Arabellas Geheimnis

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Böhmen im Jahr 1381: Eine Fee? Eine Elfe? Eine Waldprinzessin? Sir Tristan Carlisle kann den Blick nicht von der geheimnisvollen Frau abwenden, die er auf einer Lichtung überrascht! Doch als er sie anspricht, flieht sie erschreckt - und lässt den Ritter brennend vor Verlangen zurück. Auch als er endlich sein Ziel, die Hofburg in Prag, erreicht, vermag Tristan sie nicht zu vergessen. Ein Rätsel! Bis ihm in den Gemächern des Schlosses Arabella Rowan, die neue Hofdame der böhmischen Prinzessin, begegnet: Schlanke Gestalt, hüftlange schwarze Locken, Wildheit und Hunger nach Freiheit in den grünen Augen nur mühsam gebändigt - die Schöne aus dem Wald …


  • Erscheinungstag 13.04.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733766672
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Böhmen

Herbst 1381

Arabella Rowan rannte so schnell sie konnte in den schützenden Wald und zwang sich, ganz leise zu sein, während sie die Hütte ihrer Mutter auf der anderen Seite der Wiese im Auge behielt. Fünf Pferde, die die Standarten des Königs trugen, waren vor der Tür angebunden und stampften und schnaubten im leichten Wind des späten Nachmittags.

Männer.

Arabella wusste, dass sie sich ihrem Zuhause nicht nähern durfte, wenn Männer sich darin aufhielten. Schon ihr ganzes Leben lang galt dieses Gebot, auch wenn sie es seit Eintritt ihrer monatlichen Regel vor ungefähr sieben Sommern noch strenger befolgte. Ob Bauern oder Edelleute, für den Haushalt allein lebender Frauen konnten Männer eine Gefahr bedeuten.

Als die Brettertür aufschwang, drängten fünf kräftige, in Samt und Seide gekleidete Edelmänner heraus und gingen zu ihren ungeduldigen Reittieren.

Arabella wartete im Wald, bis die Gefolgsleute des Königs in einer Staubwolke verschwunden waren. Nachdem sie zuerst erleichtert aufgeatmet hatte, wurde sie jetzt doch von Neugier gepackt. Barfuss, trotz der kalten Erde, lief sie den grasbewachsenen Hügel zur Steinhütte hinauf. Sie stürmte durch die Tür und wäre dabei beinahe über die Schwelle gestolpert.

„Was ist geschehen? Was wollten diese Männer …“

Ihre Worte erstarben, als sie die Stimmung bemerkte, die in der Hütte herrschte. Ihre Mutter und ihre Großmutter steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Ein besorgter Ausdruck ließ ihre Gesichter düster und älter als gewöhnlich aussehen.

„Was ist los?“ In dem kühlen Raum, der als Stube und Küche zugleich diente, ließ Arabella sich auf einen Holzstuhl sinken, stellte den Kräuterkorb zu ihren Füßen ab und strich sich die wirren Locken aus der Stirn. Es war eher die Unruhe, die in ihrem Magen rumorte als der Hunger auf das Abendessen.

Zaharia trat zu ihrer Enkeltochter. „Du wirst eine Reise machen, Arabella. Der König möchte, dass du die Prinzessin begleitest.“

Das konnte nicht wahr sein. Vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen, und es drehte sich ihr der Kopf. Selbst in den entlegendsten Randgebieten des Böhmerwaldes war bekannt, dass die Prinzessin eingewilligt hatte, einen ausländischen König in einem fernen Land zu heiraten. Wortlos blickte Arabella ihre Mutter an und wartete auf ihre Bestätigung, obwohl sie wusste, dass die Entscheidung ihrer Großmutter, wie schon so oft, endgültig sein würde.

Die Mutter ließ ein unterdrücktes Schluchzen hören und barg das Gesicht in den Händen. Mit einem Mal ließ Angst Arabellas Herz schneller schlagen.

„Du kennst deine Pflicht, Bella.“ Großmutter Zaharia betrachtete sie ernst mit ihren grünen Augen. Das weiße Haar hatte sie im Nacken zu einem Knoten gebändigt. Jetzt setzte sie sich auf die Bank neben Arabella. „Wenn König Wenzel Prinzessin Anne zu dem jungen englischen König schickt, damit sie ihn heiratet, dann wirst du sie als Hofdame begleiten.“

„Ich verstehe nicht. Gibt es am Hof in Prag nicht genügend Frauen für diese Aufgabe? Mein Platz sollte an deiner Seite sein, so wie immer. Ich möchte von dir die Heilkunst lernen.“ Sie musste sich gegen die Entscheidung ihrer Großmutter nur entschlossen genug wehren und zeigen, wie sehr sie die Kunst der weisen Frau schätzte, dann würde Zaharia schon nachgeben. Hatte die Großmutter nicht immer gesagt, in Arabellas Adern fließe das Blut einer Heilerin?

„Wie es scheint, stellt König Wenzel ein ungewöhnlich großes Gefolge für Prinzessin Anne zusammen. Er möchte, dass ihre Ankunft das englische Volk beeindruckt, da ihr zukünftiger Gatte sie ohne Mitgift zur Frau nimmt.“

„Aber ich bin keine Hofdame. Durch mich wirkt niemand eindrucksvoller.“ Zur Bestätigung streckte sie ihren nackten Fuß aus, während Verzweiflung über sie kam. Würde sie ihre Familie je wiedersehen, wenn sie das Land erst einmal verlassen hätte? Wahrscheinlich würde sie ihre Lehre bei ihrer Großmutter nie zu Ende bringen können, nie wieder Kräuter sammeln noch der Entdeckung einer neuen Heiltinktur entgegenfiebern. „Wir haben nie wie Edelleute gelebt. Ich könnte uns Schande machen.“

„Nichtsdestoweniger bist du von so edler Geburt wie kaum irgendeiner bei Hofe, trotz unseres Mangels an Reichtümern.“ Großmutter Zaharia zog eine Pergamentrolle hervor, die in den Falten ihres Gewandes verborgen gewesen war und las daraus vor. „Man wünscht die Anwesenheit der Edeldame Arabella Rowan, Tochter von Ritter Karl Vallia und der Edeldame Luria Rowan in der nächsten Woche in Prag.“

„Aber mein Vater hat mich nie anerkannt.“ Diese Tatsache hatte sie nie sonderlich bekümmert. Ihr Leben verlief glücklicher als das vieler Leute um sie herum. Doch wenn die Entfremdung von ihrem Vater ihr in diesem Falle helfen konnte, musste sie darauf hinweisen.

