Romana Extra Band 178

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FESTLICHER ZAUBER FÜR ZWEI HERZEN von S.A. HEWITT

Spontan ein exklusives Weihnachtsdinner in einem Herrenhaus im verschneiten Kent organisieren? Kein Problem für Eventmanagerin Millie! Wäre da nicht der arrogante Hausherr mit den himmelblauen Augen, der sie nicht nur bei jedem Schritt überwacht, sondern auch magisch anzieht …

IM CHALET DES MILLIARDÄRS von CATHY WILLIAMS

Strahlende Sonne – klirrende Kälte! Als Zimmermädchen Georgie ihre Unterkunft im Wintersportort Whistler verliert, sucht sie vorübergehend Zuflucht in einem Chalet, um das sie sich kümmert. Doch dessen Besitzer, der sexy Milliardär Alessandro Barbieri, taucht unerwartet auf …

MIT DIR IM WINTERWUNDERLAND von LUANA DAROSA

Bei einem Job im arktischen Spitzbergen lernt Ärztin Larissa ihren attraktiven Kollegen Erik Fjell kennen. Verzaubert betrachtet sie mit ihm die Polarlichter am Nachthimmel und lässt sich zu heißen Küssen verführen. Ein Fehler? Am nächsten Tag zeigt Erik ihr die kalte Schulter …


  • Erscheinungstag 24.10.2026
  • Bandnummer 178
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539357
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

S.A. Hewitt, Cathy Williams, Luana DaRosa

ROMANA EXTRA BAND 178

S.A. Hewitt

1. KAPITEL

12. Dezember

Selbst ist die Frau!

So lautete Millies derzeitiges Mantra.

Kurz vor Weihnachten wieder Single zu sein und nach einer neuen Wohnung suchen zu müssen, fühlte sich trotzdem an, als wäre sie von Santa Claus auf die Unartig-Liste gesetzt worden.

Natürlich gab es weder für Trennungen noch Umzüge den richtigen Zeitpunkt, und genau genommen hatte Millie sich selbst auf die Unartig-Liste gesetzt. Schließlich war sie es gewesen, die sich nach sechs Jahren von ihrem Freund getrennt hatte, und das aus heiterem Himmel. Zumindest sah ihr Ex das so. Was ohne Frage der Grund für seine Ich-will-dich-aus-der-Wohnung-haben-Reaktion war.

Nicht unbedingt ein reifes Verhalten für einen Mann in den Dreißigern, der sich – wie die meisten seiner Landsleute – für einen britischen Gentleman hielt. Aber womöglich stand den Verlassenen dieses Privileg zu. Millie konnte es nicht sagen, dies war ihre erste Trennung.

Dass sich das Chaos eines endenden Lebensabschnitts inmitten festlich geschmückter Straßen, Geschäfte und Wohnhäuser noch überwältigender anfühlte, konnte sie hingegen nicht leugnen. Immerhin galt Weihnachten als Fest der Liebe. Statt über den Adventsmarkt zu bummeln oder sich nach Geschenken für ihre Lieben umzusehen, musste sie in das vorwurfsvolle Gesicht ihres Ex-Freundes schauen und Wohnungsannoncen durchforsten, weil er ihr ein Auszugsultimatum bis Jahresende gestellt hatte.

Und das in London kurz vor Weihnachten. Mit einem Bankkonto, das wie ein geplünderter Strumpf aussah und jedes Kind zum Weinen bringen würde. Ho, ho, ho!

Millie seufzte und zog die flauschige Wolldecke bis zum Kinn hoch. Eben im Bad hatte sie einen Blick in den Spiegel geworfen und gesehen, dass auf ihren Wangen und Lippen auch ohne Schminke ein lebendiges Rot prangte. Unter ihren Augen hingegen lag ein bläulicher Schatten, den sie mehreren schlaflosen Nächten verdankte, in denen sich ihre Gedanken allesamt um die Zukunft gedreht hatten.

Wie ging es von diesem Punkt in ihrem Leben weiter? Würde es ihr gelingen, ein stabiles Einkommen aufzubauen? Konnte sie dauerhaft eine Wohnung in London finanzieren, oder sollte sie aufs Land ziehen, obwohl die Klientel ihrer Eventagentur die Hauptstadt vorzog?

Oder, diese Frage drängte sich ihr ebenfalls auf, sollte sie zu ihrer Familie nach Amerika zurückkehren?

Nach all der Zeit war England zwar nicht ihre Heimat, aber ein lieb gewonnenes, vertrautes Zuhause geworden. Sie hatte Freunde hier, Lieblingspubs und Lieblingsmodegeschäfte. Und sie liebte die Tower Bridge und das London Eye!

Nein, so schnell würde sie nicht hinwerfen. Sie musste sich und ihr Leben lediglich neu sortieren, das war alles. Dabei half nichts besser als ein Date mit ihrer Lieblingsfernsehserie, die auch nach der x-ten Wiederholung nicht langweilig wurde.

Dass derweil draußen die Welt unterzugehen schien, merkte sie erst, als das Klackern der Wohnungstür sie hochschrecken ließ. Der Dezembertag war schneller verflogen, als sie mitbekommen hatte. Vor dem Fenster dämmerte es bereits, die hellsten Lichtquellen im Zimmer waren der Fernseher und die goldene Lichterkette, die Sasha, ihre Freundin und Mieterin dieser Wohnung, aufgehängt hatte. Völlig vertieft in die fiktionale Welt auf dem Bildschirm, hatte sie alles um sich herum vergessen.

„Ich war kurz davor, die Polizei zu rufen“, hob sich Sashas Stimme über die Tonspur des Fernsehers hinweg, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war. Der Weg vom Eingang bis zur offenen Wohnküche umfasste allerdings auch nur wenige Schritte.

„Als ob“, konterte Millie neckisch. „Schließlich hast du mir den Wohnungsschlüssel aus freien Stücken gegeben.“

„Ich hatte nicht so früh mit dir gerechnet“, erklärte Sasha, zog sich die Schuhe von den Füßen und fiel neben ihr aufs Sofa.

„Oliver hat einige Dinge von zu Hause aus zu erledigen. Ich dachte mir, ich lasse ihm etwas Freiraum und arbeite von hier aus. Auch wenn mir die Wohnung bis Ende des Jahres genauso zustünde wie ihm.“

Ihr E-Mail-Postfach im Zehn-Sekunden-Takt zu aktualisieren und ihm Beschwörungen zuzuraunen, in der Hoffnung, so ginge ein Auftrag für die Ausrichtung einer Teegesellschaft, einer Modenschau oder einer Gala ein, hatte dummerweise nichts gebracht. Die Kaltakquise bei bekannten Londoner Vereinen war ebenso erfolglos geblieben.

Sasha schnalzte ungehalten mit der Zunge. „Du trennst dich, nimmst aber nach wie vor Rücksicht auf seine Gefühle? Daran müssen wir dringend arbeiten! Du hast schon genug Selbstvertrauen an diesen Typen verschwendet.“

„Womöglich wollte ich ja mir Raum geben und mir seine missmutige Miene ersparen“, gestand Millie.

„Das klingt schon besser.“

Sasha setzte sich zu ihr auf die Couch und nahm sich einen der mit Erdnuss gefüllten Reese’s Cups aus der XXL-Packung, die Millie bereits zur Hälfte geplündert hatte.

„Um ehrlich zu sein, trauere ich deiner Wohnung mehr hinterher als deinem Ex.“

„Ich auch“, entgegnete Millie grinsend. Weh tat es trotzdem. Sechs gemeinsame Jahre waren keine Kleinigkeit, aber man konnte eine Beziehung nicht nur aus Nostalgie fortführen, auch wenn es schöne Zeiten gegeben hatte. „Was mir mehr Sorgen bereitet, ist die Frage, wo ich Anfang des neuen Jahres unterkomme. Und wovon ich meine Rechnungen bezahlen soll.“

„Immer noch kein Auftrag in Sicht?“

Millie schüttelte frustriert den Kopf. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, ein Kleinflugzeug mit Werbebanner über London fliegen zu lassen. Aber vermutlich könnte ich das Geld genauso gut zum Fenster rauswerfen. Plan B wäre, mich auf einer der Londoner Charity-Galas sehen zu lassen und die Werbetrommel für meine Eventagentur auf altmodische Weise zu rühren.“ Was ihr jedoch wenig verlockend erschien, wenn sie ehrlich war.

