The Lost Book of First Loves – Das Geheimnis der Sommerschwestern

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Zwei Schwestern, eine verlorene Liebe und ein verschollen geglaubtes Manuskript, das alles verändert …


Nach dem Tod ihres Vaters, des Bestsellerautors Carson Wells, erfährt die 25-jährige Alison, dass sie eine Halbschwester hat. Getrieben von dem Wunsch, diese June Connelly zunächst inkognito kennenzulernen, nimmt sie einen Aushilfsjob in deren Hightechunternehmen in Seattle an. Als June einen Zusammenbruch hat, lädt Ali sie spontan auf die Painted Sky Ranch ein – jene Ranch, auf der ihr Vater sie großgezogen hat. Obwohl sich beide Frauen immer besser verstehen, fehlt Ali der Mut, June zu sagen, was sie verbindet. Doch dann entdeckt June ein verschollen geglaubtes Manuskript, das Carson Wells’ große Liebe zu ihrer Mutter offenbart. Wird diese pikante Wahrheit die Schwestern vereinen – oder für immer trennen?


  • Erscheinungstag 15.08.2026
  • Bandnummer 32
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538916
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

RaeAnne Thayne

The Lost Book of First Loves –
Das Geheimnis der Sommerschwestern

Für alle, die eine Geschichte in sich tragen.

Möget ihr den Mut finden, sie aufzuschreiben und
mit anderen zu teilen, und das Glück empfinden,
eure Worte in die Welt entlassen zu haben.

1. KAPITEL

Juniper

An dem Tag, an dem sie starb, hatte Juniper Connelly gerade ihre aktuelle Praktikantin gefeuert.

Drei Wochen lang hatte June versucht, so geduldig zu sein, wie es ihr nur möglich war. Ihr war es immer sehr wichtig gewesen, andere Frauen zu fördern, besonders so kluge und kreative Köpfe wie Alison Wells. Frisch von der Uni mit einem Jura-Abschluss in der Hand, wenn auch ohne praktische Erfahrung, schien sie bestens in das Mentoringprogramm von Move Inc. zu passen. Auf dem Papier hatte sich alles perfekt angehört: Ein Bachelor-Abschluss in VWL. Zweitbeste ihres Jahrgangs an der juristischen Fakultät der University of Utah. Empfehlungsschreiben von mehreren Professoren.

Move Inc. erhielt jeden Sommer Hunderte von Bewerbungen von Hochschulabsolventen, die in das begehrte Praktikantenprogramm aufgenommen werden wollten. Aber nur jeweils eine Handvoll wurde auch ausgewählt. Alison Wells’ Name landete schnell ganz oben auf dem Stapel und June nahm sie persönlich unter ihre Fittiche.

Sie hatte große Hoffnungen, dass Alison ein weiterer Triumph werden würde, genau wie ihre Vorgängerin, die direkt nach ihrem Praktikum eine prestigeträchtige Position bei Microsoft angetreten hatte. Doch nach drei Wochen voller Patzer und Fehler musste June einsehen, dass Alison nicht für das Praktikantenprogramm geeignet war.

Sie wollte ihr die Nachricht möglichst schonend übermitteln. Als Marketingleiterin bei einem der weltweit am schnellsten wachsenden Tech-Innovationsunternehmen hatte June vielleicht den Ruf, etwas schroff zu sein, aber grausam war sie nicht.

Trotzdem sah sie keinen Sinn darin, lange um den heißen Brei herumzureden.

„Sie stimmen mir sicher zu, dass die letzten drei Wochen eine einzige Katastrophe waren“, begann sie mit bewusst ruhiger Stimme, während sie Alison über die breite Fläche ihres Schreibtisches hinweg musterte.

Aus ihrem Fenster im einundzwanzigsten Stock hatte sie einen atemberaubenden Blick auf die Skyline von Seattle und den Puget Sound. Der Anblick der Stadt und des glitzernden Wassers erfüllte sie jedes Mal aufs Neue mit Glücksgefühlen.

„Na ja, als komplette Katastrophe würde ich sie nicht gerade bezeichnen“, murmelte Alison mit leiser Stimme und fixierte den handgewebten Teppich – laut Junes Designerin ein hochwertiges Stück direkt aus den Souks von Marokko.

Ihre Stimme hatte unverkennbar einen verletzten Unterton, als verspürte sie körperlichen Schmerz.

June seufzte. „Genau das meine ich“, hätte sie am liebsten gesagt. Alison bräuchte einfach ein dickeres Fell, um sich in der hektischen, rücksichtslosen Welt der obersten Führungsetage zurechtzufinden.

Natürlich konnte sie versuchen, Alison beizubringen, wie man eine Besprechung leitet und ein Team organisiert und motiviert. Aber sie konnte ihr nicht dabei helfen, Rückgrat zu entwickeln. Die Frau war ständig nervös, wenn sie sich im selben Raum befanden, selbst nach drei Wochen noch. Sie sprach kaum ein Wort, und wenn doch, stammelte sie herum und richtete die meisten ihrer Antworten an den Fußboden.

„Sie haben Potenzial, Alison“, sagte June so sanft, wie sie es vermochte. „Sonst hätte ich Sie nicht als meine Praktikantin ausgewählt. Ich bin absolut sicher, dass Sie viel erreichen werden, sobald Sie herausgefunden haben, was Sie mit Ihrem Leben anfangen wollen. Klar ist jedoch, dass dieses Lebensziel nicht darin besteht, als Führungskraft bei Move Inc. zu arbeiten.“

Sah sie da eine gewisse Erleichterung in den Augen der anderen Frau? June konnte es nicht genau sagen.

„Vielleicht nicht, Ms. Connelly“, antwortete Alison nach einer Pause. „Ich kenne mich nicht wirklich mit neuen Technologien aus. Aber ich bin dankbar für die Chance, die Sie mir gegeben haben, trotz meiner offensichtlichen Wissenslücken.“

„Es freut mich, dass Sie das sagen.“

„Meine Zeit hier war extrem aufschlussreich. Dadurch, dass ich Sie bei der Arbeit beobachten konnte, habe ich mehr gelernt, als ich Ihnen jemals sagen könnte.“

June war sich nicht ganz sicher, ob das als Kompliment gemeint war. Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie einen plötzlichen, stechenden Schmerz in der Herzgegend verspürte, der ihr den Atem raubte.

Sie griff sich an die Brust, als könnte sie den rasenden Schmerz mit den Händen packen, und stieß einen untypisch deftigen Fluch aus. Dann glitt sie vom Stuhl auf den Boden.

2. KAPITEL

Alison

Ein paar Sekunden lang starrte Alison fassungslos auf Juniper Connelly, die reglos hinter ihrem eleganten Schreibtisch im Mid-Century-Modern-Stil auf dem Teppich lag.

Ihr Gehirn konnte kaum verarbeiten, was ihre Augen sahen.

Im einen Moment war da noch die kompromisslose June gewesen, die mit selbstbewusstem und bestimmtem Tonfall deutlich machte, für was für eine Versagerin sie Alison hielt.

Nicht, dass es sie überrascht hätte. Schließlich war sie von dem Moment an, als sie das Gebäude von Move Inc. betreten hatte, ein nervliches Wrack gewesen.

Im nächsten Moment hatte June sich an die Brust gegriffen und war zu Boden geglitten.

Was zum Teufel war denn jetzt los?

Ein oder zwei Sekunden lang fühlte sie sich wie gelähmt vor Schreck – und vom Echo eines noch immer frischen Traumas. Dann stürzte sie nach vorn.

„Ms. Connelly? June?“

Als sie keine Antwort bekam, schob sie den Stuhl aus dem Weg und zog June vollends auf den Boden. Das Gesicht der Frau war kreidebleich und ihre Züge zeichneten sich blass gegen den hochflorigen Teppich ab. Ihre Augen waren offen und blickten starr ins Leere.

