Zärtlicher Eroberer – Kapitel 7

Du hast gezögert, Philippa“, stellte Valerian sachlich fest und führte sie um einen großen Stein mitten auf dem Weg herum. „Hattest du Angst, mit mir allein zu sein?“

          „Überschätze dich nicht.“ Philippa unterdrückte ein höchst undamenhaftes Lachen. „Als wir das letzte Mal zu zweit waren, endete das mit einer Ohrfeige für dich. Wenn einer von uns Angst haben sollte, mit dem anderen allein zu sein, dann doch wohl eher du.“

          Valerian sah sie von der Seite her an. „Ich muss dich korrigieren. Das war nicht das letzte Mal, dass wir allein waren. Ich denke, gestern im Garten kamen wir eigentlich ganz gut miteinander aus. Ich fand unsere Unterhaltung doch recht zivilisiert. Was das andere Mal betrifft, das du eben erwähnt hast, so bin ich mir immer noch nicht sicher, ob die Ohrfeige wirklich mir galt oder ob ich nur die zufällig anwesende Zielscheibe für deinen privaten Ärger war.“

          Die Arroganz dieses Mannes war wirklich einmalig, dennoch war Philippa dankbar dafür. Mit ihm zu streiten war besser, als einem Wunschbild von ihm nachzuhängen. „Bitte kläre mich auf. Worüber sollte ich mich ärgern, außer über deine sonderbare Unterstellung, dass ich dich draußen auf der Veranda zu Intimitäten ermutigt hätte?“

          Sie schlossen stillschweigend einen vorübergehenden Waffenstillstand, als Valerian ihr half, ein auf der Erde liegendes Gitter zu überwinden. Danach wurde der Pfad wieder eben, und sie setzten ihren Streit fort. Ganz am Rande musste Philippa daran denken, dass die Szene auf einer Theaterbühne wahrscheinlich ziemlich komisch gewirkt hätte – ihr höfliches Verhalten im Gegensatz zu den verbalen Attacken, die sie sich lieferten.

          „Sonderbar?“, wiederholte Valerian betont ungläubig. „Ich glaube, als ‚sonderbar‘ bezeichnet man etwas Ungewohntes, nicht Normales. Meine Liebe, ich muss dir leider mitteilen, dass meine ‚Unterstellung‘ alles andere als unnormal war, denn du schienst nichts gegen diese Intimitäten zu haben. Vielleicht wolltest du eigentlich ein anderes Wort benutzen?“

          „Ich wüsste nicht, welches“, gab Philippa scharf zurück.

          Valerian seufzte achselzuckend. „Ich auch nicht. Schließlich gefielen dir meine Küsse. Genauer ausgedrückt, sie gefielen dir so gut, dass du sie sogar leidenschaftlich erwidert hast, bevor du mich geohrfeigt hast. Übrigens, ich finde das äußerst ungerecht – mich für deine Küsse zu ohrfeigen.“

          „Kein wahrer Gentleman würde so mit einer Dame sprechen!“, brauste Philippa auf. Der Mann war mehr als nur arrogant, er war ein Flegel. „Wie kannst du mir so etwas unterstellen!“

          „Ach, da ist wieder dieses Wort, ‚unterstellen‘“, konterte Valerian belustigt. „Ich finde, ehe wir weitersprechen, sollten wir erst einmal klar festlegen, was du mit ihm meinst. Ich fange an zu glauben, dass wir das Wort unterschiedlich benutzen.“

          Philippa platzte erneut der Kragen. „Wenn das deine Auffassung von Diplomatie ist, kann England nur froh sein, nicht in schwerwiegendere Konflikte verwickelt zu sein.“ Sie bereute diese Bemerkung auf der Stelle, denn sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich eigenartig leer, als sei er in Gedanken auf einmal ganz woanders. Dieser Eindruck war jedoch so flüchtig, dass Philippa sich schon im nächsten Augenblick nicht mehr sicher war, ob sie sich das alles nicht nur eingebildet hatte.

