Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 7

Max hatte Ellie noch nicht geküsst – ja, ihr noch nicht einmal einen verheißungsvollen Blick zugeworfen. Dabei hatte es Gelegenheiten zuhauf gegeben. Sie waren Hand in Hand die South Bank entlang geschlendert, hatten ein Buchantiquariat durchstöbert, in einem gemütlichen Pub ein Glas Wein getrunken und Pasta in einem bezaubernden italienischen Restaurant gegessen. Ellie hatte mit geschlossenen Augen den Geräuschen aus der Küche gelauscht, den köstlichen Duft nach Tomaten, Basilikum und Knoblauch eingeatmet und sich vorgestellt, sie wäre in Rom.

Jetzt waren sie auf dem Rückweg ins Hotel. Auf der beleuchteten Uferpromenade kamen ihnen Nachtschwärmer auf dem Weg zu ihren Unternehmungen entgegen, wieder hielten Max und Ellie sich bei der Hand. Doch Anstalten, sie zu küssen, machte er keine.

Insgeheim enttäuscht fragte sich Ellie, weshalb er etwas versprach, wenn er es nicht einzuhalten gedachte?

„Bist du müde? Soll ich ein Taxi rufen?“, fragte Max. „Oder würdest du lieber den Bus nehmen wie richtige Touristen? Ich muss dich allerdings warnen, die Dinger verwirren mich.“

„Verwirren sie dich, oder bist du noch nie mit einem gefahren?“

„Beides“, gestand Max lachend.

„Ich gehe lieber. Nach dem reichhaltigen Essen tut die Bewegung gut.“ Du Romantikerin! höhnte eine innere Stimme, und Ellie ärgerte sich über die bei einem heißen Date unpassende Bemerkung.

„Ich sehe dir an, wie sich die Rädchen in deinem Kopf drehen. Gibt es etwas, worüber du mit mir sprechen willst?“, fragte Max belustigt.

Ellie wunderte sich, wie entspannt er war. Es schien ihm nichts auszumachen, händchenhaltend mit einer Frau durch die Stadt zu spazieren, die er erst seit wenigen Tagen kannte.

„Nein.“ Ihre Gedanken über Küsse und heiße Dates würde sie ihm gewiss nicht verraten. „Ich denke nur, wie schön es ist, unterwegs zu sein.“

„Was machen wir morgen? Um achtzehn Uhr müssen wir zur Preisverleihung losfahren. Du brauchst vermutlich eineinhalb Stunden zum Fertigmachen …“

Ellie wollte ihm schon erklären, dass sie fürs Duschen, Haare bürsten, ein leichtes Make-up und die Entscheidung zwischen den beiden schwarzen Kleidern, die sie eingepackt hatte, höchstens dreißig Minuten benötigte. Da kam ihnen eine Gruppe junger Mädchen in luftigen, bunten Sommerkleidern auf High Heels entgegen. Betreten sah Ellie an ihrer grauen Jeans, den Turnschuhen und der schwarzen Tunika herunter. Ihr Haar trug sie in einem losen Knoten, sie war nicht geschminkt. Nach der Trennung hatte sie die Beige- und Brauntöne, die Simon bevorzugte, gegen eine andere farblose Uniform getauscht, in der unbewussten Absicht, bloß nicht aufzufallen.

Plötzlich kam ihr die Idee, dass sie sich im Spa-Bereich des Hotels für die Party zurechtmachen lassen könnte. „Ich fürchte, ich brauche den gesamten Nachmittag“, sagte sie hastig, ehe sie sich anders besinnen konnte.

Max sah sie amüsiert an. „Wie du meinst.“

„Ich weiß, wir wollten Spaß haben. Den Morgen über stehe ich dir immerhin zu Verfügung“, entschuldigte sie sich zerknirscht.

„Schon gut. Ich wollte ohnehin ins Büro. Montags schwänzen kommt nicht gut an, und in Trengarth habe ich noch so viel zu tun, dass mir keine Zeit für einen zweiten Abstecher nach London bleibt. Nimm dir alle Zeit der Welt.“

Verblüfft registrierte Ellie, dass er ihre Entscheidung widerspruchslos akzeptierte. Er versuchte nicht, sie umzustimmen, verschwendete keine Zeit auf falsche Komplimente. Das war toll – und zugleich enttäuschend.

