Bianca Exklusiv Band 402

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NUR EINE HEISSE SOMMERROMANZE? von TERESA SOUTHWICK

Hat Grace wirklich gedacht, dass sie bald nicht mehr für Logan schwärmt, nur weil sie auf seine Ranch zieht? Irrtum! Je länger sie Nanny für die Tochter des attraktiven Ranchers ist, desto heißer brennt ihre Sehnsucht nach ihm – dem überzeugtesten Junggesellen von ganz Montana …

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  • Erscheinungstag 20.06.2026
  • Bandnummer 402
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538237
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Teresa Southwick, Wendy Warren, Christine Rimmer

BIANCA EXKLUSIV BAND 402

Teresa Southwick

1. KAPITEL

Überraschenderweise geriet Grace Flynns Herz tatsächlich ins Stolpern – und sie hatte gedacht, dass so etwas nur in Liebesromanen geschah.

Als sie Logan Hunt breitschultrig und gut aussehend in seiner Eingangstür stehen sah, bestätigte sich ihre schlimmste Befürchtung: Ihr erster Eindruck von ihm war richtig gewesen. Dieser Mann war eine absolute Sahneschnitte. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

„Hallo Grace. Schön, Sie wiederzusehen.“

„Ebenso.“ Viel zu schön, wenn sie ehrlich war.

Grace hatte irgendwie gehofft, dass sich die sofortige und massive Anziehung, die sie beim Anblick des Ranchers letzte Woche beim Vorstellungsgespräch verspürt hatte, bis zu ihrem ersten Arbeitstag wieder verflüchtigt haben würden. Doch diese Hoffnung hatte sich gerade leider nicht bestätigt. Sie war hier, um ihren ersten Arbeitstag zu beginnen, und ihre Reaktion auf Logan Hunt war sogar noch stärker als beim letzten Mal.

Was sollte sie nur machen? Weglaufen kam nicht infrage. Also würde sie wohl notgedrungen in den nächsten acht Wochen mit einem äußerst attraktiven Cowboy unter einem Dach leben und sich um seine fünfjährige Tochter kümmern und sich dabei die ganze Zeit unglaublich zusammenreißen müssen.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es natürlich noch: Männer, die so gut aussahen wie er, waren oft gemeine und egoistische Schweine. Solche von der Art, die einer Frau eine Heirat und eine Familie versprachen, sich dann ihr Herz, ihre Seele und ihr Geld krallten und anschließend beschlossen, dass sie sie doch nicht liebten. Auf so ein gemeines, egoistisches Schwein war sie schon einmal hereingefallen, und genau deshalb würde ihr das dieses Mal garantiert nicht passieren.

„Ist alles okay, Grace?“

„Ja, alles bestens.“ Klang sie gerade ein wenig atemlos? Hoffentlich nicht.

Nun ja, ihrer Erfahrung nach würde es nicht mehr lange dauern, bis Logan Hunt sein wahres Gesicht zeigte, und dann würde sich dieses verflixte Herzklopfen bestimmt ganz von selbst legen.

„Wirklich?“

Er betrachtete sie prüfend, sodass sie Zeit hatte, seinen Anblick noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Er war sehr groß und sehr muskulös, hatte mit seinen braunen Haaren, die sich ein klein wenig lockten, und den blauen Augen aber auch etwas Jungenhaftes an sich. Gleichzeitig war sein Blick so eindringlich, dass ihr ganz heiß wurde.

„Wirklich, alles ist gut. Es war nur eine lange Fahrt von Buckskin Pass hierher.“

„Da war ich auch schon mal. Eine nette Stadt.“

„Mir gefällt sie auch.“

„Kommen Sie doch rein.“

„Danke.“

Sie umklammerte noch immer den Griff ihres Rollenkoffers und versuchte, das Ungetüm über die Schwelle zu ziehen.

„Lassen Sie mich das doch machen.“

Als er ihr den Koffer abnahm, streifte er kurz ihre Finger, und sie fühlte sich plötzlich wie eine dieser Zeichentrickfiguren, deren Herz so stark schlug, dass man es von außen sehen konnte.

Hoffentlich war das nicht wirklich so.

„Haben Sie noch mehr Gepäck im Auto?“

„Natürlich. Das machen wir doch immer so. Wir Frauen, meine ich. Ich bin ja eine Frau.“

„Ist mir schon aufgefallen.“

Als sich ihre Blicke trafen, vergaß er seine höflichen Cowboy-Manieren für einen kurzen Moment und betrachtete sie ganz unverhohlen, wie ein Mann, dem gefiel, was er sah. Der Blick ging ihr durch und durch und entfachte ein Verlangen in ihr, das sie beinahe zusammenzucken ließ.

Wow. Von September bis Juni war sie eine einfache Grundschullehrerin in Buckskin Pass, und noch nie zuvor hatte sie beim Anblick ihres Chefs, dem Direktor, etwas Ähnliches verspürt. Bei ihrem Boss für die Sommerferien, Logan Hunt hingegen, sah die Sache offenbar ganz anders aus.

Sie musste jetzt dringend etwas sagen, aber was? Ihr war gerade so heiß, dass sie einen Moment lang befürchtete, nur ein verlangendes Stöhnen herauszubringen.

Schließlich schaffte sie es, zu lächeln. „Ich freue mich schon darauf, Cassie wiederzusehen. Wo steckt Ihre reizende Tochter denn?“

„Sie macht gerade mit ihrer Mom Einkäufe für die Hochzeit. Tracy bringt sie danach vorbei.“

„Ah, ich verstehe.“

Grace hatte Logans Ex bereits kennengelernt und mochte sie sehr. Tracy hatte mal erwähnt, dass sie und Logan niemals verheiratet gewesen waren, sich das Sorgerecht für Cassie aber teilten. Normalerweise verbrachte Cassie nur die Wochenenden bei Logan, doch jetzt wollte Tracy heiraten und plante deshalb eine ausgedehnte Hochzeitsreise. Also wohnte Cassie in dieser Zeit bei Logan auf der Ranch. Damit er trotzdem noch zum Arbeiten kam, hatten sie Grace kurzerhand als Kindermädchen eingestellt.

Grace fragte sich, warum die beiden nie geheiratet hatten, denn sie schienen wunderbar miteinander auszukommen und auch in der Kindererziehung auf einer Wellenlänge zu schwimmen.

„Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen Ihr Quartier.“

Das Vorstellungsgespräch hatte damals im Grizzly Bear Diner in Blackwater Lake stattgefunden. Es war daher das erste Mal, dass Grace die Ranch sah, auf der sie die nächsten acht Wochen verbringen würde. Doch ihr erster Eindruck war durchaus positiv. Sie standen jetzt in einem kleinen Flur, von dem aus man ins Wohnzimmer und Esszimmer schauen konnte. Die Polstermöbel wirkten alle relativ neu, doch die Schränke und Tische schienen offenbar Antiquitäten zu sein, deren Holz honigfarben leuchtete.

Es sah alles sehr stimmig aus, war jedoch nicht unbedingt ein Einrichtungsstil, den sie von einem alleinstehenden Mann erwartet hätte.

Grace folgte ihm die Treppe hinauf, die am Ende des Flurs lag, und beschloss, gleich einmal zu testen, wodurch sich in diesem Traummann die garantiert vorhandenen unangenehmen Züge hervorlocken ließen.

„Ich habe Sie übrigens gegoogelt, Logan …“

„Ach ja?“ Er blickte sie über die Schulter hinweg an, doch sein Gesichtsausdruck verriet nicht, ob ihn das Ganze störte oder nicht.

