Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 9

Was war das für ein Geräusch? Ein Sirren wie von einer lästigen Mücke.

Widerstrebend öffnete Ellie die Augen. Es war stockdunkel, doch als sie die Hand ausstreckte, spürte sie warmes, festes Fleisch. Zärtlich streichelte sie über Max’ Brust …

Bzzzz … Da war es wieder. Es kam von Ellies Handy auf dem Nachttisch. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, sie rappelte sich auf und griff danach. Grässliche Bilder erschienen vor ihrem geistigen Auge: ein Brand in ihrem Laden, ein Wasserschaden, Einbrecher …

Endlich hielt sie das Handy in ihren zitternden Händen. Ungläubig starrte sie auf das Display.

„Mom? Ist alles in Ordnung?“

Einen Moment lang herrschte Stille, dann fühlte Ellie sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Ihre Mutter rang schmerzerfüllt nach Luft, genau wie damals, als die Polizei bei ihnen geklingelt und ihr Leben unwiderruflich verändert hatte. Sie hatte gehofft, dieses Geräusch nie wieder zu hören.

„Ellie, Gott sei Dank! Es ist Bill.“ Die Worte waren kaum zu verstehen.

Nein, bitte nicht! betete Ellie innerlich und schämte sich sofort deswegen. Wie konnte sie nur so selbstsüchtig sein, wenn eine weitere Katastrophe das Glück ihrer Mutter bedrohte.

Ellie kannte Bill kaum, doch er liebte ihre Mutter und bot ihr ein gutes Leben – so gut, dass sie sich nur ungern durch ihre Tochter, die Vater und Bruder so stark ähnelte, an ihren tragischen Verlust erinnern ließ.

„Was ist mit ihm? Ist er …?“ Ellie brachte das Wort nicht über die Lippen.

„Er hatte einen Herzinfarkt und liegt noch im Operationssaal.“

Ellie atmete auf. „Seid ihr noch in Spanien?“ Eine Bewegung ließ sie aufblicken. Sie sah Max am Laptop sitzen, sein Handy in der Hand. Dankbarkeit erfüllte sie. Diesmal musste sie nicht alles allein durchstehen. Max würde ihr einen Flug organisieren, ein Auto, ein Hotel …

„Nein, wir sind in Oakwood. Bills Tochter hat gerade ein Baby bekommen.“

Sie waren in der Nähe von London, hatten Ellie aber nichts davon gesagt und auch nicht vorgeschlagen, sie in Cornwall zu besuchen. Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu. Sie musste schlucken, ehe sie antworten konnte. Sei froh, dass sie sich wenigstens bei dir meldet, wenn sie Hilfe braucht, dachte sie bitter.

„Ich breche sofort auf. In ein paar Stunden bin ich bei dir. Brauchst du etwas? Kleider? Essen?“

„Nein, nein. Mir geht’s gut. Aber Ellie, beeil dich!“

 

Bleich, aber gefasst saß Ellie neben Max im Auto, das er mitsamt Chauffeur gemietet hatte. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, dennoch drückte ihre Miene Entschlossenheit aus. Max vermutete, dass sie nicht zum ersten Mal nachts unterwegs war, um ihre Mutter zu unterstützen.

„Was ist mit unseren Sachen? Deinem Leihwagen? Es war wirklich nicht nötig, dass du mich begleitest.“ Das waren ihre ersten Worte seit der Abfahrt aus London.

„Lydia kümmert sich um alles.“ Max’ Assistentin hatte bereits auf seine E-Mails reagiert, obwohl es in Hartfort noch Nacht war. „Sie lässt unsere Sachen nach Cornwall schicken und informiert den Autoverleih.“

Geistesabwesend nickend sah Ellie wieder aus dem Fenster. Sie war ungeschminkt, hatte das Haar hinter die Ohren gesteckt und trug wieder Grau. Ihr rotes Kleid lag noch im Wohnzimmer auf dem Boden. Nur der zarte Duft nach Jasmin erinnerte an die vergangene Nacht.

Max schloss die Lider, und vor seinem inneren Auge lief ein Film ab: ihr schlanker, von Öl glänzender Körper, seine Hände auf seidenweicher Haut …

„Was ist mit deiner Arbeit. Wirst du nicht bei DL gebraucht?“

Widerwillig riss er sich von seinen erotischen Träumereien los. Dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit, ermahnte er sich und öffnete die Augen. „Das geht schon klar. Erst kümmern wir uns um deine Mutter, DL kommt später dran. Im Krankenhaus gibt es sicher Internet, oder?“

Ellie nickte. „Ich denke schon. Ich war lange nicht mehr dort. Nicht, seit Dad und Phil …“ Sie verstummte.