Alison fühlte nach einem Puls. Als sie keinen fand, überkam sie Panik. Das konnte nicht wahr sein!

„Hilfe!“, schrie sie. „Wir brauchen Hilfe!“

Sie atmete tief ein, um sich etwas zu beruhigen, dann wandte sie sich wieder ihrer Chefin zu. „Halten Sie durch. Durchhalten, June.“

Sie knöpfte die taillierte schwarze Bluse auf und positionierte die Bewusstlose flach auf dem Boden. Im Kopf ging sie noch einmal die Schritte durch, die sie vor ein paar Monaten im Kurs gelernt hatte. Erneut fühlte sie nach einem Puls. Nichts. Auch Junes Brustkorb bewegte sich nicht, und Ali konnte keinerlei Lebenszeichen erkennen.

Okay. Sie wusste, was zu tun war. Sie hatte die nötige Ausbildung. Wenn sie doch nur den Mut aufbringen könnte!

Alison nahm einen tiefen Atemzug und wollte gerade zur ersten Beatmung mit anschließender Herzdruckmassage ansetzen, als sie spürte, dass jemand den Raum betreten hatte.

„Was ist denn hier los?“

Die fassungslose Stimme gehörte Jason Taylor, wie sie mit einem raschen Blick erkannte, Junes Assistent. Einer von zweien, um genau zu sein, die in den Bürokabinen neben der von Alison arbeiteten.

„Was hast du getan?“

Auch er war nicht gerade beeindruckt gewesen von ihrer schwachen Leistung in den letzten drei Wochen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie in sein hochmütiges Gesicht. „June ist zusammengebrochen. Ruf einen Krankenwagen. Sag ihnen, wir haben einen medizinischen Notfall mit unbekannter Ursache. Sie atmet nicht und muss reanimiert werden. Weißt du, wie das geht?“

Er starrte sie an. „Reanimiert?“, wiederholte er, als hätte er das Wort noch nie gehört.

Er würde wohl keine große Hilfe sein. Die Zeit drängte. Ihr blieb nur ein winziges Zeitfenster, um irreversible Hirnschäden durch Sauerstoffmangel zu verhindern. „Ruf den Notarzt“, befahl sie so bestimmt, wie sie nur konnte.

Und dann, ohne dass sie es verhindern konnte, stieg plötzlich das kürzlich erlittene Trauma in ihr auf, die Hilflosigkeit, die Angst und die unvermeidliche, erdrückende Trauer.

Nicht auch noch June. Vor allem nicht, bevor sie die Chance gehabt hatte, ihr zu sagen …

Entschlossen schob Alison alle Gedanken an die Umstände weg, die sie hierhergebracht hatten, in dieses Hochhaus in Seattle und das schicke Büro der Frau, die sie so sehr einschüchterte. Stattdessen zwang sie sich, ihre Konzentration auf die anstehende Aufgabe zu richten.

Sie würde nie die Chance haben, Juniper Connelly irgendetwas zu sagen, wenn diese nicht wieder zu atmen anfing.

Erneut nahm sie einen tiefen Atemzug und beugte sich dann hinunter, um mit der Beatmung zu beginnen. Die Luft schien in die Lungen zu strömen, kam jedoch nicht wieder heraus. Also kniete sie sich neben June, legte eine Hand über die andere und begann in ihrem Kopf zu zählen.

An einem echten Menschen eine Reanimation durchzuführen, war etwas ganz anderes, als an der Puppe zu üben, die sie in dem Trainingskurs benutzt hatten, zu dem sie sich nach dem Tod ihres Vaters angemeldet hatte. Das hier war echt, nicht nur eine Übung. Das Leben eines Menschen stand auf dem Spiel. Das Leben von Juniper Connelly stand auf dem Spiel.

Sie führte gerade die dritte Runde Herzdruckmassagen durch, als Jason zurück ins Büro geeilt kam.

„Okay“, sagte er. Sie konnte die Angst in seiner Stimme hören, sah aber nicht von ihren Wiederbelebungsversuchen auf. „Der Krankenwagen ist unterwegs. Atmet sie?“

„Noch nicht.“ Ali war so auf ihre Tätigkeit konzentriert, dass sie ihm nicht einmal einen Blick zuwarf.

Sie hörte, wie er die Information am Telefon wiederholte, dann trat er näher an sie heran. „Die Notrufleitstelle fragt, ob du weißt, wie man eine Reanimation durchführt.“

War das nicht offensichtlich?

„Ja“, stieß sie hervor, während sich ihre Arme im gleichmäßigen Rhythmus von „Staying Alive“ bewegten. „Ich habe vor zwei Monaten einen Kurs gemacht.“

Später würde sie zutiefst dankbar dafür sein, dass sie sich dazu durchgerungen hatte, das Erste-Hilfe-Training zu absolvieren. Damals war sie von Trauer, Schmerz und der Erinnerung an ihre Hilflosigkeit angetrieben worden, als sie ihrem Vater nicht hatte helfen können. Nie wieder wollte sie den Schmerz ertragen müssen, jemanden vor ihren Augen sterben zu sehen. Schon gar nicht jemanden, den sie liebte.

Sah June nicht schon ein wenig besser aus? Sie war immer noch totenblass, aber ihre Wangen schienen einen Hauch mehr Farbe zu haben. Oder vielleicht war das auch nur Wunschdenken. Ali verlor jegliches Zeitgefühl und wusste nicht mehr, wie viele Zyklen sie bereits ausgeführt hatte, als der Raum sich plötzlich mit Menschen füllte.

Wie viele waren es, ein Dutzend, zwei? Sie ließ nicht von June ab, selbst als die Notfallsanitäter zu ihr traten. Mechanisch beantwortete sie ihre Fragen, während der Instinkt sie zwang, ihren Rhythmus unablässig beizubehalten. Schließlich schob einer von ihnen sie sanft beiseite.

„Miss? Sie müssen jetzt zur Seite gehen. Ich übernehme ab hier. Wir haben einen Defibrillator und werden versuchen, sie mit einem Elektroschock zurückzuholen.“

Sie ließ sich auf die Fersen zurücksinken. Jemand – war es Jason? – reichte ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen. Ihre Arme, Schultern und ihr Rücken brannten von der Anstrengung.

Sie konnte ihre Augen nicht von der dramatischen Szene abwenden, die sich auf dem Boden abspielte, von Juniper, die so blass und still dalag, während ein halbes Dutzend Notfallsanitäter um sie herum auf Hochtouren arbeitete. Einer setzte die Herzdruckmassage fort, während ein anderer eine Sauerstoffmaske, die an einem Beutel befestigt war, über ihre Nase und ihren Mund legte. Eine Sanitäterin öffnete ein tragbares Gerät und zog Klebeelektroden heraus, die sie auf Junes nun nackter Brust anbrachte.

„Okay, Mike“, befahl die Frau mit autoritärer Stimme. „Kompressionen aussetzen. Alle zurücktreten.“

Eine mechanische Stimme aus dem Gerät verkündete, dass ein Elektroschock vorbereitet würde, und vermeldete Sekunden später: „Schock wurde abgegeben. Weiter mit Herzdruckmassage und Beatmung.“

Plötzlich waren alle wieder extrem geschäftig. „Tut sich schon etwas?“, fragte der Sanitäter, der die Herzdruckmassage durchführte.

„Noch nicht.“

Ein zweiter Elektroschock wurde durchgeführt. Diesmal konnte sogar Ali von ihrem Platz am Rande des Geschehens aus erkennen, dass irgendetwas anders war.

„Ich habe einen Puls“, rief einer von ihnen.

Ein Puls. Vielleicht würde June doch überleben. Alison wäre vor Erleichterung beinahe wieder auf den Boden gesunken. Glücklicherweise war Jason da, und zu ihrer Überraschung legte er tröstend einen Arm um ihre Schultern, während die Sanitäter sich weiter um June kümmerten.

