Zeit der Zärtlichkeit, Zeit der Liebe – Kapitel 10

Eine Woche später.

Rebecca hob die Edelstahlhaube an, unter der sich der Hauptgang ihres Abendessens verbarg, und bedachte den glasierten Lachs mit einem desinteressierten Blick.

Vielleicht hätte es ihren Appetit angeregt, hinunter ins Hotelrestaurant zu gehen, anstatt den Zimmerservice zu beanspruchen. Zumindest hätte sie sich unter die anderen Gäste mischen und so tun können, als wolle sie etwas essen. Jetzt wurde das Essen kalt, und sie hatte erst recht keine Lust mehr, sich etwas davon in den Mund zu schieben.

Auf ihrem Bett am anderen Ende des geräumigen Hotelzimmers lagen unzählige wallende, verknitterte Kleider, dünne Frühlingsjacken, Handtaschen, Schuhe und klobige Schmuckstücke. Alles Dinge, die sie auf dem heutigen Modebasar erstanden hatte. Doch auch dafür konnte sie keinerlei Interesse aufbringen.

Sie seufzte schwer, ging zu der Glasfront des Zimmers und starrte in die finstere Nacht hinaus.

Die blinkenden Lichter der Skyline von Chicago erstreckten sich endlos in alle Richtungen. Und direkt unter ihr, auf der gut beleuchteten Straße, stiegen Menschen in Taxis – oder stiegen gerade aus, um einen der nahe gelegenen Nachtclubs aufzusuchen.

Manchmal wurde Rebecca von einer Modeassistentin begleitet, doch dieses Mal war sie allein zur Midwest Modemesse gefahren. Aber auch wenn sie mit einer Freundin hier gewesen wäre, hätte sie keine Lust verspürt, sich ins Nachtleben zu stürzen.

Sieh es ein, Rebecca. Du bist verwirrt, trübsinnig und vermisst Jake Rollins unendlich. Warum hast du ihm nicht wenigstens …

Plötzlich klingelte ihr Handy und unterbrach Rebecca in ihren Gedanken. Sie wandte sich von ihrem unangetasteten Essen ab und ging zu dem Nachttisch, wo sie ihr Handy liegen lassen hatte. Plötzlich stutzte sie. Eigentlich hatte sie mit einem Anruf ihrer Chefin Arlene gerechnet. Doch die Nummer, die auf der Anzeige aufleuchtete, war ihr vollkommen unbekannt.

Und da dämmerte ihr, dass es die Vorwahl von New Mexico war. Lieber Gott, war es vielleicht Jake?

„Hallo?“, meldete sie sich hastig.

„Rebecca? Sind Sie das?“

Erstaunt, Abe Cantrells Stimme zu hören, ließ sie sich auf die Bettkante sinken.

„Ja, ich bin’s. Wie geht es Ihnen, Abe?“

„Bestens. Ich war gerade draußen und habe mir den Sonnenuntergang angesehen. War wunderschön. Hat mich an Sie erinnert. Und da habe ich Sie angerufen, um zu hören, wie es Ihnen geht.“

Bevor sie zurück nach Houston gefahren war, hatte sie Abe erzählt, dass Gertrude ihre Mutter war. Und wie sehr sie diese ganze Geschichte verwirrt und verletzt hatte. Überraschenderweise hatte Abe ihr Elend besser verstanden als all ihre Freundinnen in Houston.

„Nun, im Moment sitze ich in Chicago in einem Hotelzimmer“, sagte sie.

„Machen Sie Urlaub?“

Als Rebecca die Augen schloss, kam ihr all das, was sie an New Mexico lieben gelernt hatte, in den Sinn. „Weniger angenehm. Ich bin auf einer Geschäftsreise. In meinem Job muss ich sehr viel reisen.“

„Gleich wieder zurück an die Arbeit, nicht wahr? Dann haben Sie wahrscheinlich noch gar keine Zeit gehabt, diesen Ort hier zu vermissen.“

„Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich alles daran.“

„Das Haus Ihrer Mutter sieht jetzt ziemlich verlassen aus. Das ist kein schöner Anblick und gefällt mir überhaupt nicht.“

Vor ihrer Rückreise nach Houston hatte Abe ihre Tiere zu sich genommen und ihnen auf der Apache Wells ein liebevolles Zuhause gegeben. Noch etwas, wofür Rebecca ihm dankbar war.

