Wie froh sie war, wieder zu Hause zu sein! Philippa legte die Feder nieder und sah von ihren Kassenbüchern auf. Sie streckte sich und genoss die herrliche Aussicht durch die hohen Fenster der Bibliothek. Nicht einmal der feine Nieselregen konnte ihre Begeisterung schmälern. Vor ihr erstreckten sich die großzügigen Rasenflächen in sattem Grün, selbst im Winter. In der Ferne schimmerte der Teich, auf dem sich Enten tummelten. Bei schönerem Wetter hätte sie wohl die Fenster weit geöffnet, um das Entengeschnatter zu hören.
Alles in allem war sie zwei Monate fort gewesen. Erst in London zur Herbstsitzung des Parlaments, weil sie sich an den Diskussionen über die Reform des Bergbaus hatte beteiligen wollen, dann über Weihnachten in Richmond und bei Lucien zum Jahreswechsel. Jetzt konnte sie drei Monate lang zu Hause bleiben, bis sie nach Ostern wieder nach London zurückkehren musste.
Zu Hause. Ihr kleines Königreich, das sie unangefochten regierte. Sie führte die Bücher, sie überwachte die täglichen geschäftlichen Transaktionen, sie besuchte die Pächter und das zum Besitz gehörende Landgut und kümmerte sich um die Belange der Minenarbeiter. Hier machte ihr kein Mann Vorschriften.
Philippa wusste, in welcher Ausnahmesituation sie sich damit befand. Das alles war ihr nicht einfach zugeflogen, sie hatte dafür einen hohen Preis gezahlt, indem sie ihren Jugendtraum geopfert hatte. Sie hatte aus Liebe heiraten wollen, wie in diesen romantischen Märchen oder Liebesromanen. Stattdessen hatte sie den Mann geehelicht, den ihre Familie für sie ausgesucht hatte, und mit ihm ein stilles, kameradschaftliches Leben geführt.
Vielleicht war das ja sogar besser. Ihre Erfahrung mit Valerian war ziemlich aufschlussreich, was die Dauer und Verlässlichkeit einer romantischen Liebe betraf. Sie hatte eindeutig ihre Grenzen. Allerdings hatte auch Kameradschaft ihre Grenzen. Cambourne war freundlich und auf eine Art großzügig gewesen, die weit über das Materielle hinausging. Er hatte ihr alles über das Geschäft und die Finanzen beigebracht und sich über ihr Interesse an seinen Besitzungen gefreut.
Am Anfang hatte sie nur Anteilnahme dafür gezeigt, weil sie nach Valerians Fortgehen Ablenkung gesucht hatte. Sie hatte etwas gebraucht, womit sie sich beschäftigen konnte. Später war es ihr zu einem ehrlichen Anliegen geworden, sich aktiv für die Belange des Cambourne-Unternehmens einzusetzen. Sie hatte die Schule für die Kinder der Minenarbeiter gegründet, die zu einem ihrer Lieblingsprojekte geworden war.
Dann war Cambourne so plötzlich gestorben, und sie hatte angefangen, sich leidenschaftlich für eine Gesetzgebung einzusetzen, die für mehr Sicherheit im Bergbau sorgen sollte. Oh ja, es war nicht abzustreiten, dass ihre Tage mittlerweile ziemlich ausgefüllt waren. Sie hatte sich bewundernswert schnell in ihrer neuen Rolle als junge Duchess of Cambourne zurechtgefunden, und ein paar Jahre darauf als Dowager Duchess. Aber sich ständig einer neuen Rolle anzupassen, war harte Arbeit, und sie hegte nicht den Wunsch, das schon wieder tun zu müssen.
Philippa tastete nach dem Saphir an ihrem Hals. Sie hatte Luciens Geschenk an diesem Tag angelegt, um zu ihrem Wort zu stehen. Niemand sah sie, niemand erinnerte sie an ihr Versprechen, aber sie selbst wollte es so. Sie hatte Lucien versichert, seinen Antrag zu überdenken. Der Anhänger sollte sie daran erinnern. Sie war es Lucien schuldig, sich wenigstens ein paar Gedanken darüber zu machen. Obwohl – wenn er ihre Gedanken hätte lesen können, wäre es ihm wahrscheinlich lieber gewesen, wenn sie nicht nachgedacht hätte. Eine Ehe mit Lucien würde eindeutig eine weitere Anpassung an eine neue Rolle bedeuten.
