Zärtlicher Eroberer – Kapitel 9

Wie froh sie war, wieder zu Hause zu sein! Philippa legte die Feder nieder und sah von ihren Kassenbüchern auf. Sie streckte sich und genoss die herrliche Aussicht durch die hohen Fenster der Bibliothek. Nicht einmal der feine Nieselregen konnte ihre Begeisterung schmälern. Vor ihr erstreckten sich die großzügigen Rasenflächen in sattem Grün, selbst im Winter. In der Ferne schimmerte der Teich, auf dem sich Enten tummelten. Bei schönerem Wetter hätte sie wohl die Fenster weit geöffnet, um das Entengeschnatter zu hören.

          Alles in allem war sie zwei Monate fort gewesen. Erst in London zur Herbstsitzung des Parlaments, weil sie sich an den Diskussionen über die Reform des Bergbaus hatte beteiligen wollen, dann über Weihnachten in Richmond und bei Lucien zum Jahreswechsel. Jetzt konnte sie drei Monate lang zu Hause bleiben, bis sie nach Ostern wieder nach London zurückkehren musste.

          Zu Hause. Ihr kleines Königreich, das sie unangefochten regierte. Sie führte die Bücher, sie überwachte die täglichen geschäftlichen Transaktionen, sie besuchte die Pächter und das zum Besitz gehörende Landgut und kümmerte sich um die Belange der Minenarbeiter. Hier machte ihr kein Mann Vorschriften.

          Philippa wusste, in welcher Ausnahmesituation sie sich damit befand. Das alles war ihr nicht einfach zugeflogen, sie hatte dafür einen hohen Preis gezahlt, indem sie ihren Jugendtraum geopfert hatte. Sie hatte aus Liebe heiraten wollen, wie in diesen romantischen Märchen oder Liebesromanen. Stattdessen hatte sie den Mann geehelicht, den ihre Familie für sie ausgesucht hatte, und mit ihm ein stilles, kameradschaftliches Leben geführt.

          Vielleicht war das ja sogar besser. Ihre Erfahrung mit Valerian war ziemlich aufschlussreich, was die Dauer und Verlässlichkeit einer romantischen Liebe betraf. Sie hatte eindeutig ihre Grenzen. Allerdings hatte auch Kameradschaft ihre Grenzen. Cambourne war freundlich und auf eine Art großzügig gewesen, die weit über das Materielle hinausging. Er hatte ihr alles über das Geschäft und die Finanzen beigebracht und sich über ihr Interesse an seinen Besitzungen gefreut.

          Am Anfang hatte sie nur Anteilnahme dafür gezeigt, weil sie nach Valerians Fortgehen Ablenkung gesucht hatte. Sie hatte etwas gebraucht, womit sie sich beschäftigen konnte. Später war es ihr zu einem ehrlichen Anliegen geworden, sich aktiv für die Belange des Cambourne-Unternehmens einzusetzen. Sie hatte die Schule für die Kinder der Minenarbeiter gegründet, die zu einem ihrer Lieblingsprojekte geworden war.

          Dann war Cambourne so plötzlich gestorben, und sie hatte angefangen, sich leidenschaftlich für eine Gesetzgebung einzusetzen, die für mehr Sicherheit im Bergbau sorgen sollte. Oh ja, es war nicht abzustreiten, dass ihre Tage mittlerweile ziemlich ausgefüllt waren. Sie hatte sich bewundernswert schnell in ihrer neuen Rolle als junge Duchess of Cambourne zurechtgefunden, und ein paar Jahre darauf als Dowager Duchess. Aber sich ständig einer neuen Rolle anzupassen, war harte Arbeit, und sie hegte nicht den Wunsch, das schon wieder tun zu müssen.

          Philippa tastete nach dem Saphir an ihrem Hals. Sie hatte Luciens Geschenk an diesem Tag angelegt, um zu ihrem Wort zu stehen. Niemand sah sie, niemand erinnerte sie an ihr Versprechen, aber sie selbst wollte es so. Sie hatte Lucien versichert, seinen Antrag zu überdenken. Der Anhänger sollte sie daran erinnern. Sie war es Lucien schuldig, sich wenigstens ein paar Gedanken darüber zu machen. Obwohl – wenn er ihre Gedanken hätte lesen können, wäre es ihm wahrscheinlich lieber gewesen, wenn sie nicht nachgedacht hätte. Eine Ehe mit Lucien würde eindeutig eine weitere Anpassung an eine neue Rolle bedeuten.

