Was war das für ein Geräusch? Ein Sirren wie von einer lästigen Mücke.
Widerstrebend öffnete Ellie die Augen. Es war stockdunkel, doch als sie die Hand ausstreckte, spürte sie warmes, festes Fleisch. Zärtlich streichelte sie über Max’ Brust …
Bzzzz … Da war es wieder. Es kam von Ellies Handy auf dem Nachttisch. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, sie rappelte sich auf und griff danach. Grässliche Bilder erschienen vor ihrem geistigen Auge: ein Brand in ihrem Laden, ein Wasserschaden, Einbrecher …
Endlich hielt sie das Handy in ihren zitternden Händen. Ungläubig starrte sie auf das Display.
„Mom? Ist alles in Ordnung?“
Einen Moment lang herrschte Stille, dann fühlte Ellie sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Ihre Mutter rang schmerzerfüllt nach Luft, genau wie damals, als die Polizei bei ihnen geklingelt und ihr Leben unwiderruflich verändert hatte. Sie hatte gehofft, dieses Geräusch nie wieder zu hören.
„Ellie, Gott sei Dank! Es ist Bill.“ Die Worte waren kaum zu verstehen.
Nein, bitte nicht! betete Ellie innerlich und schämte sich sofort deswegen. Wie konnte sie nur so selbstsüchtig sein, wenn eine weitere Katastrophe das Glück ihrer Mutter bedrohte.
Ellie kannte Bill kaum, doch er liebte ihre Mutter und bot ihr ein gutes Leben – so gut, dass sie sich nur ungern durch ihre Tochter, die Vater und Bruder so stark ähnelte, an ihren tragischen Verlust erinnern ließ.
„Was ist mit ihm? Ist er …?“ Ellie brachte das Wort nicht über die Lippen.
„Er hatte einen Herzinfarkt und liegt noch im Operationssaal.“
Ellie atmete auf. „Seid ihr noch in Spanien?“ Eine Bewegung ließ sie aufblicken. Sie sah Max am Laptop sitzen, sein Handy in der Hand. Dankbarkeit erfüllte sie. Diesmal musste sie nicht alles allein durchstehen. Max würde ihr einen Flug organisieren, ein Auto, ein Hotel …
„Nein, wir sind in Oakwood. Bills Tochter hat gerade ein Baby bekommen.“
Sie waren in der Nähe von London, hatten Ellie aber nichts davon gesagt und auch nicht vorgeschlagen, sie in Cornwall zu besuchen. Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu. Sie musste schlucken, ehe sie antworten konnte. Sei froh, dass sie sich wenigstens bei dir meldet, wenn sie Hilfe braucht, dachte sie bitter.
„Ich breche sofort auf. In ein paar Stunden bin ich bei dir. Brauchst du etwas? Kleider? Essen?“
„Nein, nein. Mir geht’s gut. Aber Ellie, beeil dich!“
Bleich, aber gefasst saß Ellie neben Max im Auto, das er mitsamt Chauffeur gemietet hatte. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, dennoch drückte ihre Miene Entschlossenheit aus. Max vermutete, dass sie nicht zum ersten Mal nachts unterwegs war, um ihre Mutter zu unterstützen.
„Was ist mit unseren Sachen? Deinem Leihwagen? Es war wirklich nicht nötig, dass du mich begleitest.“ Das waren ihre ersten Worte seit der Abfahrt aus London.
„Lydia kümmert sich um alles.“ Max’ Assistentin hatte bereits auf seine E-Mails reagiert, obwohl es in Hartfort noch Nacht war. „Sie lässt unsere Sachen nach Cornwall schicken und informiert den Autoverleih.“
Geistesabwesend nickend sah Ellie wieder aus dem Fenster. Sie war ungeschminkt, hatte das Haar hinter die Ohren gesteckt und trug wieder Grau. Ihr rotes Kleid lag noch im Wohnzimmer auf dem Boden. Nur der zarte Duft nach Jasmin erinnerte an die vergangene Nacht.
Max schloss die Lider, und vor seinem inneren Auge lief ein Film ab: ihr schlanker, von Öl glänzender Körper, seine Hände auf seidenweicher Haut …
„Was ist mit deiner Arbeit. Wirst du nicht bei DL gebraucht?“
Widerwillig riss er sich von seinen erotischen Träumereien los. Dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit, ermahnte er sich und öffnete die Augen. „Das geht schon klar. Erst kümmern wir uns um deine Mutter, DL kommt später dran. Im Krankenhaus gibt es sicher Internet, oder?“
Ellie nickte. „Ich denke schon. Ich war lange nicht mehr dort. Nicht, seit Dad und Phil …“ Sie verstummte.
„Lebt deine Mutter wieder in deiner alten Heimatstadt?“
„Ja. Vierzehn Jahre lang war es für mich der schönste Ort auf Erden. Ich habe getanzt, wusstest du das?“
„Das hätte ich mir denken können.“ Ellie hatte lange, schlanke Beine und bewegte sich überaus anmutig.
„Ich war auch in der Theater AG. Mein Bruder Phil hat Rugby gespielt und ist geschwommen. Wir waren eine richtige Bilderbuchfamilie.“ Gedankenverloren wandte sie Max das Gesicht zu. „An den Wochenenden haben wir Radtouren und Picknicks gemacht, anschließend gab es einen Film und abends Pizza. Mom und Dad haben wahrscheinlich auch mal gestritten, genau wie Phil und ich, aber ich erinnere mich nur an eine wunderbare Zeit. Als wäre immer Sommer gewesen, als hätten wir ständig gelacht. Und dann war alles kaputt …“ Sie verstummte für einen Moment.
„Mom hat sich nach dem Unfall Vorwürfe gemacht. Die Straßen waren vereist, und sie hasste es, auf Eis zu fahren. Darum hat sie Dad überredet, Phil vom Schwimmtraining abzuholen, obwohl er gerade erst von einer Reise zurückgekommen war. Unterwegs kam ihnen ein Betrunkener entgegen. Die Polizei sagt, Dad hätte keine Chance gehabt. Mom glaubt allerdings, wenn er nicht so müde gewesen wäre …“ Sie blinzelte, hinter ihren langen Wimpern schimmerte es verdächtig.
Max hätte ihr gerne geholfen. Nur wie? „Das ist schrecklich!“
„Mom ist völlig zusammengebrochen. Ich musste mich um alles kümmern: Versicherungen, die Beerdigung, den Haushalt. Ich habe das Ballett und die Theater AG aufgegeben, meine Freunde, meine Träume. Mein Leben bestand nur noch aus Schule, Mom und Büchern. Sie waren meine einzige Flucht aus diesem tristen Leben.“
„Jetzt liegt es hinter dir.“ Max verstand sie immer besser. Und er zog Parallelen zu seinem eigenen Leben.
Ellie nickte. „Nach der Schule wollte ich an die Uni gehen, wusste aber nicht, ob Mom ohne mich zurechtkommt. Dann hat sie Bill kennengelernt und mich nicht mehr gebraucht. Schlimmer noch, sie konnte es kaum ertragen, mich zu sehen … Ich rufe wohl Schuldgefühle in ihr hervor. Das war der zweite große Verlust in meinem Leben.“
Max fragte sich, was er darauf sagen sollte. Er konnte die vielen einsamen, traurigen Jahre nicht auslöschen. Aber er konnte ihre Hand halten, und das tat er.
