Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 5

Ellie konnte sich hinterher weder daran erinnern, eingewilligt zu haben, zur Preisverleihung mitzukommen, noch zwei Nächte mit einem ihr nahezu Unbekannten in London zu verbringen.

Dabei hatte sie sich geschworen, sich nie wieder zu etwas drängen zu lassen. Viel zu lange hatte sie zugelassen, dass ihre Wünsche übergangen wurden, dass sie Dinge tat, die sie nicht wollte. Drei Jahre hatte sie ihrer trauernden Mutter geopfert, noch einmal so lange hatte sie erfolglos versucht, sich in die perfekte Frau für Simon zu verwandeln.

Dennoch saß sie jetzt neben Max in seinem Mietwagen, auf dem Weg nach London – kribbelig vor freudiger Erwartung, gemischt mit ein wenig Furcht vor dem Unbekannten.

Nach der friedlichen Zeit in Trengarth war sie bereit für ein kleines Abenteuer, und wenn es in Form eines Champagnerempfangs kam, umso besser. Sie brauchte vermutlich nur zu lächeln und dem Sieger zu applaudieren. Dass sie den Preis gewann, war mehr als unwahrscheinlich. Aber sie würde die Gelegenheit nutzen, Kontakte für das Festival zu knüpfen. Die Vorstellung bereitete ihr Magengrimmen, immerhin hatte Max versprochen, sich um sie zu kümmern.

„Einen Cent für deine Gedanken! Du bist so still, dass ich die Rädchen in deinem Kopf knirschen höre.“

Verlegen sah Ellie aus dem Fenster. Das herbschöne Cornwall lag hinter ihnen, und sie fuhren nun durch eine liebliche grüne Hügellandschaft. Schafe grasten auf saftigen, von Hecken oder Bäumen eingefassten Weiden, in der Ferne wogten Getreidefelder im Wind. Hinter der nächsten Biegung erwartete sie vermutlich eines der typischen idyllischen Dörfer mit strohgedeckten Cottages und einem Maibaum auf dem Marktplatz.

In den vergangenen Tagen hatte Ellie so viel Zeit mit Max verbracht, wie mit niemandem sonst in den vergangenen drei Jahren – von Demelza Loveday abgesehen. Wahrscheinlich empfand sie deswegen das Bedürfnis, sich ihm anzuvertrauen.

Er hat sich dir auch schon geöffnet, raunte ihr eine innere Stimme zu. Sie hatte einen Blick hinter seine Fassade werfen dürfen, und was sie dort gesehen hatte, gefiel ihr. Ganz so selbstsicher, wie er sich gab, war er jedenfalls nicht. Er stellte vieles infrage, war zwar skrupellos und bereit, notfalls seinen Vater zu opfern, doch nicht aus Eigennutz, sondern weil er es für das Beste hielt. Das zeugte von Stärke.

„Weißt du, dass ich Trengarth jetzt das erste Mal in drei Jahren verlassen habe?“

„Wirklich?“ Max stieß einen Pfiff aus. „Wie alt bist du? Fünfundzwanzig? Ist das nicht zu jung, um sich an einem Ort zu vergraben, so hübsch er auch ist?“

„Mir war nicht bewusst, dass ich das tue. Ich habe mich dort … sicher gefühlt.“

„Hast du nicht einmal deine Mutter besucht?“

„Sie hat immer viel um die Ohren und verreist häufig mit meinem Stiefvater. Nur nach Cornwall kommen sie nicht.“ Das klang selbst in Ellies Ohren verbittert. „Es ist schön, einmal rauszukommen, wenn auch nur für wenige Tage. Mir ist, als wäre ich einem Käfig entflohen.“

Hoppla, jetzt hast du ihm zu viel verraten! dachte sie.

