Texas Cattleman's Club Edition Band 24

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MISSION: LIEBE von CATHLEEN GALITZ
Sebastian Wescott braucht Anwältin Susan Wysocki nicht, um ihn zu verteidigen – er ist unschuldig! Aber sie brauchte ihn, denn dieser Fall könnte ihre Kanzlei retten. Während Susan entschlossen ist, seine Unschuld zu beweisen, fühlt er sich zunehmend schuldig, weil er sich in sie verliebt hat!

EIN HEISSER WUNSCH WIRD WAHR von SARA ORWIG
Jasons Auftrag ist klar: Er soll die schöne Meredith davon abbringen, weiterhin einem kriminellen Mitglied des Texas Cattleman’s Clubs nachzustellen. Und Jason weiß nur einen Weg, wie er sie stoppen kann: Er wird Meredith einfach für sich gewinnen …

WENN VERLANGEN NEU ERWACHT von JACKIE MERRIT
Das Wohltätigkeitsfest im Cattleman’s Club hat eine stattliche Spende erbracht! Keith bietet an, sie jenem Heim zu übergeben, in dem seine Jugendliebe Andrea arbeitet. Doch das Wiedersehen wird brisant: Alte Verletzungen brechen wieder auf – und auch alte Leidenschaften …


  • Erscheinungstag 24.10.2026
  • Bandnummer 24
  • ISBN / Artikelnummer 8204260024
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Cathleen Galitz, Sara Orwig, Jackie Merritt

TEXAS CATTLEMAN’S CLUB EDITION BAND 24

Cathleen Galitz

PROLOG

„Sebastian Wescott ist verhaftet worden.“

Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer im „Texas Cattleman’s Club“. Das gedämpfte Flüstern gewann an Intensität, bis einige Männer ihre Pokerrunden und Billardtische verließen, um sich in einen der geschmackvollen Privaträume des Clubs zurückzuziehen. Hier fand, hinter verschlossenen Türen, eine sehr ernste Unterhaltung statt.

Zwei silberne Thermoskannen mit heißem Kaffee standen unberührt neben edlem Porzellangeschirr mit dem unverwechselbaren Wappen des Clubs. Den Mitgliedern stand der Sinn jedoch eher nach einem kräftigen Schluck Alkohol, um die Gerüchte, die von einem der großen, mehr als hundert Jahre alten Räume zum anderen schwirrten, zu verdauen. Die Mitglieder dieser alten, elitären Institution verband weit mehr als nur die Zugehörigkeit zum selben Club. Nur wenige Eingeweihte wussten, dass der Club als Tarnung für eine im Untergrund tätige Organisation diente, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Menschen in Not zu helfen. Da die Mitglieder sich häufig in Situationen befanden, in denen einer sein Leben dem anderen anvertrauen musste, verspürten sie einen engeren Zusammenhalt als so manche Blutsbrüder.

Die Information über Sebastians Schande machte daher alle tief betroffen.

Sein Halbbruder Dorian schien untröstlich, als er der Gruppe von den Ereignissen berichtete, die zu Sebastians Verhaftung geführt hatten. Es war kein Geheimnis, dass Dorian sich schon seit Wochen um Sebastian ängstigte. Seine Besorgnis war inzwischen so häufig Thema gewesen, dass einige Mitglieder schon gereizt auf sein Lamentieren reagierten. Der Club war ein Ort, an den sie kamen, um sich am Ende eines anstrengenden Tages zu entspannen, nicht um sich irgendwelchen Tratsch über einen der Ihren anzuhören.

Jetzt jedoch schien es so, als wären Dorians Ängste nicht unbegründet gewesen.

„Wenn wir Sebastian doch nur helfen könnten, ohne die Anonymität des Clubs zu gefährden“, meinte William Bradford, Sebastians Geschäftspartner bei „Wescott Oil Enterprises“.

„Sebastian sagt, er wäre geschäftlich unterwegs gewesen in der Nacht, als Eric Chambers ermordet wurde, aber soweit ich gehört habe, will er zu seinem Alibi nicht Stellung nehmen“, warf Dorian ein, wobei sich auf seinem Gesicht, das alle Anwesenden sehr an seinen Halbbruder erinnerte, Sorgenfalten abzeichneten.

Auf Sebastians Drängen hin hatten die Mitglieder des Clubs erst vor kurzem einmütig zugestimmt, Dorian in den Club aufzunehmen. Als Vollmitglied war er über die Arbeit ihrer Organisation informiert, doch er war noch nicht lange genug dabei, um über die Details der wagemutigen Missionen Bescheid zu wissen, die die Mitglieder manchmal auf unbestimmte Zeit unterwegs sein ließen.

Jason Windover, ein ehemaliger CIA-Agent, verkniff es sich, Dorian zu erklären, dass Sebastian seine Firma häufig als Tarnung benutzte. Er hatte von Anfang an eine Abneigung gegen Dorian gehabt, und sah sich in seinem negativen Urteil leider bestätigt. Er hatte auch nur Sebastian zuliebe zugestimmt, Dorian in ihren Kreis aufzunehmen. Jason vermutete, dass es an seiner Vergangenheit als Agent lag, dass er so misstrauisch gegenüber Dorian war. Wenn er Dorian jetzt ansah, war es schwer, die Ernsthaftigkeit des Mannes zu bezweifeln.

„Ich denke, das Mindeste, was wir tun können, ist, die Kaution für ihn zu stellen“, schlug William Bradford vor, ohne darauf einzugehen, dass Dorian sich bezüglich Sebastians Aufenthaltsort in der Mordnacht vermutlich irrte. „Es ist besser, wenn kein Geld von ‚Wescott Oil Enterprises‘ genommen wird, da die Geschäftskonten im Moment einer eingehenden Prüfung unterliegen.“

Dorian schnappte nach Luft, als ihm klar wurde, was William da vorschlug. „Willst du damit sagen, dass wir zusammen irgendwie eine halbe Million Dollar Kaution für ihn auftreiben sollen?“

„Peanuts“, meinte Keith Owen gelassen. Als Besitzer einer Firma, die Computer-Software herstellte, zuckte er bei dem genannten Betrag nicht mit der Wimper. „Ich bin dabei.“

„Ich auch“, erklärte Jason. Auch wenn er nicht reich wäre, würde er alles geben, um seinen Freund zu unterstützen.

Als Dorian sie ungläubig anstarrte, fassungslos angesichts ihrer überwältigenden Großzügigkeit, versicherten sie ihm, dass niemand ein Risiko einging. Keiner von ihnen glaubte, dass Sebastian die Kaution aufs Spiel setzen könnte, indem er verschwand. Und keiner von ihnen zweifelte an seiner Unschuld.

Nachdem er allen bedauernd versichert hatte, dass er selbst leider zu wenig Geld besaß, um etwas beizusteuern, meinte Dorian: „Ich wünschte, ich könnte mehr tun. Ich wünschte, ich hätte meinen sturen Bruder überzeugen können, nicht versuchen zu wollen, seine Probleme alleine zu lösen. Aber ihr wisst ja alle, wie sehr er es hasst, auf andere angewiesen zu sein. Er nimmt die Sache lieber in die eigene Hand, statt die Hilfe von besonneneren Menschen anzunehmen, selbst wenn die Situation es verlangt. In letzter Zeit war er noch gereizter und unbeherrschter als sonst. Ich schwöre, wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast glauben, dass …“ Dorian brach mitten im Satz ab, als hätte er weit mehr gesagt als beabsichtigt. Allerdings hätte er immerhin den Anstand, beschämt auszusehen. „Ich entschuldige mich für mein Lamentieren“, erklärte er rasch. „Ich bin nur so besorgt bin, dass ich …“

Darauf bedacht, dieses Thema zu beenden, unterbrach Jason ihn hastig. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Leider gibt es noch eine Sache, die wir nicht länger ignorieren können. In Anbetracht der Tatsache, dass Sebastian in diesem Jahr der Organisator unseres Wohltätigkeitsballs ist, halte ich es auf Grund seiner Verhaftung für besser, wenn wir den Ball in diesem Jahr ganz absagen.“

Auch wenn er vernünftig war, stieß dieser Vorschlag bei keinem der Anwesenden auf Begeisterung. Nicht nur, dass eine gemeinnützige Organisation infolge der Absage nicht von den gespendeten Einnahmen profitieren würde, es wollte auch keiner der Männer seiner Frau oder Freundin erzählen, dass er mitverantwortlich dafür war, das gesellschaftliche Ereignis des Jahres abgesagt zu haben. Die Zahl der Veranstaltungen in Royal, bei denen man Abendmode vom Designer und Diamanten tragen konnte, war begrenzt, und die Frauen würden mit Sicherheit enttäuscht sein. Das war William nur allzu bewusst. Er war der Erste der fünf Freunde gewesen, der sein Junggesellendasein aufgegeben hatte. Dass er damit eine Wette verloren hatte, die sie zu fünft abgeschlossen hatten, störte ihn nicht. Die Wette besagte, dass derjenige von ihnen, der zum Zeitpunkt des Balles noch Junggeselle war, darüber entscheiden durfte, wem der Erlös des Wohltätigkeitsballes zukommen solle. Ihn bedrückte der Gedanke, dass er jetzt seiner frisch angetrauten Frau mitteilen musste, dass das Ereignis, auf das sie sich seit langem freute, abgesagt wurde. Seine Frau hatte aus Sicherheitsgründen eine ganze Weile ziemlich zurückgezogen gelebt, doch da fast alle Mitglieder des Clubs am Ball teilgenommen hätten, wäre es für Diana sicher gewesen, dort hinzugehen.

