Zärtlicher Eroberer – Kapitel 8

Philippa würde abreisen. Danforths anödende Konversation ließ sie diesen Ent-schluss fassen, als die Ente aufgetragen wurde. Gleich am Morgen wollte sie auf-brechen und nach Hause fahren. Und der Stimmung bei Tisch nach zu urteilen, war sie wahrscheinlich nicht die Einzige.

Vollkommen unempfänglich für unfreundliche Schwingungen, ließ sich Mr. Danforth während des Essens unentwegt weiter über seine Bank aus, obwohl es ganz offensichtlich war, dass niemand ihm wirklich Beachtung schenkte, außer viel-leicht Lucien. Doch selbst er schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Philippa wollte nicht genauer darüber nachsinnen, weil sie befürchtete, sie könnte der Grund für seine Geistesabwesenheit sein.

Beldons Erwägungen jedoch kreisten tatsächlich um Philippa. Normalerweise war er bei Tisch ein gewandter Gesprächspartner, aber an diesem Abend wirkte er völlig in seine eigenen Überlegungen versunken und ließ den Blick immer wieder zwischen Philippa und Valerian hin und her wandern.

Valerian hatte offenbar seinen Vorrat an guten Manieren an jenem Abend mit Lady Pentlow aufgebraucht, denn davon war jetzt nichts mehr zu spüren. Er war finsterer Laune und gab sich gar nicht erst die Mühe, sich am Gespräch zu beteili-gen, bis auf gelegentliche Kommentare zu dem riskanten Gebaren von Provinzban-ken. „Geschäfte mit Risikokapital sind ja schön und gut, aber dann sollte man sie auch so benennen und nicht als ‚Bankgeschäfte‘ deklarieren“, meinte er gedehnt während des letzten Ganges.

Lucien machte ein beleidigtes Gesicht, und Philippa vermutete, dass Valerian genau das beabsichtigt hatte. „Warum denn bitte nicht Bankgeschäfte, St. Just? Wir machen genau das Gleiche wie jede andere Bank auch. Wir leihen denen Geld, die es wünschen, und wir sind für diejenigen da, die bei uns Geld anlegen wollen.“

Valerian nahm nachdenklich einen Schluck Wein. „Mit dem Unterschied, dass Sie angelegtes Geld in risikoreiche Unternehmen investieren, ohne gleichzeitig ein paar sichere Investitionen zu tätigen, die einen eventuellen Verlust ausgleichen könnten. Offen gesagt, Sie und ich wissen doch beide, dadurch besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Leute ihr Geld nicht zurückbekommen. Deshalb verlassen sich Menschen unseres Standes auch auf Banken in London wie Childs oder Coutts. Finden Sie es nicht bezeichnend, dass gewisse Gesellschaftskreise eher weniger in kleineren Banken vertreten sind, an die sie sich doch eigentlich genauso gut wenden könnten?“

Philippa gefiel das Funkeln in Valerians Augen nicht, aber sie sah für sich keine Chance einzugreifen, ohne den Eindruck zu vermitteln, sie setze sich für Luci-en ein. Zum einen benötigte Lucien keinen Fürsprecher, schon gar nicht, wenn es um Finanzen ging. Und zum anderen wollte sie Mr. Danforth nicht glauben lassen, sie beabsichtige, in seine Provinzbank zu investieren.

„St. Just, wollen Sie damit etwa andeuten, ich würde Investoren bewusst be-trügen, indem ich Versprechen abgebe, die ich nicht halten kann?“, bemerkte Lucien eisig und durchbohrte Valerian mit einem Blick, der ihm mitteilte, dass er nur noch eine weitere Bemerkung von einem Duell im Morgengrauen entfernt war. Philippa unterdrückte ein Aufstöhnen. Der Provincial Bank of Truro drohte ein Skandal, noch ehe sie überhaupt ihre Pforten geöffnet hatte. Philippa warf ihrem Bruder einen um Hilfe rufenden Blick zu, doch Beldon amüsierte sich viel zu sehr über das Wortge-fecht.

„Ich deute damit nur an, dass es in der Tat schon kurzlebige Provinzbanken gegeben hat, das ist alles“, erwiderte Valerian leichthin und strich mit seinen langen

 

Fingern über den Stiel seines Weinglases. „Ihre begrenzte Lebenszeit beruht auf ihrer Tendenz, in risikoreiche Unternehmen zu investieren. Die Zeichen sprechen für gewöhnlich gegen sie. Es wäre nicht das erste Mal, dass etwas schiefgeht.“

          „Ich denke, das trifft in diesem Fall nicht zu, Viscount“, widersprach Lucien ruhig. „Ich habe bislang noch keine unklugen Investitionen getätigt. Diejenigen, die sich auf mich verlassen, ernten auch den Profit für ihr Vertrauen zu mir. Nicht wahr, Pendennys?“ Er blickte um Bestätigung heischend zu Beldon hinüber und brachte ihn dadurch etwas in Verlegenheit.

