Philippa würde abreisen. Danforths anödende Konversation ließ sie diesen Entschluss fassen, als die Ente aufgetragen wurde. Gleich am Morgen wollte sie aufbrechen und nach Hause fahren. Und der Stimmung bei Tisch nach zu urteilen, war sie wahrscheinlich nicht die Einzige.
Vollkommen unempfänglich für unfreundliche Schwingungen, ließ sich Mr. Danforth während des Essens unentwegt weiter über seine Bank aus, obwohl es ganz offensichtlich war, dass niemand ihm wirklich Beachtung schenkte, außer vielleicht Lucien. Doch selbst er schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Philippa wollte nicht genauer darüber nachsinnen, weil sie befürchtete, sie könnte der Grund für seine Geistesabwesenheit sein.
Beldons Erwägungen jedoch kreisten tatsächlich um Philippa. Normalerweise war er bei Tisch ein gewandter Gesprächspartner, aber an diesem Abend wirkte er völlig in seine eigenen Überlegungen versunken und ließ den Blick immer wieder zwischen Philippa und Valerian hin und her wandern.
Valerian hatte offenbar seinen Vorrat an guten Manieren an jenem Abend mit Lady Pentlow aufgebraucht, denn davon war jetzt nichts mehr zu spüren. Er war finsterer Laune und gab sich gar nicht erst die Mühe, sich am Gespräch zu beteiligen, bis auf gelegentliche Kommentare zu dem riskanten Gebaren von Provinzbanken. „Geschäfte mit Risikokapital sind ja schön und gut, aber dann sollte man sie auch so benennen und nicht als ‚Bankgeschäfte‘ deklarieren“, meinte er gedehnt während des letzten Ganges.
Lucien machte ein beleidigtes Gesicht, und Philippa vermutete, dass Valerian genau das beabsichtigt hatte. „Warum denn bitte nicht Bankgeschäfte, St. Just? Wir machen genau das Gleiche wie jede andere Bank auch. Wir leihen denen Geld, die es wünschen, und wir sind für diejenigen da, die bei uns Geld anlegen wollen.“
Valerian nahm nachdenklich einen Schluck Wein. „Mit dem Unterschied, dass Sie angelegtes Geld in risikoreiche Unternehmen investieren, ohne gleichzeitig ein paar sichere Investitionen zu tätigen, die einen eventuellen Verlust ausgleichen könnten. Offen gesagt, Sie und ich wissen doch beide, dadurch besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Leute ihr Geld nicht zurückbekommen. Deshalb verlassen sich Menschen unseres Standes auch auf Banken in London wie Childs oder Coutts. Finden Sie es nicht bezeichnend, dass gewisse Gesellschaftskreise eher weniger in kleineren Banken vertreten sind, an die sie sich doch eigentlich genauso gut wenden könnten?“
Philippa gefiel das Funkeln in Valerians Augen nicht, aber sie sah für sich keine Chance einzugreifen, ohne den Eindruck zu vermitteln, sie setze sich für Lucien ein. Zum einen benötigte Lucien keinen Fürsprecher, schon gar nicht, wenn es um Finanzen ging. Und zum anderen wollte sie Mr. Danforth nicht glauben lassen, sie beabsichtige, in seine Provinzbank zu investieren.
„St. Just, wollen Sie damit etwa andeuten, ich würde Investoren bewusst betrügen, indem ich Versprechen abgebe, die ich nicht halten kann?“, bemerkte Lucien eisig und durchbohrte Valerian mit einem Blick, der ihm mitteilte, dass er nur noch eine weitere Bemerkung von einem Duell im Morgengrauen entfernt war. Philippa unterdrückte ein Aufstöhnen. Der Provincial Bank of Truro drohte ein Skandal, noch ehe sie überhaupt ihre Pforten geöffnet hatte. Philippa warf ihrem Bruder einen um Hilfe rufenden Blick zu, doch Beldon amüsierte sich viel zu sehr über das Wortgefecht.