          „Aber dies ist keine diplomatische Situation, meine Liebe, sondern ein Spaziergang mit einer Freundin, die, ehrlich gesagt, etwas verwirrt über ihre Gefühle zu sein scheint.“

 

„Du nimmst dir zu viel heraus.“ Philippa blieb stehen und nahm ihre Hand von seinem Arm. Jetzt war er zu weit gegangen. Sie war bereit, mit ihm über geraubte Küsse oder „Unterstellungen“ zu streiten, aber sie würde nicht diesen Versuch zulassen, sie für den Ausgang ihrer früheren Geschichte verantwortlich zu machen. Auch hatte sie nicht vor, sich in seinen Augen zur lüsternen Witwe zu machen, die sich bereitwillig mit jedem gut aussehenden Gast des Hauses einließ. „Nach dem, was du getan hast, kannst du nicht einfach wieder in mein Leben treten und erwarten, dass dir nach nur zwei Tagen verziehen wird. Genauso wenig kannst du von mir erwarten, dass ich mich auf die Art von Affäre mit dir einlasse, wie du sie von anderen Frauen aus deinem Bekanntenkreis gewohnt bist.“ Sie kannte den Typ Frau nur zu gut, der sich in Valerians diplomatischen Kreisen bewegte.

          Zu ihrer Befriedigung besaß er den Anstand, Reue zu zeigen. „Bist du fertig?“, fragte er schließlich ruhig und bohrte mit der Stiefelspitze eine kleine Vertiefung in den lehmigen Boden.

          Einen Moment lang fühlte Philippa sich schrecklich. Sie war zu hart vorgegangen und hatte sich von ihm in Rage bringen lassen. Trotzdem war sie davon überzeugt, dass er sich für sein Tun zu rechtfertigen hatte. Es war das Beste, wenn sie beide genau wussten, wie sie sich fühlte. „Ja, ich glaube, ich bin fertig.“

          Valerians Stimme klang bedrückt. „Es genügt wohl, festzustellen, dass ich damals ein solches Ende zwischen uns nicht wollte.“ Er schüttelte den Kopf, als wollte er unliebsame Erinnerungen vertreiben. „Ich wollte dich nicht zum Weinen bringen. Ich erwarte nicht, dass du das vergessen kannst, aber ich würde mich über jedes auch noch so kleine Anzeichen von Vergebung freuen, das du aufbringen kannst. Hast du in all den Jahren einmal überlegt, ob ich vielleicht Gründe für mein Verhalten hatte und ob diese geheim bleiben mussten? Immerhin kanntest du mich als Ehrenmann, Philippa.“

          Sie schüttelte ebenfalls den Kopf. „Nein, Valerian, so hatte ich dich nicht in Erinnerung“, erwiderte sie leise.

          Er nickte nur stumm und bot ihr wieder seinen Arm. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, aber Philippa war nicht der schmerzerfüllte Ausdruck entgangen, der bei ihren Worten über sein Gesicht gehuscht war. Grausamkeit war ihr völlig fremd, und so bereute sie diese Worte, auch wenn sie nicht bereute, sie gedacht zu haben. Immerhin entsprachen sie für Philippa der Wahrheit. Trotzdem fiel es ihr schwer, Valerian zu verletzen, und das beunruhigte sie nicht wenig.

          Sie sprachen erst wieder, als sie ihr Ziel erreicht hatten. „Aha, das ist also Trists Grottenpavillon oder zumindest das, was er einmal werden soll“, stellte Valerian betont locker fest, um das betretene Schweigen zu überbrücken.

          „Ja, das ist er wohl“, bestätigte Philippa halbherzig. Sie war in Gedanken nicht bei der Grotte, die langsam ausgebaut werden sollte, sondern bei dem gut aussehenden Mann mit den breiten Schultern, der jetzt seinen eleganten Gehrock auszog und sich die Hemdsärmel ein Stück hochkrempelte, um sich die wahllos vor der Grotte herumliegenden Gesteinsbrocken genauer anzusehen. Philippa fand einen flachen Schieferblock und setzte sich darauf, um Valerian zu beobachten. Edel ist, wer edel handelt. Dieser Mahnspruch aus der Kinderstube schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Valerian hatte diesem Sprichwort keine Ehre gemacht. Er hatte ihr Debütantinnenherz erobert und mit leidenschaftlichen Küssen und zärtlichen Versprechen ihre aufblühende Sinnlichkeit geschürt. Aber dann war er ohne einen Blick zurück aus England verschwunden und hatte nicht einmal mehr Briefe geschickt. Und doch hielten sich die Erinnerungen an die alten Zeiten, bevor ihr das Herz gebrochen worden war, an die Zeiten, als sie noch an ihn geglaubt hatte.