„Ein Ortswechsel kann zu einer völlig neuen Perspektive verhelfen.“

„Ich glaube, das Festival wird mir gut tut. Ich bin ein wenig …“ Sie suchte nach den rechten Worten. „… bequem geworden. Allzu kompliziert wird die Organisation vermutlich nicht werden. Ich veranstalte bereits Autorenlesungen, leite Buchclubs und Aktivitäten für Kinder. Das Festival ist eine Kombination aus alledem.“

„Du wirst das großartig machen.“

Ellie war sich da nicht so sicher. Jahrelang hatte sie sich in ihrem Schlupfloch verkrochen und weder Neues in Angriff genommen, noch sich Träume gestattet.

Die Schuld daran trug Simon. Er hatte ihr Selbstvertrauen zerstört und ihr drei Jahre ihres Lebens geraubt. Anschließend hatte sie noch einmal drei Jahre gebraucht, um sich von ihm zu erholen.

Vielleicht war, was gerade passierte – Max, die Preisverleihung – ein Zeichen, dass sie keine Angst mehr zu haben brauchte. Sie sollte loslegen und endlich leben.

„Früher wollte ich in London leben, abends ins Theater gehen, mittags Ausstellungen besuchen. Irgendwie habe ich diesen Abschnitt meines Lebens übersprungen. Ich habe mich niedergelassen, ohne zuvor etwas Spaß zu haben.“

Vorsichtig spähte sie zu Max herüber. Seine Miene war ausdruckslos. „Dasselbe trifft auf mich zu“, sagte er und lenkte den Wagen sicher durch den langsam dichter werdenden Verkehr. „Was war der Grund?“

Die Frage riss Ellie aus ihren Gedanken. „Was meinst du?“

„Warum hast du dich versteckt?“

Erschrocken schnappte sie nach Luft. Sie hatte sich ausnutzen und manipulieren lassen, bis sie nicht mehr wusste, wer sie eigentlich war. Doch wie konnte sie das einem selbstsicheren, erfolgreichen Mann wie ihm begreiflich machen?

Dass sie sich vom Schmerz und Kummer ihrer Mutter in die Falle hatte locken lassen, würde er verstehen. Sie hatte viel zu früh erwachsen werden, Rechnungen bezahlen und für Essen auf dem Tisch sorgen müssen.

Aber wie stand er zu ihrer späteren Schwäche? Max glaubte nicht an Liebe. Konnte er da begreifen, dass sie sich aus Einsamkeit und Sehnsucht danach dem Kontrollwahn eines Mannes ausgeliefert hatte, der sie psychisch misshandelte? Sie begriff es ja selbst kaum und schämte sich entsetzlich dafür.

„Lass uns nicht länger darüber sprechen. Was wollen wir in London unternehmen?“

Max lächelte. „Arbeiten, auf eine Party gehen … das Übliche.“

„Seit deiner Ankunft in Cornwall hast du Akten gewälzt und gearbeitet. Aber jetzt ist Wochenende. Du hast mich zum Mitkommen überredet, und ich will mir die Stadt ansehen. Ich mache auch Fotos von dir.“

„Okay.“

„Okay zu den Fotos?“

Seufzend lenkte Max ein. „Okay zu deinen Wochenendplänen. Du hast ja recht. Lass uns London genießen als wären wir Touristen. Wenigstens einen Tag lang.“

Uns? Unwillkürlich wurde es Ellie warm ums Herz. Jahrelang hatte sie andere auf Abstand gehalten, trotz ihrer zahlreichen Bekannten war sie meist alleine. Und nun wollte ausgerechnet Max Loveday etwas mit ihr unternehmen!

„Wie Touristen?“, wiederholte sie. „Du meinst, wir besichtigen das Parlament, den Buckingham Palast …?“

„Und alle anderen Sehenswürdigkeiten. Heute vergessen wir die Arbeit. Vielleicht nehme ich mir morgen auch noch frei, bis wir uns für die Party umkleiden müssen. Was meinst du?“

„Was möchtest du dir alles ansehen?“ Ellie zückte ihr Handy, um im Internet Ziele zu googeln.

„Lass uns nichts planen. Wir ziehen einfach los und lassen uns treiben.“

Ellie atmete tief durch. Plötzlich war sie schrecklich nervös. Du kannst das, versuchte sie sich zu beruhigen. Du darfst spontan sein und Spaß haben.

