Weihnachten in Ransom Canyon – 4-teilige Miniserie

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A CHRISTMAS AFFAIR

Maria Anne Davis träumt von einer Karriere als Chefköchin in Dallas, doch ein schwerer Unfall kostet sie das Augenlicht. Statt Gäste zu bewirten, verkauft sie nun hausgemachte Marmeladen an den kleinen Gemischtwarenladen in Crossroads. Das Geschäft läuft gut, ihre Geschenkkörbe zum Weihnachtsfest sind heiß begehrt! Aber Liebe? Daran denkt Maria nicht. Bis sie merkt, wie viel ihr der zurückhaltende Ladenbesitzer Wes Whitman bedeutet.

CHRISTMAS IN WINTER VALLEY

Cooper Holloway liebt die Natur – und meidet Menschen. Als gleich drei muntere Cousinen ihren Besuch auf der Maverick Ranch ankündigen, beschließt er, sich in eine abgelegene Hütte im Winter Valley zurückzuziehen. Nur er und eine Herde wilder Mustangs … doch seine ersehnte Einsamkeit endet abrupt, als ein kleiner Ausreißer und eine ebenso kluge wie attraktive Tierärztin in sein Leben treten.

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Zwei Monate noch: So lange kann Griffin Holloway die Ranch, die seit Generationen seiner Familie gehört, noch halten. Dann ist er bankrott. Alle Lösungen hat er ausgeschöpft – bis auf eine: Eine reiche Ehefrau könnte ihn retten.

WINTER'S CAMP

Texas, 1872: James Randall Kirkland hat das ungebundene Leben satt. Er ist fast dreißig Jahre alt und sehnt sich nach einer echten Heimat. Die weitläufige Gegend um den Ransom Canyon könnte der richtige Ort sein. Hier will er Land kaufen und Rinder züchten. Allein. Doch dann begegnet er der Apachin Millie.


  • Erscheinungstag 05.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547925
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jodi Thomas

Ransom Canyon: A Christmas Affair

1. KAPITEL

Travis Fuller schlug den Kragen seiner Jeansjacke hoch und versuchte, noch weiter auf den Rücksitz des Sheriff-Wagens zu rutschen. Er hasste es, dass Polizeiautos immer nach Erbrochenem und abgestandenem Kaffee rochen. Er hasste kalte Tage. Er hasste Kleinstädte, und er hasste den Deputy, der ihn am Flughafen von Lubbock abgeholt hatte, als wäre er ein Hund aus dem Tierheim, der in ein neues Zuhause gebracht wurde.

Verdammt, dachte er, falls ich überhaupt jemals meinen sechzehnten Geburtstag erreiche, hasse ich es wahrscheinlich auch, auf mich allein gestellt zu sein. Längst hatte er gelernt, dass der nächste Ort meistens schlimmer war als der letzte, und Crossroads, Texas, sah aus, als wäre der Boden des Fasses erreicht.

Mit sieben hatte Travis sich vorgenommen, dass er, sobald er sechzehn wäre, weglaufen und nie wieder zurückblicken würde. Er konnte sich selbst kaum schlechter großziehen, als seine Eltern es getan hatten. Beide waren Trinker. Seine Mutter war gemein, sein Vater dumm. Ihr letzter Streit hatte damit geendet, dass sie im Krankenhaus und er im Gefängnis gelandet waren.

„Und ich?“, murmelte er. „Ich muss nach Texas, in dieses gottverlassene Nest, nur weil ich ihr Kind bin.“

Der Deputy drehte das Radio leiser und schaute nach hinten. „Alles in Ordnung, Junge?“

„Ich bin kein Junge. Ich werde bald sechzehn.“

„Alles klar“, sagte der Deputy und lachte. „Na dann, Mr. Fuller, willkommen in Crossroads. Sieht so aus, als würden Sie eine Weile bei uns bleiben.“ Er machte eine kurze Pause. „Dir wird es hier gefallen. Die drei Onkel, bei denen du unterkommst, sind wirklich nette Kerle. Einer war fast vierzig Jahre lang Lehrer, einer arbeitet immer noch als Cowboy, und der dritte, Horace Fuller, bei dem weiß keiner, womit er sein Geld verdient hat, aber er hat bis jetzt immer seine Rechnungen bezahlt. Er ist quasi der Dorf-Eremit, und das ist gar nicht so einfach in einer kleinen Stadt.“

„Das sind nicht meine Onkel“, brummelte Travis.

„Stimmt. Großonkel . In eurer Familie scheinen alle sehr alt zu werden. Ich schätze, alle drei haben die siebzig längst hinter sich.“

„Ist mir egal. Keiner von denen hatte jemals Frau oder Kinder, also ist es mit ihren Umgangsformen wahrscheinlich nicht weit her.“

Deputy Cline widersprach nicht, fügte aber hinzu: „Sie haben bei Horace einen Platz für dich hergerichtet. Hoch oben, fast wie ein Baumhaus. Ich würde mich nicht wundern, wenn du von dort die Lichter des Ortes sehen kannst.“

„Toll. Noch ein Käfig.“ Travis sah aus dem Fenster, als der Deputy vom Highway abfuhr. Im winterlichen Morgenlicht lag die Stadt braun und verlassen da. Die meisten Gebäude waren quadratisch und niedrig.

„Hat hier jemals ein Architekt gewohnt?“, fragte Travis und runzelte die Stirn.„Nein. Nicht dass ich wüsste.“

„Kann ich mir denken. Frank Lloyd Wright würde hier einen Herzinfarkt bekommen.“ Travis konnte stundenlang in Bibliotheken über Büchern mit Wrights Arbeiten sitzen. Für ihn waren diese Gebäude Kunst, jedes einzelne ein Meisterwerk.

„Wright? Das ist doch der berühmte Architekt, der all diese komischen Gebäude gebaut hat, oder?“, sagte Deputy Cline, als würde er in einer Quizshow mitspielen. „Ich habe mal als Zimmermann gearbeitet, aber bei so was wie seinen Entwürfen wüsste ich nicht mal, wo ich anfangen soll.“

„Er war ein Genie“, murmelte Travis.

Eigentlich hatte er keine Lust, sich mit dem Deputy zu unterhalten. Cline war offenbar so neu in dem Job, dass er nicht einmal wusste, dass man mit niemandem auf der Rückbank redete. Travis hatte schon genug Fahrten hinter sich, um diese Regel zu kennen.

Als der Deputy durch eine Kurve fuhr, fragte Travis, mehr um das Thema zu wechseln als aus echtem Interesse: „Was ist das, ein Schuppen für Steppenläufer?“ Dabei deutete er auf ein offenes Gebäude auf einem Stück Land in der Ortsmitte, wo sich die Straßen kreuzten.

Deputy Cline lachte, als würde er die Frage für einen Witz halten. „Das ist unser Marktplatz. Das Ding in der Mitte sollte mal ein richtig schöner Pavillon werden, aber irgendwie ist das Projekt im Sande verlaufen. Vielleicht nimmt irgendein Ausschuss es im Frühjahr wieder auf seine Liste.“

Travis richtete sich auf. „Hat Ihnen mal jemand gesagt, dass der Marktplatz ein Dreieck ist?“

„Nein“, antwortete der Deputy so schnell, dass Travis das Gefühl beschlich, Cline hätte die Frage schon ein paar Mal zu oft gehört.

Der Deputy wich ihm aus, tat das, was Leute machten, wenn sie einem, der zu jung zum Wählen war, eine Frage nicht beantworten wollten. So ähnlich wie Eltern, die ihren Kindern sagten, sie könnten froh sein, wie gut es ihnen gehe, auch wenn die ganze Welt gerade auseinanderbrach.

Ja, dachte Travis, mir geht es wirklich gut. Mom ist halb tot, Dad wird diesmal wahrscheinlich nie wieder aus dem Gefängnis rauskommen, und ich muss bei drei verrückten alten Großonkeln wohnen, die nicht eine einzige Frau für heiratswürdig gehalten haben.

Drei Wochen bis Weihnachten, und alles, was er wollte, war ein Busticket, damit er seinem Leben entfliehen konnte.

2. KAPITEL

Wes Whitman sah zu, wie Maria Anne Davis lautlos hin und her ging, vom Farm-Pick-up, der direkt draußen vor der Seitentür stand, zu ihrem Regalbereich in seinem Gemischtwarenladen.