          Es hatte ihr schon immer Freude bereitet, Valerian in irgendwelchen Gärten zu beobachten. Er konnte eine Weile schweigend umhergehen und dann plötzlich bemerken: „Wäre das nicht ein hübscher Platz für einen Springbrunnen?“ Oder: „Hier würde ausgezeichnet ein Irrgarten hinpassen.“ Früher hatten sie oft die Ausrede benutzt, sich Landschaftsgärten ansehen zu wollen, um eine Zeit lang miteinander allein sein zu können. Dabei war es meist nicht einmal eine Ausrede gewesen, da Valerian es sich tatsächlich angewöhnt hatte, jedermanns Garten im Kopf neu zu gestalten.

          Diese Erinnerung brachte sie zum Lächeln, während sie ihm zusah, wie er in der Grotte herumlief. Valerian schien vollkommen in seine Gedanken vertieft, und bei diesem Anblick hätte sie fast glauben können, die Zeit wäre stehen geblieben. Der leichte Wind blies ihm ein paar Haarsträhnen ins Gesicht. Ab und zu bückte er sich, um einen besonders faszinierenden Stein zu betrachten. Sein perfekt sitzendes Hemd schmiegte sich dabei an seinen breiten Rücken und ließ die ausgeprägten Muskeln erahnen.

          Valerian drehte sich schließlich zu ihr um und strich sich die Haare nach hinten. „Komm und sieh dir die Aussicht an! Der Blick von der nordwestlichen Ecke ist einmalig. Ich glaube, ich sage Trist, er soll auch einen Steingarten anlegen. Der mit Quarz durchzogene Stein aus dem Steinbruch am Nare Head würde sich hier wundervoll machen.“

          Bei seinen Worten durchzuckte sie eine beinahe schmerzhafte Sehnsucht. Wenn man von den hitzigen Worten vorhin und der schrecklichen Vergangenheit einmal absah, war er jetzt wieder der alte Valerian, den sie geglaubt hatte zu lieben, und sie begehrte ihn. Es war kein rein körperliches Verlangen, obwohl Philippa das auch empfand. Nein, sie wollte mehr von ihm. Sie wollte, dass er ihr ganz und gar, mit Leib und Seele gehörte. Sie wollte wissen, was er dachte, vorausahnen, wonach er sich sehnte. Es war viele Jahre her, seit sie zuletzt ein so intensives Verlangen verspürt hatte – und nie einem anderen gegenüber als ihm.

          Die Zeit stand plötzlich still und zersplitterte nach einer Weile auf einmal in ein buntes Kaleidoskop halbvergessener Erinnerungen. Sie war in seinen Armen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie dort hingekommen war. Seine Lippen lagen fest und fordernd auf ihren, ehe er ihren Mund vollständig in Besitz nahm und sie seinen Kuss ebenso leidenschaftlich erwiderte. Irgendjemand stöhnte, und sie hatte den unbestimmten Eindruck, dass diese Laute von ihr selbst stammten. Mit den Händen erkundete er lustvoll ihren Körper, und sein Atem ging stoßweise. Es war ihr gleich, sie war in einen ähnlichen Rausch verfallen.

          Er war ein Meister im Küssen. Mit der Zunge erkundete er ihren Mund, dann wieder sog er aufreizend an ihrer Unterlippe. Er nahm die Hände von ihrer Taille und legte sie um ihre Brüste, um sie durch den feinen Stoff des Kleides zu liebkosen, bis sich die empfindsamen Knospen vor Verlangen aufrichteten.

