The Vet's Shelter Surprise – Mit Samtpfoten zum Happy End

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The Vet's Shelter Surprise – Mit Samtpfoten zum Happy End

Eine Sapphic Small Town Romance (FF/lesbisch)

Tierärztin Mel Carter ist verwirrt, als sie im Tierheim ihres Onkels der schönen Georgia begegnet. Doch schon bald sorgt das sonnige Gemüt der Kalifornierin dafür, dass Mels nach einem schmählichen Verrat erstarrtes Herz im Nu dahinschmilzt. Allerdings scheint die PR-Spezialistin nur nach Kanada gekommen zu sein, um das Haus ihrer verstorbenen Tante auszuräumen, während sich die Wogen nach einem beruflichen Fauxpas glätten. Und das beschauliche Landleben im Norden ist sicher nichts für eine Frau aus dem glamourösen LA, oder?


  • Erscheinungstag 20.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543132
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Elle Douglas

The Vet’s Shelter Surprise –
mit Samtpfoten zum Happy End

1. KAPITEL

„Jetzt nimm deine Krallen von meinem Ärmel. Das ist Kaschmir“, sagte Georgia zu dem ersten entzückenden, aber lästigen Fellknäuel, während sie es vorsichtig von den anderen Kätzchen trennte, die sich alle an ihre Mutter kuschelten. Das kleine Wesen miaute und blickte sie böse an, als sie es in den mit Geschirrtüchern gepolsterten Karton legte. Georgia zupfte die roten Ofenhandschuhe zurecht, mit denen sie ihre Hände schützte, dann griff sie nach dem zweiten.

„Keine Sorge, ihr kommt alle dran. Ich will euch doch nur helfen. Ihr werdet bestimmt genauso wenig gern nass wie meine Schuhe.“

Ihre brandneuen braunen Wildlederstiefeletten waren trotz des Regenschirms, den sie zwischen Hals und Schulter geklemmt hatte, schon durchweicht. Nachdem sie jedes der sechs Kätzchen vorsichtig in den Karton gesetzt hatte, half die Mutter ihr, indem sie von selbst hineinsprang, ihre Babys beschnupperte und ihnen die Stirn leckte, während sie sich wieder um sie drängten.

Trotz des Regens hielt Georgia einen Moment inne, um die wiedervereinte Familie zu betrachten. Sie war nicht gerade tierverrückt, aber die Niedlichkeit der Szene war nicht zu leugnen. Die Kleinen waren bezaubernd, aber das würde ihnen nicht viel nützen. Bald würden sie erkennen, dass sie sich ihren Weg in dieser Welt selbst erkämpfen mussten.

Vor einer Stunde hatte Georgia die Katze und ihre Jungen entdeckt, als sie den Müll zu den Tonnen brachte, die beim Schuppen hinter dem Haus ihrer Tante standen. Das leise Miauen hatte sie zu einem Versteck unter der Treppe des Schuppens geführt, wo sich die pelzige Familie in einem Haufen vertrockneter Blätter und Zweige zusammenkauerte. Die Mutter schien nicht verwildert zu sein; sie war gut genährt und ihr graues Fell wirkte gepflegt. Offenbar war sie nur aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen worden. Genau wie Georgia.

Zwar hatte Georgia sich vorgenommen, ihr Handy bis mindestens vier Uhr nachmittags in der alten Brotdose ihrer Tante zu lassen, aber dies war ein Notfall. Sie konnte diese armen, hilflosen Tiere wohl kaum im sprichwörtlichen Regen stehen lassen. Das würde ein sehr schlechtes Bild auf sie werfen, und das konnte sie gerade gar nicht gebrauchen. Allerdings hatte sie auch nicht vor, sie mit ins Haus zu nehmen. Allein der Gedanke an die vielen Haare, die dann überall herumfliegen würden, gab ihr die Kraft, ihr Handy vorzeitig aus seinem Gefängnis zu befreien.

Sie war auf eine Flut von Nachrichten auf ihrem Startbildschirm vorbereitet und sehr überrascht, dort rein gar nichts zu sehen außer der Uhrzeit. War sie schon Schnee von gestern?

Nachdem sie online nach dem örtlichen Tierheim gesucht und eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, gab es an diesem Tag wenigstens eine Aufgabe für sie. Sie war nicht weltbewegend, und Georgia musste dafür im Regen fahren, was sie hasste, aber es war eine willkommene Abwechslung. Leerlauf hasste sie noch mehr.

„Ich bringe euch an einen sicheren Ort“, flüsterte sie den Kätzchen im Karton zu, während sie versuchte, den Pfützen auf dem Weg zu ihrem Mietwagen auszuweichen. Sie stellte den Karton auf den Rücksitz, schloss die Tür und hielt dann inne, um die Tür erneut zu öffnen und den Karton anzuschnallen.

Dabei war sie stolz auf sich, wie souverän sie diese kleine Heldentat anging. Das Navi führte sie zehn Minuten lang durch die kurvigen, von Bäumen gesäumten Straßen zum Sunset County Tierheim, wo sie die geretteten Streuner abzugeben gedachte.

Um dann zu ihrem üblichen Tagesablauf zurückzukehren, der bisher darin bestand, nach einer weiteren furchtbaren Nacht früh aufzustehen, zu viel Kaffee zu trinken, ihr Handy und sämtliche anderen Nachrichten zu ignorieren, sich für niemanden anzuziehen und zu schminken, um dann aus dem Fenster zu starren und darauf zu warten, dass etwas passierte. Der Rest des Tages versprach auch nicht besser zu werden, also hatte dieses kleine Abenteuer durchaus das Zeug zum heutigen Höhepunkt.

Das Tierheim, ein Kalksteingebäude mit einem steilen Satteldach, lag am oberen Ende der Main Street von Sunset County, die hinunter zum Ufer des Hollyberry Lake führte, einem der vier glitzernden Seen in der charmanten, aber sehr verschlafenen Kleinstadt im Norden Ontarios. Vor dem Haus erstreckte sich ein weitläufiger Garten mit Chrysanthemen in allen Schattierungen von Rot, Gelb und Orange, die wie ein Spiegelbild der großen Rot-Ahorne wirkten, die das Gebäude flankierten und deren Äste darüber im Wind schwankten. Das Schild draußen hätte einen neuen Anstrich gebraucht, und die Fenster waren ziemlich verstaubt, aber trotz allem strahlte es denselben bodenständigen Charme aus, der so charakteristisch für Sunset County war und der in krassem Gegensatz zu den Staus und grellen Lichtern stand, die Georgia nach ihrer Rückkehr nach Los Angeles erwarteten. Wann auch immer das sein mochte.

