Ellie konnte sich hinterher weder daran erinnern, eingewilligt zu haben, zur Preisverleihung mitzukommen, noch zwei Nächte mit einem ihr nahezu Unbekannten in London zu verbringen.
Dabei hatte sie sich geschworen, sich nie wieder zu etwas drängen zu lassen. Viel zu lange hatte sie zugelassen, dass ihre Wünsche übergangen wurden, dass sie Dinge tat, die sie nicht wollte. Drei Jahre hatte sie ihrer trauernden Mutter geopfert, noch einmal so lange hatte sie erfolglos versucht, sich in die perfekte Frau für Simon zu verwandeln.
Dennoch saß sie jetzt neben Max in seinem Mietwagen, auf dem Weg nach London – kribbelig vor freudiger Erwartung, gemischt mit ein wenig Furcht vor dem Unbekannten.
Nach der friedlichen Zeit in Trengarth war sie bereit für ein kleines Abenteuer, und wenn es in Form eines Champagnerempfangs kam, umso besser. Sie brauchte vermutlich nur zu lächeln und dem Sieger zu applaudieren. Dass sie den Preis gewann, war mehr als unwahrscheinlich. Aber sie würde die Gelegenheit nutzen, Kontakte für das Festival zu knüpfen. Die Vorstellung bereitete ihr Magengrimmen, immerhin hatte Max versprochen, sich um sie zu kümmern.
„Einen Cent für deine Gedanken! Du bist so still, dass ich die Rädchen in deinem Kopf knirschen höre.“
Verlegen sah Ellie aus dem Fenster. Das herbschöne Cornwall lag hinter ihnen, und sie fuhren nun durch eine liebliche grüne Hügellandschaft. Schafe grasten auf saftigen, von Hecken oder Bäumen eingefassten Weiden, in der Ferne wogten Getreidefelder im Wind. Hinter der nächsten Biegung erwartete sie vermutlich eines der typischen idyllischen Dörfer mit strohgedeckten Cottages und einem Maibaum auf dem Marktplatz.
In den vergangenen Tagen hatte Ellie so viel Zeit mit Max verbracht, wie mit niemandem sonst in den vergangenen drei Jahren – von Demelza Loveday abgesehen. Wahrscheinlich empfand sie deswegen das Bedürfnis, sich ihm anzuvertrauen.
Er hat sich dir auch schon geöffnet, raunte ihr eine innere Stimme zu. Sie hatte einen Blick hinter seine Fassade werfen dürfen, und was sie dort gesehen hatte, gefiel ihr. Ganz so selbstsicher, wie er sich gab, war er jedenfalls nicht. Er stellte vieles infrage, war zwar skrupellos und bereit, notfalls seinen Vater zu opfern, doch nicht aus Eigennutz, sondern weil er es für das Beste hielt. Das zeugte von Stärke.
„Weißt du, dass ich Trengarth jetzt das erste Mal in drei Jahren verlassen habe?“
„Wirklich?“ Max stieß einen Pfiff aus. „Wie alt bist du? Fünfundzwanzig? Ist das nicht zu jung, um sich an einem Ort zu vergraben, so hübsch er auch ist?“
„Mir war nicht bewusst, dass ich das tue. Ich habe mich dort … sicher gefühlt.“
„Hast du nicht einmal deine Mutter besucht?“
„Sie hat immer viel um die Ohren und verreist häufig mit meinem Stiefvater. Nur nach Cornwall kommen sie nicht.“ Das klang selbst in Ellies Ohren verbittert. „Es ist schön, einmal rauszukommen, wenn auch nur für wenige Tage. Mir ist, als wäre ich einem Käfig entflohen.“
Hoppla, jetzt hast du ihm zu viel verraten! dachte sie.
„Ein Ortswechsel kann zu einer völlig neuen Perspektive verhelfen.“
„Ich glaube, das Festival wird mir gut tut. Ich bin ein wenig …“ Sie suchte nach den rechten Worten. „… bequem geworden. Allzu kompliziert wird die Organisation vermutlich nicht werden. Ich veranstalte bereits Autorenlesungen, leite Buchclubs und Aktivitäten für Kinder. Das Festival ist eine Kombination aus alledem.“
„Du wirst das großartig machen.“
Ellie war sich da nicht so sicher. Jahrelang hatte sie sich in ihrem Schlupfloch verkrochen und weder Neues in Angriff genommen, noch sich Träume gestattet.