          Philippa war, als stünde sie in Flammen. Sie konnte nur die Arme um seinen Nacken schlingen und sich fest an seinen Körper schmiegen, bis sie nicht mehr zu sagen vermochte, wo sie aufhörte und er anfing. Aber es war noch nicht genug. Am liebsten hätte sie sich die Kleidung vom Leib gerissen, um seinen Händen ungehindert Zugang zu ihrem Körper zu verschaffen. Sie spürte auch seine zunehmende Erregung, als er ihr Kleid nach oben raffte und sich noch enger an sie presste.

          Sie war nicht mehr imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Der harte Stein unter ihrem Rücken war ihr gleichgültig, die quälenden Geister der Vergangenheit verschwanden. Sie sehnte sich nach nichts anderem als nach ihm und seinem Körper und danach, dass endlich dieses grenzenlose Verlangen gestillt wurde, das sie beide durchströmte.

          Valerians grüne Augen waren dunkel vor Erregung, dennoch zögerte er für einen kurzen Moment. „Philippa, bist du dir sicher?“

          „Val, ich will …“ Sie suchte in seinen Augen, was sie dort so verzweifelt zu finden hoffte – dass ihr Valerian immer noch existierte, dass dies der Augenblick war, den sie schon vor so vielen Jahren herbeigesehnt hatte. Aber es war nicht da. Das Ganze war falsch, ganz gleich, wie richtig es sich auch anfühlen mochte. Und dann fiel ihr auch wieder ein, warum. Sie hatte ihn geliebt. Er jedoch hatte nur Leidenschaft für sie empfunden. Er hatte sie verschmäht und sie aufgefordert, einen anderen Mann zu heiraten.

          „Ja, was willst du?“, stieß Valerian schwer atmend hervor.

          „Ich will glauben können“, erwiderte sie leise. „Aber das gelingt mir nicht. Noch nicht.“

          „Ich kann dir den Glauben zurückgeben, Philippa“, beteuerte er. „Lass mich es versuchen.“

          Sie hielt ihn weiterhin fest an sich gedrückt. Es war nicht zu leugnen, dass sie ihn haben wollte, aber nicht so. „Tu das nicht, das lasse ich nicht zu. Du hattest deine Tändelei mit mir vor vielen Jahren. Ich will mich nicht wieder zum Narren halten lassen.“

          „Ich habe dich nie für eine Närrin gehalten, Philippa.“ Er richtete sich ein wenig auf und stützte sich auf seine Ellenbogen. „Wir empfanden damals große Leidenschaft füreinander. So kann es wieder werden“, beschwor er sie. „Ich will dich, Philippa.“

          Ein Funken ihres alten Zorns regte sich. „Ich war diejenige, die weinend im Garten der Rutherfords zurückblieb. Ich dachte, du würdest mir einen Heiratsantrag machen, und du wusstest, dass ich das dachte.“ Wenn sie ihm wieder näherkam, falls sie ihm wieder näherkam, dann musste sie sich ganz klar vor Augen halten, wer er in Wirklichkeit war. Nur so konnte sie sich davor schützen, ein zweites Mal verletzt zu werden. Auch wenn sie an diesem Tag sonst nichts gelernt hatte, eins wusste sie – erneut verletzt zu werden lag durchaus im Bereich des Möglichen.

          Jemand rief „Hallo!“ aus der Ferne, und die Gegenwart holte Philippa schlagartig ein. Sie hatte die größte Dummheit überhaupt begangen, indem sie es beinahe zugelassen hatte, dass Valerian sie in aller Öffentlichkeit liebte, wo sie ohne Zweifel von allen gesehen werden konnten.

          „Oh Gott“, stöhnte Valerian verzweifelt auf. Er richtete sich hastig auf und ordnete seine Kleidung. „Wir bekommen Gesellschaft.“

          Auch Philippa erhob sich und sah Beldon und Lucien, die auf sie zuschlenderten. Gütiger Himmel, wie viel hatten sie gesehen? Jeder, der in diese Richtung kam, hätte beobachten können, wie sie und Valerian sich küssten. Das war der Nachteil von Aussichtspunkten und Pavillons, sie waren von allen Seiten einsehbar.