Sie sagte: „Vielleicht wäre es besser, wenn dort eine nette kleine Familie einzieht und das Haus in Ehren hält. Kennen Sie vielleicht jemanden?“

„Viel lieber würde ich Sie darin sehen.“

Sie schluckte hart und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. „Nun, Sie wissen ja, wie es ist, Abe. Man muss arbeiten, um sich über Wasser zu halten.“ Sie räusperte sich und fragte: „Wie geht es Beau?“

„Nachdem Sie gegangen sind, hat er tagelang Trübsal geblasen. Inzwischen geht es ihm jedoch gut. Ich war nie der Typ, der sich mit einem Hund anfreundet, aber wie es aussieht, kann er nicht ohne mich sein, und ich nicht mehr ohne ihn. Wir sind praktisch aneinandergekettet. Die Katzen im Stall schweben im Mäusehimmel, und Star hat in der Herde schon neue Freunde gefunden. Ich weiß, dass Sie mich nicht darum gebeten haben, aber ich habe Ihren Rasen mähen lassen. Nur für den Fall, dass Sie zurückkommen.“

„Das wird leider nicht so bald passieren. Trotzdem vielen Dank. Mir geht es besser, wenn ich weiß, dass das Anwesen nicht herunterkommt.“

„Sie haben sich noch gar nicht nach Jake erkundigt“, sagte er spitz.

Der alte Mann war ziemlich geschickt, das musste man ihm lassen. Rebecca holte tief Luft. „Wie geht es Jake?“

„Gar nicht gut. Mehr kann ich leider nicht sagen.“

Rebecca umklammerte das Handy. „Warum? Was ist los mit ihm?“

„Das müssten Sie ihn schon selbst fragen. Ich weiß nur, was Quint mir erzählt. Und er sagt, dass Jake mit dem Gedanken spielt, einen Job bei der Rennbahn anzunehmen und die Rafter-R-Ranch zu verkaufen.“

„Seine Ranch verkaufen?“ Rebecca war verblüfft. „Aber das ergibt doch überhaupt keinen Sinn, Abe! Er hat so schwer daran gearbeitet. Und er war sehr stolz auf das Anwesen.“

„Nun, Jake hat sich nie an materielle Dinge geklammert. In gewisser Weise ist Quint genauso. Wahrscheinlich waren die beiden Jungs deshalb immer so gute Freunde. Wenn Sie mich fragen, dann sollte er die ganzen verdammten Kühe loswerden und sich ganz auf die Pferdezucht konzentrieren. Das ist es, was er liebt.“

„Dann sollten Sie ihm das sagen, Abe. Sie sind sein Freund, und ich weiß, dass er Ihre Meinung respektiert.“

Abe lachte. „Er wäre nicht begeistert, wenn ich ihm vorschreiben würde, was er zu tun hat. Sie dagegen … das ist etwas ganz anderes. Wenn Sie ihm das sagen, dann hätte das durchaus Gewicht.“

„Das bezweifle ich, Abe. Ich habe nicht einmal etwas von Jake gehört. Und ich rechne auch nicht damit.“

„Kein Gesetz verbietet Ihnen, dass Sie ihn anrufen, oder?“

Jake anrufen? Was sollte das bewirken, außer, dass es ihr erneut das Herz aufreißen würde? „Jake will aber nichts von mir hören.“

Abe prustete in den Hörer. „Und Gras wächst nicht im Frühjahr.“

Rebecca schloss die Augen und fuhr mit der Fingerspitze über eine Braue. „Gras braucht Sonne und Regen zum Wachsen“, erinnerte sie den alten Mann.

Es herrschte längeres Schweigen, und während Rebecca auf eine Antwort wartete, hörte sie im Hintergrund das leise Wiehern eines Pferdes. War das Star, die noch immer nach Banjo rief? Bei diesem Gedanken hatte Rebecca einen Kloß im Hals.

„Jake ist für mich wie ein Sohn“, sagte Abe schließlich. „Ich will nicht, dass es ihm schlecht geht. Überlegen Sie es sich, ob Sie ihn anrufen wollen, Rebecca. Mehr verlange ich nicht.“

„Das mache ich“, gab sich Rebecca geschlagen.

Abe bedankte sich, dann wünschten sie sich knapp eine gute Nacht und beendeten das Gespräch.

Rebecca legte das Handy zurück auf den Nachttisch. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und schluchzte.

    Am nächsten Morgen war Jake auf dem Weg zu den Downs, um drei Rennpferde zu beschlagen, als Clara ihn auf dem Handy anrief und ihn bat, vor der Arbeit bei ihr vorbeizukommen.