„Erwähne nie deinen Vater auf deiner Reise, Liebes.“ Zaharias Stimme war ungewöhnlich scharf. „Dein Erbe ist weit wichtiger, als du glaubst. Aber das ist eine Familienangelegenheit.“

Selbst Arabellas Mutter blickte unter Tränen auf, um der Großmutter zuzustimmen. „Sprich nicht über deine Vergangenheit, Arabella. Die königliche Familie weiß, wer du bist. Es ist nicht nötig, dass du dich gegen irgendein Geschwätz verteidigst.“

Verwirrt dachte Arabella zum ersten Mal seit langer Zeit über ihren Vater nach. Sie war dem Edelmann, von dem man sagte, dass er ihrer Mutter das Herz gebrochen habe, nie begegnet. Doch sie hegte den Verdacht, dass er sich manchmal im Geheimen mit ihrer Mutter traf. Vielleicht war das einer der Gründe, warum die Rowan-Frauen sich vor Männern so in Acht nahmen. Doch Zaharia redete bereits über andere Dinge.

„Du musst morgen packen, damit du Prag rechtzeitig erreichst und genug Zeit hast, dich auf die Reise vorzubereiten, mein liebes Kind. Du hast keine Wahl. Du musst von uns ziehen.“

Arabella traute ihren Ohren nicht. Ihr war, als hätte sie ein schwerer Schlag getroffen. Sie war von Schmerz erfüllt.

In der dumpfen Luft der Hütte rang sie nach Atem. Sie musste hier raus, musste mit dem Herbstwind um die Wette laufen und Erde unter den Füßen spüren.

Zaharia streckte die Arme aus und drückte ihre Enkelin an sich. „Sei stark, Arabella. Zeige deinen Landsleuten, dass das Blut der Rowan genauso stolz fließt wie das irgendeines Ritters.“

„Wie kann ich alles, was mir je vertraut war, aufgeben, um jemand zu werden, der ich nicht bin? Wie soll ich das Vermächtnis antreten, das du mir prophezeit hast?“ Sie bewunderte ihre Großmutter, weil sie eine so berühmte Heilkundige war und hatte sich vorgestellt, dass auch ihren Fähigkeiten eines Tages der gleiche Respekt gezollt werden würde.

„Du kannst keine weise Frau sein, ohne etwas von der Welt gesehen zu haben, Bella. Ich wusste immer, dass einmal der Tag kommen wird, der dich deinem Schicksal zuführt und dir die Weisheit bringt, die du zusätzlich zu dem brauchst, was ich dich gelehrt habe.“ Ihre Worte klangen sanft und beruhigend und waren gleichzeitig von einer ehernen Unerbittlichkeit. Es war der Ton, in dem sie üblicherweise Arabella in all dem unterrichtete, was sie über die Heilkunst wusste. „Denk an deine Ehre. Denk an die Ehre deiner Familie. Du wirst diese Verpflichtung erfüllen und wieder nach Hause zurückkehren. Es ist nicht so, als müsstest du für immer in England bleiben.“

Etwas an den Worten „England“ und „für immer“, die Zaharia im gleichen Atemzug erwähnt hatte, erweckte einen heißen Zorn in Arabella und veranlasste sie, in Richtung Tür zu laufen. Das alles war zu viel, ging zu schnell, und sie fürchtete, sie würde sich selbst Schande machen, indem sie vor ihrer Familie ihre Wut zum Himmel schrie. Sie musste fliehen, bevor das geschah.

Ein letztes Mal hielt sie aber inne. „Ich werde stark sein“, versicherte sie ihrer Großmutter mit kerzengerader Haltung, auch wenn ihr die Augen brannten bei dem Gedanken, dass ihr das eigene Schicksal aus den Händen glitt. „Irgendwie.“

„Arabella.“ Luria stand auf und wollte ihre Tochter hindern davonzurennen, doch Zaharia hielt sie zurück.

Zaharias letzte Worte noch in ihren Ohren, eilte Arabella den staubigen Pfad hinunter. Jeder Schritt dieses einsamen Gangs erinnerte sie daran, dass ihre Zeit als freie Frau bald vorbei sein würde.

1. KAPITEL

Hier halten wir“, rief Tristan Carlisle, zügelte sein Pferd und schwang sich vom Rücken des schwarzen Streitrosses, damit er und seine Begleiter sich die Nacht über ausruhen konnten.

Er verfluchte die Reise, obwohl er diese letzte Rast genoss. Denn danach würde er Prag erreichen und somit auch die kreischenden Frauen, die ihn erwarteten – das größte Gefolge, dass je eine Prinzessin zu ihrer Hochzeit begleitet hatte. Eine ziemlich zweifelhafte Ehre für einen Krieger.

„Eskorte“, murmelte er. Schon allein der Klang des Wortes ekelte ihn an. Fünfzehn Jahre im Dienste der Könige Englands – und dieser Auftrag war alles, was seine harte Arbeit ihm eingebracht hatte?

Während er hier die Aufgabe eines Höflings erfüllte, tobte der Krieg zwischen England und Frankreich. Glaubten sie etwa, sein Schwertarm sei kraftlos geworden? Nur mit seinem Dolch bewaffnet, konnte er besser kämpfen als die Hälfte von Richards lächerlicher Mannschaft, denn die meisten der jungen Männer waren nichts als sabbernde Kleinkinder, die erst wenige Kämpfe erlebt hatten.

Richard hatte sich damit herausgeredet, wie wichtig der Schutz seiner Braut wäre und auf eine kürzliche Bedrohung des böhmischen Hofes hingewiesen. Doch die Aufgabe – und die Besorgnis des Königs – erschienen Tristan ein wenig hohl, auch wenn Richard ihm im Gegenzug für den erfolgreich ausgeführten Auftrag längst überfällige Ländereien versprochen hatte.

Wie um Tristans Meinung zu bestätigen, schnaubte das schwarze Pferd, während es seinen Durst stillte.

„Ich stimme dir völlig zu, mein Freund. Kein vernünftiger Krieger sollte die Rolle eines Höflings übernehmen. Aber da hast du es. Da bewegen wir unsere müden Hintern durch dieses hübsche Land, und die Gunst des Königs verschafft uns nicht mehr als das Los eines Bastards in diesem Leben. Wenn Richard dieses Mal nicht mit den Ländereien herausrückt …“ Es war wirklich ungeheuerlich. Wenn der König jetzt seine Bemühungen nicht honorierte, wartete das Dasein eines Söldners auf Tristan.