 

Wahrscheinlich konnte sie ihre Anwälte einen Ehevertrag aufsetzen lassen, der ihren Besitz schützte, aber es würde schwierig werden. Nicht einmal das Vermögen einer Dowager Duchess war sicher vor den Rechten eines neuen Ehemanns. Irgendetwas würde sie ihm überlassen müssen. Es war nicht unbedingt so, dass sie ihm nicht vertraute. Es ging ihr mehr darum, die Eigenverantwortung aufgeben zu müssen, an die sie sich so gewöhnt hatte.

          Und auch sonst würde sie viel von ihrer Selbstständigkeit verlieren. Im Fall einer Ehe erwartete Lucien von ihr bestimmt, dass sie ihn überallhin begleitete. Dann war das Jahr aufgeteilt, erst in Truro, dann London, den Besitz seines Vaters und zum Schluss Cambourne. Sie würde nicht viel Zeit haben, so zu leben wie sie wollte. Ihre Interessen würden hinter Luciens zurückstehen müssen, und wenn sein Vater irgendwann starb, würden Luciens Verpflichtungen noch zunehmen. Die zukünftige Viscountess zu werden bedeutete eine gewaltige Umstellung für sie. Da blieb wenig Raum, weiterhin auch die Dowager Duchess of Cambourne sein zu können – gar keiner, im Grunde genommen.

          Und wozu das alles?

          Sicherheit? Sie brauchte keine Sicherheit, die hatte sie im Überfluss durch ihre eigenen Besitztümer.

          Geld? Sie war mittlerweile viel vermögender als es ihre eigene Familie in ihrer Kindheit war. Eine Ehe mit Lucien würde ihren Reichtum nicht entscheidend vergrößern.

          Freundschaft? Sicher, sie und Lucien kamen gut miteinander aus, aber diese Freundschaft bestand schon, dafür brauchte sie ihn nicht zu heiraten.

          Liebe? Ganz gewiss nicht. Trotz seiner Beteuerungen am Abend vor ihrer Abreise wusste Philippa, dass Lucien sie genauso wenig liebte wie sie ihn. Sie schätzte ihn, aber man heiratete nicht, weil man jemanden schätzte. Sie war sich nicht sicher, ob Lucien überhaupt zu einer großen Liebe fähig war, zu der Art von Liebe, wegen der man heiratete, weil man erkannt hatte, dass der Betreffende der einzige Mensch auf der Welt war, bei dem man restlose Erfüllung finden konnte.

          Es gab nicht einen einzigen von den Gründen, aus denen Frauen üblicherweise heirateten. Sie konnte auch sonst keinen Grund nennen, warum sie Lucien heiraten und alles aufgeben sollte, was sie hatte. Das führte höchstens zu der Frage – warum hatte Lucien ihr überhaupt einen Antrag gemacht?

          Eins allerdings brauchte Lucien, was sie in dieser Form nicht benötigte, nämlich einen Erben. Er näherte sich allmählich dem Alter, in dem man eine Familie gründen und für die Zukunft vorsorgen musste. Vielleicht hatte er deshalb nach einer Frau gesucht und beschlossen, dass sie besser zu ihm passte als eine der vielen Debütantinnen auf Londons Heiratsmarkt.

          Das wäre ein Entschluss, den sie nachvollziehen konnte. Lucien würde es bei einer geistlosen Ehefrau nicht aushalten. Er suchte nach einer intelligenten Frau, die sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen verstand. Genau wie sie hatte Lucien zusätzlichen Reichtum nicht nötig. Und aus Freundschaft brauchte er ebenfalls nicht zu heiraten.