Die Mutterkatze musterte Georgia misstrauisch, als sie den Sicherheitsgurt löste und den Karton aus dem Auto hob.

„Glaub mir, hier bist du besser aufgehoben“, sagte Georgia, als sie die Autotür mit einem entschlossenen Fußtritt schloss. Leider merkte sie zu spät, dass sie den Regenschirm im Auto vergessen hatte, und beugte sich über den Karton, um die kleinen Kätzchen vor dem Regen zu schützen, während sie zum Gartentor eilte.

Sie hatte ihre Fähigkeiten, sicher. Aber Fürsorglichkeit gehörte nicht unbedingt dazu.

Als sie den Garten betrat, fiel ihr ein roter Kastenwagen auf der anderen Straßenseite ins Auge, auf dem das Logo von Channel 4 News prangte. Georgia erstarrte, als eine zierliche Frau mit langen Zöpfen ausstieg und ein Kameramann seine Ausrüstung aus dem Laderaum holte. Unmöglich. Wie hatten sie sie gefunden? In diesem winzigen Ort mitten im Nirgendwo sollte kein Mensch auch nur die leiseste Ahnung haben, wer sie war. Genau deshalb war sie ja fünf Stunden geflogen und dann weitere zwei Richtung Norden gefahren – um zu dem Ort zu gelangen, an dem man sie garantiert nicht erkennen würde. Außerdem war sie erst drei Tage hier und hatte Ninas Häuschen in der Zeit kaum verlassen.

Mit klopfendem Herzen eilte Georgia zum Eingang, trat ein und spähte von drinnen an dem Schild „Hilfe gesucht“ (Hilfe gesucht? Eher Hilfe gebraucht!) vorbei aus dem Fenster. Der Kameramann fummelte am Mikrofon am Revers der Reporterin herum. Georgia schnappte nach Luft, und ihre Gedanken rasten. Als hätte sie in den letzten Wochen nicht schon genug unter der Verletzung ihrer Privatsphäre gelitten.

Sie warf einen prüfenden Blick auf das Nachrichtenteam auf der anderen Straßenseite und zuckte erschrocken zusammen, als sie hinter sich ein Räuspern hörte.

„Kann ich helfen?“, fragte eine weibliche Stimme, die klang, als wäre die Sprecherin nur wenige Zentimeter entfernt.

Georgia wirbelte herum und stieß mit der Frau zusammen, wobei ihr fast der Karton umkippte. Sie spürte, wie die Katzen zur Seite rutschten, und rettete sie gerade noch davor, herauszufallen, indem sie schnell den Arm hob, um sie abzufangen. Noch bevor sie überhaupt zur Verursacherin der Schrecksekunde aufblicken konnte, spürte sie, wie die Frau ihr half, den Karton auszubalancieren.

„Immer mit der Ruhe“, sagte sie.

Eines der Kätzchen, ein winziger orange-weißer Wonneproppen von der Größe einer Teetasse, hatte erneut versucht, sich an ihrem Ärmel festzuhalten, und sich mit den Krallen darin verfangen. Georgia ließ sich von der Frau den Karton abnehmen, umfasste das Kätzchen und versuchte, seine winzigen Krallen vorsichtig aus den Fäden ihres Pullovers zu lösen.

„Das ist ja noch mal gut gegangen“, sagte die Frau.

Das glücklich befreite Kätzchen kuschelte sich in Georgias Hände, während sie zu Atem kam und die Fremde vor ihr musterte. Die Frau hatte die ausdrucksvollsten braunen Augen, die sie je gesehen hatte, und perfekt frisiertes, welliges kastanienbraunes Haar, das ihr knapp über die Schultern fiel. Sie trug einen weißen Laborkittel über einem dunkelgrünen Pullover und Jeans und sah Georgia mit einem neugierigen und amüsierten Ausdruck an, bevor sie in den Karton spähte.

„Ah. Da hat sich wohl jemand nicht um die Kastrationsempfehlung geschert“, sagte sie.

Georgia kniff die Augen zusammen. „Wie bitte?“

Das Kätzchen zappelte in ihrer Hand. Sie blickte zu ihm hinunter, und es rieb seinen kleinen Kopf an ihrem Handgelenk, gähnte dann und zeigte dabei seine rosa Zunge, die kaum größer war als der Radiergummi am Ende eines Bleistifts.

„Er mag dich wohl“, sagte die Frau, während die Mutterkatze ein klagendes Miauen von sich gab. „Aber Mama ist nicht besonders glücklich.“

„Hier“, sagte Georgia. Sie setzte das Kätzchen zurück in den Karton und blickte zu der Frau auf, die ihn hielt. „So, hier sind sie.“

Die Frau hob die Augenbrauen.

„Ich habe vorhin eine Nachricht hinterlassen?“

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte die Frau und schaute wieder in den Karton. „Seamus ist gerade nicht hier. Er ist der Leiter des Tierheims. Er hätte dir gesagt, dass du sie behalten musst.“

„Aber sie gehören mir nicht. Ich habe sie gefunden.“

Die Frau blickte Georgia fragend an. „Gefunden?“

„Unter der Treppe zum Schuppen hinter dem Haus meiner Tante. Ich wohne nicht hier. Ich meine, ich bin nur für kurze Zeit in der Stadt. Ich weiß nicht, wem sie gehören. Unter dem eindringlichen Blick der Frau geriet Georgia ins Stottern – etwas peinlich für jemanden, der andere darin trainierte, vor Kameras frei und natürlich zu sprechen. „Und warum überrascht dich das?“ Sie blickte sich um. „Ihr seid doch ein Tierheim, oder?“

Die Frau wandte den Blick ab und runzelte die Stirn. Georgia folgte ihrem Blick hinaus auf die Straße, wo noch immer das Nachrichtenteam stand, und dachte daran, warum sie hierher geflohen war.

