Vier Pfoten, zwei Herzen und ein Neuanfang

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Gabe will seine schöne Nachbarin Addie davon überzeugen, dass sein Hund nicht beißt! Und Addie ihn davon, einen Neuanfang zu wagen …


  • Erscheinungstag 22.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547864
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Leseprobe

Carrie Nichols

Vier Pfoten, zwei Herzen und ein Neuanfang

1. KAPITEL

„Komm schon … was stimmt mit dem Busch nicht? Für mich sieht er richtig gut aus.“ Gabe Bishop, ehemaliger Marine Staff Sergeant, seufzte, während er die Forsythien-Büsche betrachtete.

„Such dir einfach einen aus … irgendeinen …“ Er rieb sich die Bartstoppeln. „Bitte.“

Radar unterbrach seine Suche nach dem perfekten Busch, hob den Kopf und schenkte Gabe einen leidgeprüften Blick. So, als ob sein menschlicher Gefährte die Regeln doch inzwischen verstanden haben sollte.

„Ich sollte dich abrichten.“ Gabe gähnte. „Nicht andersherum.“

Er musste noch die Umzugskisten ins Haus schleppen. Nach zwanzig Stunden Fahrt hielt ihn nur noch der Tankstellen-Kaffee auf den Beinen, und er sehnte sich nach einer heißen Dusche.

Sein Hund wandte sich wieder den Büschen zu, und Gabe stieß noch einen Seufzer aus. „Jede Wette, ein richtiger Militärhund kann auf Befehl sein Geschäft verrichten.“

Radar verlieh seinem Missfallen mit einem leisen Winseln Ausdruck. Gabe bereute die herablassende Bemerkung sofort. Der Hund sah den Schäferhunden, die das Militär bevorzugte, zwar unheimlich ähnlich, aber Radar war nur ein Streuner, der im Camp gelebt hatte. Eine Art Maskottchen. Trotzdem hielt Gabe Radars Beitrag für so wertvoll wie das Erschnüffeln von Sprengstoff. Denn einfach nur Radars Gegenwart hatte die Moral seiner Leute, so fern von der Heimat, gestärkt.

Gabe hatte sich eingeredet, dass er nur ein Versprechen hielt, als er gegen die Windmühlen der Bürokratie gekämpft hatte, um den Hund ins Land zu bringen. Aber die Wahrheit war schlicht und ergreifend, dass er den Gedanken, Radar zurückzulassen, nicht hatte ertragen können.

Radar war jedoch nie ein Marine gewesen. Seit seiner ehrenvollen Entlassung am vergangenen Freitag war Gabe nun auch keiner mehr.

Ein penetrantes Klappern sorgte dafür, dass er sich verspannte und nervös die Umgebung musterte. Was in aller Welt war das?

Das Geräusch ertönte erneut. Als er einen Specht entdeckte, der auf eine Regenrinne einhämmerte, entspannte sich Gabe wieder. Anscheinend war nicht nur Radar darauf aus, an diesem sonnigen Aprilnachmittag sein Territorium zu markieren.

Er schüttelte den Kopf. Immer diese Wachsamkeit. Was hatte er denn erwartet? Er befand sich in Loon Lake, einer Kleinstadt, die in Reisekatalogen gern als das „Herz der Neuengland-Staaten“ beworben wurde. Es gab einen Marktplatz mit Rasenflächen, eine weiße Holzkirche aus dem achtzehnten Jahrhundert und Geschäfte mit Ziegelsteinfassaden und bunten Markisen. Antik wirkende Straßenlaternen säumten die Hauptstraße.

Radar zerrte jetzt an der Leine, riss Gabe aus seinen Gedanken und zwang ihn, sich auf praktischere Fragen zu konzentrieren. Wie etwa, zu der Doppelhaushälfte zurückzukehren, die er gemietet hatte, und zu Ende auszupacken, damit er sein neues Leben beginnen konnte. Wie auch immer dieses aussehen würde. Er hatte zwar keine Verwandten mehr in Loon Lake, seit sein Dad tot war, aber die Stadt war immer noch sein Zuhause.