Früher war sie jedenfalls so gewesen, hatte ganz im Moment gelebt. Irgendwo in ihr musste doch noch eine Spur des kleinen Mädchens von damals stecken. „Einverstanden. Wir sehen zu, wohin es uns verschlägt.“

 

Ellie hätte sich am liebsten mit großen Augen in dem eleganten Fünfsternehotel umgesehen, in das Max sie führte. Der livrierte Türsteher, die goldene Pracht beeindruckten – und erschreckten – sie.

„Ich fürchte, das übersteigt mein Budget“, raunte sie Max zu, als der Portier ohne mit der Wimper zu zucken ihre schäbige alte Reisetasche ergriff.

Sie hatte geahnt, dass sie in einem guten Hotel absteigen würden, und fand das auch in Ordnung. Schließlich befanden sie sich auf Geschäftsreise. So viel Luxus hatte sie jedoch nicht erwartet. Wenn doch nur irgendwo ein Preisschild aushinge! Vermutlich konnte sie sich nicht einmal ein Sandwich an der eleganten Snackbar leisten.

Eine einzige Nacht in diesem Luxushotel würde ein tiefes Loch in ihre Ersparnisse reißen. Voller Anspannung ballte sie die Hände zu Fäusten, bis sich ihre Fingernägel schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten. Such dir eine preiswerte Bleibe, riet ihr die Stimme der Vernunft.

Doch der Portier führte sie bereits zum Lift, schon schloss sich die Tür hinter ihnen. War es zu spät zum Umkehren? Vielleicht, wenn sie außerhalb des Hotels aß und die Minibar mied …?

Glücklicherweise verfügte sie über ein kleines Konto für Notfälle. Sie bezweifelte jedoch, dass ein Luxushotel in diese Kategorie fiel.

„Keine Sorge, das Hotel geht auf DL Media“, flüsterte Max ihr ins Ohr.

Ellie sah ihn verblüfft an. Erleichterung und Panik stritten in ihr. Simon hatte sie irgendwann auch übers Geld kontrolliert. Seither hatte sie immer für sich selbst bezahlt. „Kommt gar nicht infrage. Ich begleiche meine Rechnung selbst.“

Max rückte näher und sah ihr in die Augen. Verlegen senkte sie den Blick. Das war allerdings nicht besser, denn so schaute sie auf seine Brust und sah, wie sich seine Muskeln unter dem grauen T-Shirt abzeichneten.

In der vergangenen Nacht hatte sie sich eingestanden, dass sie Max attraktiv fand. Er war jung, fit, intelligent und besaß ein an Arroganz grenzendes Selbstbewusstsein. Gelegentlich trieb er sie zur Weißglut, doch er besaß unleugbar Charme.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie allerdings seine muskulösen Beine kaum wahrgenommen, die heute in abgetragenen Jeans steckten, oder den flachen Bauch und die breite Brust. Sie war ihm noch nie so nahe gekommen wie jetzt – nur wenige Zentimeter trennten sie. Sein Atem streifte ihre Wange, sein männlicher Duft nach Seeluft und Pinienholz hüllte sie ein. Sie war sich seiner Nähe bewusst wie nie zuvor, tief in ihrem Inneren spürte sie ein sehnsüchtiges Ziehen.

„DL Media kommt für das Hotel auf. Du darfst dafür das Abendessen übernehmen. Einverstanden?“

Mit diesem Kompromiss fühlte sie sich gleich viel wohler, dennoch pochte ihr Puls einen Trommelwirbel, in ihrem Magen zog es seltsam. Sie wollte sich Max in die Arme werfen, ihn spüren, ihn berühren.

„Abgemacht“, brachte sie mühsam heraus. Ihre Kehle fühlte sich an wie ausgedörrt, sie meinte, in dem engen Lift zu ersticken.

Seit wann hatte Max diese Wirkung auf sie? Wann hatte sie bemerkt, dass sein Haar sich lockte, so kurz geschnitten er es auch trug? Wie sexy seine Lippen aussahen, wenn er sie ungeduldig, verächtlich oder amüsiert verzog? Oder den warmen Glanz seiner Augen, und wie er sich völlig auf sein Gegenüber konzentrierte?