Jeden Mittwoch füllte sie die Regale mit Davis Delightful -Marmeladen und -Gelees wieder auf, und jeden Mittwoch behielt er sie aus drei Meter Entfernung im Blick. Er stand bereit, einzugreifen und zu helfen, falls nötig, aber ohne sie zu bedrängen.

Die zierliche Frau konnte kaum über dreißig sein, und in ihren Bewegungen lag eine kontrollierte Anmut. Sie zählte ihre Schritte, berührte vertraute Punkte auf ihrem Weg, und bevor sie eine Kiste hereintrug, überzeugte sie sich jedes Mal, dass alles an seinem Platz war. Maria Anne Davis mochte blind sein, aber sie benutzte ihre anderen Sinne und ihren Verstand.

Ihr zuzusehen, kam ihm vor wie Poesie, doch dann musste er über sich selbst lachen, weil der Gedanke fast romantisch klang.

Wes sorgte dafür, dass alles ganz genauso war wie in der Woche davor. Nichts lag im Gang, was ihr den Weg hätte versperren können. In der Stille des frühen Morgens füllte sie die Regale auf, und er sah ihr zu.

Sie mochte zierlich sein, aber sie war stark. Stets trug sie Jeans und ein blau kariertes Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Nichts Ausgefallenes. Nie auffällig. Aber trotzdem hübsch mit den dunklen Locken, die ihr fast bis zur Taille reichten.

Anfangs hatte er sich zu sehr bemüht, ihr zu helfen, bis er begriffen hatte, dass Maria Anne keine Unterstützung brauchte. Sie genoss es, in der Stille der Morgendämmerung allein zu sein, bevor die ersten Kunden kamen.

Wenn er sie in Ruhe arbeiten ließ, waren die Regale am Ende aufgefüllt, jedes Etikett zeigte nach vorn, alles ordentlich.

Jede Woche versuchte er, mit ihr zu reden. Er mochte ihre scheue Art und ihre anmutigen Bewegungen. Wahrscheinlich würde er auch ihre Stimme mögen, wenn er jemals mehr als nur ein Flüstern von ihr hören würde. Sie war zu scheu, zu schön für jemanden wie ihn. Die Leute sagten, wenn sie nicht vor fünf Jahren bei einem Autounfall erblindet wäre, wäre sie heute eine erfolgreiche Köchin in Dallas.

Sie würde sich nie für ihn interessieren, egal wie sehr er sich bemühte. Zwischen ihnen würde es nie mehr geben als eine Geschäftsbeziehung.

Er musste sich damit begnügen, im Hintergrund zu bleiben und ihr zuzusehen, ihr nie in die Quere zu kommen, nie zu viel zu reden, aus Angst, sie abzulenken. Hin und wieder hatte er ihr im Lauf der Jahre seine Hilfe angeboten, und sie hatte jedes Mal den Kopf geschüttelt und leise „Nein“ geflüstert. Aber wenn er einfach nur dastand und wartete, war sie irgendwann fertig, wandte sich in seine Richtung und sagte seinen Namen.

Dann trat er vor und bot ihr den Arm.

Marias kleine Hand glitt darauf durch die Luft, bis sie sein gestärktes Hemd streifte. Mit ihren Fingern auf seinem Arm führte er sie in sein Büro, wo sie die Verkäufe der letzten Woche abrechneten.

Wes wusste, dass sie den Weg zu seinem Büro mühelos auch allein gefunden hätte, aber sie schien dieses einfache wöchentliche Ritual zu genießen. Auf seltsame Weise fühlte er sich dabei fast wie ein Ritter, der eine edle Dame eskortierte.

Er vermutete, dass er sie auch nach mehr als vier Jahren noch einschüchterte, wusste aber nicht, warum. Schließlich war der einzige Mensch, der noch schüchterner war als sie, er selbst.

„Schöner Tag, nicht wahr?“, sagte er, als sie die drei Meter bis zu seinem Büro gingen.

Sie nickte. „Fast Weihnachten.“

„Der Regen, den der Wetterfrosch für nächste Woche vorhergesagt hat, könnte zu Schnee werden. Dann bekommen wir weiße Weihnachten.“

Sie lächelte, und er fand, dass er ein Idiot war. Eine weiße Weihnacht würde einem blinden Menschen nichts bedeuten. Sie würde einfach nur Kälte bringen.

Er öffnete die Bürotür, Maria Anna ging hinein und ließ die Fingerspitzen über die Kartons gleiten, die an der linken Wand aufgereiht waren. Er sorgte dafür, dass sie immer dort standen, immer in derselben Höhe, damit sie ihren Stuhl vor seinem Schreibtisch problemlos finden konnte.

Maria setzte sich immer auf die Stuhlkante und wartete, bis er ihr den Scheck ausgestellt hatte. Dann berührte sie ihr Handy, die Drei auf der Kurzwahl, rief ihre Schwester an und sagte nur: „Ich bin so weit.“

Wenn er ihr den Scheck reichte, berührten sich manchmal ihre Finger, mehr nicht.

Sie flüsterte ein „Danke“ und stand auf.

Er folgte ihr hinaus, aber auf dem Rückweg nahm sie nicht seinen Arm. Sie kannte den Weg. Die Orientierungspunkte, wo sie eine Auslage streifte oder die Hand an den Glastüren seiner Tiefkühlabteilung entlanggleiten ließ, reichten ihr.

Sie beeilte sich, als wäre er ein Fremder und nicht jemand, den sie kannte. Direkt vor der Tür wartete draußen ihre Schwester Dakota auf sie.

Meist ging Wes Maria durch die Seitentür nach. Er sah zu, wie sie in den alten Pick-up stieg. Er winkte, während Dakota rückwärts ausparkte. In kaum zwei Metern Abstand glitt Marias Fenster an ihm vorbei. Maria saß oft zum Fenster gewandt, als würde sie ihn direkt anschauen, aber sie sah nie, wie er winkte, ahnte vermutlich nicht einmal, dass er da war.

Er wünschte, Maria hätte nur einen Funken von der Selbstsicherheit ihrer Schwester. Es war schwer zu glauben, dass sie dieselben Eltern hatten. Dakota war so offen wie Maria Anne still. Einen halben Häuserblock weiter die Straße runter führte sie das einzige Maklerbüro der Stadt.

Er hatte verstanden, dass Maria das Regal immer selbst einräumen wollte. Währenddessen ging Dakota hinüber in ihr Büro, um aufzuschließen und ihre E-Mails durchzugehen. Wenn Maria dann anrief und sagte, dass sie fertig sei, fuhr Dakota ihre Schwester nach Hause.

Doch heute war Maria früh fertig geworden, und sie wirkte nicht, als hätte sie es eilig, sein Büro zu verlassen. Sie machte keine Anstalten, ihr Handy aus der Tasche zu ziehen, um ihre Schwester anzurufen.

Er sah, wie sie auf der Stuhlkante saß, und fragte: „Hast du Zeit für eine Tasse Kaffee?“ Die Worte waren ihm rausgerutscht, bevor er nachdenken konnte.

Zu seiner Überraschung lächelte sie. „Ja, gern.“

Ihm entging nicht, dass sie mit einem Finger über ihre Uhr strich. Sie würde wahrscheinlich nur ein oder zwei Minuten bleiben, nicht länger, aber es fühlte sich trotzdem wie ein Geschenk an.

Wes dachte daran, ihr zu sagen, dass er ihr schon nichts tun würde – und auch sonst niemandem. Die einzige Waffe, die er je in der Hand gehabt hatte, war ein Besen. Besitzer von Lebensmittelläden prangten üblicherweise nicht auf Fahndungsplakaten im Postamt.

Vielleicht hielt sie ihn immer noch für einen Außenseiter. Schließlich lebte er erst seit sieben Jahren in Crossroads. Als er damals in die Stadt gezogen war, hatte Maria in Dallas gewohnt, also hatte er sie vor ihrem Unfall nicht kennengelernt. Leute in Kleinstädten brauchten manchmal lange, bis sie Fremde akzeptierten, und vielleicht machte ihre Blindheit es noch schwerer.

