Fake Date in Sicily – Liebe inklusive

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FAKE DATE IN SICILY – LIEBE INKLUSIVE von JENNY LANE

Eine Sapphic Fake Relationship Romance (FF/lesbisch)

Eliza ist mit der Arbeit verheiratet – für Zweisamkeit ist kein Platz in ihrem Leben. Die gescheiterte Ehe ihrer Eltern hat ihr auf schmerzliche Weise gezeigt, dass beruflicher Erfolg und eine glückliche Beziehung nicht miteinander vereinbar sind. Als die attraktive Mia sie bittet, auf einer Hochzeit, zu der sie beide eingeladen sind, eine Woche lang ihre Freundin zu mimen, kann sie nicht widerstehen – immerhin fühlt sie sich schon länger zu ihr hingezogen. Doch schnell fühlt sich die gespielte Liebe viel zu echt an. Und als Mia ihr nach einer gemeinsamen Nacht gesteht, dass Sie sich verliebt hat, bekommt Eliza Panik und weist Mia zurück …


  • Erscheinungstag 18.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543118
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Jenny Lane

Fake Date in Sicily – Liebe inklusive

1. KAPITEL

Mia Knowles starrte auf das kunstvoll geschnitzte Holzkästchen, das sie etwas wackelig auf ihrem Schoß balancierte, als ob es die Antwort auf all ihre Probleme enthielte. Tatsächlich enthielt es jedoch den Ablaufplan für die Hochzeit des Jahrhunderts ihrer besten Freundin Cate, die im luxuriösen Resort von Mias Familie, dem frisch renovierten La Piccola Barca auf Sizilien, stattfinden würde. Vom Begrüßungsdinner am ersten Abend bis hin zu gecharterten Jachten, Strandaktivitäten und rauschenden Nächten in der Stadt – über dieses Ereignis würde sicher noch jahrelang in Hochzeitsmagazinen berichtet werden.

Und Mia würde alleine hingehen.

Was aber in Ordnung war. Es ging nicht anders. Schließlich war es die Hochzeit ihrer besten Freundin. Und sie hatte Versprechen zu halten. Nun gut, beim ersten waren sie und Cate zwölf Jahre alt gewesen und am Strand vor dem Sommerhaus von Mias Eltern in den Hamptons entlanggeschlendert – aber versprochen war versprochen, nicht wahr?

Außerdem hatte sie vor zwei Monaten Cate erzählt, dass sie eine Begleitung zur Hochzeit mitbringen würde. Als Cates Schwester Beth sich vor sechs Monaten von Mia getrennt hatte, hatte das Cate mehr mitgenommen als die beiden zusammen. Dass Mia mit Begleitung zur Hochzeit kommen würde, war also nur eine kleine Notlüge gewesen, um Cate zu beweisen, dass sie über Beth hinweg war. Monate später hatte sie aber leider immer noch niemanden, den sie mit nach Sizilien nehmen konnte.

Sehr zum Leidwesen von Mias Eltern hatte die Social-Media-Influencerin, mit der sie Mia verkuppeln wollten, schnell das Interesse verloren, als sie merkte, dass Mia keinerlei Lust verspürte, ständig in den sozialen Medien und Klatschmagazinen zu erscheinen.

Und dann war da noch das Versprechen, das sie ihrem Vater gegeben hatte, bevor sie heute Morgen ins Flugzeug gestiegen war. Sie sollte diese Reise nutzen, um Werbung für das Resort zu machen. La Piccola Barca war die neueste Perle im Hotelportfolio der Familie, und dies war laut ihrem Vater eine hervorragende Gelegenheit, das Resort und den Familiennamen groß rauszubringen. Mia selbst hatte auch viele Ideen, wie sich das Image ihrer Familie aufpolieren ließe – aber da die sich alle um gesellschaftliches Engagement drehten, wollte ihr Vater nichts davon hören.

Im Halten von Versprechen war Mia wirklich gut. Jedenfalls, wenn es um die ging, die sie anderen gemacht hatte. Bei denen, die sie sich selbst gegeben hatte, nicht so sehr. Zum Beispiel, sich gegen ihre Familie zu behaupten und ihren Eltern zu sagen, was sie wirklich wollte. Also hatte sie zur Forderung ihres Vaters genickt und das erfreute Lächeln ihrer Mutter erwidert.

Mia verdrängte die Erinnerung an den Moment.

„Auf was hast du dich jetzt wieder eingelassen?“, murmelte sie vor sich hin, als sie auf dem Rücksitz der schwarzen Limousine saß, die sie vom Flughafen zum Resort brachte, und das Holzkästchen anstarrte.

