Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 8

Bislang hatte Ellie Smalltalk gehasst. In Gesellschaft war von ihr erwartet worden, dass sie Simon grundsätzlich beipflichtete. Eine ungeschickte Äußerung hatte ihn tagelang schmollen lassen, und schwieg sie, warf er ihr vor, langweilig zu sein und sich keine Mühe zu geben.

Dieser Abend unterschied sich so krass von einem mit Simon wie Champagner von billiger Limonade.

Max versuchte nicht, Ellie an seiner Seite festzuhalten, lächelte ihr aber immer wieder von Ferne aufmunternd zu. War sie einen Moment allein, eilte er herbei, stellte ihr neue wichtige Leute vor und versorgte sie mit Getränken. Und zwischendurch entführte er sie immer wieder in eine abgeschiedene Ecke. Hinterher musste Ellie jedes Mal in den Waschräumen ihren Lippenstift auffrischen. Bei einer dieser Gelegenheiten betrachtete sie fasziniert die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegensah.

Bin das wirklich ich? fragte sie sich staunend. Das rote Kleid enthüllt mehr, als sie gewöhnt war, die neue Frisur und das dramatische Make-up betonten ihr Gesicht, das sie bisher gern hinter ihrem langen Haar verborgen hatte. Ellie fühlte sich bloßgestellt, gleichzeitig aber frei und wie ein anderer Mensch.

Simon hatte langes Haar geliebt. Nach der Trennung hatte sie es abschneiden wollen, sich letztendlich dann doch nicht dazu durchringen können, auf ihren Schutzschild zu verzichten.

Damit war es vorbei. Die Leute nahmen die neue Ellie wahr und interessierten sich für ihre Gedanken. Das war eine ganz unbekannte Erfahrung für sie.

Im Verlauf der vergangenen drei Jahre hatte sie sich profunde Kenntnisse ihrer Branche angeeignet. Sie stand täglich im Laden, wusste, was die Leute lesen wollten, was sie hassten und was sie kalt ließ. Es gefiel ihr sehr, dass sie an diesem Abend von Gleichgesinnten umgeben war, Menschen, die ihre Sprache sprachen, die die Klappentexte der meisten Bücher kannten und sich für neue Romane begeisterten. Für sie gab es keinen süßeren Duft als den frischer Buchseiten. Kurzum, Ellie war ganz in ihrem Element.

Max ließ ihr freie Hand. Leider schien er sich bei Weitem nicht so gut zu amüsieren, wie Ellie an seiner angespannten Haltung erkannte. Kein Wunder, denn Gerüchte über den desolaten Zustand von DL Media kursierten im Saal. Vermutlich wusste er nicht einmal die köstlichen Kanapees, Minitartes, Quiches, gefüllten Wachteleier, Tomaten und Käsehäppchen, die eifrige Keller den Gästen auf Tabletts darboten, zu würdigen.

Ellie dagegen genoss den Abend in vollen Zügen. Ein Glas Wein in einer Hand, eine kleine Leckerei in der anderen, führte sie ein interessantes Gespräch nach dem anderen. Das ist ja noch besser, als das Quiz im Three Herrings zu gewinnen, schoss es ihr irgendwann durch den Kopf.

„Sponsert DL Media Ihr Festival? Arbeiten Sie nur mit DL-Autoren zusammen?“, fragte der Literaturagent, mit dem sie sich gerade unterhielt, und der einige ihrer Lieblingsschriftsteller vertrat.

„Nein“, versicherte sie ihm rasch. „Es wird über eine Stiftung von Demelza Loveday finanziert. Max ist als Privatperson im Direktorium, nicht als Vertreter von DL Media.“

„Stimmt es eigentlich, dass DL seine Buchsparte abstoßen will?“

„Sie konzentrieren sich angeblich künftig ganz auf digitale Medien“, warf ein anderer Agent ein und bedachte Ellie mit einem fragenden Blick.

„Ich bringe derzeit jedenfalls keine neue Klienten bei ihnen unter“, erwiderte der erste Agent.

„Diese Gerüchte über DL Media sind absolut hanebüchen“, mischte sich Max ins Gespräch, der gerade zu der Gruppe um Ellie trat. „Tradition und Moderne lassen sich ausgezeichnet kombinieren. Ellie, die Preisverleihung beginnt jeden Moment. Die Nominierten sollen sich vor der Bühne aufstellen. Wenn Sie uns also bitte entschuldigen … Hier ist meine Karte. Rufen Sie mich doch an, dann können wir das Gespräch gerne fortsetzen.“ Er wirkte gelassen, sogar ein wenig arrogant, doch sein Griff um Ellies Arm war fest.

