Unter der Sonne Jamaikas

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Er wird alles tun, damit Erin als Krankenhaus-Leiterin scheitert! Dann kann Adam das Hospital zurückkaufen. Doch plötzlich ist alles anders. Obwohl er sie doch hassen sollte, will er nur noch eines: Die süße Ärztin soll für immer bei ihm bleiben!


  • Erscheinungstag 22.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547901
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Dianne Drake

Unter der Sonne Jamaikas

1. KAPITEL

Noch einmal überflog Erin Glover den Brief, den sie schon ein Dutzend Mal gelesen hatte. Eine Frechheit war das! Sie hatte den verlangten Kaufpreis akzeptiert und, nachdem dieser Adam Coulson plötzlich einen Rückzieher gemacht hatte, sogar noch einmal zehn Prozent draufgelegt. Er war einverstanden gewesen, und sie hatte ihm sofort die Kaufsumme überwiesen. Aber jetzt verweigerte er ihr plötzlich die Besitzurkunde. Das war schlichtweg Betrug! Denn rein rechtlich gehörte ihr dieses Stück Land bereits. Und jetzt wollte sich der Herr das Ganze noch einmal überlegen, stand in diesem Brief. Überlegen!

Wozu? Außer ihr gab es doch niemanden, der an diesem Fleckchen Erde interessiert war, das wusste sie von ihrem Makler. Wer brauchte auch schon ein altes Missionskrankenhaus am Strand? Das zudem nicht einmal in einer Touristenregion von Jamaika lag, sondern in einem abgelegenen Teil der Insel. Wirtschaftlich völlig uninteressant – aber für ihr Vorhaben genau das Richtige. Nein, da gab es nichts mehr zu überlegen. Verkauft war verkauft! Gut, wenn er ihr die Urkunde jetzt aushändigte, würde sie auf eine gerichtliche Klage verzichten. Aber wenn nicht … dann würde sie dem Mann den Kampf seines Lebens liefern. So viel stand fest!

„Verzeihen Sie, ich suche Adam Coulson“, wandte sich Erin an den Barmann. Eine attraktive Erscheinung: groß, breite Schultern, zerzaustes sandfarbenes Haar, Augen in der Farbe des Meeres – nicht grün, nicht blau, irgendwo dazwischen. Auf den ersten Blick ein wirklich interessanter Mann, wären da nicht der grimmige Gesichtsausdruck gewesen und die Tatsache, dass er sich von ihr abwandte, während sie mit ihm redete. Das passte so gar nicht zu dem lockeren Ambiente des Trinique.

Das Trinique war eine Strandbar. Etwas heruntergekommen, aber freundlich – von diesem Barmann einmal abgesehen. Im Hintergrund lief Calypso-Musik, an der Decke hing ein löchriges Fischernetz mit Krabben und bunten Plastikfischen. Die Drinks wurden in einfachen Gläsern serviert und nicht in Kokosnüssen oder ausgehöhlten Ananas, wie in den schicken Resorts – ganz offensichtlich war dies keine der Touristenbars, wie es auf der Insel so viele gab. Und die Gäste in der Bar sahen auch nicht wie Urlauber aus. Nein, das Trinique schien eine typische Bar für die Einheimischen zu sein, die sich hier bei einem Drink unterhalten und Musik hören wollten. Erin gefiel das, ihr gefiel bisher alles an diesem Strand … nur nicht dieser Barmann.

„Kennen Sie Adam Coulson?“

Der Kerl machte keinerlei Anstalten, sich umzudrehen und ihre Frage zu beantworten. Im Gegenteil, er schien alles daranzusetzen, sie vor den Kopf zu stoßen, und polierte weiterhin schweigend ein angeschlagenes Bierglas. Warum? Weil sie eine Fremde war? Oder weil er sie für eine alleinstehende Frau hielt, die auf ein amouröses Abenteuer aus war? Wie auch immer, dachte Erin: So leicht wimmelst du mich nicht ab.