Wahrscheinlich wäre es förderlich, ihre Haltung diesbezüglich anzupassen, denn immerhin könnte sie so versuchen, die Gäste jener Veranstaltungen auf ihre Firma aufmerksam zu machen.

Unglücklicherweise vertraute die britische Gesellschaft die Organisation ihrer Veranstaltungen bevorzugt britischen Agenturen an, wodurch sie im Nachteil war. Sie war jedoch entschlossen zu beweisen, dass nicht Herkunft, sondern Engagement und Kreativität zählten.

„Pech in der Liebe, Glück im Spiel“, sagte Sasha in verheißungsvollem Tonfall. „So wie ich das sehe“, sie griff sich an die Schläfe und kniff die Augen zusammen, als würde sie einer inneren Vision folgen, „liegt eine segens- und ertragsreiche Zeit in deinem Business vor dir. Wart’s nur ab, bis Ende des Jahres wendet sich dein Blatt!“

„Pech im Spiel, Glück in der Liebe“, korrigierte Millie, woraufhin Sasha mit der Hand wedelte, als wolle sie ihre Belehrung in der Luft zerschlagen.

„Jacke wie Hose! Wenn du meinen Worten nicht glaubst, mache ich einen Termin bei meiner Wahrsagerin für dich aus. Ein Besuch bei ihr hätte dir möglicherweise einiges an Leid und Zeit erspart.“

„Das bezweifle ich“, widersprach Millie. „Menschen erkennen Dinge erst dann, wenn sie dazu bereit sind. Bei mir hat es einfach länger gedauert.“

Sasha lehnte den Kopf an die Lehne und schob ihre Füße mit unter die Decke. Sogar durch ihre bunten Overknee-Strümpfe spürte Millie, dass die kalt wie Eisklumpen waren, weshalb sie reflexartig zusammenzuckte. Von der winterlichen Kälte draußen war der Heizung sei Dank nicht viel zu spüren.

„Du weißt, dass du hier einziehen kannst, bis du etwas Eigenes gefunden hast. Und zwar praktisch umsonst. Du musst dir nur die Lästereien über meine Arbeitskollegen anhören.“

Millie wusste das Angebot ihrer Freundin zu schätzen, spürte aber, dass sie endlich lernen musste, auf eigenen Beinen zu stehen. Und dazu gehörten nun mal eine eigene Wohnung und finanzielle Sicherheit. Für beides musste ihre Agentur Aufträge und dauerhafte Einnahmen generieren. Ohne den finanziellen Rückhalt ihres Ex-Freundes besser heute als morgen.

„Danke dir, Süße. Aber mit einunddreißig sollte ich vermutlich im eigenen Bett und nicht mehr auf der Couch einer Freundin schlafen.“

„Nichts gegen mein Sofa!“, konterte Sasha gespielt entrüstet, konzentrierte sich aber bereits wieder auf den Fernseher, was Millie grinsen ließ.

Egal, wie unbeständig sich ihr Leben aktuell anfühlen mochte, sie war nach wie vor stolz auf sich und ihre Entscheidung. Verdammt stolz sogar! Sie hatte einen Schlussstrich gezogen, um für sich selbst einzustehen – und um endlich diese vermaledeiten Bauchschmerzen loszuwerden, die sie geplagt hatten, wann immer sie über ihre Beziehung mit Oliver nachgedacht hatte.

Wenn überhaupt, bereute sie, diesen Schritt so lange aufgeschoben zu haben. Zu lange hatte sie sich eingeredet, Olivers ständige Kritik sei gut gemeint, wohingegen sie in Wahrheit ein Ausdruck von Herabsetzung war – obwohl er, als sie während des Studiums zusammengekommen waren, genau die Dinge, die er nun kritisierte, an ihr gemocht hatte.

Aber damit war Schluss. Es gab nicht nur für Lebensmittel ein Haltbarkeitsdatum, sondern auch für Beziehungen. Olivers und ihres hatte sie deutlich überzogen, das war ihr nun klar.

Ihr Handy pingte. Anhand des Tons erkannte Millie, dass sie eine E-Mail erhalten hatte. Sie griff nach dem Smartphone und öffnete die Nachricht, die auf ihrem Businessaccount eingegangen war.

Noch während sie las, richtete sie sich auf und öffnete den Mund in einer Mischung aus Unglauben und Aufregung. Als sie den Text zum zweiten Mal gelesen hatte, bedachte sie ihre in die Serie vertiefte Freundin mit einem ehrfürchtigen Blick. „Wieso bitte suchst du eine Wahrsagerin auf?“

Die Stirn gerunzelt, sah Sasha zu ihr, ehe sie auf das Smartphone spähte. „Wer hat dir geschrieben?“

„Deine Vision.“

Die Erkenntnis breitete sich gemächlich auf Sashas Gesicht aus, bis sie ihr förmlich aus den blauen Augen quoll. „Du hast einen Auftrag?“

Millie nickte, ein heißes und zugleich kaltes Prickeln auf der Haut. „Noch für dieses Jahr!“

Sasha sprang aufgeregt auf. „Worauf wartest du noch? Sag zu!“

Von Amerika nach England gekommen war Millie wegen ihres Studiums. In der britischen Hauptstadt geblieben war sie der Liebe wegen. Nun galt es zu beweisen, dass sie auch beruflich stabile Wurzeln schlagen konnte.

Als die Vorstandssitzung für beendet erklärt wurde und das kollektive Schaben von Stuhlbeinen zu hören war, atmete Gregory O’Neill innerlich auf. Den Kopf erfüllt von Zahlen und Paragrafen, verfolgte er, wie die Vorstandsmitglieder ihre Unterlagen zusammenrafften und grüppchenweise nach draußen verschwanden, durch genau jene Tür, die er die ganze Zeit über sehnsuchtsvoll im Auge gehabt hatte.

Der Saal über den Dächern Londons mitsamt seiner ausladenden Fensterfront vermittelte ihm das stete Gefühl, die Zeit würde an diesem Ort langsamer verstreichen. Während der vergangenen fünf Stunden hatte sich ein dumpfes Pochen hinter seiner Schläfe ausgebreitet, das die frische Dezemberluft ihm hoffentlich schnell wieder aus dem Kopf pusten würde. Frischluft stand ohnehin ganz oben auf seiner Agenda, ebenso wie ein flotter Spaziergang durch Londons Straßen und ein Bier im Pub.

Strategische Planung, Investments, Analyse der Geschäftsentwicklung, Risikomanagement, Personalangelegenheiten, aktuelle Themen, Probleme und Herausforderungen, Finanzprognosen, gesetzliche Pflichten, Import und Export, Unternehmenskommunikation- und Präsentation.

Die Sitzung der maßgeblichen Leute, die für ihr Modeimperium, wie sein Vater es gern bezeichnete, arbeiteten, war so zäh gewesen wie eh und je. Gregory war stolz, weil er es bis zum heutigen Tag geschafft hatte, kein einziges Mal während der langwierigen Versammlungen einzunicken.

Die Berichte und Diskussionen hatten auf ihn den gleichen Effekt wie Einschlaflieder, vor allem, da er das Gefühl hatte, alles schon tausendmal gehört zu haben. Seiner Meinung nach war nichts schlimmer als Stagnation. Mit dieser Überzeugung stand er, der Jüngste aller Vorstandsmitglieder, unglücklicherweise allein da.

Den einzigen Beweis, sich nicht an einem sich ewig wiederholenden Meeting zu befinden, bot die minimalistisch gehaltene Deko, die für jede Sitzung frisch arrangiert wurde.

