Max hatte Ellie noch nicht geküsst – ja, ihr noch nicht einmal einen verheißungsvollen Blick zugeworfen. Dabei hatte es Gelegenheiten zuhauf gegeben. Sie waren Hand in Hand die South Bank entlang geschlendert, hatten ein Buchantiquariat durchstöbert, in einem gemütlichen Pub ein Glas Wein getrunken und Pasta in einem bezaubernden italienischen Restaurant gegessen. Ellie hatte mit geschlossenen Augen den Geräuschen aus der Küche gelauscht, den köstlichen Duft nach Tomaten, Basilikum und Knoblauch eingeatmet und sich vorgestellt, sie wäre in Rom.
Jetzt waren sie auf dem Rückweg ins Hotel. Auf der beleuchteten Uferpromenade kamen ihnen Nachtschwärmer auf dem Weg zu ihren Unternehmungen entgegen, wieder hielten Max und Ellie sich bei der Hand. Doch Anstalten, sie zu küssen, machte er keine.
Insgeheim enttäuscht fragte sich Ellie, weshalb er etwas versprach, wenn er es nicht einzuhalten gedachte?
„Bist du müde? Soll ich ein Taxi rufen?“, fragte Max. „Oder würdest du lieber den Bus nehmen wie richtige Touristen? Ich muss dich allerdings warnen, die Dinger verwirren mich.“
„Verwirren sie dich, oder bist du noch nie mit einem gefahren?“
„Beides“, gestand Max lachend.
„Ich gehe lieber. Nach dem reichhaltigen Essen tut die Bewegung gut.“ Du Romantikerin! höhnte eine innere Stimme, und Ellie ärgerte sich über die bei einem heißen Date unpassende Bemerkung.
„Ich sehe dir an, wie sich die Rädchen in deinem Kopf drehen. Gibt es etwas, worüber du mit mir sprechen willst?“, fragte Max belustigt.
Ellie wunderte sich, wie entspannt er war. Es schien ihm nichts auszumachen, händchenhaltend mit einer Frau durch die Stadt zu spazieren, die er erst seit wenigen Tagen kannte.
„Nein.“ Ihre Gedanken über Küsse und heiße Dates würde sie ihm gewiss nicht verraten. „Ich denke nur, wie schön es ist, unterwegs zu sein.“
„Was machen wir morgen? Um achtzehn Uhr müssen wir zur Preisverleihung losfahren. Du brauchst vermutlich eineinhalb Stunden zum Fertigmachen …“
Ellie wollte ihm schon erklären, dass sie fürs Duschen, Haare bürsten, ein leichtes Make-up und die Entscheidung zwischen den beiden schwarzen Kleidern, die sie eingepackt hatte, höchstens dreißig Minuten benötigte. Da kam ihnen eine Gruppe junger Mädchen in luftigen, bunten Sommerkleidern auf High Heels entgegen. Betreten sah Ellie an ihrer grauen Jeans, den Turnschuhen und der schwarzen Tunika herunter. Ihr Haar trug sie in einem losen Knoten, sie war nicht geschminkt. Nach der Trennung hatte sie die Beige- und Brauntöne, die Simon bevorzugte, gegen eine andere farblose Uniform getauscht, in der unbewussten Absicht, bloß nicht aufzufallen.
Plötzlich kam ihr die Idee, dass sie sich im Spa-Bereich des Hotels für die Party zurechtmachen lassen könnte. „Ich fürchte, ich brauche den gesamten Nachmittag“, sagte sie hastig, ehe sie sich anders besinnen konnte.
Max sah sie amüsiert an. „Wie du meinst.“
„Ich weiß, wir wollten Spaß haben. Den Morgen über stehe ich dir immerhin zu Verfügung“, entschuldigte sie sich zerknirscht.
„Schon gut. Ich wollte ohnehin ins Büro. Montags schwänzen kommt nicht gut an, und in Trengarth habe ich noch so viel zu tun, dass mir keine Zeit für einen zweiten Abstecher nach London bleibt. Nimm dir alle Zeit der Welt.“
Verblüfft registrierte Ellie, dass er ihre Entscheidung widerspruchslos akzeptierte. Er versuchte nicht, sie umzustimmen, verschwendete keine Zeit auf falsche Komplimente. Das war toll – und zugleich enttäuschend.
