Einmal Wolke sieben und zurück?

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Sie hat ihren Flug verpasst! Aria ist erleichtert, als der charmante Nysio Bacchetti ihr überraschend anbietet, sie in seinem Privatjet von New York nach London mitzunehmen. Überwältigt von Nysios Sex-Appeal, erlebt die kurvige Modedesignerin hoch über den Wolken ein unerwartetes erotisches Intermezzo. Aber kaum gelandet, beendet Aria dieses himmlisch-sinnliche Abenteuer. Sie leben in viel zu unterschiedlichen Welten! Doch offenbar sieht der Milliardär das anders: Sechs Wochen später findet sie in ihrer Post ein Ticket nach Florenz. Soll sie ein Wiedersehen riskieren?


  • Erscheinungstag 25.07.2023
  • Bandnummer 2606
  • ISBN / Artikelnummer 9783751518673
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Nysio Bacchetti wurde nur selten von etwas überrascht.

Er war der alleinige Erbe einer italienischen Dynastie, die bis zur Renaissance zurückreichte, und die meisten Meilensteine seines privilegierten Lebens waren im Augenblick seiner Geburt festgelegt worden. Vom elitären Internat bis zum Studium an renommierten Universitäten, deren Urkunden an der Wand seines Büros hingen, von wo aus er die Geschäfte der Familie leitete, war sein Leben immer nach Plan verlaufen.

Bis heute.

Nysio zwang sich zu atmen. Sein Blick verschwamm, während er erneut die erste Seite des Testaments eines Mannes las, dem er nie begegnet war. Ein Mann, der offenbar sein leiblicher Vater war, laut den beiliegenden Ergebnissen eines Gen-Tests von vor zwanzig Jahren. Der elegante schwarze Umschlag war gegen Mittag von einem Bevollmächtigten der Mytikas Holdings persönlich zugestellt worden. Er hatte den vertraulichen Inhalt des Briefs kurz erklärt und Nysio nach New York eingeladen, um dort alles Weitere mit dem ältesten Sohn von Zeus Mytikas zu besprechen, dem neuen CEO.

Sein Bruder. Er hatte einen Bruder.

Er hatte zwei Brüder, wie er herausfand, als er die restlichen Seiten des schockierenden Dokuments überflog und sich im Internet schlau machte. Den ernst dreinblickenden Tycoon Xander Mytikas, ältester Sohn und offenbar Günstling von Zeus, und Eros Theodorou, ein lässiger, blonder Playboy mit skandalösem Lebenswandel. Beide hatten dieselben blauen Augen und markanten Wangenknochen wie er selbst, die sie offenbar von ihrem gemeinsamen leiblichen Vater geerbt hatten.

Alle drei Namen wurden in Zeus’ Testament aufgelistet, nicht als Erben, sondern als Konkurrenten um das Erbe. Der Erste von ihnen, der heiratete und mindestens ein Jahr verheiratet blieb, würde Zeus’ gesamten Besitz erben. Offenbar hatten juristische Auflagen es Zeus verboten, das Geheimnis zu lüften, dass Nysio kein gebürtiger Bacchetti war. Bis jetzt. Der alte Tyrann hatte beschlossen, der Welt aus dem Grab ein letztes Mal den Mittelfinger zu zeigen.

In großen Schritten durchquerte Nysio sein Büro und riss die Tür zur Terrasse auf wie ein Ertrinkender. Die Lichter der Stadt funkelten unter dem Palazzo Bacchetti, als wollten sie ihn verspotten.

Für die Florentiner waren die Bacchettis wie eine Königsfamilie, und Nysio war als deren schwarzhaariger Prinz aufgewachsen, der gelernt hatte, seine Rolle perfekt zu spielen, egal, was hinter den verschlossenen Türen ihres Palazzo geschah. Sie waren mehr als nur eine wohlhabende Familie, erinnerte ihn sein alter Vater oft, wenn Nysio es wagte, sich zu beklagen. Sie waren eine Institution. Und Institutionen mussten ihr Image wahren, um den Menschen, die sich auf sie verließen, Stabilität zu vermitteln.

Doch jetzt wusste er besser als jeder andere, dass die Menschen, die am perfektesten wirkten, nur die mit den meisten Geheimnissen waren.