„Tristan?“ Sein Freund Simon Percival rief ihn aus einiger Entfernung. Simons Anwesenheit – der Ritter war fast so alt wie Tristan mit seinen dreißig Sommern – war einer der wenigen Gründe, der diese endlose Reise erträglich machte. „Sollen wir hier die Nacht verbringen, oder möchtest du weiterreiten? Wenn wir uns beeilen, könnten wir morgen in Prag sein.“

„Ich habe es nicht eilig. Sag den Männern, sie sollen abladen. Ich schau mich ein wenig um.“ Wenn er seinen Auftrag erfüllen wollte, musste er die rebellischen Gedanken aus seinem Kopf verjagen. Und so sprang er wieder aufs Pferd.

Während die Dämmerung hereinbrach, erkundete Tristan langsam und vorsichtig die Umgebung, um für die Sicherheit ihres Lagers zu sorgen. Die Einsamkeit des Landstrichs passte zu seiner Stimmung. Der dunkle Wald ging in eine sanfte Hügellandschaft über, die ausreichend Deckung bot für ausländische Ritter, die sich auf fremdem Terrain verstecken mussten.

Als der Lärm, den seine Männer machten, im letzten purpurnen Licht des Tages verstummte, hörte er aus der Tiefe des Waldes einen Schrei.

Er hielt an und war sich ziemlich sicher, dass ein Tier den Laut ausgestoßen hatte. Doch um sich zu vergewissern, wartete er. Obwohl er in einer abgelegenen Gegend zu sein schien, führte vielleicht in der Nähe eine Straße vorbei und ein unglücklicher Reisender war auf Räuber getroffen. Dann ertönte der Schrei wieder. Tristan überlegte immer noch, ob er von einem Tier oder einem Menschen herrührte, aber er klang zu gequält, als dass er ihn hätte ignorieren können.

Er glitt vom Pferd und ging in die Richtung, aus der er den Schrei vernommen hatte. Als der Weg sich hinzog, beschleunigte er seinen Schritt, bis er eine Lichtung erreichte, in deren Mitte ein vollkommener Kreis alter Eichen stand. Das Geräusch drang aus dem Innern dieses Kreises, aber in der zunehmenden Dämmerung konnte Tristan nichts erkennen. Er war sich ziemlich sicher, dass dort keine Tiere miteinander kämpften. Auch konnte er kein Pferd oder irgendwelche Wegelagerer erblicken.

Er pirschte weiter, bis er eine der alten Eichen berührte.

Die Schreie verstummten.

In dem Ring aus Eichen bewegte sich eine Gestalt.

Mit zusammengekniffenen Augen machte Tristan die Umrisse einer jungen Frau aus … oder was war es?

Halb zurückgelehnt auf dem Boden kauernd trug die Frau Kleider, die weder zu einer Bäuerin noch zu einer Dame passten. Ihr langes Gewand hatte einen weiten Rock – Tristan sah, dass er sich auf dem Boden um ihre Beine bauschte –, doch er war nicht lang genug, um ihre nackten Füße zu verbergen. Von Kopf bis Fuß war sie mit kleinen Zweigen und Tannennadeln übersät.

Und ihr Haar …

Es erinnerte ihn an das einer Hexe oder Fee aus einem Kindermärchen. In dicken Wellen hing es wie ein Mantel um ihren Oberkörper und bedeckte ihn, wie ihr langes Gewand den unteren Teil von ihr verhüllte. Die dunklen Strähnen reichten ihr bis zur Taille und schienen keinen Kamm zu kennen.

Er musste wohl träumen.

Keine Frau würde sich mitten in die Wildnis wagen. Diese hier wirkte allerdings so, als gehöre sie zu diesem Wald – wild und unzivilisiert. Sie strahlte eine überirdische Schönheit aus, und Tristan fragte sich, ob er verhext worden sei.

Ihre seltsame Erscheinung in diesem uralten Baumkreis, den kein abergläubischer Sterblicher je zu betreten riskiert hätte, ließen ihn fast daran glauben. Und bevor die Frau in jähes Schweigen verfallen war, hatte sie in heidnischer Wut die teilnahmslosen Eichen angeheult.

Tristan verlangte nach einem Beweis dafür, dass dieses Wesen wirklich war. Ganz verzaubert von ihrem einzigartigen Aussehen näherte er sich ihr leise.

Einen Moment lang bewegte sich die Frau nicht. Sie schien wie erstarrt, blickte Tristan in die Augen und musterte sein Gesicht. Er war ihr so nah, dass er ihren leichten Duft wahrnahm und die feuchte Spur der Tränen bemerkte, die sich über die mit Schmutz verschmierten Wangen zog. Immer noch nicht davon überzeugt, dass sie tatsächlich existierte, hob Tristan die Hand, um sie zu berühren. Mit einer raschen, lautlosen Bewegung sprang das grünäugige Mädchen auf die Füße und rannte davon.

„Sitzt still, Arabella.“

Der Befehl der Edeldame klang jetzt wie eine Drohung. Arabella zwang sich, nicht länger rastlos auf der mit Samt bezogenen Bank im Prager Palast des Königs hin und her zu rutschen. Die ganze letzte Stunde lang hatte sie – fast – still gesessen, während die Matrone aus dem königlichen Gefolge sich recht rabiat darum bemühte, ihr ein der Reise nach England angemessenes Gewand zu verpassen. In dem oberen Gemach, das Arabella und etlichen anderen Edelfrauen aus weit entfernten Teilen Böhmens während dieser Tage als Heim diente, saßen noch fünf andere junge Frauen ruhig vor ihren Zofen.

Lady Hilda murrte leise vor sich hin, während sie mit Arabella beschäftigt war.

„Der gütige Himmel möge uns beistehen, aber Ihr gehört genauso wenig zu einer königlichen Entourage wie eine Wildkatze.“

„Achte gar nicht auf sie, Arabella“, flüsterte eine mädchenhafte Stimme an ihrer Seite. „Du bist eine wundervolle Ergänzung für unsere Gesellschaft.“

Maria Natansia, Arabellas einzige Freundin, seitdem sie in Prag angekommen war, lächelte ihr kurz zu, während sie beide unter den nicht allzu sanften Händen von Edeldame Hilda litten. Sie war eine entfernte Verwandte der Prinzessin und besaß genug Titel, um sich die Freiheit herausnehmen zu können, ihre Meinung zu sagen.

So viel hatte Arabella während ihres kurzen Aufenthaltes in der adligen Welt bereits gelernt: Titel verschafften einer Frau hier Respekt. Hingegen hinterließen das Beherrschen der Heilkunst oder die Fähigkeit, Leben retten zu können, in diesen Kreisen keinen maßgeblichen Eindruck.

