Zärtlicher Eroberer – Kapitel 6

Beldon stellte seine leere Tasse auf den Teewagen und verabschiedete sich von den anderen, die sich auf den Weg nach oben in ihre Zimmer machten. Im Gegensatz zu ihnen hatte er keine Lust, schon zu Bett zu gehen. Er war noch hellwach, und seine Gedanken kreisten um die Ereignisse während der vergangenen Feiertage. Außerdem hatte Canton einen ausgezeichneten Brandy in seiner Bibliothek stehen. Ganz allgemein hielt Beldon andere Menschen für interessante Studienobjekte. Jüngere Männer in seinem Bekanntenkreis hassten die routiniert ablaufenden gesellschaftlichen Anlässe, außer wenn es sich um Jagden handelte, aber er fand sie faszinierend. Solche Versammlungen von Leuten waren für ihn ein unerschöpflicher Quell an erstaunlichen kleinen Dramen auf sich kreuzenden Lebenswegen.

          Selbst in einer so kleinen Gruppe wie an diesem Abend war das Netz eng gesponnen – Lucien und dieser Bankmensch Danforth, die miteinander ein Geschäft aufzogen; er und Lucien, Freunde durch ihre gemeinsame Bindung zu Philippa; Lucien und Philippa und das aufkommende Drama um Luciens Heiratsantrag; Lucien und Valerian, Feinde auf den ersten Blick. Warum? Die beiden Männer kannten sich doch gar nicht. Das Einzige, was sie miteinander verband, war Philippa.

          Philippa. Das war die Erklärung. Hatte Valerian Gefallen an ihr gefunden? Es war eine wunderliche Vorstellung, Valerian könnte sich auf den ersten Blick in seine Schwester verliebt haben, und doch war Vals Feindseligkeit Lucien gegenüber fast greifbar zu spüren gewesen, seit er das Haus betreten hatte. Eine vage Idee formte sich in Beldons Kopf, Details aus der Vergangenheit verknüpften sich miteinander, anstatt wie bisher als isolierte Begebenheiten in seiner Erinnerung fortzubestehen. Doch Beldon wurde unterbrochen, ehe er auf das entscheidende Bindeglied zwischen ihnen kommen konnte.

          „Einen Viertelpenny für deine Gedanken!“ Valerian trat in die Bibliothek, als hätten Beldons Überlegungen ihn dorthin beschworen. Er zog Jacke und Weste aus und krempelte die Hemdsärmel hoch.

          Beldon verlagerte seine Sitzhaltung in dem bequemen Sessel. „Meine Gedanken sind weitaus mehr wert als einen Viertelpenny, alter Freund. Zieh dir einen Sessel heran, Canton hat eine ausgezeichnete Auswahl an Brandys.“

          Valerian lachte leise. „Ist das der Hauptgrund, warum er dein Freund ist? Seit ich ihn kennengelernt habe, scheint sein Weinkeller seine herausragendste Seite zu sein.“

          Beldon hob seinen Schwenker. „Nun, du musst zugeben, der Champagner zu Silvester war ausgezeichnet.“ Er verstummte und betrachtete, wie sich die Flammen im Kamin in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit widerspiegelten. „Ehrlich gesagt, ich hielt Canton immer für einen recht liebenswürdigen, wenn auch bisweilen etwas distanzierten Knaben – bis du aufgetaucht bist. Woran kann das deiner Meinung nach liegen, Val?“ Beldon betrachtete seinen Freund aufmerksam. Er schaute zu, wie Valerian sich lässig in den gegenüberstehenden Sessel fallen ließ und die Füße auf das niedrige Kamingitter legte.

          „Ist das eine rhetorische Frage, oder soll ich sie wirklich beantworten? Ich meine mich daran zu erinnern, dass du uns schon in der Schule gesagt hast, was wir denken sollen.“ Valerian schmunzelte und trank einen Schluck von seinem Brandy.