„Wirklich keine nette Art von Sebastian, sich auf diese Art und Weise vor seinen Pflichten als Ballorganisator und vor der Wette zu drücken“, meinte Keith, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern.

Von den fünf Junggesellen, die die Wette abgeschlossen hatten, waren ohnehin nur noch drei im Rennen.

„Gegen mich hat sowieso keiner eine Chance“, meinte Jason. Als der führende Playboy des Clubs hatte er keinerlei Ambitionen, sich jemals zu binden.

Dem folgenden Geplänkel fehlte die übliche Leichtigkeit, denn der Gedanke an Sebastian, der hinter Gittern saß, hatte die Stimmung erheblich getrübt. Abgesehen davon, dass sie so schnell wie möglich die Kaution zusammenbekommen wollten, gab es wenig, was sie für ihren Freund tun konnten, außer für ihn zu beten.

Jeder betete auf seine Weise, als sie einer nach dem anderen frustriert das Gebäude des Clubs verließen. „Führung, Gerechtigkeit und Friede“ stand über dem Eingangsportal. Die Männer, die willig waren, ihr Leben zu riskieren, um diese Ideale zu verteidigen, sahen sich im Moment außerstande, einem der ihren zu helfen.

Vielleicht, dachte Jason, hätte man noch „Vertrauen“ auf das alte, ehrwürdige Schild schreiben sollen.

1. KAPITEL

Sebastian Wescott schaute sich in dem düsteren Anwaltsbüro um und schüttelte verzweifelt den Kopf. Dass sein Halbbruder eine zweitklassige Kanzlei mit seinem Fall zu beauftragen, ging ihm nicht in den Kopf. Er vermutete, dass es entweder mit der hübschen kleinen Blondine zu tun hatte, die ihm am Schreibtisch gegenübersaß, oder mit Dorians Geiz. Da er ohne Geld aufgewachsen war, fiel es Dorian noch immer schwer, für etwas große Summen Geld auszugeben, wenn er es auch billiger bekommen konnte. So nett Dorians Geste auch gewesen sein mochte, Susan Wysocki einen Vorschuss aus eigener Tasche zu bezahlen, es gefiel Sebastian nicht, dass er sich in solch einer heiklen Angelegenheit wie einem drohenden Strafprozess mit einem Billigangebot zufrieden geben sollte. Schließlich standen sein Leben und seine Freiheit auf dem Spiel.

Er hatte eigentlich gar nicht herkommen wollen. Dorian hatte schon fast Gewalt anwenden müssen, um ihn herzuschleppen. Jetzt saß sein Halbbruder in Habachtstellung neben ihm, bereit aufzuspringen, um notfalls zu verhindern, dass Sebastian verschwand, ehe er die Anwältin angehört hatte. Wenn er ein bisschen mehr nach seinem Vater käme, hätte Sebastian seine Beziehungen spielen lassen, und eventuell den Richter bestochen, damit dieser Fall gar nicht erst vor Gericht kam. Doch seit seiner Kindheit hatte Sebastian alles getan, um sicherzustellen, dass er nicht so wurde wie sein skrupelloser Vater. Selbst nachdem er das Familiengeschäft übernommen und aus eigener Kraft erfolgreich geworden war, hatte er noch oft das Gefühl, sein Vater säße ihm im Nacken.

Sein tief verwurzeltes Bedürfnis, sich von Jack Wescott zu unterscheiden, war auch ein Grund, warum er dem „Texas Cattleman’s Club“ beigetreten war und mit seinem Engagement dazu beitrug, das Leben Unschuldiger zu beschützen. Und wenn er nicht in einer geheimen Mission unterwegs war, verhalf er zusammen mit den anderen Clubmitgliedern seiner Heimatstadt Royal in Westtexas zu noch mehr Wohlstand und Ansehen.

Es war keine Organisation, zu der Jack Wescott jemals Zutritt gewährt worden wäre. Jacks Vorstellung von einer geheimen Mission war es, unauffällig zum „Pussy Cat Club“ fünfzig Meilen von Royal entfernt zu fahren. Jack war ein Mann, dem seine eigenen Vergnügungen wichtiger waren als die Kinder, die er sowohl innerhalb als auch außerhalb seiner Ehe gezeugt hatte.

Eine Tatsache, der sich der arme Dorian durchaus bewusst gewesen war, als er vor nicht allzu langer Zeit vor Sebastians Tür gestanden und darauf beharrt hatte, dass sie blutsverwandt waren. Dorian zufolge hatte seine Mutter ihn zur Adoption freigegeben, als Jack Wescott sich geweigert hatte, ihn als Sohn anzuerkennen und Unterhalt für ihn zu zahlen. Erst nach Jacks Tod hatte Dorians Mutter ihn aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass der reiche Industrielle, der gerade gestorben war, sein leiblicher Vater gewesen war.

Hätte Sebastian mehr Vertrauen in seinen Vater gehabt und sähe Dorian ihm selbst nicht so ähnlich, hätte er den Fremden wohl fortgejagt und seine Hände in Unschuld gewaschen. Stattdessen hatte er sich jedoch verpflichtet gefühlt, die Sünden seines Vaters wieder gutzumachen.

Doch es hatte sich herausgestellt, dass die gute Tat, Dorian einen Job in der Computerabteilung bei „Wescott Oil“ zu geben, sich auszuzahlen begann. Wenn ihm noch vor kurzem jemand prophezeit hätte, dass sein so lange verschollener Halbbruder der Erste sein würde, der ihm am Tiefpunkt seines Leben zur Rettung eilen würde, hätte Sebastian ihn für verrückt erklärt. Jetzt wünschte er jedoch, er könnte die Großzügigkeit seines Bruders ablehnen, ohne undankbar zu erscheinen und ohne ihn zu beleidigen.

Die Umstände, die zu den Anschuldigungen gegen Sebastian geführt hatten, verstärkten noch seinen Frust und seine Wut. Abgesehen von seinem brennenden Verlangen, seinen guten Ruf wiederherzustellen und seine Freiheit zu bewahren, war er entschlossen herauszufinden, wer Eric Chambers, den Leiter der Finanzabteilung von „Wescott Oil“, umgebracht hatte und nun versuchte, ihm die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Er schwor sich, dass der Mörder dafür bezahlen würde.

„Das ist absoluter Irrsinn!“ rief er und schlug so hart mit der Faust auf den Tisch, dass die Frau auf der anderen Seite des Schreibtisches zusammenzuckte. „Ich brauche keinen Anwalt. Ich bin unschuldig!“

Ein Wolf im Schafspelz, dachte Susan ironisch.

„Das ist genau der Grund, warum Sie meine Dienste brauchen, Mr. Wescott“, versicherte sie ihm möglichst gelassen, um ihre eigenen Bedenken zu kaschieren.

Die Wahrheit war, wenn die Chance, den interessanten Mann zu vertreten, der ihr gegenüber saß, nicht so wichtig für ihr finanzielles Überleben gewesen wäre, hätte Susan Wysocki wahrscheinlich den Vorschuss, den Dorian Brady ihr gegeben hatte, zurückgezahlt und wäre so schnell wie möglich davongelaufen.