„Nun ja, ich werde immerhin acht Wochen lang unter ihrem Dach leben, da war das praktisch eine reine Vorsichtsmaßnahme.“

„Und ich vertraue Ihnen immerhin meine Tochter an.“

„Weshalb Sie mich doch bestimmt auch gegoogelt haben, oder?“

„Natürlich.“

„Sehen Sie?“ Gespannt beobachtete Grace seine Reaktion. „Können Sie es mir also verdenken?“

„Natürlich nicht.“

Sie erreichten nun das obere Stockwerk und Logan wandte sich nach rechts.

„Wollen Sie denn gar nicht wissen, was ich herausgefunden habe?“

Wieder blickte er über die Schulter, und wirkte nun deutlich amüsiert. „Zufälligerweise weiß ich so gut wie alles über mich.“

Süß, dachte sie. Tatsächlich wirkte er äußerst süß, wenn er ein wenig lockerer wurde. Wenn er richtig lachte, würde er bestimmt absolut umwerfend sein.

„Das war mehr eine rhetorische Frage. Ich habe nämlich erfahren, dass diese Ranch schon seit vier Generationen Ihrer Familie gehört.“

Für sie war das geradezu unfassbar. Er kannte demnach die Namen seiner Ur-Urgroßeltern, während sie noch nicht einmal wusste, wer ihre Eltern waren, da diese sie als Neugeborenes in ein Handtuch gewickelt vor einer Feuerwache ausgesetzt hatten.

„Ja, das weiß ich“, erwiderte er schließlich.

Kam es ihr nur so vor, oder wirkte er plötzlich angespannt?

„Nun ja, jedenfalls ist bei meinem Hintergrundcheck nichts Negatives herausgekommen“, teilte sie ihm mit.

„Gut zu wissen.“

„Und Cassies Mutter hat sich für Sie verbürgt, als ich das Vorstellungsgespräch mit ihr hatte.“

„Sie könnte aber auch lügen.“

„Hat sie aber nicht.“

Er blieb vor einer halb offenen Zimmertür stehen. „Woher wollen Sie das denn wissen?“

„Ich weiß es eben.“

„Sie haben also eine gute Menschenkenntnis?“

„Ja.“ Meistens jedenfalls. Bisher war sie nur einmal auf jemanden hereingefallen. Aber einen Riesenfehler durfte schließlich jeder mal machen, oder nicht?

„Und da haben Sie diesen Job trotzdem angenommen?“, fuhr er fort.

„Wollen Sie mir damit vielleicht etwas sagen?“ Sie war sich ziemlich sicher, dass er nur Witze machte, und das sollte ihre schlagfertige Antwort sein, aber sie war sich nicht sicher, ob sie wirkte.

„Sie haben mich doch gegoogelt“, erwiderte er mit einem Schulterzucken, doch er lächelte dabei und trug dann ihren Koffer in ein geräumiges Zimmer. „Ich hoffe, es gefällt Ihnen.“

Er legte den Koffer auf eine Holztruhe am Fußende des Doppelbettes, das ein verschnörkeltes Messinggestell hatte. Ein bunter Quilt war über die Matratze gebreitet, auf dem altrosa und grüne Kissen lagen. In einer Ecke stand ein Schaukelstuhl und an der Wand daneben hingen eine geblümte Hutschachtel und alte Bilder in ovalen Rahmen. Eines davon war eine Stickerei mit dem Spruch: Eine Familie, die von Liebe zusammengehalten wird, löst sich selten auf.

Die Spiegelkommode und der Schrank waren ebenfalls antik, aber sehr gut erhalten.

„Das ist ja ein richtiges Mädchenzimmer“, meinte Grace.

„Es gehörte meiner Schwester. Das Bad ist hinter der Tür dort, es ist ganz Ihres. Cassie und ich nutzen das am anderen Ende des Flurs. Das habe ich mir früher schon mit meinen beiden Brüdern geteilt.“

„Wow, Sie waren vier Kinder hier? Dann hatten Sie bestimmt eine tolle Kindheit.“

„Nicht wirklich.“

Jeder andere hätte einfach ja gesagt – schließlich konnte sie die Richtigkeit seiner Aussage sowieso nicht nachprüfen. Doch Logan nannte die Dinge offenbar gern beim Namen, anstatt Small Talk zu machen. Das mochte sie an ihm. Allerdings war sie jetzt neugierig geworden, und hätte gern mehr erfahren.

„Ich zeige Ihnen jetzt mal den Rest vom Haus“, sagte er, bevor sie anfangen konnte, Fragen zu stellen.

Alle Räume wirkten gemütlich und einladend. Die Küche war ziemlich neu, hatte eine große frei stehende Arbeitsplatte aus Granit, einen Frühstückstresen und einen Holzboden. Ein runder Eichentisch und vier passende Stühle standen in einem Erker, der auf einen schönen Garten mit Pool hinausging.

Grace, die in verschiedenen Pflegefamilien aufgewachsen war, noch nie ein eigenes Haus und oft nicht einmal ein eigenes Zimmer gehabt hatte, war absolut hingerissen. So etwas hatte sie sich immer gewünscht: Einen Ort, der nur ihr gehörte, ein Zuhause, das ihr niemand wegnehmen konnte.

Aber mit dem Geld, das sie bei diesem Ferienjob verdiente, hatte sie endlich die Summe zusammen, die sie für eine Anzahlung auf ihr eigenes Haus brauchte. Zum zweiten Mal, nachdem sie ihre ganzen vorherigen Ersparnisse blauäugig und verliebt, wie sie gewesen war, ihrem Ex überlassen hatte.

Jedenfalls würde sie sich in den kommenden acht Wochen hier sehr wohlfühlen. Wahrscheinlich. Denn da war ja immer noch dieses kleine, verflixt attraktive Problem namens Logan Hunt.

Logan gab sich die allergrößte Mühe, ein guter Vater zu sein, aber nur allzu oft gelang es ihm trotzdem nicht.

„Daddy, du hast nicht aufgepasst! Jetzt habe ich Shampoo in die Augen bekommen!“

Cassie saß in der Badewanne und rieb sich die Augen.

„Tut mir leid, Kleines.“

Er ließ das Badewasser ablaufen, dann brauste er vorsichtig ihren Kopf ab. „Besser?“

Sie nickte. „Aber jetzt ist mir kalt.“

„Hier kommt auch schon ein kuscheliges Handtuch.“

Er hob sie aus der Wanne und hüllte sie in ein großes Badetuch.

„Jetzt trocknen wir dich erst mal ab und du ziehst dein Nachthemd an, und dann kämme ich dir noch die Haare.“

„Das mag ich aber nicht!“

Cassie hatte blaue Augen, braune Haare und konnte einen bezaubernden Schmollmund ziehen. Die Leute sagten immer, dass sie ihm sehr ähnlich sah – bis auf den Schmollmund natürlich. Hoffentlich zumindest.

„Soll Grace dir lieber die Haare kämmen?“

Cassie dachte kurz nach. „Vielleicht solltest du es ihr zuerst zeigen.“

Das bedeutete, sie würden in dem nicht allzu großen Bad auf Tuchfühlung gehen müssen. Aber was sollte er dagegen machen?

„Na gut, ich hole sie. Trockne dich aber inzwischen ab und zieh schon mal dein Nachthemd an.“

Logan ging zu Graces Zimmer und blieb kurz in der offenen Tür stehen. Sie war gerade dabei, auszupacken, und hörte ihn nicht, also genoss er einen Moment lang den Anblick, den sie bot.