          „Ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht, ja“, räumte Beldon ein. Aber Philippa entging nicht, dass er nicht weiter auf dieses Thema einzugehen gedachte. Sie merkte Lucien an, wie enttäuscht er war. Sie wusste, Lucien hatte gehofft, Beldon würde sich begeistert zu den britisch-bolivianischen Bergbauniederlassungen in Nord- und Südamerika äußern, in die sie beide investiert hatten. Beldon hatte seine Anteile vor ein paar Monaten mit enormem Profit wieder verkauft. Da er aber nichts davon erzählte, musste Lucien sich selbst loben.

          „Pendennys und ich hatten eine lukrative Gelegenheit, in bolivianisches Silber zu investieren. Wir haben beträchtlichen Gewinn gemacht, als wir unsere Anteile wieder veräußerten. Ich bin gern bereit, auch Sie zu beraten, wenn Sie irgendwelche Investitionen tätigen wollen, St. Just. Ihr Verwalter kann jederzeit Kontakt zu meinem Sekretär aufnehmen“, bot Lucien mit kalter Großzügigkeit an. Er wandte sich an die restliche Runde. „Da wir nur noch zu viert sind, schlage ich vor, wir verzichten auf Zigarren und Brandy. Es war ein langer Tag durch die Verabschiedung der anderen Gäste und unseren Ausflug nach Veryan. Vielleicht haben die Herren Lust auf eine Partie Billard? St. Just, wenn Sie Klavier spielen möchten, tun Sie sich keinen Zwang an. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause. Unterdessen habe ich noch etwas mit unserer charmanten Gastgeberin zu besprechen. Wenn Sie uns bitte entschuldigen wollen?“

          Das war alles sehr höflich vorgebracht, und wenig später saßen Philippa und Lucien allein in der Bibliothek.

          Diese Zusammenkunft verlief ganz anders als Philippa erwartet hatte. Bei ihrem letzten Gespräch war Lucien wütend gewesen, und danach hatten sie sich nur in Gesellschaft anderer miteinander unterhalten. Sie hatte mit einer Fortsetzung ihrer Auseinandersetzung gerechnet und sich innerlich auf einen zornigen, selbstgerechten Lucien Canton vorbereitet. Doch nun zeigte er ein völlig anderes Gesicht.

          „Sherry, meine Liebe?“, bot er von der Anrichte aus an, wo er sich selbst ein Glas seines bevorzugten Dessertweins einschenkte.

          „Nein danke. Ich muss mich noch um einige Sachen für morgen kümmern, daher möchte ich mich nicht lange aufhalten, wenn es dich nicht stört“, lehnte Philippa ab und ließ sich in einem Sessel am Kamin nieder.

          „Es tut mir leid, das zu hören. Mein Butler hat mir berichtet, dass du deine Abreise vorbereitest. Ich hatte gehofft, du würdest noch bleiben, wenn alle anderen fort sind. Wir haben diese Woche nicht viel Zeit füreinander gehabt“, sagte er in aufrichtig bedauerndem Tonfall und nahm im Sessel ihr gegenüber Platz. Entspannt atmete er tief durch. „Es ist schön, mit dir am Feuer zu sitzen, Philippa. Zwei gute Kameraden in ungezwungener Gesellschaft, nicht wahr?“ Er lächelte charmant und wirkte wieder wie der Lucien, den sie all die Jahre gekannt hatte, und nicht wie der arrogante Mann der letzten paar Tage. „Wir sind doch noch Freunde, oder?“

          „Natürlich, Lucien“, versicherte sie ruhig. So sehr sie sich auch über Luciens Verhalten aufgeregt hatte, so konnte sie doch nicht ohne Weiteres Jahre guter Freundschaft mit ihm wegen der Ereignisse einiger weniger Tage einfach über Bord werfen. Sie konnte sich durchaus vorstellen, an seiner Stelle ähnlich reagiert zu haben. Niemandem gefiel es, in seinem eigenen Haus angegriffen zu werden, und man konnte nicht bestreiten, dass Valerian aus seiner Antipathie gegen Lucien Canton keinen Hehl gemacht hatte.