Aber Wes saß ihr jeden Sonntag im Gottesdienst schräg gegenüber, und manchmal aßen sie bei den Kirchenevents für Singles am selben Tisch. Doch das machte sie wohl noch lange nicht zu Freunden.

Er stellte ihr eine Tasse Kaffee hin, blieb aber stehen und ging nicht zurück hinter seinen Schreibtisch.

„Das Apfelgelee war letzte Woche ausverkauft“, sagte er und war stolz auf sich, dass ihm überhaupt etwas einfiel, um ein Gespräch in Gang zu bringen. „Da Weihnachten vor der Tür steht, solltest du vielleicht darüber nachdenken, am Samstag nachzuliefern. Oder du lässt einen Karton hier, dann kümmere ich mich darum.“

„Mach ich.“ Ihre schmalen Finger strichen über den schweren Becher und fanden den Henkel. „Ich könnte ein paar Geschenkkörbe packen. Die wären teuer, aber vielleicht kaufen die Leute sie als Weihnachtsgeschenk.“

„Schaden könnte das nicht. Last-Minute-Käufer suchen immer etwas Besonderes.“ Das ist alles, dachte er. Mehr gibt es zwischen uns nicht zu sagen.

Er nahm ihr nicht übel, dass sie ihn nicht besser kennenlernen wollte. Schließlich waren sie nur flüchtige Bekannte, die höflich miteinander umgingen. Beide zu still. Und auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, hatte ihr wahrscheinlich jemand gesagt, dass er nicht attraktiv war. Mit vierunddreißig hielt er sich gerade noch für vorzeigbar, aber in ein paar Jahren würde er wie schon sein Vater und sein Großvater mit zunehmendem Alter dieses Geiergesicht bekommen. Auch er wäre dann zu groß, zu dünn, hakennasig und hätte abstehende Ohren. Die wenigen Frauen, die er vor Jahren gedatet hatte, hatten das vermutlich vorausgesehen.

Plötzlich hörte er ein Klappern an der offenen Bürotür.

Die Franklin-Schwestern, denen das Bed and Breakfast die Straße runter gehörte, steckten die Köpfe herein und unterbrachen seine selbstquälerischen Gedanken. Früher hatten sie gern damit angegeben, dass sie ihre eigenen Marmeladen einkochten, aber seit Maria ihre Marmeladen und Gelees in seinem Laden anbot, kauften die Schwestern bei ihm.

„Guten Morgen, Maria“, sagte Rose Franklin und watschelte an Wes vorbei, als wäre er ein Pfosten mitten im Büro. „Hast du Aprikosenmarmelade? Ich mache damit einen großartigen Hähnchenauflauf.“

„Ja, Ma’am, ich habe noch welche gekocht – aus den Aprikosen, die ich im Herbst eingefroren habe. Sie sollten sich einen Vorrat anlegen. Was im Regal steht, ist der letzte Rest bis nächsten Sommer.“

Maria lächelte die Franklin-Schwestern an. Das tat sie bei ihm nie. Ein Sonnenstrahl-Lächeln, dachte er, ein Stück Schönheit, das ihre sonst so ernste Miene erhellte.

Daisy Franklin beugte sich näher zu Maria. „Wir würden dir auch größere Mengen direkt abnehmen, wenn du uns lässt, Maria.“ Sie warf einen Blick auf den eins fünfundachtzig großen Pfosten namens Whitman und entschied offenbar, dass er nicht zuhörte. „Dann sparen wir uns den Zwischenhändler, wenn du verstehst, was ich meine …“

Wes rührte sich nicht und sagte nichts. Er hatte schon vorher gehört, wie die Schwestern diesen Trick versucht hatten. Marias Marmeladen brachten ihm nicht viel ein, aber sie zogen Kunden in den Laden. Ein einziges Glas reichte, damit sie bei jeder weiteren Fahrt durch Crossroads für Nachschub hereinkamen.

„Nein danke, Miss Franklin“, sagte Maria und nahm vorsichtig einen Schluck Kaffee. „Ich habe eine Vereinbarung mit Wes. Er nimmt mir alles ab, was ich herstellen kann, und ich verkaufe ausschließlich an Whitman Grocery.“

Wes lächelte. Sie hatte vor anderen Leuten seinen Vornamen gesagt. Als wären sie Freunde. Sie hatten eine Abmachung, und sie hielt sich daran.

Die Hälfte des Ladens bestand aus normalen Lebensmitteln, aber die andere Hälfte waren Spezialitäten, alles lokal angebaut, eingekocht, gebacken oder gebraut.

Als Maria damals mit ihrer Schwester hereingekommen war und gefragt hatte, ob er ihre Gelees ins Sortiment nehmen wollte, hätte Wes nicht Nein sagen können, selbst wenn er jedes Glas selbst hätte essen müssen.

Jetzt kamen die Leute in seinen Laden, um diese kleinen Gläser zu kaufen, deren Deckel liebevoll mit rotem Stoff verziert waren. Jede Woche sah Wes zu, wie der Vorrat im Regal schrumpfte, und zählte die Tage, bis Maria wiederkam.

Stirnrunzelnd sah Rose Franklin sich in seinem Büro um. Zwei Stühle. Wände voller Kartons. Wes, der an der Tür stand. „Ich verstehe ja, wenn ihr zwei eine Art private Abmachung habt, nur unter euch.“ Sie wackelte mit den Augenbrauen. „So was hatte ich im Lauf der Jahre auch ein paar Mal.“

Weder Wes noch Maria sahen auf. Mit Rose zu diskutieren war, als würde man einen Fall vor dem Obersten Gerichtshof ausfechten. Entweder man war bereit zum Kampf oder man sollte dem Gerichtssaal fernbleiben.

Wes sah, wie Maria die Röte ins Gesicht stieg. Rose hatte angedeutet, dass mehr zwischen ihnen sein könnte. Sosehr er sich das auch wünschte, er wusste, dass diese Chance bei null lag.

„Jeder, der beim Frühstück eure Pfirsichkonfitüre auf unserem berühmten Nussbrot probiert, will danach beides kaufen. Wenn das Bed and Breakfast einen Vorrat von deiner Marmelade hätte, würden wir den Gästen den Weg hierher ersparen.“ Rose richtete sich auf, bereit, so lange stehen zu bleiben, bis sie die Antwort bekam, die sie wollte. „Und du würdest mehr verkaufen.“

Wes trat in die Schusslinie. „Miss Franklin, ich habe von Ihrem selbst gebackenen Brot gehört. Die Leute sagen, es ist himmlisch. Haben Sie je darüber nachgedacht, das zu vermarkten? Ein Foto von Ihnen beiden auf dem Etikett würde so hübsch aussehen. Das berühmte Brot der Franklin-Schwestern . Ich sehe es schon im Regal liegen.“

Daisy schnalzte mit der Zunge, was beinah wie ein kleiner Trommelwirbel klang. „Oh, nein, nein, das geht leider nicht. Wir haben viel größere Eisen im Feuer.“ Sie sah zu ihrer Schwester, als bräuchte sie ihre Erlaubnis. Rose nickte kaum merklich, und Daisy fuhr fort: „Rose und ich haben beschlossen, noch ein Geschäft aufzumachen. So schnell, wie die Stadt wächst, machen wir uns als Hochzeitsplanerinnen selbstständig. Und obwohl unsere ersten Kunden es geheim halten, planen wir gerade eine riesige Hochzeit, größer als alles, was diese Stadt je gesehen hat.“

Rose nickte. „Sobald wir uns einen Namen gemacht haben, werden die Leute aus den großen Städten kommen, aus Amarillo oder Lubbock oder sogar Abilene. Wir bringen die Hochzeitsgesellschaft im Bed and Breakfast unter, planen die Feier, backen die Torte. Alles, was unsere Kunden noch tun müssen, ist, zu ihrer Hochzeit zu erscheinen.“

Daisy kicherte. „Das nennt man Destination Wedding .“

„Na so was“, erwiderte Wes höflich. Er hatte Crossroads nie als Reiseziel gesehen, eher als einen kurzen Zwischenstopp, wo sich zwei Highways kreuzten. „Das klingt großartig, meine Damen. Sagen Sie Bescheid, wenn ich helfen kann.“ Kurz dachte er daran, zu fragen, wie zwei Frauen, die nie geheiratet hatten, plötzlich Expertinnen für Hochzeitsplanung sein konnten, wollte aber ihre Gefühle nicht verletzen.