Als er Grace Flynn beim Vorstellungsgespräch das erste Mal gesehen hatte, war er überwältigt gewesen, und als sie heute Nachmittag zu ihrem ersten Arbeitstag erschienen war, hatte er das Gefühl gehabt, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Sie war keine klassische Schönheit, aber irgendetwas an ihr verzauberte ihn, und er hatte noch nie einen so verführerischen Mund gesehen. Rosig und perfekt geformt, mit vollen weichen Lippen, die geradezu zum Küssen einluden. Eine Einladung, die es äußerst schwierig machte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Außerdem füllte sie die Stellenbeschreibung absolut perfekt aus – bis auf die Tatsache, dass er zu gern herausgefunden hätte, ob diese Anziehung auf Gegenseitigkeit beruhte. Doch dafür müsste er den ersten Schritt machen, und das kam natürlich überhaupt nicht in Frage, schließlich war er ihr Boss.

Warum konnte sie bloß keine nette ältere Dame sein? Oder eine grimmige alte Dame, die nur mit Kindern gut auskam?

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sich lieber für eine andere Bewerberin entschieden, aber das Vorstellungsgespräch mit ihm war mehr pro forma gewesen, da Cassies Mutter Grace schon so gut wie eingestellt hatte, und Tracy konnte er ja schlecht sagen, aus welchem Grund er bei Grace Bedenken hatte.

Also würde er die nächsten acht Wochen mit Grace verbringen. Das konnte ja heiter werden.

Er räusperte sich. „Grace?“

„Oh mein Gott!“

Sie drehte sich erschrocken um und ließ dabei einen Stapel Unterhöschen und BHs fallen, den sie gerade in eine Schublade hatte legen wollen. „Ich habe Sie gar nicht gehört!“

„Tut mir leid, ich wollte mich nicht anschleichen.“

Ohne es zu wollen, stellte er fest, dass ihre Höschen alle knapp geschnitten und mit Spitze besetzt waren. In dem Stapel befanden sich auch ein rotes und ein schwarzes, möglicherweise sogar ein pinkfarbenes, aber das konnte er nicht so genau feststellen, denn dann wäre ihr bestimmt aufgefallen, dass er ihre Unterwäsche anstarrte.

Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. „Vielleicht sollte ich in Zukunft ein Glöckchen tragen?“

„Gute Idee.“ Sie atmete tief durch. „Was brauchen Sie von mir?“

Die Frage klang mehr als anzüglich für ihn, aber so meinte sie das natürlich nicht.

„Cassie ist jetzt mit dem Baden fertig, und ich wollte ihr die Haare kämmen, doch sie hat vorgeschlagen, dass Sie zuschauen, damit Sie das in Zukunft machen können.“

Grace lächelte amüsiert, und es sah absolut bezaubernd aus. „Gern. Ich denke, ich werde es schnell lernen, zumal ich im Haarekämmen auch etwas Erfahrung habe, aber es hilft ihr sicher, wenn wir einen sanften Übergang finden.“

„Sie weiß genau, was sie will. Manchmal ist es deshalb einfacher, ihr nachzugeben.“

Er wandte sich ab und wusste, dass Grace ihm folgte. Das lag allerdings nicht etwa daran, dass er hellseherische Kräfte besaß, sondern an ihrem Parfum, dessen betörender Duft sich verdichtete, als sie sich ihm näherte. Er hätte sie sogar in einem stockdunklen Raum orten können.

Im Bad wartete Cassie bereits auf sie. „Hi Grace! Ich bin jetzt ganz sauber!“

„Das sehe ich! Aber dein Haar ist noch ganz nass.“

„Ich weiß. Daddy wird dir zeigen, wie er es durchkämmt. Das hat er von Mommy gelernt.“

Er griff nach dem Spray, das die Haare glättete und leichter kämmbar machte, und nach dem grobzinkigen Kamm, dann kämmte er vorsichtig die langen Strähnen aus.

„Bist du sicher, dass wir es nicht einfach abschneiden sollen?“

„Nein!“, riefen Cassie und Grace wie aus einem Mund.

Logan blickte von einer zur anderen. „Da seid ihr euch wohl einig, was?“

„Deine Haare sind einfach umwerfend“, sagte Grace an Cassie gewandt. „Lass dich nicht von ihm überreden, sie abzuschneiden.“

„Auf gar keinen Fall.“ Die Kleine verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin froh, dass Grace hier ist.“

„Oh ja.“ Unwillkürlich fiel sein Blick auf Graces Mund. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er ihr allerdings geraten, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen. Es musste doch im Umkreis irgendeine alte Dame geben, die sich als Kindermädchen eignete.

„Ich bin ja da, Süße“, versicherte ihr Grace. „Aber ich muss sagen, dein Dad macht das wirklich großartig.“

„Das klingt aber überrascht“, bemerkte er grinsend.

„Vielleicht ein bisschen. Sie hat ganz schön dickes Haar, aber bei Ihnen sieht das ganz leicht aus.“

„Daddy sagt, das ist wie Pferde striegeln.“ Cassie kicherte. Offenbar hatte sie Spaß daran, ihn zu verpetzen.

Graces Augen funkelten. „Sie benutzen also ein teures Haarglättungsmittel, damit es den Pferden beim Striegeln nicht so ziept?“

„Und wenn es so wäre?“ Unwillkürlich musste auch er lächeln.

„Dann würde ich sagen, dass Ihre Pferde die verwöhntesten im ganzen Umkreis sind.“

„Nun ja, sie sind tatsächlich sehr wertvoll und brauchen deshalb gute Pflege.“

„Das verstehe ich. Aber ich frage mich schon, wie Sie darauf gekommen sind, Cassie mit einem Pferd zu vergleichen.“

„Weil Daddy gesagt hat, dass die Pferde sich nicht bewegen, wenn er sie bürstet!“, krähte Cassie.

„Ganz genau. Wohingegen meine süße Tochter immer rumzappelt.“

„Deshalb hat er irgendwann mit mir gewettet, dass ich nicht so gut stillhalten kann wie ein Pferd.“

Grace lachte. „Aha. Und wer hat gewonnen?“

„Daddy“, gab Cassie seufzend zu. „Es ist aber auch so schwer, still zu sitzen!“

„Sind die Pferde denn schon älter als fünf?“

„Nicht alle.“ Logan hielt mit dem Kämmen inne und warf Grace einen kurzen Blick zu. „Aber bei den Pferden ist es wie bei den Hunden, man kann das Alter nicht mit Menschenjahren gleichsetzen.“

Cassie warf ihm einen bewundernden Blick zu. „Mein Daddy weiß einfach alles über Pferde. Nicht wahr, Daddy?“

Irgendwann würde sie herausfinden, dass er viel weniger wusste, als sie glaubte, aber er hoffte, dass es noch eine ganze Weile dauern würde.

„Jedenfalls genug, damit ich sie gut pflegen kann.“

„Und du kannst auch super reiten! Du hast mir versprochen, dass ich es auch lernen darf, wenn ich fünf bin! Und jetzt bin ich doch fünf!“

Sein Magen verkrampfte sich. Als er ihr das versprochen hatte, war sie noch so klein gewesen und ihr fünfter Geburtstag schien eine Ewigkeit entfernt zu sein, doch jetzt war es auf einmal schon so weit. Bevor er sich versah, würde sie mit Jungs ausgehen und den Führerschein machen wollen.

„Du musst jetzt langsam ins Bett gehen. Wir sprechen später darüber, ja, Kleines?“

„Das sagst du immer.“ Da war er wieder, der süße Schmollmund. „Und ich bin nicht mehr klein!“

Dass Grace die Situation aufmerksam beobachtete, machte es nicht gerade leichter. Da war wohl eine Erklärung fällig. „Es geht nicht nur darum, dass du erst fünf bist. Du musst auch stark genug sein, um mit einem Pferd umgehen zu können und um ihm zeigen zu können, wer der Boss ist.“

„Und um so stark zu werden“, warf Grace ein, „musst du viele gesunde Sachen essen und genügend Schlaf bekommen.“

Logan warf ihr einen dankbaren Blick zu. Diese Ablenkung rettete ihn für den Moment. „Ganz genau.“

„Liest du zum Einschlafen Gute-Nacht-Geschichten, Cassie?“, fragte Grace.

