Autumn Kisses

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Wenn Stürme über die Felder ziehen und goldene Blätter fallen, dann ist die perfekte Zeit für eine heiße Tasse Tee und gemütliche Lesestunden vor dem wärmenden Ofen mit diesen drei cosy Autumn Romances!

HEIMKEHR NACH MERRYWICK von CAROLINE BONNET

Zurück nach Merrywick, wo sie sich nie zu Hause fühlte? Widerwillig erklärt sich Kitty bereit, auf der Farm ihres Onkels das große Herbstfest zu organisieren. Sie ahnt, dass sie zwischen geschmückten Ständen und leuchtenden Kürbissen ihre Jugendliebe wiedersehen wird. Matt, der nicht weiß, was sie ihm verschwieg, als sie vor acht Jahren das Dorf verließ …

IN DEN BUNTESTEN FARBEN DER LIEBE von PENNY ROBERTS

Ist das schön! Auf den ersten Blick ist Schreibcoach Eliza von den schottischen Highlands fasziniert. Hier soll sie den berühmten Autor Alastair MacKinnon von seiner lähmenden Schreibblockade befreien. Und sie hat starke Verbündete im Kampf um sein Herz: die bunt verfärbten Wälder, das wilde Meer und die sehnsüchtigen Schreie der Zugvögel …

DAS KLEINE CAFÉ IN CORNWALL von EMILY LARK

Das Feuer knistert im Kamin, es ist kuschlig warm und duftet verführerisch nach Zimt, Vanille und köstlichen Muffins: Katies kleines Café an Cornwalls Küste ist so romantisch, dass hier eine Datingshow gedreht wird. Nur dumm, dass Katie sich selbst Hals über Kopf in Damian O’Connor, den umschwärmten Star der Show und Ex-Popsänger, verliebt …


  • Erscheinungstag 05.09.2026
  • Bandnummer 33
  • ISBN / Artikelnummer 8051260033
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Caroline Bonnet, Penny Roberts, Emily Lark

JULIA ROMANTIC STARS BAND 33

Caroline Bonnet

1. KAPITEL

Kitty Gerrard schloss die Augen und atmete tief ein. Sie versuchte, alles auszublenden – das Chaos auf dem Küchentisch vor ihr, den Klienten, der sie am Morgen wegen einer hohen Steuernachzahlung beschimpft hatte, die Sorgen wegen der Mieterhöhung. Das Aroma von heißem Apfelsaft mit Zimt stieg ihr in die Nase, und sie lächelte zufrieden. Einen Moment lang war nichts anderes wichtig als dieser Duft, die Wärme des Bechers in ihren Händen und das Lachen ihres Sohnes Max und ihrer mütterlichen Freundin Maggie, die mit den gerade gebastelten Kastanienmännchen und -pferdchen ein Ritterturnier nachspielten.

Mit noch immer geschlossenen Augen nahm Kitty einen Schluck, und der süßsaure Geschmack des gewürzten Apfelsafts breitete sich in ihrem Mund aus. Sie hatte ebenso auf den Herbst hin gefiebert wie Max. Während es ihrem Sohn in erster Linie um Basteleien, gruselige Verkleidungen und das Herumtoben in den Laubhaufen im Park ging, waren es für Kitty die Gerüche, die Geschmäcker, Kerzen, gemütliche Wolldecken und lange Abende im Kreis ihrer Freunde … und die Erinnerungen.

Du bist wie der Herbst. An manchen Tagen düster und verschlossen, beinahe kalt, dann wieder strahlst du und bist voller Licht und Wärme.

Zu ihr war er immer voller Wärme gewesen, der Mann, dem sie diese Worte gesagt hatte. Obwohl es auch nach acht Jahren noch wehtat, an ihn zu denken, fühlte sie sich ihm im Herbst immer besonders verbunden. Es war ihre Jahreszeit gewesen, sie hatten sie geliebt, hatten einander geliebt, wenn sie in dicker Kleidung durch den Wald gestreift waren, wenn sein starker Arm um ihre Schultern gelegen und sein leises, tiefes Lachen sie mit Wärme erfüllt hatte, wenn sie Pumpkin Pie für ihn gebacken und er für sie über dem Holzfeuer heiße Schokolade gekocht hatte – aus guter, dunkler Schokolade, bittersüß.