Max hatte Ellie immer noch nicht geküsst, obwohl sie es offensichtlich herbeisehnte. Jedenfalls hatte sie ihm trotz seiner Ankündigung die Hand gereicht.
Er empfand es als berauschend, ihre Hand zu halten, gleichzeitig jagte es ihm Angst ein. Denn er sehnte sich so sehr nach dem Kuss, dass er es kaum erwarten konnte.
Genau aus diesem Grund zögerte er ihn auch heraus. Er war nur für wenige Tage in England, jede Beziehung, die er einging, konnte nur von kurzer Dauer sein. Das war auch gut so, sein Leben verlief bereits chaotisch genug. Weitere Gefühlsverwirrungen brauchte er derzeit wirklich nicht.
Momentan fühlte er sich wohl mit Ellie, wie es in einer Woche aussehen würde oder in einem Jahr, wusste er nicht. Ohnehin würde ihn bald ein Ozean von ihr trennen. Ihre Leben verliefen in völlig unterschiedlichen Bahnen, es wäre dumm, Gefühle zu investieren.
Würde er sich später an den Kuss erinnern? Dass er Ellie viel bedeuten würde, war ihm im Verlauf der vergangenen Stunden klar geworden. Er musste aufpassen, sie nicht zu verletzen.
Es war ein Fehler gewesen, ihr einen Kuss zu versprechen, doch jetzt war es zu spät. Die Worte waren heraus, und er konnte sie nicht mehr zurücknehmen. Ob er es täte, wenn er könnte, wusste er allerdings auch nicht.
Sie erreichten das Hotel eher durch Zufall, und nicht, weil Max den Weg gekannt hätte. Ellies Berührung blockierte sein Denkvermögen, das Wissen, dass er sie jederzeit an sich ziehen konnte, ohne eine Zurückweisung befürchten zu müssen, raubte ihm fast den Verstand.
Außerdem bereitete ihm der Gedanke an die gemeinsame Suite Sorgen. Plötzlich erschien ihm das Wohnzimmer zwischen den Schlafräumen viel zu klein.
Sie betraten die hell erleuchtete Hotellobby. Das Licht der Kronleuchter brach sich in den Kristallen und warf bunte Regenbögen auf die mit Stuck verzierten Wände.
Mittlerweile war Ellie über ihr anfängliches Staunen hinaus. Sie bat Max zu warten und trat selbstbewusst an die Rezeption, wo sie ein längeres Gespräch mit der eindrucksvollen Empfangsdame anfing. Erst nach geraumer Zeit kehrte sie zu Max zurück.
„Das wäre geregelt“, sagte sie geheimnisvoll. „Gehen wir?“
In Max’ Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken. Auf dem Weg zur Suite ergriff er Ellies Hand nicht, im Lift sowie auf den wenigen Metern über den Flur hielt er bewusst Abstand. Er sperrte die Tür auf und trat zurück, um Ellie den Vortritt zu lassen. Die ganze Zeit über stand sein Versprechen zwischen ihnen, das erkannte er an ihrem fragenden Blick, an jedem ihrer hastigen Atemzüge, am nervösen Spiel ihrer Hände.
„Trinkst du noch einen Absacker mit mir?“ Max wusste, er hätte einfach Gute Nacht sagen und gehen sollen, statt seinem Bedürfnis nach einigen zusätzlichen Minuten in ihrer Gesellschaft nachzugeben.
Ellie stand mitten im Raum. Ihre schlichte Kleidung bildete einen starken Kontrast zu der pompösen Suite. Sie wirkte frisch wie eine Wildblume in einem Treibhaus voller exotischer Blüten.
„Nein, danke.“ Langsam drehte sie sich um ihre eigene Achse. „Ich habe die Pracht vorhin gar nicht richtig wahrgenommen. Es ist sehr …“
„Golden?“
Sie lächelte. „Wahnsinnig eindrucksvoll, nur nicht besonders gemütlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, auf diesem Sofa herumzulümmeln.“
Die Vorstellung, wie Ellie auf dem Sofa lag, mit zerzaustem Haar, vom Küssen geschwollenen Lippen, verhangenem Blick und cremeweißer Haut brachte Max fast um den Verstand. „Das würde ich gern sehen.“ Seine Stimme klang rau wie ein Reibeisen, seine Worte hingen förmlich im Raum.
