Beldon stellte seine leere Tasse auf den Teewagen und verabschiedete sich von den anderen, die sich auf den Weg nach oben in ihre Zimmer machten. Im Gegensatz zu ihnen hatte er keine Lust, schon zu Bett zu gehen. Er war noch hellwach, und seine Gedanken kreisten um die Ereignisse während der vergangenen Feiertage. Außerdem hatte Canton einen ausgezeichneten Brandy in seiner Bibliothek stehen. Ganz allgemein hielt Beldon andere Menschen für interessante Studienobjekte. Jüngere Männer in seinem Bekanntenkreis hassten die routiniert ablaufenden gesellschaftlichen Anlässe, außer wenn es sich um Jagden handelte, aber er fand sie faszinierend. Solche Versammlungen von Leuten waren für ihn ein unerschöpflicher Quell an erstaunlichen kleinen Dramen auf sich kreuzenden Lebenswegen.
Selbst in einer so kleinen Gruppe wie an diesem Abend war das Netz eng gesponnen – Lucien und dieser Bankmensch Danforth, die miteinander ein Geschäft aufzogen; er und Lucien, Freunde durch ihre gemeinsame Bindung zu Philippa; Lucien und Philippa und das aufkommende Drama um Luciens Heiratsantrag; Lucien und Valerian, Feinde auf den ersten Blick. Warum? Die beiden Männer kannten sich doch gar nicht. Das Einzige, was sie miteinander verband, war Philippa.
Philippa. Das war die Erklärung. Hatte Valerian Gefallen an ihr gefunden? Es war eine wunderliche Vorstellung, Valerian könnte sich auf den ersten Blick in seine Schwester verliebt haben, und doch war Vals Feindseligkeit Lucien gegenüber fast greifbar zu spüren gewesen, seit er das Haus betreten hatte. Eine vage Idee formte sich in Beldons Kopf, Details aus der Vergangenheit verknüpften sich miteinander, anstatt wie bisher als isolierte Begebenheiten in seiner Erinnerung fortzubestehen. Doch Beldon wurde unterbrochen, ehe er auf das entscheidende Bindeglied zwischen ihnen kommen konnte.
„Einen Viertelpenny für deine Gedanken!“ Valerian trat in die Bibliothek, als hätten Beldons Überlegungen ihn dorthin beschworen. Er zog Jacke und Weste aus und krempelte die Hemdsärmel hoch.
Beldon verlagerte seine Sitzhaltung in dem bequemen Sessel. „Meine Gedanken sind weitaus mehr wert als einen Viertelpenny, alter Freund. Zieh dir einen Sessel heran, Canton hat eine ausgezeichnete Auswahl an Brandys.“
Valerian lachte leise. „Ist das der Hauptgrund, warum er dein Freund ist? Seit ich ihn kennengelernt habe, scheint sein Weinkeller seine herausragendste Seite zu sein.“
Beldon hob seinen Schwenker. „Nun, du musst zugeben, der Champagner zu Silvester war ausgezeichnet.“ Er verstummte und betrachtete, wie sich die Flammen im Kamin in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit widerspiegelten. „Ehrlich gesagt, ich hielt Canton immer für einen recht liebenswürdigen, wenn auch bisweilen etwas distanzierten Knaben – bis du aufgetaucht bist. Woran kann das deiner Meinung nach liegen, Val?“ Beldon betrachtete seinen Freund aufmerksam. Er schaute zu, wie Valerian sich lässig in den gegenüberstehenden Sessel fallen ließ und die Füße auf das niedrige Kamingitter legte.
„Ist das eine rhetorische Frage, oder soll ich sie wirklich beantworten? Ich meine mich daran zu erinnern, dass du uns schon in der Schule gesagt hast, was wir denken sollen.“ Valerian schmunzelte und trank einen Schluck von seinem Brandy.
„Touché, der Punkt geht an dich“, räumte Beldon ein. „Der Vorwurf ist berechtigt. Gerechterweise musst du aber zugeben, dass die meisten unserer Freunde wirklich nicht nachdachten. Ich habe ihnen einen großen Gefallen getan, indem ich ihnen das abnahm.“
„Dann sprich weiter. Du hast eindeutig noch mehr auf Lager.“