So wie die Erinnerungen.

„Mum? Hey, Mum!“

Lächelnd öffnete Kitty die Augen.

„Ja, Schatz?“

„Mein Ritter hat das Turnier gewonnen, und die Prinzessin muss ihm jetzt den Preis überreichen!“ Max strahlte sie an, die Wangen gerötet, sein Kastanienpferd triumphierend in die Höhe gereckt.

„O ja, er hat meinen Ritter vernichtend geschlagen.“ Maggie grinste über das ganze Gesicht und zwinkerte Kitty zu. „Der Ärmste hat sogar den Kopf verloren.“ Sie hielt eine Kastanie hoch.

„Na, zum Glück ist der leicht wieder zu befestigen.“ Kitty griff nach ihrer Kastanienfigur, die die Prinzessin darstellen sollte. Unverkennbar, denn sie hatten ihr ein Stück eines goldbraunen Blattes als Kopfschmuck aufgeklebt. „Edler Ritter Maximilian“, sagte sie mit ernster Stimme, „ich gratuliere Euch …“

„Ich heiße doch gar nicht Maximilian!“, rief Max. „Ich heiße Matthew.“

Kitty erstarrte. Sie hatte den wahren Namen ihres Sohnes doch so sorgsam geheim gehalten, auch vor ihm selbst! „Das … woher …“, stammelte sie.

„Wieso nennen mich eigentlich alle Max, wenn ich gar nicht so heiße?“ Ihr Sohn zog die Brauen zusammen.

„Wer sagt denn, dass du gar nicht so heißt, Liebling?“, brachte sie mit gezwungener Fröhlichkeit hervor. „Du bist unser Max! Das werde ich als deine Mum doch wohl am besten wissen.“

„Mr. Peterson hat es gesagt. Es steht so in den Un… den Unter…“

„Unterlagen“, murmelte Kitty. Verdammt! Sie hatte damals bei Max’ Einschulung doch extra in seine Schulakte aufnehmen lassen, dass „Matthew“ nur auf dem Papier sein Name war und sie ihren Sohn ausschließlich „Max“ nennen sollten! Bisher hatten sich alle Lehrkräfte daran gehalten.

Um Zeit zu gewinnen, trank sie noch einen Schluck Apfelsaft.

„Er hat gesagt, er mag keine Spitznamen und benutzt meinen echten Namen.“ Max schob die Unterlippe vor. „Ich mag den nicht.“ Er ließ offen, ob er den Namen oder den Lehrer meinte. Vermutlich beides.

„Ich rede mit ihm.“ Kitty zwang sich zu einem Lächeln und wuschelte ihrem Sohn durch den dunklen Haarschopf.

Max wich ein Stück zurück, eindeutig noch nicht versöhnt. „Er hat gefragt, warum ich Max genannt werde, und das weiß ich ja selbst nicht. Warum denn, Mum?“

Er sah sie forschend an, und der Ausdruck in seinen dunkelbraunen Augen gab ihr wieder einmal das Gefühl, er blicke auf den Grund ihrer Seele. Wie sollte sie sich da herausreden? Ihr Sohn merkte immer, wenn sie ihm auswich. Die Wahrheit aber konnte sie ihm auch nicht sagen. Sie verfluchte sich für ihre Sentimentalität bei der Namenswahl.

Als in diesem Moment ihr Telefon klingelte, zuckte Kitty zusammen, dann durchflutete sie Erleichterung. Ein Blick aufs Display zeigte ihr, dass es ihr Bruder war. „Onkel Chris ruft an, Schatz. Da muss ich rangehen.“

„Darf ich?“, rief Max aufgeregt. Er liebte seinen Onkel und sprach gern mit ihm.

„Klar.“ Kitty reichte ihm das Telefon.

Max nahm das Gespräch an und begann in der Wohnung herumzulaufen, wie er es beim Telefonieren immer tat. Er erzählte Chris fröhlich vom Turnier der Kastanienritter.

Kitty atmete erleichtert auf. Mit Glück hatte Max seine Frage vergessen, wenn das Telefonat beendet war.

Sie fing Maggies Blick auf. Die Freundin musterte sie ernst. „Was hat es mit dem Namen auf sich?“, fragte sie leise.