Die Schuld daran trug Simon. Er hatte ihr Selbstvertrauen zerstört und ihr drei Jahre ihres Lebens geraubt. Anschließend hatte sie noch einmal drei Jahre gebraucht, um sich von ihm zu erholen.
Vielleicht war, was gerade passierte – Max, die Preisverleihung – ein Zeichen, dass sie keine Angst mehr zu haben brauchte. Sie sollte loslegen und endlich leben.
„Früher wollte ich in London leben, abends ins Theater gehen, mittags Ausstellungen besuchen. Irgendwie habe ich diesen Abschnitt meines Lebens übersprungen. Ich habe mich niedergelassen, ohne zuvor etwas Spaß zu haben.“
Vorsichtig spähte sie zu Max herüber. Seine Miene war ausdruckslos. „Dasselbe trifft auf mich zu“, sagte er und lenkte den Wagen sicher durch den langsam dichter werdenden Verkehr. „Was war der Grund?“
Die Frage riss Ellie aus ihren Gedanken. „Was meinst du?“
„Warum hast du dich versteckt?“
Erschrocken schnappte sie nach Luft. Sie hatte sich ausnutzen und manipulieren lassen, bis sie nicht mehr wusste, wer sie eigentlich war. Doch wie konnte sie das einem selbstsicheren, erfolgreichen Mann wie ihm begreiflich machen?
Dass sie sich vom Schmerz und Kummer ihrer Mutter in die Falle hatte locken lassen, würde er verstehen. Sie hatte viel zu früh erwachsen werden, Rechnungen bezahlen und für Essen auf dem Tisch sorgen müssen.
Aber wie stand er zu ihrer späteren Schwäche? Max glaubte nicht an Liebe. Konnte er da begreifen, dass sie sich aus Einsamkeit und Sehnsucht danach dem Kontrollwahn eines Mannes ausgeliefert hatte, der sie psychisch misshandelte? Sie begriff es ja selbst kaum und schämte sich entsetzlich dafür.
„Lass uns nicht länger darüber sprechen. Was wollen wir in London unternehmen?“
Max lächelte. „Arbeiten, auf eine Party gehen … das Übliche.“
„Seit deiner Ankunft in Cornwall hast du Akten gewälzt und gearbeitet. Aber jetzt ist Wochenende. Du hast mich zum Mitkommen überredet, und ich will mir die Stadt ansehen. Ich mache auch Fotos von dir.“
„Okay.“
„Okay zu den Fotos?“
Seufzend lenkte Max ein. „Okay zu deinen Wochenendplänen. Du hast ja recht. Lass uns London genießen als wären wir Touristen. Wenigstens einen Tag lang.“
Uns? Unwillkürlich wurde es Ellie warm ums Herz. Jahrelang hatte sie andere auf Abstand gehalten, trotz ihrer zahlreichen Bekannten war sie meist alleine. Und nun wollte ausgerechnet Max Loveday etwas mit ihr unternehmen!
„Wie Touristen?“, wiederholte sie. „Du meinst, wir besichtigen das Parlament, den Buckingham Palast …?“
„Und alle anderen Sehenswürdigkeiten. Heute vergessen wir die Arbeit. Vielleicht nehme ich mir morgen auch noch frei, bis wir uns für die Party umkleiden müssen. Was meinst du?“
„Was möchtest du dir alles ansehen?“ Ellie zückte ihr Handy, um im Internet Ziele zu googeln.
„Lass uns nichts planen. Wir ziehen einfach los und lassen uns treiben.“
Ellie atmete tief durch. Plötzlich war sie schrecklich nervös. Du kannst das, versuchte sie sich zu beruhigen. Du darfst spontan sein und Spaß haben.
Früher war sie jedenfalls so gewesen, hatte ganz im Moment gelebt. Irgendwo in ihr musste doch noch eine Spur des kleinen Mädchens von damals stecken. „Einverstanden. Wir sehen zu, wohin es uns verschlägt.“
Ellie hätte sich am liebsten mit großen Augen in dem eleganten Fünfsternehotel umgesehen, in das Max sie führte. Der livrierte Türsteher, die goldene Pracht beeindruckten – und erschreckten – sie.