Hastig wich sie einen Schritt zurück. Ihr wurde immer heißer, Schweißtropfen traten auf ihre Stirn. Hoffentlich merkte Max nichts von ihren Gefühlen – die natürlich nichts mit ihm persönlich zu tun hatten. Ihr Problem war, dass sie seit drei Jahren im Zölibat lebte, emotional wie körperlich.

 

Ellie hielt sich nicht für oberflächlich. Von einem hübschen Gesicht, dickem Portemonnaie und Charme ließ sie sich nicht noch einmal blenden. Sie war schlichtweg bereit für den nächsten Schritt – und Max war zufällig zur Stelle, zwei Wochen lang. Damit gab er ein perfektes Ziel für ihre lange verdrängten Emotionen ab.

Endlich hielt der Lift, und die Tür glitt auf.

„Hier entlang bitte, Sir, Madam.“

Sehnsüchtig dachte Ellie an die lange, kalte Dusche, die sie sich gleich gönnen würde. Ihr guter Vorsatz, die Minibar zu ignorieren, war bereits dahin. Sie brauchte dringend ein Glas Wein und ein großes Stück Schokolade. Anschließend würde sie ein ernstes Wort mit sich selbst reden.

Höflich ließ Max ihr den Vortritt. Ellie versuchte, so viel Abstand wie möglich von ihm zu halten, war sich aber seines Körpers hinter ihrem nur zu bewusst.

Du solltest dringend öfter ausgehen, sagte sie sich. Es gab genügend Singles in Trengarth, die sich für sie interessierten, Sam zum Beispiel. Sie würde künftig Einladungen annehmen, auf Dates gehen, wie andere Frauen ihres Alters auch.

„Madame, Sir …“ Der Portier öffnete eine Tür und trat beiseite. „Die Präsidentensuite.“

Ellie erstarrt sichtlich. „Ich …“ Sie musste sich räuspern. „Suite?“

Hinter sich hörte sie etwas, das verdächtig nach unterdrücktem Lachen klang. Wütend kniff sie die Augen zusammen. Max würde es büßen müssen, wenn er sie auslachte.

„Unsere beste Suite, wie gewünscht.“

Ellie fuhr zu Max herum, der übers ganze Gesicht grinste. „Suite?“

„Meine überaus tüchtige Assistentin scheint gedacht zu haben … Keine Sorge. Ich bin sicher, es gibt hier genügend Platz für uns beide. Notfalls finde ich irgendwo eine Besenkammer.“

„Bedauere, das Hotel ist ausgebucht.“ Besonders leid schien es dem Portier nicht zu tun. „Wenn Sie mir bitte folgen würden?“

 

Max fand es frustrierend mit anzusehen, wie sehr es Ellie Scott widerstrebte, eine Suite mit ihm zu teilen. Er hatte sie nicht absichtlich buchen lassen, als Katastrophe empfand er die Situation allerdings nicht. Und so übel war er schließlich auch nicht! Er hatte volles Haar, war Erbe eines bedeutenden Familienunternehmens, in guter körperlicher Form und in der Lage, zusammenhängende Sätze zu formulieren. Allgemein galt er als guter Fang, daher versetzte Ellies offen zur Schau getragener Abscheu seinem Ego einen harten Schlag.

Gleichzeitig amüsierte es ihn zu sehen, wie zwei Seelen in ihrer Brust miteinander kämpften, die Verlockungen der prächtigen Suite gegen das Zusammensein mit ihm aufrechneten.

Was hat Lydia sich nur dabei gedacht? wunderte er sich. Seine Assistentin brachte ihn üblicherweise in Hotels für Geschäftsreisende unter, komfortabel zwar, aber meilenweit entfernt von diesem prächtigen Liebesnest mit riesigem Bad inklusive Whirlpool und einem enormen Himmelbett.