          Lucien neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sie eingehend. „Mein Gott, du bist eine wunderschöne Frau, Philippa. Diese changierende blaue Seide steht dir ausgezeichnet.“

          Philippa errötete. „Vielen Dank. Aber ich glaube, das ist nicht der Grund, warum du mich hierhergebeten hast“, erinnerte sie ihn sanft. Sie wollte in ihr Zimmer gehen und der Zofe beim Packen zusehen. Als sie aus Veryan zurückgekehrt war, hatte sie das Gefühl gehabt, ein paar ihrer Sachen befänden sich nicht mehr am selben Ort. Auch war ihr gewesen, als hätte man ihren Sekretär durchsucht, unauffällig zwar, aber sie empfand das dennoch als Angriff auf ihre Privatsphäre. Der Brief, den sie in Bezug auf Valerian geschrieben, aber nie nach London abgeschickt hatte, lag nicht mehr an der Stelle, die sie in Erinnerung gehabt hatte. Aus einem unerklärlichen Grund fühlte sich diese Tatsache schwerwiegender an als nur die Nachlässigkeit einer unachtsamen Zofe, die das Zimmer aufräumte.

          „Ach ja.“ Lucien nickte. „Ich möchte dir für deine Rolle als Gastgeberin danken. Alles verlief glänzend, genau wie ich gehofft hatte. Ich hatte Zeit, mich mit meinen Gästen über Geschäftliches zu unterhalten, und du hast dich um alles andere gekümmert. Außerdem muss ich mich entschuldigen. Ich bin mit unserer Beziehung nicht so umgegangen, wie ich es hätte tun sollen. Ich war rücksichtslos und egoistisch. Dadurch habe ich auch so erbärmliche Schlussfolgerungen gezogen.“ Er streckte den Arm aus und umfasste ihre Hand. Seine Hand fühlte sich warm an, und Philippa glaubte, dass diese Geste beschwichtigend wirken sollte. Doch Philippa fühlte sich nicht beschwichtigt. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, als würden sie beobachtet. Und da Lucien sonst nicht dazu neigte, eigene Fehler zuzugeben, verstärkte sich in ihr der Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmte, wenngleich sie nicht sagen konnte, was es war.

          „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest“, sagte sie und hoffte, ein schnelles Vergeben würde das Gespräch zu einem Ende bringen. Aber Lucien war noch nicht fertig.

          „Doch, ich muss mich für alles entschuldigen. Mir war nicht bewusst, wie nahe ihr euch steht, du und St. Just, und dass er für dich ebenso ein Freund ist wie für deinen Bruder. Ich habe deinen Wunsch, einfach einige Momente mit einem alten Freund zu verbringen, völlig falsch ausgelegt. Er bekam etwas von deiner Zeit geschenkt – und ich nicht. Das hat mich ein wenig eifersüchtig gemacht, und Eifersucht kann das Wahrnehmungsvermögen eines Menschen beeinträchtigen; dann sieht man Dinge, die gar nicht da sind, oder man zieht falsche Schlüsse. Genau das habe ich mir zuschulden kommen lassen. Ich war sehr hart zu dir am Neujahrstag. Du hattest recht. Eifersucht steht mir nicht, und es gibt noch nicht einmal einen Grund dafür.“ Damit beendete Lucien seine hübsche Ansprache und fasste in seine innere Jackentasche. „Ich habe etwas für dich, Philippa.“ Er zog ein rechteckiges blaues Samtetui hervor, klappte es auf und zeigte ihr einen Saphiranhänger an einer feinen goldenen Halskette, sehr geschmackvoll und teuer aussehend und eindeutig nicht von einem der ortsansässigen Juweliere stammend. „Ich habe an Neujahr einen Scherbenhaufen angerichtet. Keine Frau möchte einen Heiratsantrag bekommen, der im Zorn formuliert wurde.“

          „Das ist nicht nötig, du hast nichts wiedergutzumachen“, begann Philippa ausweichend. Genau jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für Mr. Danforth gewesen, in die Bibliothek zu kommen und über seine Bank zu schwafeln. Der seltsame Mann hatte sich bei Tisch auch nicht an das Protokoll höflicher Konversation gehalten, warum konnte er sich in diesem Moment nicht genauso unzivilisiert verhalten und einfach ins Zimmer stürmen?

