Zärtlicher Eroberer – Kapitel 10

Valerian befand sich im Treibhaus und beschäftigte sich mit seinen neuen Hybridrosen, als Beldon am nächsten Tag eintraf. Freudig überrascht sah er von seinen Töpfen und Stecklingen auf. Mangels Gesellschaft war er in letzter Zeit viel zu oft allein mit seinen Gedanken gewesen.

          „Ich hoffe, eine gelbe Rose mit pinkfarbenen Akzenten zu entwickeln“, erklärte Valerian und wischte sich die Hände an einem Stofftuch ab. „Wie schön, dich zu sehen! Was führt dich so unverhofft hierher? Es geht doch hoffentlich allen gut?“ Für einen Moment zog sich ihm der Magen zusammen, denn seine Hauptsorge galt Philippa. Ihm schossen Hunderte von Möglichkeiten durch den Kopf, was ihr alles zugestoßen sein konnte – ein Sturz vom Pferd, eine schwere Wintergrippe. Oder sie konnte auch Luciens lächerlichen Heiratsantrag angenommen haben.

          Offensichtlich war ihm seine Besorgnis anzusehen. „Immer mit der Ruhe, alter Freund!“ Beldon lachte leise. „Alle sind wohlauf. Philippa geht es gut, falls es das ist, was dich bedrückt.“

          „Wollen wir ins Haus gehen?“, bot Valerian an.

          „Nein, lass dich nicht durch mich von deiner Arbeit abhalten“, wehrte Beldon ab und zog sich einen hohen Hocker an den langen Arbeitstisch. „Ich bin gekommen, um mit dir zu reden. Ein paar Dinge an deinem Rätsel lassen mir keine Ruhe.“

          Valerian nickte und schob ihm eine Holzkiste zu. „Du kannst das Saatgut sortieren, während wir uns unterhalten.“ Er wusste, welches Rätsel Beldon meinte, und er konnte mit ziemlich Sicherheit voraussagen, was Beldon herausgefunden hatte und was nicht.

          Beldon nahm eine Tüte mit Saatgut aus dem Behälter heraus. „Lieber Gott, wozu brauchst du die denn alle? Das müssen ja hundert Tüten in dieser Kiste sein!“

          „Das sind alles Wildblumen. Ich möchte die Samen in den südlichen Garten aussetzen. Sortiere sie nach der Art, nicht nach Farben“, wies Valerian ihn an.

          „Du schmiedest Pläne. Das kann nur bedeuten, dass es sich für dich gut anfühlt, wieder zu Hause zu sein“, stellte Beldon fest.

          Valerian sah von seiner Arbeit auf und lächelte seinen Freund warmherzig an. „Erstens, ja, es fühlt sich herrlich an, wieder zu Hause zu sein. Endlich kann ich die Pläne in die Tat umsetzen, die ich schon so lange mit Roseland hatte. Zweitens, du brauchst nicht lange um die Sache herumreden. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, und ich denke, du kannst mich alles fragen, ohne dass unsere Freundschaft darunter leidet.“ Beldon schnaubte leise, und Valerian war klar, dass er diese Bemerkung als Ironie empfinden musste, denn immerhin hatte er Beldon vor Jahren sein großes Geheimnis nicht anvertrauen können. „Vielleicht denkst du anders über die Gründe, warum ich dir damals nichts davon gesagt habe, wenn du mir alle deine Fragen gestellt hast“, fügte Valerian leise und wie um Entschuldigung bittend hinzu. Es gab so vieles, was er erklären musste. Heute war der Tag, um damit anzufangen.