Zum einen, weil Sebastian Wescott sie ein wenig zu sehr an ihren geschiedenen Mann erinnerte. Er war so verflixt selbstsicher. Nicht dass Joe auch nur annähernd so imposant wie dieser Mann hier war. Sebastian wirkte geradezu ungezähmt und beherrschte eindeutig das Geschehen. Nicht einmal der teuerste Maßanzug der Welt konnte einen maskulinen Körperbau verbergen, der die Kraft und die Geschmeidigkeit Panters besaß.

Eines geschmeidigen, eingesperrten Panthers, korrigierte Susan sich.

Immer wieder sprang ihr potenzieller Klient auf, ging vor ihr auf und ab und wedelte wütend mit den Armen. Susan hätte sich am liebsten zurückgelehnt, um seiner Wut auszuweichen. Und gleichzeitig hätte sie sich ihm am liebsten zu ihm hinübergelehnt, denn er zog sie an wie ein Magnet.

Im Geist machte sie eine Notiz, möglichst viele weibliche Geschworene auszuwählen, sollte dieser Fall tatsächlich vor Gericht verhandelt werden. Unabhängig davon, wie überzeugend der Staatsanwalt den Fall darlegen würde, er hätte keine Chance, wenn die Geschworenen sich in den sexy Millionär verliebten, der angeklagt war, den Leiter der Finanzabteilung bei „Wescott Oil“ ermordet zu haben.

Ihr missfiel auch, wie der Blick seiner silbergrauen Augen sie vor Wonne erschauern ließen, wann immer er seine rastlose Wanderung unterbrach, um sie anzuschauen. Es war schwierig, die Ruhe zu bewahren, wenn er sie musterte. Susan war noch immer wie elektrisiert von dem flüchtigen Handschlag, den sie ausgetauscht hatten, als Sebastian sich vorgestellt hatte. Die Berührung war wie ein Stromschlag gewesen, der es ihr unmöglich gemacht hatte, sich zu bewegen, so als hätte sie eine elektrische Leitung angefasst. Sie vermutete, dass ihr Körper sie auf diese Weise vor drohender Gefahr warnen wollte.

Schmerzliche Erfahrungen in der Vergangenheit hatten sie gelehrt, ihrem Instinkt zu vertrauen.

Sie war erleichtert gewesen, als Sebastian sie schließlich wieder losgelassen hatte. Mit dreißig war sie nicht mehr so naiv, um nicht zu wissen, was ihre Reaktion bedeutet hatte – Lust in ihrer primitivsten und gefährlichsten Form. Aus Angst vor der gleichen Art von Macho-Allüren, denen sie dummerweise anfangs bei ihrem Exmann erlegen war, ermahnte Susan sich, dass es besser war, die Entscheidung darüber, welcher Mann der richtige für sie war, lieber ihrem Verstand als ihren launenhaften Hormonen zu überlassen.

Es war schade, dass Sebastians Halbbruder, Dorian Brady nicht mehr ihrem Typ entsprach. Er schien ihr viel weniger reizbar als sein Bruder. Obwohl er Sebastian ziemlich ähnlich sah, waren seine Vorzüge ein wenig subtiler. Er war kleiner, aber seine Augen hatten fast den gleichen silbernen Schimmer wie Sebastians. Doch aus irgendeinem unerklärlichen Grund hielt sein Blick sie längst nicht so gefangen wie der seines Bruders.

Dass ihr Körper nicht in solch offener, verräterischer Weise auf Dorian reagierte, machte ihn Susan eindeutig sympathisch. Gebranntes Kind … Sie verdrängte diesen Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die juristischen Probleme.

Dorian hatte Susan darüber informiert, dass er Sebastian erst vor kurzem kennen gelernt hatte, und sie wusste nicht, wie er zu ihm stand. Er schien jedoch keinen Groll gegen seinen Halbbruder zu hegen, der mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden war. Dass Dorian, der seinem Bericht nach in überaus bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen war, Susans Vorschuss aus eigener Tasche bezahlt und darauf bestanden hatte, sich um juristischen Beistand für seinen Bruder zu bemühen, sagte viel über ihn aus. So viel Loyalität war selten, selbst bei Geschwistern, die von Geburt an zusammen aufgewachsen waren. Susan konnte nur vermuten, dass Dorian, da er neu in der Stadt war, nichts von dem Pech bei ihren letzten Fällen gewusst hatte.

Hintereinander zwei Prozesse zu verlieren hatte nicht nur ihrem Stolz geschadet. Der Mangel an Klienten, die an ihre Tür klopften, war eine stumme Bestätigung ihrer eigenen Zweifel an ihren Fähigkeiten als Anwältin. Ihr lange gehegter Traum, dem kleinen Mann von der Straße eine Stimme im Rechtssystem zu geben – der gleiche Traum, der ihr geholfen hatte, das Jurastudium durchzustehen – wurde jetzt durch die Notwendigkeit, sich über Wasser zu halten, arg strapaziert.

Hatte Joe sie nicht gewarnt, dass sie keine Chance hatte, es allein zu schaffen? Er hatte vorausgesagt, dass ihre Kanzlei ohne sein Geld und seinen Einfluss wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde …

Susan biss die Zähne zusammen, als sie an die Worte ihres Exmannes beim Abschied dachte, und entschied trotzig, dass sie es ihm zeigen würde. Im Vertrauen darauf, dass Erfolg letztlich die süßeste Rache wäre, lächelte sie Mr. Wescott mit mehr Selbstvertrauen an, als sie hatte, und bot ihm eine Tasse Kaffee an. Er lehnte mit einem heftigen Kopfschütteln ab.

Diesen Mann zu beruhigen war ungefähr genauso schwierig, wie ein wildes Tier dazu zu bringen, freiwillig in einen Käfig zu gehen. Lediglich mit Mut und Entschlossenheit bewaffnet, wog Susan ihre Möglichkeiten ab. Obwohl ihre weibliche Intuition ihr riet, sich von Sebastian Wescott fern zu halten, musste sie froh sein über diese Chance, denn ein derartig spektakulärer Fall könnte für sie sowohl in finanzieller als auch emotionaler Hinsicht Genesung bedeuten. Es bestand natürlich die Gefahr, dass die Zusammenarbeit mit diesem Mann ihre weiblichen Hormone in Wallung bringen würde. Aber es war auf jeden Fall besser, als auf der Jagd nach Klienten Krankenwagen hinterherzujagen – was, wie sie fürchtete, bald der Fall sein würde, wenn die Geschäfte nicht schnellstens besser liefen.

Sollte sich das nicht schleunigst ändern, würde sie sogar ihre Sekretärin, Ann Worthe entlassen müssen. Als allein erziehende Mutter, die sich gerade von ihrem gewalttätigen Mann getrennt hatte, wäre Ann genauso niedergeschlagen wie Susan über eine solche Entwicklung, weil es sie zwingen würde, zum Sozialamt zu gehen, um ihre drei Kinder ernähren zu können. Abgesehen davon, dass es ihr in der Seele wehtun würde, einer Frau zu kündigen, die sie als Freundin betrachtete, wusste Susan, dass solch ein Schritt das Ende ihrer eigenen Träume und Ambitionen bedeuten würde. Es war unmöglich, als Anwältin zu arbeiten und gleichzeitig das Büro zu managen.

Die juristische Vertretung eines prominenten Mannes wie Sebastian Wescott würde mit Sicherheit ihr Ansehen unter den Juristen der Stadt verbessern. In letzter Zeit hatte sie sich wie eine Ausgestoßene in der elitären Gesellschaft von Royal gefühlt, da viele von ihnen mit ihrem einflussreichen Exmann verbunden waren und sich anscheinend über ihren verlorene Prozesse freuten. Der Gedanke, dass diese typischen Texaner, von denen einige offen dazu standen, dass sie es für besser hielten, wenn das Rechtswesen eine Domäne der Männer blieb, grün vor Neid wurden, reichte, um ihren Widerstand zu wecken.

Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich von albernem mädchenhaftem Herzklopfen von ihrem Kurs abbringen zu lassen. Nur weil sie nicht aufhören konnte, sich vorzustellen, wie Sebastian wohl nackt in ihrem Bett aussähe, bedeutete nicht, dass diese Fantasien jemals Wahrheit werden würden. Abgesehen von der Tatsache, dass Sebastian Wescott jede Frau haben konnte, die er haben wollte, sollte die Tatsache, dass man ihm einen Mord anlastete, genügen, um sie alle erotischen Gedanken vergessen zu lassen. Doch allein sein Anblick ließ ihren Puls in die Höhe schnellen.

