Zärtlicher Eroberer – Kapitel 2

Valerian Inglemoore war der Letzte, den sie in Lucien Cantons Salon erwartet hätte. Philippa rang um ihre Fassung. „Viscount, das ist in der Tat eine Überraschung.“

          Und das war noch weit untertrieben. Was machte er in Truro? Seit wann war er zurück? Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Sie versuchte, sie zu unterdrücken und sich einzureden, dass sie an solchen Informationen gar nicht interessiert sei, aber es war wie ein Kampf gegen die Hydra. Je mehr sie gegen die Fragenflut ankämpfte, desto mehr Fragen taten sich auf – schlimmere Fragen, weil sie sich nicht mit dem Grundliegenden, dem Wie, Wann und Wo zufriedengaben, sondern tiefer gingen – hatte er während seiner Abwesenheit überhaupt an sie gedacht? War ihm klar geworden, dass das, was er einst als Abenteuer abgetan hatte, doch viel stärker war? Empfand er immer noch etwas für sie? Und sie für ihn, trotz aller ihrer Bemühungen, das abzustreiten? Ihr Puls raste jedenfalls, als wäre das der Fall, als hätte sie vergessen, dass sie schon vor Jahren bewusst jegliche Beziehung zu ihm abgebrochen hatte.

          „Für mich ist es ebenfalls eine Überraschung, und eine angenehme noch dazu, wenn ich das sagen darf.“ Valerian beugte sich mit einer eleganten Verneigung über ihre behandschuhte Hand. „Enchanté, Duchesse.“

          Die Wärme seiner Berührung jagte ihr einen solchen Schauer über den Rücken, dass sie sich beherrschen musste, ihm die Hand nicht ruckartig zu entziehen, als hätte sie sich verbrannt. Sie sagte sich, dass das nur an seinem festen Händedruck liegen konnte. Ihre Reaktion hatte nichts damit zu tun, dass sie sich noch immer zu ihm hingezogen fühlte. Schon vor Jahren hatte sie ihr Herz immun gegen ihn gemacht, und das zu Recht.

          Die Zeit hatte gezeigt, dass diese Entscheidung richtig war und dass sie großes Glück gehabt hatte, seiner verführerischen Ausstrahlung entkommen zu sein. Während seines Aufenthalts im Ausland waren aus Europa Berichte bis in ihre Kreise vorgedrungen, laut derer er ein brillanter Diplomat und ausgesprochener Frauenheld war. Von der Generalsgattin bis zur Prinzessin war keine Frau gefeit vor den Verführungskünsten des Viscount – und sie wollten es auch gar nicht sein. Er war zu einem viel begehrten Mann geworden.

          Der Grund dafür war nicht zu übersehen, und Philippa war doppelt froh, ihn schon vor Jahren aufgegeben zu haben. Jetzt, in der Blüte seiner Jahre, sah er einfach viel zu gut aus. Jede nicht so kluge Frau wie sie würde auf sein seidiges dunkles Haar hereinfallen. Philippa wusste aus Erfahrung, dass man mühelos einen ganzen Abend damit zubringen konnte sich vorzustellen, wie man die Finger durch diese ebenholzfarbenen Strähnen gleiten ließ.

          Und wenn man sich nicht ausreichend von seinem Haar ablenken ließ, konnte man seinen jadegrünen, durchdringenden Augen zum Opfer fallen, seinen gleichmäßigen, markanten Gesichtszügen, den sinnlichen, verheißungsvollen Lippen, den Liebkosungen seiner erfahrenen Hände und seinem muskelgestählten Körper unter den elegant geschneiderten Anzügen. Oh ja, Valerian Inglemoore war die personifizierte Leidenschaft, aber gefährlich – er verhieß große Wonnen, brachte einer ahnungslosen Frau jedoch nur Kummer. Wie gut, dass sie es besser wusste. In diese Falle würde sie nicht mehr tappen.