Jake war einverstanden, auch wenn ihn ihre Bitte überraschte. Erst gestern Abend hatte er ihr einen Besuch abgestattet. Den ersten, seit er ihr diese Vorwürfe wegen seines Vaters gemacht hatte – dass sie diesem Mann erlaubt hatte, ihr Leben zu bestimmen.

Jake hatte erwartet, sie entsprechend unterkühlt vorzufinden. Stattdessen begrüßte sie ihn an der Tür mit einer warmherzigen Umarmung. Und als er ihr erzählte, dass Rebecca nach Texas zurückgekehrt war, rechnete er eigentlich mit Worten des Triumphs. Stattdessen schien es ihr ehrlich leid für ihn zu tun.

Innerlich hatte ihn dieser erfreuliche Stimmungswandel geradezu schockiert. Doch obwohl er sich fragte, was ihn wohl ausgelöst hatte, beschloss er, nicht nachzufragen, sondern einfach dankbar dafür zu sein.

Als er an diesem Morgen erneut die Veranda ihres Hauses betrat, konnte er nur raten, was mit ihr los war. Hoffentlich hatte sie keinen gesundheitlichen Rückschlag erlitten.

Er klopfte nur leicht an die Tür, dann öffnete er sie und trat ein. „Mom? Ich bin da.“

Sofort kam Clara aus dem hinteren Teil des Hauses geeilt. Sie lächelte ihn erleichtert an. „Ich bin wirklich froh, dass du dir die Zeit genommen hast, Jake. Ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber ich habe hier etwas Wichtiges, das ich dir geben will.“

Jake ging zu seiner Mutter und gab ihr einen Kuss. „Was ist es? Du hast mir doch gestern schon jede Menge Gebäck mitgegeben. Noch mehr Essen brauche ich wirklich nicht.“

„Es ist nichts dergleichen.“ Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu einer kleinen Couch. „Ich habe es dir gestern Abend nicht gesagt, aber ich habe neulich mit Quint gesprochen.“

„Das ist doch nichts Neues. Ihr wart doch schon immer ganz dicke Freunde.“

Sie lächelte verlegen. „Wir haben über dich gesprochen.“

Jake rümpfte die Nase. „Oh. Das hättest du nicht tun sollen, Mom.“

„Das habe ich auch nicht. Er ist auf mich zugekommen. Und, ehrlich gesagt bin ich auch froh darüber. Ich wusste nicht, was es wirklich mit Rebecca auf sich hat. Ich dachte, sie sei nur eine deiner vielen Frauen. Wahrscheinlich habe ich mich so in mein Selbstmitleid eingeigelt, dass ich nicht sehen konnte, was mit dir und diesem Mädchen aus Texas wirklich vorgeht.“

Jake versteifte. „Woher willst du wissen, dass es bei ihr anders ist?“

„Oh, nun mach mir doch nichts vor, mein Sohn!“, sagte sie lachend. „Deiner Mutter wurden endlich die Augen geöffnet. Nun versuch nicht, dich vor mir zu verstecken.“

Jake senkte den Kopf und starrte auf die abgewetzten Spitzen seiner Stiefel. Doch alles, was er wirklich sah, waren Rebeccas Gesicht, ihr liebliches Lächeln und das warme Leuchten in ihren blauen Augen. „Ich vermisse sie“, murmelte er. „So sehr.“

Er spürte, wie seine Mutter ihm die Hand auf den Rücken legte, dann sagte sie leise: „So ist das, wenn man jemanden liebt.“

Jetzt hob er den Kopf und sah sie bedauernd an. „Tut mir leid, Mom. Ich war manchmal sehr streng mit dir und habe Dinge gesagt, von denen ich nichts verstanden habe.“

Schwach lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Du hattest jedes Recht dazu. Ich habe mich viel zu lange in meinem Selbstmitleid gesuhlt. Erst habe ich Lee verloren, und dann habe ich zugelassen, dass dieser Verlust einen großen Teil meines Lebens zerstört. Ich will nicht, dass es dir genauso ergeht.“

Sie zog einen kleinen Zettel aus der Tasche ihrer Bluse und reichte ihn ihm. „Hier. Ich denke, die solltest du mal benutzen.“

Jakes Blick fiel auf eine Telefonnummer, die auf einen abgerissenen Notizzettel gekritzelt war. „Die brauche ich nicht. Ich habe Rebeccas Telefonnummer schon. Außerdem wüsste ich nicht, was ich ihr sagen soll.“

