Zärtlicher Eroberer – Kapitel 3

In der Tat, willkommen daheim, dachte Valerian säuerlich und beobachtete, wie Philippa ins Haus ging. Durch die Glastür sah er, dass sie sich an das Piano aus poliertem Kirschholz setzte und ihre Röcke ordnete.

          Lucien Canton nahm neben ihr auf der kleinen Bank Platz, um die Notenseiten für sie umzublättern, ganz der ergebene Verehrer. So wie der Mann aussah, strebte er in allem nach Vollendung. Alles an ihm war makellos, nicht nur seine Kleidung, wie Valerian auffiel. Cantons Fingernägel waren sorgfältig geschnitten und gefeilt, sein Gesicht frisch rasiert. Valerian sah auf seine eigenen, genauso gepflegten Nägel. Auch er war sehr penibel in solchen Dingen. In seiner Zeit im Ausland hatte er gelernt, dass Frauen zwei Dinge zu schätzen wussten – Sauberkeit und Aufrichtigkeit; sowohl das eine als auch das andere war in vielen Teilen der Welt Mangelware. Soweit Valerian jedoch durch die Scheiben erkennen konnte, verfügte Canton über beide Qualitäten reichlich. Philippa lachte gerade über etwas, das Canton zu ihr gesagt hatte.

          Heftige Eifersucht flammte in Valerian auf. Er wollte nicht, dass Philippa mit Canton lachte. Sie sollte mit ihm lachen. Er hatte bei seiner Rückkehr nicht damit gerechnet, um sie zu werben. Er hatte nicht einmal gewusst, dass eine solche Möglichkeit überhaupt bestehen könnte, bis Beldon in der Kutsche Cambournes Tod erwähnte. Doch nun war die Gelegenheit, Philippa zurückzugewinnen, gegenwärtig, und für ihn stand sein Vorgehen fest.

          Er hatte es beim Essen ernst gemeint damit, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen – solange diese Frau Philippa war. Er sehnte sich immer noch nach ihr, und sie reagierte unverändert auf ihn, wenn man der unüberlegten Szene auf der Veranda eben Glauben schenken konnte. Er musste sie nur davon überzeugen. Philippa hatte neun Jahre Zeit gehabt, ihren Groll auf ihn zu hegen und zu pflegen, und sie war schon immer sehr stur gewesen. Ihre Ohrfeige verriet ihm, dass die Aufgabe für ihn nicht leicht werden würde. Die leidenschaftliche Reaktion ihres Körpers hatte ihm aber auch verraten, dass diese Aufgabe durchaus lohnend werden konnte. Sie mochte ihn geschlagen haben, aber er glaubte nicht so recht, dass sie ihn aus Zorn über seine Avancen geohrfeigt hatte. So wie sie zuvor auf ihn reagiert hatte, schien sie eher wütend über ihr eigenes Verhalten gewesen zu sein. Diese Wut hatte sie einfach nur an ihm ausgelassen.

          Jedenfalls gestand er sich bereitwillig ein, dass es der Gipfel der Dummheit war, allein zu ihr nach draußen zu gehen, obwohl er genau gewusst hatte, dass in diesem Moment seine Emotionen stärker sein würden als sein Verstand. Die Aufregung, sie wiederzusehen, ihre unmittelbare Nähe während des Essens, die Art, wie sie mit Danforth umgegangen war, dazu die Eifersucht, als er erkannt hatte, dass Canton sie für sich beanspruchte – all das waren viel zu machtvolle Empfindungen, die sich nicht unterdrücken ließen.

          Valerian hatte ihr seine Gefühle gestehen und sogar die Ereignisse ihres letzten gemeinsamen Abends erklären wollen, doch daraus war nichts geworden. Stattdessen hatte er ohne Zweifel all die schmutzigen Gerüchte bestätigt, die über ihn bis nach London vorgedrungen waren. Schon nach kürzester Zeit waren sie in Streit geraten, und dann hatte er sie einfach in die Arme genommen und auf die einzige Art, die ihm einfiel, zum Schweigen gebracht. Durch diesen unbedachten Kuss hatte er genau den Eindruck bekräftigt, den er unbedingt vermeiden wollte. Dabei hatte er ihr eigentlich nur beweisen wollen, wie er wirklich war.