„Geier“, raunte er ihr ins Ohr.

„Sie schnüffeln nur ein wenig herum.“

Entnervt schüttelte Max den Kopf. „Solche Gerüchte können Firmen in den Ruin treiben. Du hast ja gehört, dass Tom Edgar keine Autoren mehr bei uns unterbringt. Wir verlieren neue aufstrebende Talente, renommierte Autoren verlängern ihre Verträge nicht. Er ist sehr einflussreich.“

„Was wirst du dagegen tun?“

„Jetzt? Lächeln, leugnen und dafür sorgen, dass du eine tolle Party erlebst. Morgen plane ich dann die Gegenkampagne. Schau nicht so niedergeschlagen drein: Diese Nacht gehört dir. Gleich stoßen wir auf dich an, die erfolgreichste unabhängige Buchhändlerin des Jahres.“

„Pst! Wir Engländer geben uns gern bescheiden und behaupten, dass die Kollegen es viel mehr verdient hätten.“

„Wir dummen Amerikaner dagegen verkünden unseren Erfolg laut und stolz.“

„Ich habe noch nicht einmal gewonnen!“

„Noch nicht.“ Max wirkte jetzt entspannter, der harte Zug um seinen Mund war verschwunden. „Aber wenn es so weit ist, werde ich laut applaudieren.“

„Still jetzt. Es geht los.“

Die Zeremonie zog sich in die Länge, nahezu jeder Aspekt des Buchhandels wurde mit einem Preis bedacht. Ellie, deren Füße in den neuen Schuhen schmerzten, trat unruhig von einem Bein aufs andere.

„Gleich bist du dran.“ Max’ Atem streifte ihr Ohr, seine Hitze strahlte auf Ellie ab. Am liebsten hätte sie sich an ihn gelehnt. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, in ihrem Magen kribbelte es gewaltig.

„Ich wünsche, wir wären nicht hier“, murmelte sie.

Max lachte leise und schlang ihr einen Arm um die Taille.

Es folgte die Ehrung der besten Buchhandelskette, des besten Managers, des besten Eventorganisators … Ellies Füße brannten wie Feuer, vor Aufregung war ihr schlecht.

„Ellie Scott!“

Applaus brandete auf, vereinzelte Jubelrufe ertönten. Ellie stand da wie erstarrt, sie glaubte zu träumen. „Ich?“

„Geh schon.“ Max schob sie in Richtung Bühne. „Sie warten auf dich.“

Mit einem Sieg hatte Ellie wirklich nicht gerechnet, schließlich führte sie eine winzige Buchhandlung in einem kleinen Dorf fernab der Großstadt. Sie hatte geglaubt, irgendein Buchhändler aus London würde gewinnen, und sich dementsprechend keine Dankesworte zurechtgelegt.

Max’ Beifallsrufe klangen ihr im Ohr, als sie ans Podium trat. Verlegen sah sie aufs Publikum herab. So viele Leute! dachte sie. Und alle sahen sie an, lächelten, warteten auf ihre Rede.

Ellie war es nicht gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen. Als Schülerin hatte sie jedoch mit großem Vergnügen bei einigen Theateraufführungen mitgewirkt. Anscheinend steckte in ihr noch das Mädchen von damals, das im Applaus geschwelgt hatte, denn plötzlich straffte sie die Schultern und begann zu sprechen:

„Als ich meine Buchhandlung in Trengarth eröffnete, haben mich viele für verrückt erklärt.“ Das Gelächter des Publikums beflügelte sie. „Man riet mir, lieber ein Café aufzumachen und einige Bücher herumliegen zu lassen. Inzwischen besitze ich tatsächlich eine Kaffeemaschine, die Hauptattraktion sind aber die Bücher.“

Sie hielt kurz inne, um ihre Gedanken zu sortieren. „Das Geschäft ist gewiss nicht einfach. Wenn ich jedes Mal einen Cent bekäme, sobald jemand behauptet, der Buchhandel wäre tot, wäre ich reich. Ich kann nicht verhindern, dass Kunden durch meine Bücher blättern und sie hinterher im Internet kaufen. Aber ich kann persönlichen Service anbieten, und das tue ich. Dadurch gestaltet sich der Einkauf für den Kunden zum Vergnügen, er ist informativ und unkompliziert. Natürlich muss ich ein breites Interessenspektrum abdecken. Ich veranstalte Lesezirkel für alle Altersgruppen, Strickgruppen, Handwerkerrunden. Ich gehe in Schulen, Kindergärten und auf Frauenabende. Mein Geschäft ist sieben Tage die Woche bis spätabends geöffnet.“

Sie ließ den Blick übers Publikum schweifen. Ist es nicht anmaßend, diesen Fachleuten zu erzählen, wie sie Bücher verkaufen sollen? schoss es ihr plötzlich durch den Kopf.

