Mehr als eine sinnliche Nacht?

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Für Eve Martin ist das Leben kompliziert genug: Sie braucht einen neuen Job, sie braucht eine Wohnung in Royal – und eine dringende Familienangelegenheit muss sie auch klären. Das Letzte, was sie braucht, ist eine Affäre, die alles noch komplizierter macht. Doch seit Rafael Wentworth sie auf einer Party aus einer peinlichen Situation gerettet hat, kann sie ihm beim besten Willen nicht widerstehen. Die Chemie zwischen ihnen ist einfach überwältigend! Aber Eve sehnt sich nach Ruhe und Sicherheit – und Rafael ist und bleibt ein Playboy, oder?


  • Erscheinungstag 31.01.2023
  • Bandnummer 2274
  • ISBN / Artikelnummer 9783751515450
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

„Sie wissen schon, dass das kein Wunschbrunnen ist, oder?“

Eve Martin wappnete sich gegen die sanfte maskuline Stimme und den Charme des Mannes, der sie mit dieser vermeintlichen Weisheit konfrontierte. Das Offensichtliche auszusprechen, wäre nun wirklich nicht nötig gewesen.

Okay, sie starrte fasziniert auf den mehrstufigen Champagnerturm, aber das aus gutem Grund. Sie hatte den Abend damit begonnen, sich auf ihre routinemäßige Selbstmitleids-Teeparty vorzubereiten, als ein Anfall von absoluter Hoffnungslosigkeit sie ergriffen hatte. Länger, als sie zugeben mochte, hatte sie tatenlos zugesehen, wie das Wasser über den Rand des Teebechers gelaufen und geräuschvoll im Abfluss verschwunden war – genau wie ihre Hoffnungen, Träume, Ambitionen und sämtlichen Pläne, die sie geschmiedet hatte, seit sie zwölf war.

Es hatte eine Zeit gegeben, da war sie erfolgreich gewesen, ein Ausnahmetalent auf ihrem Gebiet. Jetzt allerdings war sie auf dem absteigenden Ast und dabei, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

An diesem Donnerstagabend hatte jedoch die Sturheit über die Hoffnungslosigkeit gesiegt. Sie hatte sich angezogen, sich ein Taxi gerufen und dem Fahrer die einzige Adresse in der Stadt genannt, die sie kannte, die des Texas Cattleman’s Clubs. Doch erst als sie dort ankam, bemerkte sie ihren Fehler. Sie hatte sich lediglich ein Glas Wein an der Bar gönnen wollen, ein schlichtes Vergnügen, das ihr während all der Wochen im Krankenhaus versagt geblieben war. Aber so, wie es aussah, fand hier im Club eine große Party statt. Eve wusste nicht, was sie tun sollte. Wenn sie den Taxifahrer bat, sie wieder nach Hause zu bringen, hätte sie sechzig Dollar für eine sinnlose Rundtour bezahlt. Und sie hatte weiß Gott kein Geld zum Verschwenden.

Schließlich wurde ihr die Entscheidung abgenommen, als ein Angestellter ihr die Tür öffnete. Vermutlich ging er davon aus, dass sie ein geladener Gast war, und reichte ihr die Hand. „Guten Abend, Ma’am. Willkommen im Cattleman’s Club.“

Mit diesen Worten wurde ihr Einlass in das Heiligtum von Royals Elite gewährt. Zusammen mit anderen Gästen fand Eve sich kurz darauf im Ballsaal wieder. Inmitten der fröhlichen Menge kam sie sich verlassen vor und wanderte ziellos umher, bis sie den riesigen Champagnerturm mitten im Saal entdeckte. Fasziniert hatte sie beobachtet, wie einer der Kellner auf einer Leiter stand und eine Flasche nach der anderen über eine Pyramide von langstieligen Gläsern kippte. Von Leitungswasser zu Champagner – wer weiß, war es ihr durch den Kopf geschossen, vielleicht habe ich heute Abend ja sogar Spaß.