          Touché, der Punkt geht an dich“, räumte Beldon ein. „Der Vorwurf ist berechtigt. Gerechterweise musst du aber zugeben, dass die meisten unserer Freunde wirklich nicht nachdachten. Ich habe ihnen einen großen Gefallen getan, indem ich ihnen das abnahm.“

          „Dann sprich weiter. Du hast eindeutig noch mehr auf Lager.“

          Beldon stellte sein Glas auf den kleinen Tisch neben seinem Sessel. Mit ernster Miene beugte er sich vor und stützte die Ellenbogen auf seine Oberschenkel. „Sag mir die Wahrheit, Val. Ich habe noch nicht alle Betrachtungswinkel ausgeleuchtet, aber ich glaube, du fühlst dich zu Philippa hingezogen.“

          Es war vielsagend, dass Valerian seinem Blick nicht standhalten konnte und stattdessen ins Feuer starrte. „Philippa ist eine attraktive junge Frau, dazu intelligent und selbstbewusst. Ich bin sicher, dass viele Männer sie begehrenswert finden. Sie wäre sicherlich eine Bereicherung für jeden …“

          „Genauer“, fiel Beldon ihm ins Wort, unbeeindruckt von Valerians ausweichender Antwort. „Du begehrst sie, und das schon seit geraumer Zeit. Das ist keine zufällige Liebe auf den ersten Blick. Ihr seid beide aus dem Alter solcher Jugendfantasien heraus. Seit wann empfindest du schon etwas für sie, Val?“ Wie hatten ihm die Gefühle seines besten Freundes nur entgehen können? Beldon spürte einen leichten Stich des Verrats. Er und Val hatten sich näher gestanden als Brüder, und doch hatte Val sich ihm nicht anvertraut. Aber eine solche Unterlassung war offenbar nichts Ungewöhnliches für Valerian. Auch von seinem Plan, zu seinem Onkel zu reisen, hatte er damals erst in der Nacht unmittelbar vor seinem Aufbruch erfahren.

          Valerian setzte sich gerade hin, und dieses Mal wich er Beldons Blick nicht aus. „Ich liebe sie seit unserer Jugendzeit. Ich habe mich Hals über Kopf in sie verliebt, als sie ihr Debüt hatte.“

          „Du hast mir nichts davon gesagt“, erwiderte Beldon langsam. Fieberhaft versuchte er in seinem Kopf die Mosaiksteine zusammenzufügen. „Hat sie deine Gefühle erwidert?“ Ihm war flau im Magen. Es war schrecklich zu wissen, dass sich die beiden Menschen, die ihm am nächsten standen, ineinander verliebt hatten, und er hatte nichts davon gewusst.

          Valerian schien zu ahnen, in welche Richtung sich seine Gedanken bewegten, und seine Antwort lautete schlicht: „Ja.“

          Also doch. Valerian hatte das Geheimnis nicht allein für sich bewahrt. Sie hatten es ihm gemeinsam verschwiegen. „Warum hast du es mir nicht gesagt?“

          Valerian zuckte die Achseln. „Wie hätte ich das gekonnt? Cambourne hatte um ihre Hand angehalten.“

          „Und du hast ihm einfach den Vortritt gelassen?“, fragte Beldon schroff. „Das hört sich so ganz und gar nicht nach dir an.“ Der Valerian, den er kannte, hatte sich stets für das Recht eingesetzt, auch wenn die Chancen für ihn schlecht standen. Er hatte sich mehr als nur einmal eine blutige Nase geholt, wenn er nicht wahrhaben wollte, wann es an der Zeit war, einen Rückzieher zu machen. Der Valerian, den er kannte, hatte sogar daran geglaubt, dass man niemals klein beigeben sollte. Warum hatte sich das geändert, als es um Philippa gegangen war?

          Valerian warf ihm einen warnenden Blick zu. „Beldon, ich muss dich bitten, jetzt mit deinen Fragen aufzuhören. Meiner Erfahrung nach eignen sich die späten Abendstunden gut für Bekenntnisse zwischen Freunden, aber nicht unbedingt dafür, diese zu verstehen. Gib dich damit zufrieden, dass ich Philippa seit Jahren aus der Ferne liebe. Gib dich auch damit zufrieden, dass ich immer noch um ihre Hand anhalten würde, wenn sie einverstanden wäre.“ Valerian erhob sich und bereitete so dem Gespräch ein Ende.

          Beldon streckte einen Arm nach ihm aus. „Du kannst mich nicht auf glühenden Kohlen sitzen lassen, Valerian!“ Er schnaubte. „Kein Wunder, dass du ein so guter Diplomat warst.“

          „Hab Nachsicht mit mir“, bat Valerian bedrückt. „Ich vertraue fest darauf, dass es deinem Verstand schon bald gelingen wird, das Rätsel zu lösen, und ich warte darauf, deine Schlussfolgerungen zu bestätigen. Du weißt, dass mir die Freundschaft mit dir sehr viel bedeutet, ich würde dich niemals belügen.“

          Beldon nickte. „Ich weiß. Schlaf gut, Val“, sagte er ernsthaft.