„Im Moment sind wir noch ein Tierheim“, erwiderte die Frau. „Aber vielleicht haben wir bald kein Zuhause mehr.“ Sie musterte die Reporter, dann sah sie Georgia an. „Wir haben gestern erfahren, dass der Landkreis die Mittel kürzen wird, und allein aus Spenden können wir uns nicht finanzieren. Sieht so aus, als wollten die Lokalnachrichten darüber berichten.“

Erleichtert schloss Georgia kurz die Augen. Natürlich gab es auf der Welt noch andere Dinge als ihr eigenes, sehr peinliches Drama. Zum Beispiel die knisternde Spannung, die sie in der Nähe dieser unglaublich faszinierenden Frau empfand.

Sie riss sich zusammen. Wenn es etwas gab, worin Georgia O’Neill gut war, dann war es, die Fassung zu bewahren. Ein einziger Ausrutscher änderte daran doch nichts, oder?

„Oh, nun ja, das tut mir sehr leid, Doktor …“

„Melanie Carter. Mel. Sag das meinem Onkel. Ich schaue nur einmal die Woche nach den Tieren. Aber mein Onkel Seamus verliert hiermit sein Lebenswerk. Und von den Tieren reden wir lieber erst gar nicht.“

Mel wirkte auf den ersten Blick ein wenig kühl, aber als sie von ihrem Onkel und den Tieren sprach, wurde ihr Gesichtsausdruck weicher.

„Ich bin Georgia O’Neill. Was wird denn dann aus ihnen?“, fragte Georgia. Sie blickte Mel über die Schulter und sah einen Flur, der zu einer Reihe von Räumen führte, in denen, wie sie vermutete, die Tiere untergebracht waren.

„Noch steht gar nichts fest. Aber wir werden wohl versuchen, sie in einem Tierheim im nächsten Landkreis unterzubringen. Also“, sagte sie und blickte auf den Karton mit den Kätzchen hinunter, „sind wir leider nicht in der Lage, neue Tiere aufzunehmen.“

„Aber was soll ich denn mit ihnen machen?“, fragte Georgia und richtete sich auf. Die Kätzchen waren süß. Aber Mel Carter, deren breite Schultern und schmale Taille auf regelmäßiges Training hindeuteten, dabei zuzusehen, wie sie die neugierigen Kätzchen geschickt daran hinderte, aus dem Karton zu krabbeln, war noch mal ein anderes Level von zum Dahinschmelzen.

Georgia spürte Mels prüfenden Blick fast körperlich. Wollte sie abschätzen, ob sie fähig war, sich um ein anderes Lebewesen zu kümmern? Oder bedeutete dieses Funkeln in ihren Augen etwas anderes? Georgia war plötzlich froh, dass sie sich an diesem Morgen die Zeit genommen hatte, sich zurechtzumachen, anstatt der Versuchung nachzugeben, den Rest des Tages im Schlafanzug zu verbringen. In Mel Carters – Doktor Mel Carters – kritischem Blick zu stehen, rüttelte ernsthaft an ihrer gewohnten coolen Selbstsicherheit.

„Du musst sie mitnehmen“, sagte Mel, und einen Moment lang wünschte sich Georgia nichts sehnlicher, als dass die Ärztin ihr weitere Anweisungen gab. Sie würde so ziemlich alles tun, was Mel von ihr verlangte, und vielleicht sogar noch mehr. „Es gibt wirklich keine …“

Mel unterbrach sich, als sich hinter Georgia die Tür zum Tierheim öffnete und ein kleiner, grauhaariger Mann hereinkam. Seine Brille saß schief und der Schnürsenkel an einem Schuh war offen, wobei unklar war, ob sein zerzauster Zustand situationsbedingt war oder einfach zu seinem Wesen gehörte. Er stolperte an Georgia vorbei, ohne sie zu beachten.

„Melanie“, sagte er. „Wie geht es meiner Checkers?“

„Ganz gut, Seamus. Ich habe ihr eine Dosis Vitamin E mit Selen verabreicht. Sie sollte im Handumdrehen wieder ganz die Alte sein.“

„Danke, Doktor. Und was haben wir denn hier?“ Seamus spähte in die Kiste mit den Kätzchen, die Georgia offenbar bald erben würde, und stieß einen Freudenschrei aus. „Es ist Molly! Oh, die Familie Harris wird überglücklich sein. Sie haben sich schreckliche Sorgen um sie gemacht. Und schau dir diese Kätzchen an. Wunderschön.“

Seamus drehte sich um und zuckte zusammen, als er Georgia bemerkte. „Oh. Hallo. Wo hast du sie gefunden? Ich weiß nicht, ob du die Zettel in der ganzen Stadt gesehen hast, aber die beiden Harris-Mädchen sind seit Wochen außer sich vor Sorge. Anscheinend haben sie versucht, sie wegen ihres Zustands im Haus zu behalten, aber eine von ihnen hat die Hintertür offengelassen, weil in der Küche was angebrannt war, und unsere Miss Molly hier konnte einem Abenteuer nicht widerstehen. Sie ist eine Freigängerin, die normalerweise immer wieder nach Hause kommt, aber sie muss von irgendetwas gejagt oder erschreckt worden sein und sich verlaufen haben.“

Sich verlaufen. Georgia und Molly hatten wohl mehr gemeinsam, als sie gedacht hatte. Sie wollte gerade antworten, als Mel ihr ins Wort fiel.

„Georgia hier hat sie unter ihrer Veranda gefunden und wollte sie loswerden“, sagte sie.

Georgias Gesicht wurde heiß. „Ich habe sie unter der Veranda meiner Tante gefunden. Und ich wollte sie nicht loswerden, ich wollte sie verantwortungsvoll abgeben. Das hier ist ein Tierheim.“

Mels Gesichtsausdruck wechselte von skeptisch zu amüsiert. „Du hast recht.“

Sie lächelte, und Georgia berührte instinktiv die Stelle, wo ihr Hals in die Schulter überging – etwas, das sie ihren Klienten immer gleich abgewöhnte, weil es Verletzlichkeit und Schwäche zeigte. Aber genau das empfand sie in Mels Gegenwart.

Mel spähte wieder in den Karton. „Es ist einfach frustrierend, wie viele Leute ihre Katzen nicht kastrieren lassen und dann nicht bereit sind, sich um die Kätzchen zu kümmern.“

„Die Familie Harris wird sich gut um sie kümmern. Also rufe ich sie am besten gleich an“, sagte Seamus. „Endlich mal gute Nachrichten heute.“ Er blickte hinaus zu dem davonfahrenden Nachrichtenwagen.

