Heißer Flirt unter Palmen

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"Ein Mann ist im Moment das Letzte, was ich möchte!" Gerade erst hat Shayna ihren betrügerischen Ex abserviert, als sie auf Jamaika den sexy Geschäftsmann Donovan trifft. Aber während sie nur einen unverbindlichen Flirt unter Palmen im Sinn hat, will er schnell mehr …


  • Erscheinungstag 22.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547888
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Leseprobe

Kayla Perrin

Heißer Flirt unter Palmen

1. KAPITEL

Shayna Kenyon hielt sich nicht für einen rachsüchtigen Menschen. Es war nicht ihr Ding, Vergeltung zu üben. Schon oft hatte sie sogar die andere Wange hingehalten, wenn jemand schlecht zu ihr gewesen war. Nachtragend war sie wirklich nicht.

Doch letzte Nacht … Als sie sich in Erinnerung rief, was sie gestern gesehen hatte, krampfte sich ihr der Magen zusammen. Sie konnte Vince’ Vertrauensbruch nicht einfach so wegstecken.

Besonders nicht am heutigen Tag.

Dass Vince sie betrogen hatte, konnte sie nicht verkraften. Sein Timing hätte zudem nicht schlechter sein können.

Shayna atmete tief durch. Auch wenn es ihr schwerfiel, musste sie die Tränen zurückhalten. Sie musste tun, was zu tun war. Es gab keine andere Möglichkeit.

„Mein Schatz, ist schon in Ordnung“, beruhigte ihr Vater sie und hielt sie ein wenig fester. „Du musst nicht weinen. Heute wirst du einen Mann heiraten, der dich vergöttert. Außerdem siehst du umwerfend aus. Du bist meine Tochter – aber trotzdem muss ich sagen, dass du die schönste Braut bist, die ich jemals gesehen habe. Das darf deine Mutter natürlich nicht wissen“, fügte er lächelnd hinzu. „Das ist dein großer Tag. Genieß ihn.“

Ihn genießen? dachte Shayna verbittert. Seit gestern Nacht konnte sie nichts mehr genießen. Ihre Augenringe waren ein Beweis dafür. Sie hatte ihren Eltern erzählt, dass sie zu aufgeregt zum Schlafen gewesen war. Doch in Wahrheit war sie zu erschüttert gewesen, um ein Auge zumachen zu können. Die ganze Nacht hatte sie geweint und sich gefragt, was sie tun sollte.

Sie hatte eine Entscheidung getroffen. Ihre Schwester hatte sie darin bestärkt. Nur auf diese Weise war es ihr überhaupt möglich, vor den Altar zu treten. Am Ende würde sie nämlich wenigstens so etwas wie Befriedigung spüren. Es war der einzige Grund, weshalb sie sich das aufwendige Kleid angezogen und Stunden im Schönheitssalon verbracht hatte. Sie freute sich schon auf Vince’ Miene, wenn sie ihm und allen Gästen erzählte, was sie wusste.

Die letzte von Shaynas fünf Brautjungfern nahm ihren Platz am Altar ein. Wenige Sekunden später begann eine Sängerin, die Shayna und Vince engagiert hatten, „Here I Am“ von Beyoncé und Eric Benét zu singen. Sie hatten sich für etwas Modernes entschieden und nicht für die übliche traditionelle Orgelmusik.

Shayna schluckte. Tränen flossen ihr die Wangen herunter. Sie wollte das nicht, konnte aber nichts dagegen tun. Ihr Vater reichte ihr ein Taschentuch, mit dem sie sich die Wangen trocknete.

„Komm schon, mein Schatz“, meinte er. „Alle warten.“

Einen Moment lang zögerte sie. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob sie das Richtige tat. Aber selbst ihre jüngere Schwester Brianne hatte sie dazu ermutigt. Ihrer Meinung nach hatte Vince weitaus Schlimmeres verdient als eine öffentliche Bloßstellung.

Die Sängerin sang die gefühlvolle Ballade weiter, und Shayna wusste, dass sie endlich losgehen sollte. Sie konnte durch die Kirchenfenster erkennen, dass alle standen und auf ihren letzten Gang als unverheiratete Frau warteten.