„Na ja, Sie können tatsächlich helfen.“ Rose richtete sich auf. „Wenn Sie eine Braut finden, geben wir Ihnen als unserem ersten Kunden aus der Stadt fünfzig Prozent Rabatt. Wir könnten Sie noch vor der großen Hochzeit im Juni dazwischenschieben.“

Beide Frauen lachten, als Wes instinktiv zurückwich.

„Schon gut, mein Lieber.“ Daisy Franklin winkte ihn wieder heran. „Wir wissen ja, dass Sie so sind wie wir, Mr. Whitman. Manche Menschen sind einfach nicht für die Ehe gemacht.“

Wes war dankbar, dass in diesem Moment einer seiner Mitarbeiter mit den Taschen der beiden alten Damen hereinkam.

Die Franklins watschelten davon, und Maria reichte ihm ihre leere Tasse. Seine Zeit allein mit ihr war vorbei.

Sie ging ohne ein Wort.

Wes setzte sich in seinen Bürostuhl und drehte der Tür den Rücken zu. Er wünschte, er könnte die Welt aussperren. Er hatte daran gearbeitet, mit Kunden Small Talk zu machen. Über das Wetter, Sport, die Lokalnachrichten. Aber es fiel ihm nie leicht, und sein Verstand schien nicht schnell genug zu sein, um sich etwas Geistreiches auszudenken, das er zu Maria sagen konnte.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn aufschrecken.

Er drehte sich um und sah hoch. „Ja?“ war alles, was ihm einfiel.

Maria trat wieder in sein Büro, und zu seiner Überraschung schloss sie die Tür. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich noch ein bisschen bleibe?“

„Nein. Möchten Sie noch einen Kaffee?“ Er stand auf und stieß dabei einen Stapel Kataloge für Autoteile von der Ecke seines Schreibtischs.

Sie ging zu ihm, wo er auf dem Boden kniete, machte aber keine Anstalten, ihm beim Aufheben zu helfen. „Tut mir leid. Ich wollte nur sicher sein, dass es Ihnen gut geht nach dem, was Miss Franklin gesagt hat“, flüsterte sie, streckte die Hand aus und berührte seine Schulter.

Er richtete sich auf und warf die Kataloge in den Papierkorb hinter sich. „Die hätte ich schon lange wegwerfen sollen.“

Er trat nicht zurück, starrte nur auf ihre zarte Hand, die langsam seinen Arm hinabglitt. „Mir geht’s gut“, sagte er schließlich, mehr überrascht darüber, dass sie sich um ihn sorgte, als über irgendetwas, was Daisy je hätte sagen können.

Maria nickte. „Natürlich. Daisy Franklin meint es nicht so. Ihre Worte sind manchmal schneller als ihr Kopf.“

Er setzte sich auf die Kante des Schreibtischs, damit er ihr Gesicht sehen konnte. „Nett von Ihnen, sich Sorgen um mich zu machen.“ Er dachte daran, sie zu berühren, vielleicht ihre Wange oder seine Hand auf ihre zu legen, aber das wäre vielleicht falsch.

Wäre er ein anderer Mann, hätte er sie um ein Date gebeten oder auf die Wange geküsst. Dann erinnerte er sich daran, warum sie zurückgekommen war. Es ging um die Abrechnung. Er musste sie bezahlen.

„Oh, Entschuldigung. Wenn Sie einen Moment warten, schreibe ich Ihnen den Scheck.“ Er setzte sich an den Schreibtisch und schlug sein Scheckbuch auf.

Sie blieb an seiner Seite stehen.

Ein dumpfes Gewicht legte sich auf seine Brust. Offensichtlich wollte sie ihm etwas sagen, und wenn sie dazu die Tür geschlossen hatte, konnte es nur etwas Schlechtes sein. Zog sie fort? Wollte sie heiraten? Verkaufte sie doch an die Franklin-Schwestern?

Ohne sie anzusehen, legte er ihren Scheck auf die Ecke des Schreibtisches und wartete.

Er drehte seinen Stuhl und wollte aufstehen. Vielleicht wäre es dieses Mal in Ordnung, sie hinauszubegleiten?

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, legte erneut die Hand auf seine Schulter und hielt ihn mit dieser federleichten Berührung im Stuhl zurück. Als er zu ihr aufsah, schenkte sie ihm dieses Sonnenstrahl-Lächeln – nur für ihn – und ihre Finger strichen an seinem Kinn entlang.

Dann tat sie das Seltsamste überhaupt: Sie beugte sich vor und legte die Lippen auf seine.

Er war so überrumpelt, dass er sich nicht rührte.

Sie richtete sich wieder auf, runzelte die Stirn und küsste ihn noch einmal. Diesmal fester. Als würde er aus tiefem Schlaf erwachen, erwiderte er endlich ihren Kuss. Zart. Beinahe unschuldig.

Dann trat sie zurück, als würde die Flutwelle, die ihn gerade überrollt hatte, einfach wieder abebben.

„Wir sehen uns nächste Woche“, sagte sie, so förmlich wie immer.

„Ja“, antwortete er. Er stand auf und öffnete ihr unbeholfen die Tür. „Hoffe, du bist zu Hause, bevor die Kaltfront uns erreicht.“

Sie drehte sich nicht mehr um, als sie den Laden verließ, aber die stille Maria Anne Davis hatte gerade seine Welt verändert.

Wes stand in seinem vollgestopften Büro und fragte sich, wie Menschen mit Fremden schlafen konnten und am Ende mehr Geliebte hatten, als sie zählen konnten. Er wusste nicht einmal mehr, wie man mit Frauen redete oder wie er Maria nach einem Date fragen sollte. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte, war sich aber ziemlich sicher, dass ein Wetterbericht nicht das Richtige war.

Aber wenn sie ihn geküsst hatte, musste sie ihn doch mögen, oder?

Sollte er es jemals schaffen, sie um ein Date zu bitten, wüsste sie vielleicht gar nicht, was sie antworten sollte, oder sie hätten nichts, worüber sie reden konnten. Keiner von beiden war gut im Reden.

Er lächelte. Vielleicht spielte das keine Rolle. Sie hatte ihn geküsst.

Das war ein Anfang.

3. KAPITEL

Travis betrat das Gebäude der Bezirksverwaltung und dachte: Wie schlimm kann dieses neue Zuhause schon sein? Die drei Großonkel hatten bestimmt keine Ahnung von Kindererziehung. Er konnte sich kaum daran erinnern, dass sein Vater sie je erwähnt hatte, und wenn sie mit seinem Dad verwandt waren, waren sie vermutlich genau solche Säufer wie er. Neue Stadt, neues Haus, dasselbe Problem. Am Ende wäre er wieder auf sich allein gestellt.

Als der Deputy ihn in das Büro des Sheriffs winkte, schluckte Travis nervös sein Kaugummi herunter und trat in sein neues Leben.

Die drei alten Männer, die an einer Wand standen, waren schlimmer, als er befürchtet hatte. Das Gesicht des einen war so zerfurcht, dass Travis im ersten Moment dachte, er würde eine Maske tragen. Einer war groß, richtig groß und dürr wie ein Gerippe. Und der dritte sah aus, als hätte er seinen Schlafanzug an.

Der Deputy lächelte. „Travis, das sind deine nächsten Verwandten.“

Travis dachte daran, wegzulaufen, aber es war wie bei den Freaks im Zirkus. Er hatte Angst zu blinzeln.

Der Runzlige grinste und nahm seinen Hut ab, auf dem „CAP“ stand. „Hallo, Junge. Ich bin dein Onkel Cap. Cap Fuller.“

„Natürlich bist du das.“ Travis ergriff die Hand, die ihm hingestreckt wurde, und fragte sich, wie die beiden anderen wohl hießen – wahrscheinlich Dürr und Verrück t.