Er hatte kein armseliges Erbe nötig. Er hatte am Computer mit Aktien mehr Reichtum angehäuft, als der Name Bacchetti wert war. Es war allgemein bekannt, dass er zurückgezogen lebte und sein palastartiges Domizil in den Bergen von Florenz nur selten verließ. Im Gegensatz zu einigen seiner Vorfahren brauchte er weder öffentliche Bewunderung noch Drohgebärden, damit die Geschäfte florierten, denn er war für seine Geduld und seinen Instinkt an der Börse berühmt. Selbst an den turbulentesten Tagen behielt er einen kühlen Kopf.

Doch als er jetzt auf die Dokumente starrte, die er immer noch in der Hand hielt, spürte er, wie die hart erkämpfte Selbstbeherrschung mit jedem Atemzug mehr zu bröckeln begann.

Arturo Bacchetti war ein guter Mann und der einzige Vater, den Nysio je gekannt hatte. Seine Erziehung war darauf ausgerichtet gewesen, dass Nysio eines Tages den Platz seines Vaters als öffentliche Figur einnehmen sollte, trotz seiner Sozialphobie, die ihm viele der abverlangten Pflichten zur Qual machte. Viel früher als vorgesehen hatte er diese Pflichten dann tatsächlich übernehmen und die eigenen Pläne zurückstellen müssen, weil sein Vater krank geworden war und seine Eltern sich auf Sardinien zur Ruhe gesetzt hatten.

Trotz der Opfer, die er brachte, hatten seine Eltern ihm diese Information verschwiegen. Die Versuchung, sie zur Rede zu stellen, war groß, doch er war kein Mann, der gern Gefühle zeigte. Er zog es vor abzuwarten – erst denken, dann handeln. Und genau das würde er tun, beschloss er, als er ins Büro zurückging und sich das Telefon vom Schreibtisch schnappte.

Gianluca, der vertrauenswürdigste Angestellte der Familie, der es gewohnt war, neben zahlreichen anderen Aufgaben auch gelegentlich Nysios Assistenten zu spielen, antwortete sofort. Der alte Mann war verwundert, als Nysio um die Bereitstellung des Privatjets bat, doch Nysio hielt sich bedeckt und schob eine Geschäftsreise vor. Nicht notwendig, mehr zu verraten. Nicht notwendig, seine Eltern zu beunruhigen oder die Sache überhaupt zu erwähnen. Zeus Mytikas hatte sein Versprechen gebrochen, das Geheimnis für sich zu behalten, auch wenn er tot war, und Nysio wollte sichergehen, dass der aktuelle CEO von Mytikas Holdings genau wusste, was die Familie Bacchetti von der Sache hielt. Er würde die Dinge in die Hand nehmen, seinen Namen aus dem verdammten Testament streichen lassen und nach Hause zurückkehren. Ein kurzer Trip über den Atlantik, und alles wäre wieder beim Alten.

Dafür würde er sorgen.

1. KAPITEL

Was für ein trostloser Ort für eine Hochzeit. Nysios Blick verfinsterte sich, als sein Wagen in der Menge hielt, die sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatte. Mittendrin stand der Bräutigam, der mit versteinerter Miene seiner fliehenden Braut hinterhersah, die gerade in den Straßen Manhattans verschwand.

Sofort ging ein Blitzlichtgewitter los, und Nysio empfand spontan Mitleid mit dem Mann. Er wusste, wie es sich anfühlte, wenn die Privatsphäre verletzt wurde, auch wenn er selbst sicher hinter einer getönten Scheibe saß. Aus der Ferne musterte er Xander Mytikas, die markante Nase und die dichten Augenbrauen, die seinen stark ähnelten. Während des Flugs über den Atlantik hatte er sich gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, einem seiner Halbbrüder persönlich zu begegnen. Die Antwort war, er empfand gar nichts.

Bisher hatten seine Detektive keinen Hinweis darauf gefunden, dass einer seiner Brüder plante, seinen Namen an die Öffentlichkeit zu zerren. Tatsächlich waren beide viel zu sehr mit ihrem eigenen Disput beschäftigt, um die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass ihr italienisches Pendant auftauchen könnte. Beide wussten von seiner Existenz, sie hatten alle dasselbe Dokument erhalten. Doch abgesehen davon, ihm eine Kopie des Testaments zu schicken, hatten sie weder Kontakt gesucht noch seine Existenz irgendwie zur Kenntnis genommen.