Das Kästchen gab keine Antwort.

Als Mia das letzte Mal etwas mit Cate unternommen hatte, hatten beide dünne Baumwoll-Tank-Tops getragen und in einer privaten Kabine Karaoke gesungen. Das war bei ihrem gemeinsamen Urlaub in Miami gewesen. Doch etwas sagte ihr, dass sie im Resort keinen dieser unbeschwerten Momente mit Cate erleben würde, die sie immer so glücklich gemacht hatten.

Und das lag daran, dass ihre beste Freundin sich in Noah Brewer verliebt hatte. Und wenn man in die Familie eines Multimedia-Moguls einheiratete, musste man den Schein wahren. Mia vermutete, dass ihre Eltern Cate und Noah auch deshalb ihr frisch renoviertes Resort auf Sizilien für ihre extravagante Feier angeboten hatten.

„Mia, Schatz“, hatte ihr Vater letzten Monat beim Brunch gesagt, „wir erwarten Folgendes von dir: Geh zur Hochzeit, unterhalte dich mit den Gästen, erinnere sie daran, dass Knowles ein großer und wichtiger Name bei Hotels ist. Ich würde selbst hingehen, aber ich habe Ende der Woche die Vorstandssitzung. Die darf ich nicht verpassen.“

Ihr älterer Bruder und ihre älteren Schwestern würden bei der Sitzung ebenfalls dabei sein. Die Knowles-Kinder hatten alle ihre Aufgaben, und Mias Rolle bestand darin, die Aufmerksamkeit der Paparazzi und der Medien auf sich zu ziehen. Als Mia neunzehn war, hatten diese sie mit Cate beim ausgelassenen Feiern in den Frühjahrssemesterferien erwischt, und das Video war viral gegangen. Doch statt ihr eine Standpauke zu halten, hatte ihr Vater das als erfreuliche kostenlose Werbung gesehen, und Mia zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, anerkennend angelächelt.

Mia würde alles tun, um noch einmal so ein Lächeln von ihrem Vater zu bekommen, denn dieses Lächeln war normalerweise ihren Geschwistern vorbehalten. Also würde sie zur Hochzeit gehen, ihre Rolle als Markenbotschafterin spielen und ihn so von ihrer Kompetenz überzeugen – bis der richtige Zeitpunkt gekommen war. Und dann würde sie ihn darum bitten, an einigen der philanthropischen Projekte der Familie mitarbeiten zu dürfen. Aber sie würde sich nicht in einen geplanten Skandal verwickeln oder von den Paparazzi auf Schritt und Tritt fotografieren lassen. Diesen Teil ihres Lebens wollte sie endgültig hinter sich lassen.

Mia stellte das Kästchen vorsichtig neben sich auf den Sitz und seufzte. Denk nach, denk nach, denk nach. Sie brauchte eine plausible Ausrede dafür, dass sie ohne Begleitung zur Hochzeit kam. Eine kurzfristige Geschäftsreise? Eine Lebensmittelvergiftung? Auf keinen Fall konnte sie Cate die Wahrheit sagen – dass sie schlicht gelogen hatte. Ihre beste Freundin sollte sich diese Woche keine Sorgen darum machen, ob Mia noch immer unter der Trennung von Beth litt. Cate sollte sich auf ihre Hochzeit konzentrieren. Auf Noah.

„Nur noch einen Moment, Miss Knowles. Wir sind fast da.“ Der Chauffeur lächelte sie freundlich im Rückspiegel an. Zweifellos hielt er ihren Seufzer für Reisemüdigkeit. Er ahnte ja nichts von der leichten Panik, die sich in ihr ausbreitete.

Als das Auto langsamer wurde, sah Mia die strahlend weißen Gebäude von La Piccola Barca durch die Frontscheibe. Von hier aus wirkte es nicht spektakulär, aber Mia wusste, dass man vor allem vom Wasser aus erkannte, wie atemberaubend die Anlage war. La Barca, wie es landläufig genannt wurde, schmiegte sich an den Rand einer Klippe der sizilianischen Küste. Jede Suite bot einen Blick auf das glitzernde Meer, dazu gab es einen Privatstrand, einen luxuriösen Spa und Fünf-Sterne-Küche. Es war der perfekte Ort für die Hochzeit einer Brewer mit einem Richards – wenn man die Aufmerksamkeit mochte, die das hervorrief.

Als das Auto den Haupteingang erreichte, hielt Mia den Atem an. Hier zu sein, tatsächlich in La Barca angekommen zu sein, machte diese ganze Hochzeitsgeschichte real. Showtime.