„Tut uns leid wegen deiner Eltern“, sagte Cap, ohne seine Hand loszulassen. „Wir tun unser Bestes für dich, solange du hier bist.“

Der Knochenmann machte einen langen Schritt nach vorn, als würde er eine Linie im Sand überschreiten und sich damit seinem plötzlichen Tod ausliefern. Er nahm seinen Cowboyhut ab und nickte. „Ich bin Dice, Dice Fuller. Du bist ein gut aussehender Junge. Wie alt bist du?“

„Fast sechzehn.“

„Hätte dich älter geschätzt, vielleicht siebzehn. Du hast alte Augen.“ Dice musterte ihn, als stünde später eine Prüfung an. Größe, Gewicht, Haarfarbe …

Travis entschied, dass er den dünnen Mann mochte. Es sei denn, Dice plante, ihn zum Abendessen zu verschlingen. Er sah aus, als hätte er seit Jahren keine richtige Mahlzeit gehabt.

Der dritte Onkel war pummelig und wirkte, als hätte er viel zu viel Zeit damit verbracht, in die Kühlschranklampe zu starren. Er sagte nichts, aber er lächelte Travis an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Der Mann hatte zu viele Zähne, um normal zu sein, und seine Lippen sahen aus wie Gummibänder, straff gespannt zwischen dicken Wangen.

Eigentlich wirkte keiner von ihnen normal. Allein dieser Punkt bestätigte, dass sie mit ihm verwandt waren.

Gerade als Travis sich entschlossen hatte zu fliehen, trat ein Mann in Uniform in den Raum. Sofort nahm der Deputy Haltung an.

Der Fremde hatte freundliche Augen und stellte sich als Sheriff Brigman vor. „Ich weiß, das wird nicht leicht für dich, Travis, und ich will, dass du dir merkst: Ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Er wandte sich den Onkeln zu. „Ihr habt eine Menge Arbeit in die Vorbereitungen gesteckt, damit alles klappt.“ Dann sah er wieder Travis an. „Es wird nicht wie zu Hause sein, Junge, aber wenn du der Sache eine Chance gibst, wird es gar nicht so schlimm.“

Travis senkte den Kopf. Er wollte nichts sagen.

Als er den Trailer, den er sein Zuhause nannte, das letzte Mal gesehen hatte, lag überall Müll herum, Möbel waren zerbrochen, und alles war voll Blut. Selbst bei den Onkeln war es bestimmt nicht so schlimm.

Cap schüttelte dem Sheriff die Hand. „Danke für deine Hilfe, Dan. Wenn du nichts dagegen hast, würden wir ihn gern bis zum neuen Jahr aus der Schule lassen, damit er sich an den Ort und an uns gewöhnt. Nachts bleibt er bei Horace im Haus, zusammen mit Dice, aber an den Tagen, an denen sie arbeiten, bringen sie ihn zu mir rüber, auf die andere Straßenseite. Zu dritt kriegen wir das hin, wir geben unser Bestes.“

„Ihr arbeitet?“ Travis war schockiert. Seine Onkel sahen alle drei aus, als müssten sie längst in Rente sein.

Cap drehte sich zu ihm um und redete langsam, als gäbe es zwischen ihnen eine Art Sprachbarriere. „Ich war Lehrer und bin seit ein paar Jahren im Ruhestand, aber ich helfe noch im Seniorenheim aus. Der Leiter braucht oft meinen Rat. Und als ehemaliger Captain der Freiwilligen Feuerwehr werde ich gerufen, wenn es Probleme gibt. Hin und wieder springe ich für den Sheriff als Ordnungshüter ein. Ich glaube, es liegt mir in den Genen, in Notfällen das Kommando zu übernehmen.“

Typisch Lehrer! Fragte man nach der Uhrzeit, bekam man einen Vortrag, wie eine Uhr funktionierte.

„Kannst du reiten, mein Sohn?“, fragte der dünne Dice Fuller.

„Pferde?“ Travis wollte brüllen, dass er nicht ihr Sohn war, aber den Wutanfall hob er sich für später auf. Vier gegen einen – das sah nicht gut für ihn aus.

„Ja, Pferde. Wir reiten normalerweise keine Kühe.“ Dice lachte leise.

„Nein. Hatte noch nie die Chance. Aber ich versuche es.“

„Ich bring’s dir bei. Ein Mann sollte reiten können.“

„Was ist mit Autofahren? Das ist auch wichtig. Nächstes Jahr bin ich alt genug für den Führerschein.“ Travis fühlte den ersten Hoffnungsschimmer. Wenn diese alten Männer ihm das Autofahren beibrachten, musste er nicht weglaufen. Er konnte fahren, wohin er wollte, sogar im Auto wohnen, das war viel sicherer als auf der Straße. Wenn ihm der Ort nicht gefiel, an dem er landete, würde er einfach weiterfahren.

Dice neigte den Kopf zur Seite, als würde er Wasser durch Gehirnzellen spülen, die er eine Weile nicht benutzt hatte. „Du lernst, mit einem Pferd umzugehen, dann nehmen wir uns das Autofahren vor. Abgemacht?“

Travis grinste. „Abgemacht.“ Dieses Gefängnis würde gar nicht so schlimm sein. In drei, vielleicht sechs Monaten hätte er alles gelernt, was er brauchte, und dann würde er von hier verschwinden.

Dann bin ich frei, dachte er. Und diese drei alten Männer würden einfach glauben, sie hätten vergessen, wo sie ihn gelassen hatten.

4. KAPITEL

Eine Woche, nachdem Maria Anne Davis Wes Whitman geküsst hatte, kam sie wieder in seinen Laden, voll beladen mit Kisten voller Marmeladengläser. Wes beeilte sich, ihr zu helfen, und streifte dabei aus Versehen ihren Arm, als er ihr die Kisten abnahm.

„Entschuldigung“, sagte er, als ihm einfiel, dass sie Hilfe nicht mochte.

„Schon gut“, antwortete sie mit einem schüchternen Lächeln.

Dann drehte sie sich weg, als wäre er wieder nur ein Fremder. Als hätten sie sich nicht geküsst. Als hätte er nicht Stunden damit verbracht, darüber nachzudenken, was er hätte tun sollen.

Er konnte einen Laden führen, das hatte er von seinem Vater gelernt. Er konnte mit Kunden Small Talk halten und in Menschenmengen nicht auffallen. Wes wusste, wie man ein geordnetes Leben führte. Was er nicht wusste, war, was er mit Maria anfangen sollte.

Sie füllte die Regale auf, während er ein paar frühe Kunden bediente. Dabei ließ er sie aber nie länger als ein paar Minuten aus den Augen. Mit ihren dunklen Haaren, zurückgebunden zu einem Zopf, sah sie eher aus wie ein Teenager, nicht wie eine Frau Anfang dreißig. Sie bewegte sich so flink, dass er glaubte, im Herzen würde sie immer jung bleiben.

Er kannte viele Details – wie sie aussah, wie sie arbeitete –, wusste aber kaum etwas darüber, was sie dachte. Oder warum sie ihn letzte Woche geküsst hatte. Oder ob sie es vielleicht wieder tun würde.

Blade Hamilton war mit ihr hereingekommen. Er redete mit ihr, als wären sie alte Freunde oder Familie. Er zog sie sogar damit auf, dass sie wohl den Laden mit ihrem Gelee übernehmen wollte, weil ihre Regale jede Woche mehr Platz einzunehmen schienen.

Als Wes zu ihnen trat, sagte Blade, er habe Maria gefahren, weil ihre Schwester heute früh zur Arbeit gemusst habe. „Wenn ich Dakota heirate, wird Maria meine Schwester. Das nenne ich einen echten Segen.“

Maria lachte. „Vergiss nicht, dass Dakota auch Großmutter mitbringt.“

Blade lachte ebenfalls. „Ich bin reich gesegnet“, sagte er, aber Wes entging nicht, dass er die Augen dabei verdrehte.

