Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 4


„Das war unfair, du hattest einen Vorsprung“, beschwerte sich Ellie. Sie strich sich das vom Wind zerzauste Haar aus dem Gesicht und fasste es zu einem lockeren Knoten zusammen. Ihr Herz schlug heftig von der ungewohnten Anstrengung. Sie war ewig nicht mehr so schnell gerannt. Aber es war herrlich, nichts als die Beine zu spüren und den Wind um die Ohren.

„Bist du etwa eine schlechte Verliererin?“ Max’ Wangen waren nicht gerötet, sein Atem ging leicht – ganz im Gegensatz zu ihrem.

„Zugegeben, ich hätte dich so oder so nicht geschlagen. Den nächsten Wettkampf bestimme ich. Wie wär’s mit um die Wette lesen?“

Gerade als sie den Bürgersteig erreichten, rief jemand Ellies Namen. Sie wandte sich um. Eine Gruppe von Surfern in Neoprenanzügen kam über den Strand auf sie zu. Es waren junge Leute aus Trengarth, teils hier geboren, teils zugezogen wie sie. Sie arbeiteten im Boat House, in einem der Hotels oder im Homeoffice. Einer der Surfer war ein talentierter Koch, einer Web-Designer, einer Architekt. Ellie vergaß allzu häufig, wie viele Altersgenossen doch im Dorf lebten.

„Kommst du heute Abend zum Quiz?“, fragte der Architekt Sam, sobald sie aufgeschlossen hatten. „Ohne dich hätten wir vergangene Woche nicht gewonnen.“

Ellie ging selten aus, doch kürzlich hatte sie den Pub aufgesucht, in dem gerade das allwöchentliche Quiz stattfand. Sie war einem Rateteam zugeteilt worden und hatte sich gut geschlagen.

„Wenn du mehr lesen würdest, hättest du auch eine Chance. Ich könnte dir einige Bücher empfehlen.“

„Ich komme darauf zurück.“ Sam blieb dicht vor ihr stehen und lächelte sie aus blauen Augen gewinnend an.

Vergebens wartete Ellie auf eine Reaktion ihres Körpers. Sam sah fantastisch aus, der Neoprenanzug betonte seine athletische, hochgewachsene Gestalt. Aber nichts geschah, Ellie spürte kein Knistern, kein Verlangen.

Sie tat einen Schritt zurück. „Bei Sportfragen war ich allerdings keine große Hilfe, und dass ich mich in Geografie so schlecht auskenne, hat mich selbst überrascht. Künftig werde ich mich intensiver mit meinen Reiseführern beschäftigen.“

„Dann kommst du also?“

Ellie betrachtete die Surfer. Sie kannte jeden von ihnen, war aber mit keinem näher befreundet.

„Ja, vielleicht. Ich wollte Max ohnehin das Herrings zeigen … Übrigens, das ist Max Loveday, der Großneffe von Miss Loveday. Er kümmert sich um das Runde Haus und hilft mir, das Festival auf die Beine zu stellen.“

Sam ließ Ellie während der Vorstellung nicht aus den Augen, und sie war froh, als sie der Gruppe endlich entkamen, mit dem vagen Versprechen, später eventuell ins Pub zu kommen.

Schweigend schlenderte sie neben Max die Uferpromenade entlang. Nach geraumer Zeit fragte er: „Ist er dein Freund?“

Ellie brauchte nicht zu fragen, wen er meinte. Sie errötete. „Nein, ich habe derzeit keinen Freund. Wie sieht’s bei dir aus?“ Angriff war schließlich die beste Verteidigung.

„Ich bin auch solo. Meine letzte Beziehung ist vor einigen Monaten zu Ende gegangen. Ich hatte zu viel zu tun, unsere Zeitplanung hat nicht zusammengepasst.“

„Zeitplanung?“ Ellie meinte, sich verhört zu haben.

„Stella wollte sich dieses Jahr verloben, aber ich heirate nicht vor meinem dreißigsten Geburtstag. Ideal wäre vierunddreißig. Und Kinder will ich erst zwei Jahre später.“

„Aber …“ Ellie starrte ihn mit ungläubiger Faszination an. Das war ein Witz, oder? „Hast du sie denn nicht geliebt?“

„Wir hatten viel gemein. Sie kommt aus meiner Welt, das ist wichtig für eine harmonische Beziehung. Liebe ist keine solide Grundlage für Ehe und Familie. Sie ist vergänglich.“

„Ich dachte immer, Liebe wäre das Wichtigste.“

Ellie suchte weiterhin nach der großen Liebe, obwohl drei grässliche Jahre mit Simon und seinen verdrehten Vorstellungen davon sie eines Besseren hätten belehren sollen – und obwohl ihre Mutter sich nach dem Tod ihrer großen Liebe an sie geklammert hatte, völlig unfähig, alleine zu leben.