Die Kleine wurde ernst. „Ich kann noch nicht lesen, aber in September gehe ich auf die Schule für große Mädchen, da lerne ich es dann.“

„Wie wäre es dann, wenn ich dir etwas vorlese?“ Grace presste die verführerischen Lippen aufeinander, wahrscheinlich, um ein Lachen zu unterdrücken.

Schade eigentlich. Er hatte Graces Lachen schon gehört und mochte es sehr. Aber seine Meinung war hier zweitrangig. Wichtig war nur, dass Cassie gut mit Grace auskam, und bis jetzt lief es fantastisch. Die beiden wirkten wie alte Freundinnen, und das war viel wichtiger, als Graces duftendes braunes Haar mit den hellen Strähnen und ihre großen haselnussbraunen Augen.

Ach herrje. Bis jetzt war er nie der schwärmerische Typ gewesen. Besser, er machte sich schnell aus dem Staub.

„Na gut, Kleines …“ Er sah Cassies Stirnrunzeln und hob die Hand. „Entschuldigung. Du bist ja nicht mehr klein. Aber ich bringe dich jetzt trotzdem ins Bett und Grace liest dir dann was vor.“

„Okay.“

Logan nahm ihre kleine Hand und sie gingen einträchtig zu ihrem Zimmer, wo er sie hochhob, ins Bett setzte und sorgfältig zudeckte. „Schlaf schön. Bis morgen früh.“

„Daddy, willst du die Geschichte nicht auch hören?“

„Würde ich gern, aber …“ Aber er musste mal durchatmen. „… so könnt ihr beide euch besser kennenlernen. Denn du weißt ja, ihr werdet tagsüber viel allein miteinander sein, weil ich auf der Ranch arbeiten muss.“

„Aber du musst mir trotzdem das Reiten beibringen.“

Er überhörte diesen Satz geflissentlich und küsste sie stattdessen auf die Stirn. „Schlaf erst mal schön, damit du groß und stark wirst.“

Im Flur blieb er noch kurz stehen, um Graces Stimme zu lauschen, die Cassie nun ihr Lieblingsbuch von Dr. Seuss vorlas. Dann wandte er sich seufzend ab und ging nach unten, wobei er versuchte, an etwas anderes zu denken als an die sexy Unterwäsche in ihrem Zimmer. Oder daran, wie sie aussehen würde, wenn sie nur dieses rote Höschen trug.

Vielleicht würde ihm ja ein guter Whiskey helfen, sich das Ganze aus dem Kopf zu schlagen. Andererseits hieß es ja, dass Alkohol die Willenskraft schwächte, also war das wahrscheinlich auch keine gute Idee.

Besser, er machte sich einen Kaffee. Er goss sich eine Tasse aus der Kanne vom Frühstück ein und machte sie in der Mikrowelle heiß, dann ging er damit in sein Büro und setzte sich an den Computer, um den Verwaltungskram zu erledigen.

Nach einer Weile klopfte es, und er sah, dass Grace in der Tür stand.

„Tut mir leid, wenn ich störe, ich wollte nur sagen, dass Cassie jetzt eingeschlafen ist.“

„Super, danke.“ Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

„Kann ich kurz mit Ihnen reden? Über Cassie“, fügte sie eilig hinzu, als wäre ihr aufgefallen, wie abweisend er gerade war.

„Natürlich. Setzen Sie sich.“ Es war eine reine Höflichkeitsfloskel, denn in Wahrheit wollte er sie so schnell wie möglich wieder loswerden.

„Danke.“ Sie setzte sich nun auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch.

„Gibt es ein Problem?“ Als er sie ansah, bemerkte er ihre geröteten Wangen. Was war hier los?

„Nein“, erwiderte sie schnell. „Ihre Tochter ist ganz wunderbar.“

„Ja, das ist sie.“ Und sie verdiente einen wesentlich besseren Vater als ihn.

„Ich wollte nur wissen, was Sie von mir erwarten.“

Er erwartete, dass ihre Haut sich noch weicher anfühlte, als sie aussah, und dass … wenn seine Lippen ihre berührten … Stopp! Das musste aufhören. Sofort!

„Ich weiß nicht genau, worauf Sie hinauswollen.“

„Beim Vorstellungsgespräch haben wir hauptsächlich über meine Qualifikation gesprochen und dass es meine Aufgabe ist, auf Cassie aufzupassen.“

„Tracy hat Ihnen doch alles erklärt wegen der Hochzeit, oder? Dass sie sicher sein wollte, dass es gut läuft, und Sie deshalb jetzt schon hier sind, obwohl sie erst in zwei Wochen auf Hochzeitsreise geht?“

„Ja, natürlich.“

„Na, dann ist doch alles klar, oder nicht?“

„Aber wir haben noch nicht über die Details gesprochen. Tracy hat mich auch deshalb eingestellt, weil ich Grundschullehrerin bin und Cassie im September in die Schule kommt. Möchten Sie, dass ich sie auf die Schule vorbereite oder soll ich nur mit ihr spielen?“

Logan hatte keine Ahnung. Das war doch Tracys Sache, sie traf immer alle Entscheidungen. Zumal er Cassie sonst immer nur am Wochenende sah und seine eigene Kindheit so verkorkst gewesen war, dass er lieber nichts allein für seine Tochter entscheiden wollte.

„Da sind Sie die Expertin“, sagte er und hoffte, dass sie ihm seine Panik nicht ansah. „Denken Sie, dass sie den Sommer über etwas lernen sollte?“

„Sie ist ein sehr aufgewecktes Kind, ich denke nicht, dass sie bei irgendetwas Nachholbedarf hat“, erwiderte Grace. „Aber ich kann mir natürlich ein paar Sachen ausdenken, die Spaß machen und bei denen sie nicht mal merkt, dass sie gerade was lernt.“

„Das klingt gut.“

„Außerdem denke ich, dass Kinder so viel Freizeit wie möglich haben sollten. Der Ernst des Lebens beginnt schon früh genug.“

Das war zumindest bei ihm tatsächlich so gewesen. Logan hatte sein Bestes getan, seine Mutter und die Geschwister zu beschützen – und das mit gerade mal zwölf Jahren. Ja, er fand auch, dass der Ernst des Lebens manchmal viel zu früh begann.

„Einverstanden“, sagte er schließlich. „Zuerst kommt der Spaß. Danke für das Gespräch. Ich bin froh, dass …“

„Warten Sie. Ich möchte Sie noch etwas fragen.“

„Schießen Sie los.“ Er unterdrückte ein Seufzen.

„Was brauchen Sie sonst noch? Soll ich im Haushalt helfen? Kochen?“

„Einmal die Woche kommt die Putzfrau, damit haben Sie also nichts zu tun. Aber kochen müssten Sie schon für sich und Cassie.“

„Kein Problem. Möchten Sie dann auch mitessen?“

Ihre Stimme klang einladend, und ihr Blick war weich. Daran könnte es sich gewöhnen, und es zeigte ihm zugleich, wie leer und kalt er sich innerlich fühlte. Wie immer war er ziemlich müde von der Ranch-Arbeit, und seine Willenskraft war deshalb geschwächt. Jedenfalls war das seine Entschuldigung dafür, dass er jetzt sagte: „Das wäre schön.“

„Wunderbar. Ich freue mich schon darauf.“ Sie lächelte ihn strahlend an.