Kitty presste die Lippen aufeinander. Sie fühlte sich schlecht, dass sie nicht einmal ihren engsten Freunden die Wahrheit über Max’ Vater gesagt hatte. Für alle – sogar für ihren Bruder – war ihr Sohn das Ergebnis eines One-Night-Stands hier in London. Dabei war sie schon schwanger gewesen, als sie hergekommen war.

Sie räusperte sich. „Matthew war … ist … jemand, den ich von früher kenne. Kannte. Er war … mir einmal sehr wichtig.“

Maggie nickte. „Sehr wichtig, soso. Mehr nicht?“ Die hellblauen Augen waren nicht weniger durchdringend als die dunklen ihres Sohnes. Dazu besaß Maggie fünfundsechzig Jahre Lebenserfahrung. Sie würde sich nicht so leicht ablenken lassen wie ein Siebenjähriger.

Gerade wollte Kitty zu einer Erklärung ansetzen, da kam Max zurück in die Küche gestürmt und hielt ihr das Telefon hin. „Onkel Chris will mit dir reden!“

Zum zweiten Mal vom Telefon gerettet, dachte Kitty und ergriff selbiges. Sie lächelte Maggie entschuldigend zu.

„Spielt noch ein bisschen, ja?“, sagte sie und ließ die beiden allein. „Hallo, Brüderchen. Was gibt’s?“ Sie setzte sich im Wohnzimmer in ihren Lieblingssessel und zog die flauschige Wolldecke über sich. „Alles klar in der Galerie?“

„Ja …“ Chris klang heiser, viel zu bedrückt, sprudelte er doch gewöhnlich über vor guter Laune. „Die Vernissage nächsten Samstag ist organisiert, die Karten sind ausverkauft, und die Presse kommt auch.“

„Das ist toll!“ Kitty zwang sich, fröhlich zu klingen, obwohl Unruhe sie erfasste. „Du hast so hart dafür gearbeitet. Das habt ihr alle.“ Chris, sein Partner Josh und ihr gemeinsamer Kumpel Tim hatten die Galerie vor drei Jahren übernommen und sich auf großformatige, von Streetart inspirierte Acrylgemälde spezialisiert. Sie hatten einen namhaften Künstler für die Ausstellung gewonnen, und Kitty war unglaublich stolz auf ihren kleinen Bruder. Warum nur schien sich dieser gar nicht zu freuen?

Chris’ schweres Seufzen drang an ihr Ohr. „Es ist nur so … Ich werde bei der Vernissage nicht dabei sein können.“

„Warum das denn nicht?“, fragte Kitty, obwohl sie nicht sicher war, dass sie die Antwort hören wollte. „Bist du krank?“

„Ich nicht, aber Onkel Thomas.“

Kitty erschrak. „Was fehlt ihm denn?“ Thomas war kein leiblicher Verwandter – Chris und sie hatten keine Familie außer einander und Max –, aber er war Chris’ Patenonkel und seit der Kindheit ein wichtiger Teil seines Lebens. Ihrer beider Leben, auch wenn er nicht Kittys Pate und es Jahre her war, dass sie ihn gesehen hatte. Sie hatte Chris immer um diesen Patenonkel beneidet, denn ihre eigene Patentante hatte sich nie um sie gekümmert.

„So genau wollte er es mir nicht sagen, aber es klang ernst. Er muss sich einer Behandlung unterziehen, die es wohl nur in den USA gibt.“

„Das hört sich nicht gut an.“

„Er ist hoffnungsvoll. Er meint, es sei ein Wink des Schicksals, dass so kurzfristig ein Platz in dem Programm frei geworden ist.“ Dann seufzte Chris. „Kit … Thomas’ Krankheit ist nicht das einzige Problem. Sie ist vielmehr der Auslöser für … ein weiteres. Eines, das auch dich betrifft.“

„Spuck’s aus!“, rief Kitty. Sie kannte es nicht von ihrem Bruder, dass er derart herumdruckste.

„Wir müssen nach Merrywick.“

Merrywick. Erinnerungen stürmten auf Kitty ein – nicht wie eben am Küchentisch, als sie die Bilder bewusst heraufbeschworen hatte, nur die schönen natürlich. Nun überfielen sie die schlechten Erinnerungen mit Macht. Die Blicke der Dorfbewohner, das Getuschel, die Worte, die ihre Welt hatten zusammenbrechen lassen.