          Beldon holte tief Luft. „Also gut. Was hast du in Bezug auf Philippa vor, jetzt, wo du für immer zurückgekehrt bist?“

          Valerian lachte leise und konzentrierte sich auf die Pflanze vor ihm. „So einfach ist das nicht, Beldon. Philippa ist eine eigensinnige Frau. Sie wird genau das tun, was sie will, und ich fürchte, sie ist nicht davon überzeugt, dass ich das Beste für sie bin.“

          Er sah gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Beldon verwirrt die Stirn runzelte. „Ich verstehe nicht, was daran so schwierig sein soll“, meinte er. „Ihr beide wart einmal ineinander verliebt, sie ist jetzt frei und ungebunden, und du liebst sie immer noch. Du wirst sie ein wenig umwerben müssen, aber ansonsten sehe ich da

 

kein Problem.“

          Armer Beldon, dachte Valerian. Er kannte so viele und gleichzeitig so wenige Einzelheiten dieser Geschichte. Valerian hatte Erbarmen mit ihm, legte die Gartenschere weg und beugte sich über den grob gezimmerten Tisch. „Hör mir zu, Beldon. In der Nacht, als du sie weinend im Garten antrafst, hat sie keine Tränen vergossen, weil sie Cambourne heiraten und auf mich verzichten musste. Sie hat geweint, weil ich ihr vorsätzlich das Herz gebrochen hatte. Sie dachte, ich würde ihr an diesem Abend einen Heiratsantrag machen. Stattdessen sagte ich ihr, sie solle Cambourne heiraten und dass das, was uns verbunden hätte, nur ein flüchtiges Abenteuer für mich gewesen sei.“ Valerian wand sich innerlich bei seinen letzten Worten. Sicher würde Beldon jetzt mit dem Sortieren aufhören und ihm einen Kinnhaken verpassen. Er hatte auch nichts anderes verdient.

          Beldon hörte auf, die Samen zu sortieren, und ballte tatsächlich die Hände zu Fäusten. „Was sollte das?“ Er klang wie ein zorniger älterer Bruder. „Philippa war immer nur gut zu dir. Sie hat dich angebetet, und das offenbar mehr als ich ahnte. Du warst ihr Held.“

          Valerian nickte. Zahllose Erinnerungen an Philippa als junges Mädchen stiegen in ihm auf. Als Kind mit Zöpfen und noch kurzen Röcken, wie sie mit ihm durch den Sommer getollt war; Philippa etwas älter, aber immer noch wie ein Fohlen mit ihren langen Beinen, die ihn anbettelte, ihr Partner bei ihren Tanzstunden zu sein.

          Oh ja, Beldon hätte es nicht zutreffender ausdrücken können. Er war ihr Held gewesen. Vor langer Zeit hatte er ihre Verehrung genossen. Es hatte ihm Stärke verliehen, zu wissen, dass jemand so bedingungslos an ihn glaubte. Und genau das hatte ihm auch die Kraft gegeben, das dunkelste Jahr seine Lebens zu überstehen – das Jahr, in dem seine Eltern so plötzlich bei einem tragischen Jagdunfall in Schottland ums Leben gekommen waren und er mit gerade einmal fünfzehn Jahren der neue Viscount St. Just wurde.

          Philippa war sein Fels in der Brandung, sie hatte ihm zugehört, wenn der Kummer ihn wieder einmal zu überwältigen drohte. Beldon hatte sich als vollendeter Freund erwiesen, und seine Eltern hatten sich loyal hinter den jungen Freund ihres Sohns gestellt. Valerian schuldete ihnen so viel für all das, was sie für ihn getan hatten. Sie hatten ihm Zuflucht geboten, sie hatten sein Erbe beschützt, als Bedenken wegen seines jugendlichen Alters aufgekommen waren, und, was am meisten zählte, sie hatten ihn geliebt. Er hatte keine andere Wahl gehabt als ihnen ebenfalls zu helfen, als die Zeit gekommen war, selbst wenn das bedeutete, Philippa damit wehzutun.

          Valerian seufzte und widmete sich nun einer Tomatenpflanze, die er im Treibhaus zog. Prüfend untersuchte er die Blätter auf einen eventuellen Pilzbefall. „All die Jahre über plagten mich große Schuldgefühle. Ich habe mich oft gefragt, ob es eine Alternative gegeben hätte. Am meisten machte ich mir zum Vorwurf, das Ganze überhaupt angefangen zu haben.“ Es fiel ihm leichter, zu reden, wenn er nebenbei beschäftigt war.

          „Mich interessiert nicht so sehr, wie es angefangen hat, Val, sondern wie es mit einem gebrochenen Herzen enden konnte“, drängte Beldon.