Heute war die u-förmige Tischformation passend zur Weihnachtszeit mit rot-grünen Gestecken dekoriert. So intensiv, wie der Duft der Tannenzweige im Raum hing, kamen die Arrangements frisch vom Floristen. Das würzige Aroma, das er schon in seiner Kindheit geliebt hatte, hatte geholfen, seine Aufmerksamkeit während der Sitzung im Hier und Jetzt zu verankern.

Obwohl er sich innerhalb der Firma vorrangig um Budgetplanung, Handelspartnerauswahl und Vertriebsstrategien für Einzel- und Großhandelsunternehmen kümmerte, war seine Anwesenheit als ein O’Neill bei den Sitzungen stets verlangt.

Zu seiner großen Erleichterung neigte sich das Jahr dem Ende zu, was ihm eine Auszeit von Zusammenkünften dieser Art gewährte. Die nächste würde erst Anfang Januar stattfinden, was ihm aus mehreren Gründen in die Karten spielte. Das gab ihm Zeit, sich mit der Planung seines Start-ups, einer Plattform für nachhaltige Investitionen, zu beschäftigen, ehe er seinen Rückzug aus dem Unternehmen verkündete.

Sein Vorhaben mit Zahlen zu untermauern – die bevorzugte Sprache seiner Familie –, würde seine Absicht hoffentlich deutlich genug machen.

Motiviert von dieser Aussicht leerte er seine Tasse und verzog prompt das Gesicht. Der Tee war kalt und damit ungenießbar für einen Briten. Ein bitteres Aroma auf der Zunge, schob er seine Notizen samt aktuellem Firmenbericht zu seinem iPad in die Aktentasche, erhob sich und schloss den mittleren Knopf seines Jacketts.

Er war fast aus der Tür, als er seinen Namen hörte, innehielt und sich umwandte. Sein Vater und sein eingeheirateter Onkel, beide amtierende Geschäftsführer ihres Luxus-Textilimperiums in dritter Generation, kamen auf ihn zu. Anders als er erweckten sie nicht den Eindruck, als hätten sie für heute bereits genug über Geschäftsbelange gesprochen.

Gregory unterdrückte den Impuls, auf seine Armbanduhr zu blicken oder aus der Tür zu rennen und sie einfach stehen zu lassen. Als Juniorgeschäftsführer, Sohn und Neffe wäre beides jedoch mehr als unschicklich. Infolgedessen richtete er sich zu voller Größe auf, wohl wissend, dass Körpersprache die Hälfte einer Kommunikation ausmachte, und trat einen selbstbewussten Schritt auf beide Männer zu.

„Wir treffen uns noch mit einem interessanten Handelspartner aus Edinburgh zu einem frühen Abendessen. Schließt du dich an?“

„Tut mir leid, aber ich habe noch einen Termin“, entgegnete er direkt, aber höflich.

„Privater oder beruflicher Natur?“, erkundigte sich sein Vater in einem Tonfall, den Gregory nur zu gut kannte.

Niemand schaffte es besser, Neugierde und Missfallen im gleichen Atemzug zum Ausdruck zu bringen.

Als Kind hatte dieses Talent ihn regelmäßig ins Schwitzen gebracht. Inzwischen war er zu alt, um sich von seinem Vater verunsichern zu lassen. „Sowohl als auch“, entgegnete er unverbindlich mit einem Blick, der keinen Raum für weitere Diskussionen bot. „Richtet meine besten Grüße aus.“

Obwohl ihm draußen eisiger Wind entgegenblies, ließ er die obersten Knöpfe seines Mantels offen, atmete die Luft tief ein und fühlte sich umgehend wacher und klarer im Kopf.

Londons Straßen waren nie leer, besonders nicht zur Weihnachtszeit. Ein Strom mit Tüten bepackter Menschen eilte über Gehsteige und an mit Lichterketten geschmückten Hausfassaden vorbei. Autos drängten sich auf beiden Fahrbahnen dicht hintereinander.

Das Vibrieren im Inneren seines Jacketts erinnerte Gregory daran, dass er sein Smartphone noch auf lautlos gestellt hatte. Ein kurzer Blick auf das Display ließ ihn das Gespräch mit einem Lächeln entgegennehmen. „Hallo, Birdie.“

„Scheint so, als sei die Sitzung bereits vorbei?“

Gregory lachte auf. Seine Tante hatte einen eigensinnigen Humor, für den sie zu wenig Anerkennung seitens ihrer Familie erntete. Dass sie und seine Mutter Schwestern waren, musste er sich häufig erst in Erinnerung rufen, so unterschiedlich waren die beiden Frauen. „Wenn du fünf Stunden als bereits vorbei bezeichnest, dann ja. Was kann ich für dich tun?“

„Gut, dass du das so direkt formulierst“, entgegnete Birdie ohne Hast, ihn in ihr Ansinnen einzuweihen.

Gregory konnte das schelmische Grinsen auf ihren Lippen im Geiste vor sich sehen und wartete geduldig auf ihre Erklärung.

„Ich wollte einen Gefallen von meinem Lieblingsneffen einfordern.“

„Ich bin dein einziger Neffe“, rief er ihr in Erinnerung und überquerte die Straße in Richtung Süden.

„Damit hätten wir auch geklärt, dass ich deine Lieblingstante bin.“

Gregory schmunzelte. „Wie genau sieht dieser Gefallen aus?“

2. KAPITEL

13. Dezember

Die Kioske und Läden am Bahnhof der Liverpool Street waren weihnachtlich geschmückt, aus den Lautsprechern drang leise Weihnachtsmusik, die vom allgemeinen Tumult verschluckt wurde.

Männer, Frauen und Familien in Jacken und Mänteln, Schals um die Hälse geschlungen, die Köpfe mit Mützen und Hüten gegen die Kälte abgeschirmt, eilten mit Koffern und Taschen durch die weitläufige Halle. Geschäftsreise, Familienbesuch, Neuanfang, Abenteuer, Urlaub – alle Anwesenden hatten ein bestimmtes Ziel, genau wie sie. Ob ihre Reise einen beruflichen Erfolg oder Misserfolg darstellte, würde sich erst noch zeigen.

Die geschäftige Atmosphäre und die Aufbruchsstimmung griffen binnen weniger Sekunden auf Millie über. Eine Mischung aus Aufregung und Nervosität im Magen, zog sie ihren roten Schalenkoffer hinter sich her. Das Rattern der Rollen stach deutlich vernehmbar aus der Geräuschkulisse hervor, zumindest bildete sie sich das ein.

Auf der digitalen Anzeigentafel, die sich fast über die gesamte Breite der Haupthalle erstreckte, standen die An- und Abfahrtzeiten aller aktuellen Zugverbindungen. Millie, die ihr Ticket bereits online gekauft hatte und wusste, wohin sie musste, warf dennoch einen Blick auf die Angaben, um sich zu vergewissern, dass keinerlei Änderungen eingetreten waren. Man wusste schließlich nie.

Ihre Bahn nach Kent war nach wie vor für 13:30 Uhr auf Gleis 14 ausgeschrieben, sodass sie sich entspannt einen Kakao am Kiosk holte, ehe sie der Ausschilderung folgte.

Wie sich zeigte, war der Zug bereits auf dem Gleis eingefahren, was angesichts der winterlichen Temperaturen eine freudige Überraschung war. Die Kälte ließ ihren Atem in kleinen Wölkchen vor ihr aufsteigen, ihre Nasenspitze war kalt und höchstwahrscheinlich so gerötet, dass sie Rudolf, dem Rentier, Konkurrenz machen konnte.

Beschwingt betrat sie einen Waggon im vorderen Bereich und sah sich nach ihrem Platz um. Als sie den Koffer mit einem Ächzen in die Gepäckablage hievte, ließ sich nicht leugnen, dass sie wie eine Weltmeisterin eingepackt hatte. Normalerweise kam sie gut mit wenig aus, für diese Reise hatte sie jedoch so viel in den Koffer gestopft wie nur möglich. Da Winterklamotten unglücklicherweise sperrig waren, hatte sie das Limit des Koffers recht schnell ausgeschöpft.