Sie war erst fünfundzwanzig, erst seit drei Jahren im Geschäft. Immerhin schrieb sie bereits schwarze Zahlen – und man hatte sie zur Siegerin gekürt.

„Nächstes Jahr nehme ich mit dem Trengarth-Literaturfestival ein neues Projekt in Angriff, das dasselbe Ziel wie meine bisherige Arbeit hat: Den Menschen die großen Geschichten unserer Welt in die Hand zu geben. Sie, liebe Anwesende, schreiben und drucken großartige Bücher – und ich verkaufe sie. Vielen Dank.“

 

„Das war einfach toll!“ Erleichtert lehnte Max sich im Taxi zurück. Für Ellie war die Nacht ein großartiger Triumph gewesen, für ihn ein einziger Kampf. Damit wollte er ihr jedoch die Freude nicht verderben.

„Ja, wirklich.“ Ellie strahlte förmlich. Ihr Kleid glitzerte, die Straßenlaternen zauberten zusätzlich goldene Akzente auf ihr Haar. „Alle waren so nett, und ich habe massenhaft Visitenkarten bekommen. Dass so viele Autoren am Literaturfestival teilnehmen wollen, hätte ich nie geglaubt. Eigentlich wollte ich klein anfangen, jetzt sieht es aus, als kämen etliche bedeutende Schriftsteller.“

„Dank Großtante Demelza kannst du ihnen sogar etwas bezahlen“, erinnerte Max sie. „Das ist nicht unbedingt üblich, besonders bei neuen Festivals. Ein finanzielles Dankeschön wird die Autoren auch weiterhin anziehen. Aber eigentlich habe ich von dir gesprochen. Von deiner Rede.“

„Oh …“ Sie errötete. „Rede würde ich das nicht gerade nennen, es war nur …“

„Ein Ruf zu den Waffen?“

„Einige Worte aus dem Stegreif heraus.“

Max rückte näher an sie heran, bis ihre Beine sich berührten. „Mich hast du jedenfalls inspiriert. Den ganzen Abend schon.“

„Wirst du künftig mehr lesen?“

Er legte ihr eine Hand aufs Bein. Der Weg zum Hotel erschien ihm plötzlich schrecklich weit. „Das auch.“

Ellie schmiegte sich an ihn, ihre Berührung drohte ihn zu versengen. „Wir haben viel nachzuholen. Nach deinem Tag voller Besprechungen und meinem im Spa und in den Boutiquen haben wir uns Erholung verdient.“

„Hast du etwas Bestimmtes im Sinn?“

„Uns fällt bestimmt etwas ein.“ Sie drückte seine Hand, die auf ihrem Bein lag, und verschränkte die Finger mit seinen.

Wohin ist das schüchterne Mädchen verschwunden, das bei jeder Berührung zusammenzuckte? fragte sich Max unwillkürlich. Hatten das Kleid und die neue Frisur ihr Selbstvertrauen verliehen? Oder hatte sie es bislang nur hinter ihrem zurückhaltenden Auftreten verborgen? Gerne hätte er mehr Zeit gehabt, um das zu erkunden.

„Lass uns unsere letzte Nacht in London unvergesslich machen.“

„Morgen geht’s zurück in die Realität“, seufzte Ellie. „Zunächst wollte ich gar nicht mitkommen, aber es war eine tolle Zeit. Zu schade, dass sie schon endet. Wir haben noch nicht einmal die Pinguine besucht.“

Max fragte sich, ob sie vom Ende der Londonreise sprach – oder vom Ende ihrer gemeinsamen Zeit. „Die laufen uns nicht davon. Wir können morgen Vormittag hingehen.“

 

„Lieber nicht. Ich brauche einen Anlass, um wiederzukommen. Dann trinke ich Tee mit ihnen, mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden.“

„Wir kehren zurück.“ Woher kommt das denn? fragte Max sich verblüfft. Zukunftspläne schmiedete er doch sonst nicht. Viele seiner bisherigen Beziehungen waren daran gescheitert. Er hatte sich geweigert, Monate im Voraus seine Teilnahme an Hochzeiten oder anderen Familienfesten zuzusagen.