Derzeit fand sie Liebe allerdings nur in Büchern und Filmen, aber eines Tages würde sie den Richtigen treffen – ganz ohne Zeitplan.

„Meine Eltern haben sich wahnsinnig geliebt“, erklärte Max. „Wobei die Betonung auf wahnsinnig liegt, und das auch nur, wenn mein Vater nicht gerade anderweitig verliebt war. Es war ein ständiger Wechsel zwischen angespanntem Schweigen und Lügen während seiner Affären und anschließender heißer Versöhnung. Einmal hat er Mom einen roten Porsche geschenkt, gefüllt mit eintausend roten Rosen und herzförmigen Luftballons.“

„Das klingt …“ Ellie suchte nach dem richtigen Wort.

„Vulgär? Das war es auch. Auf solche lächerlichen Dramen habe ich keine Lust. Ich erwarte in einer Ehe gegenseitigen Respekt und gemeinsame Ziele.“

„Meine Eltern haben sich auch sehr geliebt“. Ein Kloß formte sich in Ellies Kehle. „Ganz ohne Dramen. Sie waren einfach nur glücklich.“

Max sah in die Ferne. „Als Kind war ich entweder Friedensstifter und Vermittler, oder meine Eltern haben mich im Überschwang ihrer Gefühle vergessen. Zum Glück hat mein Großvater mir Halt gegeben.“

„Dann hat er deiner Großtante geähnelt. Sie war die Gelassenheit in Person.“

„Hm“, machte Max geistesabwesend. „Wärst du mir böse, wenn wir das Bier auf ein andermal verschieben? Ich bin wahnsinnig müde. Morgen will ich die Unterlagen meiner Tante durchgehen. Würdest du mir dabei helfen?“

„Ja, klar.“

Insgeheim war Ellie froh über den Aufschub. Im Three Herrings mit seinen romantischen Nischen käme sie womöglich noch auf dumme Gedanken. Außerdem blieb ihr das Quiz erspart, und sie konnte es sich, wie geplant, mit einem Buch auf der Couch bequem machen.

Ja, sie war froh – und kein bisschen enttäuscht …

 

Ellie liebte das Runde Haus, nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Form mit Kuppeldach und riesigen Bogenfenstern und dem herrlichen Blick aufs Meer. Auch nicht nur wegen der vielen kleinen Schätze, die man in sämtlichen Räumen fand: Bücher, Kleider, Schmuck, Briefmarkensammlungen – und nicht zu vergessen die hausgemachten Köstlichkeiten in der Küche.

Es war vor allem viele Sommer lang ihr Feriendomizil gewesen. Oft war sie in ein Badetuch gewickelt vom Strand zurückgekommen, Sand über den Boden der Halle verteilend, und hatte in der Küche frisch gebackene Scones und ein Glas cremiger Milch vertilgt. Als Teenager hatte sie stundenlang am Fenster ihres Zimmers im ersten Stock gesessen, auf die See gestarrt und sich gefragt, wohin sie eigentlich gehörte. Es war der Zufluchtsort gewesen, an dem sie ihre Wunden lecken durfte. Demelza Loveday hatte ihr Zeit, Raum und Liebe gegeben, und dafür war Ellie ihr unendlich dankbar. Sie würde alles tun, um den Traum ihrer Patin, das Literaturfestival, zu verwirklichen.

Als Max ihr am nächsten Morgen die Tür öffnete, traf sie die Realität wie ein Schlag: Das Runde Haus gehörte jetzt ihm. Er würde es nur selten besuchen oder es an Fremde verkaufen.

Bislang hatte sich allerdings noch nichts verändert. Die Halle wirkte elegant wie immer, nur Demelzas Regenmantel und Schal hingen nicht mehr an der Garderobe.

