Valerian Inglemoore war der Letzte, den sie in Lucien Cantons Salon erwartet hätte. Philippa rang um ihre Fassung. „Viscount, das ist in der Tat eine Überraschung.“
Und das war noch weit untertrieben. Was machte er in Truro? Seit wann war er zurück? Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Sie versuchte, sie zu unterdrücken und sich einzureden, dass sie an solchen Informationen gar nicht interessiert sei, aber es war wie ein Kampf gegen die Hydra. Je mehr sie gegen die Fragenflut ankämpfte, desto mehr Fragen taten sich auf – schlimmere Fragen, weil sie sich nicht mit dem Grundliegenden, dem Wie, Wann und Wo zufriedengaben, sondern tiefer gingen – hatte er während seiner Abwesenheit überhaupt an sie gedacht? War ihm klar geworden, dass das, was er einst als Abenteuer abgetan hatte, doch viel stärker war? Empfand er immer noch etwas für sie? Und sie für ihn, trotz aller ihrer Bemühungen, das abzustreiten? Ihr Puls raste jedenfalls, als wäre das der Fall, als hätte sie vergessen, dass sie schon vor Jahren bewusst jegliche Beziehung zu ihm abgebrochen hatte.
„Für mich ist es ebenfalls eine Überraschung, und eine angenehme noch dazu, wenn ich das sagen darf.“ Valerian beugte sich mit einer eleganten Verneigung über ihre behandschuhte Hand. „Enchanté, Duchesse.“
Die Wärme seiner Berührung jagte ihr einen solchen Schauer über den Rücken, dass sie sich beherrschen musste, ihm die Hand nicht ruckartig zu entziehen, als hätte sie sich verbrannt. Sie sagte sich, dass das nur an seinem festen Händedruck liegen konnte. Ihre Reaktion hatte nichts damit zu tun, dass sie sich noch immer zu ihm hingezogen fühlte. Schon vor Jahren hatte sie ihr Herz immun gegen ihn gemacht, und das zu Recht.
Die Zeit hatte gezeigt, dass diese Entscheidung richtig war und dass sie großes Glück gehabt hatte, seiner verführerischen Ausstrahlung entkommen zu sein. Während seines Aufenthalts im Ausland waren aus Europa Berichte bis in ihre Kreise vorgedrungen, laut derer er ein brillanter Diplomat und ausgesprochener Frauenheld war. Von der Generalsgattin bis zur Prinzessin war keine Frau gefeit vor den Verführungskünsten des Viscount – und sie wollten es auch gar nicht sein. Er war zu einem viel begehrten Mann geworden.
Der Grund dafür war nicht zu übersehen, und Philippa war doppelt froh, ihn schon vor Jahren aufgegeben zu haben. Jetzt, in der Blüte seiner Jahre, sah er einfach viel zu gut aus. Jede nicht so kluge Frau wie sie würde auf sein seidiges dunkles Haar hereinfallen. Philippa wusste aus Erfahrung, dass man mühelos einen ganzen Abend damit zubringen konnte sich vorzustellen, wie man die Finger durch diese ebenholzfarbenen Strähnen gleiten ließ.
Und wenn man sich nicht ausreichend von seinem Haar ablenken ließ, konnte man seinen jadegrünen, durchdringenden Augen zum Opfer fallen, seinen gleichmäßigen, markanten Gesichtszügen, den sinnlichen, verheißungsvollen Lippen, den Liebkosungen seiner erfahrenen Hände und seinem muskelgestählten Körper unter den elegant geschneiderten Anzügen. Oh ja, Valerian Inglemoore war die personifizierte Leidenschaft, aber gefährlich – er verhieß große Wonnen, brachte einer ahnungslosen Frau jedoch nur Kummer. Wie gut, dass sie es besser wusste. In diese Falle würde sie nicht mehr tappen.
Valerian nickte ihr leicht zu, und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Philippa merkte, wie sie errötete. Ihm war nicht entgangen, dass sie ihn betrachtet hatte, und das hatte sie eigentlich vermeiden wollen.
Der Butler erschien und kündigte das Abendessen an. Philippa spürte, dass ihr das Atmen wieder etwas leichter fiel. Sie machte sich auf den Weg zu Lucien, um schnellstmöglich Valerians prüfenden Blicken zu entkommen, doch eine warme Hand hielt sie am Arm zurück.
„Würdest du mir die Ehre erweisen, dich zu Tisch zu begleiten?“, raunte er ihr leise zu.