„Wenn das dann alles war …“

„Eine Sache wäre da noch.“

Natürlich. „Nämlich?“

„Warum wollen Sie Cassie das Reiten nicht beibringen?“

„Wieso denken Sie, dass ich das nicht will?“ Es stimmte zwar, aber darum ging es nicht.

„Ich habe einfach zwischen den Zeilen gelesen.“ Dieses Mal war ihr Lächeln nachsichtig.

„Ja und?“

„Wie Sie wissen, bin ich Grundschullehrerin in einer dörflichen Gemeinde. Bei uns an der Schule lernen viele Kinder reiten, die noch jünger sind als Cassie. Wovor haben Sie also Angst?“

„Ich habe keine Angst, aber ich habe Tracy versprochen, dass Cassie gesund und munter sein wird, wenn sie aus den Flitterwochen zurückkommt, und Sie sind hier, um mir dabei zu helfen.“

„Natürlich.“ Ihr Tonfall war jetzt äußerst professionell. „Das wäre dann alles. Gute Nacht, Logan.“

Als sie wieder draußen war, seufzte er tief.

Cassie würde definitiv gesund und munter sein, wenn Tracy zurückkam, aber was ihn selbst anging, war er sich da nicht so sicher.

Grace Flynn brachte ihn nämlich gehörig durcheinander, und das war gar nicht gut.

2. KAPITEL

Nach einem späten Frühstück am nächsten Morgen beschloss Cassie, auf der vorderen Veranda eine Teegesellschaft zu geben. Es war ein herrlicher Spät-Juni-Tag, und Grace sah keinen Grund, Nein zu sagen.

„Packen wir doch jetzt alles zusammen, was wir brauchen“, schlug sie vor.

Im riesigen Wohnzimmer der Ranch gab es einen ebenso riesigen Flachbildschirm an der Wand über dem Kamin. Doch es gab auch einen großen Bereich, der Cassies Spielzeug vorbehalten war.

„Möchtest du auf einer Decke sitzen, deinen Spieltisch decken oder die Terrassenmöbel benutzen? Denk dran, dass wir alles, was wir rausbringen, hinterher auch wieder aufräumen müssen.“

Die Kleine dachte kurz nach. „Es gibt nur zwei Stühle und zwei Hocker auf der Veranda, und mein Tisch ist für Daddy zu klein. Also vielleicht eine Decke, damit Platz für ihn ist, wenn er auch Zeit hat, mitzuspielen.“

„Spielt er denn oft mit dir?“

„Nein, nie.“

Logan hatte gleich betont, dass er mit der Ranch eine Menge Arbeit hatte und deshalb, wenn überhaupt, nur zu den Mahlzeiten da sein würde, doch Cassies Antwort klang so traurig, und Grace fragte sich, wie die beiden an den Wochenenden wohl sonst die Zeit verbrachten.

„Gut“, sagte sie, „dann nehmen wir eine Decke mit.“

Es dauerte noch eine Weile, bis Cassie entschieden hatte, welche von ihren Puppen an der Teegesellschaft teilnehmen durften, dann war sie bereit.

„Wir sollten auch noch Blaubeer-Muffins einpacken“, schlug Grace vor. Sie hatte am Vorabend welche gebacken, und Logan hatte offenbar schon einige davon gegessen, bevor er im Morgengrauen das Haus verlassen hatte.

„Das klingt gut“, sagte Grace ernst, „aber es könnte mir den Appetit aufs Mittagessen verderben.“

„Hmmm.“ Grace wollte keine Regeln brechen, aber vielleicht gab es ja etwas Spielraum. „Bis zum Mittagessen dauert es noch eine Weile, und wenn wir uns einen Muffin mit deinen beiden Puppen teilen, wäre das doch wahrscheinlich okay.“

Cassies Augen strahlten. „Da hast du recht! Super!“

Grace holte also einen einzigen Muffin aus der Küche, dann gingen sie nach draußen, breiteten die Decke aus und deckten den improvisierten Tisch mit Cassies Puppengeschirr. In der Ferne konnte sie die Berge erblicken, davor breitete sich der Blackwater-See aus. Der Anblick war absolut atemberaubend. Im Vordergrund lag das Weideland der Ranch, auf dem die Pferde gerade friedlich grasten. Logan hatte ja bereits erwähnt, dass er nicht nur Rinder, sondern auch Pferde züchtete.

Sie hatte ihn seit gestern Abend nicht mehr gesehen und fragte sich, wann er wieder auftauchen würde. Cassie schien offenbar zu hoffen, dass er zur Teegesellschaft kam, denn sie hatte ihm extra einen Platz freigehalten. Der Gedanke verursachte Grace Herzklopfen, was sie allerdings zu ignorieren versuchte. Hatte Cassie nicht gerade gesagt, dass Logan nie mit ihr spielte?

„Ich gieße uns mal Tee ein“, verkündete Cassie jetzt. „Kannst du den Muffin aufteilen?“

Grace tat, wie ihr geheißen war, und nachdem Cassie sich artig mit verstellter Stimme im Namen der Puppen Abigail und Hattie bei ihr bedankt hatte, machte sie sich hungrig über ihr eigenes Stückchen her.

Auch Grace hatte den Mund gerade voll, als sie hinter sich Schritte hörte. Ihre Nackenhärchen stellten sich erwartungsvoll auf, und ihr stockte unwillkürlich der Atem. Es war offenbar gar nicht nötig, Logan zu sehen, um zu wissen, dass er hinter ihr stand. Wenn es einen Gott gab, würde er sie jetzt hoffentlich nicht an ihrem Blaubeermuffin ersticken lassen.

Nun trat er zu ihnen und fragte mit dieser herrlichen, tiefen Stimme, die ihr immer durch und durch ging: „Was ist denn hier los?“

„Daddy!“ Cassie war offensichtlich überglücklich, ihn zu sehen. „Ich gebe heute eine Teegesellschaft für meine Puppen. Wir haben uns einen Muffin geteilt, weil noch ganz viel Zeit bis zum Mittagessen ist!“

„Diese Muffins sind aber auch wirklich verflixt gut.“ Sein Blick war anerkennend, und dieses Mal betraf es zum Glück das Essen und nicht sie.

Aber Liebe geht durch den Magen, fiel ihr jetzt unwillkürlich ein, und sie wünschte sich, sie hätte das gerade nicht gedacht, denn prompt wurde sie knallrot. „Freut mich, dass sie Ihnen schmecken.“

„Es wäre aber nicht nötig gewesen, dass Sie gestern Abend extra noch etwas backen.“

Sie zuckte mit den Achseln. „Sie hatten alles Nötige zu Hause, und mir macht das Backen großen Spaß.“

„Und mir macht das Essen Spaß!“, rief Cassie dazwischen.

Logan lachte. „Da bin ich aber froh. Sonst würdest du nachher noch verhungern.“

„Daddy, trink doch einen Tee mit uns. Abigail und Hattie sind satt, also kannst du ihre Stücke auch gerne haben.“ Bittend blickte sie ihn an.

„Oh, Süße, das klingt verlockend, aber …“ Er seufzte leise. „Ich bin eigentlich nur hier, um kurz etwas zu Mittag zu essen, und dann muss ich auch schon wieder an die Arbeit.“

„Aber es ist noch viel zu früh zum Mittagessen.“

„Für mich nicht, denn ich habe schon vor Sonnenaufgang mit der Arbeit angefangen.“

„Als ich noch geschlafen habe?“

Er ging vor ihr in die Hocke. „Ganz genau.“

„Dann musst du aber müde und richtig hungrig sein“, sagte sie nachdenklich. „Ich habe eine Idee!“

„So?“

Es klang vorsichtig und ein wenig misstrauisch, und sein Gesichtsausdruck verriet Grace, dass er gerade am liebsten meilenweit weg gewesen wäre.