Mit leicht erhitzten Wangen ließ sie sich auf ihren Sitz fallen und atmete ein paarmal tief durch. Sie war unterwegs. In gut zwei Stunden würde sie das Anwesen ihres Auftraggebers erreichen. Die Details rund um ihre Ankunft hatte sie im Vorfeld telefonisch mit dem Hausverwalter von Willow Hall besprochen.

Die Zugfahrt ermöglichte es ihr, entspannt in Faversham, einer kleineren Stadt in der Grafschaft Kent, anzukommen und am Konzept des Dinners zu feilen. Am Bahnhof würde ein Mietwagen auf sie warten. Auf diese Weise war sie nicht auf ein Taxi angewiesen und blieb während ihrer Anwesenheit dort mobil.

Gemessen daran, dass sie ihre Reise von einem Tag auf den nächsten planen musste, war sie mehr als zufrieden mit sich. Spontanität war schon immer eine ihrer Stärken gewesen – auch wenn Oliver stets gut darin war, das als unzumutbare Charaktereigenschaft darzustellen.

Millie seufzte und schob den Gedanken an ihren Ex-Freund beiseite. Sie wollte nicht über ihre Beziehung nachdenken.

Um die Details des Auftrags abermals zu verinnerlichen und sich geistig darauf vorzubereiten, zog sie ihr Tablet aus der Handtasche und öffnete die E-Mail, derentwegen sie nun hier im Zugabteil saß.

… ein Weihnachtsdinner für ca. 90 Personen … Familie und Geschäftspartner … Dekoration, Essen und Unterhaltungsprogramm … sofortige Rückmeldung und Anreise erbeten …

Dazu die Adresse des Herrenhauses Willow Hall, etwas außerhalb der Stadt.

Gerechnet auf das knapp dreijährige Bestehen ihrer Agentur war der Auftrag nicht ihr größter. Der Kundenname, der zu einem Luxus-Textilunternehmen gehörte, war hingegen sehr wohl eine große Nummer. Selbst wenn er ihr nicht geläufig gewesen wäre, hätte die Höhe des Budgets sie stutzig gemacht.

Neben dem Honorar für die Organisation erhielt sie einen Bonus, der auf die kurzfristige Deadline zurückging. Gerade mal zwölf Tage blieben ihr, um den festlichen Abend zu planen. Angesichts der Weihnachtszeit eine sportliche Herausforderung. Aber, wie ihre Freundin Sasha gesagt hatte, ein unverhofftes Weihnachtspräsent schlug man nicht aus. Besonders nicht, wenn man in Kürze wohnungslos war und einem finanziell das Wasser bis zum Hals stand.

Spürbar zuversichtlicher gestimmt als in den vergangenen Tagen, sah Millie den erfolgreichen Auftragsabschluss im Geiste vor sich. Das Dinner der O’Neills als Referenz für ihre Agentur zu verbuchen, könnte ihrem Business den Durchbruch verschaffen und sie zudem von sorgenerfüllten Nächten befreien.

Nach den zurückliegenden Monaten und dem Ausbleiben von Aufträgen brauchte sie diesen Erfolg dringend. Womöglich setzte der Name O’Neill ein Zeichen, sodass die britische Gesellschaft Vertrauen in ihre Fähigkeiten fasste.

Einige Sitze hinter ihr erklang eine akustische Version von Last Christmas, bis der Besitzer des Smartphones den eingehenden Anruf entgegennahm. Versunken in Gedanken hatte Millie nicht mitbekommen, wie der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Als sie nun aufblickte und aus dem Fenster sah, zog bereits die winterlich karge Landschaft außerhalb Londons vorbei.

Da sie die britische Hauptstadt seit Längerem nicht verlassen hatte, spürte sie Vorfreude in sich aufsteigen. In Kent liefen die Uhren gewiss langsamer als in London. Nicht umsonst wurde die Grafschaft aufgrund ihrer Burgen, Gärten, charmanten Dörfer und Städtchen gern als Garten Englands bezeichnet.

Als der Zug Faversham erreichte, stand wie vereinbart der Mietwagen für sie bereit, dessen dunkelrote Farbe Millie auf Anhieb gefiel. Nachdem sie in einer kleinen, urigen Pension eingecheckt hatte, machte sie sich auf den Weg zu der in der Mail genannten Adresse ihres Auftraggebers etwas außerhalb der Stadt.

Das imposante Anwesen lag einsam, umschlossen von Wiesen, Feldern und einem Waldstück. Am Ende einer unbefestigten Straße, auf der Millie gehörig durchgeschüttelt wurde, empfing sie ein eindrucksvolles Eisengatter und dahinter eine Auffahrt, die sie unmittelbar vor Willow Hall führte.

Auf dem Weg dorthin drückte Millie sich vor Faszination beinahe die Nase an der Scheibe platt. Voller Ehrfurcht stieg sie aus dem Wagen und betrachtete das viktorianisch anmutende Landhaus. Es hatte eine breite Eingangstreppe, große Fenster, mehrere Erker und Kamine. Über die Außenfassade aus beigebraunem Kalkstein schlängelte sich Efeu.

Als sie sich an dem Anblick sattgesehen hatte, hielt sie Ausschau nach jemandem, der sie in Empfang nahm.

Ein rüstig gekleideter Mittsechziger mit Vollbart, Wollmütze und Latzhose kam um die Hausecke, und Millie hob die Hand zu einem freudigen Gruß. „Hallo! Ich bin die Eventplanerin.“

Die Ruhe und Gelassenheit, mit der der Mann auf sie zuschritt, färbte unweigerlich auf sie ab. Manchmal bemerkte man erst, welche Anspannung man in sich trug, wenn man auf das Gegenteil traf.

„Miss Brown? Ich bin Dan Holland, der Hausverwalter. Wir haben miteinander telefoniert.“

Millie nickte. „Freut mich sehr.“ Sie schüttelte die Hand ihres Gegenübers und lächelte offen, was dieser erwiderte. Einem Impuls folgend, bot sie ihm an: „Nennen Sie mich gern Millie.“

„Dan“, sagte der Hausverwalter bereitwillig. „Bis Mr. O’Neill eintrifft, führe ich Sie schon mal herum. Normalerweise hält sich während der Wintermonate niemand hier in Willow Hall auf. Das Anwesen ist mehr ein Sommerwohnsitz. Ein Weihnachtsfest wurde hier schon sehr lange nicht mehr gefeiert.“ Er grinste und offenbarte eine charismatische Zahnlücke. „Dabei bietet das Anwesen ein ganz besonderes Ambiente.“

„Das glaube ich sofort“, entgegnete Millie und folgte Dan ins Innere des Hauses.

Willow Hall sah aus, als befände es sich tief im Winterschlaf. Staub, mit Laken abgedeckte Möbel, Stille und eine Temperatur, die sich von der draußen kaum unterschied. Jeder ihrer Schritte hallte laut wider. Millie hatte das Gefühl, durch die Räumlichkeiten eines verwunschenen Anwesens zu wandeln, das sie nun gegen seinen Willen aus seinem Dämmerschlaf rissen.

Dieser Umstand war weder in der Anfrage noch im finalen Vertrag erwähnt worden, und ihr schwante, dass sie neben ihrer eigentlichen Arbeit auch noch ein Auge auf Reinigungsmaßnahmen würde haben müssen. Eine unerwartete Hürde, aber nichts, von dem sie sich in die Flucht schlagen ließ.

Voller Elan krempelte sie die Ärmel hoch und sagte mehr zu sich selbst: „Wo fangen wir an?“

„Am besten damit, dass Ihr Wagen unmittelbar vor dem Eingang steht, obwohl es separate Stellplätze gibt“, hallte eine Stimme in ihrem Rücken. „Sofern Sie nicht hier sind, um eine Lieferung zuzustellen, wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie den Eingangsbereich nicht blockieren.“

Millie wandte sich um.

Viele Briten bezeichneten sich gern als formvollendeten Gentleman. Ihrer Erfahrung nach fußte diese Behauptung auffallend oft auf Wunschdenken. Dem Mann, der dort stand, kaufte sie jedoch den britischen Edelmann ohne Zögern ab.