„Ja. Sie hat einen Puls“, sagte die Frau mit der autoritären Stimme. „Er ist schwach, aber es ist definitiv ein Puls da. Machen Sie mit dem Beatmungsbeutel weiter.“

June kam zwar noch nicht zu Bewusstsein, aber Ali konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb jetzt von alleine hob und senkte. Die Behandlung wurde fortgesetzt, bis zwei weitere Sanitäter mit einer Trage hereinkamen.

„Wohin bringen Sie sie?“, fragte sie einen von ihnen.

Er nannte ihr den Namen eines Krankenhauses, aber sie war noch nicht lange genug in Seattle, um zu wissen, wo das war.

„Hat sie Angehörige, die wir kontaktieren sollten?“

Sie blickte ihn stumm an, unsicher, was sie darauf antworten sollte. Da sprang Jason ein.

„Nein. Sie hat keine Familie“, antwortete er. „Nur ein paar enge Freunde. Adam Greene, der CEO der Firma, ist einer davon, aber er ist diese Woche in Hongkong. Ich kann ihn benachrichtigen.“

„Wird sie wieder gesund?“, platzte Ali heraus.

Der Sanitäter zuckte mit den Schultern. „Das können die Ärzte besser beurteilen als wir. Sie haben getan, was Sie konnten. Gute Arbeit. Ohne Sie würden wir sie jetzt in die Leichenhalle bringen, nicht in die Notaufnahme.“

Als die Sanitäter gegangen waren, senkte sich eine düstere Stimmung über das Büro. Der Boden war mit den Überresten des Notfalleinsatzes übersät, leeren Medikamentenverpackungen und einer weggeworfenen Sauerstoffmaske. Die Luft roch nach Alkoholtupfern, scharf und unangenehm.

In der seltsamen Atmosphäre fühlte sich Ali, als hätte sie wie durch ein Wunder einen Tsunami überlebt und watete nun zurück an Land.

„Wow. Du hast ihr das Leben gerettet.“ Jason sah schockiert aus.

Margaret Thuy, Junipers andere Assistentin, die hereingekommen sein musste, während Alison die Herzdruckmassage durchführte, warf ihr einen bewundernden Blick zu. „Meine Güte, du hast ja Nerven wie Drahtseile. Ich hätte viel zu viel Angst gehabt. Woher weißt du, wie man eine Herzdruckmassage durchführt?“

„Mein Vater ist vor sechs Monaten an einem Herzinfarkt gestorben. Ich … konnte ihm nicht helfen. Ich habe einen Kurs gemacht, damit ich nie wieder in diese Situation komme.“

Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie zitterte. Ihre Arme bebten und ihre Schultern zuckten leicht. Außerdem war ihr übel. Aber sie hatte an diesem Morgen auch nicht viel gegessen.

June war gerade dabei gewesen, sie zu feuern. Oder besser gesagt, da sie eine unbezahlte Praktikantin war, teilte sie ihr gerade mit, dass ihre Dienste nicht mehr benötigt wurden.

Sie stimmen mir sicher zu, dass die letzten drei Wochen eine einzige Katastrophe waren.

Ali hatte die Enttäuschung im Gesicht der anderen Frau gesehen, eine Art gequälter Resignation.

Sie konnte nicht behaupten, dass sie es nicht verdient hätte, entlassen zu werden. Sie hatte eine lausige Praktikantin der Geschäftsleitung abgegeben, besonders in einem so schnelllebigen Tech-Innovationsunternehmen wie Move Inc. In Junipers Nähe war sie stets ein einziges Nervenbündel gewesen, wie ihre Großmutter zu sagen pflegte, und sie hatte sich meilenweit außerhalb ihrer Komfortzone befunden.

Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Die Frau, die der alleinige Grund war, warum sie nach Seattle gekommen war, wurde gerade in ein Krankenhaus gebracht, und nun wusste Alison nicht, was sie tun sollte.

Sie konnte sich nicht einfach … davonmachen. June würde in den nächsten Tagen oder Wochen Hilfe brauchen. Vielleicht sogar über Monate. Ali konnte sie nicht im Stich lassen.

Sie würde bleiben und ihr helfen, wo sie konnte. Möglicherweise konnte sie June im Krankenhaus besuchen und Besorgungen für sie machen. Was auch immer anfallen würde.

Ihren Vater hatte sie nicht retten können. Doch selbst wenn June gerade dabei gewesen war, sie zu entlassen, würde Alison sich nicht einfach davonschleichen und eines der wenigen Familienmitglieder, die ihr geblieben waren, im Stich lassen.

3. KAPITEL

Juniper

Als June später versuchte, sich an diese ersten Stunden zu erinnern, nachdem ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen und sie ins Leben zurückgeholt worden war, kamen nur vage Gefühle wie Verwirrung, Angst und Schmerz in ihr hoch.

Winzige Erinnerungsfetzen blitzten auf: der Schock, fremde Personen über sich gebeugt zu sehen; wie sie rätselte, warum sie auf einer Art Bahre im Aufzug lag; was die Maske über ihrer Nase sollte; wohin man sie brachte.

Aufzuwachen und sich hier in diesem Krankenzimmer wiederzufinden, während jemand in der Ecke saß und eine Krankenschwester ihre Infusion, die Elektroden auf ihrer Brust und ihre Sauerstoffeinstellungen überprüfte.

Sie hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging. Sie wusste nur, dass ihre Brust höllisch schmerzte. Einmal hatte sie sich nach einem schweren Sturz bei einem Rennen eine Rippe gebrochen. Aber das hier fühlte sich irgendwie schlimmer an.

Die Person in der Ecke bewegte sich nicht, selbst nachdem die Krankenschwester gegangen war. Sie konnte sie nicht richtig erkennen, sondern nahm lediglich aus den Augenwinkeln eine Präsenz wahr.

Konnte es Adam sein? Er war doch diese Woche in Hongkong, oder?

Nein, es musste sich um eine Frau handeln, stellte sie dann fest, nicht Adam. Eine kleine Frau.

Vielleicht waren es Jade oder Luce, ihre beiden engsten Freundinnen. Doch die Person, deren Gesicht sie nicht richtig erkennen konnte, hatte weder Jades langes, glattes, schwarzes Haar noch Luces kastanienbraune Locken. June verlagerte ihre Position, um besser sehen zu können, und erblickte eine Frau mit honigfarbenem Haar, das zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt war.

Plötzlich flackerte ein Gefühl des Wiedererkennens auf. Sie kannte diese Frau. Es war ihre unfähige Praktikantin, Alison Wells, die in Yogaleggings und einem Kapuzenpulli leicht zerzaust und viel ungezwungener aussah als in der Business-Kleidung, die sie normalerweise trug.

Was machte sie hier?

June runzelte die Stirn und versuchte, klare Gedanken zu fassen, obwohl diese ihr immer wieder zu entgleiten schienen.

Sie musste irgendein Geräusch gemacht haben, denn Alison richtete sich nun auf dem Stuhl auf und blinzelte.

„Oh. Hi. Sie sind wach.“

„Was ist passiert? Warum bin ich hier?“ Ihre Stimme war ein heiseres Krächzen. Sie brauchte dringend einen Schluck Wasser. Auf einem Rolltisch, der etwas außerhalb ihrer Reichweite stand, sah sie einen Plastikbecher mit Eiswasser und einem Strohhalm.

Alison musste ihren Blick bemerkt haben. Unaufgefordert nahm sie den Becher und hielt ihn June hin, die dankbar am Strohhalm nippte und dann erschöpft den Kopf wieder auf das Kissen sinken ließ.