„Ich habe gerade gehört, dass ihr vielleicht Fördermittel verliert“, sagte Georgia. „Das tut mir wirklich leid.“

Sie hielt inne und blickte wieder zu dem Karton und zu Mel, die auf entzückende Weise versuchte, die Kätzchen darin zu bändigen. Und wieder musste sie sich schwer zusammenreißen. Eine wunderschöne Frau, die Kätzchen hält? Also bitte, das ist der Stoff, aus dem Kalender gemacht werden, oder?

„Ich kann sie gerne zu der Familie bringen“, bot sie an. „Ich habe heute noch nicht viel vor.“

Eine weitere Aufgabe. So langsam begann Georgia, sich wieder wie sie selbst zu fühlen.

Seamus nickte. „Wunderbar. Ich rufe sie gleich an.“ Er blickte zu Mel. „Sie wohnen gleich oben an der Russell Road. Du fährst doch in die Richtung, oder? Warum zeigst du Georgia nicht den Weg?“

„Gerne“, sagte Mel, aber Georgia konnte in ihrer Antwort keine Freude erkennen.

„Danke“, sagte Georgia.

Eine vermisste Katze und ihre Kätzchen bei einer Familie abgeben, die dachte, sie wären für immer verschwunden? Wenn sie nur dieses Nachrichtenteam dazu bringen könnte, zurückzukommen, um ein paar Aufnahmen davon zu machen. Und vielleicht ein oder zwei Aufnahmen von der umwerfenden Tierärztin mit den süßen Kätzchen auf dem Arm.

Georgia sah zu, wie Mel ihre Jacke hinter dem Empfangstresen hervorholte. Eigentlich war sie hier, um sich zu verstecken, ihre Wunden zu lecken und abzuwarten, bis die Meute sich dem nächsten Skandal zuwandte. Doch nun hatte sie ganz unverhofft eine Frau kennengelernt, die sie auf völlig andere Gedanken brachte.

Eigentlich hätte Mel Georgia danken sollen, das wusste sie. Vermutlich sogar überschwänglich – schließlich hatte sie sich wirklich gekümmert. Im Gegensatz zu manchen anderen Menschen, die mitunter regelrecht grausam zu Tieren waren, wie Mel aus ihrer langjährigen Tätigkeit als Tierärztin wusste. Die unterschwellige Wut darüber motivierte sie jeden Tag aufs Neue zur Arbeit. Niemand verdiente ihre Zeit und Aufmerksamkeit mehr als diese Tiere, die niemand mehr wollte und die trotz ihrer Umstände so lieb und so tapfer waren.

Sie hatte früher einmal kurz daran gedacht, in die Onkologie oder sogar in die Zahnmedizin zu gehen, aber sie dankte jeden Tag ihrem Glücksstern, dass sie sich für Tiermedizin entschieden hatte. Es gab viele wunderbare Menschen, aber es gab auch viele miese. Mel wusste das nur zu gut und versuchte jeden Tag, die Stimme in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen, die ihr sagte, dass sie immer ausgerechnet an die schlechten geriet. Deshalb war sie mehr als zufrieden damit, 100 Prozent ihrer Energie denen zu widmen, die ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge zu 100 Prozent auch verdienten.

Diese Georgia hatte Mel hier noch nie gesehen. Sie war in Sunset County aufgewachsen und kannte alle in der Stadt, inklusive der ganzen Ferienhausbesitzer. Von Georgia hatte sie noch nie etwas gehört, und das, obwohl sie eine faszinierende Erscheinung war, was aber bei Mel auch gleich wieder mehr als nur eine Alarmglocke läuten ließ. Zum einen war sie leicht gebräunt, was hier in dieser Gegend Ende Oktober nicht gerade üblich war. Zum anderen trug sie ziemlich unpraktische Kleidung, die zwar dazu führte, dass Mels Blick vielleicht ein oder zwei Sekunden zu lange darauf verweilte, aber definitiv nicht in die Sparte „Jeans und Fleecepullover“ fiel, die hier üblich war. Nein, Georgia sah aus, als wäre sie direkt einem dieser Modemagazine entstiegen, die ihre Schwester Andie immer las und mit deren Schlagzeilen wie „So gibst du im Schlafzimmer und im Sitzungssaal den Ton an!“ oder „Reine Haut von innen heraus!“ Mel sie immer aufzog.

Sie hielt Georgia die Tür auf und folgte ihr dann auf die Straße.

„Fahr mir einfach hinterher. Es sind nur ein paar Minuten die Straße hoch.“ Sie blickte zu Georgias Audi, auf dessen Stoßstange ein Aufkleber der Autovermietung klebte. „Ich hoffe, du hast nicht vor, länger zu bleiben. Diese Reifen kannst du hier oben vergessen, wenn der Schnee kommt.“

Georgia kramte ihren Schlüssel aus der Handtasche. „Der Typ bei der Autovermietung meinte, es wären Allwetterreifen.“

Mel wusste, dass ihre letzte Bemerkung unfreundlich geklungen hatte. Wo hatte sie nur ihre Erziehung gelassen?

„Woher kommst du?“, fragte sie, während Georgia die Tür aufschloss und sich auf den Fahrersitz schwang. Das Auto war definitiv unpraktisch. Aber hinter dem Steuer sah Georgia umwerfend aus.

„LA.“

Jetzt ergab die Bräune Sinn. „Also hast du nicht viel Erfahrung mit dem Winter.“

„Aber aufgewachsen bin ich in einem Vorort von Chicago. Ich weiß, wie das läuft. Wenn das schlechte Wetter kommt, bin ich schon längst wieder weg.“ Sie schenkte Mel ein kurzes Lächeln.

Sie war also nur auf der Durchreise. Die meisten Ferienhausbesitzer in Sunset County kamen aus Toronto, aber hin und wieder verirrte sich auch schon mal jemand von weiter her in die Gegend.