Wes entspannte sich. „Wie läuft die Renovierung, Blade?“

Jeder in der Stadt wusste, dass Blade Hamilton sein altes Haus neben der Davis-Farm herrichtete. Und alle wussten ebenfalls, dass Dakota Davis, Marias Schwester und Blades zukünftige Braut, bisher keinen Fuß auf Hamilton-Land gesetzt hatte. „Sind Sie bald so weit, dass Ihre Braut einziehen kann?“

„Ich hoffe es, aber ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob wir am Ende tatsächlich dort wohnen werden“, antwortete Blade. „Dakota glaubt an Flüche. Wenn ich alles fertig mache und sie mein Grundstück trotzdem nicht betreten will, muss ich die Ranch verkaufen. Mit meinem Job und der ganzen Reiserei komme ich nicht so schnell voran, wie ich will, und sie von einem Fluch abzubringen, an den sie ihr ganzes Leben lang geglaubt hat, geht auch nicht schneller.“

Blade offenbarte noch einige Details der Familiengeschichte, von denen Wes das meiste kaum verstand, dann fragte er Maria, ob es ihr etwas ausmachen würde, zu warten, während er kurz zum Postamt fahren würde, um nachzusehen, ob irgendwelche Teile angekommen wären.

Sie schüttelte den Kopf, ohne bei der Arbeit innezuhalten.

Blade verschwand.

Wes wartete.

Endlich wurde es ruhig im Laden. Er hatte die ganze Woche darüber nachgedacht, was er sagen wollte, und jetzt kam es ihm plötzlich zu kühn vor.

Trotzdem musste er es versuchen. Er hatte jede Nacht wach gelegen und gewartet. Eine weitere Woche würde er nicht durchhalten. Also betrat er den nächsten Gang und sah sie über das vier Fuß hohe Regal hinweg an, in dem ihre Waren standen. „Hast du Zeit, kurz ins Büro zu kommen? Für eine Tasse Kaffee?“

Doch Maria hob nicht einmal den Kopf.

Wes hätte fast geflucht. Er war zu dreist gewesen. Vielleicht hatte sie gar nicht verstanden, dass es um mehr ging als um Kaffee.

Er brachte kein weiteres Wort heraus, wollte sich nicht lächerlich machen.

Als er auf sein Büro zusteuerte, war er überrascht, dass sie in dieselbe Richtung ging. Sie wartete, beinah nah genug, um ihn zu berühren, während er die Tür für sie öffnete und wieder schloss, als sie beide drinnen waren.

Sie wirkte so klein neben ihm. Als sie zu ihrem Stuhl ging, setzte er sich hinter den Schreibtisch. Er hoffte, dass ihr das helfen würde, sich zu entspannen. „Möchtest du lieber eine Tasse Kakao?“

„Nein“, antwortete sie, ohne sich zu setzen.

Sie stand einfach da und umklammerte die Stuhllehne. Wenn sie sich entspannen würde, könnte er sagen, was er sich zurechtgelegt hatte. Vielleicht würde er sie fragen, ob er in der Kirche neben ihr sitzen durfte, oder sie sogar um ein Date bitten. Er hatte gehört, dass sie seit ihrem Unfall mit keinem Mann ausgegangen war, also würde er es verstehen, wenn sie Nein sagte.

Doch die Worte kamen ihm nicht über die Lippen.

Langsam kam sie um seinen Schreibtisch herum, ließ die Fingerspitzen über das Durcheinander aus Quittungen gleiten.

Er drehte den Stuhl zu ihr. Halb erwartete er, sie würde ihm eine Ohrfeige geben und sagen, er solle den Kuss vergessen.

Doch sie beugte sich vor, umfasste sein Kinn und verschloss seine Lippen erneut mit einem federleichten Kuss.

Und diesmal reagierte er sofort. Als der Kuss intensiver wurde, legte er die Hände um ihre Taille und zog sie auf seinen Schoß. Jetzt waren sie auf Augenhöhe. Ihre Hände ruhten auf seinen Schultern, während er den Kuss erwiderte.

Er dachte, er sollte etwas sagen, aber er wollte nicht, dass sie sich auch nur einen Hauch zurückzog. Maria Anne Davis küsste ihn, und das war alles, was zählte.

Langsam lernten sie einander kennen. Ungeschickte Berührungen wurden gewagter. Er legte die Hand auf ihren Rücken und zog sie behutsam näher, bis ihre Körper sich berührten. Dann schob er die Finger in ihr Haar und hielt sie fest, als er den Kuss unterbrach. Ihr Atem strich über seine Brust.

Sie seufzte leise, als er die Lippen über ihre Wange gleiten ließ, hinab zu ihrem Hals. Im Raum war es so still, dass er ihre kleinen Laute hörte, während er sanft ihre Haut kostete.

Er lächelte, weil er dachte, er wäre mutig und ihr gefiele es.

Seine Hand zitterte leicht, als ihm klar wurde, dass er pure Vollkommenheit in den Händen hielt. Er wollte nichts tun, um das zu ruinieren, doch er durfte die Chance nicht verpassen, ihr zu zeigen, was er fühlte.

Langsam fand er zurück zu ihren Lippen, und wo er sie berührt hatte, blieb ihre Haut warm und feucht zurück.

Ihr Mund war bereits ein wenig geöffnet, verlangend. Leidenschaft loderte zwischen ihnen, und er fühlte, wie ihr Körper in seinen Armen immer wärmer und nachgiebiger zu werden schien. Dieser besondere Moment würde ihm jeden Tag seines Lebens im Gedächtnis bleiben.

Wes hatte nie Drogen genommen oder war jemals wirklich betrunken gewesen, aber jetzt wusste er, wie es sich anfühlen musste. Die Dates in seinen Zwanzigern waren nichts Besonderes gewesen. Meist war es beim ersten Treffen geblieben oder hatte als ein Lass-uns-Freunde-bleiben-Date geendet. Die wenigen Frauen, mit denen er zusammen gewesen war, waren einsam gewesen, hatten gerade mit einem anderen Mann Schluss gemacht oder einfach Langeweile gehabt. Er hatte ihnen nichts bedeutet. Für sie war er nicht wichtig gewesen.

Doch Maria küsste ihn, als würde sie sich nach ihm verzehren.

Er spürte, wie ihre Hand über seine glitt, die auf ihrer Taille ruhte. Mit einem Ruck versuchte sie, sie wegzuziehen.

Er wollte sie nicht loslassen, doch sie bestand darauf. Sie umfasste zwei seiner Finger und führte seine Hand an ihre Brüste.

Wes richtete sich auf und beendete den Kuss. „Bist du sicher?“, flüsterte er.

„Ja“, antwortete sie. „Wenn es für dich in Ordnung ist. Ich möchte hier berührt werden, während du mich küsst, Wes.“

Er lachte leise, als er die Finger um eine Brust schloss. „Das ist mehr als in Ordnung, Liebling.“ Sie hatte seinen Namen gesagt, und er hatte sie „Liebling“ genannt. Wes konnte nicht aufhören zu lächeln.

Er fing ihren Seufzer der Lust mit seinen Lippen auf und küsste sie wieder. Ein Teil von ihm fürchtete, dass es nur ein Traum war, aus dem er gleich erwachen würde. Doch solange er dauerte, wollte er ihn auskosten.

Als sie beide außer Atem waren, lehnte sie den Kopf an seine Schulter, während er über ihr weiches Flanellhemd und den rauen Stoff ihrer Jeans strich. Sie sagte nichts, bewegte sich kaum, doch er liebte diese kleinen Laute, die sie nah an seinem Ohr machte.

„Willst du das wirklich, Maria?“ Erneut schloss er die Hand um ihre Brust, diesmal fester, bis er ihr Seufzen hörte.

„Ja. Das ist es, was ich will“, stieß sie atemlos hervor. „Das und mehr.“

„Was immer du brauchst. Wann immer du es willst. Komm einfach zu mir.“

Sie kicherte. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht ist. Ich dachte, ich müsste dich erst dazu überreden.“

„Du hast mich überzeugt, Liebling. In dem Moment, als du meine Schulter berührt hast, war die Sache entschieden. Ich bin offen für alles, was du willst. Ich könnte dich nie zurückweisen. Nie. Dafür habe ich zu lange davon geträumt, dich so in den Armen zu halten.“

Ohne ein weiteres Wort küssten sie sich wieder. Intensiv, leidenschaftlich. Er verlor sich so sehr in ihrem Geschmack, dass er nicht sagen konnte, wie viel Zeit verging, und es war ihm auch egal.

Ein Klopfen an der Bürotür katapultierte sie beide zurück in die Realität. „Maria wird abgeholt, Boss“, rief Wanda Lee, seine einzige Kassiererin, die am frühen Morgen Dienst hatte. Dann war sie offenbar schon wieder weg. Sie hatte nicht nach der Klinke gegriffen. Sie war nicht der neugierige Typ.