„Lebt deine Mutter wieder in deiner alten Heimatstadt?“

„Ja. Vierzehn Jahre lang war es für mich der schönste Ort auf Erden. Ich habe getanzt, wusstest du das?“

„Das hätte ich mir denken können.“ Ellie hatte lange, schlanke Beine und bewegte sich überaus anmutig.

„Ich war auch in der Theater AG. Mein Bruder Phil hat Rugby gespielt und ist geschwommen. Wir waren eine richtige Bilderbuchfamilie.“ Gedankenverloren wandte sie Max das Gesicht zu. „An den Wochenenden haben wir Radtouren und Picknicks gemacht, anschließend gab es einen Film und abends Pizza. Mom und Dad haben wahrscheinlich auch mal gestritten, genau wie Phil und ich, aber ich erinnere mich nur an eine wunderbare Zeit. Als wäre immer Sommer gewesen, als hätten wir ständig gelacht. Und dann war alles kaputt …“ Sie verstummte für einen Moment.

„Mom hat sich nach dem Unfall Vorwürfe gemacht. Die Straßen waren vereist, und sie hasste es, auf Eis zu fahren. Darum hat sie Dad überredet, Phil vom Schwimmtraining abzuholen, obwohl er gerade erst von einer Reise zurückgekommen war. Unterwegs kam ihnen ein Betrunkener entgegen. Die Polizei sagt, Dad hätte keine Chance gehabt. Mom glaubt allerdings, wenn er nicht so müde gewesen wäre …“ Sie blinzelte, hinter ihren langen Wimpern schimmerte es verdächtig.

Max hätte ihr gerne geholfen. Nur wie? „Das ist schrecklich!“

„Mom ist völlig zusammengebrochen. Ich musste mich um alles kümmern: Versicherungen, die Beerdigung, den Haushalt. Ich habe das Ballett und die Theater AG aufgegeben, meine Freunde, meine Träume. Mein Leben bestand nur noch aus Schule, Mom und Büchern. Sie waren meine einzige Flucht aus diesem tristen Leben.“

„Jetzt liegt es hinter dir.“ Max verstand sie immer besser. Und er zog Parallelen zu seinem eigenen Leben.

Ellie nickte. „Nach der Schule wollte ich an die Uni gehen, wusste aber nicht, ob Mom ohne mich zurechtkommt. Dann hat sie Bill kennengelernt und mich nicht mehr gebraucht. Schlimmer noch, sie konnte es kaum ertragen, mich zu sehen … Ich rufe wohl Schuldgefühle in ihr hervor. Das war der zweite große Verlust in meinem Leben.“

Max fragte sich, was er darauf sagen sollte. Er konnte die vielen einsamen, traurigen Jahre nicht auslöschen. Aber er konnte ihre Hand halten, und das tat er.

 

Seine Hand fühlte sich warm an und half Ellie, im Hier und Jetzt zu bleiben.

„Was ist weiter passiert? Du hast dich verlobt?“

Ellie schauderte. Verlobt – das hörte sich nach Glück an, nach Rosen, Diamanten und Champagner. Stattdessen hatte sie lediglich einen hässlichen alten Smaragdring bekommen, der einmal Simons Großmutter gehört hatte.

Vor allem aber schämte sie sich wegen Simon. Sie hatte noch niemandem die ganze Geschichte anvertrauen mögen, doch Max’ tröstende Stimme, seine Berührung weckten in ihr den Wunsch, ihre Last auf seinen breiten Schultern abzuladen – wenn auch nur für eine kleine Weile.

„Als meine wenigen Schulfreunde an die Universitäten gingen, fühlte ich mich schrecklich einsam. Um tagsüber aus dem Haus zu kommen, habe ich eine Stelle in der Kanzlei angetreten, für die mein Vater tätig war. Meine Kollegen waren allesamt älter. Simon …“

Sie wartete auf den Druck in der Brust, den sie jedes Mal verspürte, wenn sie den Namen aussprach. Er blieb aus. Offenbar hatte sie Simon wirklich überwunden.

Mutiger fuhr sie fort. „Er hat mit mir als Einziger nicht wie mit einem Kind gesprochen. Ich habe mich sofort in ihn verliebt. Das hat er gemerkt, genossen und forciert.“ Sie schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit. Ihre frisch verliebte Mutter hatte nichts mehr von ihr wissen wollen, obwohl Ellie ihr Kindheit und Zukunft geopfert hatte. Beschämt über diese bitteren Gedanken schauderte sie, doch die Kälte und Einsamkeit von damals ließen sich so einfach nicht abschütteln.