Klar definierte Aussprache. Blondes Haar. Sauber rasierte und gepflegte Gesichtshaut. Hochgewachsene Statur. Eine aufrechte Körperhaltung, die Ehrfurcht ausstrahlte. Glänzend polierte Lederschuhe. Ein eleganter Wollmantel, unter dem ein maßgeschneiderter Tweed-Anzug hervorblitzte. Nicht zu vergessen ein Paar himmelblauer Augen, dessen Anblick ihr Herz stolpern ließ.

Wie ein klarer Gebirgssee, dachte sie und versank gebannt in der blauen Tiefe.

Erst als sich der Unbekannte räusperte und sie seinen halb fragend, halb vorwurfsvollen Blick bemerkte, wurde ihr bewusst, dass sie ihn ungeniert anstarrte.

„Mein Fehler.“ Sie trat mit einem entschuldigenden Lächeln an ihn heran, bemüht, sich nicht erneut in seinem Blick zu verfangen. Oder ihrem Verlangen nachzugeben, ihm die einzelne widerspenstige Strähne aus der Stirn zu streichen. Die Hände vorsorglich hinter dem Rücken verschränkt, versprach sie: „Ich fahre ihn sofort weg.“

Ihr Gegenüber nickte. „Ich erwarte Sie im Arbeitszimmer. Dan, auf ein Wort.“

Damit waren beide Männer auch schon weg.

Was war das denn, fragte sie sich. Oder eher, wer war das denn?

Gemessen daran, dass ein paar Sekunden gereicht hatten, um sie aus der Fassung zu bringen, hoffte sie, dass die Anwesenheit des Mannes nur von kurzer Dauer sein würde. Andererseits … War der Mann, der nur ein paar Jahre älter sein konnte als sie, womöglich Mr. O’Neill?

Und damit … der Hausherr von Willow Hall?

Millie hatte das deutliche Gefühl, dass der steife Brite ihr die Arbeit nicht erleichtern würde.

Obwohl Gregory den Wagen selbst von London nach Willow Hall gelenkt hatte, konnte er noch immer nicht richtig fassen, dass er tatsächlich hier war.

Birdie hatte ihn zum perfekten Zeitpunkt überrumpelt.

Ausgelaugt, den Kopf wirr von der Vorstandssitzung, hatte er zugestimmt, in Willow Hall nach dem Rechten zu sehen, obwohl er sich mit seiner Loyalität ins eigene Fleisch schnitt.

Der einzige Grund, weshalb er der Bitte seiner Tante zugestimmt hatte, obwohl es seine eigenen Pläne durcheinanderwarf, war, dass Birdie immer – insbesondere, wenn seine Eltern es nicht waren – auf seiner Seite stand.

Zumindest war das bisher so, aber in dem Augenblick, da sich die Eventplanerin zu ihm umgedreht hatte, war er sich schlagartig nicht mehr so sicher gewesen, was Birdies Intention anging.

Eine Frau Anfang dreißig für die Organisation eines spontan angesetzten Familien- und Firmendinners zu engagieren und ihn mit der Vor-Ort-Überwachung zu beauftragen, ließ selbst bei einem Laien-Sherlock-Holmes alle Alarmglocken läuten. Besonders, wenn es um seine Familie ging.

In der Vergangenheit hatten seine Eltern bereits mehrmals versucht, ihn mit Frauen zu verkuppeln. Vorrangig, um das Erbe der Firma zu sichern – schließlich sollte die auch in der nächsten Generation in der Familie bleiben. Die Firma kam immer an erster Stelle. Diese Gewichtung erschien ihm genauso verstaubt wie ein Luxus-Textillabel, das sich nur die Wohlhabenden leisten konnten.

War Birdie zu seinen Eltern übergelaufen, oder fing er allmählich an, hinter jeder Handlung Hintergedanken zu vermuten?

Es klopfte. Einen Augenblick später stand die Eventplanerin auch schon im Zimmer. Gregory unterdrückte ein Schnauben. Legte sie immer so viel energische Tatkraft an den Tag, oder war er schlicht zu müde für den Elan anderer Menschen?

„Ich habe den Wagen umgeparkt.“

Er hob eine Braue. „Erwarten Sie jetzt ein Lob von mir?“

„Wie wäre es mit Ihrem Namen?“, konterte sie schlagfertig und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin Millie Brown, die Eventplanerin. Freut mich sehr.“

Auf ihren Lippen lag ein offenes Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht strahlen ließ.

Er ergriff ihre Hand. „Ich bin Gregory O’Neill, Willow Hall gehört meiner Familie. Ich werde ein Auge auf die Planung des Dinners haben, damit alles im Sinne meiner Familie ausfällt. Sie werden also, ehe Sie irgendwas in die Wege leiten, Rücksprache mit mir halten. Das erspart uns allen Ärger und Zeit.“ Ausgenommen mir, dachte er grimmig.

Das freundliche Lächeln auf dem Gesicht der jungen Frau fiel sichtbar in sich zusammen, als wäre er der Grinch höchstpersönlich. Es dauerte einen Moment, ehe sie sich fing.

„Sie meinen, ich soll mir für jedes Detail Ihr Okay einholen, ehe ich etwas in die Wege leite?“

Gregory nickte. „Da ich während meiner Anwesenheit geschäftlich einige Dinge zu erledigen habe, wäre ich dankbar, wenn Sie mir Ihre Ideen gebündelt und nicht einzeln vorlegen.“

„Das ist ganz in meinem Sinne.“

Täuschte er sich, oder enthielt ihre Antwort eine gute Portion Sarkasmus? „Wie Sie bereits erkannt haben dürften, bedarf es einiger grundlegender Reinigungsarbeiten. Unsere Mitarbeitenden sind über die Wintermonate nur sporadisch hier, aber in Anbetracht des geplanten Dinners werden Dans Frau und weitere Helfer aus den umliegenden Ortschaften in Kürze eintreffen, um die Räumlichkeiten und den Außenbereich vorzubereiten.“

„Das soll wohl heißen, dass ich mich nicht weiter darum sorgen oder kümmern muss?“

Wieder so eine Spitze. Gregory griff nach seinem Tablet, tippte den Namen dieser Frau in die Suchmaschine und gelangte auf eine Website, die wie hundert andere wirkte. „Sie leiten eine Agentur für Eventmanagement“, sagte er, als läge das nicht längst auf der Hand.

Millie Brown nickte. Auf ihrem herzförmigen Gesicht lag ein irritierter, aber auch verstimmter Ausdruck.

Da er letzteres Gefühl teilte, sagte er: „Eine Reinigungsfirma würde vermutlich nicht auf die Idee kommen, Ideen für das Event beizusteuern, für dessen Reinigung man sie beauftragt hat.“

Ein ärgerlicher Funke blitzte in den Augen der jungen Frau auf.

„Ich denke, dass ich mich gern weiter umsehen und mit meiner Arbeit beginnen würde. Weihnachten lässt sich ja leider nicht verschieben, nur weil man sich nett verplaudert hat.“

Nett verplaudert ist eine höfliche Umschreibung für unsere Unterhaltung, dachte Gregory. Ein Ende dieses Gesprächs war jedoch ganz in seinem Sinne. „Wenn Sie Fragen bezüglich des Anwesens haben, können Sie sich an Dan wenden. Für alles Weitere finden Sie mich hier.“

Millie machte auf dem Absatz kehrt.

„Ach ja“, ergänzte er, einer Eingebung folgend. „Wenn Sie Dan den Autoschlüssel geben, bringt er Ihr Gepäck auf …“

„Vielen Dank, aber ich habe in einer Pension eingecheckt. Im Haus meines Auftraggebers zu wohnen, erschien mir nicht sonderlich professionell. Auch wenn ich das Angebot sehr zu schätzen weiß.“

Gregory musterte sein Gegenüber. Die brünette Frau trug eine tailliert geschnittene Daunenjacke mit Gürtelschnalle, die ihre schlanken, zugleich weiblichen Proportionen hervorhob, ein roter Schal war mehrfach um ihren Hals gewickelt. Er schätzte sie etwas jünger als sich selbst, Ende zwanzig, Anfang dreißig.