          Philippa nahm seufzend die Halskette ab und legte sie erst einmal in eine Schreibtischschublade. Später würde sie sie mit nach oben nehmen. Lucien würde enttäuscht sein von ihrer Antwort, und ihre Freundschaft konnte deswegen durchaus Schaden nehmen. Bestimmt wollte er wissen, warum. Er würde versuchen, ihre Bedenken mit Versprechen zu zerstreuen, die er sicher auch halten wollte, aber unter dem gesellschaftlichen Druck nicht halten konnte – wie zum Beispiel ihr das Recht zuzugestehen, ihr eigenes Leben zu leben. Er würde seine Vorzüge offen darlegen und sagen: „Warum nicht ich? Glaubst du, du findest noch einen Besseren?“

          Und genau das tat sie. Zumindest hoffte sie es. Sie hatte einmal zum Wohl ihrer Familie geheiratet. Wenn sie ein zweites Mal heiratete, dann nur zu ihrem eigenen Glück. Sie mochte zwar mit beiden Beinen fest im Leben stehen, aber an ihren Vorstellungen von Romantik hielt sie dennoch fest.

          Das hieß nicht, dass sie jemand Bestimmten ins Auge gefasst hätte, und schon gar nicht Valerian. Er hatte ihr bereits bewiesen, dass er für so etwas nicht zu haben war. Aber es war schwer, seine Küsse vergessen zu können, und das erinnerte sie immer wieder daran, dass eine oberflächliche Freundschaft allein es nicht wert war, sich dauerhaft zu binden.

          Philippa erhob sich von ihrem Schreibtisch. Der Nieselregen hatte aufgehört, und sie beschloss, sich umzuziehen und vor dem nächsten Regen ein wenig auszureiten. Nach ihrer Rückkehr würde sie Lucien schreiben und ihm ihren Entschluss mitteilen. Es hatte keinen Sinn, damit zu warten. Schlechte Nachrichten wurden mit der Zeit nicht besser, und je länger sie es vor sich herschob, ihm seine Illusionen bezüglich einer Ehe zu rauben, desto mehr Hoffnungen machte er sich wahrscheinlich, sein Antrag sei angenommen worden.

 

Lucien war tatsächlich in keiner Weise beunruhigt, als man ihm in der ersten Februarwoche in seinem Herrenhaus in Truro Lady Cambournes Brief überbrachte. Im Gegenteil, er befand sich in einer absoluten Hochstimmung. Das neue Jahr hatte großartig begonnen.

          Danforths Bank war von den örtlichen Investoren sehr gut angenommen worden. Cornwall war reich an wirtschaftlichen Quellen, nicht nur an Bodenschätzen. Die Industrie weckte auch den Erfindergeist. Viele Männer wie Dabuz, Bolithio und Williams hatten den Bedarf an anderen Industriezweigen wie Zinnschmelzen und Schwarzpulver erkannt. Dabuz und Fox schworen darauf, dass Zinnschmelzen und Schwarzpulverfabriken weitaus mehr Profit abwarfen als das Schürfen nach Zinn an sich. Der Höhe ihrer Geldanlagen nach zu urteilen, fühlte Lucien sich geneigt, ihnen zuzustimmen.

          Ein paar Einladungen zum Dinner hatten genügt, die Finanzmittel zu bündeln, die man brauchte, um mit Investitionen und Aufkäufen anfangen zu können. Diese Männer waren genauso habgierig wie er selbst. Sie erkannten sofort den Vorteil, sich zu einem Kartell zusammenzuschließen, das den Zugang der Außenwelt zu den Zinnressourcen kontrollierte und den Preis bestimmte, den die Außenwelt für diese Annehmlichkeit zu zahlen hatte.

          Sie hatten auch eingesehen, warum es so wichtig war, den Bergbau in den neuen britischen Niederlassungen in Südamerika zu beherrschen. Ließ man es zu, dass diese Ressourcen in Konkurrenz zum Kartell traten, verringerte sich dadurch der Profit. Wurden diese Niederlassungen aber durch das Kartell kontrolliert, ließen sich auch die Preise kontrollieren.

          Lucien hatte die Vorstandsmitglieder der neuen Bank handverlesen, und alle hatten der Auffassung zugestimmt, dass der erste Schritt zum Aufbau ihres Überseekartells darin bestehen sollte, Anteile an der größten britischen Zeche in Südamerika zu erwerben. Monopole und Kartelle waren eine heikle Angelegenheit. Auf keinen Fall durfte man seine Pläne hinausposaunen, ehe man nicht schon einen gewissen Durchbruch erzielt hatte.