Maria schob ihn sanft zurück, und er ließ sie los. Langsam stand sie auf, und als sie ihre Kleidung ordnete, streifte ihr Körper seine Wange.

Wieder legte er die Hände um ihre Taille und ließ sie über ihre Hüften nach unten gleiten. Das hier war weder der Ort noch der richtige Zeitpunkt für das, was er am liebsten mit ihr getan hätte. Doch sie war die eine für ihn.

Er öffnete den Mund und suchte nach den richtigen Worten. Bleib. Komm wieder.

Mit einem Finger berührte sie seine Lippen und brachte ihn zum Schweigen. „Willst du mein Liebhaber sein?“, flüsterte sie. „Ich habe beschlossen, dass ich dich zu Weihnachten will, Wes. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast.“

„Wenn du auch nur den kleinsten Zweifel hast, bleib noch ein bisschen, dann zeige ich’s dir.“

Als er aufsah, lächelte sie. Dann wandte sie sich wortlos zur Tür und ging.

Wes saß an seinem Schreibtisch und beschloss, mit dem Denken und Planen aufzuhören. Er wusste nicht, wohin das führen würde, und es interessierte ihn auch nicht. Es spielte keine Rolle, solange es weiterging. Wenn sie ihn zu Weihnachten wollte, konnte sie ihn haben – und auch die anderen dreihundertvierundsechzig Tage im Jahr.

Er würde einfach warten und sich überraschen lassen. Wenn sie jede Woche hereinkommen und ihn in ihrer sanften, stillen Art küssen wollte, konnte er damit umgehen. Sie mussten nicht darüber reden.

Langsam öffnete er die Hand und schloss sie wieder. Maria war noch keine fünf Minuten weg, und schon vermisste er sie. Wen versuchte er hier eigentlich zu täuschen? Wenn das so weiterging, würde er bis Weihnachten den Verstand verlieren. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als ihm klar wurde, dass es ihm egal war.

„Mr. Whitman?“ Der Highschool-Junge, der vor Kurzem gekündigt hatte, steckte den Kopf ins Büro. „Miss Davis hat gesagt, ich soll Ihnen ausrichten, dass sie am Montag zum Auffüllen wiederkommt.“

„Danke, Randy. Geh heute ruhig früher. Ich weiß, deine Eltern wollen los. Ich wünsche dir schöne Weihnachten in Vermont.“

„Danke, Mr. Whitman. Frohe Weihnachten.“

Wes stand auf und flüsterte: „Die werde ich haben.“

An diesem Abend waren seine Gedanken immer noch bei Maria. Er schloss den Laden ab und ging nach Hause, während es leise schneite. Die Kälte bemerkte er überhaupt nicht. Warum sollte er auch?

Er war bereits vom Blitz getroffen worden.

5. KAPITEL

Travis’ neues Zuhause bei Horace und Dice lag zwar nicht direkt draußen in der kargen Prärie, fühlte sich aber ganz danach an. Horace lebte in einem kleinen Haus fünf Meilen außerhalb der Stadt, wo das Land hügelig und steinig war. Sein Grundstück grenzte an den Ransom Canyon, der Travis an einen tiefen Riss in der Erde erinnerte, der sich meilenweit hinzog.

Travis kam der Gedanke, dass vielleicht alle Fuller-Frauen beim Schlafwandeln gestorben waren. Ein falscher Schritt, und man stürzte dreißig Meter in die Tiefe.

Der Kamin sah aus, als wäre er aus Ziegeln, Steinen, versteinertem Holz und allem gebaut worden, was gerade auf der Ladefläche eines Pick-ups herumgelegen hatte. Das Haus hatte zwei Schlafzimmer und einen großen, offenen Raum, der zugleich Wohn- und Esszimmer sowie Küche war. Eine ganze Seite des Hauses bestand aus Horace’ Arbeitszimmer – mit Büchern, die jeden Zentimeter Wandfläche füllten.

Dice zwinkerte und sagte, Horace würde streng geheime Arbeit für die Regierung erledigen – Computerhacking. So geheim, dass Horace die meiste Zeit selbst nicht wüsste, was er da eigentlich täte. Dann lachte der dürre alte Kerl so sehr, dass Travis dachte, er bekäme gleich einen Anfall.

Travis entschied, dass alle drei Onkel es mit der Wahrheit wahrscheinlich nicht so genau nahmen, und beschloss, sich ein bisschen draußen umzuschauen, während die Alten darüber stritten, wer das Abendessen kochte.

Horace’ Haus war offensichtlich von Leuten gebaut worden, die nichts davon verstanden. Die Veranda war auf einer Seite breiter. Beide Wohnzimmerfenster kippten nach links und erinnerten Travis an moderne Kunst.

Auf eigene Faust loszuziehen, kam im Moment nicht infrage. Selbst wenn Travis sich an das halbe Dutzend Abzweigungen bis zur asphaltierten Straße erinnern würde, konnte es Stunden dauern, bis überhaupt ein Auto vorbeikam, das ihn mitnahm. Als er Horace gefragt hatte, ob er Nachbarn hätte, hatte der alte Mann erst nachdenken müssen. Travis fand, wenn man über diese Frage nachdenken musste, wohnte bestimmt keiner in der Nähe.

Dice, der mittlere der drei Brüder, war in das einzige andere Schlafzimmer von Horace’ merkwürdigem kleinen Haus gezogen. Seit die Sozialarbeiterin vor einer Woche angerufen und sie gebeten hatte, Travis aufzunehmen, arbeiteten sie an seinem Zimmer. Ihr Plan war, einfach den Wintergarten nach oben auszubauen, der aussah wie ein Museum toter Topfpflanzen.

Allerdings waren sie noch nicht fertig. Wände und Dach standen, aber es gab weder Rigips noch Farbe. Eine große Fensteröffnung war bereits ausgeschnitten, doch die Scheibe war noch nicht da.

Travis studierte dieses Wunderwerk chaotischer Schreinerarbeit. Das Zimmer war großartig. Sobald das Fenster drin wäre, würde er einen unglaublichen Blick auf den Canyon haben.

Dice präsentierte den Anbau, als wäre er etwas Großartiges. „Für das Badezimmer musst du runter, aber wir haben gedacht, du brauchst deinen eigenen Bereich. Wir werden bald fertig sein.“

„Darf ich streichen, wie ich will?“

„Klar. Welche Farbe gefällt dir?“

„Selbstmordrot“, erwiderte Travis, nur um eine Reaktion zu provozieren.

„Klingt super“, sagte Dice. „Wir könnten die Fußleisten in Kotzgrün streichen und vielleicht so eine moderne Lampe besorgen, die aussieht wie tropfende Kuhinnereien.“

Travis starrte Dice an und hatte keine Ahnung, ob diese Bohnenstange von einem Mann sich über ihn lustig machte.

Nach zwei Nächten auf der Couch entschied Travis, dass er die Arbeit besser selbst übernahm, wenn sein Zimmer jemals fertig werden sollte. Dice schleppte gern Material aus der Stadt heran, und Horace suchte Pläne aus dem Internet heraus, aber keiner von beiden schien es eilig zu haben, die Arbeit zu erledigen.

Als Travis Onkel Cap um Hilfe bat, übernahm der alte Mann das Kommando. Drei Tage später schlief Travis auf dem Boden seines neuen Zimmers. Cap wollte vielleicht nicht mit seinen Brüdern zusammenwohnen, aber er hatte kein Problem damit, Gefälligkeiten einzufordern und Leute um Hilfe zu bitten. Eine Gruppe Männer arbeitete mit Travis und fragte ihn hin und wieder nach seiner Meinung, als wäre er der Chef. Sie zeigten ihm Tricks, die nur Zimmerleute kannten. Sogar Deputy Cline, der ihn vom Flughafen hergebracht hatte, half an einem Nachmittag mit. Er zeigte Travis, wie man das Fenster richtig abdichtete.

Das Komische daran war, dass sich fast jeder Mann, der half, bei Cap für die Gelegenheit bedankte, ihm mit der Arbeit einen Gefallen zurückzuzahlen.