          Valerian nickte ihr leicht zu, und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Philippa merkte, wie sie errötete. Ihm war nicht entgangen, dass sie ihn betrachtet hatte, und das hatte sie eigentlich vermeiden wollen.

          Der Butler erschien und kündigte das Abendessen an. Philippa spürte, dass ihr das Atmen wieder etwas leichter fiel. Sie machte sich auf den Weg zu Lucien, um schnellstmöglich Valerians prüfenden Blicken zu entkommen, doch eine warme Hand hielt sie am Arm zurück.

          „Würdest du mir die Ehre erweisen, dich zu Tisch zu begleiten?“, raunte er ihr leise zu.

          Philippa warf einen Blick in Luciens Richtung, aber er würde ihr keine Hilfe sein. Er hatte die Situation bereits erfasst, und der harte Ausdruck seiner Augen strafte seiner freundlichen Stimme Lügen. „Sie haben sie also schon gefunden, St. Just? Jetzt fällt mir auch wieder ein, dass Sie drei zusammen aufgewachsen sind.“ Das klang durchaus liebenswürdig, aber Philippa entging weder sein angespanntes Lächeln noch sein durchdringender Blick.

          Valerian rückte ihr einen Stuhl am Kopfende der Tafel zurecht und nahm prompt zu ihrer Rechten Platz, sodass Beldon und der Vikar Mr. Danforth in ihre Mitte nehmen mussten. Philippa konnte sich nicht recht entschließen, ob sie Valerian lieber an ihrer Seite oder neben Lucien sitzen haben wollte. Beide Möglichkeiten stellten eine Versuchung dar. Saß er neben ihr, war sie mit seiner körperlichen Nähe konfrontiert, saß er ihr gegenüber, musste sie sich den ganzen Abend anstrengen, sich nicht von seinem attraktiven Gesicht ablenken zu lassen. Aber im Grunde spielte das gar keine Rolle, wie sie sich streng in Erinnerung rief, denn er hatte keinerlei Wirkung mehr auf sie. Ihre jetzige Reaktion war nur auf den Schock zurückzuführen, ihn so plötzlich und ohne Vorwarnung wiederzusehen.

          Sie wünschte, sie hätte Valerian besser durchschauen können. Es wäre ihr ein kleiner Trost gewesen, hätte er ebenso um Fassung ringen müssen wie sie. Hatte sie überhaupt noch eine Wirkung auf ihn? Plötzlich erinnerte sie sich lebhaft an seine körperliche Erregung in ihrer Jugend und wie er sie gelehrt hatte, ihn zu liebkosen. War er jetzt wieder erregt oder vollkommen immun gegen sie? Auch wenn er einst behauptet hatte, nur oberflächliche Gefühle für sie gehegt zu haben, hatte er doch stets auf sie reagiert.

          Sie musste damit aufhören! Philippa griff nach ihrem Weinglas und trank einen großzügigen Schluck. Das waren völlig unziemliche Gedanken von niederer Natur, die an einer Tafel nichts zu suchen hatten, zudem passten sie nicht zu einer Frau, die jahrelang gebraucht hatte, die Erinnerung an seine Küsse hinter sich zu lassen.

          Die Lakaien trugen die Suppe ab und servierten nun den Fischgang. Das Gespräch kam vorübergehend zum Erliegen, während sie ihrer Aufgabe nachgingen, doch sobald sie sich zurückzogen, nahm Lucien die leichte Unterhaltung wieder auf. „St. Just, sind Sie für immer nach Hause zurückgekehrt, oder haben Sie Ihr Herz an den Kontinent verloren?“

          Valerian tupfte mit der feinen Leinenserviette über seine Mundwinkel, ehe er antwortete. „Nein, ich werde hier bleiben, und ich bin stolz darauf, das sagen zu können. Ich habe meine Zugehörigkeit zum diplomatischen Corps beendet, als ich über Weihnachten in London war. Jetzt kann ich meine Zeit ganz meinem Besitz, meinen stark vernachlässigten Gartenanlagen und neuen Sprösslingen widmen.“