          „Kommst du nicht mit nach oben?“

          „Nein, ich möchte noch einen Augenblick hier unten bleiben.“ Beldon hielt seinen halb vollen Schwenker hoch. „Einen guten Brandy zu vergeuden ist eine Todsünde.“

          „Genieße ihn“, wünschte ihm Valerian, als er in der Tür stand. „Und denke daran, ich habe deine Frage beantwortet.“

          „Und dabei hundert neue Fragen aufgeworfen, über die ich mir den Kopf zerbrechen muss.“ Beldon prostete ihm ironisch zu. Er würde auch bald schlafen gehen. In einer Hinsicht hatte Valerian recht – ein Teil des Rätsels, warum Valerian Canton nicht mochte, war gelöst. Sie wollten beide Philippa.

          Und das aus völlig verschiedenen Gründen, da wäre Beldon jede Wette eingegangen. Valerian liebte sie. Und Liebe war nicht unter den Waren, mit denen Lucien Canton normalerweise handelte. Canton wollte sie aus einem anderen Grund.

          Lange Zeit war Beldon davon ausgegangen, dass Canton Philippas unterhaltsame Gesellschaft zu schätzen wusste. Sie verstand viel von Finanzen und Geschäften, eigentlich Männerthemen, doch Cambourne hatte sie gründlich darauf vorbereitet, sich für diesen Aspekt des Cambourne-Besitzes zu interessieren. Der Duke war der Auffassung gewesen, eine Frau sollte ihren Wert durch diese Kenntnisse steigern, und er hatte dafür gesorgt, dass auch Philippa dies von sich forderte.

          Nachdem er Canton und Danforth an diesem Abend bei ihrem Gespräch über die Bank beobachtet hatte, musste Beldon sich unwillkürlich fragen, ob Cantons Interesse an Philippa nicht von Anfang an eher finanzieller Natur gewesen war. An diese Möglichkeit hatte er vorher nicht gedacht, da Canton selbst nicht ohne Vermögen und durchaus fähig war, dieses noch zu vermehren. Er war allem Anschein nach nicht auf eine reiche Braut angewiesen.

          Valerians plötzliches Erscheinen war mit Sicherheit wie ein klärendes Gewitter gewesen und hatte wieder den Blick für wesentliche Dinge geschärft. Wenn es nach ihm ging, so hätte Beldon es bei Weitem vorgezogen, wenn Philippa Valerian heiratete. Valerian war ein Ehrenmann, ein Mann, dem man vertrauen konnte, dass er auch in den schwierigsten Situationen immer das Richtige tun würde.

          Und damit schloss sich für Beldon der Kreis. Warum war Valerian zur Seite getreten, als Cambourne um Philippas Hand angehalten hatte? Was war für Valerian ein ehrenvollerer Weg gewesen als der, um sein Glück zu kämpfen? Wen oder was hatte er beschützen wollen, indem er Philippa aufgab und sein eigenes Land verließ? Sie hatten nicht über den Grund seiner abrupten Abreise gesprochen, aber Beldon hatte das sichere Gefühl, dass das eine mit dem anderen zusammenhing.

          Beldon lächelte im Halbdunkel vor sich hin, das Feuer war fast vollständig heruntergebrannt. Er liebte schwierige Rätsel, und dieses hier entpuppte sich als ein besonders schwieriges. Es war Zeit, schlafen zu gehen, denn er wollte morgen bei der Landpartie frisch und ausgeruht sein. Er konnte es kaum noch erwarten. Wer hätte gedacht, dass ein scheinbar so harmloser Ausflug, um sich Pflanzen in einem Pfarrgarten anzusehen, so viele Möglichkeiten für dramatische Ereignisse in sich bergen konnte? Oh ja, der kommende Morgen versprach sehr interessant zu werden.

 

Was das Wetter betraf, so war Cornwall immer für eine Überraschung gut. Wenn die restlichen Flüsse in England zufroren, tummelten sich auf den Gewässern nahe Truro und Falmouth durchziehende Zugvögel wie Eiderenten und Schellenten.