„Es wäre einfacher, als hin- und herzupendeln“, sagte er, weil er wusste, dass das englische Dezemberwetter launenhaft war, besonders auf dem Land, was Autofahrten ebenso unbeständig machte. „Aber in der Pension ist es vermutlich wärmer als hier.“

„Ganz bestimmt.“

Sie deutete ein Nicken an, und er konnte nicht sagen, ob sie von den eisigen Temperaturen im Herrenhaus gesprochen oder sich auf etwas anderes oder jemanden bezogen hatte.

Bereits in der offenen Tür stehend, wandte sie sich abermals um. „Wenn Sie mir sagen könnten, wie viele Gäste im Herrenhaus übernachten und wie viele außerhalb einquartiert werden müssen, würde mir das sehr für die weitere Planung helfen.“

Gregory erwiderte ihren Blick einen gedehnten Moment lang, ehe er erklärte: „Ich leite Ihnen die Mailadresse von Miss Evergreen, unserer Firmensekretärin, weiter. Da sie die Einladungen verschickt, hat sie auch einen Überblick in Sachen Zimmerfrage und besondere Wünsche.“

Es war nicht sonderlich schwer, den verkniffenen Ausdruck auf Miss Browns Gesicht zu deuten – auch wenn sie versuchte, ihre Gedanken zu verbergen. Sie war augenscheinlich davon ausgegangen, eine Antwort von ihm zu erhalten.

Sobald Millie Brown gegangen war, ließ Gregory sich mit einem matten Seufzer auf den Ledersessel hinter dem massiven Schreibtisch fallen und wählte Birdies Nummer. „Ich habe eben Bekanntschaft mit der Eventplanerin gemacht“, eröffnete er das Gespräch ohne Umschweife.

„Macht sie einen guten ersten Eindruck auf dich?“

„Du meinst“, erwiderte er und scrollte durch die noch geöffnete Website, „weil die Referenzen ihrer Agentur mau bis gar nicht vorhanden sind? Und zudem nicht sonderlich beeindruckend wirken?“

„Jeder fängt klein an. Auch unser Unternehmen hat mal in den Kinderschuhen gesteckt.“

„Verrätst du mir, was dich bewogen hat, unser Event an ein One-Woman-Business in Kinderschuhen zu vergeben?“

Birdie schnalzte mit der Zunge. „Eine Bekannte war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit, also dachte ich mir, ich gebe ihr eine Chance. Du weißt doch, dass ich Underdogs mag. In unserer Familie bin ich ja selbst einer.“

Gregory presste die Lippen aufeinander, unschlüssig, ob er lachen oder verärgert sein sollte. „Das ist also der einzige Grund, weshalb du sie beauftragt hast? Für ein Weihnachtsdinner, das in dieser Art und Weise noch nie stattgefunden hat?“, schob er argwöhnisch hinterher.

Eine derartige Zusammenkunft, obendrein so kurzfristig, hatte ihn schon bei ihrem Telefonat irritiert. Ihre Familie ließ sich beileibe nicht als Weihnachtsliebhaber bezeichnen. Dass die Festtage ihnen ein fettes Plus in Sachen Umsatz bescherten, bereitete ihnen weit mehr Freude.

„Welchen Grund sollte es noch geben?“

„Sag du es mir.“

„Reicht es dir, wenn ich sage, dass die bekannten Agenturen so kurz vor Weihnachten garantiert keine freien Kapazitäten für einen Auftrag mehr gehabt hätten?“

„Diese Begründung spricht nicht unbedingt für die Beauftragung von …“, er spähte abermals auf die Website, „Millie Brown. Oder erklärt, warum ein derartiges Dinner überhaupt stattfindet. Ist das ein Versuch, mehr Schwung in unser familiäres Weihnachtsfest zu bringen?“

„Erwischt. Ich ertrage schlichtweg kein weiteres langweiliges Beisammenhocken. Als ich vorschlug, die Zusammenkunft zu nutzen, um bestehende und potenzielle Geschäftspartner einzuladen und vor ihnen mit unseren Zahlen zu prahlen, waren deine Eltern Feuer und Flamme.“

Gregory schnaubte. „Das glaube ich sofort.“

„Du solltest Millie Brown im blauen Zimmer einquartieren. Dort fühlen sich alle Gäste wohl.“

„Miss Brown wohnt in einer Pension“, informierte Gregory seine Tante. „Sie wollte nicht unprofessionell wirken, indem sie sich bei ihrem Auftraggeber einquartiert.“

Birdie seufzte. „Diese jungen Leute heutzutage. Man kann sich das Leben auch schwerer machen, als es ist.“

Das konnte man in der Tat, dachte Gregory bitter. Schließlich sollte er eigentlich in London sein, sich mit potenziellen Investoren treffen und seine berufliche Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Wenn er handfeste Erfolge vorweisen konnte, würde ihm das Gespräch mit seiner Familie gewiss leichter von der Zunge gehen. Und ihnen würde es deutlich schwerer fallen, ihn mit Schuldgefühlen zu manipulieren, indem sie ihn an das Familienvermächtnis und seine Pflicht als ein O’Neill erinnerten.

Doch statt seine Pläne voranzutreiben, saß er nun in Kent fest, um den Babysitter für eine Eventplanerin zu spielen, die so wenig Britin war wie er Amerikaner. Wäre ihr amerikanischer Akzent samt betont lang gezogener Silben nicht gewesen, hätte ihr extravaganter Modegeschmack sie verraten.

Und was seine Tante anging, die konnte sagen, was sie wollte, er hatte dennoch das Gefühl, dass sie mit gezinkten Karten spielte.

Millie atmete tief ein und aus. Willow Hall war von holzigen Noten und dem Duft getrockneter Blumen durchdrungen, was sie umgehend beruhigte.

Sie hatte nicht erwartet, dass man sie ohne Ansprechpartner oder Einweisung in dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Anwesen herumstromern und sämtliche Details gänzlich ihrem Ermessen überließ. Vielmehr hatte sie damit gerechnet, die Einzelheiten mit einem persönlichen Assistenten der O’Neills zu besprechen – vorzugsweise telefonisch – und alles Weitere mit dem Hausverwalter zu klären.

Von einem peniblen Familienangehörigen, der sich in Willow Hall einrichtete und ihr bei allem auf die Finger schaute, war nicht die Rede gewesen. Andernfalls hätte sie zweimal über die Annahme des Auftrags nachgedacht – und ihn schlussendlich trotzdem angenommen, weil sie in ihrer Lage nicht wählerisch sein konnte.

So, wie sie das sah, hatte man ihr einen missmutigen Babysitter aufs Auge gedrückt, der gar keine Lust auf den Job hatte.

Glaubten die O’Neills, sie sei nicht in der Lage, das Dinner ohne Aufsicht auf die Beine zu stellen? Wieso hatten sie sie dann überhaupt beauftragt? Die Frage verunsicherte sie fast genauso wie der Mann mit der prägnanten Ausstrahlung.

Warum war Gregory O’Neill hier, wenn er ihr lediglich Mails weiterleiten konnte, statt Auskunft zu geben? Warum kümmerte er sich nicht gleich selbst um die Organisation des Dinners, wenn er die Zeit hatte, ihr Vorgehen zu überwachen?

Millie konnte nicht anders, als leise zu seufzen. Die Faszination seiner himmelblauen Augen war genauso schnell verschwunden, wie sie sie überkommen war. Müsste sie der Redewendung eine eisige Begrüßung ein Beispiel anfügen, würde sie den blonden Briten ohne Zögern als Referenz angeben. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, lieber dem Reinigungskomitee beizutreten, statt sich jeden Handgriff von ihm freigeben lassen zu müssen.

Mr. O’Neills Verhalten, oder vielmehr die Art, wie er mit ihr gesprochen hatte, erinnerte sie auf unangenehme Weise an Oliver. Er hatte ihr auch stets das Gefühl vermittelt, sie sei unzulänglich. Und sie hatte es hingenommen und sich eingeredet, dass es halb so wild war und er es gar nicht so meinte.