Aufmunternd drückte Clara ihm den Zettel in die Hand und schloss seine Finger darum. „Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, weißt du schon, was du ihr sagen musst. Doch bevor du mit Rebecca sprichst, solltest du erst diese Nummer anrufen.“

Verwirrt fragte er. „Warum?“

„Weil sie dir etwas über deinen Vater verrät.“

    Eine knappe Woche später saß Rebecca an ihrem Schreibtisch und blätterte einen Stapel Modeskizzen durch, als Arlenes Stimme durch die Gegensprechanlage quäkte. „Rebecca, ich brauche dich im zweiten Stock. Wir haben eine Meinungsverschiedenheit, die nur du auflösen kannst.“

„Bin gleich da.“

Sie verließ das luxuriös ausgestattete Büro und nahm den Aufzug in den zweiten Stock. Diese Etage wurde ausschließlich als Ausstellungsfläche für Bordeaux’ formelle Abendgarderobe genutzt.

Am vorderen Eingang der Abteilung traf sie auf Arlene und ihren Assistenten, einen jungen Mann namens Nigel, der gerade einer Schaufensterpuppe den letzten Schliff verpasste.

Die Puppe trug ein Designerkleid aus schimmernder Naturseide. Rebecca war das Kleid zu extravagant, doch dieses eine Mal hatte Arlene ihre Meinung durchgesetzt und das Kleid gleich in mehreren Größen gekauft.

Als sie auf die streitenden Kollegen zuging, ließ Arlene den jungen Mann stehen und nahm sie am Arm. „Höchste Zeit, dass mir jemand zur Seite springt“, sagte sie und deutete mit einer fahrigen Handbewegung auf ihren Assistenten. „Sag Nigel bitte, dass ich recht habe und er unrecht. Eine einzige Perlenreihe ist bei diesem Kleid nicht genug.“

Der junge Mann sah Rebecca beschwörend an. „Arlene ist der Meinung, dass das klobige Gold- und Rubinding besser aussehen würde. Ich finde ja, das wäre für dieses Kleid zu viel. Aber was weiß ich schon? Ich arbeite hier ja nur.“

Rebecca nahm ihm die winzigen Perlen aus der Hand und legte sie um den Hals der Schaufensterpuppe. „Er hat recht, Arlene. Die Perlen.“

Die andere Frau keuchte, dann platzte sie heraus: „Aber Rebecca … Perlen sind so … retro und farblos.“

„Außerdem haben sie Stil“, fügte Rebecca hinzu. „Und dieses Kleid benötigt auf jeden Fall etwas, das ihm ein bisschen mehr Eleganz verleiht.“

Nigel lächelte triumphierend.

Arlene zog Rebecca am Arm hinter sich her, bis sie einigen Abstand zwischen sich und das Ausstellungsstück gebracht hatten. „Ich weiß, dass du immer noch sauer auf mich bist, Rebecca, aber das solltest du nicht mit in die Arbeit bringen“, sagte Arlene so leise, dass die vorbeieilenden Frauen sie nicht hören konnten.

Arlene hatte schon immer zur Dramatik geneigt, einen derartigen Ton hatte sie bei Rebecca allerdings noch nie angeschlagen.

„Du hast mich um meine Meinung gebeten, und die habe ich dir gesagt. Dafür bezahlst du mich. Außerdem war ich nie sauer auf dich. Höchstens ein bisschen ungehalten.“

Arlene presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Nun, du warst alles Mögliche, als du dich für diesen Urlaub in New Mexico entschieden hast. Und wie ich sehe, bist du noch immer nicht ganz du selbst.“

„Ich muss gerade mit so einigem fertig werden, Arlene.“

Arlene schnaubte verächtlich. „Müssen wir das nicht alle?“

Rebecca starrte sie an. „Bist du fertig?“

„Nein! Ich wollte dir noch sagen, dass du aufwachen und dich umsehen sollst. Es gibt hier noch andere Angestellte, die auch ein Familienmitglied verloren haben. Die lassen ihren Schmerz jedoch nicht an anderen Menschen aus. Sie legen eine gewisse Reife an den Tag.“

Anders ausgedrückt, sie widersetzen sich nicht deinen Wünschen, dachte Rebecca. „Ich habe mehr verloren als nur ein Familienmitglied, Arlene.“

Die Frau stutzte. „Wie meinst du das?“

„Ich meine, dass alles fort ist, was mir jemals wichtig im Leben war.“

Damit ließ sie Arlene stehen. Und nachdem sie ein paar aufmunternde Worte an Nigel gerichtet hatte, nahm sie die Treppe in den ersten Stock, wo die normale Straßenkleidung ausgestellt wurde. Außerdem gab es dort vielerlei Düfte, Schmuck, Make-up-Stände sowie eine Kosmetikabteilung und zahllose Umkleideräume.