„Ich danke Euch.“ Sie lächelte der reizenden Blonden zu, die eine so helle Haut besaß, dass Hilda begeisterte Bemerkungen darüber machte.

Maria, ein zurückhaltendes Mädchen von achtzehn Sommern, war das Mündel von König Wenzel IV., und da der böhmische König auch deutscher König war, bedeutete dies eine sehr angesehene Stellung. Und obwohl Arabella daraus schloss, dass die junge Frau reich genug war, um das glanzvolle Hofleben Prags zu beherrschen, mied Maria das Treiben bei Hofe.

Seit ihrer Ankunft in der Stadt vor drei Tagen, war Arabella nur noch mit den Vorbereitungen für die bevorstehende Reise nach England beschäftigt. Unter der gewissenhaften Anleitung der Kammerzofen der Prinzessin hatte sie ein wenig an ihren eigenen Surcots gearbeitet. Sie war davon unterrichtet worden, was auf dieser Reise von ihr erwartet wurde. Aber sie hatte es nicht gewagt, sich längere Zeit aus den Frauengemächern zu entfernen, und heute Abend würde ihr erstes offizielles Abendessen in der Prager Burg stattfinden.

Sie war aufgeregt. Ihr alter Surcot für festliche Anlässe hatte neben den glänzenden Gewändern der Frauen, die sie zwar höflich grüßten, sich dann aber mit abschätzenden Blicken von ihr abwandten, ausgesehen wie ein Bauernkittel. Es war auch nicht hilfreich gewesen, dass sie in Begleitung ihrer Großmutter am Burgtor erschienen war. Zaharia war eine weise und gelehrte Frau, doch Abergläubige nannten sie eine Zauberin.

Aber Maria Natansia warf Arabella weder ihre Familie noch ihre wenig modische Erscheinung vor.

„So“, verkündete Hilda mit einem zufriedenen Lächeln, als sie ihr Werk beendet hatte. „Ich richte Euch schon so her, dass man Euch vorzeigen kann, ob Ihr es wollt oder nicht.“ Eine lange Haarnadel wie ein Schwert in der Hand haltend, drohte sie ihrem störrischen Schützling, während sie gleichzeitig eine jüngere Zofe zu sich winkte. „Jetzt wird Euch Millie noch helfen, Euer Haar für das Fest heute Abend zu bändigen.“

Da sie eine der Hofdamen war, die keine eigene Zofe besaß, unterwarf sich Arabella Hildas Anordnung und ließ ihre Gedanken wandern, während Millie mit der seidenweichen Bürste im gleichmäßigen Rhythmus über ihre Haare strich.

Wie so oft in den letzten beiden Wochen seitdem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, tauchte vor ihrem inneren Auge das Gesicht des Ritters auf.

Er hatte die Unverfrorenheit besessen, dicht an den Baumkreis heranzutreten, den etliche Leute doch für verzaubert hielten. Keiner, den Arabella kannte, hätte sich einem solchen Ort genähert. Keiner, außer ihrer eigenen Familie.

Und noch kein Mann hatte es gewagt, sie so kühn anzublicken. Was das betraf, so hatte sie bis zu diesem Tage kaum je einem Mann von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Nach der Erfahrung mit Arabellas Vater, den man nicht hatte zwingen können, die Mutter seiner einzigen Erbin zu heiraten, war Luria, wenn es um die Beweggründe fremder Männer ging, vorsichtig gewesen.

Die Männer ihres Heimatortes fürchteten und respektierten Zaharia und mieden aus Achtung vor der weisen Frau deren Enkelin. Doch der fremde Ritter hatte sie nicht nur angestarrt, er hatte sogar schamlos die Hand ausgestreckt, um sie anzufassen.

Seine Gestalt war beeindruckend gewesen. Groß und bedrohlich, mit grauen Augen. Seine ganze Haltung besaß etwas eher Furchterregendes, dazu kam noch der räuberische Blick eines Wolfes.

Um diesem Blick und dieser Berührung zu entfliehen, war sie gerannt so eilig sie konnte. Als sie schließlich anhielt, um zu schauen, ob er noch immer da war, war es im Wald totenstill gewesen. Niemand war ihr gefolgt. Der Fremde war so schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war. Es dauerte lange, bis Arabella endlich zu zittern aufhörte. Ihr wurde klar, dass sie viel zu isoliert aufgewachsen war, wenn das Erscheinen eines Fremden sie so verstören konnte. Wer würde Arabella je weise nennen wie ihre Großmutter, wenn sie vor dem Leben wie ein verschrecktes Häschen davonflitzte?

„Fertig, Mylady“, erklärte Millie endlich und half Arabella auf die Füße. Mit strahlendem Lächeln standen die Zofe und Hilda nebeneinander. Schließlich zog Hilda Arabella am Arm.

„Kommt und seht in den Spiegel, Arabella, und versucht das Wunder zu würdigen, welches wir vollbracht haben.“

Hilda schob sie vor einen Spiegel, der sich im Innern eines Schrankkoffers befand, den man heute in das Gemach geschleppt hatte.

Neugierig schaute Arabella hinein. Fort waren die ungebändigten Locken, die ihre Mutter im Ärger einmal abgeschnitten hatte. Sie wurden durch glänzende Wellen ersetzt, die selbst in dem stumpfen Spiegelglas noch schimmerten. Arabella streckt die Hände aus, um sich übers Haar zu streichen, doch Hilda und Millie stürzten vor, als wollten sie dagegen einschreiten.

Pflichtbewusst nahm Arabella die Hände herunter. Sie betrachtete das steife, weiße Unterkleid aus Leinen mit einer Cotehardie aus königsblauem Samt darüber, einer so dunklen und teuren Farbe, dass nur Leute von hohem Stand sie trugen. Heute Nacht würde sie dazugehören. Ihre flachen Schuhe waren unter den langen Röcken kaum zu erkennen, und wenn sie hervorlugten, passten sie farblich zu dem samtenen Gewand.

Arabella fragte sich, wohin ihr früheres, ungezähmtes Wesen verschwunden war, jetzt, da diese feine Dame seinen Platz eingenommen hatte.

Als würde sie ihre Gedanken erraten, zwinkerte Hilda ihr zu und drehte sie sanft zur Tür.

„Ich vertraue darauf, dass die Schönheit Eurer Erscheinung Einfluss auf Eure Manieren hat. Bitte, zerstört das Ergebnis unserer harten Arbeit nicht zu früh.“

Als Hilda sie losließ, damit sie sich auf den Weg in den Burgsaal machte, fühlte Arabella sich verloren. Genauso, wie sie es sich in den letzten Nächten zu Hause in ihrem Bett vorgestellt hatte. Doch bevor sie im Irrgarten der Gänge, die zum Burgsaal führten, jede Orientierung verlieren konnte, holte Maria sie ein. Ihr helles Haar wurde wie bei einem der Engel auf den religiösen Bildern in der Burg von einem himmelblauen Band umrahmt.