 

Max hatte Ellie immer noch nicht geküsst, obwohl sie es offensichtlich herbeisehnte. Jedenfalls hatte sie ihm trotz seiner Ankündigung die Hand gereicht.

Er empfand es als berauschend, ihre Hand zu halten, gleichzeitig jagte es ihm Angst ein. Denn er sehnte sich so sehr nach dem Kuss, dass er es kaum erwarten konnte.

Genau aus diesem Grund zögerte er ihn auch heraus. Er war nur für wenige Tage in England, jede Beziehung, die er einging, konnte nur von kurzer Dauer sein. Das war auch gut so, sein Leben verlief bereits chaotisch genug. Weitere Gefühlsverwirrungen brauchte er derzeit wirklich nicht.

Momentan fühlte er sich wohl mit Ellie, wie es in einer Woche aussehen würde oder in einem Jahr, wusste er nicht. Ohnehin würde ihn bald ein Ozean von ihr trennen. Ihre Leben verliefen in völlig unterschiedlichen Bahnen, es wäre dumm, Gefühle zu investieren.

Würde er sich später an den Kuss erinnern? Dass er Ellie viel bedeuten würde, war ihm im Verlauf der vergangenen Stunden klar geworden. Er musste aufpassen, sie nicht zu verletzen.

Es war ein Fehler gewesen, ihr einen Kuss zu versprechen, doch jetzt war es zu spät. Die Worte waren heraus, und er konnte sie nicht mehr zurücknehmen. Ob er es täte, wenn er könnte, wusste er allerdings auch nicht.

Sie erreichten das Hotel eher durch Zufall, und nicht, weil Max den Weg gekannt hätte. Ellies Berührung blockierte sein Denkvermögen, das Wissen, dass er sie jederzeit an sich ziehen konnte, ohne eine Zurückweisung befürchten zu müssen, raubte ihm fast den Verstand.

Außerdem bereitete ihm der Gedanke an die gemeinsame Suite Sorgen. Plötzlich erschien ihm das Wohnzimmer zwischen den Schlafräumen viel zu klein.

Sie betraten die hell erleuchtete Hotellobby. Das Licht der Kronleuchter brach sich in den Kristallen und warf bunte Regenbögen auf die mit Stuck verzierten Wände.

Mittlerweile war Ellie über ihr anfängliches Staunen hinaus. Sie bat Max zu warten und trat selbstbewusst an die Rezeption, wo sie ein längeres Gespräch mit der eindrucksvollen Empfangsdame anfing. Erst nach geraumer Zeit kehrte sie zu Max zurück.

„Das wäre geregelt“, sagte sie geheimnisvoll. „Gehen wir?“

In Max’ Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken. Auf dem Weg zur Suite ergriff er Ellies Hand nicht, im Lift sowie auf den wenigen Metern über den Flur hielt er bewusst Abstand. Er sperrte die Tür auf und trat zurück, um Ellie den Vortritt zu lassen. Die ganze Zeit über stand sein Versprechen zwischen ihnen, das erkannte er an ihrem fragenden Blick, an jedem ihrer hastigen Atemzüge, am nervösen Spiel ihrer Hände.

„Trinkst du noch einen Absacker mit mir?“ Max wusste, er hätte einfach Gute Nacht sagen und gehen sollen, statt seinem Bedürfnis nach einigen zusätzlichen Minuten in ihrer Gesellschaft nachzugeben.

Ellie stand mitten im Raum. Ihre schlichte Kleidung bildete einen starken Kontrast zu der pompösen Suite. Sie wirkte frisch wie eine Wildblume in einem Treibhaus voller exotischer Blüten.

