Julia Sommeredition Band 4

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NEUE MINISERIE von K.C. LEONARD

PRICKELNDE VERSÖHNUNG IN VENEDIG
Viel steht für Michel Delfleur auf dem Spiel! Nur wenn er die Werft in Venedig rettet, macht sein Vater ihn zum neuen Boss. Aber ausgerechnet seine Jugendliebe Alessandra ist Michels Widersacherin. Er beschließt, die Verhandlungen auf seiner Jacht fortzuführen – mit ungeahnten Folgen.

REGENBOGENKÜSSE IN DER PROVENCE
Die Ablehnung seines Vaters, als Adrien sein Coming-Out hatte, tat so weh. Jetzt soll er den attraktiven Künstler Nicolas zum Verkauf seines Grundstücks bewegen. Sonst verliert er jeden Anspruch auf das Erbe! Doch je länger Adrien in der Provence ist, desto größer wird seine Sehnsucht nach Nicolas …

KOMM MIT AUF DIE INSEL DES GLÜCKS
Jules muss im Auftrag seines Vaters entscheiden: Ist die insolvente griechische Airline eine gute Investition für das Delfleur-Unternehmen? Vermutlich nicht! Doch als Jules sich in die aparte Besitzerin Selena verliebt, zögert er: Was, wenn es im Leben Wertvolleres als Macht und Geld gibt?


  • Erscheinungstag 01.08.2023
  • Bandnummer 4
  • ISBN / Artikelnummer 9783751520003
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

K. C. Leonard

JULIA SOMMEREDITION BAND 4

1. KAPITEL

Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel über der Laguna di Venezia und ließ das türkisfarbene Wasser glitzern wie ein Meer aus Brillanten. Vom Jachthafen auf San Giorgio Maggiore, einer kleinen, Venedig vorgelagerten Insel, bis zum Palazzo seiner Familie direkt am Canale Grande war es mit dem Boot nur ein Katzensprung. Dennoch trommelte Michel Delfleur ungeduldig mit den Fingern auf dem Bootsrand, während er sich mit der freien Hand das Mobiltelefon ans Ohr hielt und versuchte, seinen Gesprächspartner über den Lärm des Motors hinweg zu verstehen.

Non, non, non, Adriano, wie oft soll ich es Ihnen noch erklären?“ Er schüttelte den Kopf und legte seine Stirn über der teuren Designer-Sonnenbrille missbilligend in Falten. „Ich will diese Angelegenheit so schnell wie möglich zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Es ist mir vollkommen egal, ob die Gewerkschaftsvertreter sich auf ein Zusammentreffen in den nächsten Tagen eingerichtet haben. Ich bin jetzt hier und habe nicht vor, meine Zeit zu verschwenden. Wenn sie also etwas mit mir besprechen wollen, dann sollen sie sich gefälligst nach meinem Terminplan richten.“

Er beendete das Gespräch, ohne Adriano Piscetti, den Geschäftsführer der CND – oder Cantiere Navale Delfleur, wie der eigentliche Name der Schiffswerft lautete, die zur Konzerngruppe seiner Familie gehörte –, noch einmal zu Wort kommen zu lassen. Der Mann ging ihm schon jetzt gehörig auf die Nerven, und sie waren sich bisher noch nicht einmal persönlich begegnet.

Wenn alle bei CND so unorganisiert und umständlich waren, dann wunderte es ihn nicht, dass sein Vater beschlossen hatte, die Werft abzustoßen. Man konnte Xavier Delfleur einiges nachsagen, aber Ineffizienz gehörte ganz sicher nicht zu seinen Makeln. Erfüllte etwas seinen Zweck nicht, dann wurde das Objekt gnadenlos aussortiert. Auch wenn es sich dabei um Menschen handelte. Wobei Menschen für Xavier eigentlich sowieso nichts anderes als Objekte waren.

Mitunter war Michel nicht sicher, ob er ihn dafür bewundern sollte oder nicht. Was das Geschäftliche betraf, war es vermutlich genau diese Rücksichtslosigkeit, deretwegen der Delfleur-Konzern sich heute in so vielen Wirtschaftszweigen an der Weltspitze befand. Bedauerlicherweise war Xavier in seinem privaten Umfeld jedoch nicht weniger konsequent, was Michel am eigenen Leib erfahren hatte.

Er schloss einen Moment lang die Augen, reckte das Gesicht der Sonne entgegen und genoss die Wärme auf der Haut. Dennoch hatte der Gedanke an seinen Vater seine Stimmung noch weiter dem Tiefpunkt entgegensinken lassen.

Als sein Handy sich erneut meldete, warf er lediglich einen kurzen Blick aufs Display, ehe er den Anruf wegdrückte. Normalerweise hätte er die Chance, mit Adrien zu sprechen, nicht einfach so vertan. Es kam, zumindest seit nunmehr fast einem Jahr, selten genug vor, dass sein jüngerer Bruder freiwillig Kontakt zu ihm aufnahm.

Eigentlich überhaupt nicht mehr.

Und leider aus gutem Grund.

Mit einem tiefen Seufzen schob Michel das Telefon zurück in die Innentasche seines Jacketts und fuhr sich durchs Haar.

Er würde Adrien später zurückrufen. Wenn er das erste Treffen mit den Vertretern der Gewerkschaft von CND hinter sich gebracht und eine Pause gehabt hatte, um durchzuatmen und sich eine geeignete Strategie zurechtzulegen, wie sein weiteres Vorgehen am besten aussehen sollte. Denn eines wusste er aus leidiger Erfahrung: Gespräche mit Gewerkschaftlern waren niemals kurz und unkompliziert.

Nicht, dass er dafür kein Verständnis aufbrachte, ganz im Gegenteil sogar. Es ging in der Regel immerhin um die Existenz zahlreicher Mitarbeiter. Doch als Handlungsbevollmächtigter seines Vaters durfte er sich keine Schwächen erlauben.

Wenn Xavier Delfleur auf eine Sache allergisch reagierte, dann waren es menschliche Schwächen.

Ganz besonders bei seinen Söhnen …

Der Fahrer des Motorbootes steuerte den privaten Anleger des Palazzo Cavallone an. Michel wartete, bis es fest vertäut war, bevor er von Bord ging. Für einen Moment hatte er das Gefühl, als würden die Holzplanken unter seinen Füßen leicht schwanken. Doch das lag, wie er wusste, nur daran, dass er zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder festen Boden unter den Füßen spürte.

Er war mit der Fortune, der Jacht seines Vaters, von Frankreich aus angereist. Vor Monaco hatte er einen kurzen Zwischenstopp eingelegt, um zwei Anwälte an Bord zu nehmen, die für seinen Vater arbeiteten und von ihm persönlich zu Michels Unterstützung ausgewählt worden waren.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Michel die beiden schon nach den ersten fünf Minuten wieder von Bord geschickt. Philippe Grimoire und Timothée Benuit waren arrogante Wichtigtuer, die vermutlich nicht halb so viel von ihrem Job verstanden, wie sie glaubten. Michel konnte so etwas förmlich riechen, und es wunderte ihn, dass sein Vater, der sich für einen solch guten Menschenkenner hielt, das nicht auch gleich erkannt hatte.

Und so hatte er sie dann auch vor einer halben Stunde auf der Fortune zurückgelassen und war allein zu dem Verhandlungsgespräch aufgebrochen. Sie würden bei seiner Rückkehr sicher Zeter und Mordio schreien, doch das kümmerte Michel nicht. Er war durch eine harte Schule gegangen. Solche Dinge perlten einfach von ihm ab wie Wassertropfen von den Blütenblättern einer Lotusblume.

„Merci“, bedankte er sich bei seinem Bootsführer. „Sie können zurück zur Fortune. Ich melde mich, sollte ich Sie brauchen.“

Der Mann nickte nur knapp, bevor er das Boot wieder vom Steg losmachte, ablegte und in entgegengesetzter Richtung den Canale Grande hinauffuhr, vorbei an Gondeln und Vaporetti, den städtischen Wasserbussen, und unter der weltbekannten Rialtobrücke hindurch, der ältesten Brücke, die den Kanal überspannte.

Die Ponte di Rialto war eines der bekanntesten Bauwerke Venedigs und ein echtes Meisterwerk venezianischer Baukunst, mit ihren geschwungenen Bogen und den Aufbauten aus weißem Marmor. Heute reihten sich darin kleine Läden, Boutiquen und Cafés aneinander, die hauptsächlich von Touristen aus aller Welt frequentiert wurden.

Das alles wusste Michel, dennoch war es Jahre her, dass er die Brücke näher als aus der Ferne oder bei der Unterquerung mit dem Boot gesehen hatte. Und das, obwohl seine Familie den Palazzo bereits so lange besaß, wie er denken konnte.