Ehe er sich seinen nächsten Schritt überlegen konnte, sah Nysio, wie sein Bruder durch die Menge zu seinem Wagen ging und davonfuhr. Offensichtlich hatte Xander Mytikas nicht vor, rumzusitzen und darauf zu warten, ob seine Braut zurückkehrte. Der amtierende CEO musste so schnell wie möglich heiraten, um seine Anteile an Mytikas Holdings nicht zu verlieren, und laut Nysios Nachforschungen hatte er nicht die Absicht, die ursprünglichen Bedingungen der Vertraulichkeitsvereinbarung preiszugeben, die das Geheimnis um Nysios Geburt wahrten.

Ein rosaroter Farbklecks zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Eine Frau betrat die Stufen vor dem Gerichtsgebäude, ihr Haar leuchtend rot vor dem faden Grau des Gebäudes. Der kalte Herbstwind presste das rosarote Kleid noch enger an ihren Körper, sodass er ihre Figur genau studieren konnte. Sie hatte Blumen in der Hand, und der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben. Nysio war gebannt von ihrer Schönheit – und froh über die getönten Scheiben, denn so konnte er sich ungestört an ihr sattsehen.

Aus der Ferne erinnerte sie ihn an die antiken Göttinnen auf den Gemälden in der Galerie seines Palazzo in Florenz, fehlten nur noch Putten, die sie mit Trauben fütterten. Und ihre Brüste … Er biss sich auf die Unterlippe, um die aufsteigende Erregung im Keim zu ersticken.

Verblüfft über die Reaktion, die sie in ihm auslöste, verfolgte er, wie sie die Treppe hinunterging und der flüchtigen Braut hinterherrief. Sie drehte sich um, ihr Gesicht fassungslos, während der Regen herabprasselte und gegen ihre nackten Beine und das rosarote Kleid spritzte.

Die meisten Pressefotografen hatte sich inzwischen zerstreut, doch die Frau in Pink blieb zurück. Die Emotionen, die sie sichtbar erschütterten, waren so intensiv, dass er den Blick nicht abwenden konnte.

Sie ging auf die übrig gebliebenen Sicherheitsmänner zu und gestikulierte wild, während sie sprach. Ein melodiöser britischer Akzent drang durch die Scheiben zu ihm, und er versuchte zu verstehen, was sie sagte. Das Flehen in ihrem Gesicht verwandelte sich in Wut, als die Männer in ihr Auto stiegen und ebenfalls davonfuhren, sodass sie allein im Regen zurückblieb.

Nysio beobachtete, wie sie in der winzigen Handtasche an ihrem Handgelenk kramte und die Suche fluchend aufgab. Dann wurde sie zum ersten Mal, seit sie aus dem Gebäude gekommen war, ganz ruhig. Hatte ihn eben noch die Intensität ihrer Gefühle über das Verschwinden der Braut gefesselt, so war diese Leere fast noch provozierender. Sie sah sich kurz auf der Straße um und suchte sich dann unter dem Säulenvorbau Schutz vor dem Regen.

Vielleicht lag es daran, dass sie nur wenige Augenblicke zuvor noch so aufgebracht gewesen war, oder an dem kaum merklichen Schauer, der sie durchlief, als sie fröstelnd die Arme um ihren sinnlichen Körper schlang, dass er, ohne nachzudenken, aus dem Wagen stieg und seinen Schirm aufspannte.

Fröstelnd raffte Aria Dane den dreckigen Saum ihres rosaroten Brautjungfernkleids und wünschte, sie wäre so vorausschauend gewesen, auch einen passenden Mantel dazu zu entwerfen. Sie hatte sich für das extravagante Kleid aus Satin und Tüll entschieden, weil sie gedacht hatte, sie würde den ganzen Nachmittag für Fotos posieren und nicht im strömenden Oktober-Regen durch Manhattan laufen, um die flüchtige Braut einzufangen.

Erneut sah sie auf ihr Handy, in der Hoffnung auf eine Nachricht von den Sicherheitsleuten des milliardenschweren Bräutigams. Sie meinten, Priya habe wahrscheinlich nur kalte Füße bekommen, doch sie kannte ihre Freundin besser. Sie wusste, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

Aria blickte an dem alten Gerichtsgebäude hoch, dessen Fenster im rasch schwindenden Abendlicht orange leuchteten. Sie hatte ein paar Leute angerufen, bei denen sie Priya vermutete, jedoch ohne Erfolg. Jetzt saß sie am Ort des Geschehens fest, mit weniger als fünf Dollar in ihrer winzigen Handtasche, und wusste nicht, wie sie nach Hause kommen sollte. Das Gefühl, verlassen worden zu sein, war überwältigend und drohte alte Wunden aufzureißen.