„Ich sagte …“

„Ich habe Sie schon verstanden“, knurrte er, wandte den Kopf zu ihr und musterte sie ungeniert von oben bis unten. „Aber das hier ist nicht die Touristeninformation.“

„Was ist nur aus der jamaikanischen Gastfreundschaft geworden, für die diese Insel so berühmt ist? Sie wissen schon: freundliche Gesichter, gute Manieren, höflicher Umgang mit Fremden.“

„Wo haben Sie das denn gelesen?“

„Hören Sie, ich wollte nur wissen, ob Sie einen Adam Coulson kennen. Eine ganz simple Frage. Und ich bin auch bereit, für eine Antwort zu bezahlen.“ Erin blätterte ein paar jamaikanische Banknoten auf den Tresen, umgerechnet etwa zwanzig Dollar. „Reicht das für eine Auskunft?“ Ihr Makler hatte ihr geraten, im Trinique nach Mr Coulson zu fragen, doch anscheinend war sie hier falsch.

Jetzt drehte sich der Barmann um, stopfte das Geld in seine Tasche und meinte: „Ja.“

„Was, ja?“

„Ja, ich kenne Adam Coulson.“

„Und?“

„Ich habe Ihre Frage beantwortet, und damit ist das Geschäft gelaufen.“

„Heißt das, Sie wollen mehr Geld?“

„Nein. Zweitausend sind genug. Zumal sie leicht verdient waren.“ Er grinste, salutierte spöttisch und nahm sich das nächste Glas vor.

Doch so einfach wollte Erin sich nicht abspeisen lassen. Schon gar nicht von so einem unverschämten Kerl. Sechs Monate hatte sie auf diesen Moment hingearbeitet, und nichts würde sie von ihrem Ziel abhalten. Nichts! Zeit war im Moment ihr kostbarstes Gut, denn ihr Vater litt unter einer schweren Augenkrankheit und würde über kurz oder lang erblinden. Deshalb durfte sie sich nicht länger von einem Dr. Adam Coulson oder diesem arroganten Barmann hinhalten lassen. „Von Ihnen lasse ich mich nicht austricksen“, erklärte sie wütend. „Geben Sie mir mein Geld zurück, oder sagen Sie mir endlich, wo ich Adam Coulson finden kann.“

Er sah sie einen Moment lang an, schien zu überlegen, drehte sich dann aber wortlos um und polierte weiter an einem blitzblanken Glas herum. Der jamaikanische Sänger im Hintergrund, ein junger Mann mit Dreadlocks bis zu den Hüften und einem Lachen, das die schlechte Laune des Barmanns beinahe wieder wettmachte, drehte den Verstärker lauter und hämmerte so enthusiastisch auf seine Steeldrums ein, dass sich die Gäste in der kleinen Strandhütte nur noch schreiend unterhalten konnten.

Reine Zeitvergeudung, dachte Erin. Im Gegensatz zu all den freundlichen Einheimischen, denen sie bis jetzt begegnet war, benahm sich dieser Barmann, der nicht einmal Jamaikaner zu sein schien, einfach unmöglich. Nein, sie musste sich ihre Informationen anderswo besorgen.

Erin machte auf dem Absatz kehrt und verließ wutschnaubend die Bar. Sie ärgerte sich gar nicht so sehr über das verlorene Geld, aber darüber, dass sie von diesem Kerl übers Ohr gehauen worden war. Dabei hatte ihr Vater ihr beigebracht, wie man sich in der Welt durchschlug, egal in welcher Situation.

Dr. Algernon Glover, ihr Adoptivvater. Sie waren schon ein seltsames Paar: Er war Jamaikaner, Erin war Irin. Für manche Menschen ein Grund, sie anzustarren, für Erin jedoch völlig normal. Sie war fünf Jahre alt und todkrank gewesen, als sie ihren Vater kennengelernt hatte. Heute wusste sie, dass sie diesem Mann ihr Leben verdankte. Sie liebte ihn wie niemanden sonst auf der Welt. Ihm galt ihr größtes Ziel. Und sie war nicht gewillt, sich von einem dämlichen Barmann Steine in den Weg legen zu lassen.

