Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 6


„Da ist es!“ Die Rolle als Stadtführerin war für Ellie nicht einfach, da sie sich in London nicht besonders gut auskannte. Sie war zwar kaum dreißig Kilometer entfernt aufgewachsen, hatte die Stadt aber nur selten besucht.

Als sie alt genug gewesen war, allein mit ihren Freundinnen loszuziehen, hatte sie ihre frisch verwitwete Mutter nicht allein lassen können. Ellie hatte damals die alleinige Verantwortung fürs Kochen und Putzen übernommen und es vor den Nachbarn und Lehrern verheimlicht, damit ihrer Mutter das Sorgerecht nicht entzogen wurde.

Als Teenager war sie sehr einsam gewesen, es hatte ihr aber nichts ausgemacht. Dann war Bill ins Leben ihrer Mutter getreten …

Während sie am Ufer der Themse entlang schlenderten, kamen ihnen immer wieder Gruppen kichernder, ein wenig zu lauter Teenager entgegen. Insgeheim beneidete Ellie die Jugendlichen um ihre Freiheit. Sie wünschte, sie hätte in dem Alter auch die Chance gehabt herauszufinden, wer sie eigentlich war.

Womöglich hätte sie sich dann nicht an einen grausamen älteren Mann gebunden und es kaum gewagt, den Mund aufzumachen, aus Angst, ein falsches Wort zu sagen oder ihren Mangel an Weltläufigkeit preiszugeben.

Rasch verdrängte sie die trüben Gedanken. An diesem Tag war alles anders. Keine Sorgen, keine Ängste plagten sie, niemand erwartete etwas von ihr. Sie ließ sich einfach nur treiben.

„Was?“, fragte Max.

„Die Touristenattraktion Nummer eins.“

Unbekümmert wie selten, hakte Ellie sich bei ihm unter. Dabei mied sie Berührungen üblicherweise – um sich vor emotionalen und körperlichen Verletzungen zu schützen. Allerdings hatte es sich so herrlich angefühlt, als Max sie für das Selfie an sich gezogen hatte, dass sie es ein weiteres Mal erleben wollte.

Max überließ sich ganz Ellies Führung, und sie empfand es als überaus angenehm, dass er nicht versuchte, die Kontrolle zu übernehmen.

„Spann mich nicht auf die Folter. Wohin gehen wir?“

Ellie schüttelte den Kopf. „Hast du denn keine Augen im Kopf?“

Auf der South Bank herrschte reger Betrieb. Touristen knipsten, strebten auf das Tate Modern Museum, das Globe Theater oder die Royal Festival Hall zu, dazwischen fuhren Kinder auf Skateboards herum. Weiter hinten wartete eine Menschenschlange auf Einlass ins Aquarium.

Erwartungsvolle Spannung lag in der Luft, doch die Atmosphäre war locker und freundlich, weniger fiebrig als in Covent Garden oder Oxford Street, und familiärer als im luxuriösen Knightsbridge.

Es gefiel Ellie gut, sie fühlte sich richtiggehend wohl hier, obwohl der Kontrast zum verschlafenen Trengarth nicht größer sein könnte.

„Machen wir eine Bootstour?“, fragte Max.

„Nein. Vielleicht morgen.“

„Besuchen wir die Pinguine?“

„Das sollten wir tun, denn ich liebe Pinguine. Aber das ist es auch nicht. Ich habe dir bereits einen Tipp gegeben, als ich deine Augen erwähnt habe.“

Ungeduldig trat Ellie von einem Fuß auf den anderen. Wieso sah er es denn nicht? Das Ding war über einhundert Meter hoch! Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. Machte er sich schon wieder über sie lustig?

„Dort drüben ist das Globe. Sehen wir uns ein Stück von Shakespeare an?“

Seine Ideen klangen allesamt verlockend, doch sie schüttelte den Kopf. „Du hast nur noch einen Versuch.“

„Ist es … Worum wetten wir? Ohne Einsatz macht es keinen Spaß.“

Wie wär’s mit einem Kuss? schoss es Ellie spontan durch den Kopf. Unvermittelt beschleunigte sich ihr Pulsschlag, als sie sich vorstellte, wie sie sein Gesicht zu sich heranzog … Ihr letzter Kuss lag Jahre zurück.