Zu Ellies Erleichterung gab es ein zweites Schlafzimmer samt angeschlossenem Bad mit Dusche und einer normalen Wanne, das vom Hauptschlafraum durch Wohn- und Esszimmer getrennt war. Sie bestand hartnäckig auf dem kleineren Zimmer und gab ihm damit deutlich zu verstehen, dass sein Besuch unerwünscht war.

Sie hatte sich eine ganze Stunde lang dort versteckt, und während sie nun durch die Straßen der Stadt schlenderten, sah sie immer noch blass aus und war ungewöhnlich still. Das störte Max. Er hatte sich an ihre offene Art gewöhnt, die er als Freundschaftsbeweis empfand. Ihm wurde bewusst, wie wenige echte Freunde er besaß. Kumpel – jede Menge. Geliebte – so viele er wollte. Kollegen, Teamkameraden, Schulfreunde, Verwandte, Bekannte – ständig war er von Menschen umgeben. Aber wahre Freunde?

Mit wem redete er über die Scheidung seiner Eltern, über seine Skrupel, den Vater aus der Geschäftsleitung zu vertreiben? Mit niemandem als dieser ernsten, jungen Engländerin.

Wenn sie ihn nun wieder ausschließen würde, stünde er da wie zuvor. Er müsste alleine mit den Gefühlen zurechtkommen, die ihm die Seele zu zerreißen drohten. Und das Wochenende würde ihm grässlich lang werden.

Was sollte er also tun? Sie zum Lachen bringen, einen belanglosen Witz nach dem anderen reißen, bis sie ihre Einsilbigkeit aufgab? Damit war er bislang oft gut gefahren, und wenn es nicht half, war er einfach ohne einen Blick zurück gegangen. Das Leben war zu kurz für emotionale Erpressung.

Doch mit einem Scherz ließ sich bei Ellie vermutlich nichts ausrichten. Flucht schied ebenfalls aus, also beschloss er, es mit einem offenen Wort zu versuchen. „Du weißt hoffentlich, dass ich nicht absichtlich eine Suite für uns bestellt habe?“

Ellie blieb abrupt stehen und ignorierte das Schimpfen der Touristen und Geschäftsleute, die so unvermittelt um sie herum gehen mussten. „Dazu kenne ich dich nicht gut genug.“

„Schmierige Tricks habe ich nicht nötig. Wenn ich mit dir schlafen wollte, würde ich es dir sagen. Und du könntest mir einen Korb geben, ohne dass ich es dir übel nähme.“

Ellie betrachtete ihn eindringlich, als wollte sie bis in seine Seele schauen. Max versuchte, ihrem Blick standzuhalten. Was sah sie wohl? Seichtheit? Leere?

„Okay“, sagte sie nur und ging weiter.

„Okay?“ War das etwa schon alles?

„Ich habe dich falsch eingeschätzt. Entschuldige.“ Sie sah nach vorne, wollte offenbar jeden Blickkontakt vermeiden. „Mein … mein Ex hat ständig irgendwelche Tricks angewandt.“

„Also …“ Max beschloss, dass es Zeit war für ein wenig Leichtigkeit. Ellie hatte ihm mehr verraten, als ihr lieb sein mochte, und er sehnte sich nach der vertrauten Kameradschaft. „Wäre das ein Trick gewesen, wäre er gründlich nach hinten losgegangen. Die Suite ist riesig, zwischen unsere Schlafzimmer passt ein komplettes Hotelfoyer! Ich bin überzeugt, wir können uns beide heute Nacht in Sicherheit wiegen.“

„Deine Tugend war nie in Gefahr“, versicherte Ellie, ohne ihn anzusehen. Dennoch registrierte Max, dass sie errötete. War ihr die Situation so peinlich – oder war da noch mehr?

Ihr Hotel lag im Zentrum Londons. Max hatte die Stadt schon häufig besucht und kannte zahlreiche Hotels, Clubs und Restaurants. Doch nie zuvor war er ziellos durch die Straßen gewandert oder hatte die U-Bahn oder einen Bus benutzt. Plötzlich fand er es herrlich, Teil der Stadt zu sein, und sie nicht nur durchs Taxifenster zu sehen.