„Er ist derjenige, den Sie suchen.“

An der Tür drehte sich Erin um. „Wer?“

„Ich habe Ihre Unterhaltung mitgehört und gesehen, wie er Sie behandelt hat. Eine Schande. Aber ihm geht im Moment eine Menge durch den Kopf. Er hat sein Land verkauft, was er jetzt im Nachhinein zutiefst bedauert.“

Es war der Sänger, der anscheinend bereitwillig Auskunft geben wollte, ohne dafür die Hand aufzuhalten. Wie Erin jetzt sah, war er viel jünger, als sie anfangs gedacht hatte. „Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe“, erwiderte sie und hielt sich diesmal an den Rat ihres Vaters, immer auf der Hut zu sein zu sein.

„Adam Coulson. Der, den Sie suchen. Und Sie sind die Ärztin, die sein Land kaufen will, richtig? Dr. Glover. Wir haben schon gehört, dass Sie auf dem Weg hierher sind und ihn suchen.“

„Genau genommen, habe ich sein Land bereits gekauft.“ Erin war verblüfft, wie schnell sich ihre Ankunft herumgesprochen hatte.

„Da steht er.“ Er deutete auf den Barmann. „Der freundliche Herr, der die Zähne bleckt und knurrt wie ein Hund, dem man den Knochen weggenommen hat.“

„Das kann nicht sein. Der Adam Coulson, den ich sprechen möchte, ist Arzt hier vor Ort. Der Mann dort drüben sieht eher aus wie ein notorischer Griesgram.“

„Das eine schließt das andere nicht aus. Darf ich vorstellen? Adam Coulson, unser verehrter Herr Doktor, ein prima Arzt und ein leidenschaftlicher Griesgram.“ Er streckte Erin die Hand hin. „Und ich bin Davion Thomas. Sänger im Trinique, zukünftiger Medizinstudent und im Augenblick bei Adam Coulson als Assistent angestellt … bei dem Arzt, nicht beim Griesgram.“ Er deutete nochmals auf den Mann hinter der Bar.

„Warum hat er mir nicht gesagt, wer er ist?“

„Weil Sie vermutlich diejenige sind, der er sein Land verkauft hat, was er inzwischen zutiefst bereut und weswegen er Sie nicht leiden kann.“

„Interessant, dann bin ich also die Böse, weil ich gekauft habe, was er mir angeboten hat?“

„Sieht ganz danach aus. Irgendwann wird er sicherlich über seine Fehlentscheidung hinwegkommen, aber das kann eine Weile dauern. Adam ist ein starrköpfiger Mann mit einem starken Willen.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach in der Zwischenzeit tun, bis er seine Fehlentscheidung verdaut hat?“

Davion zuckte die Achseln. „Ihm aus dem Weg gehen.“

„Ich habe keine Zeit, dem Herrn aus dem Weg zu gehen. Ich bin hier, um den Kauf meines Grundstücks abzuschließen.“

„Ihr Grundstück, seine Träume. Er wird sich daran gewöhnen, dass er sich von seinen Träumen verabschieden muss. Aber Ihr Auftauchen hier setzt ihm doch ordentlich zu.“

Erin wusste, was es bedeutete, einen Traum aufgeben zu müssen, und empfand beinahe ein wenig Mitgefühl für Adam Coulson. Aber Geschäft war nun mal Geschäft. „Verstehe“, sagte sie und warf einen Blick zur Bar. Coulson drehte ihr weiterhin den Rücken zu. „Dann ist er also der Doktor und der Barmann hier?“ Seltsame Kombination, dachte sie.