          Lucien erging sich nun in immer stärker werdenden Gefühlen für sie, und sie fand, sie sollte lieber aufmerksam zuhören. „Obwohl ich mein Verhalten während St. Justs Aufenthalt hier bereue, kann ich nicht bedauern, dass sein Besuch mir die Augen geöffnet hat. Ich weiß nun, dass ich mein Leben mit dir teilen möchte. Wir sind uns ebenbürtig in Rang und Intellekt. In dir sehe ich mehr als eine Ehefrau und Mutter meines Erben, ich sehe eine Partnerin. Würdest du mir die Ehre erweisen und meine Frau werden?“

          Er hatte sich sogar auf ein Knie herabgelassen. Philippa war verblüfft, wie völlig anders diese Szene noch vor einem Monat auf sie gewirkt hätte. Da hätte sie wahrscheinlich spontan Ja gesagt, eine logische Konsequenz ihrer langjährigen Freundschaft. Freundschaft konnte durchaus ein Grund für eine Ehe sein, auch wenn keine Leidenschaft im Spiel war. Ihre erste Ehe hatte auf gegenseitiger Kameradschaft beruht, und Philippa hatte keine schlechte Erfahrung damit gemacht. Aber jetzt war alles irgendwie anders.

          Trotzdem war sie nicht so dumm, ein Minimum an Glück und Sicherheit aus einer Laune heraus zu verschmähen. Auch war sie nicht so töricht, die Vorzüge einer Ehe mit Lucien Canton zu ignorieren. Als ihr Freund hatte er etwas Besseres verdient als eine glatte Abfuhr.

          „Lucien, du erweist mir eine große Ehre, die es durchaus wert ist, darüber nachzudenken. Sei versichert, dass dein Antrag Vorrang in meinen Gedanken haben wird, wenn ich nach Cambourne zurückfahre.“

          „Dann nimm diesen Anhänger als Pfand meiner Wertschätzung und Zuneigung, Philippa. Er soll dich immer an mich erinnern.“ Lucien war zu galant, sie konnte ihn nicht zurückweisen, als er ihr die Halskette umlegte. „So, und nun gehe packen, meine Liebe. Schlaf gut, ich werde morgen früh auf sein, um mich von dir zu verabschieden.“

 

Die Wandverkleidung links vom Kamin glitt zur Seite, und Mandeville Danforth trat aus seinem Versteck. „Das ist ja vielleicht ein Zimmer da hinten“, sagte er leise lachend. „Könnte direkt aus der Zeit von Bonnie Prince Charlie stammen!“

          „Das verlief gut, finde ich.“ Lucien interessierte sich nicht sonderlich dafür, wie Danforth die Geheimkammer fand.

          „Ja, fürwahr. Allerdings hätte sie auch Ja sagen können“, beeilte Danforth sich zu bemerken.

          „Wenigstens hat sie nicht Nein gesagt. St. Just hat ihr den Kopf verdreht, aber wie weit, lässt sich nicht so leicht sagen. Wir sind nicht die Einzigen, die Nachforschungen in London anstellen. Sie hat auch schon daran gedacht. Mein Butler hat in ihrem Zimmer einen Brief gefunden. Wir können uns ihre Zweifel an St. Just zunutze machen, wenn es nötig sein wird.“

          „Es ist nötig, das ist bereits abgemachte Sache“, verbesserte Danforth. „Sie muss Sie heiraten – oder Ihnen ihre gesamten Schürfrechte und Zuliefererfirmen verkaufen. Sie müssen Cambournes Interessen kontrollieren. Ich glaube aber nicht, dass sie verkaufen wird.“ Danforths Augen verengten sich zu Schlitzen. „Wir könnten einen neuerlichen Unfall inszenieren, eventuell auch mehrere, das würde sie vielleicht überzeugen, sich von den Rechten und Firmen zu trennen“, begann er bereits zu planen.

          „Nein“, fiel ihm Lucien schroff ins Wort. „Besitztümer, die mit dem Makel eines Unfalls behaftet sind, ermutigen Investoren nicht gerade, mit ihrem Geld herauszurücken. Auf Dauer würde uns das eher schaden als nutzen. Außerdem ist sie hartnäckig, und ein Sabotageakt nimmt zu viel Vorbereitungszeit in Anspruch. Wir brauchen ihre Liegenschaften spätestens bis Ende des Sommers.“

          „Dann sieht es ganz so aus, als sollte die Duchess sich mit dem Gedanken anfreunden, eine Junibraut zu werden.“ Danforths Tonfall verriet, dass Philippa Lytton schon bald vor dem Altar stehen würde, ob sie das nun wollte oder nicht.

          Lucien erhob sein Glas. „Auf das Ende meiner Zeit als Junggeselle!“

 


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