Er versuchte kehrtzumachen, doch der Hund rührte sich nicht.

Gabe schüttelte den Kopf. „Na gut, noch ein paar Hundert Meter, aber das war’s dann.“

Radar schüttelte sich. Seine Marken klirrten fröhlich. Gabe kniff die Augen zusammen – sah ganz so aus, als ob er seine Fähigkeiten als Alphatier trainieren musste.

Sie gingen bis zum Ende der Straße und bogen dann ab.

Nachdem Radar einen Baum, einen Laternenpfahl und einen Azaleenbusch markiert hatte, schaffte Gabe es, ihn in Richtung Heimat zu lotsen. Als sie sich ihrer Straße näherten, hielt dort gerade ein Schulbus mit quietschenden Bremsen. Gabe hoffte, daran vorbeizukommen, bevor die Kinder ausstiegen, und zog an der Leine, aber Radar weigerte sich wieder, sich vom Fleck zu rühren.

Der Hund starrte den Bus unverwandt, mit aufgerichteten Ohren an. Als er winselte, tätschelte Gabe seinen Kopf. „Ich schätze, so was siehst du zum ersten Mal, was?“

Ein Junge mit Brille in einem grauen T-Shirt, Jeans und hohen schwarzen Turnschuhen kam die Treppe herunter. Der Knirps staunte sie mit offenem Mund an, dann rannte er direkt auf sie zu. Sein Rucksack schlug gegen seine dünnen Schultern. Gabes Blick fiel sofort auf den Rucksack, und er verspannte sich. Doch Radar winselte, schmiegte sich an ihn und brachte ihn auf diese Weise in die Gegenwart zurück.

„Was für ein cooler Hund, Mister.“ Der Junge, der ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war, kniete sich hin und streckte eine Hand aus, um Radar den Kopf zu streicheln. „Ist es ein Er oder eine Sie? Wie heißt der Hund denn? Gehört er Ihnen? Was für eine Rasse ist das?“

Als Gabe noch überlegte, welche Frage er zuerst beantworten sollte, hörte er Schritte. Er reagierte instinktiv auf die Bedrohung und fuhr blitzschnell herum. Eine Frau mit blondem Pferdeschwanz rannte auf ihn zu. Er ging schutzsuchend in die Hocke und griff instinktiv an die Hüfte – nach der Waffe, die die letzten zehn Jahre sein ständiger Begleiter gewesen war.

Radar winselte und entschärfte die Situation damit erneut. Obwohl der Hund nie eine offizielle Funktion gehabt hatte, hatte er Gabe und seine Einheit vor feindlichen Bewegungen gewarnt und vor Überraschungsangriffen bewahrt. Aber hier gab es keine Feinde oder Selbstmordattentäter. Gabe schluckte schwer und richtete sich auf.

„Theodore Andrew Miller, was in aller Welt denkst du dir dabei, so etwas zu tun?“ Die Frau kam zum Stehen. Sie schnappte nach Luft. „Was habe ich dir darüber gesagt, wie man sich unbekannten Tieren nähert?“

„Aber das ist kein unbekanntes Tier. Das ist ein Hund.“ Der Junge verzog das Gesicht.

Gabe hustete, um sein Lachen zu überspielen. Die Frau warf ihm einen wütenden Blick zu. Sie hatte hellblaue Augen, eine Stupsnase und Sommersprossen … und sie war stinksauer. Außerdem war sie ein bisschen jung, um die Mutter des Jungen zu sein. Aber wie sollte er das verurteilen? Vor allem in Anbetracht seiner eigenen Vergangenheit.