„Ja, du kannst dein Mittagessen doch einfach nach draußen bringen und hier mit uns zusammen essen.“

Gespannt beobachtete Grace seine Reaktion. Es war nicht gerade Angst, die sich auf seinem Gesicht spiegelte, aber auf jeden Fall deutliches Unbehagen.

„Ich wünschte, das ginge, Süße, aber ich habe noch viel zu tun und muss ganz schnell essen.“

„Aber Daddy, das dauert doch nicht so lange …“

„Vielleicht nächstes Mal.“

„Okaaaay.“ Es klang enttäuscht, aber auch ein wenig resigniert, so als ob ihr Vorschlag sowieso ziemlich gewagt gewesen wäre. Offenbar hatte er sie schon des Öfteren abgewiesen.

„Es tut mir wirklich leid.“ Er breitete die Arme aus, und sie stand ohne zu zögern auf und fiel ihm um den Hals.

Als er die Umarmung lockerte, blickte sie ein wenig traurig zu ihm auf. „Wenn ich dich umarme, lässt du immer zuerst los.“

„Ist das so?“

Grace nahm nicht an, dass Cassie ihn absichtlich verletzen wollte, aber sie sah, wie tief die Worte ihn getroffen hatten. Sie spürte seinen Schmerz fast körperlich und hätte ihm deshalb gern gesagt, dass die Kühe und Pferde doch auch mal fünf oder zehn Minuten warten könnten, während sie für dieses Kind die Welt bedeuteten. Sie öffnete gerade den Mund, als sie sein Blick traf.

„Wollten Sie etwas sagen?“

Hastig schloss sie den Mund wieder und schüttelte den Kopf.

„Na gut, dann sehen wir uns heute Abend.“ Er lächelte Cassie noch einmal an und ging dann hastig ins Haus.

„Okay.“ Traurig blickte Cassie ihm hinterher. „Mommy sagt immer, die besten Umarmungen sind die, wo keiner loslassen will.“

„Ich weiß ganz genau, was du meinst, Süße“, erwiderte Grace sanft, aber mehr konnte sie dazu wirklich nicht sagen. Denn laut ihrer Stellenbeschreibung ging es bei diesem Job nicht darum, die Beziehung zwischen Vater und Tochter zu verbessern, auch wenn es sie noch so sehr reizte.

Logan war sich ziemlich sicher, dass Grace ihn zutiefst verachtete, weil er gestern nicht bei der Teegesellschaft mitgemacht hatte. Fast hätte sie sogar etwas gesagt, es aber im letzten Moment doch gelassen, und darüber war er mehr als froh. Ihr missbilligender Blick verfolgte ihn allerdings heute noch. Sie war anscheinend nicht besonders gut darin, ihre Gefühle zu verbergen.

Kein Wunder, dass er letzte Nacht von ihr geträumt hatte. Leider war es ein Albtraum gewesen. Sie hatte anklagend auf ihn gezeigt und ihn beschuldigt, ein Rabenvater zu sein … statt darauf zu antworten, hatte er sie einfach geküsst. Davon war er letzten Endes aufgewacht und hatte danach gar nicht mehr schlafen können. Kein Wunder, dass er heute missmutig und nachlässig war.

Er war gerade im Stall und reparierte Sättel, als er draußen Stimmen hörte. Eine gehörte Cassie, die andere war sexy und warm … Grace. Sein Magen verkrampfte sich augenblicklich. Es musste etwas passiert sein, sonst wären die beiden nicht hier.

Hastig verließ er die Sattelkammer. „Was ist passiert?“

Angesichts seines Tonfalls runzelte Grace überrascht die Stirn, doch Cassie schien unbeeindruckt. Sie rannte aufgeregt auf ihn zu.

„Hi, Daddy!“ Sie trug Jeansshorts und ein pinkfarbenes T-Shirt, und die Haare waren kompliziert geflochten. „Grace hat mir einen französischen Zopf gemacht. Sieht das nicht toll aus?“

„Wunderschön.“

Während er das sagte, fiel sein Blick auf die Frau, die neben seiner Tochter stand. Sie trug das Haar zu einem sexy Pferdeschwanz gebunden und ein Top mit schmalen Trägern. Ihre schwarzen Shorts betonten ihre schlanken, gebräunten Beine, bei deren Anblick sich sein Magen sofort erneut verkrampfte, wenn auch aus vollkommen anderen Gründen. Sie war wirklich wunderschön.

„Ich habe Grace von den Katzen und Ziegen erzählt und wollte sie ihr zeigen.“

Cassie rannte an ihm vorbei und schaute aufgeregt in die leeren Boxen hinein.

„Sei bitte vorsichtig!“

„Bin ich doch immer.“

Er folgte ihr und beobachtete sie dabei, wie sie den Stall ausgiebig inspizierte.

„Snowflake ist nicht hier. Ist er vielleicht draußen? Ich schaue mal nach.“ Und schon rannte sie durch das Stalltor nach draußen.

„Cassie …“

Entweder hörte sie ihn nicht oder sie ignorierte ihn absichtlich. „Ich sehe besser mal nach ihr.“

„Das mache ich schon“, sagte Grace, „aber könnten Sie vielleicht mitkommen? Ich möchte Sie nämlich was fragen.“

„Ist gut.“

Sie gingen zum Stalltor, und er sah, wie seine Tochter einige Strohballen untersuchte.

„Sie will doch nur ihre Umgebung erforschen. Das wird nicht lange dauern, Logan. Versprochen.“

„Aber man darf sie nie aus den Augen lassen.“ Sein Magen verkrampfte sich immer mehr.

„Das stimmt. Aber das hier ist eine Ranch und keine Messerfabrik.“ Um Graces Mund war ein entschlossener Zug zu sehen, und er nahm das als Hinweis, dass sie hier nicht so schnell klein beigeben würde. „Bitte, reden Sie mit mir, denn ich habe einige Fragen und möchte gern Antworten haben.“

Er blickte ihr in die Augen und machte sich innerlich auf einiges gefasst. „Na gut.“

„Sehr schön.“ Ihr Lächeln war zwar höflich, doch darunter schien es zu brodeln. „Also, zuerst einmal möchte ich gern wissen, was ich mit Ihrer Tochter unternehmen darf und was nicht.“

„Das ist doch Ihr Job. Sie sollten doch wissen, wie man sich um Kinder kümmert. Deshalb habe ich Sie schließlich angestellt … weil Sie ein Profi sind.“

„Ganz Ihrer Meinung.“ Die goldenen Flecken in ihren hellbraunen Augen schienen zu glühen, als würde sie jeden Moment explodieren.

„Gut, dann sind wir ja fertig.“

„Noch nicht ganz. Denn heute Morgen habe ich eine Entscheidung getroffen, und zwar als Profi. Cassie wollte mir die Ziegenlämmer zeigen und schauen, ob die Katze schon ihre Jungen bekommen hat. Als Profi war ich der Meinung, dass das eine schöne Freizeitbeschäftigung sein würde, aber da scheinen Sie mir offenbar nicht zuzustimmen, denn Sie benehmen sich, als hätten wir die Steigbügel von Ihrem Lieblingssattel abgeschnitten.“

Oh, sie hatte wirklich eine gute Wahrnehmung. „Sie ist fünf Jahre alt und hat jede Menge Spielzeug. Kann sie sich nicht damit beschäftigen?“

„Sie ist fünf Jahre alt, das stimmt und deshalb fesselt auch nichts ihre Aufmerksamkeit sehr lange. Wir sind hier auf einer Ranch mit ungefährlichen Tieren.“ Sie blickte kurz zu Cassie hinüber, die vor einem größeren Stein hockte und versuchte, ihn mit einem Stock, den sie gefunden hatte, zu bewegen. Offenbar fand sie das wesentlich spannender als ihr gekauftes Spielzeug.