Sie klopfte an die schwere Eichentür des historischen Gebäudes, wenig überrascht, dass sie verschlossen war. Es war Sonntagnachmittag und das Gebäude nur für die Hochzeit geöffnet gewesen. Es regnete noch immer, und die Straßen glänzten unter den Füßen der Passanten. Sie stand unter dem Säulenvorbau und überlegte fieberhaft, was sie tun sollte. Ihr Flug nach London ging in ein paar Stunden, all ihre Sachen waren in Priyas Wohnung. Auch ihr Pass, ihr Ticket und das Tablet, das sie für die Arbeit brauchte. Während ihr Adrenalinspiegel sich langsam wieder senkte, stieg Panik in ihr auf.

Sie saß hier fest.

Aria hatte längst akzeptiert, dass sie unter einem Helfersyndrom litt. Wenn jemand in Schwierigkeiten steckte, war sie sofort zur Stelle. Doch jedes Mal, wenn sie selbst ein Problem hatte, musste sie allein damit fertigwerden. So wie jetzt.

Wieder sah sie aufs Handy und spürte, wie sich ihr der Magen zusammenzog. Sie würde ihren Flug verpassen und damit auch die Präsentation, an der sie monatelang gearbeitet hatte. Seit zehn Jahren war sie Einkäuferin für die Mode-Abteilung eines der größten Londoner Kaufhäuser – die einzige Konstante in ihrem Leben. Sie hatte als Studienabbrecherin dort angefangen und sich hochgearbeitet.

In den letzten Jahren hatte sie nebenbei online Textildesign studiert, und ihr Steckenpferd war die Dessous-Abteilung für Übergrößen. Aria schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals bildete. Angesichts des Stellenabbaus in allen Abteilungen war es unerlässlich, dass sie rechtzeitig heimkehrte.

Sie erwog kurz, ihre Eltern um Hilfe zu bitten, und kämpfte gegen das Unbehagen an, das bei diesem Gedanken sofort einsetzte. Als spontaner, kreativer Freigeist in einer Familie aus ruhigen, gut organisierten Buchhaltern hatte sie es sowieso schwer, und im Gegensatz zu ihren drei Schwestern mit ihren sechsstelligen Einkommen verdiente sie kaum genug, um die Miete für ihre Einzimmerwohnung in Richmond zu zahlen.

Natürlich wäre niemand in der Familie überrascht gewesen, dass Aria Hilfe brauchte. Seit ihrer eigenen geplatzten Hochzeit waren mehr als zehn Jahre vergangen, aber für ihre Eltern war sie immer noch das Dummchen, das von einem reichen Schnösel auf einer griechischen Insel sitzen gelassen worden war.

Sie war nicht in der Position, jemanden für eine überstürzte Heirat zu verurteilen, doch als Priya sie gebeten hatte, mit nach Manhattan zu kommen, um ihr bei der spontanen Zweckheirat mit einem Fremden Händchen zu halten, hatte sie gleich ein ungutes Gefühl beschlichen. Sie verspürte eine tiefe Abneigung gegen das Arrangement, schrieb dies jedoch der Tatsache zu, dass Priya London dafür verlassen musste.

Es gab viele Dinge in ihrem Leben, deren Aria sich nicht sicher war, aber sie hatte immer gedacht, dass ihre beste Freundin den festen Vorsatz, nie heiraten zu wollen, mit ihr teilte.

Ein blecherner Pfeifton ließ sie zusammenfahren, und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es ihr Handy war, das sie unter ihr Kleid gestopft hatte.

Sie zischte eine Begrüßung, und obwohl ihre Hände von der Aufregung der letzten neunzig Minuten noch zitterten, bemühte sie sich, höflich zu bleiben.

„Entspann dich. Es geht mir gut. Ich bin in Sicherheit.“ Priyas Stimme war atemlos, sie sprach ungewöhnlich schnell und abgehackt. „Ich … ich habe eine andere Lösung für mein Problem gefunden, aber ich muss für ein paar Wochen die Stadt verlassen.“

Aria presste die Lippen aufeinander und unterdrückte einen ungläubigen Aufschrei. Erst war ihre ruhige, vernünftige Freundin vor einer Hochzeit davongelaufen, die all ihre Probleme gelöst hätte, dann musste sie plötzlich für ein paar Wochen die Stadt verlassen …? Priya änderte nie spontan ihre Pläne, sie hasste Veränderungen.

