Bislang hatte Ellie Smalltalk gehasst. In Gesellschaft war von ihr erwartet worden, dass sie Simon grundsätzlich beipflichtete. Eine ungeschickte Äußerung hatte ihn tagelang schmollen lassen, und schwieg sie, warf er ihr vor, langweilig zu sein und sich keine Mühe zu geben.
Dieser Abend unterschied sich so krass von einem mit Simon wie Champagner von billiger Limonade.
Max versuchte nicht, Ellie an seiner Seite festzuhalten, lächelte ihr aber immer wieder von Ferne aufmunternd zu. War sie einen Moment allein, eilte er herbei, stellte ihr neue wichtige Leute vor und versorgte sie mit Getränken. Und zwischendurch entführte er sie immer wieder in eine abgeschiedene Ecke. Hinterher musste Ellie jedes Mal in den Waschräumen ihren Lippenstift auffrischen. Bei einer dieser Gelegenheiten betrachtete sie fasziniert die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegensah.
Bin das wirklich ich? fragte sie sich staunend. Das rote Kleid enthüllt mehr, als sie gewöhnt war, die neue Frisur und das dramatische Make-up betonten ihr Gesicht, das sie bisher gern hinter ihrem langen Haar verborgen hatte. Ellie fühlte sich bloßgestellt, gleichzeitig aber frei und wie ein anderer Mensch.
Simon hatte langes Haar geliebt. Nach der Trennung hatte sie es abschneiden wollen, sich letztendlich dann doch nicht dazu durchringen können, auf ihren Schutzschild zu verzichten.
Damit war es vorbei. Die Leute nahmen die neue Ellie wahr und interessierten sich für ihre Gedanken. Das war eine ganz unbekannte Erfahrung für sie.
Im Verlauf der vergangenen drei Jahre hatte sie sich profunde Kenntnisse ihrer Branche angeeignet. Sie stand täglich im Laden, wusste, was die Leute lesen wollten, was sie hassten und was sie kalt ließ. Es gefiel ihr sehr, dass sie an diesem Abend von Gleichgesinnten umgeben war, Menschen, die ihre Sprache sprachen, die die Klappentexte der meisten Bücher kannten und sich für neue Romane begeisterten. Für sie gab es keinen süßeren Duft als den frischer Buchseiten. Kurzum, Ellie war ganz in ihrem Element.
Max ließ ihr freie Hand. Leider schien er sich bei Weitem nicht so gut zu amüsieren, wie Ellie an seiner angespannten Haltung erkannte. Kein Wunder, denn Gerüchte über den desolaten Zustand von DL Media kursierten im Saal. Vermutlich wusste er nicht einmal die köstlichen Kanapees, Minitartes, Quiches, gefüllten Wachteleier, Tomaten und Käsehäppchen, die eifrige Keller den Gästen auf Tabletts darboten, zu würdigen.
Ellie dagegen genoss den Abend in vollen Zügen. Ein Glas Wein in einer Hand, eine kleine Leckerei in der anderen, führte sie ein interessantes Gespräch nach dem anderen. Das ist ja noch besser, als das Quiz im Three Herrings zu gewinnen, schoss es ihr irgendwann durch den Kopf.
„Sponsert DL Media Ihr Festival? Arbeiten Sie nur mit DL-Autoren zusammen?“, fragte der Literaturagent, mit dem sie sich gerade unterhielt, und der einige ihrer Lieblingsschriftsteller vertrat.
„Nein“, versicherte sie ihm rasch. „Es wird über eine Stiftung von Demelza Loveday finanziert. Max ist als Privatperson im Direktorium, nicht als Vertreter von DL Media.“
„Stimmt es eigentlich, dass DL seine Buchsparte abstoßen will?“
„Sie konzentrieren sich angeblich künftig ganz auf digitale Medien“, warf ein anderer Agent ein und bedachte Ellie mit einem fragenden Blick.
„Ich bringe derzeit jedenfalls keine neue Klienten bei ihnen unter“, erwiderte der erste Agent.
„Diese Gerüchte über DL Media sind absolut hanebüchen“, mischte sich Max ins Gespräch, der gerade zu der Gruppe um Ellie trat. „Tradition und Moderne lassen sich ausgezeichnet kombinieren. Ellie, die Preisverleihung beginnt jeden Moment. Die Nominierten sollen sich vor der Bühne aufstellen. Wenn Sie uns also bitte entschuldigen … Hier ist meine Karte. Rufen Sie mich doch an, dann können wir das Gespräch gerne fortsetzen.“ Er wirkte gelassen, sogar ein wenig arrogant, doch sein Griff um Ellies Arm war fest.
