Schwere Stiefelschritte hallten durch den steinernen Korridor von Newgate. Valerian vernahm sie und war sofort in Alarmbereitschaft. Seit der Anhörung waren erst vier Stunden vergangen. Man war doch gewiss nicht schon zu einem Entschluss gekommen? Angespannt erhob er sich von seiner Pritsche. Es war zu früh für eine Entscheidung und auch noch etwas zu früh für Beldon, der ihm sein Abendessen bringen wollte. Doch die Schritte kamen eindeutig in seine Richtung und verharrten vor seiner schweren, verriegelten Zellentür. Ein Schlüsselbund klimperte, dann wurde ein Schlüssel ins Schlüsselloch geschoben.
Valerian sprang mit einem Satz hinter die Tür. Falls Lucien einen Mörder mit einer Pistole geschickt hatte, würde er ihn so wenigstens nicht mit dem ersten Schuss erwischen. Es war seine größte Sorge, dass der Täter auftauchen könnte und er selbst keine Chance hätte, sich zu wehren. Dass die Tür aufging und ein Schuss abgegeben wurde, ehe er überhaupt sehen konnte, wer der Schütze war.
Die Zellentür wurde aufgestoßen. Ein Mann in der Uniform der Wärter betrat den Raum, aber Valerian kannte ihn nicht. Das war keiner der Männer, die sonst seine Zelle bewachten. „Was wollen Sie?“, herrschte Valerian ihn an. Der Mann war kräftig und muskulös gebaut, und seine Nase sah als, als hätte man sie schon mehrfach gebrochen. Er wirkte äußerst bedrohlich.
„Sie können gehen. Ihre Entlassungspapiere sind in meiner Tasche, wenn Sie Manns genug sind, sie mir abzunehmen.“ In seiner Hand glitzerte plötzlich eine Messerklinge.
Valerian erfasste die Situation auf der Stelle. Der Ausschuss hatte entschieden, ehe Montfort sich mit allen Mitteln dagegenstellen konnte. Er war frei, aber das konnte Lucien natürlich nicht zulassen, also hatte er diesen Mann geschickt, um ihn ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Das kleine Messer lag unter seiner Pritsche versteckt, daher hatte Valerian der Waffe des Angreifers nichts entgegenzusetzen als seine Geschicklichkeit. Kräftemäßig war ihm der Mann mit Sicherheit überlegen, daher konnte er nur versuchen, ihm irgendwie die Waffe abzunehmen und sich dann damit zu verteidigen.
Valerian nahm eine Kampfposition ein und bereitete sich auf den Angriff des Mannes vor. Wenn dieser kämpfen wollte, musste er schon den ersten Schritt tun, denn Valerian hatte nicht vor, das Risiko einer ernsthaften Verletzung einzugehen, indem er sich als Erster auf einen Bewaffneten stürzte.
Halb geduckt umkreisten sie einander, und ab und zu stieß der Mann mit seinem Messer ins Leere. „Ich kann den ganzen Tag so herumlaufen“, spottete Valerian. „Warum tun Sie nicht endlich, wofür man Sie bezahlt hat? Was ist denn heutzutage der handelsübliche Preis für die Ermordung eines Viscounts? Ich hoffe nur, es reicht für einen Neuanfang im Exil. Sobald Lord Pendennys hier eintrifft, sind Sie geliefert.“
Der Mann stieß ein bösartiges Knurren aus. „Dann sollte ich wohl lieber kurzen Prozess mit Ihnen machen.“ Er griff unvermittelt an und hob das Messer, um seinen Gegner an der Schulter zu treffen, doch Valerian war vorbereitet. Reflexartig packte er das Handgelenk des anderen und stieß ihn mit aller Kraft gegen die Zellenmauer. Immer wieder schmetterte er die Hand mit dem Messer dagegen, in der Hoffnung, der Mann würde die Waffe fallen lassen.
Der Fremde versuchte nach ihm zu treten und traf ihn schließlich am Schienbein, aber da sie so dicht zusammenstanden, spürte Valerian kaum etwas davon. Ein weiteres Mal schlug er die Hand gegen die Mauer, und das Messer fiel endlich klirrend zu Boden. Valerian rammte seinem Angreifer die Faust in die Magengrube und hechtete nach der Waffe.
