeitig geschafft, jedes Mädchen auf konstruktive Weise zu beteiligen.

Er war heiß, charmant und konnte er sehr gut mit Kindern umgehen. Sylvie betete ihn an, weshalb Ava ihn noch mehr mochte. All das machte sie empfänglicher für seine humorvoll zweideutigen Bemerkungen und die neckischen Blicke, die er ihr immer zuwarf.

Auf der Highschool hatte sie für ihn geschwärmt und dann lange geglaubt, völlig über ihn hinweg zu sein. Doch jetzt befürchtete sie, dass sie wieder ein bisschen in ihn verknallt sein könnte.

Vielleicht hatte er sogar ein- oder zweimal die Hauptrolle in ihren sexuellen Fantasien gespielt. Oder sehr oft. Na und? Wenn es um Romantik, Leidenschaft und Sex ging, musste sie sich mit Fantasien begnügen.

Nein, sie tat sich nicht leid, weil sie keinen Mann hatte. Sie hatte Craig Malloy geliebt, der als Soldat vor sechs Jahren bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen war. Da sie die Trauer immer noch nicht völlig überwunden hatte, wollte sie sich nicht auf eine weitere Beziehung einlassen. Noch nicht. Vielleicht nie.

Aber war es so falsch, sich nach ein wenig Magie und Leidenschaft zu sehnen? Nach dem erregenden Kribbeln, das ein heißer Kuss auslöste? Nach dem berauschenden Kick einer zärtlichen Berührung?

Um es offen zu sagen: Sie würde gern Sex haben und wünschte sich einen Mann zu Weihnachten. War das zu viel verlangt? Eine reizvolle, unverbindliche Feiertagsaffäre wäre perfekt. Ohne Verpflichtungen und am Neujahrstag Schnee von gestern.

Aber sie hatte nie die Zeit gefunden, den richtigen Liebhaber dafür zu finden, weil sie Sylvie großziehen musste und als selbstständige Immobilienmaklerin sehr gefordert war.

Chloe Bravo, eine von Dares Schwägerinnen, kam herein. „Hallo, Ava.“

Sie lächelte die umwerfend schöne Blondine an, deren sechsjährige Stieftochter Annabelle ebenfalls eine Blueberry und Sylvies beste Freundin war. Chloe und sie arbeiteten für Bravo Construction, das von Dares Halbgeschwistern Garrett und Nell geleitet wurde. „Wie geht es voran?“, fragte sie leise.

„Ich warte immer noch auf die Lieferung eines Sofas, zweier Schlafzimmergarnituren und des größten Teils der Wand- und Tischdekoration.“

Chloe war Innenarchitektin und derzeit damit beschäftigt, ein von Bravo Construction gebautes Haus für den Tag der offenen Tür in Szene zu setzen. Ava war für die Hausbesichtigung zuständig, die am Samstag stattfinden sollte. Sie nahm die Blondine zur Seite. „Du weißt, dass du auf mich zählen kannst, wenn du Hilfe brauchst.“

„Danke. Es ist viel zu viel los. In drei Tagen ist Thanksgiving. Vielleicht muss ich den Familieneinkaufsbummel am Black Friday ausfallen lassen, wenn bis Samstag alles fertig sein soll.“ Inzwischen war es eine Familientradition der Bravo-Frauen, dass sie um drei Uhr morgens aufstanden, um deshalb nach Denver zu fahren.

„Den Black-Friday-Einkaufstrip darfst du nicht verpassen. Gib mir einfach beim Abendessen am Donnerstag deine Einrichtungspläne.“ Die Bravos hatten Ava und Sylvie zum Truthahnessen an Thanksgiving eingeladen.

„Du hast schon genug um die Ohren.“

„Gleich am Freitagmorgen kümmere ich mich um alles, was du bis dahin nicht geschafft hast“, schlug Ava vor. „Dann kannst du nach dem Einkaufstrip vorbeikommen und überprüfen, ob alles für den Tag der offenen Tür bereit ist.“

„Bist du sicher?“

„Absolut.“

„Wenn ich dich nicht hätte. Du hast etwas bei mir gut.“

„Alle mal herhören.“ Im Hauptbereich des Klubhauses klatschte Janice Hayes, die Leiterin der Truppe, in die Hände. „Eure Mütter und Väter treffen ein. Lasst uns aufräumen.“

Die Mädchen machten sich an die Arbeit. Auch Ava räumte Farben und Bastelmaterial weg. Dare legte sein königliches Gewand ab und ließ sich von einigen Müttern dabei helfen, die fünf fertig zusammengebauten Puppenhäuser zu dem für sie vorgesehenen Platz an einer Wand zu tragen.

Die Puppenhäuser sollten an fünf verschiedene Zentren für benachteiligte oder schwerkranke Kinder in der Umgebung von Justice Creek gespendet werden. Vorher würden sie beim jährlichen Haltersham Hotel Holiday Ball in der Lobby ausgestellt.

Janice winkte mit einem Klemmbrett, um auf sich aufmerksam zu machen. „Wir haben noch eine Menge zu tun bis zum Holiday Ball in drei Wochen. Ich arbeite gerade einen Zeitplan aus und bitte alle, die nächste oder übernächste Woche ein paar Stunden Zeit haben, sich zu melden.“

In der ganzen Aufregung hatte Ava den König der Blueberries fast vergessen. Aber dann spürte sie, dass er hinter ihr stand, und nahm seinen verführerischen Duft nach Leder, Zedernholz und Seife war. Ein sehnsüchtiges Prickeln überlief sie.

Auf einmal war sie wieder der Teenager von damals. Sie hatte ihren verschlissenen Rucksack aus dem Spind in der Highschool genommen, sich umgedreht und gesehen, dass er hinter ihr stand.

„Ava Janko.“ Er hatte ihren Namen gesagt, als würde er sie herausfordern, etwas Verrücktes, Aufregendes und wahrscheinlich Gefährliches zu tun.

Aber das hätte er sich sparen können. Sie tat nichts dergleichen. Ihre Eltern waren Träumer. Sie hatten immer behauptet, von der Liebe zu leben. Doch Ava hatte miterleben müssen, dass ein Leben von der Liebe nur pleite machte.

Jemand musste an die Zukunft denken und sich darum kümmern, dass die Miete bezahlt wurde. Sie war erst fünfzehn Jahre alt. Aber sie half ihrer Tante Rae beim Putzen und jobbte als Babysitterin und bei „Deeliteful Donuts“ ein paar Blocks vom Mobilheim der Familie entfernt.

„Darius Bravo.“ Sie umklammerte ihren verschlissenen Rucksack und benutzte ihn als Schutzschild. Denn mit seinen blauen Augen schien er bis in ihre Seele zu sehen. Als sie seine volle Unterlippe betrachtete, fragte sie sich, wie es sich anfühlen würde, ihn zu küssen.

„Party am Freitag in Cals Haus. Geh mit mir hin. Ich hole dich um sieben ab.“

Jeder hatte schon von den Partys bei Cal Flanders gehört. Seine Eltern verbrachten nicht viel Zeit zu Hause. Ihr Herz schien einen Salto zu schlagen. Ein, zwei Sekunden lang wollte sie Ja sagen. Aber sie konnte sich gerade noch davon abhalten. „Nein, danke.“

Unbeeindruckt grinste er. „Warum nicht?“

„Weil du der reiche Quarterback des Footballteams der Justice Creek Highschool bist, der ständig eine andere Cheerleaderin im Arm hält. Ganz zu schweigen davon, dass ich zu jung für dich bin.“

„Du bist zu jung für mich? Welches Mädchen denkt denn so?“

„Ein kluges Mädchen.“

Er lehnte sich ein wenig näher zu ihr. „Ich weiß, dass du mich magst. Sonst würdest du nicht im Auge behalten, mit wem ich zusammen bin.“

Sein Atem streifte ihre Wange. Sie sehnte sich danach, wie jedes andere Mädchen in ihrem Alter mit den Wimpern zu klimpern, lächelnd zu erröten und zu sagen, dass sie gern zu dieser Party bei Cal gehen würde.