Für Sightseeing bot sich ihm in seinem Job nur extrem selten Gelegenheit. Und wenn er sich einmal von der Arbeit freimachen konnte, dann verbrachte er diese kostbare Freizeit lieber mit anderen Dingen.

Vorzugsweise schlank, mit endlos langen Beinen und einem attraktiven Gesicht …

Anders als Jules, seinem jüngsten Bruder, eilte ihm jedoch keineswegs der Ruf eines Herzensbrechers voraus. Schon allein, weil er nur alle paar Monate die Muße hatte, eine Gala zu besuchen oder ein Charity-Event oder eine Ausstellungseröffnung. Zu diesen Anlässen erschien er natürlich in weiblicher Begleitung. Seit der Sache mit Adrien war der Alte, wie die drei Brüder ihren Vater insgeheim meist bezeichneten, regelrecht paranoid, was die sexuelle Orientierung seiner Söhne betraf.

Er wollte auf gar keinen Fall, dass noch einer von ihnen – wie er es nannte – aus der Art schlug.

Michel hatte bei dieser Formulierung mehr als nur einmal hart schlucken und die Hände in den Taschen zu Fäusten ballen müssen. Doch zu seiner Schande musste er gestehen, dass er nie etwas zu Adriens Verteidigung hatte verlauten lassen. Und das, obgleich er es gewesen war, der unabsichtlich das Geheimnis seines Bruders hatte auffliegen lassen.

Früher war das anders gewesen, aber seit sein Vater einen furchtbaren Wutanfall bekommen und ihn beinahe enterbt hatte, hielt er sich zurück. Denn auch wenn er der älteste Delfleur-Sohn war, so machte ihn das noch lange nicht automatisch zu seinem Nachfolger, daran hatte Xavier nicht den Hauch eines Zweifels gelassen.

„Es ist nicht das Alter, das jemanden zu einem guten Geschäftsmann macht, sondern das richtige Gespür, Durchsetzungsvermögen und eine gehörige Portion Skrupellosigkeit“, pflegte er zu predigen.

Adrien mochte im Moment bei ihm nicht sonderlich hoch im Kurs stehen, aber das bedeutete nicht, dass Xavier ihn deshalb als seinen Thronfolger nicht mehr in Betracht zöge. Ihm mochte nicht gefallen, was sich hinter verschlossenen Türen in Adriens Schlafzimmer abspielte, aber er war schon immer in der Lage gewesen, Geschäftliches und Privates zu trennen.

Benvenuto, Signore Delfleur. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise?“

Violetta Scapaci arbeitete schon seit Jahrzehnten für seine Familie und kannte Michel und seine Brüder schon, als sie noch in den Windeln lagen. Da sie zahlreiche Feriendomizile überall auf der Welt besaßen, hatten sie nicht jede Ferien in Venedig verbracht. Doch der Palazzo Cavallone war einer der Lieblingsorte ihrer inzwischen verstorbenen Mutter gewesen, von daher waren sie manchmal auch nur übers Wochenende mit dem Privatjet hergeflogen – selbstverständlich ohne ihren Vater, denn der hatte für solche mondänen Albernheiten, wie er es nannte, weder Muße noch Zeit.

Michel und Adrien hingegen hatten zusammen jeden Winkel des Palazzo erkundet und die nähere Umgebung unsicher gemacht. Zumeist ohne Jules, denn der Jüngste im Bunde war altersmäßig ein Nachzügler, und sie hatten nie wirklich viel mit ihm anfangen können.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich an jene Tage zurückerinnerte. Auch wenn er mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren worden war, hatte er doch nicht immer eine einfache Jugend und Kindheit gehabt. Die Wochenenden und Ferien in Venedig gehörten jedoch zu den gestohlenen Momenten, in denen er wirklich er selbst hatte sein können, ohne den Zorn seines Vaters fürchten zu müssen. Die Zeit früher in Venedig gehörte daher mit Sicherheit zu der besten seines Lebens, wenn man einmal davon absah, dass er ausgerechnet hier auch die größte Demütigung seines Lebens erfahren hatte.

Das Lächeln verblasste bei dem Gedanken an die Frau, die ihn damals so geschickt an der Nase herumgeführt hatte. An sie wollte er nun wirklich nicht ausgerechnet heute denken. Oder sonst irgendwann.

„Sie ist ohne Zwischenfälle verlaufen“, entgegnete er und winkte ab, als Violetta, die sich im Palazzo um den Haushalt kümmerte, ihm sein Jackett abnehmen wollte. „Danke, aber das schaffe ich gerade noch selbst.“ Er zwinkerte der älteren Frau zu, deren dunkles Haar von grauen Strähnen durchzogen war. „Und jetzt machen Sie sich meinetwegen bitte keine Umstände, ich bin immer noch derselbe wie früher. Und, mon Dieu, nennen Sie mich Michel. Das haben Sie immer getan, und ich sehe keinen Grund, warum Sie ausgerechnet jetzt damit aufhören sollten.“

„Wie Sie wünschen, Sign…“ Sie hielt inne und schmunzelte. „Ganz wie Sie wünschen, Michel. Ich habe Ihre übliche Suite vorbereiten lassen. Benötigen Sie noch etwas?“

Er schüttelte den Kopf. „Non, merci. Ich bin sicher, dass Sie mich – wie immer – perfekt umsorgen werden.“ Er schenkte ihr noch ein Lächeln und eilte dann zwei Stufen auf einmal nehmend die breite weiße Treppe aus Carrara-Marmor hinauf. In seiner Suite angelangt, warf er sein Jackett auf das riesige Himmelbett und trat an den Schreibtisch unter dem Fenster, von dem aus man einen fantastischen Blick auf den träge dahinfließenden Canale Grande und die prachtvollen Palazzi hatte, die die Wasserstraße säumten. Michel nahm allerdings seine Umgebung kaum wahr.

Luxus hatte seine Faszination für ihn schon vor langer Zeit verloren, wenn er überhaupt je Wert darauf gelegt hatte. Natürlich hatte er in seiner Situation leicht reden. Er hatte nie von der Hand in den Mund leben oder auch nur mit seinem Geld haushalten müssen, so wie es die meisten Menschen überall auf der Welt tun mussten.

Aber die Dinge waren nun einmal, wie sie waren, und es brachte nichts, sich über so etwas wie Fairness und Chancengleichheit den Kopf zu zerbrechen, solange er selbst nicht die Macht hatte, etwas daran zu ändern.

Wenn er aber erst einmal die Leitung des Unternehmens von seinem Vater übernommen hatte, würde sich so einiges ändern. Natürlich würde der Konzern in erster Linie ein wirtschaftliches Unternehmen bleiben, aber er hatte vor, die Arbeitsbedingungen in den Tochtergesellschaften zu verbessern und sich stärker sozial zu engagieren. Zuvor allerdings musste er seinen Vater erst einmal davon überzeugen, dass er der einzig wirklich infrage kommende Nachfolger für ihn war.

Leichter gesagt als getan.

Zunächst musste er diese lästigen Gewerkschaftsvertreter davon abhalten, die Mitarbeiter gegen den geplanten Verkauf der Werft aufzubringen. Diesen abzuwickeln hatte Xavier ihm nämlich zur Aufgabe gemacht – wohl wissend, dass er seinen Sohn damit vor eine echte Herausforderung stellte.

So eine Herausforderung hatte er jedem seiner Söhne zugedacht, doch Michel war fest entschlossen, als Sieger aus diesem Wettbewerb hervorzugehen.

Koste es, was es wolle.

Alessandra war nervös.

Nein, nervös traf es nicht wirklich. Nervös war die Untertreibung des Jahrhunderts. In ihrem Bauch schien sich ein Knoten gebildet zu haben, der sich mit jeder verstreichenden Minute enger zusammenzog. Ihre Brust fühlte sich so eng an, dass sie kaum atmen konnte, und ihre Finger zitterten, weshalb sie sie hinter dem Rücken verbarg, damit es niemand bemerkte.

Ihr Herz fing jedes Mal an wie wild zu flattern, wenn sich die Tür des modern eingerichteten Konferenzraums öffnete, der sich im obersten Stockwerk des eleganten Viersternehotels in Venedig befand. Wenn sich herausstellte, dass es nur ein Hotelangestellter war, um Getränke zu servieren, oder einer der beiden Anwälte der Gegenseite, die immer wieder kurz den Raum verließen, um zu telefonieren, wusste sie nicht, ob sie erleichtert sein sollte oder verärgert.

Zwei Stunden.

So lange ließ der Verhandlungsführer von Delfleur International sie jetzt schon warten. Und das, nachdem er dieses Treffen überhaupt erst einberufen hatte. Noch dazu mitten im Herzen von Venedig und nicht in der Firmenzentrale am Festland, was sie und ihre Kollegen von der Gewerkschaft gezwungen hatte, all ihre Pläne für den Tag über den Haufen zu werfen.