          „Ich glaube nicht, dass sie etwas mitbekommen haben“, flüsterte Valerian ihr beruhigend ins Ohr, als hätte er ihre Gedanken erraten. Laut rief er: „Was führt euch hierher?“

          „Lucien will seine Niederlage einräumen!“, rief Beldon gut gelaunt zurück.

          Philippas Wangen begannen zu glühen. Sie brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass sie dunkelrot vor Verlegenheit war. Sie hatten alles gesehen. Beldons Bemerkung brachte das deutlich zum Ausdruck.

          „Ganz ruhig, Liebes.“ Valerian lachte leise. „Ich glaube nicht, dass Lucien in diesem Punkt seine Niederlage einräumen will.“ Mit einer übertriebenen Geste zog er seine Taschenuhr hervor und klappte den Deckel auf. „Eingeständnis der Niederlage angenommen, Canton. Es ist zwei Uhr, und die Sonne scheint seit zehn Minuten.“

          Wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, hätten ihre Wangen jetzt noch mehr geglüht, aber dieses Mal vor Zorn. Während Valerian sie mit süßen Worten und Küssen verführt hatte, war er in Gedanken teilweise bei dieser lächerlichen Wette gewesen. Und sie wäre beinahe ihrem Vorsatz untreu geworden und vorübergehend seinen Verführungskünsten erlegen – ein weiterer Beweis, dass Valerian Inglemoore tatsächlich so war, wie es ihre eigene Erfahrung und die Gerüchte über ihn nahelegten.

 

„Wie ist die Aussicht von dort aus?“, fragte Beldon und spazierte zur Stelle, wo der Grottenpavillon entstehen sollte.

          „Herrlich, man kann fast bis Truro sehen“, erklärte Valerian gelassen. „Philippa war auch noch nicht dort, jetzt können wir alle zusammen den Ort aufsuchen.“ Er ging voraus zu dem Felsvorsprung und war sich deutlich Philippas dolchähnlicher Blicke in seinem Rücken bewusst.

          Er konnte sich ziemlich genau vorstellen, was sie dachte – typisch Mann, die Situation so geschickt in den Griff zu bekommen. Niemand konnte so der Idee verfallen, dass er noch vor wenigen Augenblicken über ihr gelegen und ihr voller Leidenschaft unmögliche Versprechungen gemacht hatte. Jetzt spielte er für alle den Reiseführer und machte den Eindruck eines Mannes, der allein wegen der Aussicht hier war.

          Nun, in dem Punkt irrte Philippa. Er hatte die Gelegenheit gewittert, mit ihr allein sein zu können, als der Vikar verkündete, er müsse umkehren. Aber das war auch schon das Ende seiner vernünftigen Eingebungen gewesen. Er hatte die Gelegenheit zwar beim Schopf ergriffen, aber nichts daraus gemacht. Allenfalls Philippas Misstrauen nur noch verstärkt. Dabei hatte er ihr sagen wollen, dass Beldon von ihrer früheren Romanze wusste. Er hatte ihr die Gründe gestehen wollen, warum er sie damals verlassen hatte. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse, und sie waren in diese Schieflage geraten, offensichtlich wider Philippas besseres Wissen.

          Ihr „besseres Wissen“ schmerzte. Es war eine Sache, zu wissen oder zu vermuten, wie sie über ihn dachte. Ihre Gedanken laut ausgesprochen zu hören, war etwas ganz anderes. Und sie dachte, er wäre kein Ehrenmann. Sie dachte, sie könnte ihm nicht mehr glauben.

          Und vielleicht hatte sie recht.

          Valerian kämpfte gegen eine Woge von Selbstzweifeln an. Auch diesen Menschen in Negush hatte er nicht helfen können, er hatte es nicht geschafft, für Frieden zu sorgen, ehe die revolutionäre Hölle ausbrach. Menschen, die unerschütterlich an ihn glaubten, hatten ein böses Ende gefunden. Das war keine Leistung, auf die er stolz war.

