Philippa sah Lucien nicht kommen, spürte seine Ankunft aber, als Valerian sich plötzlich anspannte und ein gefährliches Glitzern in seinen Augen sichtbar wurde. Sie versuchte, ihm ihre Hand diskret zu entziehen, aber sie hätte sich die Mühe sparen können. Luciens finstere Miene verriet eindeutig, dass er ihre Hand in Valerians bereits gesehen hatte.
Philippa ärgerte sich über die Störung. Eine Zeit lang hatte eine freundschaftliche Stimmung zwischen ihr und St. Just geherrscht, sie waren wieder einfach nur Philippa und Valerian gewesen, wie am Vorabend auf der Tanzfläche. Sie hatte es gemocht, wie sie sich ruhig und vertraut über ihre Ehe mit dem Duke unterhalten hatten. Sie hatte das Fehlen von verbalen Spitzen genossen, die nur den Zweck hatten, den anderen zu treffen im Gerangel um Forderungen und Besitzansprüche. Durch Luciens Erscheinen war das alles wieder da, und sogar noch verstärkt. In dem Moment, als Valerian Lucien entdeckt hatte, war er wieder St. Just geworden – der verwegene Diplomat, der sich von keinem Mann in die Ecke treiben und Schuldgefühle einreden ließ.
„Philippa, es ist eiskalt“, sagte Lucien und rieb sich die Hände. Valerians Anwesenheit ignorierte er geflissentlich. „Was treibt dich bei diesem Wetter nur nach draußen?“
„Wir haben in Erinnerungen geschwelgt und uns etwas erzählt“, erklärte Philippa, und das stimmte ja auch. Sie hatten über die Vergangenheit gesprochen, nichts weiter.
„Meine Liebe, genau deshalb haben wir ein Dutzend Salons, in denen man sich gemütlich unterhalten kann.“ Lucien lachte gezwungen.
„Stimmt das, oder ist das nur eine Übertreibung?“, warf Valerian ein. Er schirmte die Augen mit der Hand ab und ließ den Blick demonstrativ über das Herrenhaus schweifen, als zählte er all die Salons und bezweifelte, ob das Anwesen für so viele überhaupt groß genug war.
Philippa wusste nicht recht, was sie zuerst tun sollte: lachen, weil Luciens Prahlerei durchschaut worden war – das Gebäude war zwar groß für die Verhältnisse in Truro, aber zwölf Salons gab es nicht, es sei denn, man rechnete die kleinen Räume mit, die einigen der größeren Schlafzimmer hinzugefügt worden waren –, oder Valerian erwürgen, weil er so absichtlich Luciens Stolz verletzte, nur um den Mann zu ärgern. „St. Just interessiert sich für Gärten. Ich dachte, es würde ihm gefallen, sich einmal deinen anzusehen“, lenkte Philippa rasch ein.
Valerian lächelte. „Ja, unsere Familie besitzt ausgedehnte Gartenanlagen auf der Halbinsel Roseland. Ich kann es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren.“
Lucien erwiderte sein Lächeln. „Ich hoffe doch, Sie haben es nicht allzu eilig und bleiben noch eine Weile bei uns! Vielleicht kann ich Sie ja mit dem Besuch einiger wunderschöner Gärten hier in der Umgebung locken?“, bot Lucien großzügig an. „Ich habe gehört, dass der neue Vikar in Veryan, nur ein paar Meilen von hier entfernt, das Pfarrhaus renoviert hat und plant, den umliegenden Garten zu vergrößern. Ich könnte es für Sie arrangieren, dass Sie morgen zu ihm hinüberreiten und mit ihm fachsimpeln.“
Philippa drehte sich zu Valerian um. „Bitte, sagen Sie, dass Sie bleiben. Ich kenne das Pfarrhaus von früher. Es ist wunderhübsch, und Sie werden Samuel Trist, den neuen Vikar, bestimmt gut leiden mögen. Er soll wirklich ein begeisterter Landschaftsgärtner sein. Sie hätten also viel gemeinsam mit ihm.“ Der Gedanke, Valerian könnte abreisen, nachdem sie sich gerade erst an seine Rückkehr gewöhnt hatte, war plötzlich unerträglich. Aber er würde nicht bleiben, wenn er sich dadurch Lucien irgendwie verpflichtet fühlte.