          Diese Bemerkung war doppeldeutig. Jeder, der Valerian so gut kannte wie Philippa, würde sich fragen, ob er damit Jungpflanzen meinte oder vielleicht doch Sprösslinge anderer Art. Niemand war jedoch so schlecht erzogen, eine genauere Erklärung zu verlangen – bis auf Mr. Danforth, der mit Valerian gerade einmal so lange vertraut war wie es dauerte, einen Teller Suppe zu essen.

          Mit einem selbstgefälligen Unterton in seiner Stimme sagte Danforth: „Sie meinen, Sie wollen heiraten und einen Erben zeugen. Sehr vernünftig gedacht. Ich habe gehört, Sie hätten ein beträchtliches Vermögen, da braucht man einen Erben, der sich später einmal um alles kümmert.“

          Am anderen Ende des Tisches verschluckte sich Lucien wegen dieser

 

taktlosen Bemerkung beinahe an seinem Wein. Es war schon eine reife Leistung, einen solchen Fauxpas zu begehen und die Worte „zeugen“ und „Vermögen“ in einem armseligen Atemzug zu nennen.

          Valerian nahm die Unhöflichkeit gelassen auf. „In der Tat habe ich vor, sobald wie möglich zu heiraten. Ich habe schon viel zu viel Zeit vergeudet, wie ich finde. Ich sehe einer Ehe mit Freuden entgegen. Mit der richtigen Frau, natürlich.“

          „Natürlich“, stimmte Danforth zu, dem seine gesellschaftliche Entgleisung gar nicht bewusst war. „Eine Frau muss gewisse Qualitäten haben. Sie sollte hübsch, fügsam, formbar und für die Erziehung durch den Ehemann aufgeschlossen sein. Kein Mann möchte sein Leben lang an eine ständig ihre Meinung kundtuende Megäre gefesselt sein, auch wenn ihre Mitgift noch so hoch ist.“

          Philippa erstarrte bei diesen Worten. „Ich glaube, sich eine Frau zu suchen, ist doch etwas ganz anderes als der Erwerb einer Zuchtstute, Mr. Danforth. Zumindest für diejenigen unter uns, die die Ehe nicht mit Knechtschaft verwechseln.“

          Beldon musste husten, und der Vikar machte ein verblüfftes Gesicht. Philippa hätte dem herumstotternden Danforth gern noch mehr gesagt, aber Valerian legte ihr unter dem Tisch warnend die Hand auf den Oberschenkel. Sie unterdrückte ein Schmunzeln. Erinnerte er sich noch an ihr berühmt-berüchtigtes Temperament?

          Valerian, ganz der erfahrene Diplomat, versuchte die Wogen zu glätten. „Ich persönlich, Mr. Danforth, bevorzuge andere Eigenschaften bei einer Frau. Ich ziehe eine reifere Frau vor, die für sich selbst sprechen und sich in einer Diskussion behaupten kann. Kurz, ich wünsche mir eine unabhängige Frau.“

          Danforth schnaubte. „Ja, so etwas habe ich von Ihnen schon gehört.“ Er hielt Valerians Blick stand und bewies damit überraschend viel Rückgrat.

          Alle am Tisch hörten zu essen auf. Philippa fragte sich, ob Valerian zu seinem sogenannten „Ruf“ Stellung nehmen würde. Ein Teil von ihr wünschte, dass er ihn bestritt.