Du willst jetzt schon ein Kind, Liebste? Es ist doch viel zu früh. Lass uns erst einmal eine Weile zusammen sein, heiraten, uns etwas aufbauen. Für Kinder ist doch später noch Zeit.

Sie dachte an ihre heimliche Abreise, ihre Flucht, denn es war zu spät gewesen, das Kind, das er nicht gewollt hatte, bereits unterwegs. Er wäre aus Pflichtgefühl bei ihr geblieben, wenn er es erfahren hätte, das wusste sie, aber das hatte sie nicht gewollt. Und dann war da seine Familie, die sie nie akzeptiert hatte.

Sie werden es dir wegnehmen, hatte ihre Freundin Sally gesagt, die Einzige, der sie von der Schwangerschaft erzählt hatte. Du weißt, wie streng Matt und seine Brüder erzogen wurden. Auf Internaten, in Karrieren gedrängt, die sie sich selbst nie ausgesucht hätten. Dasselbe würden sie von deinem Kind verlangen. Wenn sie dich nicht sogar unter Druck setzen würden, es abzutreiben. Du bist schließlich nicht standesgemäß. Die Bellinghams sind so. Alles für die Familie, alles für das Erbe. Und Matt wird sich ebenso wenig durchsetzen, was das Kind betrifft, wie er es in seinen eigenen Angelegenheiten kann.

In einem hatte er sich durchgesetzt. Er hatte Kitty nicht aufgegeben, sosehr seine Eltern es auch verlangt hatten. Doch das Risiko, ihr Kind zu verlieren, hatte sie nicht eingehen können …

„Kit?“, fragte Chris leise. „Bist du noch da?“

„J-ja“, stammelte sie. „Was meinst du damit, dass wir nach Merrywick müssen? Ich will nicht dorthin! Nie wieder!“

„Weiß ich doch“, brummte er. „Und es tut mir auch leid, aber es ist ein Notfall. Die Ernte steht bevor, in drei Wochen findet das Kürbisfestival statt. Es muss stattfinden! Du weißt, was es für das Dorf bedeuten würde, wenn es ausfiele. Mit den Therapien, die Onkel Thomas hier schon hat über sich ergehen lassen müssen, und der Reiseplanung ist die ganze Organisation hinten runtergefallen. Es ist nichts vorbereitet! Und er muss schon übermorgen abreisen, um den Platz in dem Programm nicht zu verlieren.“

Kitty schwirrte der Kopf. „Das tut mir alles sehr leid, aber was sollen wir denn tun?“

„Das Festival retten. Die Kürbisplantage und den Hofladen am Laufen halten, die Ernte einbringen, uns die nächsten Wochen richtig reinknien, damit Onkel Thomas nicht zu allem Unglück noch erleben muss, wie sein Lebenswerk den Bach runtergeht – und das Dorf mit ihm. Du weißt, dass Merrywick von den jährlichen Einnahmen abhängig ist.“

„Wenn die Bewohner nicht wollen, dass Merrywick den Bach runtergeht, sollten sie vielleicht selbst tätig werden und das Festival retten“, murmelte sie. Das sah den Dorfleuten ähnlich – anderen Vorwürfe machen und selbst nicht einspringen.

„Die helfen schon, so gut sie können, aber sie müssen ja auch alle arbeiten.“ Chris klang verzweifelt. „Bitte, Kit! Wir können Thomas nicht im Stich lassen. Wir haben doch nur noch ihn. Er war Dads bester Freund. Wenn wir ihm nicht helfen, ist es, als würden wir Dad verraten.“

Schuldgefühle stiegen in Kitty auf, und sofort schüttelte sie unwirsch den Kopf. „Sei nicht so dramatisch“, schimpfte sie. „Wir verraten niemanden. Und wir müssen auch arbeiten.“

„Aber jetzt haben wir auch noch eine Kürbisplantage“, sagte Chris schlicht.