„Das ist mein Wagen“, sagte Mel mit einer Kopfbewegung zu ihrem silbernen Pick-up. „Ich fahre voraus.“

Während Mel sich anschnallte, beobachtete sie im Rückspiegel, wie Georgia aus irgendeinem Grund Lippenstift auftrug und mit der Hand ihr seidiges, karamellblondes Haar zurechtzupfte. Mel räusperte sich und schüttelte den Kopf. Sie würde Georgia zum Haus der Harris’ lotsen und dann weiterfahren. Eine Sache, die Mel schon immer mit Tieren gemeinsam gehabt hatte, war ein ausgeprägter Instinkt. Und ihr Instinkt sagte ihr, dass Georgia zwar umwerfend schön sein mochte, aber Ärger bedeutete. Wenn es um Kampf oder Flucht ging, hatte Mel zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben schon genug gelernt, um zu wissen, dass Flucht einem auf lange Sicht weniger Probleme bereitete.

Sie lotste Georgia durch die kurvigen Straßen im Außenbereich der Stadt und bog dann in die lange Schotterauffahrt ein, die zum Haus der Harris’ führte. Die Familie, die offensichtlich Seamus’ Anruf erhalten hatte, hatte sich auf der Veranda versammelt und wartete darauf, ihr geliebtes Haustier willkommen zu heißen. Hoffentlich waren sie bereit, sechs weitere aufzunehmen. Mel fuhr am Anfang der Auffahrt rechts ran und kurbelte ihr Fenster herunter, als Georgia neben ihr hielt.

„Da sind wir“, sagte Mel. „Alles Gute.“

„Du kommst nicht mit?“, fragte Georgia. „Und wenn sie Fragen haben? Ich habe absolut keine Ahnung, wie man Kätzchen versorgt.“

Mel überlegte. Georgia hatte recht. Sie seufzte und schaltete wieder in den Fahrmodus. Sie würde ein paar Minuten bleiben, um sicherzustellen, dass die Familie für die Pflege ihrer neuen Haustiere gerüstet war, und dann zurück in ihre Praxis in der Stadt fahren, um den Berg Papierkram zu erledigen, der auf sie wartete. Ein hoher, langweiliger Berg Papierkram, der aber perfekt dafür geeignet war, sie davon abzulenken, wie kribbelig sie sich fühlte, seit Georgia mit ihrem Karton ins Tierheim gestürmt war. Ihre geradezu magnetische Energie weckte etwas in Mel, das sie in den letzten drei Jahren mühsam verdrängt hatte. Seit dem Augenblick, in dem sich alles, woran sie geglaubt hatte, und das Leben, das sie für glücklich gehalten hatte, als komplette Farce erwiesen hatten.

Also musste sie Abstand von Georgia halten – trotz des unbestimmten Verlangens, ihr näherzukommen.

Mel fuhr weiter bis zum Haus, wo die beiden kleinen Mädchen auf der Veranda strahlend auf und ab hüpften. Sie blieb noch sitzen und sah zu, wie Georgia den Karton vom Rücksitz nahm – hatte sie ihn angeschnallt? – und ihn dann stolz den Mädchen überreichte, die mit Erlaubnis ihrer Eltern auf Georgia zugerannt waren und sie fast umwarfen. Es war eine herzerwärmende Szene. Mel bemühte sich, nicht zu grinsen, dann stieg sie aus ihrem Pick-up.

„Molly!“, rief das jüngere Mädchen und hob die Mutterkatze aus dem Karton in ihre Arme. Das größere Mädchen drückte beide fest an sich. „Wir dachten, du wärst für immer weg.“

Die Kleine löste sich aus der Umarmung und spähte in den Karton. „Mama, Papa, schaut euch die Kätzchen an! Die sind so süß!“, rief sie aus und hob vorsichtig eines heraus. „Wir behalten sie doch, oder?“

„Mal sehen“, sagte der Vater. „Sieben Katzen in einem Haus sind ganz schön viel.“

„Das könnte auch ein Verstoß gegen die Stadtverordnung sein“, sagte Mel.

Georgia warf ihr einen finsteren Blick zu. Na ja, jemand musste ja die Vernünftige sein, oder?

„Ich bin sicher, wir finden für ein paar dieser Süßen ein Zuhause“, sagte Mrs. Harris nach einem Blick in den Karton. „Wir sind dir so dankbar, dass du Molly gefunden und dich um sie gekümmert hast. Hier sind schon viele Tränen geflossen.“

„Ich bin einfach froh, dass sie wieder zu Hause ist“, sagte Georgia strahlend.

Mel schluckte schwer, als Georgia sich mit der Hand durchs Haar strich und es ihr über den Rücken fiel. Nur allzu leicht konnte sie sich vorstellen, ihre Finger in dieser Fülle zu vergraben.

Georgia griff in den Karton und hob das orange-weiße Kätzchen heraus, das sich zuvor in ihrem Pullover verfangen hatte.

„Du bist zu Hause, Kleines“, gurrte sie und drückte das winzige Tierchen an ihr Gesicht. Mel schnappte nach Luft bei dem Gedanken, ihre makellose, gebräunte Haut ebenfalls so zu berühren. Es war wirklich Zeit für sie, zu gehen.

„Er mag dich“, sagte das kleinere Mädchen zu Georgia.

„Sag uns Bescheid, wenn du ihn haben willst. Du kannst ihn in der Zwischenzeit besuchen“, sagte ihr Vater.

Georgia lachte. „Oh nein, das geht nicht. Ich bin nur kurz in der Stadt. Viel Glück dabei, ein Zuhause für sie zu finden.“

Nach weiterem Small Talk und Dankesworten sowie ein paar Pflegehinweisen von Mel winkte die Familie zum Abschied und trug den Karton ins Haus, während Mel und Georgia zusammen draußen stehen blieben.

„Da hast du deine tägliche gute Tat ja schon erledigt“, bemerkte Mel. „Das gibt Karmapunkte.“

„Ha!“, sagte Georgia und verdrehte die Augen. „Die kann ich auch wirklich gut gebrauchen.“

Mel hatte keine Ahnung, was sie meinte, und hatte auch nicht vor, nachzufragen, aber es bestätigte ihren Eindruck von Georgia O’Neill: Probleme.

„Na gut, dann genieß die Zeit mit deiner Tante“, sagte Mel und wandte sich ihrem Wagen zu.

„Meine Tante ist leider letzten Monat verstorben. Ich bin nur hier – na ja, ich regle ihren Nachlass.“

Mel drehte sich wieder um. „Nanny?“, fragte sie.

