„Da ist es!“ Die Rolle als Stadtführerin war für Ellie nicht einfach, da sie sich in London nicht besonders gut auskannte. Sie war zwar kaum dreißig Kilometer entfernt aufgewachsen, hatte die Stadt aber nur selten besucht.
Als sie alt genug gewesen war, allein mit ihren Freundinnen loszuziehen, hatte sie ihre frisch verwitwete Mutter nicht allein lassen können. Ellie hatte damals die alleinige Verantwortung fürs Kochen und Putzen übernommen und es vor den Nachbarn und Lehrern verheimlicht, damit ihrer Mutter das Sorgerecht nicht entzogen wurde.
Als Teenager war sie sehr einsam gewesen, es hatte ihr aber nichts ausgemacht. Dann war Bill ins Leben ihrer Mutter getreten …
Während sie am Ufer der Themse entlang schlenderten, kamen ihnen immer wieder Gruppen kichernder, ein wenig zu lauter Teenager entgegen. Insgeheim beneidete Ellie die Jugendlichen um ihre Freiheit. Sie wünschte, sie hätte in dem Alter auch die Chance gehabt herauszufinden, wer sie eigentlich war.
Womöglich hätte sie sich dann nicht an einen grausamen älteren Mann gebunden und es kaum gewagt, den Mund aufzumachen, aus Angst, ein falsches Wort zu sagen oder ihren Mangel an Weltläufigkeit preiszugeben.
Rasch verdrängte sie die trüben Gedanken. An diesem Tag war alles anders. Keine Sorgen, keine Ängste plagten sie, niemand erwartete etwas von ihr. Sie ließ sich einfach nur treiben.
„Was?“, fragte Max.
„Die Touristenattraktion Nummer eins.“
Unbekümmert wie selten, hakte Ellie sich bei ihm unter. Dabei mied sie Berührungen üblicherweise – um sich vor emotionalen und körperlichen Verletzungen zu schützen. Allerdings hatte es sich so herrlich angefühlt, als Max sie für das Selfie an sich gezogen hatte, dass sie es ein weiteres Mal erleben wollte.
Max überließ sich ganz Ellies Führung, und sie empfand es als überaus angenehm, dass er nicht versuchte, die Kontrolle zu übernehmen.
„Spann mich nicht auf die Folter. Wohin gehen wir?“
Ellie schüttelte den Kopf. „Hast du denn keine Augen im Kopf?“
Auf der South Bank herrschte reger Betrieb. Touristen knipsten, strebten auf das Tate Modern Museum, das Globe Theater oder die Royal Festival Hall zu, dazwischen fuhren Kinder auf Skateboards herum. Weiter hinten wartete eine Menschenschlange auf Einlass ins Aquarium.
Erwartungsvolle Spannung lag in der Luft, doch die Atmosphäre war locker und freundlich, weniger fiebrig als in Covent Garden oder Oxford Street, und familiärer als im luxuriösen Knightsbridge.
Es gefiel Ellie gut, sie fühlte sich richtiggehend wohl hier, obwohl der Kontrast zum verschlafenen Trengarth nicht größer sein könnte.
„Machen wir eine Bootstour?“, fragte Max.
„Nein. Vielleicht morgen.“
„Besuchen wir die Pinguine?“
„Das sollten wir tun, denn ich liebe Pinguine. Aber das ist es auch nicht. Ich habe dir bereits einen Tipp gegeben, als ich deine Augen erwähnt habe.“
Ungeduldig trat Ellie von einem Fuß auf den anderen. Wieso sah er es denn nicht? Das Ding war über einhundert Meter hoch! Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. Machte er sich schon wieder über sie lustig?
„Dort drüben ist das Globe. Sehen wir uns ein Stück von Shakespeare an?“
Seine Ideen klangen allesamt verlockend, doch sie schüttelte den Kopf. „Du hast nur noch einen Versuch.“
„Ist es … Worum wetten wir? Ohne Einsatz macht es keinen Spaß.“
Wie wär’s mit einem Kuss? schoss es Ellie spontan durch den Kopf. Unvermittelt beschleunigte sich ihr Pulsschlag, als sie sich vorstellte, wie sie sein Gesicht zu sich heranzog … Ihr letzter Kuss lag Jahre zurück.