„Ellie?“

Errötend wich sie einen Schritt zurück. Hoffentlich hatte er ihre Gedanken nicht gelesen! „Der Verlierer muss dem Sieger ein Souvenir kaufen, das den Tag perfekt zusammenfasst. Und es darf nicht mehr als fünf Pfund kosten. Das macht es zu einer besonderen Herausforderung.“

„Einverstanden.“

„Wie lautet deine letzte Antwort?“

Max grinste breit. „Wie gut, dass ich nicht unter Höhenangst leide, nicht wahr?“

 

Angestanden hast du noch nicht oft, dachte Ellie, als sie bemerkte, wie Max rastlos von einem Fuß auf den anderen trat. Bei seinem Hintergrund wunderte sie das allerdings nicht. Er hatte Ferien auf den Bahamas und im Wochenendhaus seiner Familie auf Cape Cod erwähnt. Sein Leben bestand aus Privatjets, Limousinen, VIP-Pässen und Prestige.

„Wie lange dauert es noch? Wieso geht es so schleppend voran?“, quengelte er.

„Weil in die Kabinen nur eine begrenzte Anzahl Passagiere passt.“ Ellie lächelte einem aufgeregten kleinen Mädchen zu, das an der Hand seiner Mutter vor ihnen stand. „Hab noch etwas Geduld.“

„Ich hätte besser eine Kabine für uns vorbestellt, dann müssten wir nicht anstehen. Und wir hätten uns Champagner servieren lassen können.“

„Touristen stehen Schlange – und schießen dabei sogar Selfies. Wenn du artig bist, spiele ich auch ‚Ich sehe was, was du nicht siehst‘ mit dir.“

Max stöhnte, und Ellie lachte in sich hinein. Sie genoss das Herumalbern. Mit Simon wäre das unmöglich gewesen. Er hätte es als unter seiner Würde erachtet.

Neugierig betrachtete sie die übrigen Wartenden: Familien, Cliquen junger Leute, die lebhaft miteinander redeten, Touristen – und Liebespaare. Überall. Arm in Arm, eng aneinander geschmiegt, miteinander tuschelnd, sich küssend.

Wie sie sie beneidete! Die Zeit mit Simon war so traumatisch gewesen, dass der Gedanke an einen neuen Partner sie eine Weile geradezu abgestoßen hatte.

Wie fühlte es sich wohl an, in jemanden verliebt zu sein, der diese Liebe erwiderte? Verstohlen sah sie zu Max hinüber. Er lehnte an der Absperrung und blickte zum Riesenrad – dem berühmten London Eye – empor. Wie wäre es, in ihn verliebt zu sein?

Simon hatte sie um viele wunderbare Erfahrungen gebracht: verstohlene erste Küsse, ziellose Spaziergänge, erste Dates, lange Restaurantbesuche, bei denen man nicht bemerkte, dass die Gäste ringsum bereits gegangen waren … Worum hatte sie sich selbst betrogen?

Plötzlich begriff sie, dass sie ihre Wunden lange genug geleckt hatte.

 

Während sie auf ihre Runde im Riesenrad warteten, war Ellie ziemlich schweigsam. Max, der ihre nachdenkliche Miene bemerkte, beschloss, sie ihren Gedanken zu überlassen. Als sie dann endlich ihre Kabine bestiegen, gemeinsam mit einer Gruppe uniformierter Kinder und zwei gestressten Erwachsenen, lebte sie sichtlich auf.

„In einem früheren Leben muss ich Schlimmes angestellt haben“, raunte er ihr ins Ohr, als der Lärmpegel in der Kabine anschwoll.

„Nur in einem früheren Leben?“

„Die paar Teenager- und Studentenstreiche sind bestimmt kein Grund für diese grausame Form der Bestrafung!“

„Sie haben einfach Spaß.“ Lächelnd beobachtete Ellie die Kinder, die die Kabine aufgeregt erkundeten.