„Teddy, ich habe gesehen, wie du mit ausgestreckter Hand auf ihn zugerannt bist“, sagte sie. „Dieser Hund hätte dir die Finger abbeißen können.“

Ihr Tadel galt vielleicht dem Jungen, aber Gabe ärgerte sich darüber. Über ihn konnten die Leute denken, was sie wollten, aber er würde nicht zulassen, dass jemand Radar als Bedrohung darstellte. „Ma’am, mein Hund würde niemandem etwas tun.“

Sie tat seine Worte mit einer Handbewegung ab. „Woher sollte Teddy das denn wissen?“

Okay, da hatte sie recht. Er kratzte sich die Bartstoppeln. „Wenn es etwas hilft, ich bin hier nicht ganz fremd …“

„Für uns sind Sie aber ein Fremder“, sagte sie und musterte ihn kritisch, als ob er und sein Hund nicht auf diese gepflegte Straße gehörten.

„Entschuldigen Sie bitte, Ma’am, aber mein Hund ist angeleint, so wie es Vorschrift ist. Ihr Sohn ist auf uns zugekommen, nicht andersherum.“ Hitze wallte jetzt in ihm auf. Konnte er noch tiefer sinken, als einem Kind die Schuld in die Schuhe zu schieben? Selbst, wenn das die Wahrheit war.

Der Junge hielt eine Hand in die Höhe. Gabe zuckte zusammen, als er die Brandwunden-Narben erblickte.

„Seht ihr“, sagte er, „der Hund hat mich nicht gebissen.“

„Dieses Mal nicht.“

„Freut sich Ihr Hund jetzt jedes Mal, wenn er mich sieht, Mister?“ Der Junge vergrub die Finger im dichten Fell an Radars Nacken.

Gabe nickte. Aber es würde kein nächstes Mal geben, wenn er es verhindern konnte, denn er plante ein Leben als Zivilist ohne irgendwelche Irrungen und Wirrungen.

„Siehst du? Alles okay“, sagte der Junge, als ob die Sache damit erledigt wäre. Radar klopfte mit dem Schwanz auf den Bürgersteig, und der Knirps umarmte ihn.

Die Frau schloss die Augen und bewegte stumm die Lippen, als ob sie bis zehn zählte oder Gott um Geduld anflehte. „Teddy, du weißt, dass du nicht mit Fremden reden sollst. Vor allem nicht …“, sie warf Radar noch einen misstrauischen Blick zu, „… wenn sie Hunde haben.“

Gabe schloss die Finger enger um die Leine. Okay, jetzt war er wirklich sauer. Sie mochte ja attraktiv sein, mit ihrer frischen und natürlichen Art, aber ihre Einstellung ging ihm gehörig auf die Nerven. „Hören Sie, ich weiß ja nicht, was Sie gegen Hunde haben, aber …“

„Ich habe nichts gegen Hunde“, unterbrach sie ihn hastig. „Aber es gibt Leute, die sie dazu benutzen, um unschuldige Kinder anzulocken. Äh, das ist nicht persönlich gemeint“, sagte sie und errötete leicht.

Er presste die Lippen zusammen, um sich die scharfe Erwiderung zu verbeißen, die ihm auf der Zunge lag. Ihre Überlegung machte ja durchaus Sinn. Wie könnte er mit ihr über Sicherheitsvorkehrungen zum Kindeswohl streiten? Das würde er bestimmt nicht tun. Stattdessen würde er jetzt verschwinden und ihr und ihren merkwürdig attraktiven Sommersprossen und ihrem Kind den Rücken kehren. Er würde gehen und endlich seine geplante Dusche nehmen.

„Komm mit, Teddy, wir müssen nach Hause.“ Sie streckte die Hand aus.

„Du warst ja nicht mal da, als der Bus gekommen ist“, sagte der Kleine trotzig.