Mia betrat die Anlage und ließ die weitläufige Lobby mit den bodentiefen Fenstern mit Meerblick auf sich wirken. Es war Jahre her, dass sie einen entspannten Urlaub verbracht hatte. Die letzten acht Jahre hatte sie das College besucht und darauf hingearbeitet, ihren Traum zu verwirklichen: aus dem Status, den das Schicksal ihr in die Wiege gelegt hatte, etwas zu machen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Auch das hier war natürlich nicht gerade ein unbeschwerter Urlaub, aber dieser Ort gab ihr das Gefühl eines Neuanfangs – als ob ein Abenteuer auf sie warte.

Als die Rezeptionistin ihr unter vielen Entschuldigungen mitteilte, dass die Familiensuite noch nicht ganz fertig sei, versicherte sie ihr, dass das nicht schlimm sei, und schlenderte dann den mit weißem Marmor ausgekleideten Korridor entlang, um Cate zu suchen. Das Resort war nicht so riesig wie einige der anderen ihrer Familie und hatte daher wirklich Charme. Und wenn Mias Gedächtnis sie nicht täuschte, lag ihr Lieblingsort gleich um die Ecke – ein hoher, lichtdurchfluteter Raum, in dem nur deckenhohe Bücherregale und bequeme Sessel standen.

Sie musste Cate finden und sich an den Zeitplan halten, aber sicherlich konnte sie sich hier eine Minute hinsetzen und durchatmen. Sie schlüpfte in den Raum und strich andächtig mit den Fingerspitzen über die ledernen Buchrücken. Durch die Fensterfront am anderen Ende des Raums sah man nur Blau und das Meer schien vorwurfsvoll zu fragen: Was um alles in der Welt machst du da drinnen, wo du doch hier draußen sein könntest?

Mia wollte gerade gehen, als sie das Rascheln von Papier hörte. An dem kleinen Schreibtisch in einer Ecke saß eine Frau halb mit dem Rücken zu Mia und mit Blick aufs Meer. Vor sich hatte sie Papierstapel und einen schicken Laptop, während sie konzentriert arbeitete. Ihr bei der Arbeit zuzusehen war, als würde man einer Synchronschwimmerin zuschauen.

Sie hatte goldbraune Haut und das Haar fiel ihr in weichen Locken auf die Schultern. Ihr Anzug, der ihre Beine endlos lang wirken ließ, während er sich an ihre kräftige Taille und ihre rundlichen Kurven schmiegte, hätte für ein Resort am Meer fehl am Platz wirken müssen, aber irgendwie schien er perfekt. Er weckte in Mia den Impuls, näher zu treten und mehr von dieser Frau zu sehen.

Doch Mia war nicht der Typ, der Fremde interessiert abcheckte. Sie war auch nicht der Typ für lockere Beziehungen, die zum Scheitern verurteilt waren, noch bevor sie richtig begannen. Ihre Beziehung mit Cates Schwester Beth hatte geendet, als sie vergeblich versucht hatten, eine Fernbeziehung zu führen. Zumindest war das die Erklärung, die ihr Beth über FaceTime gegeben hatte. Das heikle Ende hatte zu Spannungen zwischen Mias und Cates Familie geführt. Etwas, das Mia bei dieser Hochzeit unbedingt wieder in Ordnung bringen wollte. Deshalb würde sie sich bestimmt nicht Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt ungebührlich von einem Hotelgast beeindrucken lassen. Auch nicht, wenn dieser Hotelgast außergewöhnlich heiß war.

Die Frau tippte etwas am Computer und griff nach ihrem Handy, noch bevor es überhaupt vibrierte. Als sie den Anruf auf Französisch entgegennahm, klang ihre Stimme knapp und höflich. Und irgendwie vertraut.

Im Verlauf des Gesprächs wurde ihre Stimme angespannter, aber nicht laut. Die Frau sprach mit gleichmäßigem Tonfall und tippte dabei mit ihrem Stift auf das Papier. Mia konnte nicht anders, als sich näher heranzuschleichen. Sie musste einfach herausfinden, woher sie diese Stimme kannte. Deshalb schnappte sie sich ein beliebiges Buch aus dem nächstbesten Regal und setzte sich auf einen Sessel in der Nähe der Fenster.