„Ich fürchte, das übersteigt mein Budget“, raunte sie Max zu, als der Portier ohne mit der Wimper zu zucken ihre schäbige alte Reisetasche ergriff.
Sie hatte geahnt, dass sie in einem guten Hotel absteigen würden, und fand das auch in Ordnung. Schließlich befanden sie sich auf Geschäftsreise. So viel Luxus hatte sie jedoch nicht erwartet. Wenn doch nur irgendwo ein Preisschild aushinge! Vermutlich konnte sie sich nicht einmal ein Sandwich an der eleganten Snackbar leisten.
Eine einzige Nacht in diesem Luxushotel würde ein tiefes Loch in ihre Ersparnisse reißen. Voller Anspannung ballte sie die Hände zu Fäusten, bis sich ihre Fingernägel schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten. Such dir eine preiswerte Bleibe, riet ihr die Stimme der Vernunft.
Doch der Portier führte sie bereits zum Lift, schon schloss sich die Tür hinter ihnen. War es zu spät zum Umkehren? Vielleicht, wenn sie außerhalb des Hotels aß und die Minibar mied …?
Glücklicherweise verfügte sie über ein kleines Konto für Notfälle. Sie bezweifelte jedoch, dass ein Luxushotel in diese Kategorie fiel.
„Keine Sorge, das Hotel geht auf DL Media“, flüsterte Max ihr ins Ohr.
Ellie sah ihn verblüfft an. Erleichterung und Panik stritten in ihr. Simon hatte sie irgendwann auch übers Geld kontrolliert. Seither hatte sie immer für sich selbst bezahlt. „Kommt gar nicht infrage. Ich begleiche meine Rechnung selbst.“
Max rückte näher und sah ihr in die Augen. Verlegen senkte sie den Blick. Das war allerdings nicht besser, denn so schaute sie auf seine Brust und sah, wie sich seine Muskeln unter dem grauen T-Shirt abzeichneten.
In der vergangenen Nacht hatte sie sich eingestanden, dass sie Max attraktiv fand. Er war jung, fit, intelligent und besaß ein an Arroganz grenzendes Selbstbewusstsein. Gelegentlich trieb er sie zur Weißglut, doch er besaß unleugbar Charme.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie allerdings seine muskulösen Beine kaum wahrgenommen, die heute in abgetragenen Jeans steckten, oder den flachen Bauch und die breite Brust. Sie war ihm noch nie so nahe gekommen wie jetzt – nur wenige Zentimeter trennten sie. Sein Atem streifte ihre Wange, sein männlicher Duft nach Seeluft und Pinienholz hüllte sie ein. Sie war sich seiner Nähe bewusst wie nie zuvor, tief in ihrem Inneren spürte sie ein sehnsüchtiges Ziehen.
„DL Media kommt für das Hotel auf. Du darfst dafür das Abendessen übernehmen. Einverstanden?“
Mit diesem Kompromiss fühlte sie sich gleich viel wohler, dennoch pochte ihr Puls einen Trommelwirbel, in ihrem Magen zog es seltsam. Sie wollte sich Max in die Arme werfen, ihn spüren, ihn berühren.
„Abgemacht“, brachte sie mühsam heraus. Ihre Kehle fühlte sich an wie ausgedörrt, sie meinte, in dem engen Lift zu ersticken.
Seit wann hatte Max diese Wirkung auf sie? Wann hatte sie bemerkt, dass sein Haar sich lockte, so kurz geschnitten er es auch trug? Wie sexy seine Lippen aussahen, wenn er sie ungeduldig, verächtlich oder amüsiert verzog? Oder den warmen Glanz seiner Augen, und wie er sich völlig auf sein Gegenüber konzentrierte?
Hastig wich sie einen Schritt zurück. Ihr wurde immer heißer, Schweißtropfen traten auf ihre Stirn. Hoffentlich merkte Max nichts von ihren Gefühlen – die natürlich nichts mit ihm persönlich zu tun hatten. Ihr Problem war, dass sie seit drei Jahren im Zölibat lebte, emotional wie körperlich.