„Du hast recht. Die letzte Ladung Muffins hat länger gedauert, als ich gedacht habe.“ Sie verzog das Gesicht. „Und natürlich muss der verdammte Bus ausgerechnet heute pünktlich sein.“

Der Junge schnappte nach Luft. „Oh, oh, jetzt musst du fürs Fluchen einen Vierteldollar in die Spardose tun. Das musste ich letzte Woche auch.“

„Ich habe so das Gefühl, das wird noch mehr, nach diesem Schock. Komm jetzt, Teddy.“

Der Junge zog eine Grimasse. „Aber ich weiß noch nicht mal, wie der Hund heißt.“

„Er heißt Radar“, sagte Gabe. Vielleicht würde das ja Frieden stiften.

„So, jetzt kennst du seinen Namen. Auf geht’s.“ Sie umklammerte die Hand des Jungen und entfernte sich mit einem misstrauischen Blick über die Schulter von ihm.

Teddy drehte sich um und hob seine freie Hand. „Bye, Radar. Bye, Mister.“

Radar bellte leise, dann winselte er.

„Jetzt hör sich das einer an.“ Gabe kraulte das weiche Fell hinter den Ohren des Hundes. „Man könnte denken, du verlierst gerade deinen besten Freund.“

Radar winselte erneut.

„Vergiss es“, murmelte Gabe. „Ganz egal, was da läuft, wir wollen nichts damit zu tun haben.“

Radar sah den beiden hinterher und schaute dann zu Gabe auf. Gabe schnalzte mit der Zunge. „Warum glaubst du überhaupt, dass ich interessiert bin?“

Radar hechelte und schmiegte sich an sein Bein.

„Ja, sie ist süß, und ich habe keinen Ring gesehen.“ Na schön. Möglicherweise hatte er darauf geachtet. Er stieß geräuschvoll den Atem aus. Warum hatte er so etwas Albernes getan? Er war nicht mal auf der Suche nach einer Beziehung.

Radar stieß als Kommentar ein sanftes Knurren aus.

„Hör zu, sogar, wenn sie Single sein sollte, ist sie allenfalls Anfang zwanzig. Das ist zu jung für mich.“ Bist du sicher?, verspottete ihn seine innere Stimme. Denn so, wie ihr herzförmiger Po diese Jeans ausgefüllt hatte, und so, wie sie bei ihrem Abgang die Hüften gewiegt hatte, hatte sie nicht zu jung ausgesehen.

Radar setzte an, den beiden zu folgen, und Gabe verstärkte den Griff um die Leine. Radar versuchte es mit einem anderen Laut, aber Gabe blieb hart. „Was weißt du schon? Du bist ein Hund.“

Er tätschelte Radars Kopf. „Die Versuchung ist eine Frau.“

Radar schaute zu ihm auf, doch Gabe schüttelte den Kopf. „Ja, ich weiß auch nicht, wie ich jetzt daraufkomme.“

Aber er wusste sehr wohl, dass die Blondine eine Versuchung für ihn darstellte, und seine Erfahrung sagte ihm, dass so etwas nur zu Schwierigkeiten führte.

Wie damals, als er versucht hatte, das Maskottchen einer anderen Schule zu kidnappen. Dieser Unfug hatte sich auf sein Verlangen zurückführen lassen, eine gewisse Cheerleaderin zu beeindrucken. Tracy Harris. Die hatte er so beeindruckt, dass er sich gezwungen gesehen hatte, sie direkt nach dem Schulabschluss zu heiraten.

Jetzt wusste er es besser. Die Frau von gerade, mit diesem süßen Gesicht, war bestimmt eine Frau, die alles wollte … Ehe, Kinder, bis dass der Tod uns scheidet. Also würde er ihr aus dem Weg gehen. Ihr, und der Versuchung. Seine Priorität war jetzt – und zwar ausschließlich –, den Rest seines Lebens auf die Reihe zu kriegen.

Er hatte schließlich schon genug Fehler gemacht. Auf neue war er nicht scharf.