„Sie wissen schon, dass das kein Wunschbrunnen ist, oder?“

Ein Blick auf den Klugscheißer genügte, um seine Aussage zu widerlegen. Neben ihr stand ein großer Mann mit dunklen Haaren, bronzefarbener Haut und braunen Augen, die kräftiger funkelten als die hellsten Kerzen. Er trug einen maßgeschneiderten blauen Anzug, hatte die Hände in die Taschen gesteckt und den Kopf etwas geneigt, um sie besser anschauen zu können. Für irgendjemanden, irgendwo, war er definitiv der wahr gewordene Traum.

Oben auf der Leiter hob der Kellner die letzte Flasche und rief: „Zum Wohl!“

Mehr Ermunterung brauchte Eve nicht. Auf einmal war sie sehr durstig und griff nach einem Glas. Zu ihrem Entsetzen brach der gesamte Champagnerturm in sich zusammen. Glassplitter flogen durch die Luft, Champagner spritzte auf ihr kirschrotes Kleid. Ihre Schuhe waren pitschnass. Geschockt glitt ihr das Glas aus der Hand und zerbrach zu ihren Füßen.

Während um sie herum alle auseinanderstoben, blieb sie stocksteif stehen. Wann würde sie es endlich lernen? Sturheit konnte über Hoffnungslosigkeit siegen, aber nichts war so stark wie das Schicksal. Eve hätte es besser wissen müssen, als das Schicksal herauszufordern, indem sie heute ihr Versteck verließ. Jetzt hatte sie nur noch einen Wunsch – zu verschwinden.

1. KAPITEL

Liebe auf den ersten Blick war nur etwas für Idioten, oder? Das jedenfalls war Rafael Arias Wentworths feste Überzeugung gewesen, bis er diese Frau entdeckt hatte. Sie hatte regungslos dagestanden und auf den Champagnerturm mitten im Ballsaal gestarrt. In ihrem knallroten Kleid und mit den hochgesteckten Haaren sah sie umwerfend aus, doch er nahm vor allem die weiche, karamellfarbene Haut wahr. Wer war sie?

Rafael versuchte, die Gefühle, die sie in ihm wachrief, zu ignorieren. Sein Adrenalinspiegel war ohnehin noch hoch, da er am frühen Abend Manny Suarez einen Besuch abgestattet hatte. Er war kein normaler Autohändler, der Kombis an Familien verkaufte, sondern einer, der alte Luxuskarossen aufmotzte. Schon Wochen bevor Rafael sich entschieden hatte, wieder nach Royal zu kommen, hatte er ihn von Miami aus kontaktiert. Jetzt schien es so, als hätten sie das perfekte Auto gefunden. Nachdem er ihm ungefähr fünfzig Fragen geduldig beantwortet hatte, hatte Manny schließlich zu Rafael gesagt, er solle zuschlagen oder die Sache vergessen, woraufhin Rafael, ohne zu zögern, eine Viertelmillion Dollar für einen Camaro-Cabrio von 1969 auf den Tisch geblättert hatte, obwohl der verrostete Wagen auf Holzblöcken stand und aussah, als hätte man ihn aus einem See gezogen. Trotzdem war dessen Schönheit unverkennbar.

Mit neuer Energie hatte er die Werkstatt verlassen, und weil er schon spät dran war für die Cocktail-Party im TCC, hatte er aufs Gaspedal seines perfekt restaurierten Jaguars gedrückt. Klassische Cabrios waren seine Schwäche. Und Frauen in Rot anscheinend auch.

Die heutige Party sah Rafael als Geschäftstermin an. Er fühlte sich verpflichtet zu erscheinen, hatte aber nicht die Absicht, lange zu bleiben. Sein Plan für solche Veranstaltungen sah immer gleich aus: sich einen Drink holen, einmal die Runde machen und dann – möglichst unbemerkt – wieder verschwinden. Aber dann hatte er sie gesehen …

Liebe oder nicht, er lehnte dankend ab. Im Herzen eines Mannes gab es nur einen begrenzten Platz, und heute hatte er sich bereits in einen Chevrolet-Oldtimer verliebt. Er würde verschwinden, ehe er noch etwas Dummes tat. Allerdings beabsichtigte er, vorher noch den Namen dieses süßen Karamellapfels herauszufinden. Das könnte sich als nützlich erweisen, falls er an einem anderen Abend Lust verspüren sollte, sich zu verlieben.