          Noch dümmer allerdings als Philippa zu küssen, war es, hier allein draußen in der Kälte zu stehen und Canton Philippas ungeteilte Aufmerksamkeit genießen zu lassen. Valerian stieß die Tür auf und betrat das Zimmer. Das Gefecht konnte beginnen.

 

Philippa beendete gerade eine hübsche volkstümliche Ballade, als Lucien seine Rückkehr bemerkte. Die kleine Zuhörerschar applaudierte höflich. „Wollen wir nicht unser Duett spielen?“, schlug Lucien Philippa vor und sah die Notenblätter durch, bis er das Richtige gefunden hatte. Er warf Valerian einen Blick zu, der nicht anders gedeutet werden konnte als das, was er war – eine stumme Herausforderung. Valerian erwiderte ihn mit einem kurzen Kopfnicken.

          Sie spielten das Duett fehlerlos. Valerian wusste bereits, dass Philippa eine gute Klavierspielerin war, doch Lucien übertraf sie noch. Valerian fragte sich, ob Canton bekannt war, dass er selbst auch spielte. Flüssig brachten die vier Hände das Stück zu Ende, und während des Beifalls bedachte Canton Valerian mit einem selbstgefälligen, zufriedenen Blick. Das entging Philippa nicht, und sie sah Canton streng an. Valerian unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. Lucien schien Philippa nicht zu kennen, wenn er glaubte, er könnte sich männliche Arroganz ungestraft erlauben. Dafür würde er büßen müssen – und er selbst ebenfalls, wie Valerian beklommen feststellte, als ihr tadelnder Blick nun auch ihn traf.

          „Möchte noch jemand etwas vortragen?“, fragte Lucien, wieder ganz der vollendete Gastgeber. Valerian bezweifelte, dass irgendeinem der anderen Gäste die Spannungen zwischen ihm, Philippa und Lucien auffielen. Es würde verlockend sein, Lucien an die Wand zu spielen, aber er hielt es dann doch für eine ziemlich kleinliche Geste. Valerian beschloss daher, sich still im Hintergrund zu halten, aber Philippa hatte offenbar anderes vor. Ihr Blick fiel auf ihn.

          „Viscount St. Just verstand sich sehr gut aufs Klavierspiel, wenn ich mich recht erinnere. Tun Sie es immer noch, St. Just?“

          „In der Tat, ja. Es wäre mir eine Ehre, mich an diesem herrlichen Instrument versuchen zu dürfen.“ Valerian setzte sich auf die Bank und machte ein paar Lockerungsübungen mit den Fingern.

          „Ich hätte da ein paar Notenblätter …“, bot Canton an.

          „Ich benötige keine Noten“, winkte Valerian kurz angebunden ab und begann mit einem komplizierten Scherzo, dem die Zuhörer wie gebannt lauschten.

          „Das war großartig!“, rief Beldon hinterher begeistert. „Ich hatte ganz vergessen, wie gut du spielst.“

          „Vielen Dank.“ Valerian erhob sich und warf Canton einen verstohlenen Blick zu. Er wollte sehen, ob der Mann verstanden hatte, dass er den Fehdehandschuh aufgehoben hatte.

          Der Tee wurde serviert, aber schon bald danach zogen sich alle zurück. Man hatte am kommenden Tag, vor dem abendlichen Fest, viel zu erledigen. Valerian machte noch einen kurzen Abstecher in die Bibliothek, um sich ein Buch auszuleihen. Wenig später vernahm er hinter sich auf dem dicken Teppich gedämpfte Schritte. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Lucien Canton war. Damit hatte er gerechnet. Der Nachteil von Vollkommenheit war, dass sie meist berechenbar war.

          „Ich dachte, Sie und ich sollten uns ein wenig unterhalten, St. Just. Nehmen Sie doch Platz.“ Canton setzte sich und zeigte auf den Sessel ihm gegenüber.