 

Wenn man in vielen Teilen des Landes glaubte, der dunkle Winter würde niemals enden, feierte der geschützte Süden von Cornwall einen frühen Frühlingsbeginn. Und so kam es, dass das Wetter bei dem Ausflug nach Veryan ausgesprochen mild war für Januar, auch wenn am Vortag noch ein schneidend kalter Wind geweht hatte.

          Die letzten Gäste waren nach einem späten Frühstück um elf Uhr abgereist, wodurch ein Mittagessen überflüssig geworden war. Daher saßen die vier um halb zwölf bequem in Luciens glänzend schwarzer Kutsche mit den großen Glasfenstern. Philippa wäre lieber geritten, da die Entfernung zwischen Truro und Veryan eher gering war und das Wetter schön zu bleiben versprach. Doch Lucien hatte auf der Kutsche bestanden.

          „Wozu hat man ein so großartiges Gefährt, wenn man keinen Gebrauch davon macht?“, sagte er.

          Philippa dachte insgeheim, dass Lucien wahrscheinlich eher die Aufmerksamkeit genoss, die die elegante Equipage erregte, als der Kutscher sie durch Truro lenkte. „Trotzdem, es gibt nicht viele Wintertage, an denen das Wetter so schön für einen Ausritt ist. Ich finde es schade, einen davon zu vergeuden“, erwiderte sie.

          „Aber das ist genau der Punkt, meine Liebe! Ich bezweifle, dass dieses Wetter anhalten wird.“ Sein Tonfall klang ein wenig herablassend. „Zugegeben, noch sieht der Himmel vielversprechend aus, aber bis zum Tee heute Nachmittag wird es bewölkt sein und regnen.“

          Valerian regte sich auf seinem Sitz ihnen gegenüber, und in seinen Augen zeigte sich ein Funkeln, das Philippa Unbehagen bereitete. „Sie scheinen sich Ihrer Vorhersage sehr sicher zu sein, Canton.“

          „Das bin ich auch, St. Just. In den letzten Jahren habe ich die meiste Zeit in dieser Gegend gelebt“, prahlte Lucien.

          Valerian nickte und zeigte auf Beldon und Philippa. „Ich habe, genau wie diese beiden Freunde hier, ebenfalls einen Großteil meines Lebens in Cornwall verbracht, und ich sage Ihnen, das Wetter wird so bleiben.“ Valerian sah aus dem Fenster prüfend zum Himmel. „Noch ist es zwar ein wenig diesig, aber ich wage sogar zu behaupten, dass wir um zwei Uhr strahlenden Sonnenschein haben werden.“

          „Wollen wir eine Wette abschließen?“

          Philippa unterdrückte ein Aufstöhnen. Das Wetter galt in England als ein Gesprächsthema, das immer funktionierte, wenn man kein anderes mehr wusste. War das nicht eine Regel, die man von klein auf eingetrichtert bekam? Valerian und Lucien hatten nun das Wetter zum Gegenstand eines Wettstreits gemacht, als könnten sie es beeinflussen. Wenn Philippa sich allerdings daran hätte beteiligen sollen, dann wäre sie der gleichen Meinung gewesen wie Valerian. Lucien kannte sich im Bergbau aus, aber Valerian kannte das Klima. Auf seinem Besitz auf der Halbinsel Roseland wuchsen ein paar der seltensten Pflanzen in England.

          „Zwanzig Pfund“, schlug Valerian vor. „Wenn um zwei die Sonne scheint und es bis fünf nicht regnet, gewinne ich. Canton siegt, wenn die Sonne nicht scheint und es um vier zur Teestunde regnet.“

          Beldon, der bisher die meiste Zeit aus dem Fenster gesehen hatte, schaltete sich ein. „Und wer gewinnt, wenn die Sonne nicht scheint, es aber auch nicht regnet? Oder wenn die Sonne scheint und es früher zu regnen anfängt?“

          Oh Gott, nicht auch noch er! Philippa warf ihrem Bruder einen beschwörenden Blick zu. Lucien und Valerian jedoch schienen sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen. Bis sie in Veryan ankamen, hatten die beiden sicher eine so komplizierte Wette konstruiert, dass ein Gewinner unmöglich zu bestimmen sein würde.

          „Für den Fall gilt ein Unentschieden“, erklärte Valerian entschlossen. „Bei der kleinsten Abweichung von unseren Wetten gibt es weder einen Sieger noch einen Verlierer.“

          „Das ist nur gerecht“, bekräftigte Lucien.