          Valerian lächelte. Es war jedoch kein freundliches Lächeln, sondern eher ein raubtierhaftes, das klar zum Ausdruck bringen sollte, dass er nie, niemals das Opfer sein würde. „Dann haben Sie vielleicht auch gehört, dass ich keine Angst vor den Ansichten einer Frau habe und dass ich mich nicht hinter altmodischen Konventionen verschanze, wenn es um die Unterdrückung des schöneren Geschlechts geht. Wie viel entginge uns auf der Welt, wenn wir die Hälfte der Menschheit vernachlässigen würden. Nehmen wir doch zum Beispiel nur den erlesenen Champagner, den unser Gastgeber morgen Abend aus seinem exzellenten Weinkeller kredenzen wird.“ Valerian wandte sich jetzt an Canton. „Pendennys erwähnte, Sie würden uns einen Veuve Clicquot anbieten, einen herausragenden Champagner dank der revolutionären Bemühungen der Witwe von Monsieur Clicquot. Wussten Sie, Danforth, dass sie für die Erfindung des remuage, des Rüttelverfahrens verantwortlich ist? Wir haben es einer Frau zu verdanken, dass wir klaren Champagner trinken können. Ohne ihre Anstrengungen gäbe es nur ein neues trübe sprudelndes Getränk.“ Valerian hob sein Glas. „Auf das Wohl von Madame Clicquot.“

          Mit wenigen Sätzen hatte Valerian Danforths unglücklichen Bemerkungen beredt widersprochen und das Gespräch auf das unverfänglichere Thema Wein gelenkt. Danforth wagte es daraufhin nicht noch einmal, mit dem Feuer zu spielen.

          Danach verlief das Essen in gelockerter Stimmung, wenn Philippa das nervenaufreibende Gefühl nicht mitrechnete, sich Valerians Nähe so überdeutlich bewusst zu sein. Sie hatte schon an so vielen Abendgesellschaften teilgenommen, aber noch nie war ihr dabei die unmittelbare Körperlichkeit ihrer Tischpartner so stark aufgefallen wie jetzt bei Valerian. Sein Knie berührte ihres; sie ließ die Serviette zu Boden fallen, und seine Hand streifte den Rock ihres Kleides, als er dem Lakaien zuvorkam und sich bückte, um sie aufzuheben.

 

Als schließlich das Dessert aufgetragen wurde, war Philippa das reinste Nervenbündel. Sobald es die Höflichkeit gestattete, erhob sie sich. „Gentlemen, bitte entschuldigen Sie mich. Ich lasse Sie allein mit Ihrem Portwein und Ihren Zigarren.“

          Lucien stand auf und protestierte. „Bitte, bleiben Sie doch, meine Liebe! Sie sind uns herzlich willkommen.“ Seine Bitte war zwar an sie gerichtet, aber er sah Valerian dabei an. Luciens Blick enthielt eine unmissverständliche Botschaft.

          Also sind ihm Valerians gelegentliche Berührungen auch aufgefallen, dachte Philippa, und er reagiert ebenso irritiert darauf wie ich, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Sie sah, dass Valerian die stumme Botschaft verstanden hatte, und sie verspürte keine Lust mehr, noch länger im Esszimmer zu verweilen und mitzuerleben, wie sie zu einer Art Beute wurde, um die man sich stritt. „Wirklich, ich würde mich lieber zurückziehen und Sie ungestört lassen.“ Philippa wartete ihre Erlaubnis gar nicht erst ab, sondern verließ nach ihren Worten sogleich das Zimmer.

          Aus ihrem Schlafzimmer holte sie sich ein Schultertuch und flüchtete auf eine Veranda, um sich der beruhigenden Wirkung der kalten Nachtluft auszusetzen. Sie brauchte einen klaren Kopf. Valerian war zurück, und sie musste irgendwie mit ihm fertig werden. Sein aufdringliches Verhalten beim Essen ließ ahnen, dass er nicht die geringste Reue verspürte, einem jungen Mädchen einst das Herz gebrochen zu haben, und er war offenbar auch nicht geneigt, die Gerüchte über seinen lasterhaften Lebenswandel im Ausland zu entkräften.