          „Sie besitzen eine sehr umfangreiche Sammlung von Büchern“, stellte Valerian unverfänglich fest.

         Canton machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bin nicht erschienen, um mit Ihnen über Belanglosigkeiten zu plaudern. Ich wollte sichergehen, dass Sie wissen, wie die Dinge zwischen mir und Lady Cambourne stehen.“ Seine Augen

 

glitzerten wie harte Edelsteine.

          Valerian lehnte die Fingerspitzen aneinander. „Wie Pendennys andeutete, hat sie anstelle Ihrer Schwester die Rolle der Gastgeberin für Sie übernommen“, erwiderte er und verstand Cantons Anspielung bewusst falsch. Wenn der Mann sein Anrecht auf Philippa anmelden wollte, dann sollte er das ohne Umschweife tun. So leicht wollte er es ihm nicht machen.

          „Sie ist mehr als nur meine Gastgeberin. Wir haben bereits über die Möglichkeit einer dauerhafteren Verbindung gesprochen. Ich werde ihr einen Heiratsantrag machen und habe allen Grund zu der Annahme, dass sie nicht ablehnen wird.“

          „Warum erzählen Sie mir das, einem eigentlich Fremden?“

          „Das wissen Sie ganz genau – Sie haben sie nicht einfach aus alter Freundschaft zu Tisch begleitet. Mir war nicht bewusst, dass Ihre frühere Beziehung so … fortgeschritten war. Niemand sieht einen alten Freund so an, wie Sie sie heute Abend angesehen haben.“

          „Und zwar?“ Er hatte sich wohl doch auffälliger verhalten, als er geglaubt hatte, aber vielleicht war Canton auch nur besonders scharfsinnig.

          „Wie ein Verhungerter ein Festbankett“, erwiderte Canton mit schneidender Stimme.

          Valerian zog eine Augenbraue hoch, er war bereit zum Gegenschlag. „Ein besseres Klischee fällt Ihnen nicht ein?“ Er mochte Canton von Minute zu Minute weniger, und das hatte nicht nur etwas mit Eifersucht zu tun. Sein Instinkt sagte ihm, dass Canton in Bezug auf Philippa noch weitergehende Motive hatte. Ein verliebter Mann, der davon ausgehen durfte, dass seine Gefühle erwidert wurden, hätte sich nie genötigt gesehen, seinen Anspruch so vehement zu verteidigen. Cantons nächste Bemerkung bestätigte seinen Verdacht nur noch.

          „Ich weiß, dass Sie nicht in den Salon gegangen sind, um sich den Gainsborough anzusehen, als Sie das Esszimmer verließen“, erklärte Canton und bezog sich auf die Ausrede, die Valerian vorgebracht hatte, um Philippa folgen zu können. „Mein Lakai berichtete mir, dass Sie beide sich auf der Veranda aufgehalten haben, in recht intimer Zweisamkeit.“

          „Sie spionieren Ihren Gästen nach? Das ist ja sehr bemerkenswert“, gab Valerian trocken zurück. „Ich frage mich, wie die Duchess es wohl finden würde, wenn sie wüsste, dass Sie sie beschatten lassen. Machen Sie das öfter?“ Er stand auf mit dem Buch in der Hand. „Ich habe genug von dieser Unterhaltung. Gute Nacht, Canton.“

          Lucien erhob sich ebenfalls. „Ich werde sie bekommen, St. Just. Sie gehört mir. Ich war in all den Jahren, in denen sie trauerte, an ihrer Seite. Sie können nicht einfach nach neunjähriger Abwesenheit in mein Haus stürzen und in nur wenigen Stunden all das zunichte machen, wofür ich viele Jahre gearbeitet habe.“

          Valerian blieb an der Tür stehen und umklammerte den Knauf mit eisernem Griff, um seinen Zorn zu zügeln. Er hatte sich gegen Mehemet Ali, den berühmten ägyptischen Flottenkapitän, durchgesetzt; nun würde er sich gewiss nicht von dem eingebildeten Erben eines Viscounts drohen lassen, der seine Größe allein dem Titel seines Vaters zu verdanken hatte. „Sie irren, Canton. Wenn ein heimlicher Kuss und ein Essen mit anderen Gästen ausreichen, die Früchte Ihrer harten Arbeit zunichte zu machen, dann hatten Sie von Anfang an keine Aussicht auf die Ernte.“

          Zielstrebig stieg er die Treppe hinauf und setzte in Gedanken die verschiedenen Mosaiksteine zusammen. Er wusste jetzt, warum er Lucien Canton nicht mochte, abgesehen davon, dass er es auf Philippa abgesehen hatte – der Mann war gefährlich.