„Geier“, raunte er ihr ins Ohr.
„Sie schnüffeln nur ein wenig herum.“
Entnervt schüttelte Max den Kopf. „Solche Gerüchte können Firmen in den Ruin treiben. Du hast ja gehört, dass Tom Edgar keine Autoren mehr bei uns unterbringt. Wir verlieren neue aufstrebende Talente, renommierte Autoren verlängern ihre Verträge nicht. Er ist sehr einflussreich.“
„Was wirst du dagegen tun?“
„Jetzt? Lächeln, leugnen und dafür sorgen, dass du eine tolle Party erlebst. Morgen plane ich dann die Gegenkampagne. Schau nicht so niedergeschlagen drein: Diese Nacht gehört dir. Gleich stoßen wir auf dich an, die erfolgreichste unabhängige Buchhändlerin des Jahres.“
„Pst! Wir Engländer geben uns gern bescheiden und behaupten, dass die Kollegen es viel mehr verdient hätten.“
„Wir dummen Amerikaner dagegen verkünden unseren Erfolg laut und stolz.“
„Ich habe noch nicht einmal gewonnen!“
„Noch nicht.“ Max wirkte jetzt entspannter, der harte Zug um seinen Mund war verschwunden. „Aber wenn es so weit ist, werde ich laut applaudieren.“
„Still jetzt. Es geht los.“
Die Zeremonie zog sich in die Länge, nahezu jeder Aspekt des Buchhandels wurde mit einem Preis bedacht. Ellie, deren Füße in den neuen Schuhen schmerzten, trat unruhig von einem Bein aufs andere.
„Gleich bist du dran.“ Max’ Atem streifte ihr Ohr, seine Hitze strahlte auf Ellie ab. Am liebsten hätte sie sich an ihn gelehnt. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, in ihrem Magen kribbelte es gewaltig.
„Ich wünsche, wir wären nicht hier“, murmelte sie.
Max lachte leise und schlang ihr einen Arm um die Taille.
Es folgte die Ehrung der besten Buchhandelskette, des besten Managers, des besten Eventorganisators … Ellies Füße brannten wie Feuer, vor Aufregung war ihr schlecht.
„Ellie Scott!“
Applaus brandete auf, vereinzelte Jubelrufe ertönten. Ellie stand da wie erstarrt, sie glaubte zu träumen. „Ich?“
„Geh schon.“ Max schob sie in Richtung Bühne. „Sie warten auf dich.“
Mit einem Sieg hatte Ellie wirklich nicht gerechnet, schließlich führte sie eine winzige Buchhandlung in einem kleinen Dorf fernab der Großstadt. Sie hatte geglaubt, irgendein Buchhändler aus London würde gewinnen, und sich dementsprechend keine Dankesworte zurechtgelegt.
Max’ Beifallsrufe klangen ihr im Ohr, als sie ans Podium trat. Verlegen sah sie aufs Publikum herab. So viele Leute! dachte sie. Und alle sahen sie an, lächelten, warteten auf ihre Rede.
Ellie war es nicht gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen. Als Schülerin hatte sie jedoch mit großem Vergnügen bei einigen Theateraufführungen mitgewirkt. Anscheinend steckte in ihr noch das Mädchen von damals, das im Applaus geschwelgt hatte, denn plötzlich straffte sie die Schultern und begann zu sprechen:
„Als ich meine Buchhandlung in Trengarth eröffnete, haben mich viele für verrückt erklärt.“ Das Gelächter des Publikums beflügelte sie. „Man riet mir, lieber ein Café aufzumachen und einige Bücher herumliegen zu lassen. Inzwischen besitze ich tatsächlich eine Kaffeemaschine, die Hauptattraktion sind aber die Bücher.“
Sie hielt kurz inne, um ihre Gedanken zu sortieren. „Das Geschäft ist gewiss nicht einfach. Wenn ich jedes Mal einen Cent bekäme, sobald jemand behauptet, der Buchhandel wäre tot, wäre ich reich. Ich kann nicht verhindern, dass Kunden durch meine Bücher blättern und sie hinterher im Internet kaufen. Aber ich kann persönlichen Service anbieten, und das tue ich. Dadurch gestaltet sich der Einkauf für den Kunden zum Vergnügen, er ist informativ und unkompliziert. Natürlich muss ich ein breites Interessenspektrum abdecken. Ich veranstalte Lesezirkel für alle Altersgruppen, Strickgruppen, Handwerkerrunden. Ich gehe in Schulen, Kindergärten und auf Frauenabende. Mein Geschäft ist sieben Tage die Woche bis spätabends geöffnet.“
Sie ließ den Blick übers Publikum schweifen. Ist es nicht anmaßend, diesen Fachleuten zu erzählen, wie sie Bücher verkaufen sollen? schoss es ihr plötzlich durch den Kopf.
