Maggie senkte Schutz suchend den Kopf und kämpfte sich weiter die schmutzige Straße entlang, während ihr der eiskalte Regen erbarmungslos ins Gesicht peitschte.
Die nassen Kleider klebten an ihr, weil sie vergessen hatte, ihren Mantel zuzuknöpfen. Wasser rann ihre Beine hinab und sammelte sich in den Gummistiefeln. Und ihre Haare, die sie sorgfältig gewaschen und geföhnt hatte, klebten zerzaust an ihrem Hals.
Nachdem sie eine ganze Weile gehetzt durch die Dunkelheit gestolpert war, verlangsamten sich ihre Schritte und wurden schleppender, bis Maggie schließlich stehen blieb. Unter normalen Umständen hätte sie ganz selbstverständlich ihren Jeep genommen, um nach Hause zu fahren. Aber nach dem, was sie bei dem Blick durch Marcus’ achtlos zugezogene Wohnzimmervorhänge gesehen hatte, war jeder klare Gedanke ausgeblendet gewesen, und sie war einfach davongelaufen … Noch immer sah sie das Bild, das sich unauslöschlich in ihren Gedanken eingebrannt hatte, vor sich: Marcus in leidenschaftlicher Umarmung mit seiner Geliebten.
Auf ihrer blinden Flucht durch die Dunkelheit musste sie direkt an ihrem Wagen vorbeigelaufen sein. Ein unangenehmes Kratzen im Hals machte ihr das Atmen schwer. Sie sollte unbedingt zu Hause sein, bevor die aufgewühlten Emotionen sie endgültig überwältigten.
Mittlerweile verstand sie sein Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche. Mal war er zu beschäftigt, um sich mit ihr zu treffen, ein anderes Mal verhielt er sich wieder aufmerksam und liebevoll. Seine Zuneigung war geheuchelt, er brauchte sie nur als Alibi, um seine Affäre mit der jungen Ehefrau eines eifersüchtigen Pferdezüchters zu vertuschen.
Maggie wurde blass. Sie war so naiv gewesen und hatte ihm geglaubt, dass Marcus sie aus Respekt vor ihrem schmerzvollen Verlust nicht drängen wollte. Er sagte, sie solle sich vollkommen sicher sein, bevor sie sich auf eine echte Beziehung einließ.
Und die unschuldige Maggie war sich sicher gewesen. Sie wollte ihm beweisen, dass sie eine begehrenswerte Frau war, erwachsen und durchaus bereit für eine ernsthafte Bindung. Aus unendlich vielen Frauenmagazinen hatte sie zusammengetragen, was er sich möglicherweise bei einer Geliebten wünschen konnte. Ängste und Zweifel hatte sie energisch über Bord geworfen, sogar ein neues Kleid hatte sie sich besorgt.
Ihr bitteres Lachen wurde vom Wind fortgetragen. Er hatte sie niemals gewollt. Sie war zu unerfahren und verblendet gewesen, um zu erkennen, dass er sie nur ausgenutzt hatte. Übelkeit schnürte ihr die Kehle zu, und Maggie kämpfte verzweifelt gegen den Würgereiz. Sie beugte sich vor und stellte fest, dass ein schwaches Licht auf ihre Stiefel schien. Vergessen war für den Moment das Bild verschlungener, nackter Körper in ihrem Kopf – woher kam dieses Licht?
„Brauchen Sie Hilfe?“ Eine tiefe Stimme drang durch die Dunkelheit zu ihr.
Verwirrt richtete sie sich auf und blinzelte in das Licht greller Scheinwerfer. Dann erkannte sie die Silhouette eines Mannes, der groß und schlank und irgendwie fremd aussah. Seine auffallend breiten Schultern waren beeindruckend, und Maggie verspürte den Impuls, sich an seine Brust zu schmiegen und dort auszuweinen.
Glücklicherweise gewann ihr Verstand wieder die Oberhand. Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Mann war. Zudem musste sie gerade erst lernen, wie wenig sie sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen konnte. Marcus besaß alles, was sie sich bei einem Mann, einem Geliebten, einem Gefährten erträumte – jedenfalls hatte sie das geglaubt.
Die Silhouette näherte sich ihr, und erst jetzt wurde ihr die Größe und Ausstrahlung des Fremden bewusst.
„Ihnen geht es offenbar nicht gut. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Man hörte einen leichten Akzent aus seiner Stimme heraus.
„Wer sind Sie?“, erkundigte sie sich zögernd und so leise, dass sie es selbst kaum wahrnahm.
Für einige Sekunden herrschte Stille, nur das Rauschen von Wind und Regen war zu hören.
„Ich bin Gast auf Tallawanta Stud. Ich wohne dort vorübergehend im Haupthaus.“
Jetzt erkannte sie auch den riesigen Geländewagen, dessen Scheinwerfer sie blendeten. Nur das Beste für die Gäste im Haupthaus! Und diese Woche handelte es sich um einen Gesandten des Scheichs von Shajehar, der das Gestüt inspizieren sollte.
Das erklärte den Akzent. Der Fremde sprach ein deutlich einstudiertes Englisch, wie es auf britischen Schulen unterrichtet wurde. Aber die sanfte Betonung der Konsonanten verlieh seiner Aussprache etwas aufregend Exotisches.