          Nachdem Lucien also seine Finanzen fest im Griff hatte, war er vollkommen zuversichtlich, dass auch alles andere ganz nach seinen Vorstellungen verlaufen würde. Philippas Brief war beinahe wie bestellt eingetroffen. Gerade erst an diesem Morgen hatte sich jemand während der Banksitzung nach den Cambourne-Minen erkundigt. Lucien hatte dem Mann ein hintergründiges Lächeln geschenkt und angedeutet, er hoffe, schon bald mit konkreteren Auskünften dazu aufwarten zu können. Und dann hatte er, wie durch Zauberhand, Philippas Brief erhalten.

          Lucien riss den Umschlag auf und überflog den Inhalt. Er las den Brief ein zweites und noch ein drittes Mal, um sicher zu sein, dass es sich nicht um ein Missverständnis handelte, und sein Blut gefror zu Eis.

          Dieser verdammte Valerian Inglemoore.

          Lucien zerknüllte wütend den Briefbogen. Der Name des Mannes war zwar nicht ein einziges Mal in der Nachricht erwähnt worden, aber er las ihn deutlich zwischen allen Zeilen. Selbst wenn Philippa das abstreiten würde, aber St. Just hatte ihr den Kopf verdreht. Was auch immer der Mann ihr einst bedeutet hatte, welche Gefühle – offen oder unausgesprochen – während ihrer Ehe und seiner langen Abwesenheit verschüttet gewesen sein mochten, jetzt waren sie zu neuem Leben erweckt.

          Seit seiner zeitlich völlig unpassenden Rückkehr hatte der Mann sie mindestens einmal geküsst, und in Lucien regte sich der Verdacht, dass St. Justs diplomatischer Auftrag fernab von Englands Gestaden in direktem Zusammenhang mit Philippas Heirat gestanden haben könnte. Lucien mochte keine Überraschungen. Es ärgerte ihn, dass es irgendetwas in Philippas Leben gab, über das er nicht genauestens Bescheid wusste.

          Luciens Sekretär klopfte an und erkundigte sich nach der Tageskorrespondenz. Lucien schickte ihn fort. „Heute sind keine Briefe zu schreiben. Machen Sie also mit dem Katalogisieren der Bibliothek weiter.“ Die Tür zu seinem Arbeitszimmer fiel wieder ins Schloss.

          Lucien nahm sich einen leeren Briefbogen. Doch, ein Brief musste geschrieben werden, aber der war zu privat und nicht für fremde Augen bestimmt.

          Lucien tauchte die Feder ins Tintenfass. St. Just stand ihm bei seinem Plan, ein Bergwerksimperium aufzubauen, eindeutig im Weg. Deshalb musste der Mann in den Ruin getrieben werden.

 

Irgendetwas hatte die Beziehung zwischen Valerian und Philippa zerstört. Beldon dachte darüber nach, und das nicht zum ersten Mal, seit sich seine und Valerians Wege vor drei Wochen in Roseland getrennt hatten.

          Nachdem er sich an der Kutsche, die sie nach Cambourne bringen sollte, von Philippa verabschiedet hatte, war er mit Valerian nach Roseland geritten. Dort war er ein paar Tage geblieben, bis sein Freund sich wieder häuslich eingerichtet hatte, und war dann zum Besitz der Pendennys außerhalb von St. Mawes zurückgekehrt.

          Nun war er gerade auf dem Heimweg von seinen wöchentlichen Besuchen bei den Pächtern und seinem Treffen mit dem Vikar, und das Thema wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen, vielleicht auch, weil es nur wenig anderes gab, worüber er nachdenken musste. Beldon war ein geselliger Mensch, und diese Jahreszeit war für ihn mit Einsamkeit verbunden. Es bestand nicht die Notwendigkeit, sich in London aufzuhalten, und Philippa war voll und ganz mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, bis sie selbst wieder in London sein musste.

          Nicht, dass er keine Möglichkeiten gehabt hätte. Er konnte trotzdem nach London fahren, und Philippa würde ihn auch immer in Cambourne willkommen heißen. Roseland war nicht weit entfernt, und nun, da Valerian wieder zu Hause war, würde Beldon wahrscheinlich öfter nach Roseland reiten, um der Stille im großen Landhaus der Pendennys zu entgehen, wo er allein wohnte.