Max zog sie an sich, und Ellie genoss dankbar seine Wärme. „Heute weiß ich, dass ich mich verzweifelt nach Liebe gesehnt habe. Simon hat das gespürt und ausgenutzt. Er war wirklich clever. Im einen Moment hat er mir geschmeichelt und mich als die begehrenswerteste Frau der Welt fühlen lassen, im nächsten hat er mich wie ein unerfahrenes Dummerchen behandelt. Er hat mich sitzen lassen, um mich bei nächster Gelegenheit mit einem wahnsinnig romantischen Date zu entschädigen. Ich wusste nie, woran ich mit ihm war.“

Ellie schluckte. „Umso schneller lernte ich, was er von mir erwartete. Ich trug mein Haar, wie es ihm gefiel, kleidete mich nach seinen Wünschen. Er brauchte gar nichts zu sagen – ein Blick genügte. Manchmal hat er tagelang nicht mit mir gesprochen, ohne dass ich den Grund wusste. Ich habe dann zu Hause das Telefon angestarrt und gehofft, dass er anruft oder eine SMS schreibt. Wenn er sich dann endlich wieder meldete, habe ich mir vor Erleichterung geschworen, ihn nie wieder zu verärgern. Ich habe mir gemerkt, was ihn glücklich macht. Mein Essen, meine Kleidung, die Bücher, die ich las, die Filme, die wir sahen – alles hat er ausgewählt. Das hielt ich für Liebe.“

Max’ ganzer Körper stand unter Hochspannung, ein Muskel an seinem Kinn zuckte, und seine Hand umschloss ihre beinahe zu fest.

„Als Mom verkündete, dass sie mit Bill nach Spanien zieht und unser Haus verkauft, hat Simon mich gerettet. Er schlug vor, dass ich bei ihm einziehe. Wenig später sollte ich meinen Job kündigen, damit ich studieren könne. Nur erfand er dann immer neue Gründe, um den Studienbeginn hinauszuzögern. Ich habe auf ihn gehört, weil ich glaubte, er wollte mich beschützen.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich nichts Eigenes besaß – gar nichts. Und dass es nicht normal ist, jedes Wort abzuwägen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Dass man sich nicht fürchten muss, wenn das Haus nicht picobello sauber ist, Kleidung oder Frisur nicht perfekt sitzen. Und dann habe ich gemerkt, dass ich kaum zu atmen wagte, aus Angst, mir seinen Unmut zuzuziehen. Ein Stirnrunzeln hat mich am Boden zerstört.

Als noch schlimmer empfinde ich heute, dass sein Lächeln mich überglücklich gemacht hat. Seine Zufriedenheit war mein ganzer Lebenszweck. War er glücklich, war ich es auch. Das dachte ich zumindest.

Ich habe in ständiger Furcht gelebt, war nie entspannt, wusste nie, was ihn zur Weißglut treibt. Simon hielt mir immer wieder vor, dass ich wertlos sei und Glück hätte, ihn zu haben. Ich habe ihm geglaubt. Schließlich hat meine eigene Mutter mich beiseite geschoben wie ein ungeliebtes Spielzeug.

Wenn er wollte, konnte Simon der netteste Mensch auf Erden sein. Danach habe ich mich verzehrt. War er schlecht drauf, schrieb ich mir die Schuld zu – genauso wie er.“

„Was ist dann passiert?“, fragte Max mit belegter Stimme.

„Es hat keinen konkreten Anlass gegeben. Mir wurde nur allmählich klar, dass ich schrecklich unglücklich war. Sobald unsere bevorstehende Hochzeit erwähnt wurde, kam ich mir vor wie lebendig begraben. Außerdem kontrollierte Simon mich zunehmend. Er wollte wissen, wo ich mich wann aufhielt, wurde wütend, wenn er anrief und ich nicht ans Telefon ging. Selbst meine Quittungen wollte er durchsehen.

Irgendwann habe ich gemerkt, wie sehr ich mich vor ihm fürchte. Da bin ich in den nächsten Zug nach Cornwall gestiegen. Sechs Monate lang habe ich nach ihm Ausschau gehalten – aus Angst, aber auch in der Hoffnung, dass er mich genug liebt, um mich zu finden.“

Da, jetzt war es heraus, die Wahrheit mit all ihren schmutzigen Details.