„Wie bitte?“

Es blieb still in der Leitung. Sie sah Chris vor sich, wie er verlegen auf seiner Unterlippe kaute. Dann ein tiefes Seufzen. „Onkel Thomas hat sie mir überschrieben. Mit allen Rechten und Pflichten.“

Kitty konnte nur den Kopf schütteln. „Du hast eine Kürbisplantage, nicht wir.“

„Ach Schwesterchen! Du kannst mich doch nicht mit so einem Megaprojekt allein lassen. Thomas sagt, selbst wenn er wieder ganz gesund wird – was Monate dauern kann –, traut er sich die Arbeit nicht mehr zu. Er wird bald siebzig. Aber er wünscht sich, dass sein Lebenswerk erhalten bleibt.“

Und dann überschreibt er es jemandem, der mit dem Kopf in den Wolken lebt und von Geschäftsführung und Finanzen keinen Schimmer hat?

„Ich habe keine Ahnung, warum er mir das zutraut“, sagte Chris, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Aber so einen Vertrauensbeweis konnte ich doch nicht ablehnen!“

Kitty vermutete, dass es weniger Vertrauen als vielmehr Verzweiflung war, die Thomas dazu getrieben hatte, seine geliebte Plantage einem Mann zu überlassen, der zwar Kunstverständnis hatte und mit Sicherheit hart arbeitete für die Dinge, für die er brannte, der aber ansonsten nicht viel mitbrachte, um ein solches Unternehmen zu leiten.

„Und da kommst du ins Spiel.“

Wieder war es, als hätte Chris gehört, was sie dachte. „Ich? Warum sollte …“

„Du verstehst dich auf Finanzen und solche Dinge. Hey, wozu habe ich dich auf die Handelsschule geschickt?“ Chris lachte; es klang kläglich.

„Auf die Handelsschule habe ich mich selbst geschickt“, murrte Kitty.

Ganz unrecht hatte ihr Bruder allerdings nicht. Er hatte schon einige Jahre in London gelebt, als sie hergekommen war. Tatsächlich war es zu einem großen Teil ihm zu verdanken, dass sie die Ausbildung zur Buchhaltungsassistentin geschafft hatte, während sie erst schwanger und dann allein mit einem Baby gewesen war.

Ihr derzeitiger Job im Steuerbüro war zumeist reichlich trocken, aber Chris hatte recht, sie verstand sich auf Zahlen, und für Kitty war ein Job so gut wie der andere. Schließlich hatte sie für Max zu sorgen, da kam es auf Sicherheit und feste, verlässliche Arbeitszeiten an, und einen Traumberuf, wie ihn andere hatten, hatte sie nie gehabt. Ihr Leben war zu chaotisch verlaufen, um sich Träume zu erlauben …

„Bitte, Kit“, flehte ihr Bruder nun. „Komm mit mir nach Merrywick. Lass uns dieses Festival rocken, und danach schauen wir in Ruhe, wie es mit der Farm weitergeht. Es ist auch nicht mein größter Wunsch, ins Dorfleben zurückzukehren.“ Er verzog den Mund. Nicht dass Kitty es hätte sehen können, aber sie wusste, dass er es in diesem Moment tat. Er war ihr kleiner Bruder. Sie kannte ihn fast besser als sich selbst.

Und sie wusste, sie konnte ihn nicht im Stich lassen, so schlimm es für sie werden würde, in das Dorf zurückzukehren, in dem sie aufgewachsen waren. In dem sie erst die große Liebe gefunden und dann wieder verloren hatte.

Ihre einzige Liebe. Nie wieder hatte sie für einen Mann so empfunden wie für Matt. Und nun sollte sie riskieren, ihm gegenüberzutreten? Den Hass in seinen Augen zu sehen, denn schließlich hatte sie ihn ohne ein Wort verlassen.

Vielleicht ist er weggezogen, versuchte sie, sich einzureden, und wusste doch, dass sie sich etwas vormachte. Chris hatte Thomas gelegentlich besucht und ihr erzählt, dass Matt sehr wohl noch im Dorf lebte. Sie hatte ihm das Versprechen abgenommen, niemandem, auch Thomas nicht, zu erzählen, dass sie ein Kind hatte. Auch wenn Chris es nicht verstanden hatte, war sie sicher, dass er sich daran gehalten hatte. Er war ihr Bruder. Wenn sie ihm nicht vertrauen konnte, wem dann? Sie hatten nur einander.

Und deswegen konnte sie ihn auch nicht im Stich lassen.

„In Ordnung.“ Sie nahm das Telefon vom Ohr, denn sie wusste, es würde ein Jubelschrei folgen, und so war es auch. „Komm heute Abend vorbei, wenn Max schläft. Dann können wir alles genauer besprechen.“ Sie beendete das Gespräch, ehe sie es sich anders überlegen konnte. Dann saß sie minutenlang nur da und starrte die Wand an.