Georgia blickte verwirrt drein. „Sie hieß Nina. Nina Miller.“

„Wir alle …“ Mel musste sich kurz sammeln. „Jeder in der Stadt nannte sie Nanny. Sie war wie jedermanns Großmutter.“

„Das wusste ich nicht.“ Georgia blickte weg, als sie das sagte. Hatten Georgia und ihre Tante sich nahegestanden? Vielleicht sagte sie auch nicht die Wahrheit. Mel war noch nie gut darin gewesen, Lügen zu erkennen – ein entscheidender Nachteil, der dazu geführt hatte, dass sie sich die Finger verbrannt hatte. Abgefackelt, um genauer zu sein.

Als sie Georgias traurigen Gesichtsausdruck sah, wurde Mel weich. „Mein Beileid wegen deiner Tante. Sie war eine erstaunliche Frau.“

Georgias Augen füllten sich mit Tränen. Mel musste dringend hier weg.

„Es gibt viele hilfsbereite Leute in der Stadt, falls du irgendetwas brauchst“, sagte sie.

Und es stimmte. Mel hatte Sunset County nur verlassen, um zu studieren und erste Erfahrungen als Tierärztin zu sammeln. Das Kleinstadtleben und die Art, wie die Menschen sich hier umeinander kümmerten, bedeuteten ihr viel.

Georgia schwieg, und Mel spürte, dass sie auf etwas wartete, aber sie sagte nichts. Sie war zu Höflichkeit erzogen worden, aber Therapeutin war sie nicht.

„Ja, na gut, dann danke, dass du mich hergebracht hast“, sagte Georgia. „Und viel Glück mit den restlichen Tieren im Tierheim.“

Wieder spürte Mel die Verletzlichkeit, die durch Georgias selbstbewusstes, selbstsicheres Auftreten hindurchschimmerte – und wie empfänglich sie dafür war. Erleichtert sah sie zu, wie Georgia in ihr Auto stieg, und erwiderte ihr Winken, als sie davonfuhr.

Mit einem tiefen Seufzer stieg sie wieder in ihren Pick-up und zwang sich, durchzuatmen. Aber sie würde wohl etwas mehr als ein paar tiefe Atemzüge brauchen, um sich von der Begegnung mit Georgia zu erholen. Georgia war wie ein Funke in der Dunkelheit. Wie ein Hauch frischer Luft. Und jemand, der ihr Urteilsvermögen bedenklich trüben konnte.

Doch wenn Mel in den letzten Jahren etwas gelernt hatte, dann, dass das Leben einem auf alle möglichen Arten den Boden unter den Füßen wegziehen konnte. Und genau deshalb zog sie es vor, immer standhaft zu bleiben.

2. KAPITEL

Ein kleines Päckchen stand auf der Veranda von Tante Ninas Häuschen. Das konnte nur von einer Person stammen. Obwohl Georgia vorhatte, sich hier in den nächsten Wochen zu verstecken, hatte sie zumindest ihrer besten Freundin Paulina unter strengster Geheimhaltung ihren genauen Aufenthaltsort mitgeteilt – für den Fall, dass ihr etwas Schreckliches zustoßen sollte.

So weit, so gut. Sie hatte nicht damit gerechnet, zur Heldin zu werden, kaum dass sie in der Stadt angekommen war, aber sie musste zugeben, dass es schön gewesen war, die glücklichen Gesichter der Mädchen zu sehen, als sie Molly und die Kätzchen zurückgebracht hatte.

Und dann war da noch Mel Carter. Die Tierärztin sah aus, als käme sie direkt von einem Casting für die Rolle der Landtierärztin. Sie war das perfekte Klischee von „Ich bin keine Ärztin, aber ich spiele eine im Fernsehen“. Im Ernst. Die Frau war umwerfend, und es ärgerte Georgia maßlos, dass Mel ihren Versuch, eine gute Tat zu vollbringen, so abgetan hatte. Sogar kritisiert! Dieser Kommentar, sie sei zu unverantwortlich, um ihre Katze kastrieren zu lassen? Wäre da nicht ihr entwaffnender, durchdringender Blick und die subtile Selbstsicherheit gewesen, hätte Georgia vielleicht schlagfertig geantwortet – ein Talent, das sie selten im Stich ließ.

Sie seufzte und trug das Paket in das mit Redwood-Schindeln gedeckte Cottage, in dem ihre Tante die letzten dreißig Jahre gelebt hatte – außer, wenn sie Georgia und ihre Eltern in San Diego besucht hatte, als Georgia noch klein war, oder in Evanston, als sie ein Teenager war. Doch da hatten bereits Sommerkurse, SAT-Vorbereitung und Wettkampftennis Georgias Terminkalender beherrscht, die zu dem sorgfältig vorgezeichneten Weg gehörten, den ihre Eltern für sie bestimmt hatten, sodass Georgia nie die Zeit gehabt hatte, einen Sommer bei Nina zu verbringen. Aber sie hatte es geliebt, wenn ihre Tante zu Besuch kam. Nina war zehn Jahre jünger als ihre Schwester, Georgias Mutter, und interessierte sich für Georgias Leben fernab von ihren Schularbeiten und außerschulischen Leistungen. Ein Besuch von Nina versprach immer unbeschwerten Spaß, wie Ausflüge zum Softeiswagen zum Frühstück oder stundenlange Monopoly-Partien. Georgia nahm an, dass es hinter den Kulissen einige Verhandlungen gegeben hatte und ihre Eltern Ninas Missachtung von Georgias üblichen Routinen nur duldeten, weil sie dann ohne allzu große Schuldgefühle auf längere Forschungsreisen gehen konnten.

Im Eingangsbereich von Ninas Haus verspürte sie dieselbe Ruhe, die ihre Tante in jeden Raum gebracht hatte, den sie betrat. Es war ein kleines Haus, aber makellos gepflegt. Das mit Holz vertäfelte Wohnzimmer hatte eine Fensterfront mit Blick auf eine kleine, von Bäumen gesäumte Bucht des Robescarres-Sees, die etwas Privatsphäre vor den vorbeifahrenden Schnellbooten, Kanus und Kajaks bot. Links vom Wohnzimmer befand sich ein Schlafzimmer, und rechts vom Eingang lag eine kleine, helle Küche, durch deren Fenster man beim Kochen den Wald sah.