„Ellie?“
Errötend wich sie einen Schritt zurück. Hoffentlich hatte er ihre Gedanken nicht gelesen! „Der Verlierer muss dem Sieger ein Souvenir kaufen, das den Tag perfekt zusammenfasst. Und es darf nicht mehr als fünf Pfund kosten. Das macht es zu einer besonderen Herausforderung.“
„Einverstanden.“
„Wie lautet deine letzte Antwort?“
Max grinste breit. „Wie gut, dass ich nicht unter Höhenangst leide, nicht wahr?“
Angestanden hast du noch nicht oft, dachte Ellie, als sie bemerkte, wie Max rastlos von einem Fuß auf den anderen trat. Bei seinem Hintergrund wunderte sie das allerdings nicht. Er hatte Ferien auf den Bahamas und im Wochenendhaus seiner Familie auf Cape Cod erwähnt. Sein Leben bestand aus Privatjets, Limousinen, VIP-Pässen und Prestige.
„Wie lange dauert es noch? Wieso geht es so schleppend voran?“, quengelte er.
„Weil in die Kabinen nur eine begrenzte Anzahl Passagiere passt.“ Ellie lächelte einem aufgeregten kleinen Mädchen zu, das an der Hand seiner Mutter vor ihnen stand. „Hab noch etwas Geduld.“
„Ich hätte besser eine Kabine für uns vorbestellt, dann müssten wir nicht anstehen. Und wir hätten uns Champagner servieren lassen können.“
„Touristen stehen Schlange – und schießen dabei sogar Selfies. Wenn du artig bist, spiele ich auch ‚Ich sehe was, was du nicht siehst‘ mit dir.“
Max stöhnte, und Ellie lachte in sich hinein. Sie genoss das Herumalbern. Mit Simon wäre das unmöglich gewesen. Er hätte es als unter seiner Würde erachtet.
Neugierig betrachtete sie die übrigen Wartenden: Familien, Cliquen junger Leute, die lebhaft miteinander redeten, Touristen – und Liebespaare. Überall. Arm in Arm, eng aneinander geschmiegt, miteinander tuschelnd, sich küssend.
Wie sie sie beneidete! Die Zeit mit Simon war so traumatisch gewesen, dass der Gedanke an einen neuen Partner sie eine Weile geradezu abgestoßen hatte.
Wie fühlte es sich wohl an, in jemanden verliebt zu sein, der diese Liebe erwiderte? Verstohlen sah sie zu Max hinüber. Er lehnte an der Absperrung und blickte zum Riesenrad – dem berühmten London Eye – empor. Wie wäre es, in ihn verliebt zu sein?
Simon hatte sie um viele wunderbare Erfahrungen gebracht: verstohlene erste Küsse, ziellose Spaziergänge, erste Dates, lange Restaurantbesuche, bei denen man nicht bemerkte, dass die Gäste ringsum bereits gegangen waren … Worum hatte sie sich selbst betrogen?
Plötzlich begriff sie, dass sie ihre Wunden lange genug geleckt hatte.
Während sie auf ihre Runde im Riesenrad warteten, war Ellie ziemlich schweigsam. Max, der ihre nachdenkliche Miene bemerkte, beschloss, sie ihren Gedanken zu überlassen. Als sie dann endlich ihre Kabine bestiegen, gemeinsam mit einer Gruppe uniformierter Kinder und zwei gestressten Erwachsenen, lebte sie sichtlich auf.
„In einem früheren Leben muss ich Schlimmes angestellt haben“, raunte er ihr ins Ohr, als der Lärmpegel in der Kabine anschwoll.
„Nur in einem früheren Leben?“
„Die paar Teenager- und Studentenstreiche sind bestimmt kein Grund für diese grausame Form der Bestrafung!“
„Sie haben einfach Spaß.“ Lächelnd beobachtete Ellie die Kinder, die die Kabine aufgeregt erkundeten.