          Hinter der vollkommenen Fassade verbarg sich ein Charakterzug, der tödliche Auswirkungen haben konnte. Männern wie Canton war er in seiner Auslandszeit auf den höchsten Ebenen der Geheimdienste und Diplomatie begegnet; in diese Positionen waren sie gelangt wegen ihrer Gerissenheit und ihrer Bauernschläue. Für diese Männer war das Erreichen ihres Ziels alles. Nichts war ihnen zu heilig, um nicht geopfert werden zu können. Da gab es etwas, das Lucien Canton haben wollte, und Philippa war das entscheidende Bindeglied auf dem Weg dorthin. Valerian vermutete, dass Lucien bereit war, noch viel mehr zu tun als zu heiraten, nur um das Ersehnte zu bekommen.

          Der Mann hatte keinerlei liebevolle Zuneigung gezeigt, sondern sich eher wie ein Mensch verhalten, der einen wertvollen Schatz besitzt und diesen durch Wachen und Zäune zu beschützen gedenkt. Valerian brauchte keine großen Vermutungen anzustellen – auch wenn er nur wenig über die Höhe von Cambournes Hinterlassenschaft wusste –, um zu dem Schluss zu gelangen, dass Canton ein Auge auf einen bestimmten Teil ihres Eigentums geworfen hatte.

          Beldon hatte ihn in der Kutsche gefragt, ob er an glückliche Zufälle glaubte. Das tat er nicht. Er hatte die dunklen Seiten der Diplomatie nicht durch reines Glück überlebt. Er hatte überlebt, weil er daran glaubte, dass der Mensch Einfluss auf sein eigenes Geschick hatte. So wie es aussah, glaubte Lucien Canton das auch. Das machte ihn umso mehr zu einer Bedrohung.

          Valerian fragte sich, ob Philippa wusste, dass Canton nicht sie liebte, sondern vielmehr ihren Besitz. Wenn nicht, dann musste er sie unbedingt darauf aufmerksam machen, indem er ihr die Tiefe seiner eigenen Gefühle vor Augen führte. Es hatte ganz den Anschein, dass er Silvester nun doch nicht in Roseland Hall feiern würde.

 

31. Dezember

 

Die Tänzer wirbelten um Valerian herum in Wolken aus Samt und Seide. Das fünfköpfige Orchester auf dem kleinen Balkon – eigens für solche Zwecke über dem Ballsaal entworfen – spielte einen übermütigen Tanz. Die Gäste waren bester Laune, da Mitternacht allmählich näherrückte. Philippa hatte als Gastgeberin ganze Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass niemand ohne Tanzpartner war. Vom unscheinbaren Mädchen bis zur älteren Dame, niemand wurde übersehen.

          Valerian und Beldon hatten ihren Teil zum Erfolg beigetragen. Sie tanzten ebenfalls mit den älteren Damen, und die einheimischen Mauerblümchen wurden becirct, bis sie förmlich aufblühten. Den größten Teil des Abends hatte Valerian jedoch damit verbracht, aufmerksam zuzuhören. Wie dachten die Leute in Cornwall heutzutage? Was war die Lebensader der kornischen Wirtschaft? Worin sahen die Leute ihre Zukunft? Letztlich lief immer wieder alles auf den Bergbau hinaus.

          Das war nicht überraschend. Bergbau war in dieser Region schon seit Jahrhunderten ein Schwerpunkt. Valerians eigene Familie besaß Minenanteile, die der Grundstock für das Familienvermögen waren. Wie er wusste, hatte der Duke of Cambourne nicht nur sehr viel in Zinn- und Kupferminen investiert, sondern auch in damit verbundene Geschäftszweige wie Schmelzereien, Hochofenbauteile und Förderanlagen.