Aber Dare Bravo war zu beliebt und sah zu gut aus. Er würde bald zum nächsten hübschen Mädchen weiterziehen und ihr das Herz brechen. Sie hatte keine Zeit für Liebeskummer.

Sie musste sich auf das konzentrieren, was zählte: ein besseres Leben für sich möglich zu machen. „Es ist einfach keine gute Idee. Du machst einem Mädchen wie mir nur Probleme.“

„Ein Mädchen wie dir“, spottete er. „Was heißt das?“

„Ich habe es dir schon gesagt. Ich bin zu jung für dich und komme aus dem Süden der Stadt.“

„Es ist mir egal, wo du wohnst. Ich verlange nichts, was uns beide in Schwierigkeiten bringen könnte. Ich möchte nur, dass du mit mir auf eine Party gehst. Du schränkst dich ein, weil du Angst hast.“

Warum sollte er sie auch verstehen? Er war ein Bravo und hatte alles. Natürlich setzte sie sich Grenzen. Grenzen schützten sie davor, schlechte Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben erneut auf den Kopf stellen könnten.

„Ich habe keine Angst und auch keinen Grund dafür. Denn ich werde nicht mit dir zu Cal gehen.“

Er lehnte sich noch näher zu ihr. „Lügnerin“, flüsterte er. „Du hast Angst.“

„Wie oft muss ich es dir noch sagen? Ich habe keine Angst.“

„Gut. Wie du meinst. Aber eines Tages wirst du Ja zu mir sagen, Ava.“

Sie ließ die Schultern hängen und schüttelte den Kopf. Er lachte leise, als ob er Dinge wüsste, von denen sie keine Ahnung hatte. Schließlich drehte er sich schulterzuckend um und ging davon.

Eine Woche später hatte sie erfahren, dass er die Cheerleaderin Marilyn Lender zu Cals Party mitgenommen hatte. Doch schon bald war er mit einem anderen Mädchen und nach einer Weile wieder mit einem anderen Mädchen liiert gewesen.

Im Frühjahr hatte er nach dem Schulabschluss die Stadt verlassen, war zunächst nach Las Vegas und dann nach Los Angeles gezogen. Nach der Rückkehr nach Colorado hatte er Betriebswirtschaft studiert. Als er „Bravo Steelworks“ von seinem Vater übernommen hatte, hatte sie Craig geheiratet und war nach San Diego gezogen.

Siebzehn Jahre waren seit dieser Episode auf der Highschool vergangen. Doch heute, als Dare heute hinter ihr stand, schien all das erst gestern passiert zu sein.

Er beugte sich über ihre Schulter. „Heute Abend“, flüsterte er. „Um acht Uhr.“

Sie hätte den Kopf schütteln, weggehen und vielleicht amüsiert lachen sollen – wie immer, wenn er mit ihr flirtete. Es war nur ein dummes Spiel zwischen ihnen, das nichts zu bedeuten hatte. Sie spielten es, seitdem sie sich durch ihre Arbeit für Bravo Construction mit seinen Schwestern angefreundet hatte und zu den Familienfeiern der Bravos eingeladen wurde.

Sie musste nur auf ihren Verstand hören und weggehen. Aber ihr Körper und ihr Herz machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Die überwältigende Sehnsucht ließ sie zögern.

Möglicherweise lag es an ihrer verrückten Weihnachtsaffären-Fantasie. Oder daran, dass er so lieb mit den Mädchen umging. Vielleicht machte ihr nach zu vielen Jahren der Selbstbeherrschung und strikten Selbstverleugnung auch ihre Einsamkeit zu schaffen.

Vielleicht lag es auch einfach an seinem verlockenden männlichen Duft. Am Klang seiner rauen Stimme, der sie viel mehr erregte, als sie sich erlauben sollte. Sie drehte ihm den Kopf zu und flüsterte kaum hörbar: „Toll. Bis später. Ich werde nackt sein.“

2. KAPITEL

Als Dare scharf den Atem einsog, wurde Ava klar, dass er gehört hatte, was sie gesagt hatte. Lauf weg. Schnell! Sie wusste es besser, als ihm sexuelle Avancen zu machen. Sie hatte sich immer geschworen, nie so dumm zu sein, mit ihm ins Bett zu gehen.

Aber sie rannte nicht weg. Stattdessen machte sie alles noch schlimmer. Sie wandte sich ihm zu und sah ihm in die Augen. Er starrte sie verblüfft an.

Ihr Herz hämmerte. Trotz allem, was er vor siebzehn Jahren beteuert hatte, wollte er also nicht wirklich, dass sie endlich Ja zu ihm sagte. Sie wollte auf der Stelle im Boden versinken.

„In Ordnung, Leute. Frohes Thanksgiving. Wir sehen uns nächsten Montag wieder“, rief Janice.

Ava ging zu Sylvie und zog ihr schnell den Mantel, die Wollmütze und Fäustlinge an. „Schönen Feiertag.“ Hastig machte sie sich mit ihrer Tochter aus dem Staub.

„Ich verstehe nicht, warum du nicht mitkommen willst.“ Kate Janko warf Ava während des Abendessens einen vorwurfsvollen Blick zu. „Alle werden da sein, Schatz.“

Ihre Eltern, drei Brüder und deren Familien würden am kommenden Wochenende am großen Familientreffen der Jankos in Coeur d’Alene, Idaho, teilnehmen.

„Mom, es tut mir leid, aber ich kann nicht“, sagte sie zum x-ten Mal. „Ich habe am Mittwoch einen Verkaufstermin und am Samstag einen wichtigen Tag der offenen Tür. Das ist einfach nicht machbar.“

„Du arbeitest so hart, Schatz.“ Ihre Mutter blickte auf die prächtigen Einbauschränke und den Kronleuchter im Esszimmer.

Ava war stolz auf den gemütlichen kleinen Bungalow, den sie gekauft hatte, nachdem sie von Kalifornien nach Justice Creek zurückgekehrt war. Sie hatte das Haus sorgfältig restauriert und dabei den Kunsthandwerksstil beibehalten.

„Ich verstehe einfach nicht, warum du dir nicht ein paar Tage freinehmen und Thanksgiving mit deiner Familie verbringen kannst.“

„Grandma, das geht einfach nicht“, meldete sich Sylvie zu Wort. „Wir feiern Thanksgiving im Haus von Annabelles Tante Clara, und am Samstagabend übernachte ich bei Annabelle.“

„Bist du nicht ein bisschen zu jung, um bei Freundinnen zu übernachten?“

„Annabelle ist zu jung, weil sie erst sechs ist. Aber ich bin sieben und alt genug. Das hat Mom gesagt. Stimmt’s, Mom?“

Ava unterdrückte ein Lächeln und nickte ihrer Tochter zu.