Max dirigierte sie in eine Ecke. „Ich schlage vor, wir halten hier die Stellung.“

Ellie presste die Handflächen gegen die Scheibe und sah nach draußen. „Wir bewegen uns so langsam, dass man es kaum bemerkt.“

„Bist du enttäuscht? Ich hätte nicht gedacht, dass du auf Geschwindigkeit stehst.“

Ellie lächelte nur, und sie schauten schweigend zu, wie das Riesenrad sie gemächlich über die Dächer hinaus hob. Selbst die Kinder wurden leiser und hörten ihren Lehrern zu, die die Stadt erklärten, anschließend füllten sie konzentriert ihre Fragebogen aus.

Die Kabine war geräumig, das gewölbte Glasdach gewährte einen spektakulären Rundblick.

„Zum Glück ist der Boden nicht auch noch aus Glas.“ Ellie schauderte.

„Du wolltest diese Tour machen“, erinnerte Max sie. „Seltsam: London ist eine alte Stadt, dennoch gibt es hier zahllose Wolkenkratzer. Und es wirkt ganz anders als andere europäische Hauptstädte wie Paris oder Rom. Wusstest du, dass das höchste Besucherdeck des Eiffelturms einen Glasboden hat? Könntest du darauf stehen?“

„Ich weiß nicht … Ich war noch nie in Paris oder Rom“, sagte Ellie sehnsuchtsvoll.

Max wollte ihr leichthin anbieten, sie einmal dorthin zu bringen, hielt aber rechtzeitig inne. Was er Ellie Scott versprach, musste er auch halten.

Ein oder zwei vergnügte Tage, der Besuch einer Preisverleihung – das war kein Problem. Damit ging er keine Verpflichtung ein. Aber enttäuschen wollte er sie auf keinen Fall.

Wieso eigentlich nicht? Weil sie ihm bereits mehr bedeutete als geplant …?

Max konnte sich keine weiteren Verantwortungen aufladen. In einer Woche würde er wieder in die USA zurückkehren. Trengarth war dann nichts als eine nette Erinnerung. Und so sollte es auch sein. Er hatte ohnehin genug zu schultern.

Daher neckte er sie nur: „Warte bloß nicht zu lange damit. Du hast ja bereits das biblische Alter von fünfundzwanzig Jahren erreicht.“

Ellie ignorierte die Frechheit. „Du warst bestimmt schon überall, bist Businessclass geflogen und in Spitzenhotels abgestiegen.“

„DL Media ist weltweit vertreten. Ich habe die meisten unserer Niederlassungen besucht.“

„Reist du nur geschäftlich? Nie zum Vergnügen oder wegen der Kultur?“

Achselzuckend sah Max sie an. „Kultur findest du auf jeder Vorstandsetage, und nichts ist so amüsant wie ein Übernachtflug und ein Dinner in einem Fünfsternerestaurant. Was ist?“

Ellie hatte den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, sich dann aber anders besonnen.

„Sag schon“, drängte Max

„Es ist nur …“ Sie zögerte wieder, wich seinem Blick aus und presste die Lippen zusammen.

„Nur …?“

„Es klingt, als wärst du einsam. Wir ähneln uns mehr, als mir klar war. Du bist zwar weit gereist, während ich kaum aus Trengarth herausgekommen bin, aber …“ Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Wir sitzen beide irgendwie fest.“

Max lachte verblüfft auf. Festsitzen? Er kannte fast jede Hauptstadt der Welt. Sein Leben war perfekt – war es zumindest bis vor Kurzem gewesen.