Als Sebastian endlich aufhörte umherzuwandern und sich wieder setzte, hatte Susan eine Entscheidung getroffen. Sollte sie wie durch ein Wunder diesen millionenschweren Ölbaron davon überzeugen können, dass sie die beste Anwältin für seinen Fall war, dann würde sie ihn vertreten, als stünde nicht nur sein Leben auf dem Spiel. Letztlich kämpfte sie auch ums eigene Überleben.

„Bitte setzen Sie sich doch und beruhigen sich wieder, Mr. Wescott. Ich möchte Ihnen versichern, dass ich fähig und willens bin, Ihren Fall zu übernehmen, und ich werde all meine Zeit und Energie für Sie einsetzen.“

Die Eindringlichkeit der weiblichen Stimme, die ihn bat, ruhig zu bleiben, berührte Sebastian eigenartig. Woran lag es, dass dieser Tonfall ihm unter die Haut ging und ihn mit einer unbekannten Sehnsucht erfüllte?

Die Antwort auf diese Frage in einem Paar faszinierender Augen zu suchen war keine gute Idee. Braun? Grün? Er konnte den genauen Farbton nicht bestimmen. Seiner Meinung nach sollten Anwälte mit solch betörenden Augen wegen Einsatz unfairer Mittel ihren Beruf nicht ausüben dürfen.

Hatte Susan Wysocki ihn irgendwie hypnotisiert, damit er tatsächlich erwog, sie seiner bereits großen Rechtsabteilung hinzuzufügen? Nicht dass es viel ausmachte. Was war schließlich ein Anwaltsgehalt mehr für einen Millionär, der sich sein Vermögen selbst erarbeitet hatte?

Dem Aussehen ihres schäbigen Büros nach zu schließen, konnte Susan Wysocky das Geld gut gebrauchen. Warum ihn das interessierte, wollte Sebastian lieber nicht näher ergründen. Er war daran gewöhnt, auf seinen Instinkt zu hören. Dass er sich aus unerklärlichen Gründen zu dieser Frau hingezogen fühlte, war für ihn Anlass genug, um ihre Einstellung zu erwägen.

Bisher hatte er keinerlei Veranlassung gehabt, Strafverteidiger zu beschäftigen, da er eher Firmenanwälte brauchte. Die wären keine große Hilfe in einem Strafprozess, aber trotzdem verließ er sich auf ihren Sachverstand. Außerdem ging Sebastian davon aus, dass sein Fall sowieso nicht vor Gericht kommen würde.

„Mr. Wescott?“ wiederholte Susan, die versuchte, seine Aufmerksamkeit zurück zu der Unterhaltung zu bringen, die immer einseitiger geworden war.

Erschrocken erkannte Sebastian, dass Susan ihn anstarrte, als überlege sie, ob sie die Polizei rufen sollte. Er hielt es nicht für angebracht, ihr zu erklären, dass er gerade ihr Haar betrachtet hatte, das ein Sonnenstrahl, der durchs Fenster hereinfiel, leuchten ließ wie einen Heiligenschein. Es war eine erstaunliche Haarfarbe. Kein getöntes, sondern ein echtes Blond.

Wie wilder, dunkler Honig.

Sebastian überlegte, ob es sich wohl so seidig anfühlte, wie es aussah. Diese Frau schien nicht der Typ zu sein, der seine langen weichen Locken jeden Tag mit einer halben Dose Haarspray bearbeitete, um eine „große Frisur“, für die Texanerinnen berühmt waren, zu gestalten. Er hatte unzählige Avancen solcher aufgedonnerten Damen abwehren müssen und war daher umso beeindruckter von der Tatsache, dass Susan Wysocki ihre natürliche Schönheit nicht einmal wahrzunehmen schien. Er überlegte, ob sie überhaupt wusste, was für ein Vorteil ihr Aussehen im Gerichtssaal war.

„Ist alles in Ordnung, Mr. Wescott?“ fragte sie ehrlich besorgt.

„Nennen Sie mich Seb“, antwortete er, „so wie meine Freunde es tun.“

„Gern“, erwiderte Susan, die sich deutlich bewusst war, dass ihr Herz schneller schlug, als er sie mit dem vertrauten Koseamen in den Kreis seiner auserwählten Freunde aufnahm.

Ihre Reaktion hätte nicht ehrlicher sein können. Solange sie ein rein freundschaftliches Verhältnis verband, sah Susan keine Probleme, ihn als Mandanten zu vertreten. Als ein Freund wäre Sebastian Wescott ein machtvoller und wohlhabender Verbündeter. Als Liebhaber, so vermutete sie, wäre er für das Herz einer Frau genauso gefährlich wie ein vergifteter Pfeil. Als Feind war er wahrscheinlich tödlich.

Hastig schalt sie sich wegen dieser Wortwahl, aus Angst, es könnte sie in ihrer Einschätzung beeinträchtigen, ob Sebastian Wescott tatsächlich fähig war, einen Mord zu begehen. Doch bevor sie sich daran machen konnte, solch eine schwerwiegende Frage zu klären, musste sie erst einmal ihre verrückt spielenden Hormone unter Kontrolle bringen. Bei dem Blick, den der Mann ihr im Moment zuwarf, wurde ihr schon wieder ganz heiß.

Sie fühlte sich ausgesprochen unwohl.

Und ganz als Frau.

Sie blinzelte. Und gab schließlich dem Drang nach wegzuschauen. Susan wusste, sie war nicht gerade elegant im Vergleich zu den Frauen, an die Sebastian gewöhnt war.

Als er den leichten Schmerz in Susans Augen bemerkte, verspürte er in seinem Herzen das Bedürfnis, sie zu beschützen. Denn sein Herz, von dem viele annahmen, es sei genauso hart wie das seines Vaters, war in Wahrheit sehr empfänglich für Schwäche. Sosehr diese Frau auch versuchte, sich als knallharte Anwältin zu präsentieren, erkannte er doch die Verletzlichkeit, die sie sorgsam zu verstecken suchte. Und er wurde davon angezogen wie eine Motte vom Licht.

Als Mitglied des „Texas Cattleman’s Club“ hatte er geschworen, Unschuldige notfalls mit seinem Leben zu beschützen. Die Ausstrahlung von Rechtschaffenheit, die Susan umgab, rief in ihm einen altmodischen Beschützerinstinkt hervor – was einer gewissen Ironie nicht entbehrte, da sie schließlich diejenige war, die anbot, ihn zu retten. Sebastian war überrascht von der Intensität seines Beschützerinstinkts. Er hielt nicht sonderlich viel von Anwälten. In der Regel fand er, dass sie weit mehr daran interessiert waren, ihre Taschen zu füllen, als dem Recht zu seiner Durchsetzung zu verhelfen. Aus irgendeinem Grund brachte er es jedoch nicht über sich, dieses faszinierende blonde Geschöpf mit solchen Parasiten in einen Topf zu werfen.

Er vermutete, dass Susan geschockt wäre, wenn sie erführe, dass sie viel gemeinsam hatten. „Führung, Gerechtigkeit und Frieden“ waren das Motto des „Texas Cattleman’s Club“, nach dem alle Mitglieder lebten. Selbst wenn Sebastian zustimmte, sich von dieser bezaubernden Frau im Gerichtssaal verteidigen zu lassen, bezweifelte er, dass sie verstand, warum er, was auch immer kommen mochte, nichts darüber sagen konnte, wo er sich in der Mordnacht aufgehalten hatte. Den Club und die Art der Aufgabe, die er in jener Nacht zu erledigen gehabt hatte, mussten genauso geschützt werden wie sein eigenes Leben.

Wäre es nicht so, wäre der Fall längst erledigt, und er könnte fröhlich mit seinem Leben fortfahren. Doch dann hätte er niemals die bezaubernde Susan Wysocki kennen gelernt und wäre niemals dem Zauber ihrer ausdrucksvollen haselnussbraunen Augen erlegen. Es war der einzige Pluspunkt, den Sebastian in dieser ganzen unglücklichen Angelegenheit finden konnte. Dass sie das nervöse Zittern ihrer Hände zu verbergen versuchte, indem sie einen Stapel Papier auf ihrem ansonsten aufgeräumten Schreibtisch umherschob, machte sie noch sympathischer. Erfreut registrierte er, dass sie keinen Ehering trug.