Merrywick. Matt Bellingham. Sie hatte geglaubt, beide nie wiederzusehen. Das Schicksal wollte es offenbar anders.

„Mum, Paula ist gekommen, um uns ihre neuen Braids zu zeigen!“ Max’ Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er kam auf sie zu gerannt und zerrte an ihrem Arm. „Komm mit!“

Willenlos ließ sich Kitty zurück in die Küche ziehen. Sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass jemand hereingekommen war. Nun, ihre Freunde mussten ja auch nicht klingeln. Sie hatten alle Schlüssel, durften kommen und gehen, wie es ihnen beliebte.

„Schau mal, Mum, sind die nicht schön?“ Max zeigte auf Paulas tiefschwarzes Haar, das in unzählige dünne Zöpfe geflochten und mit bunten Perlen geschmückt war. Auf der Kopfhaut war ein kompliziertes Muster zu erkennen.

„Das müssen sie wohl sein. Habe ja auch dreizehn Stunden in Keishas Salon gesessen.“ Paula grinste. „Hi, Kitty.“

„Hey.“ Kitty umarmte ihre Freundin. „Du siehst toll aus.“

„Danke. Du siehst schei…“ Paulas Blick huschte zu Max. „… nicht so gut aus. Was ist los?“

„Max“, sagte Kitty sanft zu ihrem Sohn. „Lauf doch rüber und zeig Jonah deinen erfolgreichen Kastanienritter. Und nimm ihm ein paar Kastanien zum Basteln mit. Er hat mit Billie vielleicht noch keine gesammelt, da sie mit dem Rollstuhl ja nicht so gut über die Wiesen im Park kommt.“ Als Max zum Protest ansetzte, fügte sie schnell hinzu: „Hier werden Erwachsenendinge besprochen. Und es wird aufgeräumt.“

Das erste Argument schien ihn, seiner Miene nach zu urteilen, nicht davon zu überzeugen, seinen kleinen Freund nebenan zu besuchen, das zweite schon, denn er rief „Okay“, kaum dass sie das Wort „aufgeräumt“ ausgesprochen hatte, schnappte sich seine Figur und eine Handvoll Kastanien und rannte los.

Kitty setzte sich an den Küchentisch und stützte den Kopf in die Hände. „Chris braucht mich. Ich muss London für ein paar Wochen verlassen.“ Dann erzählte sie ihren Freundinnen, was ihr Bruder ihr offenbart hatte. „Ich weiß gar nicht, wie das alles gehen soll“, schloss sie. „Wir arbeiten in der Firma auf die Jahresabschlüsse unserer Klienten hin, Max muss zur Schule …“

Paula schnaubte. „Du hast schon länger keinen Urlaub gehabt, und dies ist ein Notfall. Du gehst morgen hin, arbeitest alles ab, was noch auf deinem Schreibtisch liegt, und erklärst deinem Boss die Lage.“

„Und um Max musst du dir keine Sorgen machen, ich ziehe vorübergehend hier ein und kümmere mich um ihn“, erklärte Maggie resolut. „Wir werden Spaß haben, und die Hausaufgaben sind auch kein Problem. Wozu war ich neununddreißig Jahre lang Lehrerin?“

„Und ich komme jeden Tag nach Geschäftsschluss her und helfe.“ Paula tätschelte ihr die Hand. „Bei Tim und Antonio kann er sicher am Wochenende auch mal übernachten, wenn Maggie eine Pause braucht.“

„Wir schaffen das, Kleines!“ Maggie nickte bekräftigend. „Die paar Wochen …“

Kitty seufzte und lächelte schief. Sie vertraute ihren Freunden und wusste, dass Max kein Problem damit hätte, eine Weile mit ihnen allein zu bleiben. Sie war sich nur nicht sicher, ob sie die paar Wochen schaffen würde …

2. KAPITEL

Matt Bellingham trat ins Freie, schloss die Tür seines Cottages hinter sich und holte tief Luft. Am liebsten wäre er augenblicklich umgekehrt, hätte den Rechner wieder angeschaltet und sich in die Arbeit gestürzt, doch seine Vorräte gingen zur Neige. Er hätte Sally bitten können, für ihn einzukaufen. Er hätte am Vormittag nur einen ihrer zahlreichen Anrufe annehmen und sie fragen müssen. Aber das hätte erneut eine Diskussion darüber ausgelöst, warum er sich wieder einmal wie ein Einsiedler verhielt. Wie jeden Herbst. Nicht dass er zu anderen Jahreszeiten besonders viel Kontakt zu Menschen gesucht hätte, aber zu dieser Zeit war es besonders schlimm. Er konnte der ganzen Herbstromantik nichts abgewinnen – nicht mehr.