Sie spazierten nach Süden, wie magisch angezogen von der Themse. Nach einer Weile erreichten sie den St James Park, die grüne Oase vor der markanten Silhouette von Big Ben.

„Wir sind mitten im touristischen Zentrum gelandet“, stellte Ellie schmunzelnd fest, die ihr Gleichgewicht wiedergefunden zu haben schien. „Soll ich dir einen Polizeihelm kaufen oder lieber einen Stiftanspitzer in Form einer roten Telefonzelle?“

„Ich will einen Big-Ben-Schlüsselanhänger. Und ein T-Shirt mit dem Aufdruck: Du warst in London, und alles, was du mir mitgebracht hast, ist dieses schäbige T-Shirt.“

„Dann musst du es morgen Abend aber auch anziehen! Was jetzt? Sollen wir Westminster Abbey besichtigen oder in den Park gehen? Oder ins Parlament?“

„Ich würde gern zusehen, wie eure Politiker sich gegenseitig anschreien. Darf man dabei Popcorn essen?“

„Höchstens Aal in Aspik.“

„Was?“

„Wir Engländer sind verrückt danach. Es ist allerdings ein Geheimnis, sonst stehlen uns andere Nationen unser Leibgericht. Man spült den Aal übrigens mit Schnecken und Starkbier herunter.“

„Wirklich witzig.“

Ellie lachte. „Es stimmt aber. Wenn du Manns genug bist, besorge ich dir eine Portion.“

„Da lasse ich lieber meine Männlichkeit infrage stellen.“ Max erschauerte.

„Feigling! Also, was würden echte Touristen als Nächstes tun? Dort geht’s zum Buckingham Palace.“ Sie deutete in Richtung Park. „Ich könnte dich mit der Palastwache fotografieren. Das kommt immer gut.“

„Wenn ich doch nur acht Jahre alt wäre … Lädt die Queen uns auch zum Tee ein?“

„Nicht, wenn du das Nationalgericht ausschlägst. Wer Aal in Aspik nicht meistert, bekommt auch keine Gurkensandwiches.“

„Du zerstörst einen Kindheitstraum!“

„Was nun“, ignorierte Ellie seinen Einwand. „Trafalgar Square? Covent Garden? Oder lieber eine Show?“

„Lass uns einfach nur gehen.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Wie du willst.“

Wenig später erreichten sie eine belebte Kreuzung. Max ging nur selten zu Fuß, und ihm war noch nie aufgefallen, wie viel Lärm Autos machten. In der Altstadt Londons, vor den ehrwürdigen Villen und Palästen, wirkten sie geradezu fehl am Platz.

Eine breite Straße trennte die prächtigen Gebäude von der belebten Uferpromenade. Ellie deutete auf eine Brücke. „Sollen wir den Fluss überqueren?“

„Auf die finstere Seite?“

„Stimmt, früher galt die South Bank als gefährlich. Heute kann man getrost hingehen.“

„Du haftest für meine Sicherheit!“

Mitten auf der Brücke blieb Max stehen, schlang einen Arm um Ellie und zog sie an sich. Er spürte, wie sie sich versteifte. „Wir machen nur das obligatorische Big-Ben-Selfie. Cheese!“

Ellie entspannte sich gerade genug, um sich an ihn zu schmiegen. Max roch den Duft ihres Haars und sah, wie der Sonnenschein Farbakzente darauf zauberte: Zimt, Karamell, Melasse, Honig und Gold.

Am liebsten hätte er sie fester an sich gezogen, sie passte so gut in seine Arme. Er wollte ihr Kinn anheben und ihre Lippen kosten, wollte herausfinden, wie sie schmeckte.

„Lächeln!“, forderte er sie erneut auf. War das wirklich seine Stimme? Sie klang seltsam gepresst.

Ellie schien es nicht zu bemerken. Als er auf den Auslöser drückte, schnitt sie eine Grimasse.

„Noch eins.“ So schnell wollte Max sie nicht wieder loslassen.

 


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