Obwohl Teddy unverletzt war, klopfte Addie Millers Herz immer noch wie wild, während sie nach Hause gingen. Zu sehen, wie ihr Bruder auf diesen Riesenhund zurannte, und zu weit weg zu sein, um etwas tun zu können, hatte ihr gottverdammte Angst eingejagt.

Wenn Teddy heute etwas zugestoßen wäre, wäre das einzig und allein ihre Schuld gewesen. Wie hatte sie es nur zulassen können, dass die Muffins sie so sehr abgelenkt hatten?

Wenn er von diesem Hund zerfleischt oder von dem Fremden entführt worden wäre, wäre sie keinen Deut besser als ihre Mutter, Michelle. Dann müsste sie sich bei allen Sozialarbeiterinnen entschuldigen, die sie gewarnt hatten, dass sie noch nicht bereit für so viel Verantwortung war – dafür, sich in ihrem Alter um ihren so viel jüngeren Halbbruder zu kümmern.

Sie warf einen Blick auf Teddys Hand in ihrer. Beim Anblick der Narben an seiner Hand und dem Handgelenk musste sie ein Schluchzen unterdrücken. Sie war auf dem College gewesen, als er die Hände in kochendes Wasser getaucht hatte. Trotzdem machte sie sich Vorwürfe, denn die Tatsache, dass eigentlich ihre Mutter für ihren Bruder verantwortlich war und nicht sie, hatte für Addies Gewissen niemals eine Rolle gespielt.

„Addie?“ Teddy drückte ihre Hand. „Es ist alles okay. Radar hat mir nichts getan. Er war ein echt netter Hund“, fügte er sehnsüchtig hinzu.

Addie blinzelte, weil ihre Augen brannten. „Da bin ich mir sicher, aber …“

„… Hunde sind teuer“, beendete er den Satz für sie und trat einen Kieselstein über den Bürgersteig. „Joey Johnson hat gesagt, dass Leute Welpen verschenken, wenn sie diese nicht behalten wollen. Vielleicht könnten wir ja so einen kriegen.“

„Selbst wenn, der Tierarzt kostet sehr viel Geld.“ Bei so jämmerlichen Ausreden setzte Addie stets ihr Gewissen zu. „Es ging nicht nur um den Hund, Schatz. Der Mann war ein Fremder. Weißt du noch, wie ich dich gebeten habe, nicht mit Fremden zu reden?“

Teddy hob das Kinn. „Du hast doch auch mit ihm geredet.“

„Ja, aber ich bin erwachsen und …“

Er zog seine Hand weg. „Du bist nur meine Schwester. Wie kommt es, dass du immer die Erwachsene spielen darfst?“

Jetzt hatte er sie. „Ich hatte eben das Glück, vor dir auf die Welt zu kommen. Du weißt doch, wie ich mich freue, dass du jetzt bei mir wohnst, oder?“

Er nickte. „Aber es ist trotzdem nicht fair.“

Das ist das Leben selten. Sie zerzauste sein Haar, was man laut Teddy nur mit Babys machen durfte. Aber obwohl er sich wegduckte, sah sie, wie er gegen ein Lächeln ankämpfte.

„Wenn es dir so gut gefällt, dass ich bei dir wohne, warum darf ich dann nicht allein von der Bushaltestelle aus nach Hause laufen?“ Jetzt war seine Miene berechnend. „Ich bin schließlich groß genug. Die Kinder im Bus lachen mich immer alle aus, weil sie wissen, dass du meine Schwester bist.“

Ihr wurde flau im Magen. Sie verstand ja, dass ihre Gegenwart ihm peinlich war. Wie oft hatte ihre Mutter sie bloßgestellt, wenn diese völlig high auf Schulveranstaltungen aufgekreuzt war, unpassend gekleidet oder mit einem Typen, der höchstwahrscheinlich ihr Dealer gewesen war.

