In der Tat, willkommen daheim, dachte Valerian säuerlich und beobachtete, wie Philippa ins Haus ging. Durch die Glastür sah er, dass sie sich an das Piano aus poliertem Kirschholz setzte und ihre Röcke ordnete.
Lucien Canton nahm neben ihr auf der kleinen Bank Platz, um die Notenseiten für sie umzublättern, ganz der ergebene Verehrer. So wie der Mann aussah, strebte er in allem nach Vollendung. Alles an ihm war makellos, nicht nur seine Kleidung, wie Valerian auffiel. Cantons Fingernägel waren sorgfältig geschnitten und gefeilt, sein Gesicht frisch rasiert. Valerian sah auf seine eigenen, genauso gepflegten Nägel. Auch er war sehr penibel in solchen Dingen. In seiner Zeit im Ausland hatte er gelernt, dass Frauen zwei Dinge zu schätzen wussten – Sauberkeit und Aufrichtigkeit; sowohl das eine als auch das andere war in vielen Teilen der Welt Mangelware. Soweit Valerian jedoch durch die Scheiben erkennen konnte, verfügte Canton über beide Qualitäten reichlich. Philippa lachte gerade über etwas, das Canton zu ihr gesagt hatte.
Heftige Eifersucht flammte in Valerian auf. Er wollte nicht, dass Philippa mit Canton lachte. Sie sollte mit ihm lachen. Er hatte bei seiner Rückkehr nicht damit gerechnet, um sie zu werben. Er hatte nicht einmal gewusst, dass eine solche Möglichkeit überhaupt bestehen könnte, bis Beldon in der Kutsche Cambournes Tod erwähnte. Doch nun war die Gelegenheit, Philippa zurückzugewinnen, gegenwärtig, und für ihn stand sein Vorgehen fest.
Er hatte es beim Essen ernst gemeint damit, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen – solange diese Frau Philippa war. Er sehnte sich immer noch nach ihr, und sie reagierte unverändert auf ihn, wenn man der unüberlegten Szene auf der Veranda eben Glauben schenken konnte. Er musste sie nur davon überzeugen. Philippa hatte neun Jahre Zeit gehabt, ihren Groll auf ihn zu hegen und zu pflegen, und sie war schon immer sehr stur gewesen. Ihre Ohrfeige verriet ihm, dass die Aufgabe für ihn nicht leicht werden würde. Die leidenschaftliche Reaktion ihres Körpers hatte ihm aber auch verraten, dass diese Aufgabe durchaus lohnend werden konnte. Sie mochte ihn geschlagen haben, aber er glaubte nicht so recht, dass sie ihn aus Zorn über seine Avancen geohrfeigt hatte. So wie sie zuvor auf ihn reagiert hatte, schien sie eher wütend über ihr eigenes Verhalten gewesen zu sein. Diese Wut hatte sie einfach nur an ihm ausgelassen.
Jedenfalls gestand er sich bereitwillig ein, dass es der Gipfel der Dummheit war, allein zu ihr nach draußen zu gehen, obwohl er genau gewusst hatte, dass in diesem Moment seine Emotionen stärker sein würden als sein Verstand. Die Aufregung, sie wiederzusehen, ihre unmittelbare Nähe während des Essens, die Art, wie sie mit Danforth umgegangen war, dazu die Eifersucht, als er erkannt hatte, dass Canton sie für sich beanspruchte – all das waren viel zu machtvolle Empfindungen, die sich nicht unterdrücken ließen.
Valerian hatte ihr seine Gefühle gestehen und sogar die Ereignisse ihres letzten gemeinsamen Abends erklären wollen, doch daraus war nichts geworden. Stattdessen hatte er ohne Zweifel all die schmutzigen Gerüchte bestätigt, die über ihn bis nach London vorgedrungen waren. Schon nach kürzester Zeit waren sie in Streit geraten, und dann hatte er sie einfach in die Arme genommen und auf die einzige Art, die ihm einfiel, zum Schweigen gebracht. Durch diesen unbedachten Kuss hatte er genau den Eindruck bekräftigt, den er unbedingt vermeiden wollte. Dabei hatte er ihr eigentlich nur beweisen wollen, wie er wirklich war.