„Was ist?“

„Entschuldigung. Es ist nur …“ Ellie zögerte, wusste nicht recht, wie sie ihre Eindrücke in Worte fassen sollte. „Es riecht so anders.“

Max schnupperte. „Ich habe gründlich gelüftet, weil es bei meiner Ankunft ein wenig muffig roch.“

„Nein, irgendetwas fehlt. Das Parfüm! Deine Großtante hat immer einen schweren blumigen Duft getragen. Der ist verflogen.“

„Das Haus wurde gründlich gereinigt, nachdem ihre Kleider weggegeben worden waren.“ Demelza hatte verfügt, dass sie verschenkt oder verkauft wurden, und die Anwälte hatten alles veranlasst. „Ihre Papiere sind noch hier, auch ihre Bücher, Bilder und Dekoartikel. Ich habe keine Ahnung, was ich damit anfangen soll.“

Max schien nicht zu wissen, wie glücklich er sich schätzen konnte, doch das verübelte Ellie ihm nicht. Er hatte schließlich keinerlei Verbindung zu Demelza gehabt. Was für Ellie liebgewordene Erinnerungen waren, war für ihn Krimskrams.

„Wo fangen wir an?“, fragte Ellie.

„In der Bibliothek. Ich habe den Schlüssel zu ihrem Schreibtisch. Die Papiere darin gehören jetzt mir. Es sind vermutlich hauptsächlich Familienangelegenheiten.“

„Vielleicht finden wir ja etwas über den Kapitän heraus?“

Max lächelte. „Das wäre cool.“

Für Ellie, die in diesem Punkt als befangen gelten mochte, stellte die Bibliothek das Herz das Hauses dar. Demelza hatte den ehemaligen Frühstücksraum mit Bücherregalen, gemütlichen Nischen und bequemen Fenstersitzen in ein Leseparadies verwandelt. Im Sommer konnte man beim Schmökern dem Ozean lauschen und am Fenster den Sonnenschein genießen, im Winter spendete ein offener Kamin behagliche Wärme. Die verglasten Bücherschränke reichten bis unter die Decke, dicke Teppiche in lebhaftem Türkis und Smaragdgrün lagen auf dem Holzboden, die Farben wurden in den Vorhängen und der Art Deco Tapete wieder aufgegriffen.

Ob ein Käufer den Raum unverändert lassen würde? Wahrscheinlich nicht, dachte Ellie traurig.

Max betrachtete gerade eine Sammlung sehr alter, in blauem Leder gebundener Folianten. „Wahnsinn!“, murmelte er.

„Die durfte ich selbst als Erwachsene nur unter Aufsicht anfassen“, erklärte Ellie. „Sie haben Demelza viel bedeutet.“

„Abgesehen davon sind diese Bücher ein Vermögen wert. Es sind alles Erstausgaben.“ Er öffnete die Glastür und zog behutsam ein Exemplar hervor. „Das war noch Qualitätsarbeit … und diese Illustrationen! Ich wünschte, wir könnten so etwas noch herstellen.“

„Wir?“

„DL Media. Mein Urgroßvater hat diese Kerenzabücher gedruckt. Sie sind nach seiner Ehefrau benannt. Sie hieß Kerenza, das bedeutet Liebe.“

„Was für ein schöner Name.“ Ellie wunderte sich nicht länger über Demelzas eindrucksvolle Büchersammlung, fragte sich aber, weshalb sie ihre Verbindung zu DL Media nie erwähnt hatte. Schließlich hatten sie oft über Bücher, Ellies Buchhandlung und das Festival gesprochen. Anscheinend hatte ihre Patin Geheimnisse vor ihr gehabt.

„Aus deinen E-Mails weiß ich, dass du für DL Media arbeitest. Dass du DL bist, war mir nicht bekannt.“ Ellie lachte. Es klang selbst in ihren Ohren falsch. Sie begriff gerade erst, dass Max der Erbe eines der wichtigsten Verlage in privater Hand war. Nun wunderte sie sich nicht länger über sein selbstsicheres Auftreten und die Aura von Reichtum, die ihn umgab.