Er ging auf sie zu, um sie anzusprechen. Sie bemerkte es nicht einmal, sondern starrte auf den Champagner, der die Pyramide hinunterfloss. Also sagte er das Erste, was ihm in den Sinn kam. „Sie wissen schon, dass das kein Wunschbrunnen ist, oder?“ Er hatte ihr lediglich ein Lächeln entlocken wollen. Stattdessen funkelte sie ihn nur genervt an. Im nächsten Moment ging es Schlag auf Schlag. Eine Leiter krachte in den Turm. Der Turm fiel in sich zusammen. Glas zerbarst, und Champagner spritzte. Rafael nahm das alles gar nicht richtig wahr, denn jetzt erkannte er die Frau. Es handelte sich um die berühmt-berüchtigte Evelyn Martin. Ein Teil von ihm musste es geahnt haben. Das Gefühl, das sie in ihm geweckt hatte, war keine Liebe, sondern etwas, das genauso heftig war.

Rafael blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, als im Ballsaal plötzlich die Hölle losbrach. Während andere hektisch versuchten, sich die Champagnerflecken abzuwischen, stand Eve wie erstarrt da.

„Kommen Sie mit.“ Er legte ihr den Arm um die verspannten Schultern und zog sie mit sich, hinaus aus dem Ballsaal. Gesenkten Hauptes ging sie neben ihm her. In der Lobby fragte er sie, ob alles in Ordnung sei. Keine Antwort. Stand sie unter Schock?

„Reden Sie mit mir“, meinte er. „Sagen Sie etwas, damit ich weiß, dass es Ihnen gut geht.“

Sie holte tief Luft, als müsste sie sich wappnen. „Ich sterbe gleich vor Verlegenheit.“

„Das ist alles? Dann brauche ich ja keinen Krankenwagen zu rufen.“

Sie wischte sich über ihre die Stirn. „Ich bin ein Wrack.“

Da sie keine offensichtliche Verletzung davongetragen hatte, fragte er: „Möchten Sie zur Toilette gehen, um sich frisch zu machen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

Inzwischen war der Ballsaal abgesperrt worden, und man händigte Handtücher an die durchnässten Gäste aus. Rafael schnappte sich zwei und reichte ihr eins.

„Es war ein Unfall“, brachte sie unsicher hervor.

Er wischte sich die Hände trocken. „Ein echt krasser Unfall.“

Sie presste das Handtuch gegen die Brust. „Ich wollte nicht …“

Rafael kniff die Augen zusammen. „Sie wollten was nicht?“ Er lachte. „Glauben Sie etwa, es war Ihre Schuld?“

„Ich habe mir ein Glas genommen!“

„So funktioniert das ja auch. Sie schenken das Zeug in die Gläser, und man nimmt sich eins davon.“

„Vielleicht habe ich es falsch gemacht.“

Entweder litt sie unter einem Märtyrerkomplex oder unter Wahnvorstellungen. „Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber es lag an der Leiter, die umgekippt ist.“

„Oh …“

„Ja, oh. Das war schon ziemlich spektakulär. Tut mir leid, dass Ihnen das entgangen ist.“

„Schon okay“, meinte sie erleichtert. „Ich hatte bereits genug Drama, vielen Dank auch.“

„Ich denke, hier sind wir durch.“ Rafael zog sein Handy aus der Tasche. „Wie lautet Ihr Code? Ich lasse Ihnen Ihren Wagen bringen.“