Die Türen öffneten sich. Shayna setzte einen Fuß vor den anderen. Sie war nervös und am Boden zerstört. Trotzdem rang sie sich ein Lächeln ab. Allerdings wusste sie nicht, ob es ehrlich wirkte.

Um sie herum lächelten sie alle an. Manche weinten. Eigentlich war es ein schönes Ereignis. Zweiunddreißig Jahre lang hatte sie auf diesen Tag gewartet. Ihre Familie war begeistert, dass sie endlich ihren Mann fürs Leben gefunden hatte.

Shayna wusste, dass er es nicht war. Und bald würden alle dieses Wissen mit ihr teilen.

Auf dem Weg zum Altar traute sie sich nicht, zu Vince zu blicken. Sie hatte Angst zusammenzubrechen. Doch als sie sich ihm näherte, sah sie ihn an. Sie war angewidert von ihm. Und dann weinte er auch noch.

Aus Freude oder aus Scham?

Bald würde er sich jedenfalls gewaltig schämen.

Kurz vor dem Altar blieb ihr Vater stehen und sah sie mit Tränen in den Augen an. „Ich liebe dich, mein Schatz.“

„Ich liebe dich auch“, flüsterte Shayna.

Sie hoffte, dass ihr Vater ihr nicht übelnehmen würde, was sie vorhatte. Ganz sicher würde er aber wütend auf Vince sein – den Sohn, den er nie gehabt hatte.

Wie hatte Vince das nur tun können? Seufzend stieg sie die zwei Stufen zum Altar hinauf und stellte sich neben ihren Verlobten.

Die Sängerin beendete das Lied. Vince ergriff Shaynas Hand und sah sie mit leuchtenden Augen an. „Baby, du siehst atemberaubend aus.“

Am liebsten wollte sie die Hand wegreißen. Wut erfüllte sie.

„Liebe Brüder und Schwestern“, begann der Priester. „Wir haben uns heute hier versammelt …“

„Entschuldigen Sie“, unterbrach Shayna ihn mit zittriger Stimme. Eigentlich hatte sie noch etwas warten wollen, aber sie hielt es keinen Moment länger aus. Es machte sie wütend, wie Vince neben ihr den glücklichen Verlobten spielte. „I…ich habe etwas zu sagen.“

Der Priester wirkte verwirrt. Und Vince ebenfalls.

Doch als keiner etwas sagte, wandte sich Shayna an ihren ach so gerührten Verlobten und fuhr fort: „Eigentlich muss ich dich etwas fragen, mein Schatz.“ Die letzten beiden Worte betonte sie reichlich übertrieben.

Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre aus der Kirche gerannt. Das wäre leichter gewesen, als Vince mit der Wahrheit zu konfrontieren. Aber sie hatte eine Entscheidung getroffen. Und auch wenn ihr Vorhaben nicht einfach war, würde sie keinen Rückzieher machen.

„Liebst du mich, Vince?“, fragte sie ihn. „So sehr, dass du denkst, dass es die richtige Entscheidung ist, mich zu heiraten?“

Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge. Einige nahmen vielleicht an, dass etwas nicht stimmte.

„Natürlich“, erwiderte Vince und drückte ihre Hand fester. Er lächelte und dachte wahrscheinlich, dass seine Verlobte in letzter Minute Zweifel bekam. „Du weißt doch, dass ich dich mehr liebe als alles andere, Baby. Du bist diejenige, mit der ich alt werden möchte. Mit der ich Kinder haben und den Rest meines Lebens verbringen möchte.“

Wieder ein Raunen. Manche klatschten sogar. Vince hatte die perfekte Antwort geliefert.

„Kann ich fortfahren?“, fragte der Priester warm lächelnd. Auch er schien anzunehmen, dass die Braut nur etwas verunsichert war.

Shayna wandte sich an den Priester. Sekunden verstrichen. „Ich habe eine weitere Frage.“

Schweigen breitete sich in der Kirche aus. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Shayna schluckte und räusperte sich. Ihr war klar, dass alle darauf warteten, was sie zu sagen hatte.

Sie hob die Schultern, drehte sich zu Vince um und meinte: „Du liebst mich.“

„Natürlich“, antwortete ihr Verlobter, ohne zu zögern.

„So sehr, dass du nach deinem Junggesellenabschied in deinem Auto gelandet bist … mit einer Stripperin!“

Einige in der Menge schnappten erschrocken nach Luft.