          Philippa schüttelte den Kopf und sah Valerian tadelnd an. Er unterdrückte ein Lächeln und wandte diskret den Kopf, um die draußen vorbeiziehende Landschaft zu betrachten.

 

Im Pfarrhaus herrschte eine Art geordnetes Chaos, als ihre Kutsche vorfuhr. Samuel Trist, der neue Vikar, löste sich aus einer Gruppe von Arbeitern und stapfte lächelnd durch den Lehm auf die vier Angekommenen zu, um sie zu begrüßen. „Sie sind tatsächlich angereist! Es ist mir ein großes Vergnügen. Ich habe mich sehr gefreut, als ich gestern Ihre Nachricht erhalten habe.“

          Philippa mochte den Mann auf Anhieb. Er war groß und schlank und hatte einen schlaksigen Gang. Obwohl er gewusst hatte, dass sie erscheinen würden, trug er noch Arbeitskleidung, und seine Stiefel waren lehmbespritzt. Jetzt zog er seine Handschuhe aus und fuhr sich durch sein widerspenstiges flachsblondes Haar. Philippa konnte diesen Typ Mann sofort einordnen – ein Mann, der alles andere um sich herum vergaß, wenn er sich einem Vorhaben widmete, das ihm am Herzen lag.

          „Es war sehr freundlich von Ihnen, uns so kurzfristig einzuladen“, sagte Philippa und reichte ihm die Hand, als sie aus der Kutsche stieg. Sie war froh über ihre robusten Stiefeletten und das schleppenlose, schlichte Kleid aus Merinowolle. Sie hatte zu Recht vermutet, dass elegante Kleidung hier deplaciert wirken würde, auch wenn Lucien diskret sein Missfallen darüber zum Ausdruck gebracht hatte.

          „Passen Sie gut auf, wo Sie hintreten, es ist hier zum Teil noch sehr matschig“, empfahl Trist.

          „Reverend Trist – Viscount St. Just. Er interessiert sich sehr für Gartenbau, da fiel mir natürlich gleich Ihr Anwesen ein“, übernahm Lucien die Vorstellung und sah sich dann um. „Ein äußerst ehrgeiziges Unternehmen, das Sie sich da aufgebürdet haben.“

          „Ja, und das ist erst der Anfang. Das Pfarrhaus war in den letzten Jahren der Amtszeit meines Vaters ziemlich heruntergekommen. Ich habe seine Stelle als Vikar übernommen und beschlossen, das Anwesen gründlich zu renovieren. Ich wollte etwas Moderneres, mehr der Gegenwart Entsprechendes.“ Samuel winkte einen der Männer zu sich. „Das ist mein Vorarbeiter. Er kann Ihnen gern die Baupläne zeigen, während ich den Viscount ein wenig herumführe. Es ist noch kein Garten im eigentlichen Sinn, aber ich mache mir Hoffnungen.“

          Reverend Trist wandte sich an Philippa, als er sah, dass sich Pendennys und Canton bereits über die Pläne beugten. „Euer Gnaden, hätten Sie Lust, uns zu begleiten?“

          Trist führte sie durch den Garten und sprach über alle möglichen Blumen und Kräuter. Er blieb stehen, um die kleinen harten Knospen der Rhododendren zu überprüfen. „Noch einen Monat, dann blühen diese Schönheiten auf. So, und dort drüben habe ich eine Baumreihe geplant.“ Er zeigte auf ein paar in gleichmäßigem Abstand zueinander gepflanzte Setzlinge. „Das sind Rotbuchen und Immergrüne Eichen.“ Seine Augen begannen zu funkeln. „Und sehen Sie einmal dort …“, er zeigte in eine bestimmte Richtung, „… das ist mein ganzer Stolz, eine Andentanne.“

          Valerian war sofort von dem Baum angetan. „Was für eine eigenartige Spezies! Darf ich?“ Er ging zu der Tanne und berührte sie vorsichtig. „Philippa, komm und sieh dir das an!“ Vor Begeisterung über den exotischen Baum vergaß er völlig die förmliche Anrede.

          Die Tanne war in der Tat ein Kuriosum. Dunkelgrüne, schuppenähnliche Nadeln bedeckten die etagenartig angeordneten Äste, die quirlförmig vom Stamm abzweigten, sodass ein wirres, labyrinthartiges Astwerk entstand. „Meine Güte, ich glaube, in einem derartigen Baum würde sich sogar ein Kletteraffe verirren!“, rief Philippa lachend aus.