„Machen Sie sich keine Mühe. Ich nehme mir ein Taxi.“

Er steckte sein Telefon wieder ein. „Soll ich Sie nach Hause fahren?“

„Nein“, sagte sie entschlossen. „Mir geht’s gut. Danke.“

„Ihnen geht es nicht gut. Sie sind klatschnass.“

„Meine Füße sind nass. Ich denke, ich werde es überleben.“

„Seien Sie sich da mal nicht so sicher“, konterte Rafael. „Wenn meine Lieblingsoma recht hat, dann bekommen Sie eine Lungenentzündung und sterben innerhalb von vierundzwanzig Stunden.“

„Ihre Lieblingsoma irrt sich. Und Sie haben heute schon genug getan. Danke.“

„Bevor Sie mir eine Medaille umhängen, Evelyn, sollten Sie wissen, dass ich Sie als Schutzschild benutze.“

Das Funkeln in ihren Augen erlosch. „Sie wissen, wer ich bin?“

Rafael antwortete nicht. Wieso war sie überrascht? Jeder hier in Royal hatte über sie gelesen. Man wusste genau, wer sie war, und behielt sie unter Beobachtung. Es war nicht immer von Vorteil, wenn die Leute einen kannten oder zumindest glaubten, einen zu kennen. Das wusste er aus eigener Erfahrung.

„Und wer sind Sie?“

Ihm blieb keine Zeit für eine Antwort. Paul und Jennifer Carlton von der Carlton Immobiliengruppe, allgemein nur P&J genannt, kamen direkt auf sie zu. „Ich werde Ihnen jetzt etwas ins Ohr flüstern. Ist das okay für Sie?“

Sie riss die Augen auf. „Ich bin verwirrt. Warum genau?“

„Ich brauche Ihre Hilfe.“ Er senkte den Kopf und flüsterte so, dass andere glauben mussten, sie wären in eine sehr private Unterhaltung vertieft, und nicht zu stören wagten. „Tun Sie so, als würden wir uns unterhalten, als wären Sie nur auf mich konzentriert.“

„Ich tue mein Bestes.“

Sein Plan misslang. Das elegant gekleidete Paar, dem er aus dem Weg gehen wollte, stürzte auf ihn zu, begrüßte ihn mit Luftküsschen, Schulterklopfen und neugierigen Fragen. „Rafael!“, riefen sie.

Eve fuhr herum. „Rafael …“ Ihr schien ein Licht aufzugehen.

„Stimmt es, dass Sie an der Richardson-Immobilie interessiert sind?“, fragte Paul.

Rafael wich der Frage aus. „Paul, Jennifer, haben Sie schon Evelyn Martin kennengelernt?“

Die beiden nickten ihr kurz zu, ehe sie ihr Verhör wieder aufnahmen.

„Viele unserer Kunden sind interessiert daran“, erklärte Jennifer. „Wenn das Motel auf den Markt kommt, können Sie sich auf einen Bieterwettstreit gefasst machen.“

Paul machte einen Vorschlag. „Wie wäre es, wenn wir die Sache drinnen bei einem Drink besprechen?“

Mit klarer Stimme meinte Evelyn: „Tut mir leid, wir sind gerade im Begriff zu gehen. Es gab einen unangenehmen Unfall.“

Das wir haute Rafael um.

„Oh …“ Jennifer musterte Evelyn, als wäre sie gerade herbeiteleportiert worden, statt die ganze Zeit schon hier zu stehen. „Was ist passiert? Und warum ist Ihr Kleid denn so nass?“

„Der Champagnerturm ist eingestürzt“, erklärte Eve.

„Ach herrje!“, rief Jennifer.

Rafael entdeckte kleine Champagnertropfen, die Eves ansonsten schlichtem Kleid einen Schimmer verliehen. „Wir müssen Sie aus diesem Kleid herausbekommen.“

Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Okay, diesmal war das wir wohl definitiv übertrieben.