Die Frau stand auf und ging in den hinteren Teil des Raums, wobei sie darauf achtete, leise zu sprechen. Die Jacke ihres maßgeschneiderten blauen Anzugs ließ sie über der Stuhllehne hängen. Ein zartrosa Top mit dünnen Trägern schmiegte sich an ihre Kurven, sah dabei jedoch vollkommen professionell und angezogen aus, und Mia fragte sich, wo man so etwas herbekam. Diese Frau war in jeder Hinsicht die selbstbewusste, redegewandte, geradlinige Geschäftsfrau, die sie auch so gern gewesen wäre.

Ein leichtes Kribbeln lief Mia über den Rücken, als eine Erinnerung sich meldete. Sie kannte nicht nur die Stimme. Sie war dieser Frau schon öfter über den Weg gelaufen …

Die Frau ließ ein leises Grollen hören und drückte mit einem letzten Wort auf die Auflegen-Taste. Sobald die Verbindung unterbrochen war, sackte sie zusammen und ließ die Arme schlaff hängen.

„Komm schon, Eliza. Heul jetzt bloß nicht.“ Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf, als wolle sie ihre Gefühle abschütteln. „Das ist nicht der Ort, um die Nerven zu verlieren. Bring es einfach in Ordnung.“

Eliza. Eliza Brewer. Die neue Geschäftsführerin von Brewer Media Enterprises. Cates zukünftige Schwägerin.

Verschiedene Momentaufnahmen schossen Mia durch den Kopf. Benefizveranstaltungen, Partys und gesellschaftliche Anlässe, bei denen Eliza Brewer immer etwas abseits gestanden und an der Seite ihres Vaters höflich gelächelt hatte.

Dann war da noch eine Begegnung vor ein paar Jahren, als Eliza sie auf einer Party mit kühler Gleichgültigkeit behandelt hatte. Und vor gerade mal zwei Monaten hatte sie Mia bei einer Spendengala aus einer misslichen Lage gerettet. Bei der Erinnerung an diesen Abend lief Mia unwillkürlich ein kleiner Schauer über den Rücken.

Ihre erste Reaktion war, die sichtlich wegen etwas aufgebrachte Eliza zu trösten. Aber Eliza Brewer war nicht der Typ, der gern getröstet wurde.

Als Eliza sich unvermittelt umdrehte, zuckte sie beim Anblick von Mia zusammen.

„Ich spreche kein Französisch“, platzte Mia heraus und sprang auf. Ihre letzte Begegnung war genauso peinlich gewesen. Genau, erinnere sie daran, wie unreif und ungebildet du im Vergleich zu ihr bist, Mia. Toll.

Eliza blickte Mia verwirrt an. „Was?“

„Ich habe rein gar nichts verstanden. Großes Indianerehrenwort.“

Hilflos deutete Mia auf das Handy, das Eliza immer noch umklammerte.

Elizas Augen weiteten sich, als sie Mia musterte.

„Ach was, keine Sorge“, murmelte sie.

Mia war müde von der Reise; ihr Gehirn war genauso schlapp wie ihre Reisekleidung. Doch als sie Elizas eindringlichen Blick auf sich spürte, wurden ihr auch noch die Knie weich.

„Trotzdem tut es mir leid“, sagte Mia sanft und trat einen Schritt näher.

„Nein, das war mein Fehler“, sagte Eliza kühl und eilte zum Schreibtisch, wo sie begann, ihre Papiere zu stapeln und alles in eine große Tasche zu packen. Dann fiel ihr Blick wieder auf Mia, und angesichts der Eiseskälte darin erstarrte Mia und wäre am liebsten auf der Stelle tot umgefallen. „Ich sollte keine Geschäftsgespräche an einem Ort führen, an dem jederzeit jemand wie du hereinkommen kann.“

Verflixt, wieso hatte sie sich dazu verleiten lassen, an einem Ort zu arbeiten, wo sie jederzeit ertappt werden konnte? Ihr Bruder hatte sie hoch und heilig versprechen lassen, dass sie Sizilien und die Hochzeit genießen würde und es mit der Arbeit nicht übertrieb. Ihre Mutter hatte ihr nicht gerade subtil zu verstehen gegeben, dass es ihre Hochzeit sein könnte, wenn sie nur „ein bisschen lockerer würde“. Doch seit sie die Nachfolge ihres Vaters angetreten hatte, gab es so etwas wie Freizeit nicht mehr.

Wenn sie in ihrer Kindheit eines von Elijah Brewer gelernt hatte, dann dass die Firma an erster Stelle stand. In den letzten zehn Jahren hatte Eliza diese Arbeitsmoral eins zu eins übernommen. Die Firma kam vor Hobbys, vor Freunden, vor Schlaf. Und genau wie bei ihrem Vater kam sie auch vor Beziehungen.