Dies war einer der Hotspots des Ladens, und da es ein Freitag war und sich die Kunden bereits für das Wochenende eindeckten, herrschte in jeder Abteilung reger Betrieb.

Früher wäre Rebecca beim Anblick der Menschentrauben begeistert gewesen. Das war damals, als sie das Bordeaux noch als ihr zweites Zuhause angesehen hatte.

Bevor Jake in ihr Leben getreten war.

Gwyn und Gertrude hatten ihr Leben vergeudet, indem sie die Wahrheit voreinander verborgen hatten. Rebecca wollte nicht denselben Weg gehen. Sie musste ihn wissen lassen, wie sehr sie ihn liebte, und wie sehr sie sich ihn in ihrem Leben wünschte.

Wenn er noch immer nicht interessiert war, konnte sie wenigstens sagen, dass sie alles versucht und sich nicht versteckt hatte.

Diese Entscheidung beschleunigte ihren Gang. Rebecca eilte auf einen Ausgang zu, der in ihr Büro zurückführte.

Von hier aus würde sie Jake anrufen und ihm sagen, dass sie noch einiges zu bereden hatten. Und sobald sie alles vorbereitet hatte, würde sie nach Lincoln County fliegen.

Doch da hörte sie hinter sich die Stimme eines Verkäufers: „Ms. Hardaway ist hier gerade vorbeigekommen. Wenn Sie sich beeilen, erwischen Sie sie vielleicht noch.“

Als Rebecca ihren Namen hörte, hielt sie an und drehte sich um. Und da erblickte sie den Mann, um den sich gerade ihre Gedanken drehten.

In voller Lebensgröße, mit seinen Stiefeln und dem Stetson, stand Jake vor ihr und starrte sie an.

„Jake? Was machst du denn in Houston? Was willst du hier?“, fragte sie vollkommen durcheinander.

Das schwache Lächeln auf seinem Gesicht wirkte verlegen und absolut liebenswert. „Ist das nicht offensichtlich? Dich.“

„Ich verstehe nicht. Du hast gar nicht angerufen.“

„Du auch nicht.“

Sie schluckte, während eine leise Hoffnung in ihr keimte. Bestimmt war er hier, weil sie ihm etwas bedeutete. Warum sonst sollte er den ganzen Weg bis nach Texas reisen? „Heute – genauer gesagt, vor ein paar Augenblicken – habe ich beschlossen, dich anzurufen. Aber …“

Er trat nahe genug an sie heran, dass sie die Sonne an seinem Cowboyhemd riechen und die kleinen Fältchen in seinen Augenwinkeln erkennen konnte.

Seit sie sich getrennt hatten, war seine Haut in der Sommersonne noch brauner geworden, was ihm ein nahezu südländisches Aussehen verlieh. Und als sie ihn ansah, begann sie vor Sehnsucht dahinzuschmelzen.

„Ich wollte dich auch anrufen“, sagte er. „Doch dann habe ich beschlossen, dass ich dir die folgenden Worte persönlich sagen muss.“

Plötzlich verschwammen die Kunden, die Verkäufer, einfach alles um sie herum, im Nirgendwo. Das Einzige, was Rebecca jetzt noch sehen konnte, war er. „Und die wären?“

Er trat vor und legte seine Hand auf ihren Oberarm. „Vor deiner Abreise hast du mir gesagt, dass du nicht weißt, wo dein Platz im Leben ist. Nun, ich bin gekommen, um dir ganz genau zu sagen, wo der ist. Bei mir. Und zwar für immer.“

Überwältigt vor Freude, versuchte sie, ihre Stimme wiederzufinden. Doch dann spielte auch das keine Rolle mehr, denn Jake hob sie in die Luft und gab ihr einen langen, intensiven Kuss.

Hinter ihnen waren mehrere Ahhs und Ohhs zu hören, gefolgt von brandendem Applaus. Als sie sich wieder voneinander gelöst hatten, blickten sie auf ein fasziniertes Publikum.

Lachend nahm Rebecca seine Hand und eilte mit ihm davon, einen langen Gang hinunter, bis in ihr Büro.