Du bist wie der Herbst …

Unwirsch schüttelte er den Kopf, um die Stimme aus seinen Gedanken zu vertreiben, und marschierte los. Er war erwachsen und beruflich erfolgreich genug, um größtenteils von zu Hause aus zu arbeiten und das persönliche Erscheinen bei Gericht und den meisten Klientenkontakt seinen Angestellten zu überlassen. Er würde es ja wohl schaffen, ins Dorf zu gehen und Lebensmittel zu kaufen. Auch wenn die überall leuchtenden Kürbisse, die Blättergirlanden, die Kerzen in den Schaufenstern und der allgegenwärtige Geruch nach Pumpkin Spice und Schokolade ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließen. Er hasste es, auf Schritt und Tritt damit konfrontiert zu werden, mit dieser ach so gemütlichen Zeit, die offensichtlich jeder liebte. Jeder außer ihm.

Das herabgefallene Laub raschelte unter seinen Schuhen. Selbst der Klang weckte Erinnerungen an lange zurückliegende Spaziergänge. Er meinte, helles Lachen zu hören, und gleich stand ihm wieder das Gesicht vor Augen, das er nicht vergessen konnte. Warum verfolgten ihn die Geister der Vergangenheit immer noch?

Nicht die Geister. Der Geist. Einzahl. Glänzendes kastanienbraunes Haar, das rötlich schimmerte, wenn Licht darauf fiel, Augen so warm und golden wie die Abendsonne. Er wusste noch genau, wie sich dieses Haar angefühlt hatte, wenn er seine Hände darin vergraben hatte. Wie ihn der Blick dieser Augen gewärmt hatte.

Matt schnaubte. Wie dumm er gewesen war! Wie unglaublich jung und naiv. Er hatte für diese Dummheit bezahlt, und noch einmal würde es ihm nicht passieren, sich so in einem Menschen zu verlieren.

Sich so in einem Menschen zu täuschen.

Die ganze Romantik, die sie für ihn heraufbeschworen hatte, war nur dazu gedacht gewesen, ihn festzunageln, sich ins sichere, warme Nest zu setzen. Und als er nicht direkt darauf angesprungen war, mit ihr eine Familie zu gründen – nicht irgendwann, sondern sofort –, war sie verschwunden. Einfach so, ohne ein Wort.

Er lachte höhnisch auf. Wenn sie gewusst hätte, was er längst geplant hatte … Im Nachhinein war er froh, dass es dazu nicht gekommen war. Hätte sie es ihn irgendwann spüren lassen, dass es ihr nur um das Geld und das Ansehen seiner Familie ging, oder bis in alle Ewigkeit weiter Theater für ihn gespielt? Er würde es nie erfahren, und das war gut so.

Matt erreichte den Waldrand und folgte dem Weg ins Dorf hinein. Kurz blickte er nach links, hinüber zu dem beeindruckenden Herrenhaus, in dem er aufgewachsen war und wo seine Eltern und sein jüngster Bruder immer noch lebten. Wo er selbst bis vor acht Jahren gelebt hatte, ehe er sich entschieden hatte, in das ehemalige Wildhütercottage im Wald zu ziehen, wo er nicht ständig mit Menschen konfrontiert wurde. Vor allem nicht mit seinen Eltern.

Wir haben es dir immer gesagt, Junge. Eine Waise ohne Familie, ohne Geld … Es musste ja so kommen.

Sie hatten es ihm gesagt, immer wieder, und er hatte nicht glauben wollen, dass diese wunderbare Frau, die ihre alte Großtante, bei der sie aufgewachsen war, bis zu deren Tod gepflegt hatte und immer für ihren jüngeren Bruder da gewesen war, die im Dorf jederzeit und überall einsprang, wenn Hilfe gebraucht wurde, sich nur wegen seines Geldes an ihn herangemacht hatte.