Hier aber störte es ihn plötzlich nicht, Ellie ein Versprechen auf ein späteres Date zu geben. Das mochte daran liegen, dass ihre Beziehung gerade erst angefangen hatte. Er war zwar kein Freund langer Bindungen, One-Night-Stands mochte Max aber genauso wenig. Lieber ließ er den Dingen ihren Lauf. Daher störte ihn der Gedanke an seine bevorstehende Abreise auch so sehr. Die Sache mit Ellie war noch lange nicht abgeschlossen.

„Max?“, riss sie ihn aus seinen Gedanken.

„Ja?“

„Danke.“

„Du brauchst mir für nichts zu danken.“

„Doch.“ Sie entzog ihm ihre Hand und wandte sich ihm ganz zu. „Du hattest recht, auch wenn ich es mir nicht einmal selbst eingestanden habe: Ich habe mich in Trengarth versteckt. Was ist das für ein Leben, wenn das Quiz im Three Herrings den Höhepunkt darstellt!“

„Wovor versteckst du dich eigentlich?“

Schweigend rang Ellie die Hände im Schoß. „Ich habe einige Fehler gemacht. Seither traue ich mir selbst nichts mehr zu. Nach dem Unfall damals hat Mom sich an mich geklammert. Ich habe das als Ausrede genutzt, nicht an die Uni zu gehen, mein Leben nicht selbst in die Hand zu nehmen. Vermutlich hatte ich zu viel Angst. Mit meinem Vater und meinem Bruder habe ich mich selbst verloren, meine Identität. Ich war wie gelähmt.“

„Du warst damals sehr jung.“

„Das stimmt schon.“ Ellie lächelte traurig. „Dennoch musste ich zu Hause die Erwachsene sein. Mom hat sich ganz auf mich verlassen, und ich habe es ihr gestattet. Ich habe mich über ihre Bedürftigkeit definiert. Als dann Bill in ihr Leben trat, hat sie mich nicht mehr gebraucht. Es war, als …“

„Als hättest du erneut alles verloren?“

„Genau! Dann kam Simon. Ich war einsam und verletzlich, und das hat er wohl gespürt. Er war mein Ritter in schimmernder Rüstung, zehn Jahre älter als ich und sehr selbstsicher. Ich habe mich blenden lassen von ihm und dem, was er von mir erwartete. Ich glaubte, ich bräuchte mich dann nicht mehr selbst zu finden.“

Der Schmerz in ihrer Stimme machte Max wütend. Er spürte, dass mehr zerbrochen war als eine Beziehung. Simon hatte Ellie schwer verletzt. Ihre Wunden reichten tief. Unwillkürlich ballte er die Hände.

„Nachdem ich es endlich geschafft hatte, mich von ihm zu trennen, dachte ich, ein Dach über dem Kopf und ein Job, den ich liebe, genügen mir. Und das stimmte ja auch. Menschlich gesehen bin ich allerdings immer noch ein Wrack. Ich habe kaum Freunde, wage mich nicht aus meiner Komfortzone heraus. Ich gestatte mir keine Träume, nicht einmal von der Liebe. Besonders nicht von der Liebe.“

Ihre Stimme brach, und Max saß da wie erstarrt. Was meinte sie denn damit? Wollte sie etwa andeuten, sie hätte sich in ihn verliebt? Nach einer einzigen Woche? Das war doch unmöglich!

Zugegeben, die vergangene Nacht war wunderschön gewesen. Dennoch konnte von Liebe keine Rede sein, höchstens von Leidenschaft, Verständnis. Er mochte es zwar, wenn ein Lächeln ihre Züge erhellte und sie in eine wahre Schönheit verwandelte. Es faszinierte ihn, wie gelassen sie sich nach außen hin gab, während in ihr ein Feuer loderte, und er war beeindruckt davon, wie tapfer sie verteidigte, woran sie glaubte, auch wenn es schwierig wurde.

Aber Liebe war das nicht.

Liebe, das bedeutete Chaos, Schmerz, Egoismus, Lärm und auf den Rest der Welt pfeifen. Wenn es schiefging, blieb man wehrlos zurück, Rache war die einzige Waffe.