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Ellie sah ihn unverwandt an.
Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, schoss es Max durch den Kopf. Doch da er ohnehin schon auf dem Weg dorthin war, wollte er die Reise genießen.
Mit zwei großen Schritten war er bei ihr. Das Blut raste heiß durch seine Adern, und sein Pulsschlag dröhnte ihm in den Ohren. Ein heftiger Schmerz durchbohrte seine Brust, den nur Ellie heilen konnte.
Noch eine winzige Bewegung, dann läge sie in seinen Armen. Max blieb stehen. Den letzten Schritt sollte sie tun. „Ellie?“
Sie sah ihn aus riesigen Augen voller Verlangen und Zweifel an.
Warte ab, befahl Max sich. Er wollte, dass sie zu ihm kam.
Elli schluckte, tat eine winzige Bewegung und verharrte einen Augenblick lang. Es kam Max vor wie eine Ewigkeit. Dann legte sie ihm die Hände auf die Schultern und neigte den Kopf, und er spürte ihre festen Brüste an seinem Oberkörper, ihre Beine streiften seine.
Wer die nächste Bewegung machte, wusste er hinterher nicht mehr. Als ihre Lippen aufeinander trafen, war es um ihn geschehen.
Max verlor sich ganz in ihrem Duft, in ihrem Geschmack. Fast ehrfürchtig umfasste er ihre schmale Taille, streichelte ihren biegsamen Rücken. Er hatte sie sanft und neckend küssen wollen, doch jetzt überwältigte ihn die Leidenschaft. Er zog sie fest an sich, presste ihren Körper gegen seinen und spürte, wie perfekt sie zueinander passten. Ellie schmiegte sich an ihn, umschlang ihn, als wäre jeder Millimeter, der sie trennte, zu viel.
Wie im Rausch ließ Max die Hände über ihren Rücken gleiten, erforschte ihre Rundungen, um sich dann hingebungsvoll ihrem Haar zu widmen, das sich genauso weich und seidig anfühlte, wie er es sich erträumt hatte.
Jeder Gedanke an ein langsames Vorgehen verflog. Max musste sie nackt sehen, jeden Zentimeter ihres Körpers erforschen. Sofort. Ellie schien es ähnlich zu ergehen, denn sie schob die Hände unter sein T-Shirt, ließ sie über seinen Rücken wandern, über seine Brust, und dann, verlockend langsam aber zielstrebig, tiefer.
Als sie nach seiner Gürtelschnalle griff, musste Max nach Luft schnappen. Ihre Hände bebten, dennoch öffnete sie sie geschickt und tastete sich weiter zum obersten Jeansknopf.
„Langsam, wir haben die ganze Nacht“, sagte Max und packte ihre Hand.
Ellie atmete scharf ein, als er erst ihre Finger streichelte und sich dann nach oben vorarbeitete, über die Innenseite ihrer Unterarme bis zu ihren Schultern.
Ihre Haut war unglaublich zart. Max neigte sich vor und küsste sie leicht aufs Kinn, ehe er sich ausgiebig der empfindsamen Stelle an ihrer Kehle widmete.
Sogleich neigte Ellie den Kopf zur Seite, um ihm Zugang zu gewähren, ansonsten blieb sie still stehen. Ihr rasender Puls war das einzige Lebenszeichen. Schließlich trat Max einen Schritt zurück, hob sie auf seine Arme und küsste sie erneut, während er sie in sein Schlafzimmer trug. Die Arme um seinen Nacken geschlungen, hielt Ellie sich an ihm fest.
Max wusste, dass kein Weg zurückführte. Jetzt gab es nur noch sie und ihn, Verlangen und Lust. Wie von Sinnen rissen sie sich die Kleider vom Leib. Knöpfe sprangen ab, während ungeduldige Hände die letzten Barrieren niederrissen – und es endlich nichts mehr gab, das sie trennte.