Als Kate weitere Einwände vorbringen wollte, legte Avas Vater seine Hand auf die Hand seiner Frau. „Sieht so aus, als würden unsere Mädchen über Thanksgiving zu Hause bleiben.“

Avas Mutter drückte die Hand ihres Mannes. Sie warfen sich einen ebenso zärtlichen wie liebevollen Blick zu.

„Wir werden euch vermissen“, sagte ihr Vater.

„Wir euch auch“, erwiderte Ava pflichtbewusst.

„Darf ich mich bitte entschuldigen, bis es Nachtisch gibt?“, fragte Sylvie. „Ich habe alles aufgegessen. Sogar den ekligen Brokkoli.“

Ava bemühte sich, ein ernstes Gesicht zu machen. „Brokkoli ist sehr gut für dich.“

„Er schmeckt nicht so, als ob er gut für mich wäre. Schokolade schmeckt, als ob sie gut für mich wäre.“

Sie verkniff sich ein Lächeln. „Sylvie. Was tust du, wenn dir dein Essen nicht schmeckt?“

„Ich esse es oder auch nicht“, antwortete sie gehorsam. „Wenn ich es nicht esse, bekomme ich keinen Nachtisch. Aber ich soll nicht sagen, dass ich es nicht mag. Denn das wäre unhöflich.“

„Sehr gut. Und zu sagen, dass dein Brokkoli eklig ist, ist dasselbe, wie zu sagen, dass du ihn nicht magst.“

Sylvie rümpfte die Nase. „Ja. Entschuldigung.“

„Ausgezeichnet. Du kannst aufstehen.“

Als Sylvie verschwunden war, wandte Kate sich an ihre Tochter. „Hast du gehört, was Nick Yancy zugestoßen ist?“

„Nein.“ Ava kannte Nick nicht gut. Er war ein netter Cowboy Anfang zwanzig und so etwas wie ein Star beim örtlichen Rodeo. In den letzten Monaten waren Nick und Dares Halbschwester Jody Freunde geworden. Aber alle glaubten, dass Nick mehr von Jody wollte, obwohl er sechs oder sieben Jahre jünger war.

„Ein Traktorunfall“, sagte ihr Vater düster.

„Oh nein. Wann?“

„Sie haben ihn erst heute Nachmittag gefunden. Auf dem Weg ins Justice Creek General ist er gestorben.“

„Er war ein guter junger Mann“, meinte ihre Mutter. „Die Trauerfeier findet vermutlich am Wochenende statt. Wir sollten dabei sein.“ Kate und Paul Janko waren mit Nicks Stiefvater zur Schule gegangen. „Aber wir wollen nach Idaho fahren …“

Sie verstand den Wink. „Wenn ich es irgendwie schaffe, gehe ich hin.“

„Das wäre gut.“ Ihr Vater nahm ihre Hand und tätschelte sie.

Das Leben kann so grausam sein. Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, dass Ava sich bei Dare blamiert hatte.

„Ich habe diesen netten Ray Tucker im Supermarkt getroffen“, sagte Kate. „Er hat gefragt, wie es dir geht. Ich soll dich unbedingt von ihm grüßen.“

Ava war mit Ray ausgegangen, bevor sie Craig geheiratet hatte. Ihr gefiel nicht im Geringsten, worauf das Gespräch hinauslief. „Wenn du ihn wiedersiehst, grüße ihn von mir.“

„Er ist jetzt geschieden, weißt du. Ich glaube, dass er dich immer noch heimlich verehrt.“

„Bitte nicht, Mom.“

„Du solltest dich wieder verabreden. Wenn ein so tragischer Unfall passiert, wird einem bewusst, wie kurz das Leben ist.“

„Es ist schrecklich, dass Nick so jung sterben musste. Aber es ist falsch, dass du seinen Tod als Ausrede für deine Versuche benutzt, mich zu verkuppeln.“

„Ich verkupple dich nicht.“

„Oh doch, das tust du.“

„Ich meinte nur, dass man Liebe und Glück auskosten sollte, solange man kann. Craig war ein wunderbarer Mann. Aber du bist noch jung und hast so viel zu geben. Es gibt keinen Grund, warum du nicht einen guten Mann finden kannst, der …“

„Können wir heute Abend einfach nicht darüber reden? Bitte.“

Kate seufzte. „Ich glaube, du machst dir etwas vor.“

„Ich bin sehr glücklich. Wirklich. Ich habe eine brillante, wunderschöne Tochter, gute Freunde und eine liebevolle Familie. Ich wohne in einem tollen Haus und bin beruflich erfolgreich. Ich brauche keinen Mann, um ein erfülltes Leben zu führen.“

Plötzlich sah sie den als König der Blueberries verkleideten Dare vor ihrem geistigen Auge und spürte, dass ihr die Röte in die Wangen stieg. Am Donnerstag würde sie ihm in Claras Haus begegnen. Meine Güte, das kann hochnotpeinlich werden.

„Geht es dir nicht gut?“, fragte ihre Mutter. „Du siehst aus, als wenn du Fieber hättest.“

„Mir geht es prima“, entgegnete sie entschieden. „Ich setze jetzt Kaffee auf. Zum Nachtisch gibt es Apfelkuchen.“

Als Sylvie im Bett lag, verabschiedeten sich ihre Eltern. An der Tür drückte Ava ihrer Mutter einen Scheck über sechshundert Dollar in die Hand.

„Ach, Schatz. Das musst du nicht tun“, protestierte sie leise.

„Aber ich möchte es. Es soll dabei helfen, Benzin für die Reise zu kaufen. Außerdem wirst du Blumen von der Familie zu Nicks Trauerfeier schicken.“

Sie hatte ihre Eltern finanziell unterstützt, seitdem sie ihren ersten Job als Babysitterin bekommen hatte. Wenigstens konnte sie es sich jetzt leisten, großzügig zu sein. Damals war es ihr schwergefallen, sich von dem hart verdienten Geld zu trennen.

„Du bist die beste Tochter, die ich jemals hatte.“

„Ich bin deine einzige Tochter.“

Kate umarmte sie. „Danke, Schatz.“

„Gern geschehen. Ich liebe dich, Mom.“

Ava hatte sich darauf gefreut, Thanksgiving gemeinsam mit den Bravos zu verbringen. Doch ihr erschreckendes Verhalten im Blueberry-Klubhaus hatte ihre Vorfreude in Entsetzen verwandelt. Also redete sie sich seitdem ein, dass ihre lächerliche Bemerkung mit der Zeit in Vergessenheit geraten würde.

„Wie schön, euch zu sehen.“ Clara umarmte Ava und Sylvie zur Begrüßung.

„Dich auch. Das Abendessen duftet köstlich.“ Dem Lachen und Stimmengewirr nach zu urteilen, die aus dem Wohnzimmer drangen, waren viele Bravos bereits in dem schönen alten viktorianischen Haus eingetroffen.

Der Familienpatriarch Franklin Bravo hatte mit seiner ersten Frau Sondra vier Kinder und fünf weitere Kinder mit seiner damaligen Geliebten und späteren zweiten Frau Willow gezeugt.

Vier der Geschwister und Halbgeschwister waren verheiratet. Drei von ihnen hatten Kinder. Da alle Familienmitglieder heute zum Truthahnessen erwartet wurden, sollte es kein Problem sein, Dare aus dem Weg zu gehen.

„Legt eure Mäntel auf das Bett dort drüben.“ Clara und deutete auf das Schlafzimmer, das vom Flur abging.

„Danke.“ Ava zog ihren Mantel aus.