„Und wer weiß, was sich sonst noch für angenehme Überraschungen auftun, wenn Sie nur lange genug bleiben?“, fuhr Lucien fort und spielte ganz den vollkommenen Gastgeber. „Mit etwas Glück könnten Sie der Erste sein, der mir gratulieren darf. Ich habe unserer lieben Duchess heute Morgen einen Heiratsantrag gemacht. Ich hielt es für das Beste, das neue Jahr gleich mit dem richtigen Schritt zu beginnen.“
Philippa spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Wie konnte Lucien es wagen, diese wütend herausgebrachte, eifersüchtige Äußerung einen Antrag zu nennen! Sie merkte, dass Valerian sie forschend betrachtete.
„Hat unsere ‚liebe Duchess‘ denn Ja gesagt?“, fragte er Lucien, ohne den Blick von Philippa zu wenden.
„Sie hat …“, begann Lucien.
„Sie hat nicht Ja gesagt“, fiel Philippa ihm aufgebracht ins Wort. Es war nicht abzusehen, welche nächste Lügengeschichte Lucien auftischen würde. Wenn er ihre Auseinandersetzung schon als Heiratsantrag darstellte, dann interpretierte er ihr Hinausstürmen aus der Bibliothek womöglich als „Bedenkzeit“ ihrerseits. Philippa sah beide Männer wütend an. „Ich werde nicht hier stehen und es zulassen, dass man über mich redet, als wäre ich unsichtbar. Das gilt für Sie beide. Da meine Anwesenheit für dieses Gespräch jedoch offenbar nicht erforderlich ist, lassen Sie sich nicht weiter stören. Ich gehe ins Haus.“
Sie musste vorübergehend den Verstand verloren haben, zu glauben, sie wäre noch nicht bereit für Valerians Abreise. Valerian. Das war auch noch so ein Punkt. Irgendwann zwischen seiner Ankunft vor zwei Tagen und diesem Nachmittag hatte sie angefangen, ihn in Gedanken wieder Valerian zu nennen, nicht mehr St. Just. Draußen im Garten war er noch ihr Freund gewesen, mit dem sie sich über die alten Zeiten unterhalten hatte, und dann war er plötzlich wieder St. Just geworden. Innerhalb kürzester Zeit war die Maske wieder an ihren Platz gerutscht.
War es das? Eine Maske? Warum war sie sich nur so sicher, dass seine Kälte und treffsichere Schlagfertigkeit eine Maske waren? Es konnte doch sein, dass die Rolle des Freundes nur vorgespielt war?
Oben in ihrem Zimmer warf Philippa den Umhang auf ihr Bett und begann, ruhelos vor dem Fenster auf und ab zu gehen. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Für eine Frau, die sich vor dem zweifelhaften Charme des Viscount St. Just gefeit gehalten hatte, stand sie ihm jetzt erstaunlich wehrlos gegenüber. Schon war sie auf dem besten Weg, die erwiesene Wahrheit über Bord zu werfen und einzutauschen gegen die Fantasiebilder, mit denen er sie als junges Mädchen umgeben hatte. Warum war es so leicht, wieder an diese alten Märchen zu glauben? Vor allem, weil sie doch wusste, es waren nur Märchen.
Plötzlich hatte sie eine Eingebung. Sie würde sich selbst beweisen, dass ihre Zuneigung bei Valerian Inglemoore nicht angebracht war. Ja, wenn sie diesen Beweis mit eigenen Augen sehen konnte, würde es ihr beim nächsten Mal, wenn er ihre Hand hielt oder mit ihr tanzte, nicht so schwerfallen, die Wahrheit zu verdrängen.
Philippa nahm einen Bogen ihres persönlichen Briefpapiers aus dem Sekretär und setzte sich. Energisch zog sie einen senkrechten Strich auf dem Papier und teilte den Bogen somit in zwei Spalten – die eine für Märchen, die andere für Tatsachen. Als sie mit dem Ausfüllen der Spalten fertig war, hatte sie drei Märchen und fünf Tatsachen.
Das erste Märchen: Er hatte sie in ihrer Jugend geliebt. Das zweite: Er hatte sie heiraten wollen. Und das dritte: Er war zurückgekehrt und hoffte, ihr den Hof