„Sie hat es nicht erwähnt?“

Ellie schüttelte den Kopf. „Nie. Über ihre Zeit in Amerika hat sie nie gesprochen, nur von den Jahren in England. Sie hat hier studiert und sich an der Universität mit meiner Großmutter angefreundet. Ansonsten hat sie lediglich erwähnt, es zu bedauern, nicht geheiratet zu haben. Früher konnte eine Frau entweder einen Beruf oder einen Ehemann haben, nicht beides. Ihre Familie hat sie nie erwähnt.“

„Bis zum Tod meines Urgroßvaters war sie bei DL beschäftigt. Dann gab es Streit wegen des Testaments und der Art, wie die Firma weitergeführt wurde.“ Gedankenverloren starrte Max auf das Buch in seinen Händen. „Nichts entzweit eine Familie leichter als Geld.“

„Familien zerbrechen aus vielerlei Gründen. Manchmal knüpfen wir auch neue Bande. Blut ist nicht immer dicker als Wasser.“

„Stehst du deiner Familie nicht nahe?“

„Ich habe meinen Vater und meinen Bruder Phil bei einem Autounfall verloren. Meine Mutter ist inzwischen wieder verheiratet.“

„Das tut mir leid.“

Unwillkürlich tat Ellie einen Schritt zurück. „Es ist schon lange her.“

„Magst du deinen Stiefvater?“

„Er macht Mom glücklich. Sie kann nicht allein leben. Ich bin froh, dass er sich um sie kümmert.“

 

 


„Am besten lasse ich alles nach Amerika verschiffen, aber das eilt nicht.“ Max betrachtete die Dokumente, Büroklammern und Ordner, die kreuz und quer über den Fußboden der Bibliothek verteilt lagen.

Seine Großtante war eine leidenschaftliche Familienhistorikerin gewesen. Es existierte genügend Material für eine mehrbändige Biografie der Lovedays. Nur der Beweis, dass sie noch Firmenanteile besessen hatte, war Max bislang noch nicht in die Hände gefallen.

Ellie saß mit untergeschlagenen Beinen dicht neben ihm auf dem Boden und blätterte in einem relativ neu aussehenden Ordner. Sie zog einen großen Umschlag heraus. „Der ist an dich adressiert.“ Sie reichte ihn Max.

„Danke.“ Das könnte es sein! dachte er und sein Pulsschlag beschleunigte sich. Als er danach griff, streifte er Ellies Hand. Plötzlich überkam ihn das Bedürfnis, sie zu umarmen. Beim Arbeiten hatte sich ihre Frisur aufgelöst, und das Haar fiel ihr offen um die Schultern. Max konnte kaum den Blick davon lösen. Im Sonnenlicht wechselte es ständig die Farbe, wirkte im einen Moment schokoladenbraun, im nächsten bronzefarben.

„Was ist es? Eine Schatzkarte von einem Loveday-Piraten?“

„Drück mir die Daumen.“ Wenn der Umschlag enthielt, was Max hoffte, war er wesentlich wertvoller. Ungeduldig riss er ihn auf und zog ein einzelnes Blatt heraus. „Ich sehe kein Kreuz, das einen Schatz markiert.“

„Schade.“ Ellie erhob sich geschmeidig. „Soll ich schon mal aufräumen? Ich kann mir nicht vorstellen, wie du das ganze Haus innerhalb von zwei Wochen durchstöbern willst.“

Max hörte kaum, was sie sagte. Seine Aufmerksamkeit war ganz auf das Blatt in seiner Hand gerichtet. „Lies das. Was steht da?“

Verblüfft griff Ellie danach. „Hier steht, dass Demelza auch nach ihrem Ausscheiden aus DL Media stille Teilhaberin bleibt, und dass sie einen Anteil von fünfundzwanzig Prozent an der Firma besitzt. Das ist doch schön.“

Vor Aufregung schlug sein Herz so laut, dass Max Mühe hatte, sie zu verstehen. Rasch überschlug er im Kopf die Zahlen. „Das ist mehr als schön!“ Er sprang auf die Füße und griff nach dem wertvollen Dokument. „Es bedeutet, dass mein Großvater nur fünfundsiebzig Prozent der Firmenanteile besaß. Demzufolge verfügt mein Vater über keine Zweidrittelmehrheit. Wir sind gleichberechtigte Partner!“

Ellie lächelte herzlich. Ihre riesigen Augen, die geröteten Wangen bezauberten Max. Wie konnte es sein, dass ein bloßes Lächeln sie so von innen heraus erstrahlen ließ, dass sie sich von einem hübschen Mädchen in eine umwerfende Schönheit verwandelte?

Und wieso lächelte sie nicht häufiger?