Warum musste Grace immer recht haben? Und warum musste sie dabei auch noch so sexy aussehen?

„Katzen können kratzen und Ziegen haben Hörner.“

„Sicher, deshalb bin ich ja auch hier und behalte sie im Auge.“ Grace runzelte die Stirn. „Aber ich habe das Gefühl, dass Sie meine Urteilskraft infrage stellen. Also muss ich erneut fragen: Was darf ich hier mit Cassie machen?“

„Alles, wobei sie weder irgendwo runterfallen noch irgendeinem Tier zu nahe kommt, das sie treten oder anders verletzten könnte.“

„Also sollen wir nur drinnen spielen?“

„Ganz genau.“ Sehr gut. Das war ja viel leichter, als er erwartet hatte. Doch dann bemerkte er ihren angriffslustigen Blick und erkannte, dass sie das sarkastisch gemeint hatte.

„Was denn noch?“

„Ich bin nur neugierig.“

Das musste eine Falle sein.

„Was wollen Sie denn wissen?“

„Cassie ist fast jedes Wochenende hier bei Ihnen auf der Ranch. Was machen Sie denn die ganze Zeit mit ihr?“

Er dachte kurz nach, fand die ehrliche Antwort aber unproblematisch. „Ich gehe mit ihr ins Kino oder in die Stadt Eis essen. Etwa fünfzig Kilometer von hier ist ein großes Einkaufszentrum, da geht sie gern shoppen.“

„Also sind Sie die ganze Zeit mit ihr nur drinnen?“

„Nicht immer. Wenn das Wetter schön ist, sitzen wir im Eiscafé auch mal draußen.“

Grace verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wie bekommen Sie hier Ihre Arbeit fertig, wenn Sie sie niemals aus den Augen lassen?“

„Wenn sie hier ist, habe ich jemanden, der die Ranch-Arbeit für mich übernimmt.“

Grace wirkte überrascht. „Dann ist das gerade wohl die längste Zeit am Stück, die Sie je mit Ihrer Tochter verbracht haben?“

„Kann man so sagen.“

Grace stieß langsam den Atem aus. „Warum packen Sie sie nicht einfach in Watte oder stecken sie in einen Glaskasten?“

„Sie finden, dass ich sie zu sehr behüte.“ Das war nicht neu für ihn, Cassies Mutter sagte ihm das auch ständig.

„Nun ja, Sie sind vorsichtig, das ist okay, aber warum gehen Sie so weit? Sie hat doch schon viel Zeit hier verbracht und sie ist alt genug, um zu wissen, wo sie spielen darf und was verboten ist.“

„Aber Kinder halten sich nicht immer an Regeln und verbotene Orte sind besonders verlockend.“

„Richtig. Also lassen Sie sie niemals aus den Augen?“

„Nie, und weil das dieses Mal nicht geht, habe ich Sie eingestellt. Ich bin dafür verantwortlich, dass ihr nichts passiert, wenn sie bei mir ist, und ich will auch, dass ihr nichts geschieht, deshalb tue ich alles, was nötig ist, um das zu gewährleisten. Das ist doch die Aufgabe eines Vaters, oder etwa nicht?“

Das war eine ernsthafte Frage von ihm, denn sein eigener Vater hatte stets nur an sich gedacht.

„Natürlich sollte ein Vater das tun.“ Graces Gesichtsausdruck war nun ein wenig weicher geworden – so als ob ihr Cassie leidtat oder sie Mitleid mit ihm hätte. „Eine Mutter ebenso. Aber …“

Er hob die Hand, um sie zu unterbrechen. „Oh je, jetzt kommt’s.“

„Ich habe doch noch gar nichts gesagt.“ Ihre Mundwinkel zuckten, als ob sie ein Lachen unterdrücke.

„Von wegen.“ Besser, sie machte sich über ihn lustig, als ihn zu bemitleiden. „Das ist immer ein Signalwort, und es bedeutet, dass einem der Rest nicht gefallen wird.“

„Es ist nur ein kostenloser Rat.“ Nun lächelte sie wirklich und ging ein paar Schritte auf den Hof hinaus, um Cassie, die ihre Forschungen ausgedehnt hatte, nicht aus den Augen zu verlieren. „Andererseits bezahlen Sie mich ja, also ist er vielleicht nicht wirklich kostenlos. Jedenfalls soll das nur ein kleiner Denkanstoß sein. Sie lieben Ihre Tochter sehr, das sieht ein Blinder, aber denken Sie auch mal dran, dass zu viel physische Sicherheit in einer streng kontrollierten Umgebung auch schnell dazu führen kann, dass sie ihre Spontanität und Lebensfreude verliert.“

In diesem Moment kam das kleine Mädchen, um das es ging, ausgelassen um die Ecke auf sie zu gerannt. „Grace!“

Grace ging in die Hocke, als Cassie atemlos vor ihr stehen blieb. „Was ist denn los, meine Süße?“

„Ich habe Snowflake in einem Strohballen gefunden, und sie hat Junge bekommen! Das musst du sehen! Komm mit!“

„Okay.“ Grace streckte die Hand aus und Cassie zog sie mit sich. „Bye, Daddy!“

„Sei vorsichtig! Bis später, Kleines.“

Dieses Mal kam kein Protest, weil seine Tochter vollkommen damit beschäftigt war, Grace zu den Katzen zu führen.

Logan hätte erleichtert sein sollen, dass die attraktive Versuchung weg und er wieder allein war. Stattdessen war er ein wenig enttäuscht. Cassie hatte gar nicht darauf bestanden, dass er ebenfalls zu den Katzen mitkam, und er fühlte sich deshalb ein wenig außen vor.

Verdammt. Sein Leben war doch so gut gelaufen, bevor Grace Flynn vorbeigekommen war. Er konnte es schon jetzt kaum abwarten, dass die acht Wochen vorbei waren – und das nicht nur, weil Cassie dann wieder hauptsächlich bei ihrer Mutter wohnen würde, wo sie in Sicherheit war, sondern auch, weil diese spezielle Version von Mary Poppins dann Vergangenheit wäre und sein Leben wieder normal sein würde. Sie war erst zwei Tage hier, und schon brachte sie alles durcheinander. Natürlich hatten ihm schon andere Frauen die Meinung gesagt, aber keine davon hatte dabei so unglaublich heiß und sexy ausgesehen wie Grace. Das war neu für ihn, und diese Veränderung mochte er überhaupt nicht.

3. KAPITEL

Es war ein herrlicher Sommertag, das perfekte Wetter für die Festlichkeiten zum Unabhängigkeitstag. Grace war mit Logan und Cassie in der Stadt, um dort den Umzug anzuschauen, und sie hatte sogar bereits Logans Geschwister kennengelernt – seine Brüder Max und Tucker und seine Schwester Jamie, die als Krankenschwester in der örtlichen Klinik arbeitete.

Damit die vier am Getränkestand ein Bier zusammen trinken konnten, hatte Grace sich bereit erklärt, mit Cassie zu den Marktbuden zu gehen, an denen man Ringe werfen und Enten angeln konnte.