„Bringen Sie mich einfach nach Hause“, sagte sie zu ihm. „Den Rest schaffe ich allein.“

Paul und Jennifer sahen diesem Schlagabtausch interessiert zu, und da Rafael wusste, dass die beiden schreckliche Klatschmäuler waren, fürchtete er, dass schon bald irgendwelche Geschichten kursieren würden. Davon hatte es über ihn schon genug gegeben. „Ich sollte Evelyn nach Hause bringen, ehe sie sich eine Lungenentzündung holt“, sagte er daher hastig und verabschiedete sich. „War schön, Sie zu treffen.“

Er ging ein paar Schritte und fragte Eve dann: „Okay?“

Widerstrebend nickte sie. „Sicher. Der Abend ist eh im Eimer.“

Die Enttäuschung war ihr deutlich anzumerken, und Rafael bekam Mitleid mit ihr. Er blickte sich um und entdeckte einen Kellner mit einem Tablett voller Sektgläser. Er winkte ihn heran, schnappte sich ein Glas und reichte es Eve. „Das haben Sie sich verdient.“

Sie zögerte, ehe sie das Glas nahm. „Ich dachte, wir gehen.“

„Gleich. Ich bekomme eine Nachricht auf mein Handy, sobald mein Wagen da ist. In der Zwischenzeit weiß ich ein Plätzchen, wo wir gut warten können. Kommen Sie.“

2. KAPITEL

Rafael Wentworth – ausgerechnet! Er gehörte einer der ältesten und reichsten Familien in dieser Stadt an. Eve war zwar keine Expertin, was Royal anging – das war ihre Schwester Arielle gewesen –, aber das wusste sie immerhin. Cammie Wentworth hatte großzügigerweise Eves Neffen aufgenommen, während sie selbst im Krankenhaus gelegen hatte. Rafaels Name besaß Schlagkraft, und das wusste er auch. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich vorzustellen, weil er angenommen hatte, sie wüsste auch so, wer er war.

Er hatte sie gebeten, ihm zu folgen, und sie hatte gehorcht, ohne Fragen zu stellen. Und schon einen Moment später saß sie unter einem Magnolienbaum im Garten des Clubs und nippte an ihrem Champagner. Jetzt zog Rafael sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern. „Es hat mir gefallen, wie Sie mit P&J verfahren sind.“

„Sie meinen das Paar? Werden die so genannt? Die kamen mir ganz harmlos vor.“

„Ach, Sie kleines naives Ding.“

„Ich bin alles andere als das.“

„Okay“, meinte er. „Aber es ist nicht zu leugnen, dass wir ein gutes Team abgeben. Vielleicht liegt es an unserer Süd-Florida-Verbindung.“

„Wir haben eine Süd-Florida-Verbindung?“

„Das behaupten doch alle.“

Zugegeben, sie wusste sehr wenig über diesen Mann, abgesehen von der Tatsache, dass er in der delikaten Angelegenheit, die sie überhaupt erst nach Royal verschlagen hatte, eine Rolle gespielt hatte. Zwar waren die Gerüchte um seine Person schnell verstummt, aber Eve hätte wissen sollen, dass sie ihm irgendwann begegnen würde. Schließlich war er Cammie Wentworth’ Bruder. Und Cammie war eine der Ersten gewesen, die Eve hier im Ort getroffen hatte, und ihrer beider Leben waren bis heute noch immer eng miteinander verbunden.

„Machen Sie sich nicht zu viel daraus“, sagte Eve. „In Miami wird Leuten, die sich nicht einmal kennen, schnell mal eine Affäre angedichtet.“

Er lachte. „Wohl wahr.“

Eve holte ihr Handy heraus, tippte auf die Navi-App und reichte es ihm. „Bringen Sie mich zu dieser Adresse, und wir sind quitt.“

Kurz sah er auf das Display. „Ach, in der Gegend war ich vorhin gerade.“

Was trieb ein Wentworth ausgerechnet in der Gegend? „Echt? Was haben Sie da gemacht?“

Sein Lächeln wirkte auf einmal durchtrieben. „Wenn Sie brav sind, dann erzähle ich es Ihnen eines Tages.“

Sie lächelte ebenfalls, zum ersten Mal seit … wann? Sechs Monaten? „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Klar doch.“

„Warum sind Sie heute Abend hergekommen, wenn Sie ganz offensichtlich nicht hier sein wollen?“