Doch der andere war schneller als er gedacht hatte. Kaum hatte Valerian die Hand um das Heft des Messers gelegt, da sprang ihn der Mann von hinten an. Valerian hatte keine Zeit sich umzudrehen und zuzustechen, das ganze Gewicht des anderen lastete auf ihm und drückte ihn zu Boden. Ein Schlag in die Nieren ließ ihn aufschreien.
Sein Angreifer war unglaublich schwer, dennoch fand Valerian die Kraft, sich etwas aufzurichten. Blind stach er mit dem Messer hinter sich zu, um den Mann abzulenken. Er hatte Glück, die Klinge traf, und der Mann stieß einen Schrei aus. Er ließ so weit von Valerian ab, dass dieser ihn von sich schütteln konnte. Blitzschnell war er wieder auf den Beinen, bereit zu kämpfen, bereit zu töten, wenn es sein musste. Der Mann stürzte sich nun auf ihn, offenbar spürte er, dass seine Chancen auf einen Sieg im Schwinden waren.
Ein stechender Schmerz schoss durch Valerians Arm, Stoff riss ein. Ein roter Fleck breitete sich auf seinem Ärmel aus. Der Kerl hatte noch ein Messer! Er konnte jetzt sehen, dass auch der andere Mann blutete, am Oberschenkel, wo Valerians Klinge ihn getroffen hatte.
Jetzt holte der Angreifer mit dem zweiten Messer aus, doch wieder gelang es Valerian, ihn am Handgelenk festzuhalten. Gleichzeitig stach er selbst zu. Der Mann röchelte und brach zusammen, sein sterbendes Gesicht war noch immer vor Hass verzerrt. Der Kampf war vorbei.
„Ich war offenbar Manns genug“, bemerkte Valerian noch voller Wut, doch sein Zorn ebbte allmählich ab. Er beugte sich über den Toten und suchte in seinen Taschen nach der Entlassungsurkunde. Da war sie, versiegelt und mit einem roten Band umwickelt. Hastig riss er das Band ab und erbrach das Siegel. Er wagte kaum zu hoffen, dass wirklich alles vorbei war.
„Val!“ Beldon stürzte in die Zelle und ließ den Korb mit den Speisen fallen. „Was ist passiert?“
„Ich bin frei.“ Valerian merkte selbst, wie er zitterte. Der Schock forderte seinen Tribut von ihm. „Jetzt können wir uns mit Canton befassen. Er hat seinen Handlanger mit der Urkunde geschickt, ich sollte diese Zelle nicht mehr lebend verlassen.“ Er atmete tief durch. „Philippa braucht nichts Unüberlegtes mehr zu tun.“
„Ich fürchte, es ist zu spät“, erwiderte Beldon, als ihm die Erkenntnis dämmerte. „Sie weiß nicht, dass du frei bist. Sie ist zu Canton in seine Stadtvilla gefahren, um mit ihm zu sprechen.“
Philippa saß Lucien Canton am Schreibtisch seines Arbeitszimmers gegenüber. „Lucien, ich bin gekommen, um mit dir über Valerians Freilassung zu verhandeln.“
Er verzog höhnisch lächelnd den Mund. „Um zu verhandeln oder um zu betteln, meine Liebe? Ich wüsste nicht, was du mir zum Verhandeln anzubieten hättest. Deinen Körper vielleicht?“ Er ließ den Blick vielsagend über sie schweifen. „Sollte das der Fall sein, so bin ich an gebrauchter Ware nicht interessiert.“
Philippa ließ sich von dieser rohen Anzüglichkeit nicht einschüchtern. „Ich glaube, ich habe etwas Besseres für dich. Einen fairen Tausch – deine Freiheit für seine.“
Luciens Augen wurden schmal. „Wovon um Himmels willen redest du?“ Sein Ton klang unschuldsvoll, aber der Ausdruck seiner Augen verriet, dass Lucien beunruhigt war.
Philippa nahm all ihren Mut zusammen. „Davon, wie du geplant hast, Cambourne zu töten. Es war kein Unfall, damals in der Mine. Es war bewusste Sabotage, höchstpersönlich von dir angeordnet, jedenfalls schreibst du das in deinen Tagebüchern.“