Und nun besaß dieser aufgeblasene Kerl nicht einmal den Anstand, pünktlich zu erscheinen!

Auf der anderen Seite war ein Teil von ihr beinahe dankbar für die Verzögerung. Es hing einfach so schrecklich viel davon ab, wie die Verhandlungen mit dem Vertreter von Delfleur International verliefen.

Die ersten Gerüchte über einen Verkauf der Werft hatten schon Ende des vergangenen Jahres die Runde gemacht. Doch damals hatten die meisten – darunter auch Alessandra – das noch als bloßes Gerede abgetan. Doch die Hinweise waren immer deutlicher geworden, und im März hatte es die offizielle Verlautbarung gegeben, dass bereits Verkaufsverhandlungen stattfänden und ein Abschluss unmittelbar bevorstehe.

Das war vor drei Monaten gewesen.

Und dass der Verkauf nicht schon längst über die Bühne gegangen war, lag am unermüdlichen Einsatz der Gewerkschaft.

An ihrem Einsatz.

Denn auch wenn Alessandra sich nicht gern in den Vordergrund drängte, so war es nicht zuletzt ihr zu verdanken, dass sie sich heute hier befanden, mit der vollen Rückendeckung der Belegschaft der Werft.

Sobald nämlich der Name des potenziellen Käufers gefallen war, hatte sie angefangen, Nachforschungen anzustellen und versucht, hinter die Fassade des respektablen Schiffsbauunternehmens zu blicken, das der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Und was sie dort entdeckt hatte, war nicht schön gewesen.

Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren in ganz Europa Werften aufgekauft, und jedes Mal hatte der Löwenanteil der alten Belegschaft am Ende ohne Job dagestanden. Sparmaßnahmen – so wurden die Entlassungen genannt, aufgrund von mangelnder wirtschaftlicher Rentabilität. Zuerst traf es diejenigen, die am längsten dabei waren und die ohne großes Prozedere in den vorzeitigen Ruhestand geschickt werden konnten. Danach waren diejenigen dran, deren Kündigungen sozial verträglich waren, was immer das auch genau heißen mochte.

In Alessandras speziellem Fall bedeutete dies, dass sie vermutlich als eine der Letzten über die Klinge springen würde. Alleinerziehende Mutter zu sein hatte zumindest in diesem sehr speziellen Punkt einen Vorteil. Doch sie zweifelte nicht daran, dass auch ihre Stelle am Ende dran glauben musste.

Und das kam überhaupt nicht infrage, denn Alessandra brauchte und liebte diese Arbeit. Sie hatte sich nicht so viele Jahre lang den Rücken mit zwei Nebenjobs neben der Uni krummgeschuftet, um jetzt einfach so hinzuschmeißen.

Nein, ganz gewiss nicht.

Das Problem war nur, dass sie wenig Handhabe hatten, um den Verkauf zu verhindern. Die Schiffswerft, dessen war sie sich schmerzlich bewusst, schrieb nun schon seit einiger Zeit nur noch rote Zahlen, was nicht am mangelnden Einsatz der Belegschaft, sondern an unklugen betriebswirtschaftlichen Entscheidungen und dem allgemeinen Wandel im Verhalten der Menschen – eben auch bei den Reisevorlieben – lag.

Riesige Kreuzfahrtschiffe, wie sie bei CND hergestellt wurden, waren ein wenig aus der Mode geraten. Die Branche hatte sich verändert, und CND hatte irgendwann den Anschluss verpasst und war zu einem Relikt geworden. Hinzu kam, dass der Geschäftsführer an den falschen Ecken und Enden gespart hatte, was die Situation noch weiter verschärft hatte.

Alessandra, und wie sie auch viele andere engagierte Mitarbeiter, hatte diese Problematik schon vor Jahren erkannt und angesprochen, doch die Konzernleitung hatte ihre Bedenken entweder nicht ernst genommen oder sich schlicht und einfach nicht dafür interessiert. Warum sollte ein Mann wie Xavier Delfleur, der überall auf der Welt Tochterfirmen, Investitionen und Projekte hatte, sich auch die Sorgen der Mitarbeiter eines sicher eher unbedeutenden Unternehmens in seinem Portfolio anhören?

Beim Gedanken an Xavier Delfleur verspürte Alessandra wie immer einen Anflug von Zorn. Nicht wegen CND, nein. Ihre Beziehung zu diesem Mann – wenn man es denn so nennen wollte – war nicht so unkompliziert wie die eines Arbeitnehmers zu seinem Boss.

Sie hatten eine gemeinsame Vergangenheit. Wobei sie nicht glaubte, dass sie mehr als eine Randnotiz im Leben von Xavier Delfleur darstellte – sofern er sich überhaupt noch an ihren Namen erinnerte.

Oder an den ihrer Mutter, die immerhin viele Jahre in seinen Diensten gestanden hatte, bis …

Stopp! Jetzt war nicht der richtige Moment, um sich in Erinnerungen zu verlieren. Was geschehen war, war geschehen, und nicht alles, was daraus entstanden war, war schlecht.

Ganz im Gegenteil sogar.

Dennoch hatte sie gezögert, sich bei CND zu bewerben, als sie vor fünf Jahren zwar ihr Ingenieurstudium mit Diplom abgeschlossen, aber ohne Job auf der Straße gestanden hatte. Es war einzig dem guten Zureden ihrer Mutter zu verdanken gewesen, dass sie sich schließlich dazu durchgerungen hatte.

Sicher, für CND zu arbeiten bedeutete im Umkehrschluss auch, für Xavier Delfleur – und für seinen Sohn Michel – tätig zu sein. Doch ihre Mutter hatte argumentiert, dass kaum zu befürchten stand, dass sie dem großen Boss oder seinem Sohn je persönlich über den Weg laufen würde. Und außerdem war ihnen diese Familie mehr schuldig, als sie je im Leben zurückzahlen konnte.

Erneut wurde die Tür des Konferenzraums geöffnet, und erneut verursachte ein heftiges Flattern in ihrem Bauch ihr leichte Übelkeit. Doch es war wieder nur einer der Anwälte, das Telefon noch am Ohr, der – die Sohlen seiner handgenähten Lederschuhe klapperten auf dem gebohnerten Parkettboden – zu seinem Kollegen trat und leise mit ihm sprach.

Mit einem unterdrückten Seufzen erhob Alessandra sich und trat ans Fenster, das einen spektakulären Blick über die Lagune von Venedig bot, mit dem im Sonnenlicht funkelnden türkisblauen Wasser und den vorgelagerten Inseln, den zahlreichen Booten und, etwas weiter draußen, auch einigen strahlend weißen Jachten.

Sie strich glättend über ihren – bereits perfekt sitzenden – anthrazitfarbenen Bleistiftrock und zupfte ihre weiße Bluse zurecht. Das dunkelbraune, schulterlange Haar hatte sie heute Morgen zu einer Hochsteckfrisur gebändigt, aus der sich, sehr zu ihrem Leidwesen, immer wieder einzelne Strähnen lösten.

Ungeduldig schob sie sich eine davon zurück hinters Ohr.

Wenn der Mann von Delfleur International nicht bald auftauchte, würde sie ihre Sachen zusammenpacken und gehen. Und ihren Kollegen und Freunden von der Gewerkschaft empfehlen, dasselbe zu tun.

Sicher, es ging hier um ihre Jobs, um ihre Existenzen. Aber es war nie von Vorteil, zu verzweifelt zu wirken. Und außerdem war es eine bodenlose Frechheit, sie alle so lange ohne jegliche Erklärung warten zu lassen.

Entschlossen wandte sie sich vom Fenster ab, verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich …“

Sie verstummte, als in diesem Moment die Tür energisch aufgestoßen wurde und ein großer, athletisch gebauter Mann den Raum betrat.

Für einen Moment füllte statisches Rauschen Alessandras Ohren.

Nein, das konnte nicht sein.

Unmöglich!

Doch dann fiel der Blick seiner stechenden grauen Augen auf sie, und sie hatte plötzlich das Gefühl, allein mit ihm im Scheinwerferlicht auf einer Bühne in einem Konzertsaal voller Menschen zu stehen.

Sie standen im grellen Lichtschein, während alles um sie herum in Dunkelheit versunken zu sein schien. Wie aus weiter Ferne hörte sie Stimmen, doch alles, was sie wirklich wahrnahm, war sein tiefes Grollen, als er stirnrunzelnd sagte: „Alessandra Scarpatti. Was, zum Teufel, hast du hier zu suchen?“

2. KAPITEL

Sie zu sehen war ein Schock. Für einen Moment raubte es Michel den Atem, und er konnte sie einfach nur anstarren.