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Das ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, hier in der Stadt Geschäfte zu machen.“

„Ist das tatsächlich solch eine Last?“

„Ich finde, ja. Am Ende eines langen Tages ist das Letzte, worauf ich Lust habe, herumzustehen und Smalltalk zu machen.“

Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und die Hände unter dem Kinn verschränkt. Sofort musste Eve an eine dieser Statuen aus der Renaissance denken, perfekte Symmetrie, perfekt gemeißelt. „Und worauf haben Sie stattdessen Lust?“

„Ein Steak, eine Flasche Rotwein, eine Zigarre … mein Bett.“

Das klang alles verlockend – abgesehen von der Zigarre.

„Ich bin neugierig“, sagte er. „Weshalb sind Sie hergekommen?“

„Um Spaß zu haben.“

Was sollte sie sonst sagen? Nachdem sie Ewigkeiten im Krankenhaus verbracht hatte, wollte sie gern mal wieder schicke Klamotten tragen und sich wie ihr früheres lebenslustiges Ich fühlen. Aber damit würde sie zu viel von sich preisgeben. Die meisten Leute brauchten keinen besonderen Grund, um abends bei schönem Wetter auszugehen.

„Spaß?“, fragte er ungläubig. „Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis.“ Er senkte die Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern. „Niemand hat in einem Country-Club Spaß. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.“

„Quatsch! Es ist so schön hier.“

Musik und angeregte Gespräche drangen zu ihnen herüber. Die Party ging weiter. Hier würde sich niemand von einem eingestürzten Champagnerturm den Abend verderben lassen.

Rafael stand auf und löste den Knoten seiner Krawatte. „Damit ködern Sie einen. Aber lassen Sie sich nichts vormachen. Hier im Club geht es um Smalltalk und sozialen Aufstieg. Nichts weiter.“

„Sie sind verrückt.“

„Darling, das ist texanisches Gesetz“, meinte er und tippte sich an einen imaginären Stetson.

Eve musste lachen, und allein das grenzte schon an ein Wunder. Heute Morgen noch hatte sie vor Kummer geweint. Die vergangenen Monate waren so belastend gewesen. Sie hatte ihren Sinn für Humor verloren, zusammen mit ihrer Fähigkeit, über sich und andere zu lachen.

„Sie denken, dass ich Witze mache? Sehen Sie sich die TCC-Statuten an. Da steht ausdrücklich, dass kein Mitglied auch nur ansatzweise Spaß haben darf. Man wird vor die Tür gesetzt, falls es einem doch passieren sollte.“

„Ich bin kein Mitglied, das heißt, ich bin wohl aus dem Schneider.“

„Sind Sie nicht?“, hakte er nach und begann, seine Hemdsärmel aufzurollen. Im Mondlicht, das sein pechschwarzes Haar silbern schimmern ließ, war er vermutlich der attraktivste Mann, den Eve je gesehen hatte. „Wie sind Sie denn dann reingekommen, Evelyn?“

„Eve, nicht Evelyn“, korrigierte sie ihn. „Mein Taxi hat vor der Tür gehalten. Der Verkehr stockte, und ein Portier hat mich reinbugsiert.“

„Er hat Sie reinbugsiert?“ Er lachte, ein volles Lachen, das man jahrzehntelang in Eichenfässern lagerte, um es dann mit besten Freunden zu teilen. Eve fühlte sich fast ein wenig berauscht. „Das ist köstlich.“

„Ach, hören Sie auf!“ Eve unterstrich ihre Aussage, indem sie mit dem Fuß aufstampfte, was angesichts ihrer durchweichten Schuhe eher armselig klang. Sie zog sie aus und vergrub die Zehen im Gras. Wenigstens das war angenehm.

„Eve Martin, Sie sind ja eine ganz Wilde.“

Nein, war sie nicht. Und genau das war das Problem. Sie war der Inbegriff von Langeweile, Stabilität und Vorhersehbarkeit. Ihre kleine Schwester Arielle war die Lustige und Spontane. Bei dem Gedanken an Arielle verspürte Eve einen Kloß im Hals. Sie trank einen Schluck, um ihn hinunterzuspülen.