„Hier entlang“, rief sie, deutete in die entgegengesetzte Richtung und führte Arabella dann durch Gänge, in denen sie immer mehr Menschen trafen. Musik drang an ihr Ohr, als sie sich dem großen Saal näherten. „Du musst nicht aufgeregt sein, Arabella. Das Gefühl vergeht sofort, wenn du erst einmal durch die Tür getreten bist.“

Hilflos einer Welt ausgeliefert, in der ihre Mutter durch falsche Versprechungen verletzt worden war, blieb Arabella in ihren hübschen Schuhen stehen. Würde sie ebenso anfällig sein für den schönen Schein?

„Maria.“ Sie wandte sich ihrer neuen Freundin zu, der sie vertraute, wie sonst niemandem hier. „Vielleicht kannst du mich noch in einer anderen Angelegenheit beraten. Ich weiß nichts über Männer. Ich habe keinen Vater, keinen Bruder. Ich habe kaum je mit einem männlichen Wesen gesprochen. Erwartet man von uns … dass wir bei solch einem Ereignis wie diesem uns mit ihnen unterhalten?“

Maria sah sie mit großen Augen an und erwiderte lange Zeit gar nichts. Aber Arabella war nur zu froh, dass sie so ihren Eintritt in den großen Saal hinauszögern konnte. Endlich blinzelte Maria.

„Das meinst du ernst.“

„Ja.“ Automatisch wollte Arabella nach dem kleinen Messer greifen, dass sie normalerweise an der Hüfte trug. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie es an dem Tag, an dem sie dem fremden Ritter im Wald begegnet war, verloren hatte. Es war ein Talisman von ihrer Großmutter. Arabella sehnte sich schmerzlich nach dem kleinen Glücksbringer, der das Werkzeug einer weisen Kräuterfrau war. Besonders jetzt, da sie Trost durch etwas Vertrautes brauchte, vermisste sie ihn.

„Und du bist tatsächlich im Wald aufgewachsen, oder?“ In Marias Stimme lag ein kindliches Staunen, und Arabella fühlte sich ein wenig besser, weil sie von der am meisten geachteten weisen Frau der ganzen Gegend aufgezogen worden war.

„Das habe ich nie abgestritten. Ich betrachte es nicht als einen Mangel, so wie es der Hof tut.“

„Ich ebenso wenig, Arabella, glaub es mir. Dein Leben klingt für mich so wunderbar. Doch jetzt mal ehrlich, die Männer benehmen sich gar nicht so schlecht. Zumindest nicht in meiner Gegenwart.“ Sie lachte, und ihre Augen funkelten verschmitzt. „Es hat seine Vorteile, das Mündel des deutschen Königs zu sein. Bleib an meiner Seite. Wir werden den Männern gemeinsam entgegentreten.“

„Gemeinsam.“ Es hörte sich einfach genug an. Und wenn auch ihre Mutter von den Männern gesprochen hatte, als wären sie gefährliche Wesen, so fragte Arabella sich doch oft, ob Lady Luria nicht einfach nur das Pech gehabt hatte, einem schlechten Exemplar begegnet zu sein.

Arabellas Vater.

Fröhliche Klänge wehten durch den Gang, und sie entsann sich ihrer Pflicht, als andere Hofdamen mit leise rauschenden Gewändern aus Samt und Leinen an ihnen vorbeiflanierten.

„Es wird dir gefallen“, versicherte Maria ihr und zog sie zu dem riesigen Portal und hinein in den unvergleichlichen Saal.

Schlanke Holzsäulen stützten das Deckengewölbe über dem höhlenartigen steinernen Raum. Glänzende Seide blendete Arabella. Fackeln erhellten mit farbenfrohen Tapisserien bedeckte Wände und Gemälde, die einen metallischen Glanz besaßen, der wirkte, als rührte er von Gold her.

Eine Frau grüßte Maria, die, obwohl sie gewöhnlich dem Hofe fernblieb, wohlbekannt war. Arabella lächelte und nutzte die Zeit, den riesigen Raum mit all den Menschen zu studieren.

Langsam wandte sie jedem der Anwesenden ihre Aufmerksamkeit zu und war von den Details der verschwenderisch ausgestatteten Versammlung fasziniert. Sie bewunderte die kostbaren Edelsteine, welche die Gewänder der Frauen schmückten, die mit Pelz verbrämten Mäntel der Männer und besonders die etwas schmucklosere Kleidung eines Mannes …

Ihr blieb das Herz stehen.

Ein Irrtum war ausgeschlossen. Das war der Ritter, der sie im Wald hatte weinen sehen. Wenn man es denn überhaupt weinen nennen konnte, bedachte man, wie laut sie ihren Zorn gen Himmel geheult hatte.

Sein Anblick hatte eine eigentümliche Wirkung auf sie. Damals im Wald war dieselbe seltsame Empfindung über sie gekommen. War es Furcht … und vielleicht auch freudige Erwartung, die ihr das Blut mit einem Mal rascher durch die Adern strömen ließ?

Sie verdrängte den unangenehmen Gedanken und versuchte, den Ritter zu betrachten, ohne von ihm entdeckt zu werden – was nicht besonders schwierig war, da der Mann in eine Unterhaltung mit einem Mann vertieft war, der genauso dunkel gekleidet war wie er.

Er war nicht von hier.

Die Erkenntnis überraschte sie. Als sie ihn das erste Mal getroffen hatte, war ihr das nicht aufgefallen. Anders als bei den anderen Männern im Saal war sein Haar lang. Es fiel ihm knapp über die Schultern und war so dunkel wie eine Neumondnacht. Jetzt bahnte er sich den Weg durch den übervollen Raum. Feiernde Gäste wichen eilfertig vor ihm zurück. Arabella konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sie erinnerte sich nur allzu gut an die durchdringenden, grauen Augen.

Was machte er hier?

Als würde er mit einem Mal ihren prüfenden Blick spüren, drehte er sich um, und schaute sie direkt an.

Ihr stockte der Atem und sie betete, dass er ihren bereits zweifelhaften Ruf nicht noch völlig ruinierte und von ihrer Begegnung im Wald erzählte. Arabella war klar, dass die meisten jungen Edelfrauen nicht allein im Wald herumspazierten. Wenn sie auch ihre ungewöhnliche Herkunft nicht verleugnete, so wollte sie als Enkelin einer berühmten Heilerin keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zaharia hatte sie gedrängt, bei Hofe nicht aufzufallen.