„Eine andere Lösung? Einen anderen Bräutigam, meinst du?“, fragte Aria, und sie konnte den eigenen Herzschlag hören, während sie krampfhaft überlegte, was sie Priya fragen sollte, um deren Sicherheit zu gewährleisten. „Wo willst du hin? Wo bringt er dich hin?“

Priyas Stimme klang zögerlich, als könnte sie nicht frei sprechen, versicherte jedoch, dass sie in Sicherheit sei. Offensichtlich stand derjenige, der ihr Hilfe angeboten hatte, direkt neben ihr. Und es war definitiv ein Mann. Noch so eine untypische Aktion für ihre beste Freundin. Sie hatten beide so ihre Probleme, dem anderen Geschlecht zu vertrauen. Das hatte sie zueinander hingezogen, als sie sich in einer College-Bar kennengelernt und ihre katastrophalen Hochzeitsgeschichten ausgetauscht hatten. Sie erzählten sich alles, jedenfalls hatten sie das bis heute.

Ihre Finger schlossen sich fester um das Handy. „Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir ganz und gar nicht.“

„Mir auch nicht, aber ich muss es tun.“ Priyas Stimme war kurz weg, und man hörte ein seltsames Klopfen im Hintergrund. Als sie erneut sprach, klang sie ruhiger. „Hör zu, alles wird gut. Ich erkläre dir alles, wenn ich zurück bin.“

Argwohn benebelte ihre Sinne, und Aria flüsterte ins Telefon. „Falls du nicht frei sprechen kannst, sag Ja oder Nein. Ich habe gehört, dass Xander Leute auf seinen Bruder angesetzt hat … Da war dieser düstere, dunkelhaarige Mann. Bist du bei dem?“

Die Leitung war tot.

Aria kaute auf ihrem Fingernagel und zuckte zusammen, als sie sich aus Versehen in die Haut biss. Sie hatte angefangen, auf und ab zu laufen, eine Angewohnheit von ihr, wenn sie nervös war, doch als sie ein Räuspern hörte, wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein war.

Ein seltsames Gefühl ergriff sie, als sie den Anblick des Mannes in sich aufnahm, der ein Stück von ihr entfernt stand. Derselbe Mann, den sie schon vorhin gesehen hatte, als er in einem Auto auf der anderen Straßenseite beobachtet hatte, wie die skandalträchtige Hochzeit ihren Lauf nahm. Da sie in der Modebranche arbeitete, waren attraktive Männer für sie keine Seltenheit, doch dieser Mann sah nicht einfach nur gut aus … er besaß eine magnetische Anziehungskraft und geradezu überirdische Schönheit. Durch seine dunkle Haut und das Einstecktuch aus Seide wirkte er wie ein Filmstar aus einer anderen Ära.

War das der Bruder, den Priyas ehemaliger Bräutigam so dringend suchte? Er hätte zur Familie Mytikas gepasst – alles an ihm schrie Reichtum und Privilegien. Passanten machten einen weiten Bogen um ihn, manche starrten ihn sogar an, als wäre er jemand Berühmtes. Und doch konnte sie praktisch spüren, wie unangenehm ihm die Aufmerksamkeit der Leute war. Er erinnerte sie an einen Löwen in Gefangenschaft, den man an die Kette gelegt und gezähmt hatte, in dem jedoch immer noch eine animalische Energie brodelte.

Er musterte sie, begutachtete die Dreckspritzer auf ihren transparenten Strümpfen, als würde ihn der Anblick verärgern. Er war am Fuß der Treppe stehen geblieben, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ganz allein in der ruhigen Straße waren. Dennoch verspürte sie seltsamerweise keine Angst. Mit angehaltenem Atem wartete sie stattdessen darauf, dass er etwas sagte, und beugte sich leicht vor.

Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke, und sie erstarrte, wie verzaubert von den leidenschaftlichen blauen Augen und langen Wimpern. Sein Blick war abschätzend, und es dauerte keine fünf Sekunden, bis er wieder wegsah. Arias Herz begann wild zu pochen.

„Benötigen Sie Hilfe?“, fragte er mit schwerem Akzent.