          Philippa wollte ganz gewiss nicht kleinlich sein. Was zwischen ihnen vorgefallen war, lag viele Jahre zurück. Sie waren mittlerweile beide erwachsene Menschen, und sie sollte eigentlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen können. Er hatte das offensichtlich getan, seinem Verhalten beim Essen nach zu urteilen. Er glaubte wohl sogar, sie würde seine Avancen begrüßen. Aber er musste sie für sehr dumm halten, wenn er annahm, sie würde seine grausame Lektion von damals nach nur einem kleinen Annäherungsversuch einfach vergessen.

          Würde sie das wirklich tun können? Die Vorstellung, ihre Haltung ihm gegenüber eventuell noch einmal zu überdenken, war ziemlich überraschend. In Gedanken hatte sie schon oft ein mögliches Wiedersehen mit ihm durchgespielt. Dabei war sie stets eine distanzierte, hoheitsvoll auftretende Dame gewesen, von so eiskalter Höflichkeit, dass ihm sofort klar wurde, zu spät gekommen zu sein.

          Seltsam, dass sie bei diesen Gedankenspielen stets davon ausgegangen war, es wäre ihm nicht gleichgültig, was aus ihr geworden war. Vielleicht lag das daran, dass sie immer noch nicht begreifen konnte, wie innerhalb nur eines Tages aus einem hingebungsvollen, unsterblich verliebten Verehrer ein kaltblütiger Mann wurde, der ihr schonungslos den Laufpass gegeben hatte. Er hatte ihr unbestritten das Herz gebrochen, auch wenn sie ihm die von ihm genannten Gründe nie so ganz abgenommen hatte. Aber nichtsdestotrotz, die Folgen waren die gleichen gewesen.

          Valerian trieb sie noch in den Wahnsinn! Vielleicht war es an der Zeit, ernsthafter über Lucien Cantons Angebot nachzudenken. Er hatte ihr noch keinen offiziellen Antrag gemacht, aber nach ihrer langjährigen Beziehung sprach einiges dafür, dass er das bald tun würde. Vielleicht war Valerian der nötige Anstoß für sie, den sie brauchte, um ihr Leben neu zu ordnen.

          Lucien war genau der richtige Mann für sie, das hatte er in den Jahren nach Cambournes Tod bewiesen. Er hatte den Überblick über ihre verworrene finanzielle Situation bewahrt, bis Philippa gelernt hatte, sich selbst darum zu kümmern. Er war zu den Minen hinausgeritten und hatte den Cambourne-Betrieb am Laufen gehalten, während sie noch in Trauer war. Außer ihr kannte niemand die weit verzweigten Besitztümer der Cambournes besser als Lucien. Er war tüchtig, sah gut aus, hatte tadellose Manieren, und sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft. Er war verlässlich und standhaft, ein treuer Gefährte.

          „Philippa.“

          Jeder Gedanke an Lucien löste sich in Luft auf. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, sie wusste genau, dass es Valerian war. „Ich bin nach draußen gegangen, um allein zu sein.“

          „Dann haben wir etwas gemeinsam. Ich bin auch nach draußen gegangen, um mit dir allein zu sein.“ Valerian stellte sich neben sie ans Geländer und stützte sich mit den Unterarmen darauf. „Ich wollte mit dir reden. Es gibt da Dinge, die ich dir erklären möchte.“

          Philippa wandte sich ihm zu. „Ich halte das für keine gute Idee, es sei denn, du willst mir erläutern, warum deine Hand fast während des ganzen Essens auf meinem Oberschenkel lag. Zwischen uns ist es aus. Das hast du vor neun Jahren klar zum Ausdruck gebracht.“

          Valerian ließ sich von ihren harten Worten nicht beirren. Es war enttäuschend, aber nicht überraschend, dass er sich nicht so leicht abwimmeln ließ wie die Stutzer in den Ballsälen. Eine Zurückweisung von ihr, und sie ergingen sich meist in zerknirscht gestammelten Entschuldigungen.