Angesichts der Tatsache, dass es vom ersten Augenblick an zwischen ihnen geknistert hatte, war Susans Zurückhaltung ungewöhnlich. Frauen warfen sich Sebastian ständig an den Hals. Merkwürdigerweise hatten diese offenkundigen sexuellen Avancen längst nicht solch eine Wirkung auf ihn wie das einfache Händeschütteln mit Susan. Da sich ihre großen Augen dabei geweitet hatten, wusste er, dass sie auch etwas verspürt hatte.

Eine Art Zittern.

So wie vor einem heftigen Erdbeben.

Ein Erdbeben, das ein ganzes Leben verändern konnte.

Offensichtlich beeinträchtigten die Nachbeben noch immer seinen Verstand. Anders war es nicht zu verstehen, warum er, ohne nachzudenken, meinte: „Wenn Sie mit mir die Einzelheiten des Falles besprechen wollen, denn würde ich Sie gern heute Abend bei mir zu Hause zu einem Drink einladen.“

Ihr bescheidenes Büro legte die Vermutung nahe, dass Susan die Gelegenheit, viel Geld zu verdienen, beim Schopf fassen würde. Daher überraschte und beunruhigte ihn ihre Reaktion. Dass sie nicht erfreut schien, bei der Vorstellung, den Abend mit ihm zu verbringen, war noch eine Untertreibung. Sie wirkte geradezu entsetzt. Nur das ängstliche und leidenschaftliche Glitzern ihrer Augen hielt ihn davon ab, angesichts ihrer mangelnden Begeisterung beleidigt zu sein.

„Seb“, sagte sie mit beherrschter Anwaltsstimme, während die Benutzung seines Kosenamens ihr einen wohligen Schauder über den Rücken jagte, „Sie werden sicherlich verstehen, dass ich die Beziehung zu meinen Klienten auf rein geschäftsmäßiger Ebene belassen muss.“

Nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden, nahm Sebastian es trotzdem mit Humor. „Haben Sie etwa Hintergedanken, Mrs. Wysocki?“ forderte er sie heraus. „Ich habe am späten Nachmittag eine Besprechung im ‚Texas Cattlesman’s Club‘, die ich nicht absagen kann. Heute Abend ist der einzige Termin, an dem ich noch Zeit habe, um die Einzelheiten des Falles zu besprechen. Das heißt, wenn Sie noch immer daran interessiert sind, mich zu verteidigen.“

Wenn sie noch interessiert war?

Nur eine Verrückte würde solch ein Angebot ablehnen – sei es geschäftlicher oder romantischer Natur – obwohl Susan wusste, dass sie sich sämtliche Chancen auf Letzteres verscherzt hatte. Ihre zickige Ablehnung eines schlichten Treffens nach Geschäftsschluss war ihr jetzt äußerst peinlich. Schließlich hatte sie schon häufig genug Rücksicht auf die Terminpläne anderer Mandanten nehmen müssen.

Susan wurde es erspart, darauf zu antworten, weil Dorian sich im richtigen Moment einschaltete. Fast hatte sie vergessen, dass er auch noch da war. Offensichtlich hoch erfreut, dass sein großer Bruder tatsächlich in Erwägung zog, die rechtliche Hilfe, die er besorgt hatte, anzunehmen, mischte er sich in die Unterhaltung ein.

„Wenn es Ihnen lieber wäre, Mrs. Wysocki, dann komme ich natürlich auch gern.“

Susan musste sich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen. Dorian schien zu glauben, dass sie Angst hatte, mit Sebastian allein zu sein. Das stimmte natürlich, aber nicht aus den Gründen, die er ihr vermutlich unterstellte. Obwohl Sebastian des Mordes angeklagt war, hatte sie in der Hinsicht keine Angst vor ihm. Und sie war auch keine prüde Jungfrau mehr, die vor dem bösen Wolf Angst hatte. Sosehr sie Dorians Sorge guthieß, seinen Schutz brauchte sie dennoch nicht. Wahrscheinlich wurde Sebastian von mehr Frauen bedrängt als umgekehrt. Viele ihrer Freundinnen würden vermutlich alles tun, um einen Abend mit einem Mann wie ihm verbringen zu können.

Wovor Susan wirklich Angst hatte, war ihre eigene Reaktion darauf, mit einem Mann allein zu sein, der sie durch seine bloße Gegenwart daran erinnerte, dass unter ihrem Nadelstreifenkostüm das Herz einer Frau schlug, die sich danach sehnte, die Leere in ihrem Leben nicht nur mit Geschäftsterminen zu füllen.

„Das wird nicht nötig sein“, versicherte Sebastian Dorian mit einem viel sagenden Blick.

„Oh, ich habe ja auch ganz vergessen, dass ich heute Abend etwas vorhabe!“ rief Dorian breit lächelnd. „Ich will ja der kleinen Dame nicht das Herz brechen, indem ich sie versetze.“

Susan zuckte zusammen. Das war eine so offensichtliche Lüge, dass sie sich fragte, wie sie auf die Idee gekommen war, Dorian könnte subtil sein. Offensichtlich war ihm weit mehr daran gelegen, Sebastian zu gefallen als ihr. Es war ja auch verständlich, dass er eine stärkere Verbundenheit zu seinem Bruder als zu einer Fremden verspürte.

Susan wünschte, sie könnte ihre Ängste genauso leicht beschwichtigen. Vielleicht hatte Sebastian wirklich eine Besprechung im „Texas Cattleman’s Club“. Vielleicht war der Termin wirklich wichtiger, als dem Vorwurf der Mordanklage zu entgehen. Und vielleicht missinterpretierte sie das Interesse in seinem Blick. Susan wusste nur, dass solche Taktiken sie sehr an die Art und Weise erinnerten, wie ihr Exmann sie manipuliert hatte.

Sie lächelte ihren neuen Klienten an. Wenn sie ihre Karten richtig ausspielte, konnte er vielleicht die Antwort auf all ihre Gebete sein. Schließlich war sie erwachsen und durchaus in der Lage, vernünftig zu handeln. Solange sie ihr Herz aus dem Fall heraushielt, gab es eigentlich wirklich keinen Grund, sich eine gute Gelegenheit wie diese entgehen zu lassen.

„Wann soll ich bei Ihnen sein?“ fragte sie.

2. KAPITEL

Es war der erste April, als Susan zu Sebastian Wescotts Anwesen fuhr, und als sie darauf wartete, dass sich das schwere Eisentor öffnete, um sie einzulassen, hoffte sie sehr, dass er sich keinen Aprilscherz mit ihr erlaubt hatte. Doch nachdem sie sich per Gegensprechanlage angemeldet hatte, glitt das Tor auf. Einige Minuten später parkte sie ihren alten Taurus hinter einem brandneuen Porsche und marschierte auf ein wahrlich beeindruckendes Haus zu. Eine Sekunde lang fürchtete sie schon, dass ein Diener herausgeeilt kommen könnte, um ihr zu sagen, sie möge doch bitte ihre Schrottkiste woanders parken.

Im Gegensatz zu Jack Wescotts Villa, die für alle sichtbar auf einem Hügel stand, lag das Haus seines Sohnes sehr viel versteckter und wirkte viel weniger protzig. Sebastians Haus war im ländlichen Kolonialstil erbaut, mit einem weißen Anstrich, von dem sich die dunkelgrünen Dachvorsprünge, Dachziegel und Fensterläden abhoben. Im Näherkommen erhaschte man einen Blick auf die Tennisplätze, den Pool und die Ställe, die hinter dem geräumigen Gebäude versteckt waren. Es war ein Multimillionen-Dollar-Anwesen, das den Eindruck ländlicher Gemütlichkeit vermittelte. Ein Effekt, zu dem man den Architekten nur beglückwünschen konnte.

Während Susan darauf wartete, dass der Butler ihr die Tür öffnete, wischte sie sich die feuchten Hände an ihrem schlichten dunkelblauen Hosenanzug ab. Sie war überrascht, als sie von Sebastian begrüßt wurde, der mit Jeans und einem Sweatshirt bekleidet war. Sein Lächeln trug nicht gerade dazu bei, das Chaos in ihrem Inneren zu beseitigen, das er mit seinem überwältigendem Aussehen bei ihr angerichtet hatte, als er am Vormittag in ihrem Büro gewesen war.