Philippa warf einen Blick in Luciens Richtung, aber er würde ihr keine Hilfe sein. Er hatte die Situation bereits erfasst, und der harte Ausdruck seiner Augen strafte seiner freundlichen Stimme Lügen. „Sie haben sie also schon gefunden, St. Just? Jetzt fällt mir auch wieder ein, dass Sie drei zusammen aufgewachsen sind.“ Das klang durchaus liebenswürdig, aber Philippa entging weder sein angespanntes Lächeln noch sein durchdringender Blick.
Valerian rückte ihr einen Stuhl am Kopfende der Tafel zurecht und nahm prompt zu ihrer Rechten Platz, sodass Beldon und der Vikar Mr. Danforth in ihre Mitte nehmen mussten. Philippa konnte sich nicht recht entschließen, ob sie Valerian lieber an ihrer Seite oder neben Lucien sitzen haben wollte. Beide Möglichkeiten stellten eine Versuchung dar. Saß er neben ihr, war sie mit seiner körperlichen Nähe konfrontiert, saß er ihr gegenüber, musste sie sich den ganzen Abend anstrengen, sich nicht von seinem attraktiven Gesicht ablenken zu lassen. Aber im Grunde spielte das gar keine Rolle, wie sie sich streng in Erinnerung rief, denn er hatte keinerlei Wirkung mehr auf sie. Ihre jetzige Reaktion war nur auf den Schock zurückzuführen, ihn so plötzlich und ohne Vorwarnung wiederzusehen.
Sie wünschte, sie hätte Valerian besser durchschauen können. Es wäre ihr ein kleiner Trost gewesen, hätte er ebenso um Fassung ringen müssen wie sie. Hatte sie überhaupt noch eine Wirkung auf ihn? Plötzlich erinnerte sie sich lebhaft an seine körperliche Erregung in ihrer Jugend und wie er sie gelehrt hatte, ihn zu liebkosen. War er jetzt wieder erregt oder vollkommen immun gegen sie? Auch wenn er einst behauptet hatte, nur oberflächliche Gefühle für sie gehegt zu haben, hatte er doch stets auf sie reagiert.
Sie musste damit aufhören! Philippa griff nach ihrem Weinglas und trank einen großzügigen Schluck. Das waren völlig unziemliche Gedanken von niederer Natur, die an einer Tafel nichts zu suchen hatten, zudem passten sie nicht zu einer Frau, die jahrelang gebraucht hatte, die Erinnerung an seine Küsse hinter sich zu lassen.
Die Lakaien trugen die Suppe ab und servierten nun den Fischgang. Das Gespräch kam vorübergehend zum Erliegen, während sie ihrer Aufgabe nachgingen, doch sobald sie sich zurückzogen, nahm Lucien die leichte Unterhaltung wieder auf. „St. Just, sind Sie für immer nach Hause zurückgekehrt, oder haben Sie Ihr Herz an den Kontinent verloren?“
Valerian tupfte mit der feinen Leinenserviette über seine Mundwinkel, ehe er antwortete. „Nein, ich werde hier bleiben, und ich bin stolz darauf, das sagen zu können. Ich habe meine Zugehörigkeit zum diplomatischen Corps beendet, als ich über Weihnachten in London war. Jetzt kann ich meine Zeit ganz meinem Besitz, meinen stark vernachlässigten Gartenanlagen und neuen Sprösslingen widmen.“
Diese Bemerkung war doppeldeutig. Jeder, der Valerian so gut kannte wie Philippa, würde sich fragen, ob er damit Jungpflanzen meinte oder vielleicht doch Sprösslinge anderer Art. Niemand war jedoch so schlecht erzogen, eine genauere Erklärung zu verlangen – bis auf Mr. Danforth, der mit Valerian gerade einmal so lange vertraut war wie es dauerte, einen Teller Suppe zu essen.
Mit einem selbstgefälligen Unterton in seiner Stimme sagte Danforth: „Sie meinen, Sie wollen heiraten und einen Erben zeugen. Sehr vernünftig gedacht. Ich habe gehört, Sie hätten ein beträchtliches Vermögen, da braucht man einen Erben, der sich später einmal um alles kümmert.“
Am anderen Ende des Tisches verschluckte sich Lucien wegen dieser taktlosen Bemerkung beinahe an seinem Wein. Es war schon eine reife Leistung, einen solchen Fauxpas zu begehen und die Worte „zeugen“ und „Vermögen“ in einem armseligen Atemzug zu nennen.