Davion machte ein paar Schritte auf sie zu, als wollte er ihr etwas anvertrauen, das nicht für andere Ohren bestimmt war. „Er arbeitet natürlich nicht regelmäßig in der Bar, sondern hilft nur manchmal aus. Dr. Coulson ist ein guter Mensch und ein hervorragender Arzt, der hier in Regina und der Umgebung allen Kranken hilft, auch denjenigen, die kein Geld für eine Behandlung haben. Und das sind viele. Aber privat lässt er sich nicht gern mit Menschen ein.“

In Erin keimte ein Gefühl von Bewunderung für Coulson, den Arzt, auf – das jedoch sofort wieder verschwand, als sie an sein mürrisches Gesicht dachte. „Es freut mich, dass er so selbstlos ist, aber das hat nichts mit mir zu tun. Ich will nur den Papierkram für mein erworbenes Land abwickeln, und das war es auch schon.“

„Aber er möchte nicht mehr an Sie verkaufen.“

„Er hat bereits verkauft. Und mein Geld genommen.“ Sie mochte Davion, er war ein charmanter Bursche und erstaunlich reif für sein Alter. Doch sie hätte es vorgezogen, diese Unterhaltung mit Adam Coulson persönlich zu führen.

„Wissen Sie, er macht sich Sorgen, wie er seine Praxis aufrechterhalten kann. Hier werden die Leute genauso krank wie überall, aber da sie kaum etwas bezahlen können, muss er größtenteils selbst für Medikamente und dergleichen aufkommen. Und das ist nicht leicht.“

Davion erzählte ihr mehr, als sie wissen wollte. Dabei interessierte Erin im Augenblick nur ihr Krankenhaus – ein Klinikgebäude und mehrere Pavillons mit Krankenzimmern. In Strandnähe. Das war ihr Traum. Und der ihres Vaters. „Hör mal, ich muss unbedingt mit ihm sprechen. Kannst du mir sagen, wo seine Praxis ist? Ich könnte dort auf ihn warten, bis er mit seiner Arbeit in der Bar fertig ist.“

„Das kann dauern, bis wir zumachen. Wir schließen selten vor drei Uhr. Und seine Praxis … ich glaube nicht, dass Sie ihn dort antreffen werden. Im Augenblick kommen die Patienten hierher ins Trinique.“

„Drei Uhr?“

„Vielleicht auch später, wenn er noch aufräumt.“

Erin warf einen Blick auf ihre Uhr. „Egal, ich warte auf ihn.“

„Nach einer langen Nachtschicht in der Bar ist er nicht sonderlich umgänglich.“

„Das war er jetzt auch nicht. Was macht das für einen Unterschied?“

Davion grinste. „Einen gewaltigen, Dr. Glover.“

Erin spähte kurz zu Coulson hinüber – und sah Wut in seinen Augen blitzen. Warum hasste er sie nur so? Sie verstand das alles nicht. „Okay, ich komme später zurück. Richtest du ihm das aus? Und warne ihn, dass ich so lange wiederkomme, bis er mir die Besitzurkunde aushändigt.“

„Wie gesagt, das kann eine Weile dauern. Er ist sehr stur. Aber sagen Sie, haben Sie schon ein Zimmer?“ Davion deutete auf Erins Gepäck, das neben der Tür im Sand stand.

„Noch nicht. Aber an der Straße hierher gibt es ein paar Pensionen.“ Sie hatte gehofft, in einem der Cottages unterzukommen, die ihr angeblich gehörten, aber das konnte sie sich im Moment wohl abschminken.

„Sie können hierbleiben.“

„In der Bar?“ Warum nicht? Schließlich war sie ja nicht zu ihrem Vergnügen hier.

Davion deutete auf ein kleines Holzhaus, das hinter Palmen verborgen ein paar Hundert Meter von der Bar entfernt stand. „Das ist das Haus meiner Mutter. Sie ist für ein paar Tage verreist, und das Haus steht leer. Sie können gerne dort übernachten …“

Ja, das war die Gastfreundschaft, von der ihr Vater immer geschwärmt hatte. Das Jamaika, das er so liebte und das sie durch ihn lieben gelernt hatte. Als Kind war sie oft mit ihm hierhergekommen, um ihre Großmutter zu besuchen. Jetzt war sie zum ersten Mal allein hier, und die Vorstellung, im Haus von Davions Mutter zu wohnen, gefiel ihr. Sie fühlte sich freundlich aufgenommen. Jedenfalls sehr viel freundlicher als von Adam Coulson. „Wird sie nichts dagegen haben?“