Weshalb Beziehungen keine Chance hatten. Ihr Vater hatte das auf die harte Tour gelernt. Ihre Mutter hatte sie verlassen, als Eliza erst zehn war.

Um nicht beim Brechen ihres Versprechens erwischt zu werden, hatte sie sich zum Arbeiten den Ort ausgesucht, an dem sie andere Hochzeitsgäste am wenigsten vermutete, der sich aber ein wenig wie ein Büro anfühlte: die wunderschöne – und tatsächlich menschenleere – Bibliothek neben der Lobby.

Sie war erst an diesem Morgen angekommen, und obwohl ihre Suite geräumig war und einen atemberaubenden Blick auf das Meer und die zerklüfteten Felsen der sizilianischen Küste bot, konnte sie dort nicht arbeiten. Dazu sah das Ganze doch zu sehr nach Urlaub aus. Also hatte sie die etwas nüchternere Bibliothek gewählt, um sich auf die bevorstehende Fusion vorzubereiten. Ihr Bruder musste ja nichts davon wissen.

Doch jetzt starrte Mia sie an. Mia, die mit ihren Sommersprossen auf dem Nasenrücken immer noch so sorglos und unbekümmert aussah wie bei ihrer letzten Begegnung. Mia, die jetzt überrascht nach Luft schnappte.

Mia, die ein paar Jahre jünger war, keine Party ausließ und keine Scheu hatte, sie selbst zu sein. Sie waren nicht befreundet, trafen aber häufig bei Veranstaltungen aufeinander. Eliza beneidete Mia darum, dass diese dort keinerlei Verpflichtungen hatte. Für sie selbst war jede Party eine Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, ihren Vater zu beeindrucken und Geschäfte abzuschließen, und bisher funktionierte das gut. Sie war knapp über dreißig und bereits Geschäftsführerin des Konzerns der Familie. Das war die langen Nächte wert, war es wert, jeden Gedanken an eine Beziehung aufzugeben, war es wert, ernst und geschäftsmäßig durchs Leben zu gehen. Aber gerade musste sie die Lippen zusammenpressen, um zu verhindern, dass ein Lächeln darüber huschte.

Wenn jemand in dieser Woche ihre Konzentration auf die Arbeit stören konnte, dann war es Mia Knowles.

„Was machst du hier?“ Eliza bemühte sich, kühl zu klingen. Mia verzog verwirrt das Gesicht. Und verflixt, das war süß.

„Ich bin die Trauzeugin.“ Sie sagte es, als wäre es eine Art VIP-Pass für jeden Ort im Resort.

Eliza trat einen Schritt näher und deutete mit der Hand quer durch den Raum.

„Nein, was machst du hier drin? Solltest du nicht unten am Pool sein, Massagen genießen, Cocktails schlürfen und einen Hubschrauberrundflug über die Insel machen?“

Mia zog eine entzückende Augenbraue hoch. „Hubschrauberrundflug?“

Eliza zuckte mit den Schultern und ließ ihren Blick noch einmal über Mia gleiten. „Ich habe keine Ahnung, was Leute eine ganze Woche lang an einem Ort wie diesem so treiben.“

Leichte Röte breitete sich auf Mias Wangen aus und ließ ihre Sommersprossen hervortreten. Eliza wusste, dass sie unhöflich war, aber sie konnte nichts dagegen tun. Dank ihrer Erziehung war sie immer mit Arbeit beschäftigt. Sie konnte nicht einfach mitten am Tag am Pool liegen und Cocktails trinken. Nicht einmal am Abend.

Mia räusperte sich und steckte sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Ich bin gerade erst angekommen. Eigentlich habe ich Cate gesucht. Solltest du nicht auch da draußen sein, Eliza?“

Die Art, wie Mia ihren Namen aussprach, verursachte Eliza eine wohlige Gänsehaut. Sie sah Mia mit zusammengekniffenen Augen an. Touché. Aber das würde sie ihr nicht auf die Nase binden. Sie hatte nicht vor, diese Woche mit den Aktivitäten zu verbringen, die in dem Holzkästchen aufgelistet waren, das sie als Trauzeugin von ihrem jüngeren Bruder bekommen hatte. Natürlich würde sie an den obligatorischen Familienveranstaltungen wie den Abendessen und Empfängen teilnehmen, aber sie hatte nicht die Absicht, länger als nötig mit ihrem Bruder und seiner Verlobten – oder irgendwelchen ihrer Freunde – abzuhängen. Es hatte vermutlich auch niemand Interesse an ihrer Anwesenheit.