Als Travis schließlich allein war, eingewickelt in seinen Schlafsack wie ein langer Burrito, begann er sofort, seine Flucht zu planen. Zuerst brauchte er Geld. Er hatte schon zugesehen, wie man Auto fuhr. Zwei Monate, vielleicht drei, dann wäre er weg, wenn er irgendwie an ein bisschen Bargeld kommen konnte.

Die Idee, wie er Geld verdienen konnte, kam ihm am ersten Tag, den er mit Cap im Seniorenheim verbrachte. Cap stellte ihn einem halben Dutzend alter Leute mit Rollatoren vor. Travis hatte kaum Zeit, mehr als Hallo zu sagen, da fragten sie ihn schon, ob er ihnen helfen könnte.

Travis nickte, nicht einmal sicher, ob er ihnen wirklich nahekommen wollte, aber den ganzen Tag herumzustehen und Cap zuzuhören, war die einzige Alternative.

Also fing er an, Möbel zu verrücken, damit die alten Leute mit den Rollatoren ihre Weihnachtsbäume aufstellen konnten, und hängte Lichterketten an den Veranden ihrer kleinen Häuschen auf, die sich um einen Gemeinschaftsbereich gruppierten.

Das Seniorenheim lag mitten im Ort, in Fußnähe zum Laden, zur Tankstelle und zum Büro des Sheriffs. Besorgungen waren für Travis dadurch leicht.

Der unerwartete Vorteil war, dass ihm am Ende jeder einen Fünf- oder Zehn-Dollar-Schein in die Hand drückte und so etwas flüsterte wie: „Steck das weg. Ist für dein Weihnachtsgeld.“

Da Travis noch nie Weihnachtsgeld gehabt hatte, wusste er nicht, was er damit anfangen sollte. In der vierten Klasse hatte er einmal von der Schulbibliothek einen Preis bekommen, weil er die meisten Bücher gelesen hatte. Zwanzig Dollar. Als er sie seinen Eltern gezeigt hatte, hatten sie ihm das Geld weggenommen und Bier davon gekauft.

Danach versteckte er jedes Geld, das er irgendwo auftreiben konnte, und stahl, was er brauchte. In New Orleans, mit Dutzenden Läden in der Nähe, war das leicht gewesen. Travis war vorsichtig gewesen, er hatte nie zu viel gestohlen und niemals, unter keinen Umständen, zweimal im selben Laden.

Hier musste er seinen Plan ändern. Vielleicht war es am Ende einfach leichter, das zu bezahlen, was er brauchte.

Als er drei Tage später zum dritten Mal mit einer Liste von den Rollator-Leuten in den Lebensmittelladen ging, ließ er ein paar Schokoriegel mitgehen, als die Kassiererin sich für einen Moment wegdrehte.

Beim nächsten Gang, zwei Stunden später, wurde er dreister. Zwei Dosen Cola aus der Kühlung landeten in seiner Manteltasche.

Beim nächsten Besuch dachte Travis über eine Taschenlampe nach. Er hatte genug Geld, um sie zu kaufen, doch der Laden würde eine einzige Taschenlampe nie vermissen.

Er sah zur Kassiererin, die gerade ihren Lippenstift nachzog.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, griff er hinter sich nach der Taschenlampe. In dem Moment, in dem sie fest in seiner Hand lag, spürte Travis Finger, hart wie Eisen, die sich um sein Handgelenk schlossen.

„Ich habe gar nichts gemacht“, sagte er, als er sich umdrehte und dem Mann gegenüberstand, der nur der Besitzer sein konnte. Auf seinem Namensschild stand „Whitman“, und seine habichtartigen Augen ließen keinen Zweifel daran, dass er Travis’ Gedanken lesen konnte.

„Das habe ich auch nicht behauptet, aber ich würde gern in meinem Büro mit dir reden.“ Whitmans Stimme war leise, aber nicht freundlich.

Travis dachte ans Weglaufen oder Schreien, doch beides konnte böse enden. Der Mann war einen Kopf größer als er und würde ihn einholen. Es sah aus, als wäre er in Topform.

Außerdem, dachte Travis, wo sollte ich hin? Er wollte nicht, dass die Onkel erfuhren, dass er klaute. Horace würde es nicht verstehen und eine Million Fragen stellen. Cap würde ihm eine Predigt halten, und Dice lebte so sehr im Wilden Westen, dass er ihn wahrscheinlich am nächsten Baum aufknüpfen würde. Vielleicht konnte er sich da rausreden. Schließlich hatte er das Geld ja in der Tasche.

Der Ladenbesitzer zeigte auf den einzigen Stuhl in dem kleinen, vollgestellten Büro, und Travis versuchte, nicht schuldig zu wirken, als er sich setzte. Er kannte das Spiel. Wenn er Glück hatte, bekam er eine Standpauke. Oder schlimmer: Der Manager rief einen seiner Onkel an. Oder ganz schlimm: Der Ladenbesitzer rief den Sheriff.„Trinkst du Kaffee, Travis, oder nur Cola?“ Whitman hielt schon eine alte Kaffeekanne in der Hand.

Das ist übel, dachte Travis. Der Mann kannte seinen Namen und wusste von den Coladosen. „Ich trinke Kaffee. Woher kennen Sie meinen Namen?“

Whitman lächelte, als er Travis eine dampfende Tasse reichte. „Mrs. Kirkland aus dem Seniorenheim hat mich angerufen und gesagt, ich soll noch eine Flasche Vanille dazupacken, wenn Travis Fuller ihre Bestellung abholt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich kenne deine Verwandten, Travis. Deine Onkel sind hier alle beliebt und angesehen.“

Jetzt kommt’s, dachte Travis. Ich bin das Unkraut im Garten. Was dieser Mann allerdings nicht wusste: Er hatte sein Leben lang zwischen Unkraut gelebt. Seine Eltern waren die Art Verwandtschaft, die man nicht einmal anrufen würde, wenn man eine Niere bräuchte.

Er stellte den Kaffee auf den Schreibtisch, für den Fall, dass Whitman nach ihm schlug. So machte es sein Dad immer, wenn er fand, Travis müsse eine Lektion lernen.

„Dein Onkel Cap hat mir erzählt, dass du erst nach Neujahr mit der Schule anfängst. Hier gibt’s nicht viel, womit sich jemand in deinem Alter beschäftigen kann.“

„Ich helfe im Seniorenheim aus.“

„Gefällt dir das?“, fragte Whitman.

Travis hatte keinen blassen Schimmer, worauf dieses Gespräch hinauslief. Vielleicht machte Whitman nur Small Talk, bis der Sheriff auftauchte. „Es ist okay. Besser als bei Horace rumzuhängen. Der sitzt ständig vor seinem Computer und hat nicht mal einen Farbfernseher. Er behauptet, er kauft keinen, bis der alte den Geist aufgibt. Wenn ich wach werde, sitzt Horace schon an seinem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer und arbeitet. Und wenn ich ins Bett gehe, sehe ich das Licht vom Bildschirm in seinem Zimmer. Ich glaube, er ist so eine Art Zombie, der nie schläft.“

Travis merkte, dass er drauflosredete, aber der Besitzer machte ihn nervös, weil er so nett war. „Dice redet wenigstens mit mir, wenn er nach Hause kommt, aber er klingt, als wäre er Statist in einem John-Wayne-Film. Ich weiß nie, ob seine Geschichte erst morgens passiert ist oder vor fünfzig Jahren. Und dann ist da Cap. Der vermisst wohl das Unterrichten. Er lässt keine Gelegenheit aus, mir Vorträge zu halten. Einmal bin ich mittendrin in den Schuppen gegangen, um einen Hammer zu holen, und als ich wiedergekommen bin, hat er immer noch geredet.“

Travis hatte noch mit keinem über seine Onkel sprechen können, und dieser stille Ladenbesitzer sah so aus, als würde er ...

Autor

Jodi Thomas

Die New-York-Times-Bestsellerautorin Jodi Thomas ist Texanerin der fünften Generation und lässt viele ihrer Geschichten in ihrem Heimatstaat spielen, wo ihre Großmutter in einem Planwagen geboren wurde. Sie hat über 30 Bücher in den Genres historische und zeitgenössische Liebesromane veröffentlicht. Neben ihrer Arbeit als Romanautorin ist Thomas auch als Writer in...

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