Der Ritter verzog leicht den Mund. Als Antwort darauf schnürte es Arabella die Brust zu. Mit keinem Zeichen verriet er, dass er sie erkannte, aber er kam auf sie zu.

„Entschuldige mich“, murmelte Arabella zu Maria. Während sie vor dem nahenden Fremden davoneilte und davor flüchtete, im Mittelpunkt des Interesses einer anderen Person zu stehen, wusste sie nicht recht, was sie als Nächstes tun sollte.

Leute schauten sie befremdet an, als sie durch die Menge hastete und versuchte, sich vor ihm und davor, als ein wildes Kind des Waldes entlarvt zu werden, in Sicherheit zu bringen. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, dass die Mitglieder des Hofes in ihrem Urteil über Menschen, die anders waren, gnadenlos sein konnten.

Arabella erreichte den rückwärtigen Teil des Saales und wandte sich um, um sich zu vergewissern, dass der Ritter ihr nicht folgte. Unglücklicherweise befand er sich nur ein paar Schritte hinter ihr. Doch im Augenblick schien er sie nicht zu sehen.

Von der Rückseite des Saales führte ein kurzer Gang zu einer Reihe von Türen. Arabella drückte eine der Klinken herunter, überprüfte kurz, ob der Ritter ihr auch nicht auf den Fersen war und huschte in das Gemach.

Endlich in Sicherheit.

Leise schloss sie die Tür und erkannte die Umrisse von Möbeln in dem kleinen Raum. Ihr Blick fiel auf einen derben, aus Horn gefertigten Krug und dazu passende schwere Becher auf einer Anrichte. Während sie sich fragte, wie lange sie sich hier wohl würde verbergen können, wanderte sie umher und betrachtete einen kleinen Stapel ledergebundener Bücher und ein hohes Fenster aus berühmtem böhmischen Glas. Ihr Herzschlag hatte sich gerade wieder beruhigt, als ein Geräusch vom anderen Ende des Zimmers sie zusammenfahren ließ. Die Tür wurde langsam geöffnet.

2. KAPITEL

Kann das nicht warten? Unser Gastgeber ruft uns zum Abendessen, Tristan.“

Tristan schüttelte den Kopf und führte Simon in das kleine Studierzimmer. Der Lärm im Saal hatte begonnen ihn zu ermüden. Es gab eitle Edelleute, die sich zu sehr bemühten, die englischen Gäste zu beeindrucken und schöne Frauen, die sich in Nichts auflösten. Nun gut, eine schöne Frau. Tristan konnte die Gesellschaft nicht länger ertragen – besonders, da die einzige weibliche Person, die heute Abend sein Interesse geweckt hatte, offenbar nichts von ihm wissen wollte.

Warum war sie ihm so vertraut vorgekommen? Er kannte niemanden in diesem Land. Sie war jedoch geflüchtet, bevor er sie ansprechen konnte.

„Nein, es kann nicht warten.“ Er schloss die Tür und verbannte damit die Musik der Spielleute und den Lärm nach draußen. „Bevor wir die Prager Burg verlassen, müssen wir herausfinden, wie groß die Bedrohung des königlichen Gefolges ist. Wenn die Edlen oder die Prinzessin auf irgendeine Art in Gefahr sind, kümmere ich mich augenblicklich darum.“

Als er sich umdrehte, um sich an den Holztisch in der Mitte des Raumes zu setzen, hätte Tristan schwören können, den Duft einer Frau wahrzunehmen. Ein seltsamer Gedanke in solch einem dunklen Refugium, das doch sicher einem Mann gehörte. Eine Tapisserie, auf der eine Jagdgesellschaft und ein fliehender Hirsch dargestellt waren, schmückte die einzige Wand, an der keine Regale voller Bücher standen.

„Ist das nicht ein Problem des Königs, während wir hier in Böhmen sind?“ Simon ließ sich auf eine kleine Bank fallen. „Prag hat doch sicher Ritter, die seine Bevölkerung schützen, so lange wir uns auf böhmischem Boden aufhalten.“

„Anscheinend sind aber in der letzten Nacht zwei Edelfrauen verschwunden, und der König hat nichts unternommen, um zu erfahren, was mit ihnen geschehen ist. Abgesehen von all diesen beunruhigenden Umständen, weißt du, wie viele Frauen wir auf unserer Heimreise unter unseren Fittichen haben?“ Da ihre Aufgabe mit jedem Tag herausfordernder wurde, brauchte Tristan Simons Hilfe.

Auch wenn Tristan derjenige war, der die Verantwortung trug, waren sie doch mehr Brüder als nur ritterliche Kameraden. Sie waren beide Waisen, die man in die Hände desselben kaltherzigen Vormunds übergeben hatte. Das dort gemeinsam erlittene Leid schmiedete das Band ihrer Freundschaft. Kaum waren sie alt genug gewesen, ein Schwert zu führen, liefen sie ihrem Vormund davon und schlossen sich dem Heer von Edward, dem Schwarzen Prinz, an. Dieser Ritter hatte sie aufgenommen und ihnen ihr Ehrgefühl wiedergegeben.

Deswegen stand Tristan in der Schuld der königlichen Familie, auch wenn Edward schon seit vier Jahren tot war. Sein Sohn, König Richard, war erst ein Jüngling, und seine Regentschaft war schon beschwerlich genug, sodass seine Ratgeber glaubten, eine Frau würde ihm guttun.

„Glaubst du wirklich, dass sich so etwas auf unserer Reise wiederholen wird?“ Simon legte die Fingerspitzen aneinander und stützte darauf sein Kinn.

„Ich möchte auf alles vorbereitet sein. Lass uns den Männern von den Zwischenfällen erzählen. Sie sollen so viel wie möglich über die vermissten Frauen herausfinden.“

„Vielleicht haben sie nur ihre Ehemänner verlassen und sind davongelaufen.“ Simon lehnte sich an die Mauer hinter ihm und spielte mit einem leeren Tintenfass.

„So treulos Frauen auch sein mögen, wegen eines Liebhabers, der wenig zu bieten hat, geben sie selten eine angesehene Stellung bei Hofe auf.“ Tristan wusste sehr gut über die Bereitschaft zum gelegentlichen Verrat des schönen Geschlechts Bescheid.