„Im Gegenteil. Du versteckst dich freiwillig in deinem hübschen kleinen Dorf und lebst durch deine Bücher. Mein Leben dagegen besteht aus Verpflichtungen, die du vermutlich nicht begreifen kannst. Ich bin verantwortlich für meine Familie, meine Angestellten und ein Erbe, dessen ich mich würdig erweisen muss.“

Ellie sah ihn ärgerlich an. „Mit Familie und Verantwortung kenne ich mich bestens aus. Aber es geht nicht nur um die Firma, Max. Wenn du heute zum ersten Mal den Geschäftsbezirk verlassen hast, um ins Herz einer Stadt vorzudringen, dann sitzt du ebenso fest wie ich. Du warst zwar in Paris und Rom, aber hast du die Städte auch kennengelernt?“

 

 


Natürlich hatte er das, allerdings nur durch Fensterscheiben, nicht zu Fuß. Dafür fehlte ihm die Zeit. „Ich verreise aus beruflichen Gründen. Die Highlights der meisten Städte habe ich aber durchaus gesehen.“

„Verstehe.“ Ellie wandte sich ab und sah wieder nach draußen. „Wenn ich irgendwann einmal reise, will ich alles sehen, nicht nur, was im Reiseführer beschrieben ist. Ich will durch schmale Gassen schlendern und in den Restaurants der Einheimischen essen. Ich will den Herzschlag der Stadt spüren und mich in ihr verlieren.“

„Wieso hast du es noch nicht getan?“

Ellie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Leise und zögernd, als fiele es ihr schwer, die Wahrheit auszusprechen, sagte sie dann: „Ich hatte Angst, enttäuscht zu werden, Fehler zu begehen, meinen eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Wenn man erlebt, wie Träume zu Bruch gehen, wagt man nicht mehr, an Träume zu glauben.“

„Wovon träumst du denn gerade?“ Max rückte näher an Ellie heran. Die Kinder vergaß er völlig. Er sah nur sie, hörte die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme.

„Früher habe ich das Übliche geträumt. Ich wollte an die Uni gehen, einen guten Job ergattern, mich verlieben, Kinder haben – viele … Ich habe mir schon immer eine große Familie gewünscht. Nach dem Tod von Dad und Phil war ich sehr allein. Damals habe ich meine Liebe zu Büchern entdeckt. Durch sie bin ich der Einsamkeit entflohen, bin in meiner Fantasie gereist, habe Abenteuer erlebt. Ich wollte Hermine sein oder Lyra oder Anne Shirley – alles einsame Kinder, die ihren Weg gegangen sind. Und heute? Ich weiß es nicht, Max. Ich wage es seit Langem nicht mehr zu träumen.“

„An Flucht habe ich niemals gedacht.“ Er zögerte. Stimmte das auch? „Natürlich stehe ich unter Druck und trage große Verantwortung, doch das empfinde ich auch als Privileg.“

„Denkst du gerade auch so?“

Bedächtig schüttelte er den Kopf. „Du hast recht. Im Moment sitze ich fest. Dad will, dass ich seine neue Ehe gutheiße, Mom versucht, mich auf ihre Seite zu ziehen. Gleichzeitig muss ich die Firma retten – und zwar schnell. Ich fühle mich, als wäre alles, dessen ich immer sicher war, eine einzige Lüge.“

„Wieso?“

Max versuchte, seine Gedanken zu ordnen. „Wir waren eine perfekte Familie mit toller Villa, Geld im Überfluss, Mitglied in den angesagten Clubs, spendeten für die richtigen Zwecke … Großvater stand im Zentrum des Ganzen, der gütige, unfehlbare Tyrann.“ Er atmete tief durch. „Er hat Dad an der kurzen Leine gehalten. Und meine Mutter … In der Öffentlichkeit galten sie als mustergültiges Paar, doch seit er mit Mandy zusammen ist, frage ich mich …“ Seine Stimme verhallte.

„Ob sie es wirklich waren?“

„Dad hatte immer wieder Affären. Dann musste er angeblich übers Wochenende arbeiten, brachte ausgefallene Geschenke mit. Darüber kam es zwar häufig zu Streit mit Mom, jedoch nach außen hin benahmen sie sich wie ein Liebespaar. Ich habe trotz allem geglaubt, dass sie sich aufrichtig lieben. Inzwischen sehe ich das anders. Mom ist verbittert und nur auf Rache aus. Dass sie die Firma dabei in den Konkurs treibt, ist ihr gleichgültig.“