Sie seufzte. War es zu viel verlangt, dass Teddy mit seiner rebellischen Phase wartete, bis die Sorgerechtsanhörung über die Bühne war? Sie traute dem Versprechen ihrer Mutter nämlich nicht, dass diese sich nicht dagegen wehren würde. „Ich verstehe dich ja, Schatz, aber vielleicht …“

„Hey, guck mal! Radar kommt uns hinterher.“

Sie fuhr herum. Tatsächlich. Herrchen und Hund kamen näher. Dieses Mal konzentrierte sie sich auf den Mann. Er war bestimmt eins neunzig groß, mit dichtem braunem Haar, das oben fransig, an den Seiten aber kurz geschnitten war. Er hatte gerade, dunkle Augenbrauen über einer scharf geschnittenen Nase und volle Lippen, um die sich ein dichter Bartschatten zeigte. Wie in aller Welt war ihr vorhin nicht aufgefallen, dass er absolut fantastische grünbraune Augen hatte? Oder dass er nicht so heruntergekommen aussah, wie sie zuerst angenommen hatte, auch wenn seine Sachen staubig und abgetragen waren? Wieso hatte sie diese Details bis jetzt nicht bemerkt?

Vielleicht, weil der Hund dir eine Heidenangst eingejagt hat.

Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. „Teddy, warum gehst du nicht schon mal vor? Ich habe einen Muffin für dich zur Seite gestellt, und du kannst ein Videospiel spielen.“

„Warum?“ Hinter den Brillengläsern kniff Teddy misstrauisch die Augen zusammen. „Was ist los, von dem ich nichts wissen soll?“

„Gar nichts.“ Sie presste eine Hand auf ihren Bauch. Dabei war sie dankbar gewesen, dass Teddy sich allmählich sicher genug fühlte, um ihre Entscheidungen infrage zu stellen. „Du bettelst doch immer, länger spielen zu dürfen.“

„Aber ich will sehen, wo Radar hingeht.“

Sie auch. Sie wohnte lange genug hier, um alle in der Straße wenigstens so gut zu kennen, dass sie ihnen zuwinkte, wenn sie vorbeifuhren, und an diese beiden würde sie sich definitiv erinnern.

2. KAPITEL

Mann und Hund hatten sie jetzt eingeholt. Als der Mann stehen blieb, setzte sich der Hund brav vor seine Füße.

Vielleicht war es an der Zeit, sich ihrer Angst zu stellen.

Wenn es nur so einfach wäre. Blindlings griff sie nach Teddys Hand, weil man Ängste nun mal nicht einfach wegwünschen konnte.

„Haben Sie sich verlaufen, oder brauchen Sie irgendwas?“, fragte sie und bemühte sich, höflich zu klingen. Was sie sagte, hörte sich allerdings eher wie eine Anschuldigung an.

Der Mann hob die Hände. „Weder noch. Wir gehen nur nach Hause.“

Wie bitte? „Nach Hause?“

Er nickte und zeigte geradeaus. „Da drüben. Die linke Doppelhaushälfte.“

Er zeigte auf das Haus. Das Erdgeschoss bestand aus Backsteinen, das Obergeschoss aus blau gestrichenen Holzschindeln. Das Gebäude war gut instand gehalten und von der Straße zurückgesetzt. Daher verfügte es über einen relativ großen Garten.

„Oh Mann! Hast du das gehört?“ Teddy zerrte aufgeregt an ihrer Hand. „Radar zieht bei uns ein!“

Teddy vollführte einen Freudentanz, und der Hund wedelte mit seinem buschigen Schwanz.

Der Fremde räusperte sich. Er rieb sich mit der Hand über den Mund und begegnete ihrem Blick. Seine hypnotisierenden Augen schienen sie gleichzeitig aufzuziehen und herauszufordern.

„Haben Sie gewusst, dass nur fünf Prozent der Bevölkerung grünbraune Augen haben?“, fragte sie.

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