Eliza glänzte hinter einem Schreibtisch, im Sitzungssaal oder bei einer Telefonkonferenz. Darauf hatte ihr Vater sie von Geburt an vorbereitet. Ihr Bruder hatte das Charisma, Eliza den MBA. Und sie hatte ihr ganzes Leben lang auf ihre neue Position als Hauptgeschäftsführerin hingearbeitet.

Sie war bereit.

„Ich war ja gerade auf dem Weg. Ich glaube, sie sind alle unten am Pool.“ Eliza wusste, dass sie unten am Pool waren. Ihr Bruder hatte ihr zweimal getextet, und sie hatte beide Nachrichten ignoriert. Aber das musste Mia nicht wissen.

„Oh. Alles klar.“ Klang das enttäuscht?

Eliza wollte gerade etwas sagen, als hinter ihnen ein lauter Schrei ertönte. Cate Richards, ihre zukünftige Schwägerin, stand mit weit ausgebreiteten Armen in der Tür.

„Mia! Du bist da!“

Sie rannte auf Mia zu und die beiden umarmten sich herzlich und schaukelten dabei hin und her. Es war genau die Art von Umarmung, die Eliza gelernt hatte, niemals in der Öffentlichkeit zu geben. Eigentlich überhaupt nicht, wenn man es genau nahm. Der Gedanke versetzte ihr einen Stich.

„Oh, Mia. Hier ist es wunderschön! Als ob deine Familie ein Bild aus meinen Träumen eins zu eins verwirklicht hätte.“

Mia winkte ab und schob sie auf Armeslänge von sich, um sie zu betrachten.

„Du siehst umwerfend aus. Ich bin froh, dass ich endlich angekommen bin“, sagte sie.

„Du siehst … nüchtern aus. Komm, ich bringe dich auf dein Zimmer und dann gehen wir runter zum Pool. Ich möchte dir ein paar von Noahs Freunden vorstellen.“

„Klingt gut. Eliza? Kommst du mit?“ Mia drehte sich um, und ihre haselnussbraunen Augen funkelten einladend. Eliza hatte das Gefühl, dass Mia nicht nur höflich war. In ihrem Blick lag eine Neugier, die Eliza schon lange nicht mehr gespürt hatte. Sie wollte der Einladung wirklich, wirklich gerne folgen. Doch dann vibrierte ihr Handy – eine Erinnerung daran, dass sie arbeiten musste.

„Eliza, du solltest wirklich mitkommen. Es ist wunderschön da unten“, beharrte Cate.

Eliza dachte kurz nach. Vielleicht würde es gehen. Vielleicht konnte sie sich ein einziges Mal, hier in einem privaten Resort mitten im Nirgendwo am Meer, einen Moment gehen lassen. Vielleicht konnte sie versuchen, herauszufinden, warum sie Mias Lächeln nachjagen wollte.

„Ich sehe doch, dass du darüber nachdenkst“, sagte Cate freundlich.

Eliza mochte ihre zukünftige Schwägerin wirklich. Sie stammte aus einer angesehenen Familie, was für das Geschäft wichtig war. Sie war eine millionenschwere Erbin, sodass Noah sich niemals fragen musste, ob sie wirklich seinetwegen oder wegen des Geldes mit ihm zusammen war. Aber vor allem freute sich Eliza, dass ihr kleiner Bruder jemanden heiratete, den er wirklich liebte. Zumindest einer von ihnen beiden sollte die Chance auf Liebe haben – und bei Elizas Terminkalender und ihren hohen Erwartungen an sich selbst würde das nicht sie sein. Sie wollte niemanden so verletzen, wie ihr Vater ihre Mutter verletzt hatte. Besser, sie blieb Single.

„Vielleicht überzeugt dich das: Mia bringt eine geheimnisvolle Begleiterin zur Hochzeit mit. Und ich will alles darüber wissen. Wer ist sie?“, fragte Cate.

Mia erstarrte und lächelte schwach. Elizas unterdrückte einen Seufzer. Natürlich hatte Mia eine Begleiterin. Das war irgendwie logisch. Und auch besser so. Denn das Letzte, was Eliza brauchte, war Ablenkung. Sie würde sich auf die Arbeit konzentrieren, genau wie ihr Vater es erwartete, und nicht mehr an Mia denken.