„Ich deute damit nur an, dass es in der Tat schon kurzlebige Provinzbanken gegeben hat, das ist alles“, erwiderte Valerian leichthin und strich mit seinen langen Fingern über den Stiel seines Weinglases. „Ihre begrenzte Lebenszeit beruht auf ihrer Tendenz, in risikoreiche Unternehmen zu investieren. Die Zeichen sprechen für gewöhnlich gegen sie. Es wäre nicht das erste Mal, dass etwas schiefgeht.“
„Ich denke, das trifft in diesem Fall nicht zu, Viscount“, widersprach Lucien ruhig. „Ich habe bislang noch keine unklugen Investitionen getätigt. Diejenigen, die sich auf mich verlassen, ernten auch den Profit für ihr Vertrauen zu mir. Nicht wahr, Pendennys?“ Er blickte um Bestätigung heischend zu Beldon hinüber und brachte ihn dadurch etwas in Verlegenheit.
„Ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht, ja“, räumte Beldon ein. Aber Philippa entging nicht, dass er nicht weiter auf dieses Thema einzugehen gedachte. Sie merkte Lucien an, wie enttäuscht er war. Sie wusste, Lucien hatte gehofft, Beldon würde sich begeistert zu den britisch-bolivianischen Bergbauniederlassungen in Nord- und Südamerika äußern, in die sie beide investiert hatten. Beldon hatte seine Anteile vor ein paar Monaten mit enormem Profit wieder verkauft. Da er aber nichts davon erzählte, musste Lucien sich selbst loben.
„Pendennys und ich hatten eine lukrative Gelegenheit, in bolivianisches Silber zu investieren. Wir haben beträchtlichen Gewinn gemacht, als wir unsere Anteile wieder veräußerten. Ich bin gern bereit, auch Sie zu beraten, wenn Sie irgendwelche Investitionen tätigen wollen, St. Just. Ihr Verwalter kann jederzeit Kontakt zu meinem Sekretär aufnehmen“, bot Lucien mit kalter Großzügigkeit an. Er wandte sich an die restliche Runde. „Da wir nur noch zu viert sind, schlage ich vor, wir verzichten auf Zigarren und Brandy. Es war ein langer Tag durch die Verabschiedung der anderen Gäste und unseren Ausflug nach Veryan. Vielleicht haben die Herren Lust auf eine Partie Billard? St. Just, wenn Sie Klavier spielen möchten, tun Sie sich keinen Zwang an. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause. Unterdessen habe ich noch etwas mit unserer charmanten Gastgeberin zu besprechen. Wenn Sie uns bitte entschuldigen wollen?“
Das war alles sehr höflich vorgebracht, und wenig später saßen Philippa und Lucien allein in der Bibliothek.
Diese Zusammenkunft verlief ganz anders als Philippa erwartet hatte. Bei ihrem letzten Gespräch war Lucien wütend gewesen, und danach hatten sie sich nur in Gesellschaft anderer miteinander unterhalten. Sie hatte mit einer Fortsetzung ihrer Auseinandersetzung gerechnet und sich innerlich auf einen zornigen, selbstgerechten Lucien Canton vorbereitet. Doch nun zeigte er ein völlig anderes Gesicht.
„Sherry, meine Liebe?“, bot er von der Anrichte aus an, wo er sich selbst ein Glas seines bevorzugten Dessertweins einschenkte.
„Nein danke. Ich muss mich noch um einige Sachen für morgen kümmern, daher möchte ich mich nicht lange aufhalten, wenn es dich nicht stört“, lehnte Philippa ab und ließ sich in einem Sessel am Kamin nieder.
„Es tut mir leid, das zu hören. Mein Butler hat mir berichtet, dass du deine Abreise vorbereitest. Ich hatte gehofft, du würdest noch bleiben, wenn alle anderen fort sind. Wir haben diese Woche nicht viel Zeit füreinander gehabt“, sagte er in aufrichtig bedauerndem Tonfall und nahm im Sessel ihr gegenüber Platz. Entspannt atmete er tief durch. „Es ist schön, mit dir am Feuer zu sitzen, Philippa. Zwei gute Kameraden in ungezwungener Gesellschaft, nicht wahr?“ Er lächelte charmant und wirkte wieder wie der Lucien, den sie all die Jahre gekannt hatte, und nicht wie der arrogante Mann der letzten paar Tage. „Wir sind doch noch Freunde, oder?“
„Natürlich, Lucien“, versicherte sie ruhig. So sehr sie sich auch über Luciens Verhalten aufgeregt hatte, so konnte sie doch nicht ohne Weiteres Jahre guter Freundschaft mit ihm wegen der Ereignisse einiger weniger Tage einfach über Bord