„Also, ich glaube, ich mag Sie.“

Wie nett. „Ich mag Sie auch.“ Aber es war typisch für Eve, dass sie das Interesse, das in ihr aufkeimte, sofort unterdrückte.

„Wissen Sie was? Ich habe gerade eine ausgesprochen gute Idee.“

Die Alarmglocken in ihrem Kopf schrillten so laut, dass sie sich kaum denken hören konnte. „Was für eine Idee?“

Er blickte in die Ferne und deutete nach Westen. „Ich würde Sie gern dorthin bringen.“

Sie reckte den Hals und entdeckte ein großes Haus auf einem Hügel. Sämtliche Fenster waren erleuchtet, und es sah ziemlich einladend aus, wie ein Ort, an dem man ein anständiges Dinner bekommen könnte. War das der Plan? Ein spätes Abendessen?

„Ich gehe nirgends mit Ihnen hin“, erklärte Eve. „Ich sehe schrecklich aus.“

Sie sehnte sich nach einem gemütlichen Bett. Aber weder nach dem durchgelegenen Bett in der Airbnb-Absteige noch nach dem harten, das sie in Miami zurückgelassen hatte. Und schon gar nicht nach dem Krankenhausbett, in dem sie nach ihrer Ankunft in Royal wochenlang hatte liegen müssen. Das war ihr eigentliches Problem. Sie war hundemüde und hatte kein gemütliches Bett.

„Sie sehen nicht schrecklich aus, und selbst wenn, wäre das kein Problem“, erklärte er. „Es ist ein Gästehaus.“

Eves Fantasie ging mit ihr durch. Was dachte er sich eigentlich dabei? „Wenn Sie glauben, dass dieser Abend damit endet, dass wir zusammen in einem Hotelbett liegen, dann sind Sie echt verrückt.“

„Es ist kein Hotel, sondern ein Gästehaus. Vertrauen Sie mir, ich kenne den Unterschied.“

Aber es gab Zimmer mit Betten. „Wollen Sie mir etwa weismachen, dass Leute in Gästehäusern keinen Sex haben?“

„Doch, aber nur im Dunkeln und in der Missionarsstellung.“

„Was?“ Nun brachen alle Dämme, und sie musste lauthals lachen. Das fühlte sich herrlich an. „Aus was für einem Regelwerk haben Sie das denn?“

„Vertrauen Sie mir, Eve?“

„Nein.“

Eve traute ihm nicht, trotzdem sehnte sie sich danach, die Linie seines Kinns mit den Fingerspitzen nachzuziehen.

„Könnten Sie es versuchen? Nur für einen Abend?“

„Nein.“ Sie war doch nicht blöd.

„Das ist okay. Aber wissen Sie, was uns im Belleview Inn erwarten würde? Eine heiße Dusche, Zimmerservice, Wäscheservice, Fernseher, W-Lan und ein Balkon mit Blick in den Rosengarten. Wir können etwas essen und uns gepflegt unterhalten. Reizt Sie das gar nicht?“

Natürlich reizte sie das. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt hatte man Eve in die Reha geschickt, und die war heute besonders anstrengend gewesen. Sie fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Und sie war nass und hungrig. Sie brauchte eine Dusche. Zimmerservice, selbst in einem schlichten Gästehaus, klang dekadent. Obwohl sie wusste, dass es ein Fehler war, Ja zu sagen, wenn ein charmanter Mann einen in ein Hotel, Motel oder Gästehaus einlud, war es genau das, was sie tun würde. Sie gab dem Champagner die Schuld.