„Baby“, meinte Vince und versuchte zu lachen. Doch sein Lachen wirkte mehr als aufgesetzt. „E…eine Stripperin? W…was?“

Shayna riss ihre Hand aus seiner. „Wage es nicht, mich zu belügen! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Dein Wagen stand direkt vor dem Raum, den du für den Junggesellenabschied gemietet hast, du Idiot! Ich habe beobachtet, wie du mit ihr das Gebäude verlassen hast und zu deinem Auto gegangen bist. Und ich habe gesehen, was danach passiert ist.“

Vince schwieg. Doch die Panik war ihm anzusehen. Er schien nicht glauben zu können, dass Shayna ihn tatsächlich erwischt hatte.

Sie blickte nach links zu ihrer Schwester, die auch ihre Trauzeugin war. Brianne nickte ihr ermutigend zu.

„Und wenn das deine Definition von Liebe ist“, fuhr Shayna fort, „verzichte ich dankend auf diese Hochzeit.“

Mit offenem Mund starrte Vince sie an. Plötzlich war ein Stimmengewirr in der Kirche zu hören. Die Brautjungfern und Trauzeugen starrten alle erstaunt Shayna an. Sie würde ihre Fragen irgendwann beantworten – nur nicht jetzt.

Voller Adrenalin griff Shayna nach der seidenen Schleppe ihres Kleids und drehte sich schwungvoll um. Anschließend rannte sie den Weg zurück, den sie eben gekommen war. Ihr war klar, dass alle Augen auf sie gerichtet waren.

Sie wusste, sie würde später weinen. Als sie allerdings zu den mächtigen Holztüren der Kirche eilte, lächelte sie.

Vince Danbury mochte gestern Nacht jede Menge Spaß gehabt haben, doch sie war es, die als Letzte lachte.

„Du willst trotzdem auf Hochzeitsreise gehen?“, fragte Brianne später am Nachmittag ihre Schwester. Ihrer Miene nach glaubte sie, dass Shayna verrückt geworden war.

„Ich gehe nicht auf Hochzeitsreise“, stellte Shayna klar und fuhr sich mit den Fingern durch ihr schulterlanges Haar. Sie versuchte die Frisur zu lösen, die die Friseurin ihr für die Hochzeit gemacht hatte. „Eine Hochzeitsreise wird von zwei Menschen unternommen, die gerade geheiratet haben.“

„Du weißt, wie ich das gemeint habe. Du willst die Reise nach Jamaika antreten, die als deine Hochzeitsreise geplant war?“

„Eine Woche in Jamaika? Wer würde da Nein sagen?“

Brianne stemmte die Hände in die Hüften und starrte ihre Schwester an, die auf der Bettkannte saß. „Du meinst es wirklich ernst.“

Shayna antwortete nicht. Stattdessen musterte sie ihre Schwester. In ihrem schwarzen Haar steckte immer noch die weiße Orchidee, die perfekt zu dem hellgelben Brautjungfernkleid passte. „Tust du mir einen Gefallen, Schwesterherz? Bitte zieh dieses Kleid aus, ja?“ Als Shayna in ihrem Elternhaus angekommen war, hatte sie als Erstes ihr Hochzeitskleid ausgezogen und sich Shorts und ein T-Shirt von ihrer Schwester geliehen. „Ich möchte nichts sehen, das mich an Vince erinnert.“

„Oh!“ Brianne strich mit den Händen über das Kleid. „Natürlich.“ Sie tastete nach dem Reißverschluss auf dem Rücken und öffnete ihn. Dann ging sie zum Kleiderschrank, streifte das Kleid ab und zog sich ein rotes Sommerkleid an. Schließlich drehte sie sich zu Shayna um. „Besser?“

Ihre Schwester nickte. „Ja. Nur die Blume stört noch.“

Sofort zog Brianne diese aus ihrem Haar und warf sie in den Kleiderschrank. „Nun, zurück zu deiner Reise …“

„Ja, ich trete sie an.“

„Aber du trauerst doch. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um alleine zu verreisen.“

„Warum denn nicht?“

„Weil du nicht einmal alleine ins Kino gehst. Eine Reise ohne Begleitung wirst du nicht genießen.“

„Doch, das werde ich.“

Zweifelnd sah Brianne sie an. Wahrscheinlich dachte sie, dass Shayna bluffte.

