Du hast gezögert, Philippa“, stellte Valerian sachlich fest und führte sie um einen großen Stein mitten auf dem Weg herum. „Hattest du Angst, mit mir allein zu sein?“
„Überschätze dich nicht.“ Philippa unterdrückte ein höchst undamenhaftes Lachen. „Als wir das letzte Mal zu zweit waren, endete das mit einer Ohrfeige für dich. Wenn einer von uns Angst haben sollte, mit dem anderen allein zu sein, dann doch wohl eher du.“
Valerian sah sie von der Seite her an. „Ich muss dich korrigieren. Das war nicht das letzte Mal, dass wir allein waren. Ich denke, gestern im Garten kamen wir eigentlich ganz gut miteinander aus. Ich fand unsere Unterhaltung doch recht zivilisiert. Was das andere Mal betrifft, das du eben erwähnt hast, so bin ich mir immer noch nicht sicher, ob die Ohrfeige wirklich mir galt oder ob ich nur die zufällig anwesende Zielscheibe für deinen privaten Ärger war.“
Die Arroganz dieses Mannes war wirklich einmalig, dennoch war Philippa dankbar dafür. Mit ihm zu streiten war besser, als einem Wunschbild von ihm nachzuhängen. „Bitte kläre mich auf. Worüber sollte ich mich ärgern, außer über deine sonderbare Unterstellung, dass ich dich draußen auf der Veranda zu Intimitäten ermutigt hätte?“
Sie schlossen stillschweigend einen vorübergehenden Waffenstillstand, als Valerian ihr half, ein auf der Erde liegendes Gitter zu überwinden. Danach wurde der Pfad wieder eben, und sie setzten ihren Streit fort. Ganz am Rande musste Philippa daran denken, dass die Szene auf einer Theaterbühne wahrscheinlich ziemlich komisch gewirkt hätte – ihr höfliches Verhalten im Gegensatz zu den verbalen Attacken, die sie sich lieferten.
„Sonderbar?“, wiederholte Valerian betont ungläubig. „Ich glaube, als ‚sonderbar‘ bezeichnet man etwas Ungewohntes, nicht Normales. Meine Liebe, ich muss dir leider mitteilen, dass meine ‚Unterstellung‘ alles andere als unnormal war, denn du schienst nichts gegen diese Intimitäten zu haben. Vielleicht wolltest du eigentlich ein anderes Wort benutzen?“
„Ich wüsste nicht, welches“, gab Philippa scharf zurück.
Valerian seufzte achselzuckend. „Ich auch nicht. Schließlich gefielen dir meine Küsse. Genauer ausgedrückt, sie gefielen dir so gut, dass du sie sogar leidenschaftlich erwidert hast, bevor du mich geohrfeigt hast. Übrigens, ich finde das äußerst ungerecht – mich für deine Küsse zu ohrfeigen.“
„Kein wahrer Gentleman würde so mit einer Dame sprechen!“, brauste Philippa auf. Der Mann war mehr als nur arrogant, er war ein Flegel. „Wie kannst du mir so etwas unterstellen!“
„Ach, da ist wieder dieses Wort, ‚unterstellen‘“, konterte Valerian belustigt. „Ich finde, ehe wir weitersprechen, sollten wir erst einmal klar festlegen, was du mit ihm meinst. Ich fange an zu glauben, dass wir das Wort unterschiedlich benutzen.“
Philippa platzte erneut der Kragen. „Wenn das deine Auffassung von Diplomatie ist, kann England nur froh sein, nicht in schwerwiegendere Konflikte verwickelt zu sein.“ Sie bereute diese Bemerkung auf der Stelle, denn sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich eigenartig leer, als sei er in Gedanken auf einmal ganz woanders. Dieser Eindruck war jedoch so flüchtig, dass Philippa sich schon im nächsten Augenblick nicht mehr sicher war, ob sie sich das alles nicht nur eingebildet hatte.
„Aber dies ist keine diplomatische Situation, meine Liebe, sondern ein Spaziergang mit einer Freundin, die, ehrlich gesagt, etwas verwirrt über ihre Gefühle zu sein scheint.“