          Doch, ja, es gab Möglichkeiten, aber die Wahrheit sah so aus, dass sein eigener Besitz ebenfalls seine Aufmerksamkeit verlangte. In den Jahren seit dem Tod seines Vaters hatte Beldon sehr hart gearbeitet, um den Besitz nicht der schleichenden Armut preiszugeben. Sicher, das Erreichte war nicht allein sein Verdienst. Ohne das großzügige Darlehen des Duke of Cambourne hätten auch Beldons größte Anstrengungen nichts genutzt. Das hatte er begriffen, als er zum ersten Mal die Bücher durchgegangen war. Cambournes Reichtum hatte die Familie Pendennys über Wasser gehalten. Er hatte insgeheim dem Schicksal gedankt, dass Philippa so vorteilhaft geheiratet hatte. Etwas überstürzt vielleicht, aber zu einem äußerst glücklichen Zeitpunkt.

          Beldon riss an den Zügeln und brachte sein Pferd unsanft zum Stehen. Die Lösung seines Rätsels traf ihn mit voller Wucht. Cambournes Geld war das „irgendetwas“ gewesen, das Valerian und Philippa auseinandergebracht hatte.

          Er trieb sein Pferd zu einem scharfen Galopp an und legte die restliche Strecke so schnell er konnte zurück. Zu Hause angekommen, eilte er geradewegs in sein Arbeitszimmer und zog die alten Bücher aus den Regalen. Beldon nahm sich nicht einmal die Zeit, den Mantel abzulegen. Nur die Handschuhe zog er aus, um die Seiten besser umblättern zu können.

 

Stunden später hatte Beldon die Antwort gefunden. Zwischenzeitlich hatte er Mantel und Jacke abgelegt, die Hemdsärmel hochgekrempelt und ab und zu etwas von dem Tablett gegessen, das die Haushälterin ihm hingestellt hatte, nachdem ihr klar geworden war, dass der junge Lord keine Zeit finden würde, ins Esszimmer hinunterzugehen.

          Im Arbeitszimmer herrschte Chaos, auf jeder dafür geeigneten Fläche lagen aufgeschlagene Bücher. Die Bücher von vor neun Jahren waren nur ein Anfang gewesen. Er hatte viel weiter in der Zeit zurückgehen müssen, um festzustellen, warum die Pendennys überhaupt erst einmal so viel Geld gebraucht hatten.

          Das Ergebnis seiner Nachforschungen war niederschmetternd. Das Zimmer hatte den Preis für seine Suche bezahlt, aber auch seine Erinnerungen. Es war fast, als hätte er erfahren müssen, dass sein Leben, so wie er es sich immer vorstellte, nur eine Illusion war. Sein Vater hatte nie richtig Vertrauen zu ihm gehabt.

          Natürlich hatte Beldon von Cambournes Darlehen gewusst. Aber er hatte nur an ein paar besonders kostenaufwendige Jahre gedacht. Philippas erste Saison und ihr Debüt waren eine teure Angelegenheit gewesen, dazu hatte sein eigenes Studium in Cambridge finanziert werden müssen. Sein Vater hatte damals nur gesagt, die Napoleonischen Kriege hätten äußerst negative Auswirkungen auf die Wirtschaftslage gehabt.

          Beldon hatte ihm geglaubt. Und als er den Titel und den Besitz übernommen hatte, war er nicht so umsichtig gewesen, die Bücher bis in die Vergangenheit hinein zu überprüfen. Dann wäre ihm klar geworden, dass die Erklärung seines Vaters zwar nicht unrichtig war, sich dahinter aber noch viel mehr verborgen hatte. Mit den Finanzen der Pendennys war es seit Jahren langsam, aber stetig bergab gegangen. Hier ein paar Verluste durch unkluge Investitionen, dort ein Ertragsrückgang in den Minen. Zu viel Geld war ausgegeben, aber zu wenig war eingenommen worden, um die Verluste auszugleichen.