Noch dümmer allerdings als Philippa zu küssen, war es, hier allein draußen in der Kälte zu stehen und Canton Philippas ungeteilte Aufmerksamkeit genießen zu lassen. Valerian stieß die Tür auf und betrat das Zimmer. Das Gefecht konnte beginnen.
Philippa beendete gerade eine hübsche volkstümliche Ballade, als Lucien seine Rückkehr bemerkte. Die kleine Zuhörerschar applaudierte höflich. „Wollen wir nicht unser Duett spielen?“, schlug Lucien Philippa vor und sah die Notenblätter durch, bis er das Richtige gefunden hatte. Er warf Valerian einen Blick zu, der nicht anders gedeutet werden konnte als das, was er war – eine stumme Herausforderung. Valerian erwiderte ihn mit einem kurzen Kopfnicken.
Sie spielten das Duett fehlerlos. Valerian wusste bereits, dass Philippa eine gute Klavierspielerin war, doch Lucien übertraf sie noch. Valerian fragte sich, ob Canton bekannt war, dass er selbst auch spielte. Flüssig brachten die vier Hände das Stück zu Ende, und während des Beifalls bedachte Canton Valerian mit einem selbstgefälligen, zufriedenen Blick. Das entging Philippa nicht, und sie sah Canton streng an. Valerian unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. Lucien schien Philippa nicht zu kennen, wenn er glaubte, er könnte sich männliche Arroganz ungestraft erlauben. Dafür würde er büßen müssen – und er selbst ebenfalls, wie Valerian beklommen feststellte, als ihr tadelnder Blick nun auch ihn traf.
„Möchte noch jemand etwas vortragen?“, fragte Lucien, wieder ganz der vollendete Gastgeber. Valerian bezweifelte, dass irgendeinem der anderen Gäste die Spannungen zwischen ihm, Philippa und Lucien auffielen. Es würde verlockend sein, Lucien an die Wand zu spielen, aber er hielt es dann doch für eine ziemlich kleinliche Geste. Valerian beschloss daher, sich still im Hintergrund zu halten, aber Philippa hatte offenbar anderes vor. Ihr Blick fiel auf ihn.
„Viscount St. Just verstand sich sehr gut aufs Klavierspiel, wenn ich mich recht erinnere. Tun Sie es immer noch, St. Just?“
„In der Tat, ja. Es wäre mir eine Ehre, mich an diesem herrlichen Instrument versuchen zu dürfen.“ Valerian setzte sich auf die Bank und machte ein paar Lockerungsübungen mit den Fingern.
„Ich hätte da ein paar Notenblätter …“, bot Canton an.
„Ich benötige keine Noten“, winkte Valerian kurz angebunden ab und begann mit einem komplizierten Scherzo, dem die Zuhörer wie gebannt lauschten.
„Das war großartig!“, rief Beldon hinterher begeistert. „Ich hatte ganz vergessen, wie gut du spielst.“
„Vielen Dank.“ Valerian erhob sich und warf Canton einen verstohlenen Blick zu. Er wollte sehen, ob der Mann verstanden hatte, dass er den Fehdehandschuh aufgehoben hatte.
Der Tee wurde serviert, aber schon bald danach zogen sich alle zurück. Man hatte am kommenden Tag, vor dem abendlichen Fest, viel zu erledigen. Valerian machte noch einen kurzen Abstecher in die Bibliothek, um sich ein Buch auszuleihen. Wenig später vernahm er hinter sich auf dem dicken Teppich gedämpfte Schritte. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Lucien Canton war. Damit hatte er gerechnet. Der Nachteil von Vollkommenheit war, dass sie meist berechenbar war.
„Ich dachte, Sie und ich sollten uns ein wenig unterhalten, St. Just. Nehmen Sie doch Platz.“ Canton setzte sich und zeigte auf den Sessel ihm gegenüber.
„Sie besitzen eine sehr umfangreiche Sammlung von Büchern“, stellte Valerian unverfänglich fest.
Canton machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bin nicht erschienen, um mit Ihnen über Belanglosigkeiten zu plaudern. Ich wollte sichergehen, dass Sie wissen, wie die Dinge zwischen mir und Lady Cambourne stehen.“ Seine Augen