„Nein, danke.“ Langsam drehte sie sich um ihre eigene Achse. „Ich habe die Pracht vorhin gar nicht richtig wahrgenommen. Es ist sehr …“

„Golden?“

Sie lächelte. „Wahnsinnig eindrucksvoll, nur nicht besonders gemütlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, auf diesem Sofa herumzulümmeln.“

Die Vorstellung, wie Ellie auf dem Sofa lag, mit zerzaustem Haar, vom Küssen geschwollenen Lippen, verhangenem Blick und cremeweißer Haut brachte Max fast um den Verstand. „Das würde ich gern sehen.“ Seine Stimme klang rau wie ein Reibeisen, seine Worte hingen förmlich im Raum.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Ellie sah ihn unverwandt an.

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, schoss es Max durch den Kopf. Doch da er ohnehin schon auf dem Weg dorthin war, wollte er die Reise genießen.

Mit zwei großen Schritten war er bei ihr. Das Blut raste heiß durch seine Adern, und sein Pulsschlag dröhnte ihm in den Ohren. Ein heftiger Schmerz durchbohrte seine Brust, den nur Ellie heilen konnte.

Noch eine winzige Bewegung, dann läge sie in seinen Armen. Max blieb stehen. Den letzten Schritt sollte sie tun. „Ellie?“

Sie sah ihn aus riesigen Augen voller Verlangen und Zweifel an.

Warte ab, befahl Max sich. Er wollte, dass sie zu ihm kam.

Elli schluckte, tat eine winzige Bewegung und verharrte einen Augenblick lang. Es kam Max vor wie eine Ewigkeit. Dann legte sie ihm die Hände auf die Schultern und neigte den Kopf, und er spürte ihre festen Brüste an seinem Oberkörper, ihre Beine streiften seine.

Wer die nächste Bewegung machte, wusste er hinterher nicht mehr. Als ihre Lippen aufeinander trafen, war es um ihn geschehen.

Max verlor sich ganz in ihrem Duft, in ihrem Geschmack. Fast ehrfürchtig umfasste er ihre schmale Taille, streichelte ihren biegsamen Rücken. Er hatte sie sanft und neckend küssen wollen, doch jetzt überwältigte ihn die Leidenschaft. Er zog sie fest an sich, presste ihren Körper gegen seinen und spürte, wie perfekt sie zueinander passten. Ellie schmiegte sich an ihn, umschlang ihn, als wäre jeder Millimeter, der sie trennte, zu viel.

Wie im Rausch ließ Max die Hände über ihren Rücken gleiten, erforschte ihre Rundungen, um sich dann hingebungsvoll ihrem Haar zu widmen, das sich genauso weich und seidig anfühlte, wie er es sich erträumt hatte.

Jeder Gedanke an ein langsames Vorgehen verflog. Max musste sie nackt sehen, jeden Zentimeter ihres Körpers erforschen. Sofort. Ellie schien es ähnlich zu ergehen, denn sie schob die Hände unter sein T-Shirt, ließ sie über seinen Rücken wandern, über seine Brust, und dann, verlockend langsam aber zielstrebig, tiefer.

Als sie nach seiner Gürtelschnalle griff, musste Max nach Luft schnappen. Ihre Hände bebten, dennoch öffnete sie sie geschickt und tastete sich weiter zum obersten Jeansknopf.

„Langsam, wir haben die ganze Nacht“, sagte Max und packte ihre Hand.

Ellie atmete scharf ein, als er erst ihre Finger streichelte und sich dann nach oben vorarbeitete, über die Innenseite ihrer Unterarme bis zu ihren Schultern.

Ihre Haut war unglaublich zart. Max neigte sich vor und küsste sie leicht aufs Kinn, ehe er sich ausgiebig der empfindsamen Stelle an ihrer Kehle widmete.

Sogleich neigte Ellie den Kopf zur Seite, um ihm Zugang zu gewähren, ansonsten blieb sie still stehen. Ihr rasender Puls war das einzige Lebenszeichen. Schließlich trat Max einen Schritt zurück, hob sie auf seine Arme und küsste sie erneut, während er sie in sein Schlafzimmer trug. Die Arme um seinen Nacken geschlungen, hielt Ellie sich an ihm fest.