„Wie haben Sie das erraten?“

„Ich habe gesehen, was eben passiert ist. Sind Sie eine Freundin der Braut oder des Bräutigams?“

Aria zögerte. Ihr fiel auf, dass der Mann sehr bemüht war, seine Frage locker klingen zu lassen. Vielleicht war er ein Reporter, der auf eine Exklusivmeldung hoffte. Sie wollte ihn gerade zur Rede stellen, als das grelle Blitzlicht einer Kamera das trostlose Grau des Gebäudes erhellte.

Aria stöhnte innerlich. Sie hatte viel Zeit damit verbracht, ihre prominente beste Freundin vor Paparazzi zu schützen, und kein Interesse daran, neugierige Fragen über die geplatzte Hochzeit zu beantworten.

Doch der Fotograf beachtete sie gar nicht. Sein ganzes Interesse galt dem geheimnisvollen Mann im Designeranzug am Fuß der Treppe. „Nysio Bacchetti, was tun Sie in Manhattan?“

Der Mann erschrak, als er mit Namen angesprochen wurde, und ging eilig davon, doch der Reporter ließ nicht locker und bedrängte ihn mit Fragen, während er ein Foto nach dem anderen schoss.

„Hey, lassen Sie ihn in Ruhe“, rief Aria, nur um erneut ignoriert zu werden. Der Regen nieselte auf sie herab, als sie unter dem Säulengang hervortrat und die Stufen hinunterlief. „Ich habe gesagt, lassen Sie den Mann in Ruhe!“

Der Paparazzo stutzte und blieb stehen, aber nur um ein paar Knöpfe auf seiner Kamera zu drücken, dann setzte er seine Foto-Attacke fort. Man hörte einen keuchenden Atemzug durch das Plätschern des Regens. Der schöne Mann im eleganten Anzug war stehen geblieben und stützte sich röchelnd an den dicken Ast eines Baumes.

„Was haben Sie mit ihm gemacht?“ Aria drängte sich an dem Paparazzo vorbei und schirmte den Mann mit ihrem Körper ab.

„Hey, ich habe mindestens zwei Meter Abstand gehalten. Ich versuche nur, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Lady. Nehmen Sie es nicht persönlich. Er ist irgend so ein vornehmer italienischer Milliardär – man sollte meinen, er ist so etwas gewohnt.“

Mit einem Schulterzucken machte der Paparazzo kehrt und joggte die Straßen hinunter, sodass Aria mit besagtem vornehmem Milliardär zurückblieb, dem die Panik ins Gesicht geschrieben stand.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie und ärgerte sich sofort über sich selbst. „Verzeihung, das war eine dumme Frage. Es ist offensichtlich, dass Sie hyperventilieren. Sind Sie Asthmatiker?“

Der Mann schüttelte den Kopf und schaffte es, obwohl er sich kaum aufrecht halten konnte, hochmütig und von ihrem Geschwätz genervt zu wirken.

„Okay … Vielleicht hilft es, wenn Sie beim Atmen zählen?“, schlug sie vor und demonstrierte die langsamen Atemzüge, indem sie sich die flache Hand auf die Brust legte. Sie fühlte sich hilflos und klammerte sich mental an die wenigen Male, die sie Priya bei ihren Panikattacken beigestanden hatte. Sein Atem ging flach, während er einen Arm ausgestreckt hielt, um sie auf Abstand zu halten, und versuchte, sich zu fangen.

„Mr. … Bacchetti, Nysio, richtig? Ich versuche, dir zu helfen.“ Sie fragte sich, ob er sie überhaupt hörte. Doch dann trafen sich ihre Blicke, und das Flehen in seinen Augen war das erste Zeichen von Verletzlichkeit, das er zeigte. Sie war zutiefst erleichtert, als er zuließ, dass sie seine Hand nahm und seine Finger benutzte, um seine Atemzüge auszuzählen.

„Konzentriere dich nacheinander nur auf einen deiner Sinne“, sagte sie ruhig. „Auf die Berührung meiner Hand, auf den Klang meiner Stimme. Und atmen.“

Nach einigen Minuten begann sein Atem, sich zu beruhigen, und Aria atmete selbst erleichtert auf, dass er nicht ohnmächtig geworden war. Er war sehr groß und breit gebaut, und sie hätte nicht gewusst, wie sie ihn auffangen sollte. Da er außer Gefahr war, wollte sie gehen. Die Uhr tickte, und sie musste Priya aufspüren, um irgendwie nach Hause kommen.