Als er fünf Minuten zuvor das im Renaissance-Stil erbaute Hotel betreten hatte, war die Welt für ihn noch relativ in Ordnung gewesen. Sicher, es war unerfreulich gewesen, dass er viel zu spät von dem Treffen erfahren hatte, das von den beiden Anwälten seines Vaters anberaumt worden war, weil diese versäumt hatten, ihn darüber zu informieren. Unerfreulich, aber nicht zu ändern.

Der Weg vom Palazzo hierher war zum Glück dann relativ kurz gewesen, sodass er nur mit knapp zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. Ein Affront, der es ihm sicherlich nicht leichter machen würde, die Gewerkschaftsvertreter, die die Belegschaft gegen einen Verkauf eingeschworen hatten, zu überzeugen. Aber er wusste, dass es ihm letzten Endes doch gelingen würde.

Ganz einfach, weil es ihm gelingen musste.

Entsprechend zuversichtlich war er gewesen, als er den Konferenzraum betrat, zu dem ihn ein professionell-freundlicher Hotelangestellter geführt hatte. Sein geschulter Blick hatte gleich fünf Personen im Raum registriert. Die beiden Anwälte, die offenbar selbst einen Transport von der Jacht hierher organisiert hatten und mit denen er im Anschluss an dieses Meeting noch ein Hühnchen zu rupfen hatte, zwei Männer, die sich in ihren schlecht sitzenden Anzügen von der Stange sichtlich unwohl fühlten, und eine Frau, die mit dem Rücken zu ihm am Fenster stand.

Bis dahin war noch alles normal gewesen.

Doch dann hatte die Frau sich umgedreht, und jetzt hatte Michel das Gefühl, die Zeit würde stillstehen.

Unmöglich! war sein erster Gedanke.

Es konnte nicht sie sein.

Nicht die Frau, die vor nunmehr fast genau acht Jahren seinen Glauben an Dinge wie Ehre, Vertrauen und Liebe bis in die Grundfesten erschüttert hatte. Die dafür gesorgt hatte, dass sein Vater ihn heute in einem völlig anderen Licht sah, ihn als leichtgläubigen, naiven Versager betrachtete.

„Alessandra Scarpatti.“

Er hatte ihren Namen nicht ausgesprochen, seit sein Vater ihn damals mit der Wahrheit konfrontiert hatte. Und auch jetzt hinterließ der Name einen bitteren Nachgeschmack in seinem Mund.

Auch sie wirkte im ersten Moment überrumpelt, die großen, bernsteinfarbenen Augen, die er nie wirklich hatte vergessen können, geweitet, die Lippen zu einem stummen „Oh“ geöffnet.

Doch sie hatte sich überraschend schnell wieder im Griff, und als sie kämpferisch das Kinn reckte und ihn anfunkelte, spürte er, dass Zorn, alt und sauer wie schlecht gereifter Wein, in ihm aufstieg.

„Was, zum Teufel, hast du hier zu suchen?“

„Dieselbe Frage könnte ich dir stellen“, entgegnete sie schnippisch. „Außerdem bist du zu spät. Glaubst du wirklich, dass wir nichts Besseres zu tun haben, als den halben Tag hier herumzusitzen und auf dich zu warten?“

Er musste ein ungläubiges Auflachen zurückhalten. Was bildete sich diese Person eigentlich ein? Er hatte keinerlei Grund, sich vor ihr zu rechtfertigen. Wenn überhaupt, dann war sie es, die ihm eine Erklärung schuldete. Wobei die ihn inzwischen längst nicht mehr interessierte.

Vor ein paar Jahren vielleicht noch, aber heute?

„Ich glaube, du solltest dich nicht beschweren, sondern froh sein, dass ich mir überhaupt die Mühe mache“, entgegnete er arrogant. „Wir wissen doch beide, dass du etwas von mir willst, nicht umgekehrt.“

Im Grunde stimmte das nicht so ganz. Er wollte ebenfalls etwas – nämlich den Verkauf der Werft so schnell wie möglich abzuschließen. Und dabei konnte er keine lästigen Gewerkschaftsmitglieder brauchen, die ihm immerzu Steine in den Weg legten.

Doch er würde den Teufel tun und das Alessandra, die anscheinend die Rädelsführerin der Gruppe war, gegenüber eingestehen.

Die Stimmung in dem großen Sitzungssaal war so angespannt, dass die Luft regelrecht zu knistern schien. Und alle spürten es, nicht nur Alessandra und er, wenn er die neugierigen Blicke der anderen Anwesenden richtig deutete.

Schließlich räusperte sich einer der Anwälte und durchbrach die unbehagliche Stille, die sich über den Raum gesenkt hatte. „Ich finde, dass wir nach dieser ungeplanten Verzögerung jetzt wirklich mit dem Meeting beginnen sollten.“

Und wer ist schuld an dieser Verzögerung?, wollte Michel schon erwidern. Doch er schluckte den Kommentar hinunter. Es bestand die nicht von der Hand zu weisende Möglichkeit, dass sein Vater ihm diese unfähigen Idioten auf den Hals gehetzt hatte, um ihm seine Aufgabe noch ein wenig zu erschweren. Es wäre typisch für ihn gewesen, und in dem Fall würden seine Lakaien ihm ganz sicher Bericht erstatten.

Es war besser, ruhig und besonnen zu bleiben, anstatt sich von Alessandra und den Handlangern seines Vaters aus dem Konzept bringen zu lassen. Unsicher oder gar unentschlossen zu wirken war nun wirklich das Allerletzte, was er brauchen konnte.

Ohne Alessandra eines weiteren Blickes zu würdigen, trat er an den Tisch und setzte sich. „Dem kann ich nur zustimmen“, sagte er und holte seine Unterlagen hervor. „Meine Herrschaften, wenn ich bitten darf …“

Endlich, nach so langer Wartezeit, konnten die Verhandlungsgespräche beginnen. Doch Alessandra fühlte sich noch immer wie betäubt und nahm alles nur wie durch einen dichten Nebel hindurch wahr.

Und immer wieder stellte sie sich selbst dieselbe Frage: Wie sollte es jetzt nur weitergehen?

Alessandra hatte die schlimmsten Befürchtungen gehabt, als sie am späten Vormittag aufgebrochen war, um den Vertreter von Delfleur International zu treffen. Doch nicht einmal in ihren schrecklichsten Albträumen hatte sie damit gerechnet, Michel Delfleur gegenüberzustehen.

Es war nicht leicht gewesen, mit ihm im selben Raum zu sitzen und den unbändigen Drang niederzuringen, zu schreien, doch irgendwie hatte sie es geschafft. Dass sie eine besonders große Hilfe im Kampf für ihre Sache gewesen war, wagte sie allerdings zu bezweifeln.

Nachdem Michel das Meeting für beendet erklärt hatte – ohne Einigung, denn er war bisher in keinem einzigen Punkt auch nur einen Millimeter von der Linie seines Vaters abgerückt –, war Alessandra wortlos aus dem Konferenzsaal gestürzt, hatte den Aufzug links liegen gelassen und war stattdessen über das Treppenhaus nach unten ins Erdgeschoss geeilt. Als sie nun durch den Haupteingang ins Freie trat, hatte sie zum ersten Mal seit zwei Stunden das Gefühl, wieder einigermaßen frei atmen zu können. Dort hatte sie ihren Kollegen, die sie oben zurückgelassen hatte, eine kurze Nachricht geschickt, dass sie sich später mit ihnen treffen würde, um alles zu besprechen. Jetzt brauchte sie erst einmal etwas Zeit für sich.

Sie schloss die Augen und genoss einen Moment lang einfach nur die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, den Wind in ihrem Gesicht. Dann wurde ihr klar, dass Michel jeden Moment das Hotel verlassen könnte. Und sie glaubte nicht, dass sie imstande war, ihm an diesem Tag noch ein zweites Mal gegenüberzutreten.

Früher oder später würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als sich ihm zu stellen. Sie war zur Sprecherin für die Gewerkschaft ernannt worden, obwohl es mit Sicherheit qualifiziertere Kandidaten für den Job gegeben hätte. Doch sie hatte mit ihrem bedingungslosen Engagement überzeugt und konnte jetzt auf keinen Fall einen Rückzieher machen.

Ganz davon abgesehen, dass sie es liebte, als Ingenieurin für CND zu arbeiten, und es sich nicht leisten konnte, arbeitslos zu werden, verließen sich ihre Kollegen auf sie.

Sie konnte und wollte sie nicht im Stich lassen, selbst wenn es bedeutete, den Geistern der Vergangenheit die Stirn bieten zu müssen.

Denn genau das war Michel. Ein Geist aus ihrer Vergangenheit.