„Ich bin ein großes Mädchen“, sagte Shayna. „Ich schaffe das schon.“

„Ich weiß, aber …“

„Aber was? Glaubst du, ich stelle etwas Verrücktes an?“

„Vielleicht“, erwiderte Brianne mit zitternder Stimme. „Womöglich heiratest du den ersten Mann, der dir über den Weg läuft.“

Shayna lachte laut.

„Ich meine das ernst“, erwiderte ihre Schwester. „Vergiss nicht, dass genau das der Schwester meiner Freundin Gloria passiert ist.“

Finster blickte Shayna ihre Schwester an. „Das war in Las Vegas. Außerdem war sie betrunken und wollte sich mit dem Typen über ihren Ex hinwegtrösten.“

„Eben! Dir könnte das auch passieren.“

„Mir? So schnell?“ Shayna zwang sich zu einem Lächeln. „In diesem Moment sollte ich im Park sein und perfekte Hochzeitsfotos mit dem teuren Fotografen machen, den Daddy engagiert hat. Stattdessen …“ Ihre Stimme brach. Wenn sie weiter redete, würde sie weinen. Als sie sich gefasst hatte, fuhr sie fort: „Ein Mann ist im Moment das Letzte, was ich möchte.“

Brianne setzte sich zu ihr aufs Bett. „Tut mir leid, Shay. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich nicht vorgeschlagen hätte, zu Vince’ Junggesellenabschied zu fahren, um zu sehen, was die Jungs treiben.“

„Wenn wir es nicht getan hätten, wäre ich jetzt verheiratet und würde nicht wissen, dass mein Mann ein elender Schuft ist, der mich betrügt.“ Die Wut half Shayna, die Tränen zurückzuhalten. „Nein, ich bin froh, dass du diese Idee hattest. Alles passiert aus einem bestimmten Grund. Ich wurde vor einer Ehe mit einem Lügner und Betrüger bewahrt.“ Shayna war froh, dass sie so rational mit dieser Situation umgehen konnte. „Ich möchte keinen Mann heiraten, nur um verheiratet zu sein. Ich will einen Mann, der mich so sehr liebt und verehrt, dass er nicht in betrunkenem Zustand gleich mit einer Stripperin schläft. Selbst wenn er besoffen ist, soll er wissen, dass die Frau an seiner Seite durch keine zu ersetzen ist.“

Brianne schüttelte den Kopf. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass Vince das getan hat. Wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten, würde ich es nicht glauben.“

„Ich auch nicht“, erwiderte Shayna sanft. „Noch dazu in der Nacht vor der Hochzeit! Deshalb muss ich hier weg. Ich kann nicht hier sein und all die Orte sehen, zu denen wir gerne gegangen sind. Ich möchte auch mit niemandem telefonieren. Im Moment kann ich mich noch beherrschen, aber ich weiß, dass ich irgendwann zusammenbreche.“

„Aus diesem Grund solltest du bei deiner Familie sein. Bei Menschen, die dich lieben.“

Shayna lächelte. Sie war froh, dass sie eine Schwester hatte, die sich so sehr um sie kümmerte. Wenn es Brianne schlecht ging, tat sie das Gleiche für sie. Sie trennten zwar achtzehn Monate, aber sie standen sich nahe wie Zwillinge. Bisher hatten sie in jeder Lebenslage zueinandergehalten und sich umeinander gekümmert.

„Ich bin dir sehr dankbar, dass du dich um mich sorgst“, meinte Shayna sanft lächelnd. „Aber ich brauche etwas Zeit für mich. Zeit zum Nachdenken und Nichtstun. Ich möchte einfach am Strand sitzen und all die Bücher lesen, für die ich nie Zeit hatte. Ich muss wirklich weg von hier.“

„Bist du dir sicher?“

„Ja.“ Shayna wusste, dass sie versuchte, selbstbewusster zu wirken, als sie wirklich war. „Das Ganze ist zwar eine Katastrophe, aber es wird mich nicht umbringen. Außerdem ist die Reise bereits gebucht. Vince wird sie bestimmt nicht antreten. Ich werde mich ein wenig daran erfreuen, dass er diese Traumreise bezahlt hat, selbst aber nicht daran teilnimmt.“

„Das geschieht dem Idioten recht.“

Shayna umarmte ihre Schwester lange und stand schließlich auf. „Ich würde gerne weiter mit dir reden. Aber ich muss nach Hause und packen.“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Shayna hatte bereits alles gepackt und der Flug ging erst morgen Nachmittag. Doch sie wollte jetzt lieber alleine sein.