Rafael blickte auf sein Handy. „Mein Wagen ist da. Was sagen Sie?“

„Ich würde sagen, fahren wir.“

„Furchtlos“, meinte er. „Das gefällt mir.“

3. KAPITEL

Als Rafael vor dem Gästehaus hielt, bemerkte er Eves Nervosität und fragte sich, ob sie es sich anders überlegt hatte. Er war Hotelier und nutzte jede Gelegenheit, die Konkurrenz abzuchecken. Ein Zimmer in einem nahe gelegenen Gästehaus war ihm praktisch erschienen. Doch wenn Eve sich nicht wohlfühlte, würde er sie auch nach Hause fahren.

„Hey“, meinte er. „Wir können immer noch umkehren.“

Sie erstarrte, die Hand am Türgriff. „Aber … wir sind doch gerade erst angekommen.“

„Sie wirken nervös.“

„Ich muss aus diesem Kleid raus, das ist alles.“

„Nervös sind Sie aber auch.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das sieht nur so aus.“

Das stimmte nicht. Er hatte sie schon verängstigt, geschockt und amüsiert erlebt. Doch noch kein einziges Mal in der zugegebenermaßen kurzen Zeit, die er sie kannte, hatte er sie so hibbelig erlebt, und das gefiel ihm nicht. „Sie können mir wirklich vertrauen, Eve. Ich wurde schon einmal beschuldigt, eine Martin-Schwester geschwängert zu haben, und werde mein Glück definitiv nicht herausfordern.“

Ihre Hand glitt vom Türgriff, und auf einmal sah sie sowohl verängstigt, geschockt und absolut nicht amüsiert aus.

„Oh, Scheiße, Entschuldigung. Das habe ich nicht so gemeint“, platzte es aus ihm heraus.

Aber auch wenn er gedacht hatte, er hätte diese Geschichte um das mysteriöse Baby inzwischen verarbeitet, wurmte es ihn anscheinend noch immer.

Rafael war nach einem Streit mit seinem Vater im Alter von siebzehn Jahren aus Royal verschwunden und erst kürzlich auf Wunsch der Familie zurückgekehrt. Sein Vater, Tobias Wentworth, hatte sich mit ihm versöhnen wollen. Und obwohl Rafael nichts weiter wollte, als die Vergangenheit hinter sich zu lassen, hatte er schließlich nachgegeben. Und natürlich hatte Royal ihn mit einem Skandal willkommen geheißen.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten seine Halbschwester Cammie und Drake, ihr Verlobter, die Pflegschaft für ein Findelkind übernommen. Das war alles gut und schön und hatte absolut nichts mit ihm zu tun. Während Drake und Cammie sich um das Baby gekümmert hatten, wurde alles versucht, die Eltern des Kleinen zu finden. Normalerweise hätte er das ja auch begrüßt, nur leider stand er ganz oben auf der Liste der möglichen Väter.

Das Kind war der Sohn von Arielle Martin, einer aufstrebenden Fotojournalistin aus Florida, die ihn einige Male kontaktiert hatte, als sie für einen Artikel recherchierte. Gemäß der typischen Kleinstadtlogik genügte das schon, um ihn zum Vater ihres Babys zu machen. Rafael hatte keine Zeit vergeudet und mit einem Vaterschaftstest bewiesen, dass dem nicht der Fall war. Das Ganze war also erledigt, nur dass er jetzt dabei war, sich ein Zimmer mit Arielles Schwester zu nehmen, der Frau, die das Baby nach Arielles Tod mit nach Royal gebracht hatte, um nach dem Vater zu suchen.

Das alles könnte sich als wirklich dumme Idee herausstellen.

Eve öffnete den Gurt. „Wir gehen rein. Ich will das, was Sie mir versprochen haben. Ist das klar?“

Das klang wie ein Befehl, und normalerweise hatte Rafael damit ein Problem. Doch jetzt zögerte er nicht. „Ja, Ma’am.“

An der Rezeption wurde Rafael erkannt, und man bot ihnen ein Upgrade zu einer Suite an.

„Eine Suite mit zwei Schlafräumen“, beharrte Eve.

Schnell versicherte ihr der Manager: „Zwei getrennte Schlafzimmer, Ma’am. Bitte warten Sie kurz. Ich bin gleich zurück.“

Autor

Nadine Gonzalez
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