Einst hatte sie geglaubt, ihn zu lieben. Und sie war sicher gewesen, dass er ebenso für sie empfand. Ein Irrtum, wie sie herausfinden musste, als es darauf ankam. Als sie ihn an ihrer Seite gebraucht hätte, war er feige abgehauen. Er hatte sie mit allem allein gelassen und sich in den folgenden Jahren nicht auch nur ein einziges Mal nach ihr erkundigt.

Mit zittrigen Fingern löste sie ihr Haar aus der Hochsteckfrisur, ließ es sich über die Schultern fallen und lief die Calle Rotonda hinunter, eine kopfsteingepflasterte Gasse, die zu beiden Seiten von zwei- bis dreistöckigen Gebäuden gesäumt wurde, zwischen deren oberen Stockwerken Leinen gespannt waren, an denen frisch gewaschene Wäsche im Wind flatterte.

Sie ging immer weiter und weiter, bis sie den Rio de Sant’Alvise erreichte, einen der zahlreichen Kanäle, die die Lagunenstadt wie ein Netz aus Adern durchzogen.

Kurz vor der Holzbrücke, die den Kanal überspannte, in Sichtweite der Chiesa Parrocchiale di Sant’Alvise, setzte sie sich auf den von der Sonne gewärmten Steinboden und ließ die Füße über dem trübgrünen Wasser baumeln.

In der leicht gekräuselten Wasseroberfläche konnte sie ihr eigenes Spiegelbild betrachten und runzelte die Stirn. Sie war blass und wirkte mitgenommen. Und das alles nur wegen Michel Delfleur.

Natürlich war ihr klar gewesen, dass immer eine winzige Chance bestand, ihm noch einmal über den Weg zu laufen. Immerhin gehörte die Werft zur Konzerngruppe seines Vaters, und für Michel hatte schon früh festgestanden, dass er eines Tages in die riesigen Fußstapfen von Xavier Delfleur treten wollte.

Doch über die Jahre hatte sie sich mehr und mehr in Sicherheit geglaubt. Die Delfleurs besaßen zwar die Werft, aber dasselbe galt für Dutzende, wenn nicht Hunderte andere Unternehmen. Bisher hatte sich nie einer aus der Familie persönlich vor Ort blicken lassen. Alles war stets vom Geschäftsführer der Werft und von den Anwälten der Delfleur International geregelt worden.

Auch dieses Mal hatte sie damit gerechnet, dass Xavier Delfleur einige seiner Winkeladvokaten aussenden würden, um in seinem Namen zu verhandeln. Dass er seinen Sohn höchstpersönlich ins Feld schickte, wäre ihr im Traum nicht eingefallen.

Eine Fehleinschätzung, wie sich nun herausstellte. Und dann plötzlich vor ihm zu stehen hatte ihr beinahe den Boden unter den Füßen weggerissen. Sie war kaum in der Lage gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Und das ausgerechnet bei einem so wichtigen Meeting, von dem unglaublich viel abhing.

Nicht, dass das wirklich einen Unterschied machte, denn schon in dem Moment, in dem sie Michel in die Augen gesehen hatte, war ihr klar gewesen, dass es niemals faire Verhandlungen sein würden. Nicht wenn sie und Michel zusammen an einem Verhandlungstisch saßen. Daraus konnte ganz einfach nichts Gutes erwachsen.

Seufzend strich sie sich mit einer Hand durchs Haar. Was sollte sie jetzt bloß tun?

Sie konnte nicht einfach von ihrer Position zurücktreten und jemand anderem die Verantwortung für die Ereignisse überlassen, die in Gang zu setzen sie mit beigetragen hatte.

Ohne sich selbst mit fremden Federn schmücken zu wollen, wäre der Widerstand der Mitarbeiter ohne ihre konsequente und unnachgiebige Überzeugungsarbeit vermutlich längst im Keim erstickt worden. Immerhin handelte es sich um einen Kampf David gegen Goliath, denn der Konzern von Michels Familie war mächtig und einflussreich, und zu Anfang hatten die Angestellten der Werft verständlicherweise gezögert, sich mit den Delfleurs anzulegen.

Nach und nach war es Alessandra gelungen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Und nun verließen sie sich darauf, dass sie sich für sie einsetzte. Wie sollte sie ihnen erklären, dass sie sich aus persönlichen Gründen nicht mehr dazu in der Lage sah?

Nein, sie musste einen Weg finden, ihre Versprechen einzuhalten, koste es, was es wolle. Und wenn sie dazu mit dem Teufel höchstpersönlich in den Ring steigen musste.

Wobei Michel Delfleur, soweit es sie betraf, nicht allzu weit vom Teufel entfernt war.

Wie anders sollte man einen Mann bezeichnen, der sich einfach so vor seiner Verantwortung drückte? Nicht ein einziges Mal in den vergangenen acht Jahren hatte er versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Nicht, dass sie daran interessiert gewesen wäre, ihn wiederzusehen. Lügnerin, du wachst noch immer manchmal mitten in der Nacht auf und suchst tastend auf der anderen Seite des Bettes nach ihm.

Hastig erhob Alessandra sich und ging zu einem Motoscafo, das am Anleger auf Kunden wartete. Normalerweise zog sie die günstigeren Vaporetti – die Wasserbusse, die nach einem festen Fahrplan zwischen den Inseln verkehrten – den Wassertaxen vor. Doch jetzt wollte sie einfach nur auf direktem Wege, ohne zweimal umsteigen zu müssen, zu ihrem Haus in San Mauro auf der nordöstlich vom historischen Zentrum gelegenen Insel Burano, die dafür bekannt war, dass die meisten Häuser in kunterbunten Farben getüncht waren.

Dort waren die Mieten, im Vergleich zum übrigen Venedig, relativ moderat. Dennoch konnte sie sich das kleine, pinkfarbene Haus in der Strada di Corte Comare nur leisten, weil sie recht anständig verdiente.

Noch.

Als sie die kleine, mit unregelmäßig großen Natursteinen gepflasterte Straße hinaufging, dachte sie daran, dass sie sich womöglich schon bald eine neue Bleibe würde suchen müssen. Womöglich musste sie sogar Venedig verlassen, etwas, das ihr ganz und gar unvorstellbar erschien, da sie praktisch ihr gesamtes Leben hier in der Lagune verbracht hatte. Sie liebte die lockere, ungezwungene Art der Menschen. Ja, sie liebte sogar die Touristen, die staunend und mit großen Augen umherliefen, während sie die Geheimnisse und Schätze Venedigs für sich entdeckten.

Der Gedanke, von hier wegzugehen, zerriss ihr schier das Herz – aber nicht nur um ihrer selbst willen. Doch wenn die Werft tatsächlich an das Firmenkonglomerat verkauft wurde, mit dem aktuell darüber verhandelt wurde, und sie alle, wie befürchtet, ihre Jobs verlören, blieb ihr kaum etwas anderes übrig, als sich anderswo nach einer neuen Stelle umzusehen.

Zwar gab es in der Region noch andere Werften, aber als Frau musste sie sich doppelt anstrengen, um eine Chance zu bekommen. Hinzu kam, dass sie in der Branche – zumindest in der Region – nun als Unruhestifterin bekannt war. Niemand würde eine Ingenieurin einstellen wollen, die einen solchen Ruf besaß, schon gar nicht, wenn er in irgendeiner Art und Weise von einer Zusammenarbeit mit den Delfleurs abhängig war.

Nein, sie würde diese ganze Angelegenheit entweder zu einem erfolgreichen Ende bringen oder ihre Sachen packen und Venedig verlassen müssen.

Schon allein deshalb würde sie alles in ihrer Macht Stehende tun, zu verhindern, dass es so weit kam.

Und von Michel würde sie sich keine Steine in den Weg legen lassen.

„Ich bin zu Hause!“, rief sie, als sie das Haus betrat und ihre hochhackigen Schuhe in die Ecke kickte, die sie sich extra für die Verhandlungen gekauft hatte, in der Hoffnung, dass sie sie professionell und kompetent aussehen ließen. Das Geld hätte sie allerdings ebenso gut zum Fenster hinauswerfen können, denn Michel würde sie auf diese Weise ganz sicher nicht beeindrucken.

Sie hängte gerade ihren schwarzen, ebenfalls neuen Blazer an einen Bügel an der Garderobe, als ihr Sohn Luca zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinuntergepoltert kam.

„Mamma!“, rief der Achtjährige und bedachte sie mit einem hoffnungsvollen Blick. „Hast du die Sammelkarten, die dir Toni für mich mit zur Arbeit bringen wollte?“

Seufzend schüttelte Alessandra den Kopf. „Tut mir leid, tesoro mio. Ich habe Toni heute gar nicht gesehen, weil ich zu einer dringenden Besprechung in die Stadt musste.“

Die Enttäuschung war Luca deutlich anzusehen, und wie so oft war er das regelrechte Spiegelbild seines Vaters. Die dunkelbraunen Locken, die ihm immer, wenn er den Kopf zu schnell bewegte, in die Stirn fielen, die grünen Augen und die aristokratisch wirkende Nase mit dem winzigen Höcker.