„Außerdem …“, fügte Shayna hinzu, „wird der Fahrer der Limousine nicht den ganzen Tag auf mich warten.“ Dieser hatte sie zur Kirche und schließlich zum Haus ihrer Eltern gefahren. Auch er war bereits bezahlt.

„Lass mich dich wenigstens zur Tür bringen“, meinte Brianne traurig.

Sie verließen Briannes Zimmer und gingen nach unten. Shayna hatte bereits mit ihren und Vince’ Eltern über die geplatzte Hochzeit gesprochen. Daraufhin waren die vier losgezogen, um Vince zur Rede zu stellen. Doch Shayna interessierte nicht, was sie mit ihm beredeten. Sie würde ihm sowieso nicht vergeben. Und auf gar keinen Fall würde sie einem zweiten Hochzeitstermin zustimmen.

Als Shayna im Flur vor der Haustür stand, umarmte sie ihre Schwester noch einmal. „Ich kann nicht fassen, dass Vince mir das angetan hat.“ Sie versuchte, sich zu beherrschen und nicht zu weinen. „Wie konnte er bloß alles zerstören?“

„Niemand hätte das von ihm gedacht.“

„Wenn er anruft, sag ihm, dass ich mich an einem geheimen Ort aufhalte. Ich habe ihm nichts mehr zu sagen. Das ist ein weiterer Grund, der für eine Reise nach Jamaika spricht. So kann Vince mich nicht anbetteln, dass ich zu ihm zurückkomme. Ich möchte so weit weg von Buffalo wie nur möglich.“

„Ich kann es dir nicht ausreden?“

„Bitte mach dir keine Sorgen um mich. Ich werde in einem Fünf-Sterne-Hotel übernachten. Dort kann mir nichts zustoßen. Wenn du möchtest, können wir jeden Tag telefonieren.“

„In Ordnung. Du bist ein großes Mädchen. Wenn du alleine verreisen möchtest, werde ich dich nicht davon abhalten.“

„Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch, Schwesterherz.“

Ein letztes Mal drückte Shayna ihre Schwester ganz fest, bevor sie schließlich die Tür öffnete. Das Blut gefror ihr in den Adern.

Vince stand davor.

Mehrere Sekunden vergingen, bevor jemand etwas sagte. Shayna und Vince starrten einander nur an. Sie war zu schockiert, um etwas zu sagen oder sich zu bewegen.

„Shayna.“ Vince brach schließlich das Schweigen. Seine Stimme war voller Schmerz und vielleicht auch voller Reue.

Shaynas Blick wanderte zu ihren und Vince’ Eltern, die alle vier hinter ihm standen, und wieder zurück zu ihrem Ex. Alle wirkten erschüttert. Kein Wunder. Der Tag hatte so wunderbar begonnen – und solch ein schlimmes Ende gefunden.

Und das war alles allein Vince’ Schuld.

Am liebsten wollte sie ihm erneut die Meinung geigen. Aber um ihre Eltern zu schonen, beherrschte sie sich.

„Shayna, können wir reden?“, fragte er.

Sie schluckte. Ihre Kehle war plötzlich trocken. Trotzdem schaffte sie es zu sagen: „Es gibt nichts zu bereden.“

Mrs Danbury trat einen Schritt nach vorn. Die Augen der Frau waren gerötet. Bestimmt hatte sie geweint. „Shayna, ich weiß, dass du sehr aufgebracht bist. Und du hast jedes Recht dazu. Aber was Vince zu sagen hat … könnte helfen.“

Wahrscheinlich hatte Vince seinen und ihren Eltern irgendwelche Lügen erzählt. Vielleicht hatte er sie auch davon überzeugt, dass er eine zweite Chance verdiente.

„Hör ihm zu“, meinte Shaynas Mutter. „Irgendwann werdet ihr miteinander reden müssen.“

Shayna biss die Zähne zusammen. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, hatte ihre Mutter recht. Irgendwann würde sie wirklich mit Vince reden müssen. Zum Glück hatte sie ihr Apartment nicht aufgegeben. Sie hatten geplant, dass sie nach der Hochzeit in Vince’ Haus zog.