Also war Nina hier von allen Nanny genannt worden. Dass Mel ihre Tante kannte, überraschte Georgia nicht. Nina war sehr kontaktfreudig und konnte kaum zehn Meter die Straße entlanggehen, ohne ein zwangloses Gespräch mit demjenigen anzufangen, der gerade vorbeikam. Aber die Art, wie Mel den Spitznamen ihrer Tante so beiläufig hatte fallen lassen, als hätte Georgia das wissen müssen, machte ihr noch immer zu schaffen.

Sie ließ sich auf das abgenutzte grüne Cordsofa fallen, das zwar keinen Designpreis gewinnen würde, sich aber wie eine perfekte Umarmung anfühlte – die Art von Sofa, auf dem man einen ganzen Tag verbringen konnte, um Krimis zu lesen und heiße Schokolade zu trinken. Sie betrachtete das Paket in ihren Händen und lachte leise über den Namen, den Paulina als Adresse angegeben hatte: „Hurricane Georgia“. Paulina durfte das, bei jedem anderen hätte Georgia noch nicht darüber lachen können.

Zum millionsten Mal dachte Georgia an das Ereignis, das ihr diesen Spitznamen eingebracht hatte. Wie konnten dreißig Sekunden fast alles zerstören, wofür sie all die Jahre gearbeitet hatte? Wie lange würde sie noch die Lachnummer der Branche sein, die größte Ironie in Person: die PR-Beraterin, die sich die schlechteste PR aller Zeiten eingehandelt hatte?

Es war jetzt drei Wochen her. Georgia hatte vorher gewusst, dass die noble Spendengala inklusive rotem Teppich ein schwieriger Abend werden würde, aber sie hatte gedacht, sie würde es hinkriegen. Ein paar Tage vorher hatte sie die Nachricht erhalten, dass Nina ihren Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hatte. Und dass sie keinerlei Beerdigung oder Abschiedsfeier gewollt hatte. Georgia war in schwerer Trauer und zerbrach innerlich fast, gab sich aber größte Mühe, im Job die Fassung zu bewahren. Sie hatte es schließlich immer geschafft, Dinge voneinander zu trennen.

Was sie nicht erwartet hatte, war die Kombination aus dieser Trauer und dem unglaublichen Druck, unter dem sie in den ersten drei Monaten ihrer neuen Rolle als Spezialistin für Markenreputation und Krisenkommunikation bei Herstein PR gestanden hatte. Die Firma war eine der weltweit führenden Agenturen mit Niederlassungen in LA, London, Miami, Toronto und New York, und Georgia hatte ihr in den letzten Jahren ihre komplette Zeit und Energie gewidmet, um Karriere zu machen.

Jetzt war sie nicht nur dafür verantwortlich, für einige der Top-Kunden riesige Pannen zu vertuschen oder zu verharmlosen, sondern sie betreute auf besonderen Wunsch hin weiterhin einen weiblichen Tennisstar, der nur mit Georgia zu tun haben wollte und damit drohte, die Agentur zu wechseln, wenn sie nicht weiterhin für sie da wäre. Die Sportlerin war einer der Stargäste der Benefizgala gewesen. Georgia hatte sie auf dem roten Teppich begleitet und war während der zahlreichen Interviews nicht von ihrer Seite gewichen – bis einer der Journalisten vom vereinbarten Skript abwich. Anstatt nach ihren sportlichen Fähigkeiten und ihren vielen Erfolgen – sowohl auf dem Platz als auch bei ihrer philanthropischen Arbeit – zu fragen, hatte der Reporter die Starathletin auf ihr Liebesleben und ihr Gewicht angesprochen. Sie hatte etwas zugenommen und war deshalb Gegenstand massiver Spekulationen der Boulevardpresse – war sie schwanger? War sie es nicht? Georgia wusste ganz genau, dass sie es nicht war, und hatte fieberhaft versucht, einen Weg zu finden, das Interview zu beenden, ohne eine Szene zu machen.

Der entscheidende Moment kam, als der Journalist eine noch beleidigendere Frage stellte und andeutete, dass das Gewicht der Tennisgröße und ihre jüngste katastrophale Niederlage im Finale der US Open direkt zusammenhingen.

An viel erinnerte sich Georgia danach nicht mehr, aber die Videos, die unmittelbar nach dem Vorfall in den sozialen Medien viral gingen, füllten die Erinnerungslücken mühelos.

Georgia hatte die Tennisspielerin zunächst mit dem Ellbogen aus dem Weg gestoßen, um sie daran zu hindern, die Frage zu beantworten, dann hatte sie dem Reporter kräftig die Meinung gesagt, indem sie Schimpfwörter benutzte, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass sie zu ihrem Wortschatz gehörten. Und zum krönenden Abschluss ihrer ausdrucksstarken Darbietung hatte sie das volle Weinglas der Tennisspielerin in Richtung des Journalisten geschleudert, der, wie sich herausstellte, ein ehemaliger College-Badmintonspieler war und über enorme Reflexe verfügte, sodass er sich ducken konnte, bevor er von dem Geschoss getroffen wurde.

Zu allem Überfluss befand sich die mehrfach Oscar-gekrönte Schauspielerin Aurelia Martin, die die Veranstaltung moderierte, zufällig direkt hinter dem Journalisten, weil sie gerade selbst ein Interview gab, und sie trug ein atemberaubendes weißes Valentino-Kleid, das durch Georgias Angriff von oben bis unten mit Rotwein bekleckert wurde.

Und all das war auf Video festgehalten. Aus mehreren Blickwinkeln. Es gab so viele Reels, dass die Nachrichtenagenturen eine 360-Grad-Zusammenstellung zusammenschneiden konnten, die dann auf TikTok und Instagram und auch sonst überall landete, wo Millionen von Menschen das dramatische Ereignis und Georgias völlige und totale Demütigung immer und immer wieder anschauen konnten.

Und dann kamen die Memes. Objektiv betrachtet waren einige davon ziemlich clever, und wäre Georgia nicht die tragende Figur dieser Witze gewesen, hätte sie über diese Flutwelle von Lustigkeit vielleicht lächeln können. Sie hatte die Macht der sozialen Medien schließlich immer schon bewundert. 