          Valerian verstand die unausgesprochene Botschaft. Beldon war bewusst, wie schrecklich peinlich es war, mit seinem besten Freund über ein Romanze mit dessen Schwester zu sprechen. Diese Erinnerungen waren zu persönlich und zu intim, sie gehörten eigentlich nur ihm selbst und Philippa.

          „Philippa hatte sich nicht geirrt. Ich hatte vorgehabt, ihr an jenem Abend einen Heiratsantrag zu machen. Ihr Debüt war zwar erst gut einen Monat her, aber mir war schon lange vorher klar geworden, was ich für sie empfand. An jenem Nachmittag ging ich zu deinem Vater, um mit ihm zu sprechen.“ Valerian wagte einen kurzen Blick in Beldons Richtung.

          „Mein Vater hat dich abgewiesen?“, fragte Beldon ungläubig. „Aber er hat dich geliebt!“ Man konnte förmlich sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. „Das Geld“, sagte er schließlich. „Ich bin heute gekommen, weil ich gestern Abend lange die Buchhaltung unserer Familie durchgegangen bin. Ohne Cambournes großzügiges Darlehen hätten wir nicht überlebt.“

          Valerian nickte leicht. „Dein Vater bat mich, nicht im Weg zu stehen, denn er hatte ein Angebot vom Duke erhalten.“ Er brauchte sich nicht weiter mit schwierigen Erklärungen abzumühen, Beldon konnte sich den Rest der Unterhaltung schell zusammenreimen.

          „Was mein Vater getan hat, war schändlich. Er hat seine Tochter verkauft und zu einer Ehe gezwungen, obwohl sie einen anderen liebte und dieser andere sie heiraten wollte …“ Beldons Stimme klang fassungslos.

          „Sei nicht böse auf deinen Vater“, fiel Valerian ihm ins Wort. „Ich habe dir das nicht erzählt, um einen Keil zwischen dich und deine Erinnerungen an ihn zu treiben. Er war uns allen ein guter Vater. Ich halte es nicht für schändlich, wenn man versucht, seine Familie vor dem Ruin zu bewahren.“

          Beldon widersprach. „Du warst ja schließlich selbst nicht unehrenhaft oder arm oder ohne einen Titel. Du warst in jeder Hinsicht standesgemäß für Philippa.“

          „Er hat das getan, was er für das Beste hielt“, gab Valerian bestimmt zurück. „Einen Teil der Schuld muss ich auf mich nehmen. Ich wusste, dass Cambourne interessiert war, immerhin wurden diesbezüglich ja schon öffentlich Wetten abgeschlossen. Trotzdem suchte ich deinen Vater auf und brachte ihn damit in die unangenehme Situation, mich abweisen zu müssen. Es wäre vielleicht besser für alle Beteiligten gewesen, wenn ich unsere Romanze einfach hätte ausklingen lassen oder wenn ich sie gar nicht erst begonnen hätte.“

          Beldon schüttelte den Kopf. „Das sieht dir so ähnlich, die Last eines anderen auf deine Schultern zu nehmen. Schon in der Schule hast du dich schnell auf die Seite der Schwächeren gestellt und andere beschützt, auch wenn sie selbst die Verantwortung für sich hätten übernehmen müssen.“

          „Trotzdem, es ging nicht anders. Du weißt, mein gesamtes Erbe konnte ich erst mit siebenundzwanzig antreten“, erinnerte Valerian ihn. „Wenn die Familie noch fünf Jahre hätte überstehen können, dann hätte ich mein ganzes Vermögen dafür ausgegeben, ihr wieder auf die Beine zu helfen, aber so lange konnte dein Vater nicht warten.“

          Beldon fuhr fort, das Saatgut zu sortieren. „Ich verstehe“, meinte er, aber sein Tonfall ließ eher das Gegenteil vermuten. Valerian wusste, Beldon würde lange brauchen, das zu begreifen, was in der Vergangenheit geschehen war. Immerhin wurde diese für ihn gerade neu geschrieben.