„Sie dürfen ruhig trinken. Die Krankenschwester hat es erlaubt, sonst hätte ich Ihnen den Becher nicht gereicht.“

„Was ist mit mir passiert?“, fragte June wieder.

Alison sah unbehaglich aus. „Die Ärzte und Schwestern können Ihnen das besser erklären als ich.“

„Sagen Sie es mir“, drängte June und versuchte, ihre gebieterischste Stimme aufzusetzen. Heraus kam ein mickriges Fiepen.

Alison schürzte die Lippen und wirkte unentschlossen. „Es wäre besser, die Fachleute würden es Ihnen erklären.“

„Ich muss es wissen. Bitte.“

Alison seufzte. „Sie hatten anscheinend ein Problem mit dem Herzen. Ein ziemlich schwerwiegendes sogar.“

Das konnte nicht stimmen. Sie war doch erst vierunddreißig Jahre alt. Und kerngesund dazu. Sie lief Halbmarathons. Sie konnte kein Problem mit dem Herzen gehabt haben. Was auch immer das bedeuten sollte.

„Nein, jetzt mal im Ernst. Was ist wirklich passiert?“

Alisons Miene verriet nun Mitgefühl. „Genau das, was ich gesagt habe. Im einen Augenblick unterhielten wir uns in Ihrem Büro, im nächsten brachen Sie an Ihrem Schreibtisch zusammen. Sie haben aufgehört zu atmen. Es war furchtbar.“

Langsam schien ihr Gehirn wieder in Gang zu kommen. Die Einzelteile waren alle da, aber sie konnte sie noch nicht ganz zusammensetzen.

„Ich … habe aufgehört zu atmen?“

Alison nickte. „Sie hatten keinen Puls und Ihr Herz schlug nicht mehr, also habe ich mit der Herzdruckmassage begonnen, während Jason den Notruf gewählt hat.“

„Das ist … unmöglich. Unmöglich.“

Sie trieb jeden Tag Sport. An der Highschool war sie eine Spitzenläuferin gewesen und später sogar gegen andere Colleges angetreten. Ihr ganzes Leben drehte sich um Fitness. Meine Güte, sie war stellvertretende Geschäftsführerin und Marketingleiterin bei Move Inc., einem Unternehmen, das die angesagtesten Fitnessgeräte auf dem Markt herstellte.

„Unmöglich“, wiederholte sie. Doch Alison schien es absolut ernst zu meinen.

„Sie führen gerade Tests durch, um herauszufinden, was passiert ist, und hoffen, morgen mehr zu wissen. So lange bleiben Sie auf der Intensivstation für Herzpatienten. Man kümmert sich hier gut um Sie.“

All das ergab keinen Sinn. Warum war Alison hier? Und warum tischte sie June diese lächerliche Geschichte auf, warum sie hier war?

In ihrem Kopf blitzte eine Erinnerung auf, wie sie das Krankenhauszimmer ihrer Mutter betrat, die bandagiert und totenbleich in ihrem Bett lag, mit leblosen Augen und unzähligen Schläuchen an ihrem Körper.

Sie erinnerte sich an ihr verwirrtes, verängstigtes fünfzehnjähriges Ich, das sich schluchzend verabschiedete, während eine Sozialarbeiterin des Jugendamtes bereitstand, um sie in die nächste Phase ihres Lebens zu begleiten.

Heftige Panik flammte in June auf. „Ich kann nicht hierbleiben.“ Sie fing an, an den Kabeln zu reißen, und versuchte aufzustehen.

„Hey. Bitte lassen Sie das. Es ist alles in Ordnung. Alles okay.“

Alison trat näher an das Bett heran und legte ihr eine Hand auf den Arm. Eine Krankenschwester im blauen Kittel eilte herbei und veränderte einige Einstellungen an den Maschinen.

„Das dürfen Sie nicht tun. Wenn Sie sich aufregen, müssen wir Ihre Besucherin bitten zu gehen“, sagte sie mit strenger Stimme, bevor sie sich dem Patienten im nächsten Abteil zuwandte.

„Warum sind Sie hier?“, fragte June und zwang sich, trotz der Schmerzen in ihrer Brust zu atmen.

„Jemand musste die Formulare unterschreiben und persönliche Angaben zu Ihnen machen. Wir – Jason, Margaret und ich – wussten nicht, wen wir hätten kontaktieren können. Mr. Martinez konnten wir nicht finden, also riefen wir Mr. Greene an und er sagte, einer von uns solle sich darum kümmern. Er hat morgen früh noch Termine, will aber gleich danach nach Hause fliegen, sodass er morgen Abend oder übermorgen hier sein sollte.“

Adam Greene und Rudy Martinez waren seit Jahren ihre engsten Freunde. Gemeinsam hatten sie Move Inc. gegründet, als sie alle noch zum College gingen, und das Unternehmen von Grund auf aufgebaut. Rudy war homosexuell und hatte einen festen Partner. Adam und sie waren einmal probeweise eine romantische Beziehung eingegangen, hatten aber schnell gemerkt, dass sie als Freunde viel besser miteinander auskamen als als Paar.

Nach mehr als fünfzehn Jahren Freundschaft kannte sie Adam in- und auswendig. Er konnte egoistisch und verbohrt sein und hatte wenig Geduld für die Schwächen anderer. Zweifellos hatte er irgendwo eine Liste ihrer Fehler, die mit Sicherheit viel zahlreicher waren als seine.

Dennoch waren die beiden das, was für sie einer Familie am nächsten kam. Sie brauchte einen von ihnen hier und jetzt, nicht erst morgen, wenn es den Herren besser passte.

„Haben Sie Angehörige in der Gegend, die ich kontaktieren könnte?“, fragte Alison, als ob sie ihre Gedanken gelesen hätte. „Ich habe die anderen im Büro gefragt, aber weder Jason noch Margaret wussten, ob es noch jemanden gibt, den wir benachrichtigen sollten.“

Trotz der geschäftigen Krankenhausatmosphäre und der Menschen, die sie vor den Fenstern entlangeilen sah, fühlte June sich plötzlich sehr allein.

Was sollte denn das nun? Sie war doch schon seit Jahren allein.

„Nein. Ich habe keine Familie in der Gegend, und Sie brauchen auch niemanden anzurufen.“ Sie krümmte und streckte ihre Finger auf dem Laken. „Das ist doch alles Quatsch. Ich habe hier nichts verloren. Mir geht es gut.“

Wieder setzte sie an, nach den Kabeln an ihrer Brust zu greifen, aber Alison legte ihr eine Hand auf den Arm. „Ich kann mir vorstellen, wie erschüttert Sie sein müssen. Es tut mir leid. Das war zweifellos ein Schock. Es kommt schließlich nicht jeden Tag vor, dass man dem Tod ins Auge blickt und zurück ins Leben geholt wird.“

Wenn sie wirklich gestorben wäre, wer hätte dann ihren Tod betrauert?

Adam und Rudy und sein Partner natürlich. Ihre anderen Freunde, einige ihrer Arbeitskollegen. Aber das wars auch schon.

Die Krankenschwester eilte erneut herein, diesmal mit einer Spritze in der Hand.

„Entschuldigen Sie, dass ich mich vorhin nicht vorgestellt habe. Wir hatten nebenan einen kleinen Notfall. Hallo, Juniper. Mein Name ist Katherine und ich bin heute Nacht für Sie zuständig. Wie fühlen Sie sich?“

Als wäre sie von einem Lastwagen angefahren und dann eine Klippe hinuntergeworfen worden.

„June. Ich heiße June. Ich sollte nicht hier sein. Hier muss ein Irrtum vorliegen.“

„Ich kann mir vorstellen, wie aufwühlend das alles für Sie ist. Aber Sie werden von den besten Kardiologen überhaupt versorgt, und die werden Sie wieder auf die Beine bringen.“

Sie nickte, unsicher, was sie darauf erwidern sollte.