          Valerian ermahnte sich, sich nicht von seinen dunklen Gedanken überwältigen zu lassen. Er konnte sich jetzt nicht die Migräneattacken leisten, die meist die Folge seiner schuldbewussten Stimmungen waren. Das war nicht der richtige Ort dafür, auf einem Aussichtspunkt während eines geselligen Ausflugs. Es wäre der Gipfel der Stillosigkeit gewesen, hier plötzlich diese verheerenden Kopfschmerzen zu bekommen – ein Andenken an den griechischen Fanariotenaufstand.

          Valerian konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart und musste zugeben, dass die Aussicht in der Tat wunderschön war. Sobald man den Grottenpavillon fertig gebaut hatte, bot er bestimmt einen atemberaubenden Blick über das Umland von Truro. Der Vikar würde hochzufrieden sein.

          Beldon sog tief die Luft ein und atmete sie dann wieder aus. „Ach, es geht doch nichts über die saubere Luft in Cornwall. Ich schwöre, es gibt keinen schöneren Ort auf der Welt als diesen.“

          Valerian lächelte über den Stolz seines Freundes. Auch er selbst hatte es geliebt, hier aufwachsen und leben zu dürfen. Lucien jedoch schien dem widersprechen zu wollen. Seit er die Wette verloren hatte, war er plötzlich lange nicht mehr so für Cornwall.

          „Ich ziehe eigentlich den Lake District mit seinen Bergen vor, die viel zerklüfteter und herausfordernder sind. Im Vergleich zu ihnen sehen die Berge hier eher wie sanfte Hügel aus.“

          Valerian zog eine Augenbraue hoch, ein Zeichen, dass er ganz und gar nicht Luciens Meinung war. „Während meiner Zeit im Ausland habe ich viele verschiedene Landschaften gesehen – Berge und Küsten. An manchen Orten war es brütend heiß, an anderen so kalt, dass einem beinahe die Gedanken einfroren. Immer wenn ich das Klima nicht mehr ertragen konnte, dachte ich an Cornwall.“ Bei seinen letzten Worten fiel sein Blick auf Philippa. Mit „Cornwall“ hatte er eigentlich noch etwas anderes gemeint, und ihr erschrockener Gesichtsausdruck verriet ihm, dass sie das verstanden hatte. Ermutigt fuhr er fort. „Dann dachte ich an unsere Gärten, vor allem die von Pendennys Hall und Roseland, und an all meine damit verbundenen Erinnerungen. Ich stellte mir vor, wie ich durch diese Gärten ging. Manchmal schmiedete ich Pläne, manchmal fand ich einfach nur Frieden in ihnen.“ Ob sie sich ihrer gemeinsamen Spaziergänge entsann? An ihre Gespräche? Sie hatten damals so viele Geheimnisse miteinander geteilt.

          Philippa wich seinem Blick aus und ließ ihren über die weite Landschaft schweifen. Er hoffte, sie hatte seine verborgene Botschaft empfangen: Ich habe an dich gedacht, ich habe die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in meinem Herzen bewahrt. Und wichtiger noch, du und nur du allein warst mein Halt, wenn ich keine Hoffnung mehr für mich hatte. Er bezweifelte allerdings, dass sie vollständig begreifen würde, wie düster sein Leben in den vergangenen Jahren war, wie fernab vom Licht er sich bewegt hatte.

          Beldon hüstelte diskret, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. „Grübelst du wieder über das Wetter nach, Val? Lucien und ich haben uns gewundert, woher du wusstest, dass es nicht regnen würde.“

          Valerian zuckte gelassen die Achseln. „Nun, ich habe nicht gesagt, dass es gar nicht regnen würde, sondern nur, dass dies keineswegs vor der Teestunde passieren würde. Was das betrifft, so glaube ich, dass es heute Abend nach sechs, auf jeden Fall aber noch vor neun tröpfeln wird. Wollen wir eine neue Wette abschließen, Canton?“

          Canton sah ihn misstrauisch an, und Valerian wusste plötzlich, dass er noch an diesem Abend packen würde. Es wurde Zeit abzureisen, wenn einem nichts anderes mehr einfiel als Wetten über das Wetter, um den Gastgeber von der Tatsache abzulenken, dass man so kühn war, die Gastgeberin vor seiner Nase zu verführen. Oh ja, es war wirklich Zeit, diese Gesellschaft zu verlassen.

 


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