Doch als sie einen Schritt zurückweichen wollte, hielt er sie zu ihrer Überraschung fest. Seine Berührung prickelte auf ihrer Haut. Sie wollte sich losreißen, Distanz zwischen ihnen schaffen, und dennoch blieb sie reglos stehen.

„Einen Augenblick noch. Ich habe keine Lust, noch einem Vertreter der New Yorker Presse zu begegnen.“

Stirnrunzelnd blickte sie auf seine Hand. Irgendetwas machte sie stutzig.

„Warst du auf der Hochzeit eingeladen?“

„Nein, ich bin geschäftlich hier.“

„Der Fotograf hat erwähnt, dass du jemand Wichtiges bist. Ein Milliardär.“ Ihr Blick verengte sich. „Ich habe gesehen, wie du das ganze Drama von der anderen Straßenseite beobachtet hast. Du bist geblieben … Warum?“

Sie wollte sich aus seinem Griff befreien, doch ihr Kleid hatte sich im Gebüsch verheddert, und sie stolperte. Er streckte die Hand aus, um sie aufzufangen, und die Berührung fuhr wie ein Blitz durch ihren Körper.

Ihre Blicke trafen sich, und Aria schluckte schwer. In seinen tiefblauen Augen brannte noch dieselbe zornige Verletzlichkeit, doch die Pupillen waren jetzt größer. Seine Nasenflügel bebten leicht, und Aria war sicher, dass sein Brustkorb sich etwas schneller hob und senkte als noch Sekunden zuvor. Bildete sie sich das nur ein oder drückte er ganz leicht ihre Hand und beobachtete ihre Reaktion?

Er sog scharf die Luft ein. „Ich habe doch gesagt, ich bin geschäftlich hier. Ich habe angehalten, um zu telefonieren … aber dann sah ich, wie alle verschwanden und nur du zurückgeblieben bist. Ich wollte dir helfen, nicht umgekehrt.“

Gegen ihren Willen musste Aria lächeln. Und bei dem Gedanken an die absurde Wendung der Ereignisse lachte sie kurz auf.

„Hast du die Braut gesehen, die weggelaufen ist? Das war meine beste Freundin. Sie hat mich hier einfach zurückgelassen.“ Aria verdrehte die Augen. „Dabei muss ich in weniger als drei Stunden im Flieger nach London sitzen, und meine ganzen Sachen sind noch in ihrer Wohnung.“

„Also hatte ich doch recht, dass du Hilfe brauchst.“

„Sieht so aus.“ Sie zuckte die Schultern, doch es bereitete ihr größtes Unbehagen, das zuzugeben. Sie stand auf eigenen Beinen und war auf niemanden angewiesen. Es war einfacher so. Sicherer.

Er schwieg einen Moment, während er sie intensiv musterte. Ihre Haut begann unter seinem Blick zu prickeln, und sie errötete. Es war schon peinlich, welche Wirkung dieser Mann auf sie hatte.

„Ich bin zufällig auf dem Weg zum Flughafen. Ich kann dir helfen.“

„Du bietest einer fremden Person Hilfe an, einfach so?“ Sie zog die Augenbrauen hoch und fragte sich, ob die Atemnot ihm aufs Gehirn geschlagen war. Er war offensichtlich jemand Wichtiges. Er hatte sicher Dringenderes zu tun.

„Wie heißt du?“, fragte er und verwandelte sich rasch in den Mann zurück, der er von zwanzig Minuten gewesen war, als er in geradezu gebieterischer Pose am Fuß der Treppe gestanden hatte. „Wie ich heiße, weißt du ja, und wenn es dich beruhigt, kannst du mich gern googeln. Sobald ich deinen Namen weiß, könnte man immerhin sagen, dass wir uns kennen, oder?“

„Ich heiße Aria“, hauchte sie und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, welche Wirkung die Nähe dieses Mannes auf sie zu haben schien. Ihr vom Regen durchweichtes Kleid wehte kalt um ihre Beine. Sie fühlte sich aus dem Tritt und vollkommen verunsichert. Vielleicht erwog sie deshalb kurz, sein Angebot anzunehmen, bevor sie den Kopf schüttelte.

„Ich habe weder einen Pass noch ein Ticket, und mein ganzes Gepäck steht in der Wohnung meiner Freundin. Selbst wenn du mir irgendwie helfen könntest, würde ich meinen Flug nicht mehr schaffen und zu spät zur Arbeit kommen.“

Autor

Amanda Cinelli
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