„Meine Mutter wäre beleidigt, wenn Sie in eine Pension ziehen würden. Sie gehören jetzt zu uns. Und wir kümmern uns um unsresgleichen.“

Erin lächelte bei dem Gedanken, dazuzugehören. „Dann nehme ich gerne an. Vielen Dank. Und richte deiner Mutter auch meinen Dank aus.“ Bevor Erin ihr Gepäck schulterte, warf sie Coulson einen letzten Blick zu. Er stand wieder mit dem Rücken zu ihr, polierte Gläser und … musterte sie im Spiegel hinter der Bar. Sie winkte ihm zu, und in dem Moment, als sie durch die Tür trat, hörte sie Glas splittern.

„Du hast es ihr erzählt?“ Adam funkelte Davion wütend an. „Warum zum Teufel?“ Er setzte sich auf die Stufe vor der Bar und drückte dem Jungen, der sich neben ihn setzte, eine Flasche Cola in die Hand. Der achtjährige Tadeo folgte ihm auf Schritt und Tritt.

„Weil es richtig war, und das weißt du auch. Sie ist den ganzen Weg hierhergekommen, um den Verkauf abzuschließen, den du begonnen hast, und du schuldest ihr eine Erklärung. Oder du gibst ihr das Geld zurück.“

„Ich schulde ihr … gar nichts.“

„Gar nichts“, wiederholte Tadeo und machte wie Adam ein grimmiges Gesicht.

„Siehst du, Tadeo ist auch meiner Ansicht. Aber sie kriegt ihr Geld selbstverständlich zurück. Sobald ich Zeit habe, nach Port Wallace auf die Bank zu fahren. Ich zahle ihr alles auf Heller und Pfennig zurück, und das war’s dann.“

Davion holte sich einen Stuhl und setzte sich neben Adam. „Das kannst du nicht machen“, sagte er und sah dann Tadeo scharf an. „Und du plapperst nicht jeden Unsinn nach. Adam muss sich korrekt verhalten, wenn er dir ein gutes Beispiel sein will.“

„Auf dieser Welt läuft vieles nicht korrekt ab.“

„Okay, du willst mit ihr nichts zu tun haben. Aber hast du diese rote Haarmähne nicht bemerkt?“

Doch, hatte er. Und sie gefiel ihm. Rot wie ein Kupferpenny und anscheinend nicht zu bändigen. „Was ist damit?“

„Diese Frau ist hartnäckig. Die gibt nicht so schnell auf. Du wirst dich also wohl oder übel mit ihr auseinandersetzen müssen.“ Davion grinste. „Deshalb habe ich ihr erzählt, wo du wohnst. Bring es einfach hinter dich und hör auf, den wilden Mann zu markieren. Du verschreckst ja deine Patienten. Und den armen Tadeo.“

Adam musterte den Jungen. Er wurde von der Cousine seiner Mutter großgezogen, die sich aber nur wenig um sein Wohl scherte und ihn kaum beachtete. Dabei wollte er so gern gefallen und jedem helfen. „Du hast doch keine Angst vor mir, oder?“

„Ein bisschen“, gestand Tadeo. „Du bist in letzter Zeit so brummig, dass ich manchmal denke, dass du mich nicht mehr magst.“

Jetzt fühlte Adam sich wirklich schlecht. Er liebte den Jungen. Tadeo hatte sich einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen erobert, und er durfte nicht zulassen, dass der Kleine sich zurückgewiesen fühlte. „Du weißt doch, dass du mein bester Freund bist, oder?“ Er zauste ihm liebevoll den pechschwarzen Haarschopf. „Und das wird sich nie ändern, auch nicht, wenn ich mal wütend bin.“

„Versprochen?“ Tadeo streckte Adam die Hand hin.