Ja, er sah wirklich ganz genauso aus wie sein Vater.

Er sah aus wie Michel Delfleur.

3. KAPITEL

„Was soll das heißen, er stimmt keinem weiteren Treffen zu?“ Entgeistert starrte Alessandra ihren Kollegen Antonio „Toni“ Morelli an, der in seinen fünfundzwanzig Jahren Betriebszugehörigkeit eine Karriere vom Monteur zum Vorarbeiter gemacht hatte. Er arbeitete eng mit ihr im Betriebsrat zusammen und hatte sie in dieser Funktion auch zu dem Meeting mit Michel begleitet.

Fünfundzwanzig Jahre seines Lebens, die er der Firma geschenkt hatte und die ihm niemand jemals wieder zurückgeben konnte. Jahre, die – zumindest, wenn es nach den Delfleurs ging – schon bald nichts mehr zählen sollten.

Der ältere Mann seufzte. „Ich bin seit unserem Treffen vor zwei Tagen zum ersten Mal zu seiner persönlichen Assistentin vorgedrungen“, erklärte er. „Sie wies mich freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass er keinen Anlass zu weiteren Gesprächen sähe und der Verkauf seinen Lauf nehmen würde, es uns aber freisteht, weiterhin gegen das Unvermeidliche zu protestieren, was uns aber nichts bringen wird.“

Alessandra runzelte die Stirn. Ja, das klang in der Tat ganz nach etwas, das Michel sagen würde. Und sie mochte ihn zwar seit acht Jahren nicht mehr gesehen haben, aber wenn er kein vollends neuer Mensch geworden war, dann konnte sie sich nur allzu gut vorstellen, dass er bei seiner Einstellung bleiben würde.

Maledizione!

„Und nun?“ Sie ließ sich tiefer in ihrem Bürostuhl zurücksinken und hoffte verzweifelt, dass Toni eine Lösung für ihr Problem präsentieren würde. Doch natürlich war dem nicht so. Und das hatte sie im Grunde auch schon gewusst, als er ihr Büro vor zehn Minuten mit hängenden Schultern und bekümmertem Gesichtsausdruck betreten hatte.

Wenn es überhaupt jemanden gab, der etwas tun konnte, um Michel zu überzeugen, dann war sie es.

Denn schließlich war sie vermutlich auch der Grund, warum er sich plötzlich gegen weitere Verhandlungen sperrte. Er hatte sie gesehen und beschlossen, dass er ihr das Leben nicht schon schwer genug gemacht hatte, als er sie vor acht Jahren schwanger und völlig verzweifelt sitzen ließ.

Vermutlich glaubte er nach wie vor, dass sie damals nur versucht hatte, ihm das Kind unterzujubeln. Wenn er ihr ihre Schwangerschaft überhaupt abgekauft hatte. Seine Reaktion damals ließ jedenfalls das Gegenteil vermuten.

Er hatte ihr von seinem Vater ausrichten lassen, dass sie ihn bitte in Ruhe lassen möge. Kurz darauf war ihrer Mutter, die im Palazzo Cavallone als Köchin gearbeitet hatte, gekündigt worden. Zum Glück, wie Alessandra heute beinahe sagen musste. Denn ohne die Hilfe ihrer Mutter hätte sie es nie geschafft, alles unter einen Hut zu bekommen. Das Baby und das Studium, die Praktika und all die Stunden in der Bibliothek, und dazu noch die zwei Jobs, die sie brauchte, um ihren und den Lebensunterhalt ihres Sohnes zu bestreiten.

Von Michel hatte sie nie wieder gehört.

Er hatte sie und ihren gemeinsamen Sohn einfach ihrem Schicksal überlassen, und es hatte Alessandra viel Mühe, Schweiß und Tränen gekostet, sich das Leben aufzubauen, das sie heute führte.

Sie würde sich das von Michel nicht schon wieder kaputt machen lassen.

Die Frage war nur: Was konnte sie – realistisch betrachtet – dagegen unternehmen?

Im Grunde nicht viel. An sein Gewissen zu appellieren war vergebliche Liebesmüh, denn wenn er so etwas überhaupt besaß, dann war es vermutlich genauso schwarz und verschrumpelt wie sein Herz. Wie sonst konnte ein Mann sein eigen Fleisch und Blut einfach ignorieren?

Dass er sich dagegen entschieden hatte, mit ihr zusammenzubleiben, konnte Alessandra akzeptieren, auch wenn es ihr nicht leichtfiel. Doch dass er einfach so tat, als würde es Luca überhaupt nicht geben … Nein, das war in ihren Augen einfach unverzeihlich.

Sie stand auf, ging zur Garderobe, von der sie ihre Jeansjacke nahm und anzog.

„Was hast du vor?“, fragte Toni.

„Ich mache heute früher Schluss“, antwortete Alessandra.

„Na, du dürftest ja mehr Überstunden angesammelt haben, als du je im Leben abfeiern kannst“, bemerkte er halb schmunzelnd, halb tadelnd. „Für heute steht ja auch nichts Weltbewegendes mehr an, bei dem wir nicht auf dich verzichten könnten. Und sollte es sich Delfleur wider Erwarten doch noch anders überlegen, weiß ich ja, wo ich dich erreichen kann.“

Vor dem exklusiven Club in Dorsoduro, dem lebhaften Universitätsviertel von Venedig, direkt am Canale Grande gelegen, standen Trauben von Nachtschwärmern, die allesamt darauf warteten, vom Türsteher in die heiligen Hallen vorgelassen zu werden.

Alessandra hatte schon viel von diesem speziellen Etablissement gehört, war aber selbst noch nie hier gewesen. Nicht zuletzt, weil sie als alleinerziehende Studierende mit zwei Nebenjobs nur selten Gelegenheit gehabt hatte, sich in das Nachtleben Venedigs zu stürzen.

Weder hatte sie Gelegenheit gehabt – noch das Verlangen, es zu tun.

Sie war einfach nur jeden Abend todmüde in ihr Bett gefallen und war froh gewesen, wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Heute sah die Situation durchaus ein wenig anders aus. Ihre Mutter, die inzwischen im Haus gleich neben ihrem wohnte, predigte ihr immerzu, dass sie nie einen neuen Papa für Luca finden würde, wenn sie nie vor die Tür ging, um neue Leute kennenzulernen.

Als ob sie daran wirklich auch nur das geringste Interesse gehabt hätte …

Heute Abend aber war alles ein klein wenig anders.

Sie warf einen Blick in eines der verspiegelten Fenster und erkannte sich selbst kaum wieder. Normalerweise trug sie kein oder nur wenig Make-up, eher bequeme und praktische Kleidung und zu einem Pferdeschwanz zusammengefasstes Haar. Die Frau, die ihr jetzt entgegenblickte, sah vollkommen anders aus.

Den hauteng anliegenden schwarzen Glitzerfummel, der kaum bis zur Hälfte ihrer Oberschenkel reichte und in dem sie sich furchtbar nackt fühlte, hatte sie sich von ihrer Nachbarin Marcella geliehen. Ebenso wie die dazu passenden schwarzen High Heels aus Lack, besetzt mit Glitzersteinchen, die so gar nicht ihr Stil waren, und die geradezu lächerlich kleine Handtasche, in die kaum mehr als ein Schlüsselbund und ein Päckchen Taschentücher passte.

Auch beim Schminken hatte sie sich vertrauensvoll in Marcellas Hände begeben, die diese Aufgabe mit großem Enthusiasmus in Angriff genommen hatte. Ein bisschen zu viel Enthusiasmus vielleicht, denn der knallrote Lippenstift und die dunklen Smokey Eyes mit dem extravaganten Lidstrich und den dicht getuschten Wimpern waren definitiv mehr, als Alessandra unter normalen Umständen je getragen hätte.

Doch dies waren keine normalen Umstände, das musste sie sich stets vor Augen halten.

Sie war hier, weil sie aus sicherer Quelle erfahren hatte, dass sich Michel heute im Il Monde D’Oro aufhalten würde. Eine Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen konnte – und durfte.

Eine alte Schulfreundin arbeitete hinter der Bar und hatte, als sie hörte, dass sich Michel Delfleur angekündigt hatte, sich sofort bei Alessandra gemeldet. Denn natürlich wusste jeder in ihrem Umfeld, was sich damals zwischen Michel und ihr abgespielt hatte. Die Nachbarn hatten sich die Mäuler über sie zerrissen, über die unverheiratete Tochter der Dienstbotin, die so dumm gewesen war, sich vom Sohn des Hausherrn schwängern zu lassen. Die hämischen Blicke hatten ihr dabei weniger ausgemacht als das Mitleid, das sie weder brauchte noch wollte. Luca war das Beste, was ihr je im Leben widerfahren war. Sie bedauerte die Entscheidung, ihn auf die Welt gebracht zu haben, keineswegs, auch wenn es nicht immer leicht gewesen sein mochte.