„Dare! Wir sind hier“, rief Sylvie und rannte den Flur hinunter.

Er trug einen cremefarbenen Pullover und schwarze Jeans. Vom anderen Ende des Flurs aus wirkten seine sehr blauen Augen noch blauer als sonst. Verdammt, warum muss er nur so gut aussehen? Einen Moment lang starrte Ava ihn an. Er erwiderte den Blick, was sich schrecklich und wunderbar, seltsam und aufregend anfühlte.

Sylvie blieb vor ihm stehen. „Hallo.“

„Frohes Thanksgiving, Sylvie. Tolle Mütze.“

„Mom macht beim Zubinden immer einen doppelten Knoten in die Schleife, damit sie nicht aufgeht.“

„Ah.“ Er warf Ava einen amüsierten Blick zu.

Sie bekam weiche Knie.

Sylvie reckte den Hals. „Hilfst du mir bitte, die Schleife aufzubinden?“

„Schauen wir mal …“ Er ging vor ihr in die Hocke und machte sich an die Arbeit.

Während Clara ihrer Halbschwester Jody die Tür öffnete, atmete Ava tief durch und ging zu Dare, der geschickt den doppelten Knoten löste.

„Hier, bitte.“

Sylvie nahm die Mütze ab. „Vielen Dank.“

„Gern geschehen.“

Annabelle rannte die Treppe hinunter, winkte Ava kurz zu und steuerte direkt auf ihre beste Freundin zu. „Sylvie! Endlich! Komm mit. Tante Clara hat erlaubt, dass ich im Gästezimmer eine Festung aus Decken baue.“

Sylvie gab Ava ihren Mantel und die Mütze. „Darf ich, Mom?“

„Sicher.“ Die beiden Mädchen liefen zur Treppe. Ava blieb mit dem einen Mann im Flur zurück, in dessen Nähe sie im Moment nicht sein wollte. Doch dann kam Jody auf sie zu.

„Wie geht es dir?“, fragte Ava und umarmte sie. „Meine Mom hat mir von Nick erzählt. Es tut mir sehr leid.“

„Es ist furchtbar. Er war so ein lieber Kerl. Ich kann es immer noch nicht richtig glauben.“

„Ich habe gehört, die Trauerfeier findet am Sonntagnachmittag statt.“ Ihre Mutter hatte sie gestern angerufen und ihr den Termin mitgeteilt. „Meine Eltern kennen Nicks Stiefvater. Aber sie sind über die Feiertage nicht in der Stadt. Ich werde versuchen, hinzugehen und die Familie zu vertreten.“

„Das ist gut. Nick und ich waren erst seit ein paar Monaten befreundet …“

„Wenn ich etwas tun kann. Egal was.“

„Danke. Du bist ein Schatz.“ Jody setzte ein Lächeln auf und ging weiter zu Dare, der sie liebevoll in die Arme nahm.

„Hallo, kleine Schwester.“

Ava ergriff die Chance, ihm zu entkommen. Im Schlafzimmer legte sie die beiden Mäntel und Sylvies Mütze zu dem Kleiderstapel auf dem Doppelbett. Dann ging sie ins Bad, um einen Blick in den Spiegel zu werfen und Dare Zeit zu geben, ins Wohnzimmer zurückzukehren.

„Beruhige dich“, flüsterte sie sich zu, als sie sah, dass ihr Gesicht gerötet war. Sie atmete tief durch. Dann klopfte jemand an die Tür.

„Ava? Alles in Ordnung mit dir?“

Dare. Oh mein Gott. Erneut stieg ihr die Hitze ins Gesicht.

„Ava?“

„Mir geht es großartig“, rief sie.

„Bist du sicher?“

„Natürlich.“

„Du klingst seltsam.“

„Es geht mir gut.“

„Ich warte einfach hier, bis du herauskommst.“

Sie unterdrückte ein Stöhnen. Sie sollte aufhören, sich wie eine Idiotin aufzuführen, und die verdammte Tür öffnen.

„Ava?“

Sie riss die Tür auf. „Was ist?“

Er lächelte sie wissend an. „Deine Haut ist gerötet. Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

„Ja. Du kannst gehen.“

Er rührte sich nicht von der Stelle. „Wegen neulich … ich …“

„Oh, bitte. Es war nichts. Das weißt du.“

„Nein. Das weiß ich nicht. Ich glaube sogar, dass definitiv etwas war.“

„Und ich sage dir, es war nichts. Vergiss es.“

Er lehnte sich näher zu ihr. „Vergessen?“, flüsterte er. „Du hast angeboten, nackt zu sein. Das werde ich auf keinen Fall vergessen.“

Sein Atem strich über ihre Wange. Seine Augen waren so blau wie der Himmel in der Abenddämmerung. Sein maskuliner Duft nach Leder, Zedernholz und Seife hüllte sie ein. Ihr Herz raste. Wie konnte sie nur so aufgedreht sein? Sie benahm sich, als wäre sie wieder fünfzehn Jahre alt.

Damit muss Schluss sein! „Hör mal. Das ist dumm“, erwiderte sie ruhig. „Außerdem ist es deine Schuld. Du bist derjenige, der ständig mit mir flirtet.“

„Heißt das, du hast endlich beschlossen, auf meine Flirtversuche einzugehen?“

„Können wir nicht einfach vergessen, was ich gesagt habe?“

„Willst du mich auf den Arm nehmen? Das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt“, erwiderte er betroffen und setzte dann ein schiefes Grinsen auf. „Wir müssen darüber reden. In aller Ausführlichkeit.“

Wie konnte er das so sündhaft klingen lassen? Sie funkelte ihn an. „Nein, müssen wir nicht.“

„Doch, wir …“

„Ist dieses Bad besetzt?“ Levi Kenwright, der Schwiegervater seines Bruders James, kam auf sie zu.

„Es gehört Ihnen.“ Ava lächelte den alten Mann an, schlängelte sich an Levi vorbei und flüchtete zu den anderen Gästen ins Wohnzimmer.

Eine Stunde später ging sie oben in das Gästezimmer, um nach den Mädchen zu sehen. Sie hatten Stühle aus anderen Zimmern geholt und Decken dazwischen drapiert. Aus der behelfsmäßigen Festung drang Gekicher. „Ist jemand da drin?“

„Nur wir!“, antwortete Sylvie.

Ava ging auf alle viere und steckte ihren Kopf unter die Decke. Sylvie und Annabelle taten so, als würden sie aus leeren rosa Plastiktassen trinken. „Wie geht es euch, Mädels?“

„Wir veranstalten eine Teeparty. Möchtest du eine Tasse Tee?“, fragte Annabelle.

„Ja, sehr gern.“ Sie krabbelte zu ihnen in die Festung. Annabelle reichte ihr eine Tasse und einen kleinen Plastikteller. Ava gab vor, Tee zu trinken und einen imaginären Cupcake zu essen. „Das war köstlich“, sagte sie dann. „Aber jetzt muss ich mich auf den Weg machen.“

Mit dem Po voran kroch sie aus der Festung und entdeckte dann, dass Dare am Türrahmen lehnte. Ihr Puls schnellte in die Höhe. Sie stand auf. „Das wird langsam lächerlich“, murmelte sie, während sie ihren Rock zurechtrückte und den Pullover glattstrich.

Er sagte kein Wort. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass die Mädchen ihn hören und zu ihrer Teeparty einladen würden. Sie hätte zurückschrecken sollen, als er ihren Arm packte. Seine Finger durch den Pullover auf der Haut zu spüren, fühlte sich zu gut an und löste ein Kribbeln aus. Als er sie aus dem Zimmer zog, folgte sie ihm bereitwilliger, als sie es hätte tun sollen.