          „Vielleicht sollte ich ihn auch so nennen“, stimmte Samuel Trist in ihr Gelächter ein. „Ein Affenlabyrinth. Das klingt sicherlich viel exotischer als ‚Andentanne‘.“

          „So etwas habe ich noch nie gesehen“, staunte Valerian beinahe ehrfürchtig.

          „Wenn ich ihn zum Wachsen bringe, könnte ich mich wahrscheinlich damit rühmen, den ersten Baum dieser Art in England gepflanzt zu haben“, erklärte Trist.

          „Ich hätte gern einen Ableger davon für meinen eigenen Garten“, bat Valerian. Philippa entging das Leuchten seiner Augen nicht, als er diese neue, ihm unbekannte Baumart betrachtete.

          Trist nickte und war sichtlich erfreut, einen seelenverwandten Gartenfreund gefunden zu haben. „Ich muss jetzt leider zurück zum Pfarrhaus, aber Sie können gern noch weitergehen. Da ist eine Grotte, die ich gerade in eine Art Pavillon umwandele, und ich habe ein Areal eingezäunt, wo ich später einen großen Teich anlegen möchte. Euer Gnaden, der Weg ist in dieser Jahreszeit etwas mühsam. Ich kann Sie zurück zum Pfarrhaus begleiten“, fügte er hinzu.

          Philippa warf Valerian einen raschen Blick zu. Sie sollte wirklich umkehren. Zu Beldon und Lucien zurückzukehren war eindeutig der sicherste Weg, den sie einschlagen konnte. Dort gab es keine Versuchung, nur höfliche Unterhaltung. Valerian hatte sich als das Gegenteil erwiesen. In der kurzen Zeit seiner Rückkehr war es ihm gelungen, ihre Leidenschaft und ihr Temperament heraufzubeschwören, und beides vertrug sich nicht miteinander.

          Es war ihr ein vollkommenes Rätsel, wie sie sich einerseits über ihre heftigen und verlangenden Gefühle ärgern konnte, die er so mühelos in ihr weckte, ihm aber gleichzeitig immer wieder die Gelegenheit bot, genau das zu tun.

          Valerians scharfem Blick schien ihr Zögern nicht zu entgehen. „Kommen Sie ruhig mit mir, Duchess. Das Wetter verspricht schön zu bleiben, und Sie erwähnten schon vorhin in der Kutsche, wie gern Sie an der frischen Luft wären. Wenn der Weg zu beschwerlich wird, können wir jederzeit umkehren.“ Er bot ihr den Arm.

          Wie konnte sie eine solche Einladung ablehnen, ohne dass das wie eine schroffe Zurückweisung wirkte? Reverend Trist starrte sie an und bestätigte damit ihre Ahnung, dass sie viel zu lange mit ihrer Antwort gewartet hatte. „Vielen Dank, St. Just. Ein Spaziergang ist eine wunderbare Idee.“

          Sie nahm Valerians Arm und redete sich ein, dass der unverheiratete Vikar ihr ihre innere Aufgewühltheit nicht ansehen konnte, ja, dass er wahrscheinlich nicht einmal merkte, dass etwas nicht stimmte. Es war schließlich nichts Ungewöhnliches, wenn eine Frau den Arm eines Mannes nahm. Allerdings fiel ihr auf, dass Trist ein paar Mal zwischen ihnen hin und her sah, ehe er sich auf den Rückweg machte, als versuchte er zu verstehen, was da in Wirklichkeit vor sich ging. Philippa wünschte ihm Glück bei der Lösung dieses Rätsels, obwohl ihr schleierhaft war, wie ihm das gelingen sollte, wo sie selbst versagt hatte.

          „Wollen wir?“ St. Just wandte sich dem gekiesten Weg zu, der zu dem Grottenpavillon führte.

          Philippa fiel ein, dass ihr Gärten in Bezug auf Valerian wenig Glück gebracht hatten. Als sie das letzte Mal allein mit ihm in einem Garten war, hatte sie ein gebrochenes Herz davongetragen, das Jahre brauchte, um wieder einigermaßen zu heilen. Sie fragte sich, was er an diesem Tag bei ihr hinterlassen würde. Sie spürte schon jetzt, dass die Narben an ihrer Seele gegen jegliche Vernunft und wider besseren Wissen bedeutungslos wurden.

 


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