„Dennoch, ich will wenigstens in Erfahrung bringen, ob das der Grund ist, warum die böhmischen Edlen nicht eifriger nach den Damen suchen.“

Melodiöses Frauenlachen drang durch die geschlossene Tür, und Tristan fragte sich, wie er die lange Rückreise nach England in einem Gefolge überstehen sollte, in dem die Frauen weitaus zahlreicher vertreten waren als die Männer. Er hatte erlebt, wie Frauen listenreiche Pläne schmiedeten, um jemanden in eine Falle zu locken, raffinierter, als er es je auf einem Schlachtfeld hatte beobachten können. Vor langer Zeit war er töricht genug gewesen, sich von einer großen Schönheit ködern zu lassen. Ihr Parfum war ihm geradewegs zu Kopf gestiegen.

„Gut. Wir werden unsere Truppen sicher nach Hause bringen, ohne dass einer einzigen Frau etwas zustößt.“ Tristan ging zur Tür. Jetzt, da er den Befehl gegeben hatte, noch mehr auf Sicherheit zu achten, war er bereit, sich wieder unter die böhmische Hofgesellschaft zu mischen. „Ich werde nicht erlauben, dass unser Ansehen in London durch das Verschwinden irgendeiner Person befleckt wird.“

„Gut.“ Simon nickte und erhob sich von der Bank. „Aber was hältst du eigentlich von Prag, nachdem wir doch so lange darüber gejammert haben, dass wir diese Reise machen müssen? Die Stadt ist hübsch, das kann man nicht leugnen. Und die Frauen sind in Scharen herbeigeeilt, um uns zu begrüßen. Ist dir irgendeine besonders aufgefallen?“

„Dieses Mal nicht, mein Freund.“ Das fliehende Mädchen von eben hatte zwar seine Aufmerksamkeit erregt, aber es war ihm kaum Zeit geblieben, es näher zu betrachten, so schnell war es auch schon wieder verschwunden gewesen. Die Frau, die wirklich seine Gedanken gefangen hielt, war dieses verwahrloste Wesen, auf das er eine Woche zuvor im Wald gestoßen war. Damals hatte er den halbherzigen Versuch gemacht, ihr zu folgen, weil er glaubte, sie erwartete das vielleicht von ihm.

Fast dachte er, er hätte das alles nur geträumt.

Außer …

Tristan griff in den Beutel an seinem Gürtel und befühlte das kleine Messer, das er in dem Eichenkreis gefunden hatte. Der Griff und die Klinge waren beide kurz und flach. Glatt und abgenutzt, erschien das Messer primitiver als ein traditioneller Dolch, doch auch praktischer. Griff und Schneide waren aus einem einzigen Stück Metall geformt. Tristan war sich sicher, dass dieses Messer der Frau gehörte. Es passte zu ihr – glatt und vollkommen geformt, doch völlig unzivilisiert.

„Predigst du mir Moral, Tristan?“

„Nein. Doch ich muss den Befehl des Königs ernst nehmen und eine mögliche Bedrohung seiner Braut in Betracht ziehen. Daher sollte ich mich zweifellos um meine Pflichten kümmern. So wie du, oder?“

Simon lachte. Seine unbekümmerte Sicht der Dinge bot oft ein willkommenes Gegengewicht zu der eher düsteren Weltanschauung Tristans. „Eine oder zwei zu verführen richtet doch keinen Schaden an …“

„Bleib bei den Witwen, mein Freund, außer, du begibst dich auf Brautschau. Ich möchte nicht, dass meiner Wachmannschaft Gerede über Unehrenhaftigkeit anhängt.“

Als die Männer das Studierzimmer verließen, lugte Arabella über die hohe Truhe, hinter der sie sich versteckt hatte.

Die Tür schloss sich wieder. Sie waren fort.

Ihr Gesicht brannte von der belauschten Unterhaltung. Die Männer hatten Englisch gesprochen, doch Dank der Unterrichtsstunden, die ihre Großmutter ihr gegeben hatte, war sie dieser Sprache mächtig.

Wie es schien, war ihre Mutter zu Recht so misstrauisch gegenüber den männlichen Mitgliedern des Hofes. Offensichtlich waren Edelmänner lüsterne Wesen, die wenig Rücksicht auf Schwächere nahmen. Allein der Gedanke, dass sie sich einfach so ein Ziel für ihre lustvollen Spiele aussuchten, ließ Arabella das Blut gefrieren.

Sicher war ihre Mutter durch einen solchen Plan von Karl Vallia verletzt worden. Auch war ihre Mutter bei Hofe gewesen, als es geschah. Arabellas Vater mochte in dem gleichen Gemach gestanden und geplant haben, Luria Rowan die Unschuld zu rauben.

Arabella schauderte bei dem Gedanken. Und doch – zumindest der dunkelhaarige Ritter hatte versichert, dass er eine Erklärung für das Verschwinden von den Frauen finden wollte, um das sich sonst niemand zu sorgen schien. Das sprach für ihn, auch wenn er es nur tat, um sich seinen guten Ruf beim König zu erhalten. Sie wunderte sich, warum die böhmischen Edlen sich so wenig um den Verlust ihrer Frauen, Schwestern und Töchter kümmerten.

Doch jetzt war keine Zeit für traurige Gedanken. Jemand konnte sie während ihrer Abwesenheit vermisst haben, und sie wollte nicht Gegenstand allzu prüfender Blicke werden. Leise öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Als sie sich unbeobachtet wähnte, schlüpfte sie mit schwererem Herzen als zuvor wieder in den Saal. Die englischen Ritter mochten das böhmische Gefolge beschützen, doch wer würde die Gruppe vor den englischen Rittern beschützen?

Arabella eilte zwischen den dicht beieinander stehenden Menschen hindurch und suchte Maria. Als sie endlich einen Blick auf das kräftige Rosa des Surcots ihrer Freundin erhaschte, musste sie feststellen, dass Maria sich gerade in einer angeregten Unterhaltung mit dem dunkelhaarigen Ritter namens Tristan befand.

Während Arabella sich rückwärts davonschleichen wollte und dabei überlegte, wie sie Maria vor den verdorbenen Absichten ihres Gesprächspartners retten konnte, stieß sie mit jemandem zusammen.

„Entschuldigt, ich …“

Sie blickte in das Gesicht der ranghöchsten Frau, die an diesem Abend zugegen war. Ein goldener Kopfschmuck krönte die Prinzessin, die grüßend nickte.

„Werte Edeldame Arabella, amüsiert Ihr Euch?“, fragte Prinzessin Anne von Böhmen und half Arabella, das Gleichgewicht wiederzufinden.

Wie peinlich!