Eliza nickte beiden kurz und höflich zu und begann erneut, ihre Sachen zusammenzusuchen. „Na ja, hoffentlich kann ich bald zu euch stoßen. Ich muss hier nur noch aufräumen und mich umziehen. Aber wenn nicht, sehen wir uns heute Abend auf jeden Fall.“

„Hast du gearbeitet?“ Cate runzelte die Stirn und blickte auf den Laptop in Elizas Armen. „Sag bitte nicht, dass du gearbeitet hast.“

„Hat sie nicht“, platzte Mia heraus. „Ich bin hier reingekommen, um dich zu suchen, und sie hat gelesen.“

Warum um alles in der Welt deckte Mia sie? Und sie war auch noch furchtbar schlecht darin. Es war eine für alle offensichtliche Lüge, aber Cate war zu nett, um zu widersprechen.

„Na ja, wie auch immer. Drinks. Billard. Mysteriöse Begleitung. Los geht’s.“

„Ja, dann …“, sagte Mia. „Es war schön, dich wiederzusehen, Eliza.“

Und während Eliza ihnen nachschaute, gab sie sich drei Sekunden Zeit, enttäuscht zu sein, bevor sie sich wieder ihrem Laptop zuwandte.

2. KAPITEL

Mia hatte wirklich vorgehabt, die Nicht-Existenz ihrer Begleitung zu beichten, sobald sie am Pool waren. Aber der Rest der Hochzeitsgesellschaft war bereits im Wasser, planschte, plauderte und hörte Musik. Noah hatte Mia etwas Gefrorenes in Rosa entgegengestreckt, und ihre Ex, Beth, hatte sie hinter einer großen Sonnenbrille angestarrt. Also hatte Mia in den charmanten Party-Modus geschaltet, ihren Plan aufgegeben, ihre Verlegenheit hinuntergeschluckt und Mut in ihrem Bellini gesucht.

Und genau dieses Selbstvertrauen musste sie jetzt für die Abendveranstaltung wieder hervorzaubern. Es gab ein großes Abendessen, bei dem alle in einem schicken Outfit und mit ihrer Begleitung erscheinen und ihr Fragen über die Familie stellen würden. Mia hatte keine Begleitung. Und ihre Familie war nicht da, um ihr den Rücken zu stärken.

Aber sie hatte ein umwerfendes Kleid.

Sie lächelte sich im Badezimmerspiegel zu und wartete, bis das Lächeln ihre Augen erreichte. Ihre extrovertierte Seite würde heute Abend alle beeindrucken und es würde ihren Eltern sicher zugetragen werden, wie gut sie Kontakte geknüpft hatte.

Dafür brauchte sie etwas Selbstvertrauen.

Aber vor allem musste sie einen Weg finden, zu sagen: Ich bin auch alleine genug. Zu Beth, zu ihren Eltern, zu sich selbst. Doch das kam später.

Zuerst musste sie dieses Abendessen überstehen und ihrer besten Freundin reinen Wein einschenken. Sie hatte sich für die heutige Soiree ein spektakuläres smaragdgrünes Kleid ausgesucht. Ein Kleid, in dem sie sich lebendig fühlte. Es schmiegte sich an den richtigen Stellen an und gab Mia das Gefühl, ihr Leben selbst in der Hand zu haben, wenn auch nur für eine Nacht. Der herzförmige Ausschnitt war dezent und zeigte nur einen Hauch vom Einschnitt zwischen ihren Brüsten. Möglicherweise war auch das schon zu gewagt für den Anlass, aber sie fühlte sich in dem Kleid einfach zu gut, um es wieder auszuziehen – es war wie eine sexy grüne Rüstung. Dazu steckte sie ihre Locken auf einer Seite hoch, legte ein zartes Silberarmband an und tupfte sich ihr Lieblingsparfüm hinters Ohr.

Es gab mehrere Balkone in der Suite ihrer Familie, die eine ganze Seite des Resorts einnahm, aber dieser hier war ihr Lieblingsbalkon. Zu ihrer Linken plätscherten die Wellen des Meeres, in denen sich die Farben des Sonnenuntergangs spiegelten. Zu ihrer Rechten erhoben sich die Hügel Siziliens in sanften Wellen aus braungrüner Erde.

Dort lag ein Olivenhain, genau wie der, durch den sie als Kind gelaufen war, als ihre Familie in Sizilien Urlaub gemacht hatte, bevor sich ihr Leben veränderte und ihr Vater nur noch vom Erfolg und der Eröffnung des nächsten großen Resorts besessen war. Bevor ihre Mutter nur noch daran dachte, den Schein zu wahren und ihre Familie zu einem Markenprodukt zu machen. Die perfekten Reihen der Bäume, die Tausende von Jahren alt waren und seit Generationen Früchte trugen, hielten Mia im Hier und Jetzt. Sie würde nicht vergessen, wer sie war oder was sie wollte, selbst wenn sie dafür kämpfen musste.