„In Ordnung“, sagte sie. „Wenn du unbedingt reden möchtest, dann bitte.“

Erleichtert atmete Vince durch. Er trug immer noch seinen Smoking – auch wenn das Hemd aufgeknöpft und die Krawatte gelockert war. Ihr gut aussehender Ex-Verlobter wirkte sehr angespannt. „Danke.“

Bedank dich nicht bei mir, dachte Shayna. Was auch immer du sagst – es ist vorbei. Es sei denn, ihm war in dieser Nacht ein Betäubungsmittel untergejubelt worden und er legte ihr den toxikologischen Befund vor, der dies bewies. Doch solche Geschichten gab es nur in schlechten Filmen.

„Lass uns auf der Terrasse reden“, meinte sie nüchtern. „Dort sind wir ungestört.“

Mit erhobenem Kopf ging sie voran. Innerlich war sie allerdings vollkommen aufgewühlt. Sie öffnete die Hintertür, trat auf die Terrasse und nahm an dem kleinen Tisch Platz. Vince setzte sich neben sie.

„Ich weiß nicht, was du noch sagen willst“, begann Shayna. „Nichts kann dein Verhalten entschuldigen.“

„Tut mir leid, Baby. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlecht ich mich fühle.“

„Bestimmt nicht schlechter als ich.“

„Ich habe einen großen Fehler begangen. Einen wirklich dummen Fehler. Ich flehe dich an: Bitte vergib mir. Vergib mir und ich werde den Rest meines Lebens beweisen, dass ich dich verdiene.“

Es fiel Shayna schwer, Vince so nahe zu sein. Doch letztendlich war es besser, wenn sie das hier hinter sich brachten und jeder mit seinem Leben fortfuhr.

„In deinem Haus stehen Kartons von mir“, sagte sie. „Kannst du sie mir schicken? Das wird am einfachsten sein.“

Vince wirkte niedergeschlagen. Sie war nicht auf das eingegangen, was er gesagt hatte. „Baby …“

„Bitte nenn mich nicht mehr so. Dazu hast du kein Recht mehr.“

„Ich war betrunken, Shayna. Glaubst du wirklich, ich hätte diese Frau angerührt, wenn ich nüchtern gewesen wäre?“

„Das ist deine Entschuldigung?“

„Ich weiß, sie ist wenig überzeugend. Aber das ist die Wahrheit.“

„Ich muss also jedes Mal, wenn du in der Zukunft betrunken bist, damit rechnen, dass du fremdgehst?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Und was ist mit all den Patientinnen, die dich in deiner Praxis angemacht haben? Oder ist da schon etwas vorgefallen, von dem ich nichts weiß?“

„Hör auf, Shayna! Du weißt, dass da nichts war.“

„Wirklich? Bis gestern habe ich nicht gedacht, dass du zu so etwas fähig bist.“ Sie wich seinem Blick aus, da es sie zu sehr verletzte, ihm in die Augen zu sehen. Aber auch der wunderschöne Garten, den ihre Mutter so sehr hegte und pflegte, beruhigte sie in diesem Moment wenig.

Sie zuckte zusammen, als sie Vince’ warme Hand auf ihrer spürte. Seine sanfte Berührung hätte sie beinahe in Tränen ausbrechen lassen. Er hatte alles zerstört. Ihre gesamten Träume.

„Baby.“ Vince seufzte matt. „Ich weiß, dass du wahrscheinlich nicht glauben wirst, was ich als Nächstes sage. Aber es die Wahrheit. Bitte sieh mir in die Augen.“

Ein Moment verstrich. Schließlich begegnete Shayna seinem Blick.

„Als ich mit dieser Frau im Auto war …“, begann er. „Ich war so betrunken, dass ich dachte …“ Er zögerte und schluckte. Sein Blick war aufrichtig. Normalerweise bekam er sie damit immer weich. Dann ließ er die Bombe platzen: „Ich war so betrunken, dass ich dachte, du wärst das …“

Fassungslos starrte Shayna ihn an. Mit dieser Lüge beleidigte er ihre Intelligenz. In seinen Augen versuchte sie zu lesen, wie ernst er das meinte.

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