„Kommen Sie herein“, bat Sebastian sie mit einer Vertrautheit, die sie sowohl nett als auch beunruhigend fand.

Wenn sie doch ihren Puls bei ihren wöchentlichen Aerobicstunden auch so in die Höhe treiben könnte wie jetzt! Weil sie sich ein wenig unsicher auf den Beinen fühlte, lehnte Susan sich einen Moment gegen den Türrahmen und schaute auf die Uhr, innerlich schwörend, dass sie diesem Herzensbrecher nicht mehr als ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit opfern würde, bevor sie zurück in die Sicherheit ihrer bescheidenen Wohnung flüchten würde. So verlockend es auch sein mochte, sich Kleinmädchenfantasien hinzugeben, sie war nicht auf den Ball des Prinzen eingeladen worden. Genauso wenig hatte sie die Absicht, um Mitternacht ihren Schuh zu verlieren. Wenn ihre Ehe mit Joe sie eins gelehrt hatte, dann war es, auf die Flecken der angeblich so glänzenden Rüstung eines edlen Ritters zu achten. Dass Sebastian des Mordes angeklagt war, sollte reichen, um seiner Rüstung den Glanz zu nehmen.

„Ich hoffe, Sie haben noch nicht gegessen“, sagte Sebastian. „Ich habe gerade Steaks für uns auf den Grill gelegt.“

Der köstliche Duft, der durchs Haus driftete, erinnerte Susan an das spärliche Abendessen, das sie gehabt hatte, und machte sie ganz benommen. Das Erdnussbutter-Sandwich, das sie vorhin mit einem Glas Milch heruntergespült hatte, während sie über ihren Gesetzestexten gebrütet hatte, hatte ihren Appetit nicht stillen können.

„Danke, aber ich habe schon gegessen“, meinte sie steif.

Es war allerdings schwierig, überzeugend zu wirken, da das Knurren ihres Magens ihre Worte fast übertönte.

Das Geräusch ließ Sebastian die Augenbrauen heben, doch höflich vermied er es, einen Kommentar dazu abzugeben. Stattdessen geleitete er sie so schnell durch das Esszimmer, dass Susan kaum Zeit hatte, die Eleganz des Raumes mit seinen großen Fenstern und den gewölbten Decken zu bewundern. Sebastian schnappte sich eine Schürze von der Lehne einer weißen Ledercouch und bat Susan, ihm hinaus auf die Terrasse zu folgen, wo Rauch vom Grill aufstieg. Er klappte den Deckel auf und wendete die großen Steaks.

„Keine Angst. Ich habe alles unter Kontrolle“, versicherte er an ihr hastig.

Der Mann vermittelte tatsächlich den Anschein, als ob alles in seinem Leben in Ordnung war. Die Szene wirkte so heimelig, dass Susan versucht war, ihre hochhackigen Pumps auszuziehen, ihre müden Füße in den Swimmingpool mit den olympischen Maßen zu halten und ihren Klienten zu fragen, ob er ein Bier für sie hätte. Während Sebastian die Steaks auf einen Teller legte und sich bemühte, eine Flamme zu ersticken, die während seiner Abwesenheit außer Kontrolle geraten war, verspürte Susan einen kaum zu bändigenden Drang zum Lachen. Sosehr sie es auch hasste, es zuzugeben, sie hatte eher erwartet, eine ganze Mannschaft von Bediensteten zu sehen, die ihn von vorn bis hinten bedienten. Einen Mann, der mit einer winzigen Handbewegung dafür sorgen könnte, dass das Personal das Licht dimmte und sich dann diskret zurückzog, damit der Hausherr sich über die nächste Frau hermachen konnte, die darauf hoffte, einen Teil seines Vermögens zu ergattern.

„Was ist denn so lustig?“ fragte Sebastian, klappte den Deckel des Grills zu und ging zu ihr.

Er stellte den Teller auf den runden Terrassentisch und drehte den gelben Sonnenschirm, der aus der Mitte des Tisches wie eine Blume emporwuchs. Susan war froh, dass er ihn so kippte, dass sie nicht mehr geblendet wurde, aber trotzdem den herrlichen Sonnenuntergang beobachten konnte. Hinter dem gepflegten Grünflächen mit den blühenden blauen Glockenblumen lag die texanische Wüste, die in ihrer schlichten Schönheit genauso atemberaubend war.

„Sie“, antwortete Susan und schenkte ihm das erste echte Lächeln, zu dem sie heute fähig war.

Was hätte sie darum gegeben, nach Hause zu kommen und Joe in solch einem häuslichen Aufzug vorzufinden. Soweit sie sich erinnerte, war ihr geschiedener Mann einer Schürze nur dann nahe gekommen, wenn er sie auf der Suche nach einer Flasche Cognac in der Speisekammer gestreift hatte.

„Ich muss zugeben, ich hätte nicht erwartet, dass Sie bei dieser Besprechung eine Schürze tragen.“

Sebastian schien nicht beleidigt. „Und was dachten Sie, würde ich tragen?“ fragte er.

Susan bemerkte, wie seine fröhliche Miene sein Kinn weniger kantig aussehen ließ.

„Eine rote Seidensmokingjacke, vermutlich, in die Ihr Butler Ihnen hineinhelfen würde“, erwiderte sie und errötete so sehr, dass sie dem Sonnenuntergang Konkurrenz machen konnte.

Mit gespieltem Bedauern schüttelte er den Kopf. „Es kommt nicht oft vor, dass man mich mit Bruce Wayne verwechselt. Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht, dass Robin heute keine Zeit hat, und dass die Batmanhöhle wegen Reparaturarbeiten geschlossen ist.“

Susan musste über seine witzige Erwiderung lächeln.

„Ein Lächeln richtet erstaunliche Dinge mit Ihrem Gesicht an“, meinte Sebastian. „Sie sollten es öfter tun.“

„Das Gleiche gilt für Sie“, entgegnete sie und dachte an den grimmigen Mann, der vor ein paar Stunden in ihr Büro marschiert war und sie atemlos und ein wenig verängstigt zurückgelassen hatte. Auf Heimatboden war dieser Mann sehr viel umgänglicher.

Susan war insgeheim sehr erfreut, als Sebastian einen Stuhl für sie herauszog und sie bat, sich zu setzen. Diese Geste gefiel ihr. Es war eine Art schlichter Höflichkeit, die viele Frauen ihrer Meinung nach als zu selbstverständlich erachteten.

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch ein wenig Hunger haben?“ fragte Sebastian.

Das offensichtliche Funkeln in seinen silberfarbenen Augen konnte lediglich ein Lichtreflex vom Pool sein, doch irgendwie glaubte Susan das nicht. Der köstliche Duft der Steaks ließ ihre guten Vorsätze dahinschwinden, und als Sebastian auch noch zwei gebackene Folienkartoffeln vom Grill nahm und auf den Teller neben das Fleisch legte, gab sie sich geschlagen.

„Ich denke, ich könnte vielleicht doch einen kleinen Happen essen – wenn es Ihnen nichts ausmacht, eins der Steaks zu teilen und den Rest für später aufzubewahren“, schlug sie vor und hoffte, dass ihr Gastgeber sie noch ein klein wenig mehr drängte.

Sebastian versicherte ihr sofort, dass sie essen solle, so viel sie wolle, den Rest würde er einfach den Hunden, Pal und Buddy geben. Da es die Höflichkeit verbot, mit vollem Mund zu sprechen, brauchte Susan nichts über die Namen seiner Hunde zu sagen. Sie fand, Pal und Buddy – beides bedeutete so viel wie „Kumpel“ – klang viel zu niedlich für einen Macho wie Sebastian.

Da sie nicht gern für sich allein kochte, aß Susan häufig im „Royal Diner“, das sich zu Unrecht damit brüstete, Essen zuzubereiten, das eines Königs würdig war. Als sie sich jetzt in ihrer eleganten Umgebung umsah, bezweifelte Susan, dass Sebastian das Restaurant öfter besuchte.