          Anstatt sie um Verzeihung zu bitten, lachte Valerian leise in der Dunkelheit auf, ein wunderschöner, sinnlicher Klang voller Verheißung. Man hätte meinen können, sie hätte ihm Liebesworte zugeraunt, nicht ihn abgewiesen.

          „Du bist spitzzüngiger als ich in Erinnerung habe.“ Er betrachtete sie und fuhr mit gesenkter Stimme fort: „Und schöner. Du hast viel aus dir gemacht.“

          Wenn er unbeeindruckt von ihrer Härte war, dann war auch sie unbeeindruckt von seiner Schmeichelei. „St. Just, wenn das eben ein Kompliment sein sollte, dann bist du in solchen Dingen deutlich schlechter geworden. Ich fühle mich beleidigt, denn es klingt so, als hätte ich meine Schönheit bewusst herausgestellt, als wollte ich einen Nutzen daraus ziehen. Mein Aussehen hat mir ein paar Häuser und finanzielle Sicherheit eingebracht. Das sind zwar recht erfreuliche Begleiterscheinungen, doch der Preis dafür ist mein persönliches Glück gewesen. Zu glauben, mein Äußeres hätte mir etwas gebracht, spricht für deine offenbar oberflächliche Geisteshaltung. Es ist ein Armutszeugnis für dich, anzunehmen, ich würde mich mit so wenig zufriedengeben.“ So. Eine solch vernichtende Abfuhr hätte eigentlich selbst ihn von der Veranda vertreiben sollen. Doch Philippa war äußerst unzufrieden mit dem Ergebnis.

          Er fing tatsächlich an zu lächeln, seine weißen Zähne blitzten in der Dunkelheit auf. „Es freut mich, dass es deinen Eltern zwar gelungen ist, deine Hand an einen Ehemann zu verkaufen, aber nicht deine Seele.“ Er lachte nun leise vor sich hin.

          „Du hast einen ziemlich schwarzen Humor, St. Just.“

          Er strich sanft über ihre auf dem Geländer ruhende Hand. „Meine Liebe, seit wann bin ich nur noch St. Just für dich? Nenn mich Valerian, so wie meine Freunde es tun – und auch du einst getan hast.“

          Philippa riss ihre Hand fort. Wie konnte er es wagen, sie erst zu beleidigen und dann zu erwarten, dass er sich Freiheiten herausnehmen durfte? „Lass mich eines klarstellen. Ich bin weder deine ‚Liebe‘ noch deine Freundin. Vor neun Jahren habe ich den Preis für das bezahlt, was eine Freundschaft mit dir bedeutet. Diesen Fehler werde ich nicht noch einmal begehen. Ich habe jetzt ein neues Leben, und darin ist für dich kein Platz.“ Es war wichtig, dass sie die Regeln sofort festlegte, ehe es ihm gelang, sie womöglich ins Schwanken zu bringen. Er konnte sehr charmant sein, und sie musste aufpassen, dass sie keine Schwäche zeigte. Auch sollte er gar nicht erst glauben, er wäre ihr Freund.

          Das Blut schoss ihm in die Wangen, aber wahrscheinlich weniger wegen ihrer Unverblümtheit, sondern weil er zornig wurde. Er packte ihre Arme, und auf seinem eben noch so entspannten Gesicht zeichnete sich jetzt blanke Eifersucht ab. „Ein Leben, zu dem Lucien Canton gehört? Was bedeutet dir dieser Canton? Ist er dein Geliebter?“

          „Nimm die Hände fort, ich werde dir diese Frage nicht beantworten.“ Philippa sah ihm unerschrocken in die Augen. Etwas Gefährliches, Erotisches lauerte in ihnen. Einen Moment lang dachte sie ungerechterweise, dass im Gegensatz zu diesen jadegrünen Augen Luciens haselnussbraune fast langweilig wirkten.