„Hier arbeitest du?“

Sie trat von hinten an ihn heran. „Das ist mein Büro.“

Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Nicht schlecht.“

Jetzt, da sie völlig allein waren, war das Erste, worauf Rebecca Lust verspürte, sich in seine Arme zu werfen und ihn mit aller Kraft an sich zu drücken. Sie war gierig nach seinem Geschmack, seinen Berührungen, seinem Geruch …

Aber sie brauchte auch noch einige Antworten. „Jake, ich muss wissen, warum …“

Bevor sie ihre Frage beenden konnte, drehte er sich um und legte die Arme um sie. „… ich wieder zur Vernunft gekommen bin und mir klar wurde, dass ich dich liebe?“, beendete er sie für sie.

Das Wort Liebe aus seinem Mund brachte sie beinahe zum Schmelzen. Rebecca hielt sich an seinem Hemd fest, um nicht ins Taumeln zu geraten. „Du liebst mich?“

„Von ganzem Herzen“, gab er zurück. „Ich hatte nur Angst, es mir und vor allem dir einzugestehen. Ich bin kein geborener Familienvater, Becca. Ich dachte immer, den größten Gefallen, den ich einer Frau machen kann, ist, zu verschwinden, bevor ich sie so verletze, wie es mein Vater mit meiner Mutter getan hat. Aber ich kann nicht einfach von dir weggehen. Und so stehe ich hier und frage dich, ob du mir die Chance gibst, etwas zu werden, was ich mir selbst nie zugetraut habe: ein Ehemann und Vater.“

Ihr Herz sprudelte fast über vor Liebe. Sie streckte die Hand aus und strich über seine dunkle Wange. „Du bist nicht Lee Rollins. Du bist ein eigenständiger Mann. Den Mann, den ich liebe.“

Er legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Nachdem du gegangen bist, habe ich mit meiner Mutter gesprochen und herausgefunden, dass mein Vater vor einigen Jahren gestorben ist. Und dass ich einen Halbbruder und eine Halbschwester habe.“

„Meine Güte. Und wie hat sie darauf reagiert, dass du Kontakt zu ihnen aufgenommen hast?“

„Überraschenderweise sehr freundlich und verständnisvoll. Sie besteht sogar auf einem Treffen mit meinen Halbgeschwistern.“

„Wie wundervoll. Aber was ist mit deinem Vater? Hat sie eine Erklärung dafür, weshalb er dich im Stich gelassen hat?“

„Seine Witwe hat mir erzählt, dass Lee glaubte, ich sei ohne ihn besser dran. Ihm sei klar geworden, dass er nicht gerade das beste Vorbild für einen Sohn war. Außerdem herrschten zwischen ihm und meiner Mutter so viel Hass und Streit, dass er glaubte, die ständige Streiterei würde mich nur noch mehr verletzen. Seine Art, mich zu lieben, bestand darin, sich von mir fernzuhalten. Damit ich mir andere Vorbilder suche.“

Sie musterte ihn eingehend. „Und wie fühlst du dich, jetzt, wo du das weißt?“

„Traurig. Aber seltsamerweise auch frei. Jahrelang habe ich mit dem Gedanken gespielt, ihn zu suchen. Ich hatte diese Vorstellung, dass es mir irgendeine Art Befriedigung verschaffen würde, ihm ins Gesicht zu sagen, wie sehr er mich und Mom verletzt hat, und was für ein bedauernswerter Mensch er doch ist. Aber als seine Witwe mir von seinem Tod erzählt hat, da spielte all das keine Rolle mehr. Mir wurde klar, dass es so viele wichtigere Dinge in meinem Leben gibt. Dich vor allem.“

Mit einem erleichterten Schluchzen presste sie sich an seine Brust. „Oh, Jake, ich bin so froh. Wir beide hatten vielleicht nicht das beste Elternhaus, aber wir bauen uns einfach ein schönes gemeinsames Zuhause auf.“

Er hob ihr Kinn leicht an und deutete auf ihr luxuriöses Büro. „Kannst du das alles hier für mich aufgeben?“

Liebe leuchtete in ihren Augen, Rebecca lächelte ihn an. „Kannst du mich für den Rest deines Lebens lieben?“

„Na klar“, flüsterte er.

Sie schlang die Arme um ihn. „Du nimmst mir die Worte aus dem Mund. Na klar.“

 

EPILOG

    Vierzehn Monate später.

Jake schwang sich von dem haselnussbraunen Fohlen, das er gerade zugeritten hatte, und band es an einen nahe gelegenen Pfosten.