Max atmete tief durch und ballte die Hände zu Fäusten, sonst hätte er sie womöglich berührt – und ihm war instinktiv klar, dass sie ihn zurückweisen würde. Sollte er sie jemals anfassen, dann nur auf ihre Einladung hin.

Allerdings war Ellie offensichtlich keine Frau, die herumtändelte. Sie sehnte sich danach, umworben, geliebt und beschützt zu werden. Das aber konnte und wollte er nicht.

„Gibt es Probleme mit deinem Vater?“

Max trat ans Fenster und sah hinaus. Das Runde Haus stand auf dem Gipfel des Kliffs. Es schien, als würden nur wenige Meter es vom Ozean trennen. „Mein Großvater war ein Visionär“, erklärte Max. „Er hat moderne Techniken genutzt und es geschafft, uns sicher durch die Dotcom- und die Finanzkrise zu führen. Dad stand immer in seinem Schatten. Seit Großvaters Tod versucht er, der Firma seinen Stempel aufzudrücken. Er kauft alles, was neu ist, ohne Rücksicht darauf, ob es zu DL passt.“

Ellie trat neben ihn. „Viele Verlage haben inzwischen Service-Angebote auf ihren Internetseiten …“

„Das ist auch okay, solange sie eine sinnvolle Ergänzung zu den übrigen Produkten darstellen.“ Entnervt raufte er sich das Haar. „Dad investiert leider in allen möglichen Unsinn. Er hat einige unserer besten Journalisten entlassen und lässt Blogger und die Öffentlichkeit den Inhalt unserer wichtigsten Publikationen gestalten. Bis zu einem gewissen Grad ist das möglich, aber doch nicht auf Kosten der Hauptnachrichten. Ich habe versucht, ihn zu bremsen, vergeblich. Das hier …“ Er hielt das Papier in die Höhe. „… bedeutet, dass wir uns einigen oder jede einzelne Entscheidung vom Vorstand absegnen lassen müssen. Ideal ist das zwar nicht, aber weitaus besser als die gegenwärtige Situation.“

„Gab es damals ähnliche Probleme zwischen deinem Großvater und deiner Großtante?“

Max zuckte zusammen. Das war durchaus möglich. Würde es nun zu einem weiteren Bruch in seiner Familie kommen? „Es geht nicht nur um die Arbeit“, versuchte er sich vor Ellie, aber auch vor sich selbst zu rechtfertigen. „Sein Privatleben ist genauso chaotisch. Er hat meine Mutter wegen einer Jüngeren verlassen und verlangt die Scheidung.“ Die Schwangerschaft erwähnte Max nicht – dazu war er noch nicht bereit. „Mom ist am Boden zerstört, Dad stellt sich stur, und DL Media ist nahe daran zu zerbrechen. Vor mir liegt viel Arbeit.“

„Die Ehe deiner Eltern ist ihr Problem. Sie sind erwachsen. Du solltest dich nicht einmischen.“

Max lachte bitter. „Vielleicht hast du recht. Allerdings dürstet Mom nach Blut. Sie verlangt die halbe Firma als Abfindung. Kannst du dir vorstellen, wie hoch allein die Anwaltskosten für die Scheidung ausfallen?“

„Was passiert, wenn du dich ganz raushältst? Sie müssen sich alleine zurechtraufen, oder?“

„Mir geht es in erster Linie um die Firma. Ich habe mit fünfzehn im Vertrieb angefangen, mit sechzehn war ich im Archiv, mit achtzehn habe ich Pressemitteilungen geschrieben und in den Semesterferien dort Praktika gemacht. Nach meinem Abschluss bin ich direkt bei DL eingestiegen. DL ist meine Heimat, ich lasse sie nicht zerstören.“

„Ich habe auch von einem Job im Verlagswesen geträumt“, meinte Ellie sehnsüchtig. „Leider habe ich nie studiert.“

„Wieso nicht?“ Dankbar griff Max das neue Thema auf.

„Meine Mutter hat lange gebraucht, um den Tod meines Vaters zu verwinden. Ich konnte sie nicht allein lassen. Und als sie wieder geheiratet hat, war ich …“ Sie schluckte und ein Schatten schien über ihr Gesicht zu fallen. „Damals war ich verlobt.“

„Verlobt?“ Max sah sie überrascht an. Ihre Wangen waren plötzlich bleich, selbst ihre Lippen hatten alle Farbe verloren.