          Was Valerian allerdings überraschte, war die wachsende Konkurrenz. Noch hatte der Bergbau nicht den Höhepunkt erreicht, aber die Grundsteine für künftige Weiterentwicklungen wurden bereits jetzt gelegt. Der Bergbau war zu einem blühenden Industriezweig geworden, in dem im Gegensatz zu früher zunehmend die Politik eine Rolle spielte.

          Valerian hatte Gesprächsfetzen aufgeschnappt, in denen von einer bergbaubezogenen Gesetzgebung die Rede war. Mitglieder des Unterhauses, die nach der Herbstsitzungsperiode nach Hause zurückgekehrt waren, und Mitglieder des Oberhauses diskutierten über den Bedarf von Sicherheitsgesetzen, die den Minenarbeitern und ihren Familien eine bessere Lebensqualität zusicherten.

          Noch interessanter waren für Valerian die Diskussionen über den Nutzen des Imports von Metallerzen aus den britischen Niederlassungen in Chile und Argentinien. Die Kapitalisten unter den Debattierenden argumentierten, dass dieser Import sicher der wachsenden industriellen Nachfrage dienlich sein würde; andere, kühlere Köpfe, mahnten zur Vorsicht. Den Markt mit Kupfer und Zinn aus dem Ausland zu überschwemmen würde die Preise nach unten drücken, und das hätte negative Auswirkungen auf die einheimische Produktivität.

          Canton stellte sich auf die Seite der Kapitalisten und stimmte lebhaft für eine aggressive Ausweitung des Bergbaus in Südamerika. Valerians Verdacht, Canton hätte es auf gewisse Besitztümer abgesehen, die ihm durch eine Heirat mit Philippa zufallen würden, erhärtete sich noch durch Cantons habgierige Einstellung, was die Wirtschaftlichkeit von Minen betraf. Valerian nahm sich vor, Beldon nach dem Umfang von Philippas Minenanteilen zu fragen.

          „Noch fünfzehn Minuten bis Mitternacht!“, rief der Dirigent des Orchesters und forderte alle auf, sich „einen Tanzpartner für den letzten Walzer des Jahres“ zu suchen. Es entstand eine aufgeregte Unruhe, als die Paare lachend zueinanderfanden.

          Valerian ging zielstrebig auf die Gruppe zu, bei der Philippa stand. Er hatte sich bisher darauf beschränkt, einen bereitwilligen Tanzpartner für ihre Mauerblümchen abzugeben, und sich sonst von ihr ferngehalten. Er hatte es vorgezogen, ihre Bewegungen und ihr Verhalten aus der Ferne zu beobachten – eine Art selbst auferlegte süße Tortur als Strafe für sein Verhalten am vergangenen Abend. Im Nachhinein war ihm klar geworden, dass er sich auf der Veranda nicht korrekt benommen hatte. Er hatte die Dinge vorschnell übers Knie brechen wollen, ohne die Lage vorher zu sondieren.

          An diesem Abend hob sie sich schillernd von der ohnehin schon glanzvollen Menge ab. Der dunkle Goldton ihres Kleides bot einen reizvollen Kontrast zu ihrem rotbraunen hochgesteckten Haar, in das sie dieses Mal Goldfäden eingeflochten hatte. Durch die Hochfrisur kam ihr langer schlanker Hals besonders vorteilhaft zur Geltung, und Valerian hätte am liebsten ihren Nacken geküsst, als er nun hinter sie trat. Stattdessen legte er ihr nur die Hände auf die Schultern, als wollte er ihr einen unsichtbaren Umhang umlegen. Er neigte sich zu ihrem Ohr und sagte: „Ich glaube, dieser Tanz gehört mir.“

          Es war eine ziemlich besitzergreifende Geste, und das wusste er auch. Die meisten Frauen reagierten begeistert auf ein so verführerisches Vorgehen, doch die Chancen standen schlecht, dass Philippa seinem Ansinnen folgen würde. Zugleich konnte sie es jedoch auch nicht ablehnen, ohne auf die anderen unhöflich zu wirken. Aber ganz gleich, was sie ihm später an den Kopf werfen würde, er nahm es gern in Kauf für das Gefühl, sie endlich wieder im Arm halten zu dürfen. In alten Zeiten hatten sie oft miteinander Walzer getanzt.