Ihr Zusammenbruch hatte dazu geführt, dass der Vizepräsident des Unternehmens Georgia eine „Wellness-Pause“ verordnet hatte. Nachdem sie sich vom Schock erholt hatte – schließlich konnte dieses erzwungene Exil ernsthafte Auswirkungen auf ihre bis vor Kurzem vielversprechende Karriere haben –, prüfte Georgia ihre Optionen. Das Unternehmen besaß eine Villa auf den Turks- und Caicosinseln, aber dort würde sie ständig Klienten über den Weg laufen. Sie spielte kurz mit dem Gedanken, auf einem Schweigeretreat in Colorado abzutauchen oder sich auch einfach nur eine ganze Weile unter ihrer Bettdecke zu verkriechen, doch als sie den Anruf von dem Anwalt erhielt, der den Nachlass ihrer Tante abwickelte, und er ihr mitteilte, dass Nina ihr alles hinterlassen hatte, kam ihr das wie ein Wink des Schicksals vor. Eine kleine Stadt im kanadischen Nirgendwo erschien ihr wie das perfekte Versteck.

Ihre Tante würde zwar nicht da sein, aber Georgia hatte gehofft, dass der Aufenthalt in ihrem Haus, umgeben von ihren Sachen, ihr die Sicherheit und Orientierung geben würde, die sie brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen und sich von diesem Fiasko zu erholen. Nina war immer ihre Mentorin gewesen. Jetzt, wo sie nicht mehr da war, sehnte sich Georgia danach, zumindest ihren Geist zu spüren. Ganz zu schweigen davon, dass die Abwicklung des Nachlasses ihr eine Ablenkung bieten würde, auch wenn im typischen Nina-Stil alles so gut organisiert und das Haus so ordentlich und aufgeräumt war, dass es eigentlich nicht viel zu tun gab.

Georgias Eltern waren, wie immer, an irgendeinem weit entfernten Ort unterwegs – war es diesmal die Provinz Krabi in Thailand? –, um Forschungen zur Evolution von Infektionskrankheiten durchzuführen, und überließen die Aufgabe gerne ihrem einzigen Kind, das sich ohnehin mehr zu Nina hingezogen gefühlt hatte als zu ihnen.

Georgias Ziel war es, das Haus in der nächsten Woche auf den Markt zu bringen – rechtzeitig in den letzten Herbstwochen, denn danach begann – wie sie gelesen hatte – der Winter, und der Immobilienmarkt in Sunset County wurde träge. Danach würde sie wieder im Büro willkommen sein und konnte dort weitermachen, wo sie aufgehört hatte: den Stars und Sportlern in LA dabei zu helfen, ihr öffentliches Image zu bewahren.

Mit diesem beruhigenden Gedanken wandte sie sich wieder Paulinas Paket zu. Als sie den Deckel öffnete und den Inhalt sah, musste sie lachen. Paulina kannte sie gut. In dem Polster aus geschreddertem Papier lagen eine Flasche ihres Lieblingsrotweins von dem Weingut in Sonoma, das sie beide liebten, ein Tiegel mit einer Gesichtsmaske von Dr. Barbara Sturm, ein Paar flauschige, knallpinke Gucci-Hausschuhe und eine handschriftliche Notiz „Damit du dein Zen wiederfindest! xoxo – P.“

Georgia griff automatisch nach ihrem Handy, um ihrer Freundin zu texten, doch sie griff ins Leere, denn sie hatte es in den Brotkasten zurückgelegt, wo sie es, wie sie sich selbst versprochen hatte, bis 16 Uhr lassen würde.

Es war erst halb zwei.

Unschlüssig blickte sie sich im Wohnzimmer um, auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Sie musste das Haus ein wenig herrichten, bevor sie es auf den Markt bringen konnte, aber das eilte nicht.

Die Energie, die sie seit Mels Anwesenheit spürte, war noch immer da, und sie hatte vor, Mel zu googeln, sobald sie ihr Handy befreit hatte. Bestimmt hatte sie online ein makelloses Profil, und das, obwohl ihre Manieren nicht die besten waren. Doch Georgia hatte auch ein paar Tricks im Ärmel. Sie fand – gut trainiert von der Arbeit mit ihren Klienten – immer irgendetwas, das sonst niemand fand.

Und wenn nicht, konnte sie immerhin ein paar Minuten lang Mels Profilbilder studieren. Ihre rosa Lippen. Diese tiefbraunen Augen, die einen vergessen lassen konnten, dass Atmen für Menschen unerlässlich war. Die lässige Art, wie sie ihre dunklen, glänzenden Locken hinters Ohr strich. Georgia überlief ein wohliger Schauer.

Ja, sie hatte wirklich gerade jede Menge Energie, und sie musste sie dringend loswerden.

Sie zog ihre Laufkleidung an, machte ein paar Dehnübungen und begann ihren Lauf auf den Landstraßen rund um Ninas Häuschen. Sie fand ein angenehmes Tempo und atmete die kühle Herbstluft ein, die einen schwachen Hauch von Lagerfeuerrauch mit sich trug, sich aber sauberer anfühlte als jede Luft, die sie je eingeatmet hatte. Georgia war an die Hügel in der Nähe ihres Zuhauses in Hollywood gewöhnt und verspürte einen plötzlichen Energieschub, dem sie nachgab, bis sie schließlich den Zustand erreichte, den sie am Joggen am meisten liebte: den Moment, in dem ihr Kopf völlig leer war und ihr einziger Fokus darauf lag, den nächsten imaginären Etappenpunkt zu erreichen, den sie sich auf dem vor ihr liegenden Weg gesetzt hatte.

Die Straßen am Rande von Sunset County hatten auf beiden Seiten einen breiten Schotterstreifen, sodass Georgia sich sicher fühlte, selbst wenn gelegentlich ein Auto oder Motorrad vorbeirauschte. Jedes Mal, wenn eine quälende Erinnerung an die letzten Wochen in ihr aufstieg, erhöhte Georgia das Tempo ein wenig, und die zusätzliche Herausforderung half ihr, die störenden Gedanken zu unterdrücken.

Ihre Uhr signalisierte ihr, dass sie die Fünf-Kilometer-Marke erreicht hatte. Vor einem markanten, modern anmutenden Haus, das im Vergleich zu den anderen Häusern und Cottages in der Gegend ein wenig fehl am Platz wirkte, verlangsamte sie ihren Schritt zu einem gemächlichen Gehen. Die breiten Fenster spiegelten die Bäume um das Haus herum so wider, dass der Wald dort weiterzugehen schien, als wolle sich das Haus tarnen.

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