          Er tat, als hätte er sie gar nicht gehört und drängte sie gegen das harte Eisengeländer. Eine innere Stimme flüsterte ihr von weit her zu, dass sie sich eigentlich gegen diesen Überfall wehren sollte, aber sein eifersüchtiger Gesichtsausdruck war inzwischen einem zutiefst verführerischen gewichen.

          „Dein Körper reagiert auf mich, Philippa. Meine Hände sind für dich und nur für dich allein geschaffen. Ich habe nicht vergessen, dass sich deine Haut wie ein Rosenblatt anfühlt.“ Er schob ihr das Tuch von den Schultern und strich mit den Händen über ihre nackten Arme, wobei er ihr gleichzeitig die langen Abendhandschuhe abstreifte. „Ich habe nicht vergessen, wie es ist, meine Hand auf deinen Rücken zu legen und dich an mich zu ziehen.“ Sie spürte seine warmen Hände auf ihrem Rückenausschnitt und erbebte unwillkürlich. „Und du hast es ebenfalls nicht vergessen“, flüsterte Valerian. Und dann riss er sie an sich und küsste sie. Wie von selbst fand seine Hand die sanfte, feste Rundung ihrer Brust unter dem Samtmieder, und er liebkoste sie, bis Philippa ungewollt vor Lust aufstöhnte.

          Plötzlich war alles wieder da – wie er sich anfühlte, wie es ihm gelang, ihren Körper zum Leben zu erwecken, diese unbeschreiblichen Empfindungen, die er in ihr auszulösen vermochte. Wie hatte sie das vergessen können?

          Philippa brannte vor Sehnsucht, ihr war als stünde sie in hellen Flammen. Ihr Verlangen nach ihm war so unerträglich, dass sie am liebsten geschrien hätte. Valerian war der Mittelpunkt ihrer Welt in diesem Augenblick. Er war überall – seine Hände waren auf ihrem Körper, sein Duft in ihrer Nase – und sie wollte nicht, dass er aufhörte. Sie wollte, dass dieser Moment niemals endete. Und sie hasste sich dafür.

          Verzweifelt und mit größter Überwindung wich sie schwer atmend zurück. Valerian sah sie ungläubig an; wenigstens eine kleine Genugtuung für sie. „Nimm dich in Acht, St. Just. Lucien wird es nicht dulden, zum Hahnrei gemacht zu werden.“ Sie nickte leicht in die Richtung des Zimmers hinter der Glastür, in das soeben Beldon und Lucien eintraten. Sie hoffte nur, dass sie nicht so aufgelöst aussah wie sie sich fühlte.

          „Philippa …“, begann er stockend.

          Sie ließ ihm gar nicht erst die Gelegenheit, sie zu bitten, sich ihr zu erklären, sie zu überreden. „Du hast die Grenzen gesellschaftlicher Höflichkeit ernstlich überschritten.“

          „Das habe ich nicht allein getan“, erwiderte Valerian, und seine Augen glühten vor unverhohlenem Verlangen.

          „Wage es nicht, mich in dein schamloses Verhalten mit einzubeziehen!“, brauste Philippa auf. „Ich möchte dich daran erinnern, dass dies nicht irgendein dekadenter europäischer Königshof ist, an dem sich die Frauen lustvoll nach dir verzehren.“

          „Du bist nur zornig, weil es dir gefallen hat.“ Er besaß die Dreistigkeit, erneut zu lachen.

          Philippas Nerven waren zum Zerreißen angespannt. Sie hob die rechte Hand und schlug ihm kraftvoll ins Gesicht.

          „Was sollte das denn?“, fragte er verblüfft und legte die Hand auf die brennende Wange.

          Philippa atmete tief durch und straffte die Schultern. „Das sollte heißen ‚willkommen daheim‘.“

 


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