„Ich gebe Ihnen jetzt ein Schmerzmittel. Sie haben eine angeknackste Rippe von der Herz-Lungen-Massage, die sicher höllisch wehtut. Das Mittel wird Sie schläfrig machen, aber das ist völlig normal.“

Sie schenkte ihr ein tröstendes Lächeln und spritzte etwas in den Infusionsschlauch, der an Junes Arm angeschlossen war.

Als das Medikament in ihr Blut tröpfelte, fühlte June sich fast augenblicklich besser. Sie war so furchtbar müde. Sie würde ein wenig schlafen und beim Aufwachen würde sie vielleicht feststellen, dass dies alles nur ein böser Traum war.

Als sie Alison Wells ansah, deren Gesicht nun anfing, vor ihren Augen zu verschwimmen, streifte sie der Gedanke, dass es im Zusammenhang mit dieser Frau irgendetwas gab, an das sie sich erinnern sollte. Etwas Wichtiges war zwischen ihnen vorgefallen oder hätte vorfallen sollen.

Inzwischen war es ihr unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, also schloss sie einfach die Augen und ergab sich dem Unvermeidlichen.

4. KAPITEL

Alison

Ali atmete erleichtert aus, als sie sah, wie Junes Augen sich schlossen und ihre Züge sich entspannten. Ihr Gesicht sah gezeichnet und verhärmt aus, mit tiefen Schatten unter den Augen und einer Blässe, die ihr Sorgen bereitete.

Trotz alldem war ihr Gesicht immer noch hübsch, mit hohen Wangenknochen, fein geschwungenen Brauen und blauen Augen, die Alison sehr an die ihres Vaters erinnerten.

In den letzten drei Wochen, in denen sie sich komplett blamiert hatte, als sie versuchte, Aufgaben zu erledigen, für die sie gänzlich unqualifiziert war, hatte Alison keine Gelegenheit gehabt, June einmal richtig anzusehen. Jetzt, da sie schlief, studierte sie ihre entspannten Züge und hoffte, irgendeine Ähnlichkeit zu sich selbst zu entdecken.

Tatsächlich sahen die beiden Frauen recht unterschiedlich aus. Während June groß, schlank und athletisch war, mit kastanienbraunem Haar und Augen so blau wie ein Bergsee, war Alison zwanzig Zentimeter kleiner, zierlich und hatte definitiv eher weibliche Rundungen als eine sportliche Statur.

Außerdem war June eine hochrangige Führungskraft, die alle anderen Mitarbeiter bei Move Inc. einerseits beeindruckte, andererseits aber auch einschüchterte. Alison hingegen war eine unbedeutende Praktikantin gewesen, die sich unbehaglich fühlte, sobald sie auch nur jemand ansprach.

Die Ergebnisse des DNA-Tests vor einigen Monaten hatten ihre Welt komplett auf den Kopf gestellt. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Es schien einfach unvorstellbar, dass ihr verstorbener Vater, der berühmte Autor Carson Wells, irgendwo auf der Welt ein uneheliches Kind gehabt haben sollte, das jetzt vierunddreißig Jahre alt war, acht Jahre älter als Alison. Oder dass dieses uneheliche Kind jetzt eine clevere, erfolgreiche Führungskraft bei einem der weltweit führenden Tech-Unternehmen war.

Und doch war ihr klar, dass es stimmen musste. Ihre DNA hatte zu viele Übereinstimmungen, als dass sie etwas anderes als Schwestern sein konnten, zumal Junes DNA auch eine enge Verbindung zu der ihres Vaters aufwies.

Als die Ergebnisse des Tests eintrafen, von dem sie fast vergessen hatte, dass sie und ihr Vater ihn vor seinem Tod gemacht hatten, war Alison fassungslos und aufgebracht gewesen.

Wie konnte Carson ein so riesiges Geheimnis vor ihr haben? Und wie konnte ausgerechnet der Mann, der stets Bücher über Ehre und Integrität schrieb, sein Kind im Stich lassen?

Sobald Alison von dieser Verbindung erfahren hatte, hatte sie das Bedürfnis verspürt, Kontakt mit dieser Person aufzunehmen. Ihre Nachforschungen hatten sie schließlich zu einer Frau in Seattle geführt: Tech-CEO Juniper Connelly, die den Ruf hatte, äußerst kreativ und scharfsinnig zu sein.

Natürlich konnte sie nicht einfach auf sie zustürmen und ihr offenbaren, dass sie Halbschwestern waren. Sie wollte die andere Frau erst kennenlernen, um herauszufinden, ob sie überhaupt eine Beziehung zu ihr aufbauen wollte. Das Praktikum in der Unternehmensführung schien die perfekte Gelegenheit zu sein.

Nachdem sie ihre Halbschwester über Wochen an ihrem Arbeitsplatz beobachtet hatte, hatte Ali jedoch immer noch nicht das Gefühl, sie wirklich zu kennen. Juniper konnte aufbrausend, knallhart, fordernd und sehr ehrgeizig sein. Aber sie hatte auch eine gütige, sanfte Seite. So hatte Alison zufällig entdeckt, dass sie großzügig an einen Boys-and-Girls-Club in der Gegend spendete und sich ehrenamtlich in einem Freizeitzentrum für Jugendliche engagierte, die Gefahr liefen, durchs Raster zu fallen.

Die Frau war schwer zu durchschauen. Und so kam es, dass Ali nun in der kardiologischen Intensivstation des größten Krankenhauses von Seattle saß und sich fragte, was genau sie dort tat, und vor allem, was sie als Nächstes tun sollte.

„Ich muss Sie nun bitten zu gehen“, sagte die Krankenschwester sanft. „Es tut mir leid, aber sie braucht ihre Ruhe, besonders da morgen all diese Untersuchungen durchgeführt werden.“

„Okay. Danke.“

„Keine Sorge. Wir werden uns gut um sie kümmern.“

Sie war gerade in den Wartebereich der Intensivstation zurückgekehrt, als ihr Handy vibrierte. Sie nahm es aus der Tasche und sah, dass eine SMS eingegangen war.

„Bist du noch in Seattle? Lass mich raten, du bist in einem der unzähligen Starbucks dort.“

Xander Scott, einer ihrer ältesten und engsten Freunde. Er brachte sie immer zum Lächeln, selbst in den stressigsten Momenten.

„Immer noch in Seattle, aber nicht bei Starbucks“, schrieb sie zurück. „Du glaubst nicht, wo ich gerade bin. Aber die Geschichte ist zu lang, um sie dir per SMS zu erzählen. Sie schreit definitiv nach Mojitos und Nachos.“

„Klingt gut. Ich komme nächste Woche auf meinem Rückweg von Indonesien sowieso nach Seattle und könnte einen kurzen Zwischenstopp einlegen, bevor ich für ein paar Wochen zurück nach Wyoming fliege. Ich wollte Tante Sylvia nach ihrer Hüft-OP im Haushalt helfen. Würde mich freuen, wenn wir uns treffen und ich vielleicht auf deiner Couch pennen könnte.“

Xander war einer der erfolgreichsten Reise-Vlogger auf YouTube und hatte immer einen extrem vollen Terminkalender. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal gesehen hatten.

Bei seiner SMS überkam sie eine plötzliche Sehnsucht nach Bridger Peak, ihrer und Xanders Heimatstadt in Wyoming. Sie war klein und idyllisch, mit einer spektakulär schönen Umgebung und bodenständigen Menschen.

Es war ihr Zuhause, auch wenn es sich falsch anfühlte, dort ohne ihren Vater zu leben, so als ob eine lebenswichtige Kraftquelle versiegt wäre.

Sie hatte zwar immer noch ihre Großmutter Loretta, den Buchladen und die Painted-Sky-Ranch, die ihr Vater so sehr geliebt hatte. Aber Carson hatte sie verloren, mit seinem scharfen Verstand, seinem empathischen Wesen, seiner innigen Liebe für sie und ihre kleine Stadt in den Bergen.