„Nein“, flüsterte er, als sie im Flur waren.

„Nein, was?“

„Das ist nicht lächerlich. Es macht Spaß.“

Sie kicherte beinahe darüber und war sicher, dass sie den Verstand verlor.

„Komm schon“, sagte er.

„Wohin?“

„Hier hinein.“ Er zog sie mit sich ins nächste Schlafzimmer und schloss die Tür. „Also wo waren wir?“

Sie löste sich aus seinem Griff und wich ein paar Schritte zurück. „Ich habe tatsächlich zugelassen, dass du mich herschleppst. Das ist unglaublich.“

Er verschränkte die muskulösen Arme vor der breiten Brust und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. „Geh mit mir aus. Morgen Abend.“

„Das wird nicht passieren.“

„Warum nicht?“

„Keine Verabredungen. Nicht in dieser Stadt. Nicht mit unseren Familien.“

„Was ist denn mit unseren Familien?“

Sie wollte nicht darauf eingehen. Aber er blockierte die Tür und wartete auf eine Erklärung. „Sie mischen sich in meine Angelegenheiten ein. Seitdem ich vor fünf Jahren wieder in die Stadt gezogen bin, bin ich zweimal mit netten Männern ausgegangen. Nach dem ersten Date mit einem sehr liebenswürdigen Softwareentwickler haben meine überfürsorglichen Brüder zu mir gesagt, ich hätte etwas Besseres verdient.“

Kopfschüttelnd hielt sie inne, bevor sie fortfuhr: „Vor einem Jahr habe ich es dann noch einmal mit einem Immobilienmakler versucht. Deine Schwester Nell hat uns zusammen gesehen. Später gab es endlose Diskussionen darüber, ob wir wieder miteinander ausgehen würden – und dass es toll wäre, dass ich mich endlich mit Männern verabrede. Da ist es mir klar geworden.“

„Was?“

„Ich will und brauche keine Dates und all das. Ich mag mein Leben so, wie es ist. So habe ich es mir immer gewünscht. Von meiner Mutter will ich gar nicht erst reden.“ Ava verdrehte die Augen. „Sie ist eine hoffnungslose Heiratsvermittlerin.“

„Das hört sich wie ein Haufen Ausreden an, um dich nicht auf einen Mann einlassen zu müssen.“

Sie hasste es wirklich, dass er recht hatte. Also brachte sie einen weiteren Einwand vor. „Du musst wissen, dass Tom dich hasst.“ Ihr Bruder hatte früher für Bravo Steelworks gearbeitet.

„Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Tom mich hasst.“

„Aber du musst zugeben, dass er dich nicht besonders mag.“

„Es ist mir egal, was unsere Familien sagen. Es ist mir egal, was alle sagen.“

„Nun, mir nicht. Ich liebe sie. Von ganzem Herzen. Aber sie glauben zu wissen, was gut für mich ist. Aber ich will mich nicht verabreden. Denn dann muss ich mir das ewig anhören.“ Sie setzte sich auf die Bettkante. „Also, wenn wir uns treffen, möchte ich nicht, dass jemand etwas davon erfährt, okay?“

„Du bist eine komplizierte Frau, weißt du das? Das warst du schon immer.“

„Was nur beweist, dass du vernünftig sein und aufhören solltest, mich im Haus deiner Schwester zu verfolgen.“

„Aber mir gefällt es, dich zu verfolgen.“

Du lieber Himmel. Seine leise Stimme klang so rau und leidenschaftlich, dass sie das Gefühl hatte, gleich in Flammen aufzugehen. Während sie lange Blickkontakt hielten, sprühten die Funken zwischen ihnen.

„Und ich weiß, dass du mir etwas anbietest“, fügte er schließlich hinzu. „Ich kann nur nicht herausfinden, was es ist.“

Er hat recht. Sie wollte ihm wirklich etwas anbieten. Gab es eine Chance, dass er sich auf eine Affäre bis zum Neujahrstag einlassen würde – und wenn ja, wollte sie die Sache wirklich durchziehen?

Während sie darüber nachdachte, ob sie möglicherweise aufgrund des langjährigen Sexentzugs den Verstand verloren hatte, kam Dare auf sie zu und setzte sich neben sie aufs Bett.

„In Ordnung. Wenn nicht Abendessen und Kino, was dann?“

Ihr Atem ging schneller. Sie sah ihm in die Augen „Ich will einfach nur einen Mann zu Weihnachten, okay? Ohne Verpflichtungen. Ohne Dates. Nur eine heimliche Weihnachtsaffäre, von der niemand etwas erfährt. Du, ich und die Feiertage. Am Neujahrstag ist dann alles vorbei.“

3. KAPITEL

Die Zeit schien stillzustehen, als Dare ihren Blick erwiderte. Er wird jeden Moment wegsehen. Aber schließlich unterbrach Ava den Augenkontakt. „Oh, Gott. Ist das geschmacklos und schrecklich?“

„Es ist nicht im Geringsten schrecklich“, sagte er sanft. „Sieh mich an.“ Er wartete, bis sie sich ihm wieder zuwandte. „Abgemacht.“

Jemand klopfte an die Tür. „Abendessen in fünf Minuten“, rief eine Frauenstimme.

Aber Ava hörte kaum hin. Ihr kam dieser Moment unwirklich vor. Ungläubig und erstaunt starrte sie ihn an. Sie hatte sich gerade mit Darius Bravo auf eine Weihnachtsaffäre geeinigt.

„Ich bin gleich da“, rief er und fragte sie dann: „Alles in Ordnung?“

„Oh, ich glaube nicht.“ Sie zwang sich, aufzustehen, um sich umzudrehen und zu flüchten.

Aber er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Wir sind hier noch nicht fertig.“

Vergeblich versuchte sie, sich loszureißen. Seine Berührung setzte ihre Haut in Flammen. „Ich muss … nach Sylvie sehen. Mich darum kümmern, dass sie sich vor dem Abendessen die Hände wäscht.“

„Ich helfe dir.“

Sie lachte kurz auf. „Wirklich. Das schaffe ich schon. Lass mich einfach gehen.“ Als er sie losließ, bedauerte sie es sofort. War sie von allen guten Geistern verlassen? Sie hätte ihm nie von ihrer Fantasie erzählen dürfen. Ihm nie anbieten dürfen, diese Fantasie mit ihr auszuleben.

Sie hätte so viel nicht tun oder sagen sollen. Im Augenblick mochte sie sich nicht besonders. Sie benahm sich wie die Sorte Frauen, die sie verachtete. Frauen, die Männer heißmachten und gleichzeitig ihnen die kalte Schulter zeigten.

„Ava.“

„Mm?“

„Es wird schon gut gehen“, versprach er. „Besser als gut. Wir reden später weiter.“

Sie sollte ihm sagen, dass er das Ganze vergessen sollte. Ihm erklären, dass sie für eine Sekunde den Verstand verloren hatte, aber jetzt wieder klar denken konnte.

„Kümmere dich jetzt um Sylvie.“

Er ist ein viel besserer Kerl, als ich ihm früher zugetraut habe. Dare ist nicht nur wahnsinnig heiß, sondern auch zärtlich, süß und witzig. Vielleicht hätte ich ihm vor all den Jahren eine Chance geben sollen.