Max wusste, dass kein Weg zurückführte. Jetzt gab es nur noch sie und ihn, Verlangen und Lust. Wie von Sinnen rissen sie sich die Kleider vom Leib. Knöpfe sprangen ab, während ungeduldige Hände die letzten Barrieren niederrissen – und es endlich nichts mehr gab, das sie trennte.

 

Was hast du nur getan? hätte die Frage eigentlich lauten müssen, stattdessen dachte Ellie: Können wir es gleich noch einmal tun? Es war ihr erster Morgen danach. Nie zuvor hatte sie sich frühmorgens im Kleid vom Vorabend, mit verschmiertem Make-up, die Schuhe in der Hand auf Zehenspitzen aus der Tür schleichen müssen.

Simon hatte sie monatelang gekannt, ehe sie zum ersten Mal miteinander schliefen. Sie war wahnsinnig vernarrt in ihn gewesen und hatte aus lauter Angst, ihn zu enttäuschen, die erste gemeinsame Nacht als reinen Stress empfunden. Beim Aufwachen war ihre größte Sorge gewesen, ob sie den Test bestanden hatte. Oder ob sie ihn mit ihrer Jugend und Unerfahrenheit womöglich abgestoßen hatte?

Sie konnte sich nicht erinnern, dass der Sex mit Simon ihr selbst je Spaß bereitet hätte. Es war immer nur um sein Vergnügen gegangen. Er hatte ihre Unerfahrenheit, Einsamkeit und Bedürftigkeit erkannt und ausgenutzt, hatte versucht, aus ihr die Frau zu machen, die er haben wollte: fügsam, abhängig, verängstigt.

Nie zuvor war Ellie alleine in einem fremden Bett erwacht, nackt, befriedigt und mit angenehm schmerzenden Muskeln.

Alleine … Ein winziger Stich der Enttäuschung durchfuhr sie. Immerhin brauchte sie sich so keine Gedanken wegen ihres zerrauften Haars, schlechtem Atem oder dergleichen zu machen. Sie musste nicht überlegen, ob sie Max küssen oder tun sollte, als hätte sie in der vergangenen Nacht nicht seinen gesamten Körper erforscht. Nur wo war er? In ihren Büchern hinterließen die Liebhaber wenigstens eine Notiz.

Tatsächlich, da lag etwas auf dem Nachttisch.

 

    Liebe Ellie,

    du hast so friedlich geschlafen, dass ich dich nicht wecken wollte. Dummerweise habe ich meinen Besuch im Büro angekündigt, und sie haben eine Besprechung für neun Uhr anberaumt.

    Ich wünsche dir einen schöneren Tag, als ich ihn haben werde. Punkt achtzehn Uhr hole ich dich ab.

    Max

    PS: Den Zimmerservice zahlt DL Media, also bestell dir was Schönes.

 

Ellie las die Nachricht gleich zweimal. Eine Liebeserklärung war das nicht gerade, aber auch kein Abschiedsbrief.

Zufrieden ließ sie sich zurück in die Kissen sinken, rekelte sich und betrachtete das riesige Bett. Es war so groß, dass sie sich längs, quer oder diagonal hinlegen und es immer noch bequem finden würde. Dennoch hatten sie in der vergangenen Nacht jeden Quadratzentimeter genutzt. Bei der Erinnerung errötete sie, ein süßes Prickeln durchzog ihren Körper. Sie setzte sich auf und betrachtete die zerdrückten Kissen, die zerwühlten Laken, ihre im Raum verstreuten Kleider. Oh, nein! Dort lag ihr bequemer, überaus vernünftiger BH!

Beschämt barg sie das Gesicht in den Händen. Bei ihrer ersten heißen Liebesnacht mit Max hatte sie Liebestöter getragen statt sexy Dessous.

Glücklicherweise hatte sie sie nicht lange angehabt, und von Max waren auch keine Klagen gekommen. Stattdessen hatte er nach Luft geschnappt, als er ihr die Tunika über den Kopf zog, und sie mit feurigen Blicken betrachtet, als wäre sie das begehrenswerteste Wesen auf Erden.