Sie schob den vertrauten Schmerz beiseite, um Xander zurückzuschreiben.

„Hört sich gut an. Ich würde mich freuen, wenn wir uns sehen könnten. Und ich hoffe, ich lerne auch Giselle kennen.“

Die letzten Worte waren eine Lüge. Sie wusste nicht viel über Xanders neue Freundin, aber das wenige, das sie erfahren hatte, machte sie für Alison nicht gerade sympathisch.

Giselle sah aus wie ein Model, mit leuchtend grünen Augen in einem glatten, gebräunten Gesicht. Ihr Englisch hatte einen ausgeprägten französischen Akzent, der sie nur noch attraktiver zu machen schien. Die Frau sah einfach umwerfend aus, egal, ob sie nun einen Berg im Himalaja bestiegen, an den Stränden Marokkos surften oder in einem schicken Restaurant am Meer an der Amalfiküste zu Abend aßen.

Sie hatte sich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, wie sich ihr bester Freund verändert hatte. Xander, der als Teenager der Oberstreber an ihrer Highschool war, Trompete in der Marching Band gespielt hatte und Spielleiter der Dungeons-&-Dragons-Gruppe war, hatte sich zu einem erwachsenen Mann gemausert, besonders was Frauen anging.

Wie sie in seinen Videos sehen konnte, wurde er auf seinen exotischen Reisen stets von einer neuen wunderschönen Frau begleitet. Im letzten Jahr war es Giselle gewesen, eine Vlogger-Kollegin aus Frankreich, die Xander förmlich zu vergöttern schien.

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete.

„Giselle hat beschlossen, nach Frankreich zurückzukehren. Wir haben uns getrennt.“

Sie starrte auf seine Worte und versuchte herauszulesen, ob er verletzt oder erleichtert oder … etwas anderes war. Sie überlegte, ob sie ihm sagen sollte, dass es ihr leidtue, dass sie gegangen war, oder ob ein solidarisches „ein Glück, dass du sie los bist“ angemessen war.

Sie hatte die Frau nur ein paar Mal bei Videoanrufen gesehen. Das letzte Mal war vor einem Monat gewesen, als sie Xander angerufen hatte, um ihm von ihrer neu entdeckten Schwester zu erzählen und ihn wissen zu lassen, dass sie während ihres kurzfristig ergatterten Praktikums in der Wohnung eines gemeinsamen Freundes in Seattle wohnen würde.

In der kurzen Zeit, bevor Giselle den Raum verließ, damit Ali und Xander in Ruhe reden konnten, war sie hochmütig und abweisend gewesen. Sie war zwar höflich zu Ali, hatte ihr aber das Gefühl gegeben, dass sie auf sie herabblickte.

Ali zögerte, als sie auf Xanders SMS blickte. Dann schrieb sie schnell:

„Das tut mir leid?“

Er schickte ein schulterzuckendes Emoji zurück.

„Es ist besser so. Bridger Peak hätte ihr nicht gefallen.“

„Muss los“, schrieb er dann eilig, bevor Ali die Chance hatte, das zu verarbeiten. „Bin auf dem Weg zum Zug. Ich werde wahrscheinlich eine Weile keinen Internetempfang haben. Ich melde mich, wenn ich wieder in der Zivilisation bin. Bis bald.“

Sie steckte ihr Handy zurück in die Tasche. Der Austausch hatte bei ihr sehr gemischte Gefühle hervorgerufen.

Xander war ihr engster Freund gewesen, seit sie zusammen die Grundschule besucht hatten. Er war mit seiner Großtante und seinem Großonkel in die Stadt gezogen, und ihre Lehrerin hatte sie gebeten, sich beim Mittagessen zu ihm zu setzen und ihn in Bridger Peak willkommen zu heißen. Obwohl sie sich vor der Aufgabe gescheut hatte, hatte sie schnell festgestellt, dass Xander witzig und nett war, und ihn auf Anhieb gemocht.

Über die Jahre hatte diese Freundschaft ihr durch einige schwere Zeiten geholfen. Da war der Umzug nach Colorado ans College und dann nach Utah für ihr Jurastudium. Die Trennung von ihrem ersten richtigen Freund. Und ihrem zweiten.

Und vor allem der Verlust ihres Vaters.

In letzter Zeit schien sich jedoch etwas zwischen ihnen verändert zu haben, auch wenn sie nicht genau zu sagen vermochte, was es war. Ihre Gespräche fühlten sich plötzlich gestelzt an, und sie wurde die Sorge nicht los, dass ihre Freundschaft dabei war, zu zerbrechen.

Aber darüber würde sie sich jetzt nicht das Hirn zermartern. Er kam nach Seattle und sie würden die Gelegenheit haben, sich zu treffen. Wahrscheinlich würden sie sich später auch in Bridger Peak sehen, da sie vorhatte, für den Sommer dorthin zurückzukehren, sobald sie es arrangieren konnte.

Was sie direkt zurück zu der Frage brachte, was sie nun tun sollte. June war gerade dabei gewesen, Alis Praktikum abzubrechen, als sie einen Herzanfall bekam.

Sie seufzte, als sie aus dem Wartezimmer trat und sich zum Ausgang des Krankenhauses begab. Sie würde sich etwas zu essen holen und dann zurückkommen, um bei der Frau zu wachen, derentwegen sie nach Seattle gekommen war.

Ali hatte fest vorgehabt, June von dem DNA-Test zu erzählen, und hatte nach einer Gelegenheit gesucht, das Thema anzusprechen. Ihr war klar, dass dieses Gespräch umso unangenehmer werden würde, je länger sie es hinauszögerte.

Doch wie konnte sie es ihr jetzt noch sagen? June hatte gerade einen Herzstillstand erlitten. Meine Güte, sie war bereits tot gewesen. Der einzige Grund, warum sie jetzt hier war, anstatt aufgebahrt in der Leichenhalle zu liegen, war Alison und ihre hartnäckige Entschlossenheit, nach dem Tod ihres Vaters Erste Hilfe zu erlernen.

Vielleicht war das der Grund, warum es sie so nach Seattle gezogen hatte, warum sie ihre Schwester unbedingt persönlich treffen und versuchen wollte, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen.

Sie mochte als Praktikantin in der Geschäftsführung versagt haben. Aber sie hatte zumindest eine Sache richtig gemacht.

Es fühlte sich beinahe an, als wolle das Schicksal ihr eine zweite Chance geben, eine Beziehung zu Juniper aufzubauen.

5. KAPITEL

Juniper

In der Nacht wachte sie zweimal auf, als Krankenschwestern hereinkamen, um ihre Vitalfunktionen zu messen oder ihren Tropf zu wechseln. Jedes Mal kam Panik in ihr auf, weil sie nicht wusste, wo sie sich befand oderwas passiert war.

Und jedes Mal versicherte ihr dieselbe ruhige Stimme, dass alles in Ordnung war, dass sie im Krankenhaus war und dass die Ärzte und Krankenschwestern sich gut um sie kümmerten. Vage nahm sie eine weiche, sanfte Hand auf ihrem Arm wahr, die ihre Panik linderte.

Aus irgendeinem Grund musste sie dabei an ihre Mutter denken. Als June acht Jahre alt war, wurden ihr die Mandeln entfernt. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter sich zu ihr ins Krankenhausbett gelegt hatte, ihr Duft nach Vanille und Lavendel sie beide einhüllte und Elizabeth sie in den Schlaf sang.

Sie vermisste ihre Mutter unendlich. Zwar war sie inzwischen seit fast zwanzig Jahren tot, aber der Verlust der einzigen Familie, die sie je wirklich gekannt hatte, schmerzte June immer noch.