„Ich war jung, dumm und naiv.“

Sie lächelte, doch diesmal leuchtete ihr Gesicht nicht auf, das Lächeln kam nicht von Herzen. Max begriff, dass ihr übel mitgespielt worden war, und dass die Narben noch nicht verheilt waren. Das war ein Grund mehr, die Finger von ihr zu lassen.

„Noch ist es nicht zu spät zum Studieren.“

„Ich mache tatsächlich gerade ein Fernstudium, nach Feierabend. Und ich bin ständig von Büchern umgeben. So schlimm ist es also nicht. Was würdest du denn tun, wenn du nicht bei DL wärst?“

Das konnte Max sich beim besten Willen nicht vorstellen. Er war ein Loveday durch und durch, konnte und wollte sich der Familiengeschichte nicht entziehen. „Ich wollte immer nur meinen Großvater stolz machen und DL voranbringen. Das lasse ich mir von Dad nicht kaputtmachen.“

„Könnt ihr nicht zusammenarbeiten, einen Kompromiss finden?“

„Das habe ich versucht, aber er lässt nicht mit sich reden. Ich soll ihn fleißig unterstützen, als Oberhaupt der Familie anerkennen, seine Entscheidungen abnicken und die Frau akzeptieren, für die er meine Mutter verlassen hat. Derzeit halten wir es keine zwei Minuten im selben Raum aus.“

„Wie gut, dass du auf der anderen Seite des Atlantiks bist!“

„Oh, ja.“ Max versuchte, seinen Ärger abzuschütteln. „Ich werde meinem Anwalt dieses Dokument zufaxen, ehe ich nach London fahre. Dann plane ich mein weiteres Vorgehen. Derweil soll jemand das Haus gründlich durchsehen, ehe ich es verkaufen lasse.“

„Möchtest du es denn nicht behalten?“

„Ich lebe in Connecticut, unser englisches Büro liegt in London.“ Bedauernd sah Max sich um. Die runden Wände bargen seine Familiengeschichte. Plötzlich entdeckte er auf dem Boden eine cremefarbene Karte mit goldenem Rand, die ihm vage bekannt vorkam. Er hob sie auf. „Was ist denn das?“

Errötend griff Ellie danach, aber Max hielt sie fest und versuchte, die Schrift zu entziffern.

Schließlich entwand Ellie sie ihm. „Die gehört mir. Sie muss aus meiner Handtasche gefallen sein. Es ist nur eine Einladung zu einer Preisverleihung. Ich wurde als freie Buchhändlerin des Jahres nominiert. So ein Quatsch, aber doch irgendwie süß.“

„Gehst du hin?“

„Oh, nein. Sie findet in London statt, und diese Woche startet hier die Hochsaison. Ich kann den Laden unmöglich allein lassen. Außerdem kenne ich dort keinen Menschen.“

Max entzog ihr die Karte wieder und betrachtete sie stirnrunzelnd. „DL ist dort auch vertreten“, fiel es ihm wieder ein. Das Büro in London hatte ihn um sein Erscheinen gebeten, um damit den Gerüchten um die Firma entgegenzutreten. „Du könntest mich begleiten, dann wärst du nicht allein.“

Ellie errötete noch tiefer. „Nett von dir, aber …“

„Gar nicht. Ich hasse solche Events. Zusammen sind sie leichter zu ertragen. Besonders, da du nominiert bist.“

„Aber die Buchhandlung …“

„Mrs. Trelawney wirkt sehr kompetent. Ich muss hinfahren. Es wäre schön, wenn du mitkämst.“

Max wusste selbst nicht, wieso ihm so viel daran lag. Ellie war erwachsen, sie konnte tun und lassen, was sie wollte.

Während allerdings förmliche Empfänge und Preisverleihungen für ihn zum Alltag gehörten, war sie auf diesem Gebiet völlig unerfahren. Außerdem hatte seine Großtante sie geschätzt. Er könnte ihr seine Dankbarkeit beweisen, indem er Ellie unter seine Fittiche nahm.

„Vielen Dank für dein Angebot …“

„Ich mache es aus reinem Eigennutz.“

„Eigentlich wollte ich gar nicht hingehen.“

„Es ist auch gut für das Literaturfestival. Ich stelle dich den bekanntesten Verlegern vor. Und wer weiß, vielleicht hast du ja sogar Spaß?“

 

 




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