„Da drüben ist meine Freundin Lindsay!“, rief Cassie plötzlich erfreut. „Kann ich mit ihr spielen?“

„Okay“, sagte Grace und ließ Cassies Hand los. „Ich bleibe aber in eurer Nähe, ja?“

Kurz darauf kam Cassie wieder zurück. „Lindsay fährt jetzt mit ihren Eltern Karussell. Darf ich auch?“

„Natürlich“, erwiderte Grace. „Ich schaue von unten zu, okay?“

„Moment mal.“ Plötzlich stand Logan hinter ihr. „Ich dachte, Sie wollen mit ihr zu den Spielbuden.“

Grace ließ Cassie nicht aus den Augen, die jetzt mit ihrer Freundin bei deren Eltern stand, aber außer Hörweite war. „Sie hat es sich anders überlegt, das kommt bei Fünfjährigen vor.“

„Darüber haben wir aber nicht gesprochen.“

„Sie haben mich doch angestellt, damit ich auf Ihre Tochter aufpasse“, erinnerte sie ihn, „und ich bin dafür ausgebildet. Aber wenn Sie mir nicht trauen …“

„Darum geht es nicht.“ Er rieb sich den Nacken. „Ich denke nur, ich sollte dabei sein.“

Dabei sein? Ehrlich? Sie hatte sich geschworen, ihm keine Erziehungsratschläge mehr zu geben, aber nun konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.

„Wenn es Ihnen so wichtig ist, da zu sein, warum hatten sie dann keine zehn Minuten übrig, um bei Cassies Teegesellschaft zu Gast zu sein?“

„In so was bin ich einfach nicht gut.“ Verunsichert blickte er sie an. „Fragen Sie jetzt nicht, warum, aber das hier ist was anderes.“

„Also soll ich ihr sagen, dass Sie nicht mit ihrer Freundin Karussell fahren kann, während ich sie dabei im Blick habe?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich fahre nur lieber mit.“

„Aber Sie wollten doch mit Ihrer Familie ein Bier trinken!“

„Meine Geschwister werden es schon überleben.“ Er blickte kurz zu Cassie hinüber, dann wieder zu Grace. „Und nur, um das klarzustellen, ich vertraue Ihnen durchaus. Das hier ist meine Schuld, nicht Ihre.“

Mit diesen Worten ging er zu Cassie hinüber, begrüßte Lindsays Eltern und schlenderte dann zusammen mit ihnen und den Kindern zu den Karussells.

Der Anblick, wie er beschützend die Hand auf Cassies Schulter legte, ließ Graces Ärger sofort dahinschmelzen. Sie glaubte ihm, dass er ihr vertraute, aber sie hatte fast das Gefühl, dass er als Vater überhaupt kein Selbstvertrauen hatte. Woran lag das nur?

Anders als Cassie, die schon auf dem Rückweg im Auto eingeschlafen war, bekam Logan kein Auge zu, als er im Bett lag. Ständig musste er an Grace denken – wie sie ihn angeschaut hatte, als er sich wegen der Karussellfahrt fast mit ihr gestritten hatte.

Bei ihr hatte es wohl keinen Zweck, so zu tun, als wüsste er, was er als Vater tat. Sie war einfach zu gut in ihrem Job, um ihn nicht sofort zu durchschauen.

Bevor sie hergekommen war, hatte er Cassie an seinen Wochenenden nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen. Jetzt musste er die Verantwortung für seine Tochter erstmals abgeben, und das fiel ihm offenbar schwerer, als er gedacht hatte.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Es klang nach Cassie, die nach ihm rief. Sofort warf er die Bettdecke zurück und sprang aus dem Bett, dann rannte er den Flur entlang. Als er bei Cassies Zimmer ankam, saß Grace bereits auf der Bettkante und hielt seine Tochter fest in den Armen.

„Das war nur ein schlechter Traum, Liebes. Alles ist gut. Ich bin hier. Du brauchst keine Angst mehr zu haben.“

Als er sich bemerkbar machte, blickte Grace fragend auf, und er schüttelte den Kopf. Sie wollte offenbar wissen, ob er übernehmen wollte, doch im Augenblick klammerte sich Cassie so fest an Grace, dass er sie nicht noch weiter aufregen wollte.

Es dauerte noch eine ganze Weile, doch mit ihrer beruhigenden Stimme und genau den richtigen Worten schaffte es Grace fast mühelos, dass Cassies Tränen versiegten und sie sich entspannt an sie kuschelte. Logan hatte gehört, dass Kinder einen guten Instinkt hatten, wenn es um Menschen ging. Wenn das stimmte, dann vertraute Cassie Grace bedingungslos, und das beruhigte ihn ein wenig.

Als Cassie gähnte, fragte Grace: „Möchtest du jetzt wieder schlafen?“

Cassie nickte und Grace deckte sie sanft zu und stand behutsam auf. Die Nachttischlampe hinter ihr machte ihren dünnen Schlafanzug so gut wie durchsichtig, und Logan wurde plötzlich von einem heftigen Verlangen überflutet, für das er sich sofort hasste.

Denn das war genau die Art seines Vaters, den er so verachtete. Die Kinder waren ihm immer egal gewesen, weil er ständig damit beschäftigt gewesen war, den Hausangestellten nachzustellen.

„Kann das Licht bitte an bleiben?“, fragte Cassie. „Ich habe immer noch ein bisschen Angst.“

„Wie wäre es, wenn wir leise was zusammen singen?“, fragte Grace. „Das vertreibt bestimmt alle bösen Gedanken, die du noch an den Traum hast.“

Sie begann leise zu summen und dann zu singen, und Cassie fiel schnell mit ein. Ihre Stimmen vermischten sich in der Dunkelheit zu einem anrührenden Duett. Logan ging leise zur Tür, blieb aber im Flur stehen. Nach kurzer Zeit war nur noch Graces Stimme zu hören, dann kam sie leise aus dem Zimmer geschlichen.

Als sie ihn sah, zuckte sie überrascht zusammen – genau wie in dem Moment, als sie vor Schreck beim Auspacken ihre Höschen fallen gelassen hatte.

„Ich dachte, Sie sind wieder ins Bett gegangen“, flüsterte sie.

„Ich wollte hierbleiben – nur für den Fall.“

„Es ist alles unter Kontrolle, und Sie müssen bestimmt in aller Herrgottsfrühe aufstehen.“

„Das stimmt.“

„Dann muss ich daraus schließen, dass Sie mir leider wirklich nicht vertrauen.“

„Es geht nicht um Sie, Grace, ich vertraue mir selbst nicht.“

„Ja, das dachte ich mir schon. Die Karussellfahrt hat mich darauf gebracht. Sie verhalten sich wie ein Leibwächter. Damit ihr auch ja nichts passiert, lassen Sie sie nicht eine Sekunde aus den Augen, aber Sie setzen sich trotzdem nicht mit ihr hin und spielen etwas mit ihr. Warum diese Distanz? Wollen Sie vielleicht mit mir darüber reden?“

Logan zögerte kurz. Aus irgendeinem Grund war es ihm wichtig, dass Grace ihn nicht mehr ständig so missbilligend anblickte. Sie verbarg ihr vernichtendes Urteil über ihn als Vater zwar unter Freundlichkeit, aber vielleicht würde sie ja besser verstehen, dass er das alles nur...

Autor

Wendy Warren
Wendy lebt mit ihrem Ehemann in der Nähe der Pazifikküste. Ihr Haus liegt nordwestlich des schönen Willamette-Flusses inmitten einer Idylle aus gigantischen Ulmen, alten Buchläden mit einladenden Sesseln und einem großartigen Theater. Ursprünglich gehörte das Haus einer Frau namens Cinderella, die einen wunderbaren Garten mit Tausenden Blumen hinterließ. Wendy und...
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Christine Rimmer

Christine Rimmers Romances sind für ihre liebenswerten, manchmal recht unkonventionellen Hauptfiguren und die spannungsgeladene Atmosphäre bekannt, die dafür sorgen, dass man ihre Bücher nicht aus der Hand legen kann. Ihr erster Liebesroman wurde 1987 veröffentlicht, und seitdem sind 35 weitere zeitgenössische Romances erschienen, die regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten landen....

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