Jetzt, als sie in einem Krankenhausbett lag und versuchte, nicht daran zu denken, wie nahe sie dem Tod gewesen war, fühlte sie sich ihrer Mutter näher denn je.

Als sie aufwachte, schien die Sonne durch die Jalousien des hohen Fensters und eine Krankenschwester erklärte gerade jemandem in der Ecke, dass bald ein Wagen mit kostenlosem Kaffee und Bagels vorbeikommen würde.

Kaffee wäre jetzt genau das Richtige. June öffnete die Augen und blickte hinüber in die Zimmerecke. Überrascht sah sie, dass dort schon wieder Alison Wells in einem unbequem aussehenden Sessel saß.

„Sie sind ja immer noch hier.“ Ihre Stimme klang krächzend und dünn und schroffer, als sie es beabsichtigt hatte.

Alison blinzelte sie an. Sie sah zerzaust, schläfrig und etwas verdrossen aus.

„Ich war kurz zu Hause, um etwas zu essen und mir bequemere Sachen anzuziehen.“

„Warum sind Sie immer noch hier?“

Alison schien zu zögern. „Ich wollte nicht, dass Sie allein aufwachen“, antwortete sie schließlich und warf June einen ihrer scheuen Blicke zu, wodurch sie aussah, als befürchtete sie, jemand könnte sie unvermutet angreifen.

War sie wirklich eine so schreckliche Chefin gewesen, dass sie die jüngere Frau dermaßen eingeschüchtert hatte? June hoffte es nicht.

„Das hätten Sie nicht tun müssen“, entgegnete sie und war trotz ihres Unbehagens angesichts der ganzen Situation gerührt.

„Ich weiß. Aber Sie haben Schreckliches durchgemacht und schienen niemanden zu haben, der bei Ihnen bleiben würde.“

Tja, genau so konnte man ihr Leben wohl zusammenfassen.

Alison kam näher ans Bett und schenkte ihr ein unerwartetes Lächeln. „Und um ehrlich zu sein, fühle ich mich Ihnen jetzt, da ich Ihnen das Leben gerettet habe, irgendwie verbunden.“

Sie schien zu scherzen, aber June konnte es nicht mit Sicherheit sagen.

Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Wann war das letzte Mal jemand so freundlich zu ihr gewesen? Damit meinte sie allerdings nicht, dass Alison ihr das Leben gerettet hatte. Das hatte sie immer noch nicht ganz verarbeitet. Sondern dass sie die ganze Nacht in einem unbequemen Stuhl in einem Krankenhauszimmer bei einer Frau gewacht hatte, die praktisch eine Fremde war. Wenn das mal kein maximales Pflichtbewusstsein war.

„Danke“, sagte sie und bemerkte, wie sie erneut ein Gefühl der Rührung und Überforderung überkam.

Die Krankenschwester, eine andere als die, die sie am Vortag kennengelernt hatte, eilte herbei und machte sich gerade an ihrem Tropf zu schaffen, als die Tür aufging und sich der Raum plötzlich mit Menschen füllte.

Ein älterer Mann mit dunklem Haar, Brille und einem freundlichen Lächeln schien das Sagen zu haben. „Guten Morgen, Ms. Connelly. Ich bin Doktor Singh, Kardiologe. Ich wurde herbeigerufen, als Sie gestern in die Notaufnahme kamen. Sie haben uns allen einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“

„Das habe ich schon gehört. Allerdings erinnere mich an kaum etwas. Können Sie mir sagen, was passiert ist?“

„Sie hatten einen Herzstillstand. Zum Glück wussten Ihre Kollegen, was zu tun war, sonst würden wir uns jetzt nicht miteinander unterhalten.“

Junes Blick wanderte zu Alison. Die Worte des Arztes schienen sie mit Stolz zu erfüllen.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Doktor Singh zu. „Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Ich hatte vor drei Monaten eine Vorsorgeuntersuchung und alle meine Werte waren gut.“

Er blickte auf einen Laptop. „Hatten Sie in letzter Zeit irgendwelche Schwindelanfälle oder sind Sie vielleicht sogar kurz in Ohnmacht gefallen?“

Sie runzelte die Stirn und dachte nach. „Schwindelanfälle, ja. Im letzten Jahr etwas öfter als sonst, glaube ich. Das war einer der Gründe, warum ich zu einer Komplettuntersuchung bei meinem Hausarzt war. Mein Blutdruck war ziemlich niedrig und mein Arzt meinte, das könnte die Ursache sein. Damals stand ich auch bei der Arbeit unter großem Stress und war ziemlich viel auf Reisen.“

Diese Situation war an sich nichts Neues. Sie hatte jahrelang hart gearbeitet, als sie mit Adam und Rudy die Firma aufbaute.

„Ihr Fall ist interessant. Ich habe Ihre Akte und die bisherigen Testergebnisse durchgesehen. Ich würde heute gerne noch ein paar weitere Untersuchungen durchführen, während Sie hier im Krankenhaus sind. Unsere ersten Auswertungen deuten darauf hin, dass Sie eine Erkrankung namens katecholaminerge polymorphe ventrikuläre Tachykardie haben könnten.“

„Was ist das?“

„Das ist ein langer, Furcht einflößender Name, ich weiß. Die Krankheit wird auch CPVT genannt. Aber wie gesagt, wir wissen es nicht mit Sicherheit, bis wir weitere Tests durchgeführt haben.“

Wie konnte das möglich sein? Ihr ganzes Leben hatte sie sich um eine gesunde Lebensweise bemüht.

„Ist sie … tödlich?“

„In bestimmten Fällen kann sie das sein, besonders wenn sie bis ins Erwachsenenalter unentdeckt bleibt. Bei Ihnen hätte es unter anderen Umständen tatsächlich so enden können. Aber sie kann auch sehr gut mithilfe eines implantierten Geräts kontrolliert werden, das dabei hilft, die elektrischen Impulse Ihres Herzens zu regulieren.“

„Ein Herzschrittmacher? Sprechen Sie von einem Herzschrittmacher?“

„Wir nennen es einen ICD. Das ist ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator, der einen unregelmäßigen Herzschlag erkennt und Ihrem Herzen einen winzigen Schock versetzen kann, um es wieder in den richtigen Takt zu bringen. Aber lassen Sie uns nichts überstürzen. Wir müssen heute noch einige Tests durchführen und wissen dann hoffentlich mehr.“

„Das darf doch alles nicht wahr sein.“

„Wenn wir feststellen, dass ein solches Gerät in Ihrem speziellen Fall ratsam wäre, können Sie die Operation natürlich trotzdem ablehnen. Davon würde ich allerdings dringend abraten. Das Risiko eines weiteren Vorfalls wäre sehr hoch, besonders jetzt, wo es bereits zu einem schweren Zwischenfall gekommen ist und Ihr Herz Schaden genommen hat.“

Ihr Herz war beschädigt. Sie konnte es nicht glauben. Plötzlich sehnte sie sich nach Adam oder Rudy oder einem anderen ihrer engen Freunde. Wie konnte es sein, dass die einzige Person, die zu ihr hielt, eine Praktikantin war, die sie kaum kannte? Eine Praktikantin, die sie gerade entlassen wollte, wie ihr plötzlich wieder einfiel.

„Wir müssen jetzt noch keine Entscheidungen treffen. Darüber denken wir nach, wenn es so weit ist. Fürs Erste würde ich gerne diese zusätzlichen Tests durchführen, um zu sehen, ob wir vielleicht irgendetwas übersehen haben, wenn das für Sie in Ordnung ist.“

„Habe ich denn eine Wahl?“

Seine Augen waren freundlich, auch wenn seine Miene bestimmt war. „Sie haben immer eine Wahl. Aber noch einmal, ohne diese Tests haben wir keine klare Vorstellung davon, was mit Ihrem Herzen los ist.“

Damit hatte er natürlich recht. Sie sagte ihrem Team ja auch immer, dass Informationen Macht bedeuteten.