Ellie wunderte sich über sich selbst. So schamlos, fordernd und kühn kannte sie sich gar nicht. Wie sollte sie sich nur je wieder in ihr Schneckenhaus verkriechen und diese neue Seite an sich ignorieren? Mit einem anderen Mann wollte sie die allerdings auch nicht erforschen.

Der Gedanke ließ sie erblassen, und sie sank zurück in die Kissen. Es handelt sich bloß um eine Schwärmerei, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie war nicht in Max verliebt, wenngleich er nett war und sie zum Lachen brachte. Es würde ihr nicht noch einmal passieren, sich in jemanden zu verlieben, den sie kaum kannte.

Trost suchend zog sie die Bettdecke über sich. Sie sehnte sich nach Wärme, einem sicheren Versteck. Doch dann blinzelte sie die Tränen fort, die ihr in die Augen stiegen. Lass dir dein Abenteuer nicht durch die Erinnerung an Simon kaputt machen, befahl sie sich. Du bist älter, klüger und nicht mehr so naiv wie damals, und du weißt, womit du es zu tun hast. Max ist nur noch eine Woche im Land. Genieß die Zeit.

Sie kuschelte sich tiefer in die Decke, bis die Gänsehaut verschwand, und dachte an den bevorstehenden Tag. Ihre ehrgeizigen Pläne jagten ihr Angst ein, umstoßen wollte sie sie aber auf keinen Fall. Simon hatte ihr Leben viel zu lange beherrscht: Drei Jahre waren sie ein Paar gewesen, ebenso lange hatte sie gebraucht, um sich von ihm zu erholen. Es wurde höchste Zeit für einen neuen Anfang. Aus eigenem Antrieb hätte sie den allerdings nicht so einfach geschafft.

Doch nun hatte Max ihr eine unbekannte Seite an sich gezeigt, die Abenteurerin hervorgelockt, die sie früher einmal hatte werden wollen.

Nun musste sie die Chance ergreifen oder nach Hause zurückkehren und sich für den Rest ihres Lebens hinter ihren Büchern verstecken.

Energisch setzte sie sich auf und schob die Bettdecke beiseite. Sie beschloss ein opulentes Frühstück zu verzehren und anschließend ihren Plan in allen Einzelheiten umzusetzen.

Simon würde keine Schatten mehr über ihr Leben werfen. Endlich war sie frei.

 

Eine Besprechung jagte die nächste, und Max wusste kaum, wo ihm der Kopf stand. Die Zweigstelle in London war die wichtigste europäische DL-Niederlassung. Bei seinem letzten Besuch vor achtzehn Monaten hatten die Mitarbeiter vor Begeisterung nur so gesprüht, heute sah er nur ängstliche Leute, die sich verzweifelt an ihre Jobs klammerten oder wie Ratten das sinkende Schiff verließen, ehe sie dazu gezwungen wurden.

Statt sich selbst ein Bild zu machen, hatte sein Vater Berater geschickt, um die Londoner aufzurütteln. Sie hatten ganze Arbeit geleistet. Der hervorragende Geschäftsführer hatte gekündigt, an seiner Stelle saß nun ein Jasager ohne eigene Ideen.

Max musste dringend etwas unternehmen, so sehr es ihm auch widerstrebte, seine Familie zu entzweien. Doch zahlreiche Jobs, der Ruf der Firma und das Vermächtnis seines Großvaters standen auf dem Spiel.

Eigentlich hätte er sich niedergeschmettert fühlen müssen, stattdessen schwebte er wie auf Wolken, beherrscht von der Vorstellung, zu Ellie zurückzukehren und mit ihr ins Bett zu gehen. Allein sein Pflichtbewusstsein ließ ihn bleiben. Er hörte zu, lernte Neues und beschwichtigte seine Leute. Hinterher fühlte er sich ausgelaugt und leer.

Da die Zeit knapp wurde, ließ er sich seinen Abendanzug in die Firma bringen, zog sich um und bestieg dann die Limousine, die sie zu der Preisverleihung fahren sollte.