Wenn sie sich wirklich einen Mann zu Weihnachten wünschte und er dieser Mann sein wollte – warum sollten sie dann einander ihre Weihnachtswünsche nicht erfüllen?

„Geh jetzt. Oder ich komme mit“, neckte er sie.

Sie drehte sich um und ging.

Während des köstlichen Abendessens bemerkte sie zweimal, dass er sie beobachtete. Aber sobald sie ihm in die Augen sah, lächelte er und sah weg. Vergeblich versuchte sie alles, was zwischen ihr und Dare passiert war, zu verdrängen und Thanksgiving zu genießen.

Um acht Uhr kehrte sie mit Sylvie nach Hause zurück. Nachdem sie ihre Tochter ins Bett gebracht hatte, klingelte ihr Handy. Dare.

„Ich wollte mich nur erkundigen, ob ihr gut nach Hause gekommen seid.“

„Ja. Alles bestens. Ich werde nicht fragen, von wem du meine Nummer hast.“

„Deine Visitenkarten liegen in jedem Restaurant und Geschäft in der Stadt.“

„Stimmt.“ Überall, wo sie hinging, bat sie die Inhaber, einen Stapel Visitenkarten neben die Kasse zu legen. Auf diese Weise hatte sie schon mehr als einen Kunden gewinnen können.

„Du bist zu leise. Wage es nicht, einen Rückzieher zu machen“, meinte er grimmig.

„Nein. Es bleibt dabei. Keine Hinhaltetaktik. Versprochen.“

„Komm zu mir.“

Dare gehörte ein Grundstück ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Seine Schwestern behaupteten, das Haus wäre wunderschön. Ava war noch nie dort gewesen und auch noch nicht bereit, ihn dort zu besuchen.

„Morgen“, sagte sie, ohne lange darüber nachzudenken. „Vormittags lege ich letzte Hand an die von Chloe entworfene Inneneinrichtung des Hauses von Bravo Construction. Es liegt in der neuen Starview-Siedlung. Du nimmst die Mountain…“

„Ich weiß, wo das ist. Um wie viel Uhr?“

Sie hoffte, bis zum Mittagessen alles erledigt zu haben. „Mittags?“

„Ich werde da sein.“

„Großartig … ich meine, gut. Ich …“

„Ava“, sagte er weich.

„Äh, ja?“

„Bis morgen.“

„Ja. Gut. Perfekt.“

Am nächsten Tag traf Ava vor neun Uhr in dem Haus ein. Chloe hatte bereits die meisten Möbel, Kunstgegenstände und Accessoires, die später geliefert worden waren, in die dafür vorgesehenen Zimmer gebracht.

Im Wohnzimmer, Esszimmer und Familienzimmer standen vollständig geschmückte Weihnachtsbäume. Sie war begeistert, dass Chloe so viel Zeit und Sorgfalt für die Weihnachtsdekoration aufgewendet hatte.

Jahreszeitliche Akzente sorgten dafür, dass sich potenzielle Käufer wie zu Hause fühlten – und wer auch immer dieses Haus kaufte, musste es als das Zuhause erleben, nach dem er gesucht hatte. Deshalb hatte Chloe auch unzählige glitzernde Girlanden und eine weihnachtliche Tischdekoration besorgt, um die sich Ava heute kümmern würde.

Bravo Construction hatte sich noch fünf weitere Grundstücke in dem Neubaugebiet gesichert. Dieses Haus sollte als eine Art Musterhaus dabei helfen, auch für diese Grundstücke Käufer zu finden.

Sie kochte eine Kanne Kaffee und machte sich an die Arbeit. Um halb zwölf hatte sie alles erledigt und sehnte sich nach einer Dusche. Das Aufhängen von Bildern, Drapieren von Girlanden und Herumräumen von Stühlen war eine schweißtreibende Arbeit. Außerdem knurrte ihr Magen – und in einer halben Stunde würde Dare kommen, um mit ihr zur Sache zu kommen.

Was ist in mich gefahren, mich hier und jetzt mit ihm treffen zu wollen? Sie strich sich eine Haarsträhne aus der verschwitzten Stirn. Normalerweise dachte sie an alles. Aber heute hatte sie sogar vergessen, ein Sandwich mitzubringen.

Jetzt wurde offensichtlich, wie unerfahren sie in Sachen Gelegenheitssex war. Um sich einen Hamburger zu besorgen oder für eine kurze Dusche nach Hause zu fahren, fehlte ihr die Zeit.

Aber sie hatte in jedem der Badezimmer wunderschöne, flauschige Designerhandtücher aufgehängt. Wenn sie kurz unter die Dusche ging und sich mit einem dieser Handtücher abtrocknete, konnte sie es einfach mit nach Hause nehmen, waschen und morgen unbemerkt wieder zurückbringen.

Schnell ging sie ins große Badezimmer. Zwanzig Minuten später hatte sie sich ein wenig frisch gemacht, ihre Haare und das Make-up hergerichtet.

Um eine Minute vor zwölf klingelte es an der Tür, die sie atemlos öffnete. Dare hielt eine große weiße Tüte und eine Schachtel mit zwei Softdrinks aus einer beliebten Schnellrestaurantkette in der Hand.

Er war frisch rasiert, trug einen grauen Pullover, Jeans und Schnürstiefel. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob er oder die weiße Tüte verlockender aussah, die den unvergleichlichen Duft von Cheeseburgern und Pommes verströmte. „Du hast das Mittagessen mitgebracht“, sagte sie erstaunt.

„Ich dachte, du könntest Hunger haben.“

„Ja, ich sterbe vor Hunger.“

„Gut. Cheeseburger, Pommes und zwei Cola.“

„Ich bete dich an.“

Er grinste. „Das hört sich gut an.“

Sie spähte über seine Schulter. „Wo ist dein Pick-up?“

Er folgte ihr in die offene Küche. „Du hast gesagt, niemand darf erfahren, dass wir uns treffen. Also habe ich den Ford um die Ecke geparkt, falls ein Familienmitglied vorbeikommt.“

„Offensichtlich bist du ein Experte in puncto Versteckspielen.“

„Das hört sich nicht so gut an.“ Er stellte die Tüte und die Getränke auf den Tisch in der Frühstücksecke und setzte sich.

Sie setzte sich ihm gegenüber. „Das habe ich positiv gemeint.“ Sie trank genüsslich einen großen Schluck Cola, während er das Essen auspackte.

„Greif zu.“ Er reichte ihr einen Cheeseburger und bemerkte die glitzernde Dekoration. „Schönes Haus – und definitiv weihnachtstauglich.“

„Nell und Garrett verstehen ihr Handwerk.“

„Ja, das tun sie.“

Als sie satt war, kehrte ihre Nervosität zurück. Sie wusste kaum, was sie als Nächstes sagen sollte. „Also … bist du mit dem Essen fertig?“ Sie sammelte die leeren Verpackungen ein und steckte sie in die Mülltüte, die sie nachher mitnehmen würde. Dann wusch sie ihre Hände und trocknete sie mit einem Papiertuch.

Dare stand auf, um sich ebenfalls die Hände zu waschen. Sie reichte ihm ein Papiertuch. Als er seine Hände abtrocknete, lachte sie nervös. „Jetzt brauchen wir nur noch ein Pfefferminz.“

Er holte ein paar Pfefferminzbonbons aus der Hemdtasche. „Die haben sie im Schnellrestaurant verteilt.“ Sie wickelten die Bonbons aus dem Papier, steckten sie in den Mund und lutschten einen Moment schweigend.