          Das Darlehen hatte man dafür verwendet, um die leeren „Schatztruhen“ wieder aufzufüllen, und Beldon selbst hatte später einen Teil des Geldes benutzt, um den Besitz der Familie aufzustocken und breiter zu fächern. In Erwartung einer Zukunft, in der die Kupfer- und Zinnminen nicht mehr so viel Erz fördern würden – ohne zu ahnen, dass diese Zukunft längst Gegenwart war –, hatte Beldon eine Zinnschmelzerei gekauft. Später hatte er noch in weiser Voraussicht in eine Schwarzpulverfabrik investiert. Beides hatte sich mehr als ausbezahlt. Eine Zinnschmelzerei war für die Minen das, was eine Mühle für die Bauern war. Getreide musste zu Mehl gemahlen werden, und Zinn – nun Zinn musste geschmolzen werden. Die Schmelzerei würde sich noch bezahlt machen, wenn die Minen längst ausgeschöpft waren.

          Beldon fuhr sich mit der Hand durch das Haar und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Alles stand jetzt in geradezu peinlicher Deutlichkeit vor ihm. Sie hatten in einer verzweifelten Notlage gesteckt, und Philippa war mit Cambourne verheiratet worden, um die Familie, genauer gesagt, um ihn zu retten. Er war der Erbe. Ohne ihre Heirat hätte er höchstens Schwierigkeiten als Hinterlassenschaft aufweisen können. Sein Leben lang hatte er geglaubt, der Beschützer seiner jüngeren Schwester zu sein, der auf Bällen aufpasste, dass sie nicht mit dem falschen Gentleman tanzte, und der dafür sorgte, dass sie niemals ohne Begleitung unterwegs war. Doch die ganze Zeit über hatte sie ihn beschützt. Mit dieser Erkenntnis kamen die Schuldgefühle.

          Ob sie Bescheid gewusst hatte? Er erinnerte sich noch lebhaft an die Nacht, in der er sie im Garten der Rutherfords gefunden hatte. Sie hatte geweint, auch wenn sie das nicht zugeben wollte. Damals hatte er das auf den Schock über ihre plötzliche Verlobung mit Cambourne zurückgeführt. War ihr bewusst gewesen, warum ihr Vater diese Verbindung bevorzugt hatte?

          Beldon fiel wieder seine kurze Begegnung mit Valerian in jener Nacht ein. Valerian war abweisend und irgendwie durcheinander gewesen. Sein Freund war nur kurz bei ihm stehen geblieben, um ihm zu sagen, dass Philippa im Garten sei, sonst nichts. Die nächsten Wochen waren sehr turbulent verlaufen. Valerian reiste ab, und Philippas Hochzeit musste vorbereitet werden. Er hatte kaum Zeit, aber auch keinen Grund gehabt, genauer über die Wendung der Ereignisse nachzudenken oder gar eine Verbindung zwischen Valerians Verschwinden und Philippas Hochzeit herzustellen.

          Rückblickend begann Beldon zu vermuten, dass Valerian und Philippa sich heimlich im Garten getroffen hatten und der Grund für ihre Tränen ein anderer war. Dieser Teil des Rätsels war für ihn noch nicht ganz gelöst. Trotzdem hatte er bereits einige Antworten gefunden. Cambournes Geld war höchstwahrscheinlich zwischen die beiden getreten. Und dieses Geld war nicht zufällig zu einem glücklichen Zeitpunkt gekommen, wie Beldon immer geglaubt hatte, sondern war ein genau berechneter Schachzug seines Vaters gewesen, um den Familienbesitz zu retten.

          Beldon machte eine Bestandsaufnahme von dem, was er bereits zusammengetragen hatte – ein paar Antworten, noch mehr Fragen und eine Theorie, die immer mehr Gestalt annahm. Wenn dieser Schachzug, Cambourne zu umgarnen, tatsächlich geplant war, dann musste Valerian davon gewusst haben, denn sonst hätte er seinen Anspruch auf Philippas Hand nie freiwillig aufgegeben.

          Die Uhr auf dem Kaminsims schlug Mitternacht. Es war Zeit, schlafen zu gehen. Beldon hatte einen langen Tag vor sich, der mit einem Ritt hinüber nach Roseland beginnen sollte.


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