          „Viscount“, erwiderte Philippa und ließ sich nicht anmerken, dass er sie mit seiner Aufforderung überrumpelt hatte, „ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen. Sie haben wirklich bis zum letzten Augenblick abgewartet.“

          „Ich bitte um Verzeihung.“ Valerian verneigte sich elegant vor ihr und führte sie auf die Tanzfläche, wohl wissend, dass er so leicht nicht davonkommen würde. Kaum hatte er den Arm um sie gelegt, da machte sie aus ihrem Unmut keinen Hehl mehr.

          „Behandele mich nie wieder auf diese Art!“, begann sie.

          „Ich fürchte, es ist ziemlich schwierig mit dir zu tanzen, ohne dich dabei zu berühren.“ Er verstand sie bewusst falsch.

          „So habe ich das nicht gemeint, und das weißt du auch. Du hast mich in eine Lage gebracht, in der ich nicht Nein sagen konnte, ohne schlecht erzogen zu wirken. Schlimmer noch, du hast es so aussehen lassen, als hättest du Besitzansprüche auf mich, die du aber gar nicht hast.“

          „Habe ich die wirklich nicht?“ Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit ihr zu flirten.

          Die Musik setzte ein, ehe Philippa ihn erneut zurechtweisen konnte. Valerian führte sie in die Mitte der Tanzfläche und schaffte dort mühelos Raum für sie beide. Er war sich sicher, dass ihre Verstimmung nicht lange anhalten würde. Philippa konnte einem Walzer nicht widerstehen, er war schon immer ihr Lieblingstanz gewesen.

          Valerian hatte mit unzähligen Frauen auf dem Kontinent zwischen dem Schwarzen Meer und Venedig getanzt, aber keine konnte mit Philippas Schönheit mithalten. Mit ihren langen Beinen hielt sie leicht mit ihm Schritt, ihr Körper reagierte anmutig auf die sanfte Führung durch seine Hand. Mit weichen, fließenden Bewegungen schwebte sie in seinem Arm durch den Saal, all ihr Ärger auf ihn verflog durch ihre Freude am Tanz. Er vollzog die Kehren schließlich so schnell, dass er Philippa nicht mehr züchtig auf Armeslänge von sich halten konnte, sondern sie dicht an sich ziehen musste. Erst stockte ihr der Atem, doch dann legte sie den Kopf in den Nacken und lachte von Herzen. „Du tanzt auf eine skandalöse Art, St. Just. Macht man das so in Wien?“

          Ich pflege so zu tanzen.“ Er fragte sich, wie lange er sie noch auf diese Weise im Arm halten konnte. Der Anblick ihres Lächelns war atemberaubend. In diesem Moment gehörte es nur ihm. Es war nicht das Lächeln einer Gastgeberin oder einer Duchess, sondern ihr ganz eigenes. Ein Lächeln, das er schon seit vielen Jahren kannte. So hatte sie ihn angelächelt, wenn sie in halsbrecherischem Galopp über die Felder geritten waren, als sie auf ihrem Debüt mit ihm getanzt hatte und nachdem er sie das erste Mal richtig geküsst hatte, leidenschaftlich und intensiv.

          Ihr Lachen war ansteckend, und er wirbelte jetzt nur noch schneller mit ihr durch den Saal, ohne sich um die Konventionen zu scheren.

          Genau um Mitternacht verstummte die Musik, damit alle auf das neue Jahr anstoßen konnten. Valerian und Philippa lachten atemlos. Er hatte den Arm um ihre Taille gelegt und genoss Philippas unbeschwerte Fröhlichkeit.