Doch das war nicht Lucas Schuld, sondern die von Michel Delfleur.

Er war es, der sich vor seiner Verantwortung gedrückt hatte.

Ihre alte Schulfreundin hatte ihr jedenfalls sofort getextet, um ihr mitzuteilen, dass Michel wieder in der Stadt war. Die Warnung war für Alessandra leider ein wenig zu spät gekommen, aber sie war trotzdem dankbar für die Information, gab sie ihr doch die Möglichkeit, auf diesem etwas unkonventionellen Weg mit Michel in Kontakt zu treten, da er sich nach wie vor weigerte, die Gespräche mit der Gewerkschaft wiederaufzunehmen.

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann muss der Berg eben zum Propheten kommen …

Sie straffte die Schultern und ging – ein wenig wackelig, da sie nicht an die hohen Absätze gewöhnt war – geradewegs auf den Eingang des Clubs zu, neben dem zwei bullige Türsteher in schwarzen Anzügen und mit dunkel getönten Sonnenbrillen standen.

Der eine hatte die Arme vor der breiten Brust verschränkt und zeigte keinerlei Regung, während der andere Alessandra über den Rand seiner Brille hinweg musterte.

„Wo soll es denn hingehen, Bellissima?“, fragte er mit einem anzüglichen Grinsen. „Das Ende der Schlange ist dort hinten.“

Alessandra spürte deutlich, dass in diesem Moment alle Blicke auf sie gerichtet waren, und es fühlte sich so unangenehm an, dass sie am ganzen Körper Gänsehaut bekam. Doch sie zwang sich, tief durchzuatmen und ein – wie sie hoffte – möglichst verführerisches Lächeln aufzusetzen. Sie war sich keineswegs sicher, ob ihr das wirklich gelang. Sie besaß, was Verführung anging, nun wirklich nicht besonders viel Übung. Eher gar keine.

„Sehe ich aus wie jemand, der sich hinten anstellt?“, fragte sie mit einem Augenaufschlag, den sie sich bei einer Schauspielerin aus einem Kinofilm abgeschaut hatte. „Ich werde erwartet.“

„Und von wem, wenn ich fragen darf?“

Kurz spielte sie mit dem Gedanken, Michels Namen ins Spiel zu bringen, entschied sich aber dagegen. Sie wollte nicht, dass irgendjemand auf die Idee kam, ihn über ihr Eintreffen in Kenntnis zu setzen. Oder – noch viel schlimmer – ihn hinzurief.

Nein, sie war noch nicht bereit, ihm gegenüberzutreten. Ganz davon abgesehen, dass er vermutlich ohnehin nur dafür sorgen würde, dass man ihr den Eintritt in den Club verweigerte.

„Francesca“, nannte sie stattdessen den Namen ihrer Schulfreundin. „Sie arbeitet an der Bar und …“

„Ich weiß, wer Francesca ist“, fiel der Türsteher ihr ein wenig brüsk ins Wort. „Aber wer sagt mir, dass du den Namen nicht nur irgendwo aufgeschnappt hast?“

„Lass sie schon rein, Gino“, erklang da zum Glück eine Stimme aus dem Inneren des Clubs. „Sie gehört zu mir.“

„Francesca“, stieß Alessandra erleichtert hervor und drängte sich zwischen den beiden Türstehern, die sich halb umgedreht hatten und dabei ein Stück zur Seite getreten waren, hindurch. „Ich bin so froh, dich zu sehen.“

Francesca nahm sie bei der Hand und zog sie durch den mit grellen Farben beleuchteten und dennoch schummrigen Eingangsbereich zur Garderobe, hinter der ein gelangweilt aussehender junger Mann stand, dessen Blick auf das Display seines Smartphones gerichtet war.

Er beachtete sie nicht, dennoch senkte Alessandra die Stimme. „Ist er noch hier?“

Ihre Freundin nickte. „Er ist vor etwa einer Stunde mit zwei Anzugtypen aufgetaucht und sitzt seitdem in seinem Separee, während seine Begleiter im Club herumstreifen und die weiblichen Gäste belästigen.“

Alessandra hob eine Braue. „Sie werden handgreiflich?“

„Nein, nein, aber sie sind aufdringlich. Es würde mich nicht wundern, wenn sich einer von denen im Laufe des Abends noch eine Ohrfeige einfängt.“

„Aber Michel …“

„Keine Sorge, dein Michel kann sich anscheinend benehmen.“

„Er ist nicht mein Michel.“

„Nein“, entgegnete Francesca nachdenklich. „Ist er wirklich nicht, oder? Er hat dich damals echt ganz schön hängen lassen. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Er wirkte immer so … korrekt.“

Alessandra wollte es bestreiten, doch sie stellte fest, dass sie das nicht konnte. Er war immer sehr korrekt gewesen, fast schon übertrieben. Sie hatte gewusst, dass er seinem Vater etwas beweisen wollte. Allerdings bezweifelte sie, dass ein Mann wie Xavier Delfleur sich davon beeindrucken ließ. Er war vermutlich nicht besonders an einem Sohn interessiert, der sich stets an die Regeln hielt und dem Fairness tatsächlich etwas bedeutete.

Er muss verdammt stolz auf Michel gewesen sein, als der sich entschied, mich fallen zu lassen dachte sie bitter.

„Ich muss ihn sprechen“, wandte sie sich an Francesca. „Kannst du mich zu ihm bringen?“

Certamente, aber …“ Sie bedachte Alessandra mit einem durchdringenden Blick. „Du machst doch keine Schwierigkeiten, oder? Ich kann einen Riesenärger kriegen, wenn du hier im Club mit Michel aneinandergerätst.“

Alessandra versicherte ihr, dass sie nichts dergleichen vorhatte – was leider nicht hieß, dass sie es ausschließen konnte. Ihrer Freundin schien ihr Wort jedoch zu reichen, denn sie führte sie über einen leeren Seitenkorridor auf die Rückseite des Clubs, dann eine Treppe hinauf, gleich in den VIP-Bereich, der aus mehreren Separees bestand, von denen im Augenblick jedoch nur eines besetzt war.

Von Michel.

Sie zwang sich, tief und ruhig weiterzuatmen, auch wenn sein Anblick reichte, um ihr Herz zum Flattern zu bringen.

Es war frustrierend. Obwohl es schon so lange her war, konnte sie ihn noch immer nicht ansehen, ohne etwas zu empfinden. Michel sollte ihr egal sein. Das einzige Gefühl, das in seinem Fall angemessen erschien, war Wut. Vielleicht noch Enttäuschung, aber nicht … das!

Er starrte auf sein Handy, die zuckenden Lichter und die ohrenbetäubende Musik mit dem wummernden Bass, den sie in ihren Knochen spürte, schien er gar nicht wirklich wahrzunehmen. Und er bemerkte auch sie erst, als sie sich auf den Loungesessel ihm gegenüber sinken ließ.

Für einen Moment wirkte er einfach nur verwirrt, doch dann verhärtete sich seine Miene, und seine Augen sprühten eisiges Feuer.

„Alessandra“, sagte er, und obwohl er nicht besonders laut sprach, hatte er kein Problem damit, die Geräusche seiner Umgebung zu übertönen. „Was willst du? Und wie siehst du überhaupt aus?“

„Ich bin nicht hier, um mein Outfit mit dir zu diskutieren“, erwiderte sie scharf.

Er hob eine Braue. „Nein? Nun, dann verrate mir noch bitte, warum du hier bist, denn ich kann es mir beim besten Willen nicht erklären. Privat gibt es zwischen uns schon ewig keine Verbindung mehr, und geschäftlich … Ich denke, ich habe deutlich gemacht, dass ich keinen Anlass für weitere Treffen mit dir und deinen Kollegen sehe.“

Alessandra spürte, wie Ärger in ihr hochkochte. „Du verzeihst hoffentlich, wenn ich da anderer Meinung bin.“

„Das ist dir überlassen, aber es ändert nichts an meiner Entscheidung. Der Verkauf wird über die Bühne gehen, und es gibt nichts, was du dagegen unternehmen könntest. Finde dich also besser damit ab und schau dich nach etwas Neuem um.“

Fassungslos starrte Alessandra ihn an. „Wie kannst du nur so kalt und gefühllos sein? Nach allem, was war?“

Er zog die Brauen zusammen. „Du wagst es, unsere Vergangenheit ins Spiel zu bringen?“ Brüsk stand er auf. „Die Unterhaltung ist beendet. Ich erwarte, dass du fort bist, wenn ich zurückkomme.“

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und verschwand die Treppe zum öffentlichen Bereich des Clubs hinunter.