Schließlich berührte er leicht ihr Kinn. „Du wirst doch keine Panik bekommen, oder Ava?“

„Ein bisschen schon“, gab sie zu. „Vermutlich habe ich das alles nicht richtig durchdacht. Vielleicht ist dieses Haus nicht die beste Umgebung, um mit dieser Sache anzufangen, die wir vorhaben.“

„Jetzt ist es eine Sache?“ Er verzog den Mund zu einem schwachen Grinsen.

Sie wollte ihn küssen und mit der Zunge die verführerische Unterlippe nachzeichnen. Stattdessen lutschte sie das Pfefferminzbonbon. „Es gibt nicht einmal Laken auf den Betten und fühlt sich einfach falsch an. Irgendwie schäbig, weißt du?“

„Schäbig. Interessante Wortwahl.“ Er strich über ihre Haare.

Ihr Herzschlag schien einen Moment lang auszusetzen.

Er nahm eine Haarsträhne zwischen seine Finger. „Ich wusste, dass sich deine Haare seidig anfühlen. Ich habe deine Haarfarbe immer geliebt. Wie Sommerweizen. Und Sonnenschein.“

Es war wunderschön, so etwas zu sagen. Sie wollte die Arme um ihn schlingen und ihn leidenschaftlich küssen. Aber es verging eine Sekunde und dann noch eine … und sie verlor die Nerven. „Ich, äh, ich verhüte“, platzte sie heraus. „Mit der Drei-Monats-Spritze.“

„Ah.“

„Und ich kann nicht glauben, dass ich daran gedacht habe, Kondome mitzubringen, und vergessen habe, ein Sandwich mitzunehmen.“

„Hast du das wirklich?“

Ava erwiderte seinen Blick und drohte, in seinen sehr blauen Augen zu versinken. Mit den Fingerspitzen fuhr er über ihre Schläfe und dann durch ihre langen Haare. Sie schnappte nach Luft. „Sie sind in meiner Handtasche. Eine ganze Schachtel. Was albern ist, nicht wahr?“ Als er ihr Kinn anhob, erfasste sie eine glühende Sehnsucht.

Er betrachtete ihr Gesicht, als wollte er sich ihre Gesichtszüge tief ins Gedächtnis einprägen. „Eine ganze Schachtel?“

„Mm. Wir werden auf keinen Fall eine ganze …“ Ihr verschlug es die Sprache, als er sie küsste. Seine Lippen waren so weich, wie sie es sich immer vorgestellt hatte.

Sie knabberte leicht an seiner vollen Unterlippe. Er stöhnte leise. Wer hätte gedacht, dass sich ein Kuss so gut anfühlen kann? Sie wollten überhaupt nicht mehr aufhören, sich zu küssen.

Es war einfach großartig. Genau das, was sie brauchte. Er saugte ihr Pfefferminzbonbon in seinen Mund, das sie ihm ohne jegliches Bedauern überließ, und setzte sich in Richtung Wand in Bewegung.

Ava ließ sich von ihm führen und ging Schritt für Schritt rückwärts. Dann drückte er sie mit dem Rücken an die Wand und drängte sich an sie. Sie konnte seinen harten und heißen Körper und seine Erregung spüren.

Wow. Endlich, nach viel zu vielen Jahren, passierte es – und ausgerechnet mit Dare. Ihr machte es nicht einmal mehr etwas aus, dass diese wilde Kussorgie in dem perfekt hergerichteten Haus stattfand, das sie morgen potenziellen Käufern vorführen würde.

Er ließ die Hände nach unten wandern, griff nach dem Saum ihrer Bluse und schob den Stoff nach oben. Zum ersten Mal unterbrach er den Kuss, um ihr die Bluse über den Kopf zu ziehen. Sie spürte die kühle Luft auf der nackten Haut und wurde ein wenig nervös.

„Schsch.“ Er zog sie wieder fest an sich. „Küss mich.“

Erneut küsste sie ihn. Ihre Zungen tanzten Tango, während er beide Händen auf ihren Rücken gleiten ließ und den Verschluss ihres BHs öffnete. Erwartungsvoll rang sie nach Atem. Ohne den Kuss zu unterbrechen, streifte er erst einen und dann den anderen Träger des BHs über ihre Schultern und strich über ihre Arme bis zu ihren Händen. Ein Schauer überlief sie.

Mit einem Finger zog er den BH schließlich zwischen ihren Brüsten nach unten und ließ ihn zu Boden fallen. Dann umfasste er eine ihrer Brüste in seine Hand. Ava stöhnte, als er die heiße Handfläche auf ihre harte Brustwarze presste. Hatte sie jemals so unter Strom gestanden?

Im Rausch des Verlangens nahm sie vage wahr, dass vor dem Haus eine Autotür zugeschlagen wurde. Sie unterbrachen den Kuss und sahen sich an. Sind meine Lippen genauso rot und geschwollen von den Küssen wie seine Lippen?

Erneut fiel draußen eine Autotür ins Schloss. Dann waren Frauenstimmen zu hören. Ava erkannte das heisere Lachen ihrer Freundin Nell Bravo.

Schlagartig wurde ihr klar, dass seine Schwestern früher vom Einkaufstrip aus Denver zurückgekommen sein mussten. Sie würden jeden Moment durch die Tür kommen und sie halbnackt mit Dare in der Küche des Musterhauses vorfinden.

Los! Mach schon! Zieh deine Bluse an. Aber sie war wie gelähmt. Sie konnte es nicht fassen, sich in eine derart peinliche Situation gebracht zu haben und dann auch noch auf frischer Tat ertappt zu werden. Wie hatte sie nur einen so ungeeigneten Ort für ihr leidenschaftliches Intermezzo aussuchen können?

Vielleicht war sie aber auch wie erstarrt, weil ihr dieser bizarre Moment wie ein Traum vorkam. Nach all den Jahren kam sie mit Dare Bravo zur Sache – und seine Schwestern erwischten sie dabei.

Dare hob hastig ihren BH und die Bluse vom Boden auf, streifte ihr die Träger des BHs über die Arme und Schultern und hakte den Verschluss ein. „Jetzt komm schon …“, sagte er sanft.

Sie blinzelte. Er hielt ihr die Bluse hin, sodass sie die Hände in die Ärmel stecken konnte. Dann zog er ihr die Bluse über den Kopf und strich den Stoff glatt. In diesem Moment hörte sie, dass die Haustür geöffnet wurde.

„Ava!“, rief Chloe im Eingangsbereich.

Er küsste Ava schnell zärtlich auf den Mund. „Du hast meine Handynummer. Ruf mich an“, flüsterte er und verschwand in den Flur, der zum Hauswirtschaftsraum und zur Garage führte.

4. KAPITEL

„Da bist du ja!“ Chloe führte ihre Schwestern in die Küche des Musterhauses. „Alles sieht fantastisch aus. Du bist meine Rettung, Ava.“

Sie strich über ihre Haare und setzte ein Lächeln auf. „Ist der Einkaufsbummel schon vorbei?“

„Wir hatten genug“, sagte Nell. „Also sind wir hergekommen, um mitzuhelfen.“

„Ob du es glaubst oder nicht – ich bin schon so gut wie fertig. Wo ist Jody?“

„Sie wollte nicht mitkommen“, erklärte Elise.

„Ich glaube, sie ist niedergeschlagen wegen des armen Nick Yancy“, meinte Clara. Die anderen Frauen nickten.