Doch damit war Schluss. So, wie sie Oliver schließlich die Stirn geboten hatte, würde sie sich auch diesem Mr. O’Neill gegenüber behaupten. Selbstverständlich auf professionelle Art und Weise.

Während sich Dan daranmachte, die Heizung des alten Anwesens in Gang zu bringen und die zahlreichen Räume so mit Wärme zu füllen, schlug Millie ihren Arbeitsplatz im Erdgeschoss auf, weit weg vom Büro des Hausherrn. Der Raum mit dem dunklen Holztisch, dem eleganten Sofa und dem stilvollen schwarzen Flügel erinnerte sie an eine Mischung aus Studier- und Gesellschaftszimmer. Hier ließ es sich gut aushalten.

Vielleicht wird es gar nicht so schlimm, sagte sie sich, immer noch eingemummelt in Jacke und Schal. Wenn Gregory O’Neill sich eigenen Belangen widmen wollte, hatte er weniger Gelegenheit, ihr in die Arbeit zu pfuschen.

Zeit, dich zu konzentrieren, mahnte sie sich. Sie zückte ihr Tablet, dem sie eine farbenfrohe Hülle verpasst hatte, und öffnete die Prioritäten-Checkliste, die sie bereits bei vergangenen Aufträgen genutzt hatte.

Schon auf der Fahrt hierher hatte sie vorsorglich sämtliche Zimmerkontingente geblockt, die die umliegenden Hotels zur Verfügung hatten. Abhaken konnte sie Punkt Nummer eins, sobald sie wusste, wie viele Gäste eine Unterkunft außerhalb von Willow Hall benötigten. Was hoffentlich bald der Fall sein würde. Für lange konnte sie die Zimmer nicht blocken.

Der Punkt Essen stand unmittelbar auf Nummer zwei ihrer Agenda. Kurz vor Weihnachten einen Caterer samt Servicepersonal zu finden, war wohl die anspruchsvollste Herausforderung der gesamten Veranstaltung, befürchtete sie und zwirbelte eine Strähne ihres braunen Haares zwischen den Fingern. Aber, wo ein Wille und ein ausreichend großer Antrieb …

Ehe Millie Zeit mit Brainstorming für Menüs vergeudete, startete sie eine Suche nach umliegenden Caterern, um deren hoffentlich existentes Mitarbeiterkontingent zu blocken. Gemessen an der Ladegeschwindigkeit der Websites hoffte sie, dass das Internet auch erst in die Gänge kommen musste und nicht dauerhaft so langsam lief. In London wären die Menschen bei einer derartigen Übertragungsrate längst meuternd auf die Straßen gegangen.

Gern hätte sie bekannte Caterer aus London angefragt, doch war die Anreisestrecke eine Variable, die schnell zum Verhängnis werden könnte. Schließlich ließ sich nicht abschätzen, wie das Wetter und die Straßenverhältnisse gegen Ende Dezember sein würden.

Als es irgendwann an der Tür klopfte, fuhr Millie halb erschrocken, halb verwundert von ihrem Bildschirm hoch und registrierte die im Zimmer herrschende Dunkelheit.

Dan schob sein bärtiges Gesicht durch den erhellten Türspalt. „Ich mache für heute Schluss. Wenn Sie gehen, sagen Sie bitte Gregory Bescheid, sonst kommt er noch auf den Gedanken, es spuke hier neuerdings.“ Er warf ihr ein freches Lächeln zu und zog sich zusammen mit dem Lichtschein zurück.

Millie warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits nach sieben, und sie beschloss, auch wenn sie bis dato keine handfesten Ergebnisse vorweisen konnte, ebenfalls Feierabend zu machen. Beziehungsweise in der Pension nahtlos nach einer neuen Wohnung zu suchen. Olivers Ultimatum ließ sich genauso wenig verschieben wie Weihnachten.

Vielleicht läuft auch alles reibungslos, sprach sie sich Mut zu. Womöglich bot sich nach erledigter Arbeit sogar die Gelegenheit, noch ein paar entspannte Tage in Kent zu verbringen.

Ihr Magen gab ein verräterisches Knurren von sich. Erst Essen, dann Wohnungssuche, beschloss sie und hoffte, dass sie in ihrer Pension oder in deren Nähe zu einem anständigen Abendessen kommen würde.

Wenige Minuten später, nachdem sie einmal im falschen Korridor abgebogen war, stand sie mit klopfendem Herzen vor dem Arbeitszimmer von Gregory O’Neill. So viel zu meiner Professionalität, dachte sie, klopfte und öffnete die Tür.

Gregory inmitten des dunklen Raums vor dem erhellten Monitor zu sehen, kam einem spiegelverkehrten Déjà-vu gleich. Wie eben sie sah auch er mit einem verwirrten Ausdruck auf, besann sich jedoch schnell seiner überheblichen Attitüde.

„Ja?“

Wie konnte ein einziges Wort derart einschüchternd klingen? „Ich mache mich auf den Weg zur Pension und bin morgen früh zurück.“ Millie wartete auf eine Reaktion, doch Gregory blieb stumm. „Wann soll ich frühestens hier sein?“

Der Schlossherr hob eine Braue. „Sollten Sie diese Frage nicht allein beantworten können?“

Das war eine höflich verpackte Nachfrage, damit ich dich nicht aus dem Bett werfe oder dich in deiner Morgenruhe störe, du Schnösel, dachte sie und konnte nur mühsam ein Augenrollen unterdrücken. „Ich werde gegen neun hier sein.“

„Zehn passt besser.“

Millie biss sich auf die Zunge. Wollte er sie ärgern, oder hatte er einfach nur gern das letzte Wort? Sie lächelte gezwungen höflich und sagte: „Dann bis morgen.“

3. KAPITEL

14. Dezember

Gregory hatte schlecht geschlafen. Das lag nicht an der Stille, die er in London nicht gewohnt war, oder daran, dass sein Zimmer von Staub befreit werden musste, sondern vielmehr an anderen Umständen.

In Momenten wie diesem kam Willow Hall ihm vor wie ein hungriges Ungetüm, das ihn verschlingen würde, wenn er nicht aufpasste.

Falls Birdie beabsichtigt hatte, ihm eine entspannte Auszeit zu verschaffen, tat sie ihm, anders als er ihr, keinen Gefallen. Vielmehr fühlte er sich, als hätte sie ihn ins Exil geschickt. Allerdings war er so gut wie aus freien Stücken nach Willow Hall gekommen. Er hatte die Bitte seiner Tante so wenig ablehnen können, wie er seinen Eltern nicht von seinen beruflichen Wünschen erzählen konnte.

Die Familie und die Firma waren wichtig und hatten oberste Priorität. Wo genau die Grenze dazwischen verlief oder wo sein eigenes Leben anfing, war schwierig auszumachen.

Die Kälte in den Räumen von Willow Hall, die nur langsam einer behaglichen Wärme wich, steckte ihm tief in den Gliedern. Das Gefühl, einem zerknautschten Kopfkissen zu ähneln, ließ sich ebenfalls nicht von der Hand weisen, ganz egal, wie akkurat er sein dunkelblondes Haar zurechtbürstete oder die sprießenden Barthaare rasierte.

Wonach er sich sehnte, war ein frisch gebackener Scone aus seinem Lieblingscafé und die Privatsphäre seiner eigenen Wohnung, in der keine Antiquitäten aus den vergangenen Jahrhunderten standen und in der er auch keinen WLAN-Verstärker brauchte.

Als die Zeiger der Uhr auf Mittag zuschritten, hatte Gregory mehrere Tassen Tee getrunken und die Kekse, die er in der Küche gefunden hatte, verspeist. Seinen Magen füllte die karge Mahlzeit natürlich nicht, doch mehr war nicht da, weil er am Abend zuvor zu müde gewesen war, um ins Dorf zum Einkaufen zu fahren. Wie zu erwarten, herrschte im großen Kühlschrank gähnende Leere, aber wenigstens bot die Speisekammer eine Auswahl an Konserven.