Valerian nahm die Unhöflichkeit gelassen auf. „In der Tat habe ich vor, sobald wie möglich zu heiraten. Ich habe schon viel zu viel Zeit vergeudet, wie ich finde. Ich sehe einer Ehe mit Freuden entgegen. Mit der richtigen Frau, natürlich.“
„Natürlich“, stimmte Danforth zu, dem seine gesellschaftliche Entgleisung gar nicht bewusst war. „Eine Frau muss gewisse Qualitäten haben. Sie sollte hübsch, fügsam, formbar und für die Erziehung durch den Ehemann aufgeschlossen sein. Kein Mann möchte sein Leben lang an eine ständig ihre Meinung kundtuende Megäre gefesselt sein, auch wenn ihre Mitgift noch so hoch ist.“
Philippa erstarrte bei diesen Worten. „Ich glaube, sich eine Frau zu suchen, ist doch etwas ganz anderes als der Erwerb einer Zuchtstute, Mr. Danforth. Zumindest für diejenigen unter uns, die die Ehe nicht mit Knechtschaft verwechseln.“
Beldon musste husten, und der Vikar machte ein verblüfftes Gesicht. Philippa hätte dem herumstotternden Danforth gern noch mehr gesagt, aber Valerian legte ihr unter dem Tisch warnend die Hand auf den Oberschenkel. Sie unterdrückte ein Schmunzeln. Erinnerte er sich noch an ihr berühmt-berüchtigtes Temperament?
Valerian, ganz der erfahrene Diplomat, versuchte die Wogen zu glätten. „Ich persönlich, Mr. Danforth, bevorzuge andere Eigenschaften bei einer Frau. Ich ziehe eine reifere Frau vor, die für sich selbst sprechen und sich in einer Diskussion behaupten kann. Kurz, ich wünsche mir eine unabhängige Frau.“
Danforth schnaubte. „Ja, so etwas habe ich von Ihnen schon gehört.“ Er hielt Valerians Blick stand und bewies damit überraschend viel Rückgrat.
Alle am Tisch hörten zu essen auf. Philippa fragte sich, ob Valerian zu seinem sogenannten „Ruf“ Stellung nehmen würde. Ein Teil von ihr wünschte, dass er ihn bestritt.
Valerian lächelte. Es war jedoch kein freundliches Lächeln, sondern eher ein raubtierhaftes, das klar zum Ausdruck bringen sollte, dass er nie, niemals das Opfer sein würde. „Dann haben Sie vielleicht auch gehört, dass ich keine Angst vor den Ansichten einer Frau habe und dass ich mich nicht hinter altmodischen Konventionen verschanze, wenn es um die Unterdrückung des schöneren Geschlechts geht. Wie viel entginge uns auf der Welt, wenn wir die Hälfte der Menschheit vernachlässigen würden. Nehmen wir doch zum Beispiel nur den erlesenen Champagner, den unser Gastgeber morgen Abend aus seinem exzellenten Weinkeller kredenzen wird.“ Valerian wandte sich jetzt an Canton. „Pendennys erwähnte, Sie würden uns einen Veuve Clicquot anbieten, einen herausragenden Champagner dank der revolutionären Bemühungen der Witwe von Monsieur Clicquot. Wussten Sie, Danforth, dass sie für die Erfindung des remuage, des Rüttelverfahrens verantwortlich ist? Wir haben es einer Frau zu verdanken, dass wir klaren Champagner trinken können. Ohne ihre Anstrengungen gäbe es nur ein neues trübe sprudelndes Getränk.“ Valerian hob sein Glas. „Auf das Wohl von Madame Clicquot.“
Mit wenigen Sätzen hatte Valerian Danforths unglücklichen Bemerkungen beredt widersprochen und das Gespräch auf das unverfänglichere Thema Wein gelenkt. Danforth wagte es daraufhin nicht noch einmal, mit dem Feuer zu spielen.
Danach verlief das Essen in gelockerter Stimmung, wenn Philippa das nervenaufreibende Gefühl nicht mitrechnete, sich Valerians Nähe so überdeutlich bewusst zu sein. Sie hatte schon an so vielen Abendgesellschaften teilgenommen, aber noch nie war ihr dabei die unmittelbare Körperlichkeit ihrer Tischpartner so stark aufgefallen wie jetzt bei Valerian. Sein Knie berührte ihres; sie ließ die Serviette zu Boden fallen, und seine Hand streifte den Rock ihres Kleides, als er dem Lakaien