Als er vor dem Hotel vorfuhr, war Ellie noch nicht im Foyer. Max wartete zehn Minuten. Als Ellie immer noch nicht erschien, fragte er sich, ob sie seine Nachricht nicht erhalten hatte. Oder war sie womöglich gekränkt und nach Cornwall abgereist?

Ich hätte sie anrufen müssen! dachte er. Nur hatte er zum ersten Mal in seinem Leben nicht gewusst, was er sagen sollte. Danke? Tolle Nacht? Ich will dich am liebsten ständig berühren?

Wie armselig! Und eine bessere Idee hatte er immer noch nicht.

Erneut sah er auf die Uhr. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sein Benehmen grob unhöflich war. Er musste Ellie natürlich oben abholen!

Wenig später stand Max vor der Tür zur Präsidentensuite. Sein Herz klopfte wie nach einem Marathonlauf. Wenn er jetzt eine leere Suite vorfinden würde, wäre er am Boden zerstört!

Solche Gedanken hatte er sich noch nie gemacht. Er jagte keiner Frau nach, sondern ging, sobald sie anfing, Ansprüche zu stellen oder schwierig zu werden. Wohin Tränen, Dramen und Forderungen führten, hatte er schließlich sein Leben lang hautnah miterleben müssen.

Seine Hände waren so feucht, dass es ihm schwerfiel, den Türgriff zu drehen. Schließlich sprang die Tür auf.

„Ellie?“

„Ich bin hier.“ Ihre Stimme klang nervös. „Entschuldige, es hat länger gedauert als geplant. Sind wir zu spät dran?“

Erleichtert atmete Max auf. „Nein. Mein Großvater hat mir beigebracht, immer eine halbe Stunde extra einzuplanen. Bisher bin ich gut damit gefahren.“

„Dann bin ich wegen nichts in Panik geraten?“ Jetzt klang sie nicht mehr nervös, sondern empört. „Wie gemein von dir!“

Max wollte sich gerade rechtfertigen, als Ellie erschien. Ihr Anblick verschlug ihm die Sprache. Er stand stumm da und starrte sie nur an – mit offenem Mund, wie ihm irgendwann klar wurde. Er klappte ihn zu. Und starrte weiter.

Statt eines auf undefinierbare Weise hübschen Mädchens stand ihm eine umwerfend schöne Frau gegenüber.

„Ellie? Wow! Du siehst …“, war alles, was er herausbrachte. „Dein Haar ist kürzer.“

Es fiel zu einem trendigen Bob geschnitten in Stufen um ihr Gesicht und betonte ihre Augen und die hohen Wangenknochen.

„Ja.“ Sie griff sich an den Kopf und berührte die Haarspitzen, als könnte sie es selbst nicht glauben. „Es war an der Zeit.“

„Nicht zu fassen!“ Max’ Stimme klang rau, und er konnte den Blick nicht von ihr lösen. Vor ihm stand eine neue Ellie, gefährlich und überaus begehrenswert. Die Frisur stand ihr perfekt, ihre Augen waren mit Kajal umrahmt, und sie trug ein trägerloses rotes Kleid, das sich eng an ihren Körper schmiegte.

„Habe ich übertrieben? Bin ich over- oder underdressed? Ich kann mich noch umziehen“, fragte sie besorgt.

Overdressed! dachte Max, der ihr am liebsten das Kleid vom Leib gerissen und sie ins Bett geschleppt hätte. Gleichzeitig fand er sie underdressed – sie zeigte zu viel von ihrer zarten Haut, und die Leute brauchten nicht zu wissen, wie unglaublich lang ihre Beine waren. Vielleicht konnte sie Leggins unterziehen und einen Schal umlegen …

Was ist nur los mit dir? rief er sich zur Ordnung. Du denkst wie ein Neanderthaler. Dass seine Exfreundinnen meistens in knappen Shorts und Bustiers herumgelaufen waren, hatte ihn nie gestört.

„Max?“

Er reichte Ellie die Hand. „Bleib wie du bist, es ist perfekt.“

 


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