          Jetzt trug sie keine Maske mehr, und es war wieder Philippa Stratten, die an seiner Seite stand. Auch Valerian hatte seine fallen gelassen und war wieder ein junger Mann, zum ersten Mal richtig verliebt, noch unberührt von den rauen Momenten des Lebens. Als der letzte Glockenschlag verklungen war, packte ihn plötzlich ein schwindelerregendes Hochgefühl. Er zog sie an sich und küsste sie stürmisch auf den Mund. Augenblicklich schlang sie die Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss. Es war ein unvergleichliches Gefühl, zu wissen, dass sie dieselbe Glut empfand wie er und sich ihr nicht mehr widersetzte. In diesem Augenblick nahm er sich fest vor, dass sie bis zum Ende dieses neuen Jahres seine Frau werden würde. Er hatte schon viel zu lange ohne sie gelebt.

          Das Orchester stimmte einen nächsten Walzer an, und Valerian begann sie zu drehen, ohne sie zu fragen. Sie protestierte lachend: „Aber wir haben heute Abend doch schon einmal miteinander getanzt!“

          „Das war letztes Jahr“, gab er schlagfertig zurück, und sein Hochgefühl wurde durch den Blick eines wütenden Lucien Canton kaum geschmälert, der sie vom Rand der Tanzfläche aus beobachtete. Aus jeder Pore seines untadeligen Äußeren schien Zorn zu entströmen.

          Lucien beobachtete das Paar, das so hingebungsvoll und geradezu abstoßend beschwingt miteinander tanzte. Sie boten wirklich einen schönen Anblick, wenn man nicht gerade seine Aussichten, einen der beiden heiraten zu wollen, dramatisch schwinden sah. Valerian Inglemoore war eindeutig zu einem unerwarteten Hindernis für seine weiteren Planungen geworden. Lucien hatte vorgehabt, Philippa im Frühling einen Antrag zu machen, die beginnende Saison in London hätte ihm dafür einen würdevollen Rahmen geboten. Als er sie jetzt mit dem frisch zurückgekehrten Viscount tanzen sah, war ihm klar, dass er nicht mehr so lange warten konnte.

          Er musste zuschlagen, ehe es zu spät war. Die meisten Leute, die ihn kannten, schrieben ihm eine hervorragende Menschenkenntnis zu. Lucien wusste, seine Fähigkeit, die Beweggründe und Begierden anderer gut durchschauen zu können, beruhte zum Teil auf seiner Intuition, zum Teil aber auch auf Routine, denn er bespitzelte jeden in seiner Umgebung. Die Duchess war da keine Ausnahme.

          Seine Spione hatten ihm berichtet, dass der Viscount vollkommen vernarrt in sie sei. In der letzten Nacht hätte er sie sogar draußen auf der Veranda geküsst. Es hatte Lucien nicht sonderlich beruhigt, dass ihm auch mitgeteilt worden war, sie hätte den Bastard hinterher geohrfeigt. Im Moment haderte sie vielleicht noch mit der Rückkehr ihres früheren Freundes, aber Hass und Liebe lagen gefährlich nahe beieinander. Soweit Lucien beurteilen konnte, würde die schöne und für ihn so ungemein wichtige Duchess nicht mehr interessiert und auch nicht mehr verfügbar sein, wenn er bis zum Frühling wartete.

          Ohne die Cambourne-Minen konnte er seine Hoffnungen begraben, den Zinnmarkt zu beherrschen und ein profitables Zinnkartell mit Niederlassungen in England und Südamerika aufzubauen. Und ohne Zugang zum Cambourne-Vermögen würde er gezwungen sein, auf seine eigenen Finanzen zurückzugreifen. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass seine Freundschaft mit Philippa ein rasches Ende nehmen würde, wenn St. Just ihr Herz gewann. St. Just war nicht der Typ Mann, der es seiner Frau gestattete, einen engen männlichen Freund zu behalten.

          Lucien verfolgte ihn mit harten Blicken. Er hatte schon einmal einen Mord in Auftrag gegeben, um zu bekommen, was er wollte. Er würde nicht zögern, dies ein zweites Mal zu tun.

 


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