Die Sonne zeigte sich erst seit einer halben Stunde, doch die Hilfsarbeiter waren schon lange vor Sonnenaufgang gekommen, um die frühmorgendlichen Branding-Arbeiten durchzuführen.

„Das war schon sehr gut, Smarty Cat.“ Er tätschelte liebevoll den Hals des Pferdes. „Bald bist du so weit, dass du auf der Rennbahn galoppieren kannst. Und in einem Jahr bist du vielleicht sogar bereit für das Sunland Derby.“

„Das ist eine große Prognose.“

Als er Rebeccas Stimme hörte, drehte Jake sich um und sah seine Frau mit ihrer gemeinsamen drei Monate alten Tochter im Arm, während Beau zufrieden hinter ihr hertrottete.

Es war ein sonniger Morgen, doch die Luft war noch frisch an diesem frühen Märztag.

Rebecca hatte das Baby in eine dicke gelbe Decke gewickelt und ihm eine pinkfarbene Wollmütze aufgesetzt.

Jake konnte nicht widerstehen, seiner Tochter die Decke vom Gesicht zu ziehen, und ihr einen Kuss auf ihr engelsgleiches Gesicht zu geben. Das Kind erfüllte ihn mit einer unbeschreiblichen Freude.

„Hi, Jacklyn“, summte er dem Baby zu. „Bist du hier, um Daddy bei der Arbeit zuzusehen?“

„Das nennst du Arbeit“, zog Rebecca ihn auf. „Ich dachte, du vergnügst dich.“

Seit ihrer Hochzeit vor über einem Jahr hatte sich viel auf der Rafter-R-Ranch verändert. Mit Rebeccas Unterstützung war Jake Abes Ratschlag gefolgt und hatte seine Viehherde verkauft.

Jetzt wurden die Weiden nur noch von Zuchtstuten bevölkert. In einem großen, beheizten Stall mit Fohlenareal wurden aussichtsreiche Rennpferde gehalten. Eine Rennbahn und Führanlagen waren gebaut worden.

Jake tat jetzt das, was er liebte, und er blühte darin regelrecht auf.

„Glaubst du wirklich, dass Smarty Cat mal gut genug wird, um am Sunland Derby teilzunehmen? Das ist nur einen Schritt vom Kentucky Derby entfernt“, erinnerte Rebecca ihn.

Lachend legte Jake seinen Arm um ihre Schultern und drückte sie und das Baby an seine Seite. „Ich weiß, dass es ein großer Traum ist, Rebecca. Und wenn ich so zuversichtlich klinge, dann ist das auch deine Schuld. Ich gebe mich nicht mehr damit zufrieden, einfach nur vor mich hinzuleben und mit der Ranch schwarze Zahlen zu schreiben. Ich will aus unseren Pferden Champions machen.“

„Und wenn du das in die Hand nimmst, werden sie das auch“, versicherte sie.

„Was machst du mit Jacklyn eigentlich so früh am Morgen im Stall? Frühsport?“

„Ich hätte dich auch auf dem Handy anrufen können, aber ich wollte dich sehen.“

Sein Lächeln erinnerte sie auf sinnliche Weise an ihr lustvolles Liebesspiel von letzter Nacht. „Du bekommst einfach nicht genug von mir, nicht wahr?“

Sie rümpfte scherzhaft die Nase. „Tut mir leid, wenn ich deine Illusionen zerstöre, aber ich bin aus einem ganz anderen Grund hier. Ich wollte fragen, ob es dir etwas ausmacht, heute etwas früher Feierabend zu machen. Gerade habe ich nämlich mit deiner Mutter telefoniert und sie zum Essen eingeladen. Sie bringt einen Freund mit.“

Jake hob eine Augenbraue. „Einen Freund? Meinst du damit etwa einen Mann? Eine Verabredung?“

Rebecca lachte. „Du hast schon richtig gehört. Glaub mir, ich bin genauso überrascht wie du.“

„Hmm.“ Er strich sich nachdenklich mit dem Daumen über das Kinn. „Hat sie dir seinen Namen verraten?“

„Nein. Spielt das denn eine Rolle?“

„Eigentlich nicht. Ich bin nur froh, dass Mom ins Leben zurückkehrt. Sie scheint regelrecht aufzublühen. Und das hat sie dir zu verdanken.“

„Mir? Diese Lorbeeren gebühren mir nicht. Ich denke eher, ihre Entscheidung, dir bei der Suche nach Lee Rollins zu helfen, hat sie von ihren Dämonen befreit.“