Ob Max sie dafür verurteilte? Mehr verachten als sie sich selbst konnte er sie allerdings nicht.

Ellie suchte in seiner Miene nach Anzeichen von Abscheu, doch er umfasste ihre Hände nur fester. Sein Blick war grimmig, sein Zorn richtete sich jedoch nicht gegen sie. Stattdessen sah er sie voller Mitgefühl an.

„Dennoch hast du etwas aus dir gemacht, Ellie. Dieser Idiot hat dich lediglich gebremst, nicht aufgehalten. Du bist stark, unabhängig, erfolgreich und warmherzig, du kannst stolz auf dich sein.“

Stolz – nicht beschämt? Stark – nicht schwach? Sah Max sie wirklich so?

Eine Weile saß Ellie ganz still da, dann ließ sie sich gegen ihn sinken. Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Da schlang Max die Arme um sie und zog sie an sich. Während Ellie sein Hemd mit ihren Tränen benetzte, hielt er sie fest, rieb ihren Rücken und küsste sie aufs Haar. So fuhren sie durch die Dämmerung.

 

Ihr Kopf und ihr Hals schmerzten, ihre Augen brannten, eigentlich tat Ellie alles weh. Sie wusste nicht, ob sie jemals so viel geweint hatte.

„Bist du wütend auf sie?“, fragte Max unvermittelt.

„Auf wen?“

„Auf deine Mutter. Ich bin nämlich sauer auf meine Mutter. Sie ist so stur und so gierig. Und meinen Vater könnte ich erwürgen, weil – eigentlich wegen allem. Allerdings geht es bei ihrem Streit nicht um mich. Ich könnte fortgehen und sie ihrem Schicksal überlassen. Womöglich wäre das sogar besser. Und im Gegensatz zu dir damals bin ich erwachsen. Du warst nur ein Kind. Deine Mutter hat dich gezwungen, ihre Rolle zu übernehmen. Und als es dir später schlecht ging, war sie nicht für dich da.“

Ellie wollte protestieren, aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. „Ich …“

„Du darfst wütend auf sie sein. Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen, höchstens menschlicher.“

Bin ich wütend auf Mom? fragte Ellie sich. Bohrte sie deswegen die Fingernägel in die Handflächen, wenn sie eine ihrer flüchtigen E-Mails las? Max hatte recht, ihre Mutter hatte es nicht gekümmert, dass ihre Tochter in einer krankhaften Beziehung lebte – als Achtzehnjährige mit einem deutlich älteren Mann. Und sie war nicht für Ellie da gewesen, als sie vor Simon floh.

„Ich bin wütend,“, brachte sie mühsam heraus. „Ich musste mich um alles kümmern wie eine Erwachsene. Sie hat zugelassen, dass ich ihretwegen auf ein Studium verzichte, und dann ist sie einfach gegangen …“ Ihre Stimme wurde immer lauter.

Max umfasste sie fester. „Wie hast du dich damals gefühlt?“

„Verloren. Manchmal habe ich mich gefragt, ob nicht alles anders gelaufen wäre, wenn … Ich hätte mich nicht verlobt, stattdessen studiert …“ Sie brach ab. „Damals war ich allerdings bereits volljährig. Ich habe meine Wahl getroffen, genau wie sie. Dafür kann ich ihr keinen Vorwurf machen, nur mir.“

„Du warst noch ein Kind. Und es gibt nichts, dessen du dich schämen müsstest.“

Eine lange Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Max hielt Ellies Hand und streichelte unaufhörlich mit dem Daumen über ihren Handrücken, während sie ihrer alten Heimat entgegenfuhren.

Als sie schließlich auf den Parkplatz vor dem Krankenhaus einbogen, schnappte Ellie nach Luft. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.

„Alles wird gut“, versicherte Max ihr. „Diesmal bist du nicht allein.“

Sie versuchte zu lächeln, aber die Gesichtsmuskeln gehorchten ihr nicht.

Max hatte ihre Schutzschilde überwunden und ihr vor Augen geführt, welche Art von Leben sie führte. Sie arbeitete hart und war ehrlich, tat aber nichts, was sich leben nennen ließe. Stattdessen versteckte sie sich, gönnte sich keinerlei Vergnügungen, traute niemandem.

Dad, Phil und Demelza hätten gewollt, dass ich glücklich bin, dachte Ellie. Sie nahm sich noch einmal fest vor, ihr Leben neu in Angriff zu nehmen. Nur wo sie anfangen sollte, wusste sie nicht.

 


Sold out

Sold out

Sold out
Nächster Artikel Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 8