Sein Angebot, ihr einen Drink in der Poolbar zu mixen, lehnte sie dankend ab und bat nur um eine Cola. Es war eine Sache, ihren Hunger zu stillen, aber sie durfte ihre Professionalität nicht aufs Spiel setzen, indem sie ihren Verstand mit Alkohol benebelte. Während sie das Bier ihres Gastgebers betrachtete, bemerkte sie erleichtert, dass er nicht der Typ Mann war, der Sachen mit unaussprechlichen Namen trank, nur um ihr zu imponieren. Erfreut stellte sie fest, dass er nicht so ein Snob war wie Joe, der an Korken schnüffelte und damit angab, die kostbarsten Weine zu kennen. Und noch erfreuter war sie, als sie bemerkte, dass Sebastian, im Gegensatz zu ihrem Ex, in der Lage war, nach dem ersten Drink aufzuhören.

Wie einfach es gewesen war, diesen Bär von einem Mann mit der familiären Kurzform seines Namens anzureden. Seb passt viel besser zu ihm als Sebastian, fand Susan. Als sie den letzten Bissen ihres Steaks aß, das sie anfangs als viel zu groß für sich deklariert hatte, überlegte sie, ob Jack Wescott absichtlich den imposanten Namen Sebastian für seinen kleinen Jungen gewählt hatte, um ihn zu dem Mann zu formen, der einst sein Imperium übernehmen würde. Weil sie selbst in weniger privilegierten Verhältnissen aufgewachsen war, konnte Susan sich nur schwer vorstellen, welche Schwierigkeiten ein kleiner reicher Junge gehabt haben mochte. Trotzdem schien es ihr, als hätte Sebastian nicht unbedingt die Bilderbuchkindheit gehabt, die er vermutlich hätte haben sollen.

Doch sie wollte sich diesen traumhaften Frühlingsabend nicht mit solchen Spekulationen verderben. Während sie die letzten Strahlen der untergehenden Sonne genoss, fiel die Anspannung von ihr ab. Es war viel zu lange her, dass sie die Schönheit eines Sonnenuntergangs bewusst aufgenommen und die herrliche Umgebung wahrgenommen hatte. Midland war die nächstgrößere Stadt, und sie war fast fünfzig Meilen weit weg. Die Abgeschiedenheit dieses idyllischen Anwesens, das von der Wüste umgeben war, ließ Royal fast genauso weit entfernt erscheinen.

„An diese Art von Leben könnte ich mich gewöhnen“, gab Susan zu, als sie sich mit einem zufriedenen Seufzer zurücklehnte. Doch dann verkündete sie, dass es kühl werde und sie besser mit der Arbeit beginnen sollten.

Obwohl Sebastian das Gesicht verzog, stand er bereitwillig auf und begann, den Tisch abzuräumen. „Meine Haushälterin Rosa würde mit mir schimpfen, wenn ich die Teller über Nacht draußen ließe“, erklärte er mit einem schiefen Grinsen.

Susan war ebenso von der Macht beeindruckt, die Rosa über ihren Arbeitgeber hatte, wie von Sebastians Bereitschaft, etwas zu tun, was die meisten Millionäre als unter ihrer Würde erachten würden. Das lockere Geplänkel, das sie auf dem Weg in die Küche aufrechterhielten, kam Susan in dieser Umgebung irgendwie unpassend vor. Die Küche war nach dem neuesten Stand der Technik eingerichtet und zeugte in ihrer Aufgeräumtheit und Sauberkeit von der Hingabe, mit der Rosa ihre Arbeit tat. All die glänzenden Geräte aus Chrom und Edelstahl wirkten nur deshalb nicht auf die übliche Weise kühl, weil die Küche den gleichen Zitronenduft verströmte, den Susan aus der Küche ihrer Mutter kannte. Sofort dachte sie zurück an die Zeiten, als sie und ihre fünf Geschwister alle zusammen in einer kleinen Wohnung gehockt hatten, in der es wenig Privatsphäre gegeben hatte, dafür aber viele Inspirationen, die durch die Hoffnungen ihrer Eltern genährt wurden, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollten als sie.

Susans Herkunft war der Grund, weshalb sie davon träumte, Kindern zu helfen. Vor allem solchen, deren Eltern arm und leider oft auch gewalttätig waren. Während sie das Geschirrtuch faltete und es auf die blitzblanke Arbeitsfläche legte, erkannte Susan, wie sehr Sebastians Fall von ihrem ursprünglichen Ziel entfernt war. Millionäre zu verteidigen hatte wohl kaum etwas damit zu tun, die Sache der Armen und von der Gesellschaft Benachteiligten zu vertreten. Da Gerechtigkeit leider nur allzu häufig käuflich war, fragte sie sich, warum jemand, der so reich war wie Sebastian, ausgerechnet eine Anwältin wie sie akzeptierte.

Doch dann erinnerte sie sich daran, wie sehr sie darauf angewiesen war, diesen Prozess zu gewinnen, um ihren Traum zu verwirklichen, und verdrängte alle anderen Gedanken. Sie musste diese Gelegenheit beim Schopfe packen, und sie versprach sich, einfach das Beste zu tun, um sich Sebastians Vertrauen würdig zu erweisen.

Nachdem sie ihre Aktentasche geholt hatte, kam sie in die Küche zurück. „Wollen wir uns hierher setzen?“ fragte sie und stellte die Tasche auf den Tisch. „Oder möchten Sie lieber woanders hin?“

„Nein, lassen Sie uns hier bleiben“, stimmte Sebastian zu und zog einen Stuhl heraus.

Susan bemerkte seinen Blick auf ihre abgewetzte Ledertasche und überlegte kurz, ob sie ihm erzählen sollte, dass es ein Geschenk ihrer Eltern zu Beginn ihres Jurastudiums gewesen war. Mehr als einmal schon hatten Kollegen angedeutet, dass sie sich vielleicht mal eine neue Tasche zulegen sollte, doch diese hier bedeutete ihr viel. Sie stand für den Stolz ihrer Eltern und ihre eigenen Ziele. Jede Kerbe, jeder Kratzer darauf zeugten von ihrem harten Kampf nach Unabhängigkeit. Einmal hatte sie die Tasche sogar als Schild benutzt, als Joe in einem kindlichem Tobsuchtsanfall sein Glas nach ihr geworfen und verlangt hatte, dass sie mit diesem Unsinn aufhören und endlich ihr Jurastudium hinwerfen solle. Es beleidigte seinen männlichen Stolz, dass seine Frau es für nötig hielt, ihren Beitrag zum gemeinsamen Lebensunterhalt zu leisten.

In dem Versuch, die unangenehmen Erinnerungen beiseite zu schieben, setzte Susan ihre Anwaltsmiene auf, bevor sie Sebastian wieder ansprach.

„Dann lassen Sie uns anfangen.“

Erfreut, dass er nicht protestierte, kam Susan zur Sache. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und die hereingebrochene Dämmerung erinnerte Susan daran, dass sie sich eigentlich vorgenommen hatte, nicht allzu lange zu bleiben. Sie nahm einen Notizblock heraus und begann, ein Feuerwerk von Fragen zu stellen.

Während sie einen Moment innehielt, um etwas Wichtiges zu notieren, meinte sie: „Ich hoffe, Sie haben nicht das Gefühl, verhört zu werden, aber ich muss Sie warnen, das hier ist harmlos im Vergleich zu dem, was die Staatsanwaltschaft mit Ihnen machen wird, wenn Sie jemals vor Gericht landen sollten.“

„Ich gehe davon aus, dass Sie es schon richten werden, Frau Anwältin“, versicherte Sebastian ihr.

Bei dieser Bemerkung breitete sich eine angenehme Wärme in Susan aus. Beeindruckt von der Intelligenz und dem Charme, mit dem sie den ganzen Abend bedacht worden war, spielte sie mit dem Gedanken, ihre berufliche Beziehung auch auf eine persönlichere Ebene auszuweiten. Es war lange her, dass sie die Gesellschaft eines Mannes so genossen hatte.

Nicht dass sie von einem Mann wie Sebastian erwartete, dass er sie je als etwas anderes als eine amüsante Ablenkung ansah. Susan bezweifelte nicht, dass er mit einem Fingerschnippen jede Frau, sei sie noch so reich oder schön, haben konnte. Doch der Gedanke, für kurze Zeit seine Lieblingsgespielin zu sein, gefiel ihr nicht. Also hielt sie sich vor Augen, dass ein Verbrechen sie zusammengebracht hatte und keine romantische Anwandlung.