„Da könntest du recht haben. Ich weiß allerdings, dass es sie inspiriert hat zu sehen, wie glücklich du mich machst.“

„Ihr Sohn macht mich auch sehr glücklich.“ Dann richtete sie ihren Blick auf die weit entfernten Berge. „Ich wünschte nur, die Probleme zwischen mir und Gwyn ließen sich auch so einfach bereinigen. Ich habe mir überlegt, sie vielleicht mal auf einen Besuch einzuladen. Hättest du etwas dagegen?“

„Warum sollte ich? Du warst eine tolle Gastgeberin, als mein Bruder und meine Schwester uns vor einigen Wochen besucht haben.“

„Das hat ja auch Spaß gemacht. Die beiden sind genauso charmant wie du, mein lieber Mann. Das mit Gwyn könnte allerdings etwas unangenehm werden“, warnte sie.

„Möglich. Aber irgendwo muss du doch anfangen, Becca. Die Einladung würde ihr zeigen, dass du bereit bist, ihr zu vergeben und an den Problemen der Vergangenheit zu arbeiten. Glaubst du denn, dass sie kommen würde?“

„Wer weiß? Sie mag die Natur nicht besonders. Aber wenn sie mich verstehen will, dann muss sie auch begreifen, dass ich naturverbunden bin. Außerdem sollte sie sich ansehen, wo ihre Schwester gelebt hat – und wo sie beerdigt ist.“

„Darauf lässt Gwyn sich vielleicht nicht ein.“

Rebecca zuckte die Achseln. „Vielleicht nicht. Ich hoffe jedoch, dass sie etwas Zeit hatte, sich Gedanken über das Vergeben und das Loslassen zu machen. Außerdem glaube ich, dass sie jede Gelegenheit wahrnimmt, Zeit mit Jacklyn zu verbringen. Wenn irgendetwas die Wunden der Vergangenheit heilen kann, dann ist es unsere Tochter.“

Sie warf einen weiteren Blick auf das dunkelhaarige Baby. Dann zog sie seine Mütze zurecht und reichte es Jake.

Während er mit seiner Tochter spielte und sprach, ging Rebecca zu Smarty Cat und streichelte das Tier. Auf der Suche nach einem Snack stieß das Pferd an ihre Hand. Rebecca zog einen Apfel aus der Tasche und fütterte es damit.

„Genau, wie ich mit gedacht habe“, meinte Jake neckend. „Du bist gar nicht meinetwegen hier, sondern weil du die Pferde verziehen willst.“

„Ich kann nicht anders. Ich liebe sie einfach.“

Sie lächelte, als Jake eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Vermisst du die Arbeit bei Dr Adams?“

Ein Tierarzt, dessen Praxis in der Nähe der Rennbahn lag, hatte ihr nach ihrer Hochzeit eine Ausbildungsstelle als Tierarzthelferin angeboten. Und bis zu Jacklyns Geburt hatte sie Vollzeit für ihn gearbeitet.

Die Ausbildung hatte sie sehr viel mehr gelehrt als nur den Umgang mit Tieren. Sie hatte herausgefunden, dass ihre Mädchenträume alles andere als albern gewesen waren.

„Ich liebe die Arbeit. Aber genauso liebe ich es, Mutter zu sein. Außerdem hatte ich während des Erziehungsurlaubs die Möglichkeit, Onlinekurse für Viehaufzucht zu belegen.“

Sie drehte den Kopf und lächelte Jake herausfordernd an. „Während meiner nächsten Schwangerschaften bleibt mir genügend Zeit, meinen Abschluss zu machen.“

Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. „Schwangerschaften? Gleich mehrere?“

Sie lachte. „Na klar. Dir reicht doch auch nicht nur ein Pferd in deinem Stall, oder?“

„Nein, aber du kannst sicher sein, dass …“ Mit verheißungsvollem Blick senkte er den Kopf und schmiegte sich an ihre Wange. „… mir eine einzige Frau in meinem Bett und in meinem Leben reicht.“

„Gut zu wissen“, sagte sie und seufzte zufrieden. „Mich wirst du nämlich nicht mehr los. Solange wir leben, bleibe ich bei dir.“

– ENDE –


Sold out

Sold out

Sold out
Vorheriger Artikel Wie ein Traum aus 1001 Nacht – Kapitel 1
Nächster Artikel Zeit der Zärtlichkeit, Zeit der Liebe – Kapitel 9