Das war ihm zu riskant, daher wählte er andere Mittel: einen Zeitplan, eine Wunschliste, einen Anforderungskatalog. Das waren seine Schlüssel zu einem ruhigen, erfolgreichen Leben.

Bislang hatte er allerdings keine Frau getroffen, von der er mehr gewollt hätte als eine schöne Zeit. Es war ihm nie schwergefallen, sie zu verlassen, sobald sie Forderungen an ihn stellte.

Du bist nicht besser als dein Vater! schalt er sich. Oder war er schlichtweg ein Feigling?

Ellie wartete immer noch auf seine Antwort, doch er hatte keine Idee, was er ihr sagen sollte. „Wie fühlst du dich heute?“ Gespannt hielt er den Atem an. Würde sie ihm jetzt eine Liebeserklärung machen? Vermutlich war daran der Adrenalinrausch der vergangenen Nacht schuld. Sie war drei Jahre lang alleine gewesen, ihre Hormone spielten vermutlich verrückt. Ihm ging es ähnlich.

Er nahm sich vor, behutsam mit der Situation umzugehen.

Ellie lehnte sich zurück. „Jetzt bin ich bereit für den nächsten Schritt. Ich freue mich auf das Festival, die vor mir liegende Arbeit. Und ich werde mich nicht länger verstecken, sondern wieder ausgehen, wieder leben. Die letzte Nacht … gestern … die gesamte Woche … haben mich ins Grübeln gebracht. Ich habe nachgedacht, wer und was ich sein will, und dazu hast du mich angeregt. Daher: Danke.“

„Gern geschehen.“

Das war keine Liebeserklärung gewesen, Ellie blickte bereits nach vorne – über ihre gemeinsame Zeit heraus. Das war gut, gleichzeitig war Max … enttäuscht.

„Die vergangene Nacht war unglaublich. Ich wusste gar nicht, dass ich so empfinden kann. Ich habe noch nie …“ Sie lachte, und der Klang fuhr Max durch Mark und Bein.

„Ich habe mich noch nie so frei, so begehrt gefühlt. Du hast mir gezeigt, wie es sein kann … wie es sein sollte.“

„Es lag nicht nur an mir.“ Max fühlte sich unwohl in der Rolle des Professor Higgins, und Ellie war gewiss keine Eliza Doolittle. Außerdem spielten sie hier nicht „My Fair Lady“. „Du warst bereit dafür. Alles, was ich getan habe, war dir eine Gelegenheit zu bieten. Sieh doch nur deine Frisur an, dein Kleid. Das bist du!“

In diesem Moment hielt das Taxi vor dem Hotel an. Max konnte es kaum erwarten, Ellie nach oben zu geleiten, ihr das sexy Kleid abzustreifen und ihren Körper zu erforschen. Am nächsten Morgen würden sie dann nach Cornwall zurückkehren und bald darauf einander Adieu sagen. Sie würden in Frieden auseinandergehen, sodass ihnen nichts als schöne Erinnerungen blieben. Max konnte sich dann ganz seinen eigenen Problemen widmen – DL Media und seinen Eltern. Ellie würde ihr neues, aufregendes Leben in Angriff nehmen. Das hatte sie ihm zu verdanken.

Wie selbstlos! dachte Max ironisch. Er hätte es nicht besser planen können.

Das Gefühl der Leere würde sich bestimmt rasch legen. Nach einer Woche wären Cornwall, London und Ellie Scott nur noch ferne Erinnerungen. Sein Leben war kompliziert genug, auch ohne Fernbeziehung. Dass Ellie ohnehin keine Beziehung mit ihm wünschte, war ihm nur recht.

 

Habe ich etwas Falsches gesagt? fragte sich Ellie verblüfft.

Max hatte den Arm um sie gelegt und streichelte sie, doch er wirkte geistesabwesend. Dennoch löste seine Berührung in ihr ein erwartungsvolles Prickeln aus. Sie war ohnehin völlig aufgedreht: Der unerwartete Sieg, der viele Champagner, die zwanzig Minuten neben Max im Taxi … Glücklicherweise wusste sie, wie sich die angestaute Spannung lösen ließ. Ungeduldig starrte sie auf die Lifttür.

Schon seit sie ins Taxi gestiegen waren wirkte Max ziemlich distanziert. Dachte er über die Arbeit nach? Plante er bereits seine nächsten Schritte, um den Gerüchten über DL entgegenzutreten?