„Sind Sie verheiratet?“ fragte sie und begann mit einer Reihe von Fragen, die ihr nicht nur die notwendigen Hintergrundinformationen geben, sondern auch dem Klienten den Einstieg in den Prozess erleichtern sollten. „Und haben Sie Kinder?“

„Nein zu beiden Fragen“, erwiderte Sebastian mit einem leicht bedauernden Ton. „Irgendwann, wenn ich die richtige Frau treffen sollte, würde ich das natürlich gern ändern. Nichts würde mich glücklicher machen, als dieses Haus mit spielenden Kindern zu bevölkern.“

Das war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. Einen Moment lang war Susan wie erstarrt und hatte Mühe, überhaupt zu atmen.

„Wie steht es mit Ihnen?“ frage Sebastian und schaffte es so mühelos, das Gespräch von sich auf sie zu lenken.

Susan schluckte. Von Natur aus zurückhaltend, widerstrebte es ihr, private Angelegenheiten mit einem Mandanten zu besprechen. Vor allem einen des Mordes angeklagten Mandanten. Allerdings war die Frage relativ harmlos, und jeder gute Anwalt wusste, dass es wichtig war, eine persönliche Ebene zwischen sich und der Person, die er vertreten wollte, zu schaffen.

„Nicht mehr“, antwortete sie kurz, in der Hoffnung, weitere Fragen zu unterbinden und lediglich die reinen Fakten darlegen zu müssen.

„Kinder?“

„Zum Glück nicht.“

Die Worte klangen selbst in ihren Ohren hart, und die Art, wie Sebastians Miene weicher wurde, verleitete sie dazu fortzufahren: „Ich habe schon zu viele Sorgerechtsprozesse miterlebt, um zu glauben, dass Kinder so etwas unbeschadet überstehen. Ich denke, es ist ihnen gegenüber nicht fair.“

„Das finde ich auch“, erwiderte Sebastian.

Ihre Blicke trafen sich und das Verstehen, das wortlos zwischen ihnen herrschte, konnte mit Logik nicht erklärt werden. Susan überlegte, ob seine Überzeugung daher rührte, dass er selbst auch in einer zerbrochenen Familie aufgewachsen war – oder ob es noch viel weitreichendere Erfahrungen waren, die ihn geprägt hatten. Sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, welche Geheimnisse hinter diesen faszinierenden grauen Augen verborgen lagen.

Schließlich senkte sie den Blick und ermahnte sich, ihre Konzentration lieber auf den Fall zu richten.

„Lassen Sie uns weitermachen“, meinte sie. „Zunächst einmal zu Ihrem Alibi. Wo waren Sie in der Nacht, als der Mord geschehen ist, und wer könnte Ihren Aufenthaltsort bestätigen?“

„Mochte Ihr Exmann Kinder?“

„Nur bei Werbekampagnen, wenn sie ein Produkt bewarben, das er verkaufen wollte“, entgegnete Susan prompt. „Wo sagten Sie, waren Sie in der fraglichen Nacht?“

Sebastian grinste sie an, und sie nahm an, dass er so als kleiner Junge ausgesehen haben musste, wenn er mit schokoladenverschmiertem Mund ertappt worden war und die Keksdose hinter dem Rücken versteckt gehalten hatte.

„Ich habe gar nichts dazu gesagt. Im Moment bin ich weit mehr an Ihnen interessiert. Es ist schon lange her, dass ich mich in Gesellschaft einer so faszinierenden Frau befunden habe. Ich möchte gern wissen, was in Ihnen vorgeht.“

Überrumpelt von seinen Komplimenten, täuschte Susan Irritation vor. „Wenn ich Ihrer Neugier nachgebe, können wir dann mit Ihrem Fall fortfahren?“

Nickend lächelte Sebastian. Susan legte ihren Stift auf den Tisch, stützte die Ellenbogen auf und legte ihr Kinn in die Hände. „Dann schießen Sie los, damit wir es schnell hinter uns haben.“

Obwohl sie fest entschlossen gewesen war, ihre Antworten kurz zu halten, fühlte sie sich gezwungen, doch ausführlicher auf seine Fragen einzugehen. Vielleicht war es einfach so etwas wie Tribut, den sie seinem Charisma zollte. Und in gewissem Grad war es auch ihrer Einsamkeit zuzuschreiben. Es war so lange her, dass jemand ein Interesse an ihr gezeigt hatte, dass die Aufmerksamkeit, mit der Sebastian sie überschüttete, sie überraschte.

Sebastian hatte ihr nicht einmal Alkohol einflößen müssen, um sie dazu zu bringen, mehr über ihre Vergangenheit und Herkunft zu verraten, als sie vorgehabt hatte. Einfach durch seine Art, ihr aufmerksam und interessiert zuzuhören, vermittelte er ihr den Eindruck, dass er sie intelligent, lustig und bezaubernd fand. Es war unleugbar schmeichelhaft. Solch einem Charme würde selbst die härteste Frau nicht widerstehen können.

Und trotz der Umstände, die sie hierher geführt hatten, war Susan alles andere als hart. Tief in ihrem Inneren war sie noch immer das kleine Mädchen, das geschworen hatte, die Welt zu verbessern, indem sie die Bösen hinter Gitter brachte und die gut aussehenden Männer mit den weißen Cowboyhüten vertrat.

Und ja, sie hatte einen cremefarbenen Stetson an der Garderobe am Eingang bemerkt.

Glücklicherweise war Susan im Laufe des Abends zu der Überzeugung gelangt, dass Sebastian Wescott zwar im Bedarfsfall ein vermutlich rücksichtsloser Geschäftsmann sein konnte, jedoch nicht zu einem Mord fähig wäre. Jemand, der seine Hunde Pal und Buddy nannte und von einer Haushälterin dazu gebracht wurde, den Tisch abzuräumen, war schlichtweg nicht so herzlos, um einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Oder?

Als Susan schließlich die lange Liste ihrer Fragen abgehakt hatte, war es Nacht geworden. Sie legte eine Hand in den verspannten Nacken und streckte sich. Sebastians Vorschlag, ein kleines Bad im Whirlpool zu nehmen – er offerierte ihr auch einen Badeanzug, falls sie ein wenig schüchtern sei – war ein mehr als verlockendes Angebot. Aber viel zu gefährlich. Der Gedanke, mit diesem überaus attraktiven männlichen Wesen im heißen Wasser zu sitzen, ob nun nackt oder mit einem Badeanzug bekleidet, ließ sie glauben, dass es weitaus einfacher wäre, in ein brennendes Feuer zu springen, als die heißen Funken der Leidenschaft, die ein solches Bild hervorriefen, zu ertragen.

Deshalb täuschte sie ein Gähnen vor und erklärte, es sei Schlafenszeit. Sie verabredeten einen Termin für ihr nächstes Treffen, bevor Susan ihm erlaubte, sie zu ihrem Wagen zu bringen. Am nachtschwarzen Himmel funkelten Millionen Sterne wie kostbare Juwelen.

„Ich glaube, Sie haben Ihren Beruf verfehlt“, meinte Susan, als Sebastian ihr die Wagentür öffnete.

Er sah verwirrt aus. „Was meinen Sie damit?“

„Dass Sie es geschafft haben, mich dazu zu verleiten, Ihnen mehr Fragen zu beantworten als Sie mir, bringt mich zu der Überzeugung, Sie hätten einen guten Anwalt abgegeben.“

Sebastians Lachen war volltönend und hallte in der Dunkelheit wider. Gleichzeitig beschleunigte es Susans Puls.

„Fällt es Ihnen so schwer zu glauben, dass ich an Ihnen interessiert sein könnte, Susan?“ fragte er und hob ihr Kinn ein wenig, damit sie ihm in die Augen sah. Sie waren von der gleichen erstaunlichen Farbe wie die Sterne über ihn...

Autor

Sara Orwig

Sara’s lebenslange Leidenschaft des Lesens zeigt schon ihre Garage, die nicht mit Autos sondern mit Büchern gefüllt ist. Diese Leidenschaft ging über in die Liebe zum Schreiben und mit 75 veröffentlichten Büchern die in 23 Sprachen übersetzt wurden, einem Master in Englisch, einer Tätigkeit als Lehrerin, Mutter von drei Kindern...

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Jackie Merritt
Seit 1988 ihre erste Romance veröffentlicht wurde, schreibt Jackie Merritt hauptberuflich. Sie ist fest davon überzeugt, dass jeder, der ein bisschen Kenntnis von Sprache und Grammatik hat, ein Buch verfassen kann. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sehr viel Disziplin aufbringen kann. Die ersten Seiten sind leicht – bis zum...
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