Nell musterte Ava. „Du hast ganz rote Wangen. Was hast du getrieben?“

Sie konnte nicht widerstehen, zu sagen: „Ich hatte Sex mit Dare.“

In der Küche herrschte einen Moment Totenstille. Dann lachten alle. Sie wussten, dass er schamlos mit ihr flirtete – und Ava nie mit jemandem Sex hatte.

Abends schickte sie Dare eine Textnachricht.

Morgen Abend übernachtet Sylvie bei Annabelle. Hast du Zeit?

Er antwortete sofort.

Ich will deine Stimme hören. Ruf mich an, Ava.

Ihr wurde heiß. Anscheinend törnt es mich an, wenn ein Mann mich per Textnachricht herumkommandiert – wenn der Mann Dare heißt. Sie rief ihn an. „Also? Wie sieht es morgen Abend aus?“

„Wie ist es gelaufen, nachdem ich verschwunden bin?“

„Gut.“

„Was heißt das?“

Sie grinste in sich hinein. „Nell meinte, ich hätte so rote Wangen. Sie hat mich gefragt, was los wäre. Also habe ich gesagt, dass ich Sex mit dir hatte. Alle haben gelacht, weil es ihrer Meinung nach völlig abwegig ist.“

„Du bist ein schlimmes Mädchen.“

Beim samtweichen Klang seiner Stimme schmolz sie dahin. „Morgen Abend?“

„Morgen Abend passt gut. Komm zum Abendessen zu mir nach Hause. Ich koche für dich.“

„Ich weiß nicht. Ein Abendessen klingt ein bisschen zu sehr nach einem Date.“

„Allmählich komme ich mir irgendwie billig und benutzt vor.“

„Mach dich nicht lächerlich.“

„Was? Meinst du, nur Frauen können sich benutzt fühlen? Seien wir ehrlich. Du benutzt mich.“

„Ich … nun, ich dachte, dass wir uns irgendwie gegenseitig benutzen.“

„Ava“, sagte er sanft. „Ich habe dich nur geneckt. Manchmal nimmst du die Dinge viel zu ernst.“

Ja, das stimmte vielleicht. Es war wirklich sehr nett von ihm, dass er für sie kochen wollte. Außerdem wollte sie schon immer mal sein Haus sehen. „In Ordnung. Um sieben Uhr?“

„Abgemacht.“

„Was kann ich mitbringen?“

„Nichts. Nur dich. Bis dann.“

Sie dachte an seinen atemberaubenden Kuss und daran, wie zärtlich und verführerisch er sie halb ausgezogen und dann wieder hastig angezogen hatte. Seitdem sie als Mädchen erleben musste, wie unsicher das Leben sein konnte, war sie darauf bedacht, alles richtig z umachen.

Habe ich jetzt alles vermasselt, indem ich mich auf diese Affäre mit ihm eingelassen habe? „Dare, ich …“ Aber er hatte schon aufgelegt.

Beim Tag der offenen Tür am nächsten Tag sah das Haus großartig aus. Ava servierte den potenziellen Käufern, die den ganzen Tag über zu Hausbesichtigungen eintrafen, heißen Apfelwein und Weihnachtsgebäck.

Um kurz nach zwei Uhr tauchte Dare auf. Er ging ihr aus dem Weg, während sie sich mit Kaufinteressenten unterhielt. Sie fand es großartig, dass er vorbeigekommen war. Es war sehr aufregend, so zu tun, als hätte sich nichts zwischen ihnen geändert, während ihr der Gedanke an den bevorstehenden Abend ein verstohlenes Grinsen auf das Gesicht zauberte.

Die Zweifel vom gestrigen Abend waren wie weggewischt. Sie fühlte sich wirklich jung, was ein ganz neues Gefühl für sie war. Sie war immer entschlossen gewesen, ein möglichst sicheres Leben zu führen.

Jetzt endlich hatte sie Sicherheit. Sie hatte Geld auf der Bank, eine solide Altersvorsorge und einen College-Fonds für Sylvie eingerichtet. Ihr Haus war zur Hälfte abbezahlt. Also konnte sie es sich leisten, sich während der Weihnachtszeit wieder wie ein junges Mädchen zu fühlen. Zu erröten und atemlos mit Dare zur Sache zu kommen.

Er zog sie ins Badezimmer und schloss die Tür hinter ihnen. „Ein Kuss. Dann gehe ich.“

Sie wollte entgegnen, dass er sie daran hinderte, ihren Job zu erledigen. Aber warum sollte sie ihm wegen etwas auf die Nerven gehen, das sie sich ebenso sehr wünschte wie er? Also erwiderte sie den leidenschaftlichen Kuss.

Aber als er sie erneut küssen wollte, legte sie die Finger an seine Lippen. „Heute Abend.“ Er sog die Finger in seinen Mund und umzüngelte sie.

„Und du sagst, dass ich ein schlimmes Mädchen bin.“

Er lachte und küsste sie erneut, bevor er sie schließlich losließ.

Dare saß auf der Treppe seines Hauses am Waldrand außerhalb der Stadt und wartete zusammen mit seinem Hund Daisy auf Ava. Als sie ihr Auto vor der großen Veranda anhielt, lief er die Stufen hinunter und öffnete die Autotür. „Da bist du ja.“

Sie nickte, fühlte sich seltsam schüchtern und war in Anbetracht des bevorstehenden Abends sehr aufgeregt.

„Das ist Daisy.“

„Hallo, Daisy.“

„Ich zeige dir meine Pferde.“ Er streckte ihr die Hand hin.

Sie nahm seine Hand, die sich trotz der Kälte erstaunlich warm anfühlte, und folgte ihm zu einem Koppelzaun neben einer roten Scheune.

Eine weiße Stute und ein brauner sowie ein schwarzer Wallach entdeckten sie und kamen zum Zaun.

„Josie, Clem und Sweet Sam – das ist Ava.“ Er holte drei kleine, halbverdorrte Äpfel aus den Taschen seiner Winterjacke und reichte sie ihr. „Hier. Sie werden dich immer lieben.“

Sie gab jedem Pferd ein Leckerli. Dann streichelte sie Daisy, die ihnen gefolgt war. „In der Schule hast du immer wie jemand ausgesehen, der später nach Yale geht. Wie ein Schnösel. Außerdem warst du Footballspieler. Ich habe dich nie für einen Cowboy gehalten.“

Er nahm ihre Hand in seine Hand. „In der Highschool wusste ich noch nicht, was ich eigentlich will. Ich mag Pferde und Bäume. Mir gehören zwanzig Hektar Land. Das meiste davon ist Wald. Aber ich würde mich n...

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Stella Bagwell

Eigentlich ist Stella Bagwell gelernte Friseurin, tragischerweise entwickelte sie aber eine Haarspray-Allergie. Schlecht für sie, gut für ihre Leserinnen. Denn so verfolgte Stella ihr kreatives Talent in eine andere Richtung weiter und begann mit viel Enthusiasmus, Romane zu schreiben. Was ganz bescheiden auf einer alten Schreibmaschine begann, entwickelte sich auch...

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Als Tochter lesebegeisterter Eltern ist Kathy Douglass mit Büchern aufgewachsen und hat schon früh eins nach dem anderen verschlungen. Dann studierte sie Jura und tauschte Liebesgeschichten gegen Gesetzestexte ein. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder wurde aus der Liebe zum Lesen eine Liebe zum Schreiben. Jetzt schreibt Kathy die Kleinstadt-Romances,...
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