Ellie wusste, dass er ihr fehlen würde. Sie kannten sich zwar erst seit einer Woche, doch in der Zeit hatte er ihr Leben grundlegend verändert. Er war wie ein Meteorit eingeschlagen und hatte alles durcheinandergewirbelt, woran sie glaubte. Er hatte sie herausgefordert, aufgeweckt, angetrieben.

Natürlich würde sie ihn vermissen. Dennoch würde sie ihr Leben in die Hände nehmen. Es wurde höchste Zeit.

Endlich öffneten sich die Lifttüren, und sie gingen die paar Schritte über den Flur zur Präsidentensuite. Max’ Arm lag fest um ihre Schultern, er ließ sie auch nicht los, als er die Tür aufschloss und sie eintraten.

Die Pracht der Suite überwältigte Ellie immer wieder aufs Neue: die Samtkissen, Brokatvorhänge, Goldverbrämungen … Inzwischen waren die Räume ihr geradezu ans Herz gewachsen. Hier war sie neu geboren worden, hatte sich in knapp achtundvierzig Stunden gewaltig verändert. Hoffentlich verlor sie ihr neues Selbstvertrauen bei ihrer Rückkehr nach Trengarth nicht wieder.

„Herzlichen Glückwunsch noch einmal. Lass uns auf dich anstoßen.“

Max führte sie zu einem Glastisch, auf dem ein kompliziertes Arrangement aus Lilien, Rosen und Orchideen stand, daneben eine Flasche Champagner in einem Eiskübel, eine riesige Schachtel exquisiter Pralinen und ein kleines purpurnes Fläschchen.

„Das Romantikpaket des Hotels“, raunte Max ihr ins Ohr, und sein heißer Atem strich über ihren Nacken. Er warf Ellie einen bedeutungsvollen Blick zu. Jetzt wirkte er gar nicht mehr geistesabwesend. Im Gegenteil. Zielstrebig griff er nach der kleinen Flasche. „Ein Massageöl. Sinnlicher Jasmin mit einem Hauch von Bitterschokolade und Sandelholz“, las er vor. „Du bist doch verspannt, oder?“

Seine plötzlich raue Stimme ließ Ellie erschauern. „In der Tat.“ Und das war nicht einmal gelogen.

„Dagegen müssen wir dringend etwas unternehmen.“

Ellie musste schlucken. Wie gebannt starrte sie auf das purpurne Fläschchen, das er beiläufig zwischen den Fingern drehte. „Meinst du?“

„Aber ja. Zieh dich am besten aus. Das Öl ist ziemlich …“ Er lächelte lasziv. „… glitschig. Man muss es richtig anwenden.“

Dass er das tun würde, wusste Ellie, und schlagartig fühlte sich ihr Mund an wie ausgetrocknet.

Max griff nach der Champagnerflasche und öffnete sie mit geübtem Griff. Er füllte zwei Champagnerflöten und reichte ihr eine. „Worauf wartest du?“

„Ich soll das Kleid ausziehen?“, brachte Ellie mühsam über die Lippen.

„Zieh alles aus. Meine Pläne umfassen das hier …“ Er hielt die Champagnerflasche hoch. „Das …“ Diesmal hob er das Massageöl. „… und deinen nackten Körper. Also los.“

Mit wild pochendem Herzen griff Ellie nach dem Reißverschluss ihres Kleides und zog ihn langsam herunter. Gleich darauf stand sie in ihren heißen Dessous vor ihm. Der seidige Hauch von Nichts in Schwarz und Rot enthüllte mehr, als er bedeckte. Es hatte sie große Überwindung gekostet, die Sachen anzuziehen. Als sie jedoch sah, wie sich Max’ Augen vor Verlangen verdunkelten, wie ihr Anblick ihn erregte, fühlte sie sich sexy und stark wie nie zuvor.

Max stellte zwar Forderungen, überließ die Zügel aber ihr.

Selbstbewusst sah sie ihm in die Augen. „Jetzt bist du dran. Du hast selbst gesagt, es könnte glitschig werden.“

„Du spielst mit dem Feuer“, warnte Max, zerrte aber gehorsam an seinem Schlips. „Wenn du nicht aufpasst, verbrennst du dich noch.“

„Oh, darauf zähle ich.“

Mit hoch erhobenem Haupt machte Ellie kehrt und ging ins Schlafzimmer, wissend, dass Max ihr auf dem Fuß folgte.

 


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