          „Dein Vater bat mich, mit Philippa auf eine Art zu brechen, die ihn nicht als Schurken dastehen ließ oder die ihre Bereitschaft, Cambourne zu heiraten, ins Wanken brachte. Du kennst Philippa. Wenn sie auch nur eine winzige Chance gesehen hätte, ihren Vater dazu zu bringen, dass er seine Meinung änderte, sie hätte es versucht.“

          „Also hast du den Schuft gespielt und ihr gesagt, eure kleine affaire bedeute dir nichts.“

          „So in etwa“, gab Valerian zu. Auf einmal hatte er das Bedürfnis klarzustellen, dass sein Entschluss, den Schuft zu spielen, deutliche Grenzen gehabt hatte. „Es war keine ‚affaire‘ im eigentlichen Sinn des Wortes, Beldon. Ich habe ihr nicht die Unschuld geraubt. Denke nicht das Schlimmste von mir, ganz gleich, was für Gerüchte inzwischen über mich kursieren.“

          „Gerüchte beiseite – ich habe dich immer für einen Ehrenmann gehalten“, erwiderte Beldon und hielt Valerians Blick stand.

          „Ja, du vielleicht, aber Philippa nicht mehr. Die Vergangenheit und die Gegenwart – so wie sie sie sieht – passen nur allzu gut zusammen. Meine Vorführung in jener Nacht im Garten war ziemlich überzeugend. Vielleicht verstehst du jetzt, warum es für mich so schwer werden wird, ihr den Hof zu machen.“

          Beldon warf die letzte Tüte auf einen Stapel mit Wildveilchensamen. „Mir ist vollkommen klar, wie tief du in der Tinte sitzt. Philippa hält dich wirklich für einen Schuft, weil du sie in der Vergangenheit so schändlich behandelt hast, und sie bezweifelt jetzt, dass deine Zuneigung wirklich aufrichtig ist.“

          Valerian lächelte spröde. „Das Ganze ist fast Stoff für eine Farce auf der Bühne des Drury Lane.“

          „Ich weiß nicht, ob ‚Farce‘ das treffende Wort dafür ist“, gab Beldon zurück. „Glaubst du, deine Bemühungen werden umsonst sein?“

          „Wenn ja, dann nennen wir es Drama. Wenn ich Erfolg habe, nennen wir es Komödie. Eine Komödie kann es aber nur sein, wenn das Ende glücklich ist.“ Valerian war froh, dass sich ein etwas leichterer Ton zwischen ihnen eingeschlichen hatte. Das Gespräch war sehr ernst, wenn auch notwendig gewesen. Wenn seine Zeit im Ausland, in den diplomatischen Kreisen, ihn eines gelehrt hatte, dann das, dass die Gegenwart immer das erntete, was sie in der Vergangenheit gesät hatte. Er hatte gewusst, dass seine Entscheidung, wieder nach Hause zu kommen, bedeuten würde, sich seinen alten Dämonen stellen zu müssen. Dennoch hatte er sich dafür entschieden. Ein Mann konnte nicht ewig weit und endlos lange davonlaufen.

          Valerian beendete seine Arbeit. „Lass uns ins Haus gehen und sehen, ob Mrs. Wilcox vielleicht Tee für uns hat.“

          „Ins Haus zu gehen, das finde ich gut, aber Tee, Valerian?“ Beldon zog die Augenbrauen hoch. „Ich vermute, wir brauchen etwas Stärkeres, bis wir alles geklärt haben.“

          Valerian warf Beldon einen vorsichtigen Blick zu. Was wollte sein Freund ihm heute denn noch entlocken? Es gab gewiss noch weitere Geheimnisse zu enthüllen, aber er hatte alles gesagt, wozu er an einem Tag fähig war. Solch seelische Beichten verlangtem einem Mann viel ab.

          Beldon kam um den Arbeitstisch herum und schlug Valerian lachend auf den Rücken. „Du machst ein Gesicht, als wäre ich die spanische Inquisition, Val! Ich meinte doch nur, dass wir jetzt Pläne schmieden müssen. So wie ich das sehe, müssen wir Philippa davon überzeugen, dass du an jenem Abend nur geschauspielert hast, und das für eine gute Sache. Wir müssen ihr zeigen, wie anständig du im Grunde bist und sie dazu bringen, dass sie dir wieder vertraut.“

          „Bei dir hört sich das so leicht an“, klagte Valerian und zog die Tür des Gewächshauses hinter sich zu. Nach der feuchten Wärme kam es ihm draußen außergewöhnlich kalt vor.