Erschrocken schnappte Ellie nach Luft. „So schlimm?“

„Möglicherweise. Wenn erst Anwälte ins Spiel kommen, wird es noch viel schlimmer. Deswegen besteht Dad darauf, dass ich mit ihr verhandle, während sie von mir verlangt, Dads neue Freundin zu ignorieren.“ Er lachte bitter. „Es kam mir schon immer vor, als wäre ich der Vernünftigste von uns dreien. Der Erwachsene. Nur war es mir noch nie so zuwider.“

Ellie hob eine Hand, und Max dachte schon, sie wollte ihm über die Wange streicheln. Als sie sie wieder sinken ließ, war er seltsamerweise enttäuscht.

Er neigte sich vor, stemmte einen Arm neben ihr gegen das Fenster und sah sie an. Am liebsten wäre er ihr noch näher gekommen, hätte die Hände auf ihre Schultern gelegt und über ihre Arme gleiten lassen. Er wollte spüren, wie sie unter seiner Berührung erschauerte … aber er tat es nicht.

Ellie sah ihn aus großen Augen an. Ihr Atem ging flach – vor Anspannung oder aus Angst, das wusste Max nicht. Vermutlich wusste sie es nicht einmal selbst. Gelegentlich kam es ihm so vor, als fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Wenn sie ihn auf besondere Art anlächelte, mit der Hand durch ihr Haar fuhr und ihn unter halb geschlossenen Wimpern ansah, begann sein Blut jedes Mal zu kochen.

Dann wiederum kapselte sie sich völlig ab und wirkte launisch. Gerne hätte er den Grund dafür gekannt. Er wollte ihr helfen, sie beschützen – obwohl er sie erst seit wenigen Tagen kannte. Er hatte kein Recht, sich in ihr Leben einzumischen.

Max atmete tief durch und stellte sich wieder aufrecht hin. „Ich fürchte, wir brechen gerade unsere eigenen Regeln. Wir hatten vereinbart, dass wir Spaß haben wollen. Über meine Familie zu reden, ist alles andere als lustig. Weißt du was, ich frage jetzt eine der netten Lehrerinnen, ob wir auch Fragebögen bekommen, und dann versuche ich dich und alle Kinder zu schlagen.“

„Du weißt doch gar nicht, worum es bei dem Quiz geht.“

„Das ist mir egal. Ein Loveday spielt, um zu siegen, egal ob bei Monopoly, Mario Kart oder Singstar. Und wenn ich einen Zehnjährigen bestechen muss, damit er mir die Antworten verrät, tue ich es.“

 

Was wäre geschehen, wenn ich ihn angelächelt hätte, statt wie versteinert dazustehen? fragte sich Ellie. Hätte Max sie dann geküsst?

Was ging nur in seinem Kopf vor? Mochte er sie lediglich, oder empfand er tiefer?

Wie zu erwarten, gelang es ihm mühelos, den Lehrerinnen zwei Fragebögen abzuschmeicheln. Mit Bitten und Bestechung entlockte er den Kindern die Antworten auf sämtliche Fragen, die er nicht selbst wusste, und als sie am Ende der Fahrt die Kabine verließen, klatschte er mit allen Kindern ab, ehe diese ins nahe Museum gingen und Ellie und Max weiterschlenderten.

„Was jetzt? Die Pinguine?“, fragte er.

Ellie betrachtete die lange Menschenschlange vor dem Aquarium. „Dafür ist es zu spät.“

„Sieh mal.“ Max deutete auf ein Plakat. „Man kann Tee mit den Pinguinen trinken. Ob dazu roher Fisch serviert wird? Ich esse gerne Sushi, aber einen ganzen Fisch mitsamt Flossen und Gräten …?“

„Vielleicht mögen Pinguine ja Scones? Ach, wie schade! Der nächste Tee mit Pinguinen findet erst nächsten Monat statt, am zweiundzwanzigsten.“

„Notiere es in deinem Terminkalender.“ Max lächelte. „Pinguine, Sushi und Scones für zwei.“

„Das darf ich nicht verpassen!“

„Übrigens schuldest du mir noch ein Souvenir“, erinnerte Max sie. „Nein, zwei. Ich habe ja auch das Quiz gewonnen.“

„Du hast geschummelt.“

„Der Sieg ist mein, der Weg dorthin ist Nebensache.“

„Denkst du das wirklich?“ Ellie hatte mehr von ihm erwartet.