Gregory beschloss, sich einen weiteren Tee aufzugießen und Dan, den Hausverwalter, zu bitten, einige Einkäufe für ihn zu tätigen.

Die Tasse mit dem dampfenden Tee in der Hand, drehte er eine Runde an der frischen Luft, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen und Ausschau nach Dan zu halten.

Willow Hall lag mehrere Meilen entfernt von Faversham, sodass kein Verkehrslärm zu hören war. Was für eine Stille! Das Leben auf dem Land folgte anderen Maßstäben als das in der Stadt. Manchmal vergaß er, wie sehr er genau das vermisste.

Die Eventplanerin hatte sich bis jetzt nicht bei ihm blicken lassen, was ihm gelegen kam, ihn aber auch in Zugzwang brachte. Da er nun schon mal hier war, war er entschlossen, seine Verpflichtungen zufriedenstellend zu erfüllen.

Gregory entdeckte den Hausverwalter, der bereits vor seiner Geburt für seine Familie gearbeitet hatte, auf der Auffahrt. „Solange ich denken kann, kenne ich dich nur mit Latzhose“, begrüßte er Dan mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

„Alte Gewohnheiten legt man nur schwer ab.“

„Das lässt sich nicht leugnen“, bestätigte Gregory und bezog sich dabei auf sich selbst. „Kannst du ein paar Lebensmittel für mich besorgen? Das Loch in meinem Magen werde ich auf Dauer nicht mit Tee füllen können.“

„Das glaube ich auch“, entgegnete Dan belustigt. „Irgendwelche besonderen Wünsche?“

„Ich bin nicht sonderlich anspruchsvoll. Auf Konserven kann ich allerdings gut verzichten.“ Gregory warf einen Blick in Richtung Haus. „Bist du unserem Gast heute schon begegnet?“

„Millie, meinst du?“ Dan gluckste. „Du findest sie wohl eher drinnen als hier draußen. Und das auch nur, wenn du nicht ganz so griesgrämig dreinblickst“, schob er hinterher und blickte so tadelnd drein, als wäre er sein Vater.

„Das ist nun mal mein Gesicht“, entgegnete Gregory gespielt beleidigt.

„Das hat schon mal glücklicher ausgesehen.“

„Und du hast auch schon mal jünger ausgesehen“, konterte Gregory mit einem amüsierten Grinsen, das der Hausverwalter erwiderte.

Die Gespräche mit Dan waren von Leichtigkeit und Humor getragen, anders als die mit seinem Vater. Er hatte dieses Geplänkel vermisst. Im Gegensatz dazu ertappte er sich häufig bei dem Gedanken, dass seine Position in der Firma und der Wohnsitz in London zu viel Raum für Gespräche mit seinem Vater boten.

Als er wieder hineinging, erwartete ihn hinter der Eingangstür zwar nicht die durchdringende Wärme eines Kaminfeuers, aber dennoch eine angenehme, der winterlichen Kälte trotzenden Temperatur. Die Teetasse aus dem Service seiner Urgroßmutter in der Hand, bewegte er sich über die vertrauten Dielen und Teppichbahnen und hielt nach der Eventplanerin Ausschau.

Noch ehe er sie sah, hallte ihm ihre Stimme durch die verwinkelten Korridore entgegen. Sie sprach lebhaft und bemühte sich offenbar, ihren amerikanischen Akzent zu überspielen, klang aber nach wie vor zu lässig und kehlig für eine Britin.

Dann sah er, wie sie hin und her schritt, was unbewusst zu passieren schien. Manche Menschen kritzelten Häuschen auf Notizzettel, wenn sie telefonierten, andere waren außerstande stillzuhalten. Auf ihn machte die junge Frau den Eindruck, als hätte sie zu viel Energie in sich.

„Eine Besichtigung ist mir derzeit leider nicht möglich, da ich beruflich bedingt in Kent bin. Aber eine Freundin würde an meiner Stelle vorbeikommen. Wenn Sie einverstanden sind, leite ich Ihre Telefonnummer an sie weiter, sodass sie sich direkt bei Ihnen meldet. Da ich selbstständig tätig bin, füge ich einen Auszug meines aktuellen Projektvertrags bei, damit Sie sich von meiner Liquidität überzeugen können.“

Gregory unterdrückte mit Mühe ein Schnauben. Als Millie das Telefonat beendete, wollte er gerade auf sich aufmerksam machen, da wählte sie bereits eine weitere Nummer und drückte das Handy an ihr Ohr.

„Kannst du dir eine Wohnung für mich ansehen? Ich möchte mich ungern nur auf Fotos verlassen, weil die oft genug die Schwachpunkte ausblenden. Bis ich zurück in London bin, hat sonst garantiert jemand anderes den Mietvertrag unterschrieben. Wenn es blöd läuft, passiert das sogar, noch während wir uns unterhalten.“ Sie stieß einen Seufzer aus, dem ein verächtliches Schnauben folgte. „Du weißt so gut wie ich, dass er sich nicht auf einen Kompromiss einlässt. Dafür ist er zu nachtragend.“

Sie hob die freie Hand und strich sich durch das braune Haar, und Gregory ertappte sich dabei, ihre Bewegungen mit mehr Aufmerksamkeit zu bedenken, als angemessen war.

„Danke! Ich schick dir Nummer und die Adresse. Du bist ein Schatz!“

Erst als Millie das Telefonat beendet hatte und aufsah, bemerkte sie ihn. Sie blickte ihm wie ein im Scheinwerferlicht erstarrtes Reh entgegen. Der schuldbewusste Ausdruck, den er erwartet hatte, blieb jedoch aus. Wenn überhaupt, dann lag ihrem Blick etwas Widerspenstiges inne.

Um seinem Gegenüber Zeit zu geben, etwas mehr Reue zu zeigen, räusperte Gregory sich betont auffallend. Dann fragte er: „Führen Sie häufiger private Telefonate während der Arbeitszeit?“

„Ich musste nur kurz etwas klären“, entgegnete sie und schob das Smartphone in die Gesäßtasche ihrer hellblauen Jeans, die figurbetont geschnitten war und sich in wadenhohen Schnürstiefeln verlor.

Eine zweite Haut in Denim – dieser Gedanke schoss Gregory beim Anblick ihrer Rundungen unwillkürlich durch den Kopf. Seine Mutter hätte keinen Hehl aus ihrer Missbilligung gemacht und ohne Zögern die spitze Nase gerümpft.

„Betrachten Sie es als kurze Toilettenpause.“ Millie verzog den Mund zu einem Lächeln, das mehr Strahlkraft als manch antiker Lampenschirm des Anwesens hatte.

Entschlossen, sich nicht von ihrer naiven Unverfrorenheit aus dem Konzept bringen zu lassen, bewegte Gregory sich langsam auf sie zu. Er war hier, um nach dem Rechten zu sehen. Was er eben beobachtet hatte, hatte für ihn nicht danach ausgesehen. „Habe ich deshalb noch keine Kostenvorschläge zu sehen bekommen? Weil Sie damit beschäftigt sind, kurz etwas zu klären?“

Millie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, zwischen ihren Brauen bildete sich eine kleine Falte. Anders als bei seiner Mutter, deren Gesicht die meiste Zeit wie eine verkniffene Version von Mr. Bean aussah, verlieh die Mimik ihr einen niedlichen Ausdruck.

Dass er das Wort niedlich benutzte, wenn auch nur in seinen Gedanken, führte er kurzerhand auf seinen Schlafmangel zurück.

„Soweit ich mich erinnere, habe ich einen Vertrag für die Organisation eines Weihnachtsdinners unterschrieben und mich nicht zu vierundzwanzigstündiger Verfügbarkeit verpflichtet. Das wäre deutlich teurer ausgefallen.

Autor

Cathy Williams

Cathy Willams glaubt fest daran, dass man praktisch alles erreichen kann, wenn man nur lang und hart genug dafür arbeitet. Sie selbst ist das beste Beispiel: Bevor sie vor elf Jahren ihre erste Romance schrieb, wusste sie nur wenig über deren Inhalte und fast nichts über die verschiedenen Schreibtechniken. Aber...

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