„Es tut mir leid, wirklich, ich …“

„Die Edeldame Maria suchte nach Euch. Ich werde Euch zu Ihr bringen.“

Arabella schnappte nach Luft und suchte fieberhaft nach einem Vorwand, nicht mitgehen zu müssen. Doch noch bevor sie widersprechen konnte, war Prinzessin Anne bereits in Richtung Maria und des fremden Ritters aufgebrochen, und Arabella musste ihr notgedrungen folgen. Sie befürchtete, ihrer Verdammnis entgegenzulaufen, die ihr sicher war, wenn der Ritter erst einmal begriff, wer sie war.

„Arabella“, rief Maria und zog ihre Freundin zwischen sich und den Fremden. „Es tut mir leid, dass ich dich aus den Augen verloren habe.“

Die Prinzessin begrüßte Tristan voller Wärme. Offensichtlich kannte sie ihn gut, auch wenn Arabella bei Marias Geplapper die Unterhaltung der beiden nicht verstehen konnte.

„Bitte sehr, edle Dame.“ Ein Mann reichte Maria einen frischen Becher Wein. Es war der andere Ritter aus dem Studierzimmer.

Arabella hätte ihrer warmherzigen Freundin gerne eine Warnung zugerufen, um sie von dem gut aussehenden Engländer mit den grauen Augen fernzuhalten.

„Ich danke Euch, mein Herr.“ Maria lächelte den Ritter an. „Edle Dame Arabella, darf ich Euch Sir Simon Percival vorstellen?“

Unabhängig davon, dass sie den blonden Percival auf Anhieb nicht mochte, wollte Arabella bei ihrem ersten Gespräch mit einem Mann bei Hofe ihre Zunge nicht gehorchen.

„Wie geht es Ihnen, Sir?“ Sie hörte sich so steif und förmlich an wie in den ersten Stunden ihres Englisch-Unterrichts, den sie auf Zaharias Knien erhalten hatte.

Doch dieser durchtriebene Ritter hörte ihr kaum zu, weil all seine Aufmerksamkeit auf Maria gerichtet war.

„Arabella“, unterbrach die Prinzessin ihre Gedanken. In ihrem Ärger über Percival hatte Arabella beinahe ihren anderen Grund zur Furcht vergessen.

Jetzt stand sie Angesicht zu Angesicht vor dem dunkelhaarigen Mann. Obwohl sie ihm jetzt genauso nahe war wie an jenem Tag im Wald, lag in seinen Augen kein Zeichen des Wiedererkennens. Allen Heiligen sei Dank!

„Das ist Sir Tristan Carlisle.“ Prinzessin Anne sprach Englisch. „Er ist der Ritter, den König Richard schickt, damit er uns alle nach England geleitet. Er ist zu unserem Beschützer bestimmt.“

„Unser Beschützer?“ Sie hoffte, dass man in ihrer Stimme nicht ihre Zweifel vernehmen konnte. Das Blut rauschte in ihren Ohren, während sie die kleinen Hände zu Fäusten ballte.

„Zu Euren Diensten, Mylady.“ Tristan Carlisle verbeugte sich vor ihr und dann, gütiger Gott, ergriff er ihre Hand und küsste sie.

Graue Augen hielten sie gefangen. Einen Augenblick lang nahm sie sie ganz intensiv wahr, so wie sie es an jenem Tag in dem Baumkreis getan hatte. Er sah sie noch eindringlicher an. Seine Hand hielt immer noch die ihre.

„Es ist eine lange Reise in Eure Heimat. Glaubt Ihr, dass wir sicher sein werden, Sir?“ Arabella zog rasch die Hand zurück und betete, Hildas Zauberwerk möge sie so verwandelt haben, dass sie nicht wiederzuerkennen war.

„Ich habe mich ganz dieser Aufgabe geweiht, Mylady.“

„Sicher habt Ihr vom kürzlichen Verschwinden der böhmischen Edelfrauen gehört.“ Sie selbst hatte auch erst in dem Studierzimmer davon erfahren.

Arabella bemerkte, dass selbst die Prinzessin an der Antwort des Ritters interessiert zu sein schien.

„Ich hörte davon, und vor unserer Abfahrt will ich selbst nach den Ursachen für das Verschwinden forschen. Doch es gibt keinen Anlass zur Annahme, dass so etwas auch auf unserer Reise geschehen wird.“

Arabella wusste sehr gut, dass das nicht seine wahren Gedanken waren. Seinem Freund hatte er eine ganz andere Antwort gegeben. Noch eine Lektion, die sie über die Männer lernte. Sie sagten nicht unbedingt die Wahrheit.

„Ich bin überzeugt, Euer König schickt Euch, weil Ihr die Fähigkeit besitzt, für unsere Sicherheit zu sorgen.“

„Ich kann nur hoffen, dass das der Grund ist“, erwiderte er mit eigenartig heftiger Stimme, bevor er sich Anne zuwandte. „Prinzessin, ich muss um Erlaubnis bitten, gehen zu dürfen. Ich habe noch einige Vorbereitungen zu erledigen, bevor meine Geistesfrische nachlässt. Ich habe bereits mit meinen Männer gespeist.“

Mit einem kleinen Neigen des Kopfes drückte Anne ihre Zustimmung aus. Tristan verbeugte sich vor ihr und wandte sich dann zu Arabella um.

„Mit Eurer Erlaubnis, Mylady.“

Arabella fühlte, dass ihr die Röte ins Gesicht schoss, als er sie anblickte. In seine Augen trat ein Ausdruck, den sie nicht zu benennen vermochte.

„Sir Tristan.“ Ihre Stimme klang in ihren Ohren piepsig. Einen Moment lang zögerte er, und es schien, als wollte er noch etwas hinzufügen. Gerade als Arabella glaubte, ihre Sorge nicht mehr ertragen zu können, drehte er sich abrupt um und verschwand.

„Jagt er Euch Angst ein, Edle Dame Arabella?“, fragte die Prinzessin und überraschte Arabella mit ihrer Offenheit.

„Nein“, antwortete sie. Dann, als sie die sichtliche Skepsis der Prinzessin bemerkte, gestand sie einen kleinen Teil der Wahrheit. „Vielleicht ein wenig. Sir Tristan ist heute Abend hier im Saal sicherlich einer der Männer, die einem am meisten Furcht einflößen.“

Autor

Joanne Rock
Joanne Rock hat sich schon in der Schule Liebesgeschichten ausgedacht, um ihre beste Freundin zu unterhalten. Die Mädchen waren selbst die Stars dieser Abenteuer, die sich um die Schule und die Jungs, die sie gerade mochten, drehten. Joanne Rock gibt zu, dass ihre Geschichten damals eher dem Leben einer Barbie...
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