„Vergessen Sie nicht, dass Sie extremes Glück hatten. Sie sind hier, Sie sind am Leben und Sie haben die Chance, im Großen und Ganzen wieder ein normales Leben zu führen.“

Er hatte leicht reden. Er lag ja nicht in einem Krankenhausbett, an Maschinen und Infusionen angeschlossen, und musste sich der harten Realität der eigenen Sterblichkeit stellen.

Der Arzt untersuchte sie und hörte sorgfältig ihr Herz und ihre Lungen ab. Anschließend wiederholten zwei jüngere Mediziner, deren Namensschilder sie als Assistenzarzt und Student im medizinischen Praktikum auswiesen, den Vorgang.

Nachdem sie wieder gegangen waren, kämpfte June gegen brennende Tränen an. Sie hatte fast vergessen, dass ihre ehemalige Praktikantin noch da war, bis diese von ihrem Stuhl in der Ecke aus sprach.

„Ms. Connelly, gibt es jemanden, den ich für Sie anrufen soll?“

Sie blinzelte schnell. „Nein. Alles in Ordnung. Sie müssen auch nicht bleiben. Ich weiß wirklich zu schätzen, was Sie getan haben, aber Sie müssen nicht hier bei mir ausharren.“

„Stört es Sie, wenn ich hier bin? Ich kann gehen, wenn Sie das möchten. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne bleiben.“

Sie wusste nicht recht, was sie antworten sollte. Es beschämte sie zutiefst, dass sie sich hier in diesem Krankenhausbett, umgeben von Maschinen und Fremden, trotz allem, was sie erreicht hatte, ihrer ach so großen Unabhängigkeit und ihrer Leistungen, wie ein kleines, verängstigtes Kind fühlte.

„Sie haben doch sicher etwas Besseres zu tun.“

Alison zog eine Augenbraue hoch. „Was denn? Ich habe keine Praktikumsstelle mehr. Sie haben mich entlassen, erinnern Sie sich?“

Die beiläufige Art, wie sie das sagte, ließ June ein wenig zusammenzucken. „Ich habe mich gerade gefragt, ob Sie sich wohl daran erinnern.“

Zu ihrer Überraschung lächelte die andere Frau. „Ich kann nicht sagen, dass ich es nicht erwartet hätte. Sie hätten es schon vor einer Woche tun sollen. Ich bin dankbar für die zweite und dritte Chance, die Sie mir gegeben haben.“

„Aber nur weil Sie anscheinend mein Leben gerettet haben, heißt das nicht, dass Sie jetzt für mich verantwortlich sind. Sie müssen nicht nett zu mir sein oder stundenlang in meinem Krankenzimmer sitzen.“

Sie klang hölzern und undankbar, wie ihr mit einem mulmigen Gefühl bewusst wurde. „So dankbar ich Ihnen auch bin“, fügte sie hinzu.

Sie wusste, dass einige ihrer Kollegen in der Firma sie für distanziert und unnahbar und vielleicht sogar arrogant hielten. Dabei war sie das ganz und gar nicht. June hatte nur durch schmerzliche Erfahrung gelernt, sich hauptsächlich auf sich selbst zu verlassen.

„Ich fühle mich Ihnen gegenüber nicht verpflichtet“, beharrte Alison. „Es schien mir einfach nicht richtig, Sie hier allein zu lassen. Ich wollte sichergehen, dass jemand da ist, falls Sie in der Nacht etwas brauchen. Meine Mutter verbrachte ein paar Wochen im Krankenhaus, bevor sie starb, und ich erinnere mich, wie sie sagte, wie sehr sie es hasste, allein in einem Krankenhausbett aufzuwachen. Aber ich möchte nicht aufdringlich sein. Wenn Sie glauben, dass Sie zurechtkommen, werde ich Sie nicht weiter stören und lasse Sie sich ausruhen.“

„Mir geht es gut. Nochmals vielen Dank.“

„Gern geschehen.“ Alison wirkte plötzlich wieder jung und unsicher. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich später noch einmal nach Ihnen sehe?“

Sie hätte ihr sagen sollen, dass es nicht nötig war, doch irgendwie fühlte sich die Tatsache, dass sich jemand so um sie sorgte … tröstlich an. Es gab ihr das Gefühl, nicht mehr ganz so allein zu sein.

„Nein, das würde mir nichts ausmachen.“

„Prima. Ich komme heute Nachmittag wieder. Versuchen Sie, sich etwas auszuruhen.“

Sie nickte. Nachdem Alison gegangen war, schloss June die Augen und fragte sich, wie ihr sorgfältig strukturiertes Leben nur so völlig aus den Fugen geraten konnte.

6. KAPITEL

Alison

Fünf Tage nachdem sie Juniper Connelly das Leben gerettet hatte, betrat Ali wieder einmal das Krankenhaus und fuhr mit dem inzwischen vertrauten Aufzug zur kardiologischen Station hinauf. Sie hatte in den letzten fünf Tagen mehr Zeit hier verbracht als in ihrer zwischengemieteten Wohnung, aber sie bereute keinen Augenblick.

Zuerst hatte sie June besucht, weil sie ihr leidgetan hatte. Die sonst so selbstbewusste, schroffe Frau schien Angst zu haben, allein zu sein, besonders nachdem die Ärzte vorgeschlagen hatten, einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator einzusetzen, um ihrem Herzen einen Elektroschock zu versetzen, falls es wieder aufhören sollte zu schlagen.

So erfolgreich und wohlhabend sie auch war, im Augenblick schien June vor allem eines zu sein – einsam. Ali hatte mitbekommen, wie Junes Freunde vorbeikamen, ebenso erfolgreiche Businessleute wie sie, die ihr Blumen und Geschenke wie geschmackvolle Luxuspantoffeln und Plaids mitbrachten.

Alle diese Besuche erschienen Alison jedoch oberflächlich. Ihre Freunde vermieden es, Junes Zustand anzusprechen, stattdessen drehten sich die Gespräche darum, was sich bei Move Inc. tat, welche Pläne sie für den Sommer hatten und wie froh sie waren, sie so wohlauf zu sehen.

Ali glitt immer aus dem Zimmer, wenn Besucher kamen, und schaute dann noch einmal bei ihr vorbei, bevor sie endgültig nach Hause ging, um sie zu fragen, ob sie noch etwas brauchte. June schien immer froh, fast erleichtert, wenn sie auftauchte, obwohl Ali nicht sicher war, ob sie nur ihre eigenen Gefühle auf die andere Frau projizierte.

Der wahre Durchbruch in ihrer Beziehung fand nach Junes zweiter Nacht im Krankenhaus statt. Die Ärzte hatten CPVT als ihre Diagnose bestätigt und dringend eine Operation empfohlen, bei der ein kleines Gerät unter ihrem Schlüsselbein implantiert würde, das sofort registrieren würde, wenn ihr Herzschlag unregelmäßig würde oder, Gott bewahre, wieder ganz aufhörte. In diesem Fall würde es einen kleinen Elektroschock abgeben, um das Herz wieder in seinen gewohnten Rhythmus zu bringen.

Ali hatte angeboten, in Junes Wohnung vorbeizuschauen und ihr alles mitzubringen, was sie nach der für den nächsten Tag angesetzten Operation vielleicht wollen oder brauchen könnte.

„Das müssen Sie nicht. Sie haben schon so viel für mich getan.“

„Es macht mir wirklich nichts aus“, versicherte Ali ihr. „Ich weiß, Sie haben mein Praktikum beendet, aber wir hatten seitdem noch keine Gelegenheit, den Papierkram zu erledigen, also bin ich technisch gesehen immer noch Ihre Praktikantin. Ich helfe ger...

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