Max warf ihr einen Seitenblick zu. „Klar. Es ist doch egal, wem du auf deinem Weg nach oben auf die Füße trittst, solange du nicht wieder abstürzt. Nur der Beste überlebt, das war schon immer unser Familienmotto. Großtante Demelza hat es bestimmt in Kreuzstich auf zahllose Spruchbänder gestickt.“

„Ha, ha!“ Also neckte er sie nur, und das störte Ellie nicht. Als sie ihn von der Seite anschaute, durchzuckte es sie glühend heiß. Sein dunkles Haar war zerzaust, auf seinem Kinn zeigte sich ein leichter Bartschatten, er sah aus wie ein ganz normaler amerikanischer Tourist – und zog jede Menge interessierte Blicke auf sich. Auch seine gute Laune war ansteckend.

Seltsam, dachte Ellie. Bei ihrer ersten Begegnung war er arrogant und unhöflich gewesen. Sie hätte jeden ausgelacht, der behauptete, dass sie mit ihm verreisen, dass er sie zum Lachen bringen und ihr Herz schneller schlagen lassen würde. Dennoch war sie hier. Mit ihm.

Es fiel ihr schwer, den Blick von ihm zu lösen. Sie registrierte seine kräftigen Arme und die starken, geschickten Hände mit den langen schlanken Fingern. Wie wäre es wohl, sie zu halten, über die Fingerknöchel zu streicheln? Sollte sie es wagen? Sie brauchte nur danach zu greifen.

Zögernd näherte sie ihre Hand seiner, um sie gleich darauf in Panik zurückzuziehen. Einen Moment später wiederholte sie das Experiment – und zuckte zusammen, als sie seine Fingerknöchel streifte.

„Ellie.“ Max blieb stehen und sah sie ernst an. Seine Augen glühten förmlich, genau wie das Blut in ihren Adern. „Wenn du meine Hand halten willst, brauchst du sie nur zu nehmen.“

Das verschlug ihr die Sprache. Während sie noch um Worte rang, fuhr Max bereits fort:

„Über eines solltest du dir allerdings im Klaren sein …“ Seine Stimme klang ungewöhnlich rau, als müsste er um inneres Gleichgewicht kämpfen. „Wenn du es tust, werde ich dich küssen. Nicht hier vor allen Leuten, vielleicht auch nicht auf diesem Spaziergang, aber irgendwann. Und du …“ Sein Blick fiel auf ihre Lippen. „Du wirst den Kuss erwidern. Bist du dazu bereit?“

Nicht die Intensität in seinem Tonfall, nicht die anmaßende Forderung, die er stellte, machten es Ellie deutlich, sondern seine Augen. Sie sagten unmissverständlich, dass Max sie brauchte. Er würde es akzeptieren, wenn sie ihn zurückwies, aber es täte ihm leid.

Und sie? Würde sie es ebenso bedauern wie die Jahre, die sie sich aus Angst in Trengarth versteckt hatte? Nein, davon hatte sie genug. Von nun an würde sie Risiken eingehen.

Mutig hob sie das Kinn, streckte den Arm aus und schob ihre bebende Hand in seine. Einen nach dem anderen schloss Max ganz langsam seine Finger darum, so als wollte er sie nicht erschrecken. Seine Hand fühlte sich warm, stark und tröstlich an – und die harmlose Berührung löste ein Prickeln in ihrem gesamten Körper aus.

„Wollen wir?“ Max ging los und zog Ellie sanft hinter sich her.

Wie im Traum folgte sie ihm, passte ihren Schritt automatisch seinem an. Sie wusste nicht, wohin sie gingen, es war auch nicht wichtig. Solange er ihre Hand hielt, würde sie weitergehen, bis in alle Ewigkeit. Es fühlte sich wunderbar an.

 

 




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