          „Nun, es wäre jedenfalls leichter, wenn Philippa hier wäre“, meinte Beldon gedehnt und blieb stehen, um die Rückseite von Roseland zu betrachten. Das Sandsteingebäude ragte majestätisch aus der Landschaft heraus. Langsam machten sie sich auf den kurzen Weg zur hinteren Terrasse. Vor den Granitstufen blieb Beldon plötzlich wie angewurzelt stehen. „Ich habe eine Idee!“

          „Oh nein, du und deine Ideen …“, fing Valerian an.

          „Ich habe immer gute Ideen“, fiel Beldon ihm ins Wort und sah ihn streng an. „Pass auf, so sieht deine jetzige Situation aus – du bist gerade nach vielen Jahren zurückgekehrt und hast hier kaum gelebt, seitdem du ein erwachsener Mann bist. Du stellst fest, dass viel getan werden muss, um Roseland bewohnbar und moderner zu machen.“ Beldon hob dramatisch die Stimme an. „Aber leider bist du nur ein armer, schwacher Mann ohne jeden Sinn für Raumgestaltung. Wenn man dich dir selbst überlässt, wählst du gestreifte Chintzvorhänge zu gepunkteten Tagesdecken.“

          „Ich ahne, worauf du hinauswillst.“ Valerian starrte ihn an. „Ich soll Philippa bitten, Roseland neu einzurichten.“

          Beldon zuckte die Achseln. „Das wird sie ohnehin tun, wenn du sie heiratest. Da kannst du auch gleich Nägel mit Köpfen machen.“

          Valerian musste lachen über seinen praktisch veranlagten Freund. „Du bist ja ziemlich optimistisch.“

          Beldon wurde ernst. „Ich möchte euch beide glücklich sehen. Es ist eine bittere Pille für mich zu wissen, dass alles, was passiert ist, meinetwegen geschehen ist. Ich war der Erbe. Daran lässt sich nichts schönfärben. Ich war derjenige, der am meisten von der Entscheidung meines Vaters profitiert hat. Es ist grausam, herauszufinden, dass deine Schwester und dein bester Freund ihr persönliches Glück dir zuliebe geopfert haben.“

          „Sie weiß doch nichts davon“, wandte Valerian ein und war einen Moment lang so naiv, zu glauben, er könnte damit Beldons Schuldgefühle lindern.

          „Aber sie wird es erfahren. Wenn du sie für dich gewinnen willst, musst du ihr alles erzählen“, sagte Beldon. „Indem du reinen Tisch machst, erreichst du dein Ziel wahrscheinlich leichter.“

          Valerian schüttelte den Kopf. „Seit wann stellt ein Geständnis die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten dar?“

          „Seit man weiß, dass ein Geständnis gut für die Seele ist.“ Beldon klopfte sich lachend die Erde von den Stiefeln, als sie die Stufen zur Terrasse hinaufstiegen.

          Beldon hatte recht. Er musste es Philippa sagen. Er hatte eben gesehen, wie schmerzhaft die Geschichte für seinen Freund war, und er freute sich nicht darauf, auch mit Philippa darüber sprechen zu müssen. Es würde lange dauern, bis er ihr die Einzelheiten erklärt hatte.

          Valerian war sich jedoch nur allzu bewusst, dass das alles vielleicht nicht genug war. Ihm war etwas klar, was Beldon noch gar nicht so recht begriffen hatte. In den neun Jahren seiner Abwesenheit hatte er ein völlig anderes Leben geführt, und aus dieser Zeit haftete ihm ein Ruf an, gegen den er ankämpfen musste. Mr. Danworth hatte das damals beim Essen deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber es gab noch andere Dinge aus seiner Zeit im Ausland, die ihn unweigerlich einholen würden, Dinge, die ihm noch viel mehr schaden konnten als irgendwelche Frauengeschichten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es so weit war.

 

Lucien las noch einmal mit unverhohlener Begeisterung das ausführliche Schreiben, das mit der Post aus London gekommen war. Er spreizte die Finger auf der polierten Oberfläche des Kirschholzschreibtischs, der seine Macht in der Provincial Bank of Truro versinnbildlichte.