Mit wachsender Verzweiflung blickte Alessandra ihm nach.

Maledizione!

Warum hatte sie nicht einfach die Ruhe bewahren können? Aber nein, sie musste ja unbedingt das letzte Wort behalten – und das hatte sie nun davon.

Hatte sie jetzt ihre einzige und möglicherweise auch letzte Chance verpasst, die Werft – und mit ihr Hunderte von Arbeitsplätzen – zu retten?

Nein, das durfte nicht sein. Dazu würde sie es nicht kommen lassen. Auf gar keinen Fall.

Hastig eilte sie ihm nach, wobei sie auf ihren hohen Absätzen einmal ins Stolpern geriet und fast die Treppe hinuntergestürzt wäre. Doch irgendwie schaffte sie es mit heiler Haut bis nach unten, gerade im rechten Moment, um zu sehen, wie Michel mit einer Blondine im Schlepptau auf die Tanzfläche trat.

Sie blinzelte verblüfft. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie ihn nicht auch nur ein einziges Mal tanzen sehen. Sicher, das war alles lange her, sie waren beide noch halbe Kinder gewesen – und dennoch. Sie konnte die Eifersucht, die ihr plötzlich einen Stich versetzte, nicht leugnen.

Ein Song verklang, um direkt in einen neuen überzugehen, der in einem tiefen, wummernden Rhythmus durch den Club hallte, den man nicht nur hören, sondern vor allem fühlen konnte.

Stroboskopartige Lichter zuckten und ließen die Bewegungen der Tanzenden aussehen wie in Zeitlupe. Nebel wallte auf, und als die dröhnende Baseline einsetzte, wurde die Tanzfläche in ein kaltes blaues Licht getaucht – und inmitten von alldem Michel, dessen schiere Aura die Menschen auf der Tanzfläche einen respektvollen Abstand von ihm halten ließ.

Er war ein exzellenter Tänzer, wie sie feststellen musste – ebenso wie seine Tanzpartnerin, aber die nahm Alessandra nur ganz am Rande wahr.

Es war Michel, der ihre gesamte Aufmerksamkeit beherrschte.

Und dann sah er in ihre Richtung, und sie war wie gefangen von seinem Blick.

Wie von selbst setzten sich ihre Füße in Bewegung. Sie wusste nicht mal, was sie eigentlich vorhatte. Ihr Verstand schien nicht mehr richtig zu funktionieren, denn sie wollte vieles, aber ganz sicher nicht mit ihm tanzen.

Und doch …

Die Blondine machte ein wütendes Gesicht, als Michel ihr keine Beachtung mehr schenkte und stattdessen Alessandra anstarrte, als wäre sie eine Erscheinung. Schließlich wandte sie sich ab und suchte sich einen neuen Tanzpartner. Was bedeutete, dass Michel nun frei war.

Frei – für was?

Als Alessandra klar wurde, dass sie mitten auf der Tanzfläche stand, wie angewurzelt, unfähig sich zu bewegen, wollte sie am liebsten im Erdboden versinken. Per Dio, was tat sie hier? Sie wollte mit ihm reden – nicht tanzen!

Doch das änderte nichts daran, dass ein Blick allein von ihm schon ausreichte, sie zu elektrisieren.

Er hob eine Braue, als wollte er fragen: Was?

Nun, dieselbe Frage stellte sie sich ebenfalls. Sie zweifelte allerdings daran, dass sie zu einer zufriedenstellenden Antwort gelangen würde.

Sie konnte nicht klar denken. Und schuld daran war nicht die Nähe der anderen Menschen. Auch die Hitze, die flackernden Lichter und der hämmernde Bass hatten damit nichts zu tun. Nein, verantwortlich dafür war allein Michel.

Nimm dich zusammen, Alessandra!

„Ich …“ Sie riss sich aus ihrer Erstarrung, drehte sich um und wollte davonstürzen, irgendwohin, wo es ein wenig ruhiger war als hier. Ruhiger – und vor allem weiter entfernt von Michel. Doch eine Hand packte ihr Handgelenk wie eine Schraubzwinge und hielt sie zurück.

Ihr Haar flog, als sie herumwirbelte und ihn anfunkelte.

Michel.

Was bildete er sich ein?

„Lass mich los“, forderte sie.

Mit kühlem Lächeln gab er sie frei. Doch anstatt sofort den Rückzug anzutreten, um sich irgendwo in Ruhe zu sammeln, blieb sie einfach stehen und sah ihn an.

Und dann war er plötzlich ganz dicht vor ihr und fing an, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Er hob eine Hand, umfasste ihre Hüfte, und von der Stelle, wo er sie berührte, brandeten Hitzewellen durch ihren Körper.

Ihr Mund war mit einem Mal staubtrocken, sie schluckte hart. Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, wiegte auch sie sich im Takt.

Sie legte die Hände auf seine Brust und spürte sein tiefes, zufriedenes Grollen mehr, als dass sie es hörte. Nur mit Mühe konnte sie ein heiseres Aufstöhnen unterdrücken.

Irgendwo tief in ihr versuchte eine innere Stimme ihr klarzumachen, dass sie im Begriff stand, einen großen Fehler zu begehen. Doch der Einwand erschien ihr unwichtig, unbedeutend, und so verdrängte sie ihn.

Ihr raste das Herz. Sie wagte es nicht, aufzublicken, denn sie fürchtete, dass sie, sobald sie ihm in die Augen sah, verloren sein würde. Stattdessen ließ sie ihre Hände weiter nach oben wandern, um sie ihm auf die Schultern zu legen. Deutlich spürte sie das Spiel seiner Muskeln unter ihren Fingerspitzen, und es war überwältigend.

Es war wie ein Rausch – sie dachte nicht mehr, sie fühlte nur noch.

Es war gleichgültig, dass es Michel war, mit dem sie tanzte.

Nein, korrigierte sie sich sofort, nicht gleichgültig. Ganz im Gegenteil sogar. Kein anderer Mann hatte jemals ein solches Chaos der Gefühle in ihr ausgelöst.

Seit Luca auf der Welt war, war sie nur mit zwei Arbeitskollegen, mit denen sie auch heute noch befreundet war, ausgegangen. Doch der Funke war einfach nicht übergesprungen. Sie hatte die beiden gemocht. Sie waren gute Menschen, freundlich, höflich, zuvorkommend. Doch etwas hatte gefehlt.

Und jetzt wusste sie auch, was es gewesen war.

Das hier, das mit Michel … Sie konnte es nur schwer mit Worten beschreiben. Seine Nähe beschleunigte ihren Herzschlag, seine Berührungen ließen Schmetterlinge in ihrem Bauch aufflattern, und der Duft seines Rasierwassers verursachte ihr weiche Knie.

Es war ein uralter Instinkt. Zwei Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlten, wie die entgegengesetzten Pole eines Magneten. Sie mochten es nicht wollen, sie mochten sich dagegen sträuben, aber es war da.

Feuer.

Leidenschaft.

Verlangen.

Die Musik wurde drängender, der Bass stampfender, und sie ertappte sich dabei, wie sie ihre Hüften gegen seine presste und sich fester an ihn klammerte.

Auch Michel ließ ihre Begegnung nicht kalt, wie sie mehr als deutlich spüren konnte.

Alessandra nahm die Tanzenden um sie herum nur noch wie durch einen Nebel der Vergessenheit wahr. Alles, was zählte, war dieser Augenblick. Und sie wollte, dass er niemals endete.

Sie hatte den Gedanken kaum zu Ende gebracht, da verklang die Musik, und damit zerplatzte auch die Seifenblase, die sich um sie herum gebildet hatte.

Die Lichter wurden heller, und der nächste Song, der erklang, war ruhiger, weniger treibend. Und Alessandra hatte plötzlich das Gefühl, wie aus einem Traum zu erwachen.

Abrupt trat sie einen Schritt zurück und blinzelte energisch.

„Merde …“

Sie blickte auf, als sie Michel fluchen hörte. Er starrte sie mit einem Entsetzen an, das sie gekränkt hätte, hätte sie das Gefühl nicht so gut nachvollziehen können.

„Das … Ich …“, stammelte sie.

Während sie noch nach Worten suchte, hatte er sich bereits wieder im Griff und bedachte sie mit einem eisigen Blick.

„Wenn das ein Versuch war, mich davon zu überzeugen, meine Meinung zu ändern, dann muss ich dich enttäuschen. Das hier …“ Er machte eine Geste, die die Tanzfläche, den ganzen Club, umfasste. „Das hier ändert rein gar nichts.“

„Was?“ Sie rang um Fassung. „Ich … Was willst du mir da unterstellen?...

Autor

K C Leonard
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