Ihr Handy verkündete eine Nachricht und riss sie aus ihren Gedanken. Sie war von ihrem Vater.

Viel Spaß heute Abend, Mia. Bitte grüße die folgenden Familien.
Ich freue mich auf deinen Bericht morgen früh.

Unter seinem Text war ein Bild von seinem Notizblock, vollgekritzelt mit Namen in seiner Handschrift. Mia biss sich auf die Unterlippe und nickte.

Richtig. Sie hatte eine Aufgabe zu erledigen.

Sie murmelte die Namen leise vor sich hin, als sie durch das Resort ging und sich innerlich auf ihren Auftritt vorbereitete.

Die riesige Terrasse mit Meerblick war beeindruckend. Elegante Blumenarrangements schmückten sie in einem Feuerwerk aus Weiß, Gelb und Rosa. Hoch über ihnen hing ein Baldachin aus funkelnden Lichterketten, jenseits des Geländers sah man den Sternenhimmel und den fast vollen Mond über dem Wasser.

Die Tische waren strahlend weiß eingedeckt und mit frischen Früchten und Blüten dekoriert. Auf jedem Gedeck lag eine handgeschriebene Menükarte. Es gab Fisch, dann noch mehr Fisch und schließlich wieder Fisch. Mia betrachtete die Karte und seufzte. Für ein Stück Pizza hätte sie gerade getötet. Ob sie später heimlich den Zimmerservice bestellen konnte? Oder vielleicht morgen in die Stadt entwischen, um sich etwas Street Food zu holen?

Aber wohl eher nicht. Dafür gab es zu viel zu tun.

Sie ließ die Hand über die Blüten gleiten und atmete den süßen Duft von Bougainvillea und Jasmin ein. Zumindest gab es heute Abend auch ein paar schöne Dinge. Eine sanfte Meeresbrise strich über ihre Nackenhaare und ließ ihre Haut kribbeln. Fast als würde sie jemand beobachten. Sie ließ den Blick über die Gäste schweifen, aber alle unterhielten sich, während die Kellner sich gekonnt durch die Menge schlängelten und Champagner und Häppchen verteilten.

Mia musterte die Menschen um sich herum; bestimmt war jemand dabei, mit dem sie laut ihrem Vater sprechen sollte. Doch jedes Mal, wenn Mia sich umschaute, war Eliza die Einzige, die Blickkontakt mit ihr aufnahm. Oder eher ihren Blick festhielt. Zwischen ihnen knisterte eine Spannung, die noch von ihrer Begegnung in der Bibliothek herrührte. Mia machte einen Schritt auf Eliza zu, weil sie dieser Spannung, die sie einfach nicht abschütteln konnte, auf den Grund gehen wollte.

„Na, wenn das nicht Mia Knowles ist.“ Chads strähniges braunes Haar hatte sich seit ihrer Highschool-Zeit zu einer stylishen Föhnwelle mit Seitenscheitel gemausert, aber diese Stimme hätte Mia überall erkannt. Er versperrte ihr den Weg und grinste sie von oben herab an. Chad hatte ihr die Zeit an der Greenwood Prep… nun ja, nicht gerade zur Hölle gemacht, aber doch sehr unangenehm. Und natürlich stand seine Familie auf der Liste ihres Vaters. „Es überrascht mich nicht, dich hier zu sehen, du klebst ja immer an Cate wie ein siamesischer Zwilling.“ 

Mia atmete unbemerkt tief durch. „Chad, es ist mir wie immer eine Freude.“

Sie lächelte und bemühte sich, das Selbstbewusstsein und Charisma auszustrahlen, das ihre Eltern von ihr erwarteten. Deshalb war sie hier. Um für den Namen Knowles zu werben.

Sein ebenso geübtes Lächeln ließ sein linkes Grübchen hervortreten. „Und was hast du so getrieben? Es ist noch nicht zu spät, um mit mir Jura zu studieren.“

„Ich habe tatsächlich gerade meinen Abschluss gemacht. Öffentliche Verwaltung und Betriebswirtschaft.“

Mia dachte an die vielen Stunden, die sie in den letzten zwei Jahren in ihr Studium gesteckt hatte. Das Studium, das ihre Mutter als Zeitverschwendung bezeichnet hatte. Sie hatte so viel gelernt und hatte nun konkrete Ideen, wie sie das soziale Engagement ihrer Familie vorantreiben konnte. Es gab so viele Möglichkeiten, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Sie musste nur einen Weg finden, ihrem Vater ihre Ideen zu vermitteln.

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