          Er kam täglich ins Haus, um die Post und den Wirtschaftsteil der Times zu lesen und um ein paar private Geschäfte für die Bank abzuwickeln. Die einheimischen Großgrundbesitzer und Landadeligen fanden es beruhigend, sich wegen eines Kredits direkt an ihn wenden zu können. Es hob ihr Selbstwertgefühl, zu wissen, dass sie imstande waren, mit dem Sohn eines Viscount verhandeln zu können. Das nutzte er oft und großzügig aus.

          Danforth klopfte und sah in Luciens elegantes Privatbüro. „Gute Nachrichten, wie ich hoffe?“, fragte er besorgt.

          „Ja, sehr gute. Danke der Nachfrage“, erwiderte er knapp und lächelte. Er hatte gelernt, dass der Wert einer Information unbezahlbar sein konnte. Und er hatte nicht vor, irgendjemanden, und schon gar nicht diesen dünkelhaften, stiefelleckenden und selbst ernannten Bankier Danforth in sein neuestes on-dit einzuweihen. Eigentlich war es noch gar kein Gerücht, aber es würde eins werden, wenn es an die Öffentlichkeit gelangte. Und Lucien gedachte, das selbst einzuleiten.

          Er musste sich wirklich zwingen, sich nicht vor Freude die Hände zu reiben. Er las den Bericht ein drittes Mal. Wie es aussah, hatte Viscount St. Just an einer unglücklichen Rebellion in einer Stadt namens Negush teilgenommen. Ein Massaker hatte stattgefunden, und die Stadt war niedergebrannt worden. Frauen und Kinder waren auf brutale Weise ums Leben gekommen. St. Just war es nicht gelungen, den Aufstand zu unterdrücken, ehe es zu diesen Gräueltaten gekommen war.

          Lucien hatte keine Ahnung, wo Negush lag, und da er dort keine Bergbauinteressen vertrat, war es ihm ziemlich egal, auf welchem Teil der Landkarte es zu finden war. Aber St. Just würde das ganz und gar nicht gleichgültig sein, wenn diese Informationen publik wurden. Wenn man die Geschichte nur richtig formulierte, konnte sich St. Just als Mörder Unschuldiger herausstellen, der er wahrscheinlich auch war, direkt oder indirekt. Wenn Lucien es geschickt anstellte, konnte er die Londoner Gesellschaft dazu bringen, zu glauben, St. Just hätte sich bei diesem Aufstand des Verrats schuldig gemacht. Im besten Fall würde man St. Just hängen. Auch Adelige konnten Verrat begehen, vor allem, wenn sein Vater und seine alten Freunde in Whitehall ein Exempel statuieren wollten. Der Mann war in jedem Fall dem Untergang geweiht. Die Gesellschaft würde keinen Mann tolerieren, der zu solchen Taten fähig war; ob es ihm nun nur aus Unachtsamkeit nicht gelungen war, den Aufstand zu unterdrücken, ehe er außer Kontrolle geraten war, oder ob er tatsächlich aktiv an diesem sinnlosen Blutvergießen teilgenommen hatte.

          St. Just würde dafür bezahlen, und dann kam Philippa wieder zu ihm zurück. Lucien glaubte, gar nicht verlieren zu können. Philippa würde Valerian verdammen und sich selbst beglückwünschen, weil sie einem solchen Ungeheuer aus dem Weg gegangen war. Und hatte sie sich doch in den Mann verliebt, dann würde sie gewiss zu Lucien eilen, um ihm alles, was sie hatte, für seine Freilassung anzubieten. Er würde in diesem Fall in der ausgezeichneten Position sein, ihr Schutz anzubieten und die Bluthunde seines Vaters zurückzupfeifen.

          Vielleicht sollte er Negush doch einmal auf der Landkarte suchen, da er diesem kleinen Flecken Erde offenbar seine erfolgreiche Zukunft verdanken wird. Lucien ging zu der kleinen Anrichte, schenkte sich einen Brandy ein und trank auf seinen unmittelbar bevorstehenden Sieg.

 


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