Max dirigierte sie in eine Ecke. „Ich schlage vor, wir halten hier die Stellung.“
Ellie presste die Handflächen gegen die Scheibe und sah nach draußen. „Wir bewegen uns so langsam, dass man es kaum bemerkt.“
„Bist du enttäuscht? Ich hätte nicht gedacht, dass du auf Geschwindigkeit stehst.“
Ellie lächelte nur, und sie schauten schweigend zu, wie das Riesenrad sie gemächlich über die Dächer hinaus hob. Selbst die Kinder wurden leiser und hörten ihren Lehrern zu, die die Stadt erklärten, anschließend füllten sie konzentriert ihre Fragebogen aus.
Die Kabine war geräumig, das gewölbte Glasdach gewährte einen spektakulären Rundblick.
„Zum Glück ist der Boden nicht auch noch aus Glas.“ Ellie schauderte.
„Du wolltest diese Tour machen“, erinnerte Max sie. „Seltsam: London ist eine alte Stadt, dennoch gibt es hier zahllose Wolkenkratzer. Und es wirkt ganz anders als andere europäische Hauptstädte wie Paris oder Rom. Wusstest du, dass das höchste Besucherdeck des Eiffelturms einen Glasboden hat? Könntest du darauf stehen?“
„Ich weiß nicht … Ich war noch nie in Paris oder Rom“, sagte Ellie sehnsuchtsvoll.
Max wollte ihr leichthin anbieten, sie einmal dorthin zu bringen, hielt aber rechtzeitig inne. Was er Ellie Scott versprach, musste er auch halten.
Ein oder zwei vergnügte Tage, der Besuch einer Preisverleihung – das war kein Problem. Damit ging er keine Verpflichtung ein. Aber enttäuschen wollte er sie auf keinen Fall.
Wieso eigentlich nicht? Weil sie ihm bereits mehr bedeutete als geplant …?
Max konnte sich keine weiteren Verantwortungen aufladen. In einer Woche würde er wieder in die USA zurückkehren. Trengarth war dann nichts als eine nette Erinnerung. Und so sollte es auch sein. Er hatte ohnehin genug zu schultern.
Daher neckte er sie nur: „Warte bloß nicht zu lange damit. Du hast ja bereits das biblische Alter von fünfundzwanzig Jahren erreicht.“
Ellie ignorierte die Frechheit. „Du warst bestimmt schon überall, bist Businessclass geflogen und in Spitzenhotels abgestiegen.“
„DL Media ist weltweit vertreten. Ich habe die meisten unserer Niederlassungen besucht.“
„Reist du nur geschäftlich? Nie zum Vergnügen oder wegen der Kultur?“
Achselzuckend sah Max sie an. „Kultur findest du auf jeder Vorstandsetage, und nichts ist so amüsant wie ein Übernachtflug und ein Dinner in einem Fünfsternerestaurant. Was ist?“
Ellie hatte den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, sich dann aber anders besonnen.
„Sag schon“, drängte Max
„Es ist nur …“ Sie zögerte wieder, wich seinem Blick aus und presste die Lippen zusammen.
„Nur …?“
„Es klingt, als wärst du einsam. Wir ähneln uns mehr, als mir klar war. Du bist zwar weit gereist, während ich kaum aus Trengarth herausgekommen bin, aber …“ Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Wir sitzen beide irgendwie fest.“
Max lachte verblüfft auf. Festsitzen? Er kannte fast jede Hauptstadt der Welt. Sein Leben war perfekt – war es zumindest bis vor Kurzem gewesen.
„Im Gegenteil. Du versteckst dich freiwillig in deinem hübschen kleinen Dorf und lebst durch deine Bücher. Mein Leben dagegen besteht aus Verpflichtungen, die du vermutlich nicht begreifen kannst. Ich bin verantwortlich für meine Familie, meine Angestellten und ein Erbe, dessen ich mich würdig erweisen muss.“
Ellie sah ihn ärgerlich an. „Mit Familie und Verantwortung kenne ich mich bestens aus. Aber es geht nicht nur um die Firma, Max. Wenn du heute zum ersten Mal den Geschäftsbezirk verlassen hast, um ins Herz einer Stadt vorzudringen, dann sitzt du ebenso fest wie ich. Du warst zwar in Paris und Rom, aber hast du die Städte auch kennengelernt?“