Sie war erst fünfundzwanzig, erst seit drei Jahren im Geschäft. Immerhin schrieb sie bereits schwarze Zahlen – und man hatte sie zur Siegerin gekürt.
„Nächstes Jahr nehme ich mit dem Trengarth-Literaturfestival ein neues Projekt in Angriff, das dasselbe Ziel wie meine bisherige Arbeit hat: Den Menschen die großen Geschichten unserer Welt in die Hand zu geben. Sie, liebe Anwesende, schreiben und drucken großartige Bücher – und ich verkaufe sie. Vielen Dank.“
„Das war einfach toll!“ Erleichtert lehnte Max sich im Taxi zurück. Für Ellie war die Nacht ein großartiger Triumph gewesen, für ihn ein einziger Kampf. Damit wollte er ihr jedoch die Freude nicht verderben.
„Ja, wirklich.“ Ellie strahlte förmlich. Ihr Kleid glitzerte, die Straßenlaternen zauberten zusätzlich goldene Akzente auf ihr Haar. „Alle waren so nett, und ich habe massenhaft Visitenkarten bekommen. Dass so viele Autoren am Literaturfestival teilnehmen wollen, hätte ich nie geglaubt. Eigentlich wollte ich klein anfangen, jetzt sieht es aus, als kämen etliche bedeutende Schriftsteller.“
„Dank Großtante Demelza kannst du ihnen sogar etwas bezahlen“, erinnerte Max sie. „Das ist nicht unbedingt üblich, besonders bei neuen Festivals. Ein finanzielles Dankeschön wird die Autoren auch weiterhin anziehen. Aber eigentlich habe ich von dir gesprochen. Von deiner Rede.“
„Oh …“ Sie errötete. „Rede würde ich das nicht gerade nennen, es war nur …“
„Ein Ruf zu den Waffen?“
„Einige Worte aus dem Stegreif heraus.“
Max rückte näher an sie heran, bis ihre Beine sich berührten. „Mich hast du jedenfalls inspiriert. Den ganzen Abend schon.“
„Wirst du künftig mehr lesen?“
Er legte ihr eine Hand aufs Bein. Der Weg zum Hotel erschien ihm plötzlich schrecklich weit. „Das auch.“
Ellie schmiegte sich an ihn, ihre Berührung drohte ihn zu versengen. „Wir haben viel nachzuholen. Nach deinem Tag voller Besprechungen und meinem im Spa und in den Boutiquen haben wir uns Erholung verdient.“
„Hast du etwas Bestimmtes im Sinn?“
„Uns fällt bestimmt etwas ein.“ Sie drückte seine Hand, die auf ihrem Bein lag, und verschränkte die Finger mit seinen.
Wohin ist das schüchterne Mädchen verschwunden, das bei jeder Berührung zusammenzuckte? fragte sich Max unwillkürlich. Hatten das Kleid und die neue Frisur ihr Selbstvertrauen verliehen? Oder hatte sie es bislang nur hinter ihrem zurückhaltenden Auftreten verborgen? Gerne hätte er mehr Zeit gehabt, um das zu erkunden.
„Lass uns unsere letzte Nacht in London unvergesslich machen.“
„Morgen geht’s zurück in die Realität“, seufzte Ellie. „Zunächst wollte ich gar nicht mitkommen, aber es war eine tolle Zeit. Zu schade, dass sie schon endet. Wir haben noch nicht einmal die Pinguine besucht.“
Max fragte sich, ob sie vom Ende der Londonreise sprach – oder vom Ende ihrer gemeinsamen Zeit. „Die laufen uns nicht davon. Wir können morgen Vormittag hingehen.“