„Großes Indianerehrenwort“, sagte Adam und schlug ein.

„Vielleicht solltest du es bei Dr. Glover auch mit einem Handschlag versuchen“, meinte Davion.

„Hm, vielleicht, aber jetzt habe ich noch zu arbeiten.“ Er stand auf. „Hör mal, Tadeo, komm später wieder, dann essen wir zusammen zu Abend. Wenn Pabla nichts dagegen hat.“ Pabla Reyes, Tadeos Vormund, hatte nie etwas dagegen. „Frittierte Meerschnecken? Ist das okay für dich?“

Tadeo zeigte ihm den erhobenen Daumen und sauste hinunter zum Strand.

„Er hat Besseres verdient“, sagte Davion.

„Da sind wir ja mal einer Meinung“, erwiderte Adam auf dem Weg in die Bar. Er kümmerte sich gern um den Jungen, und auch um Davion. Davions Mutter war eine ungeheuer patente Frau, die sich jeden Penny vom Mund absparte, damit ihr Sohn irgendwann einmal Medizin studieren konnte. Mit dem Geld vom Verkauf seines Grundstücks hingegen wäre er in der Lage, Davion finanziell unter die Arme zu greifen, sodass dieser schon jetzt mit dem Studium beginnen könnte. Deshalb würde er die Besitzurkunde schlussendlich doch herausrücken. Auch für seine Praxis brauchte er dringend eine Finanzspritze. Ihm fehlten wichtige Medikamente, und im Moment konnte er sich nicht einmal mehr die billigen Holzspatel leisten … Aber am dringendsten brauchte er einen fähigen Arzt, einen wie Davion Thomas.

Wenn er dieses kleine Stück Land verkaufte, wäre all das möglich. Und ob es ihm nun passte oder nicht, er würde sich mit Dr. Glover arrangieren müssen. Doch eine Weile würde er noch grummeln. Das hatte er sich verdient.

„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck“, sagte Davion kurz darauf in der Bar.

„Welchen Gesichtsausdruck?“

„Schau doch in den Spiegel, Adam. Deine Miene sagt, dass du Dr. Glover die Besitzurkunde aushändigen und unheimlich nett zu unserer neuen Nachbarin sein wirst.“

„Vielleicht überlege ich gerade, die Stella herzurichten und zu verkaufen.“

„Quatsch. Dafür liebst du dieses Boot viel zu sehr. Du würdest es niemals hergeben, selbst wenn du beide Hälften deines Grundstücks verkaufen müsstest anstatt nur die eine.“

Damit lag Davion absolut richtig. Die Stella war ein Teil seiner Vergangenheit, die letzte Verbindung zu seinem Großvater. Das Einzige in seinem Leben, wovon er sich niemals trennen würde. „Also gut, falls sie da ist, wenn ich heimkomme, dann rede ich mit ihr. Ich gebe ihr die Urkunde und sage ihr, dass sie mich ab jetzt verdammt noch mal in Ruhe lassen soll. Bist du jetzt zufrieden?“

„Vielleicht sagt sie ja dir, dass du sie in Ruhe lassen sollst. Sie ist eine starke Frau. Wie meine Mutter. Und diese Frauen lassen sich von nichts und niemandem aufhalten. Und du hast sie aufgehalten, Adam.“

„Ich werde mit dir jetzt nicht über starke Frauen diskutieren, Davion. Du weißt, wie ich darüber denke.“ Seine Exfrau war so eine starke Frau gewesen, und wohin hatte das geführt? Nie wieder wollte er sich mit einer starken Frau einlassen, das hatte er sich geschworen.

„Nun, besagte starke Frau wartet jedenfalls nicht vor deinem Cottage auf dich. Sie wohnt bei meiner Mutter.“

„Du hast sie bei deiner Mutter einquartiert?“, schnaubte Adam. „Wahrscheinlich hockt sie jetzt hinterm Fenster, um mir aufzulauern, wenn ich nach der Arbeit nach Hause gehe!“

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