Dass sie ein weiterer Mensch gewesen war, dem es nicht um ihn, sondern nur darum gegangen war, wie viel er besaß, was er verdiente, wie erfolgreich er war. Ein weiterer Mensch, der ihn nicht nach seinem Wesen beurteilte, seinen Gedanken und Gefühlen, sondern danach, was er leistete. Ein weiterer Mensch, der ihn nicht bedingungslos geliebt hatte, sondern seine Liebe abhängig gemacht hatte davon, ob er dessen Wünsche erfüllte, sich nach dessen Vorstellungen verhielt.

Ja, seine Eltern hatten recht behalten, und doch wollte er es nicht wieder und wieder zu hören bekommen. Sie waren schließlich nicht anders. Auch ihre Liebe stellte Bedingungen. Hätte er sich geweigert, Jura zu studieren, hätten sie ihn enterbt oder, schlimmer noch, sich von ihm losgesagt, ihm seine Familie und sein Zuhause genommen, das hatten sie mehr als deutlich gemacht.

Und es war nicht das erste Mal gewesen. Hatte er ein weniger als perfektes Schulzeugnis aus dem Internat nach Hause gebracht, war er mit Missachtung und hämischen Vergleichen mit seinen angeblich so viel klügeren Brüdern gestraft worden. Einmal war sein Zeugnis sogar so „schlecht“ gewesen – es war immer noch eines der fünf besten der Klasse gewesen, aber eben nicht das beste –, dass sie sein geliebtes Pferd verkauft hatten. Sie hatten es ihm nicht einmal gesagt. Es war am nächsten Tag einfach weg gewesen, und sein Vater hatte sich geweigert, ihm zu sagen, was aus dem Tier geworden war.

Die fünfzehn Jahre alte Erinnerung tat immer noch weh, so lächerlich er sich dabei auch vorkam, schließlich war er erwachsen und sollte die Sache mittlerweile verdaut haben. Offenbar hatte er das nicht. Manchmal fragte er sich, warum er es nicht war, der sich von seinen Eltern lossagte. Immerhin hatte er sich inzwischen davon freimachen können, zu tun, was sie verlangten. Es hatte lange gedauert, aber heute war er endlich sein eigener Herr, und das würde er nie wieder aufgeben.

Matt passierte die ersten Häuser des Dörfchens Merrywick, das beschaulich inmitten der Ländereien seiner Eltern lag. Ein typisches Dorf wie so viele in Somerset, seine Häuschen erbaut aus dem örtlichen honigfarbenen Kalkstein namens „Hamstone“, die Dächer mit kleinen, dunklen Schindeln gedeckt, die Schilder der Geschäfte und der wenigen Lokale dunkelgrün mit goldener Aufschrift, eine winzige Kirche und ein Bächlein, über das eine alte Steinbrücke führte.

Und ein ganzes Stück entlang des Bachs, bereits außerhalb des Ortes, die von einem verzierten hölzernen Bogen gekrönte Einfahrt zum Forever Merry Pumpkin Patch, der Kürbisplantage von Thomas Henderson. Hinter dem weitläufigen Bauernhof mit strohgedecktem Wohnhaus und einem kleinen Nebengebäude mit dem Hofladen erkannte er die orangefarbenen Tupfen der Kürbisse auf den Feldern. Bald würden sie geerntet werden. In knapp drei Wochen würde das jährliche Kürbisfestival stattfinden, wie immer am Wochenende vor Halloween. Von nah und fern kamen Touristen in den Ort, um sich ihren besonderen Kürbis auszusuchen, herbstliche Speisen zu genießen und am Abend an Feuerkörben heißen gewürzten Wein zu trinken. Matt schnürte es bei dem Gedanken die Kehle zu. Seit acht Jahren hatte er das Fest nicht mehr besucht, ja nicht einmal mehr den Hof betreten, auf dem er früher so gern Zeit verbracht hatte.

Er wandte den Blick ab und ging weiter in Richtung des Dorfladens. Besser, er deckte sich mit Lebensmitteln für die nächsten Wochen ein und verließ das Cottage nur noch, um durch den Wald zu joggen. So lange, bis das elende Fest vorbei war, die geschnitzten Kürbisse verfault und die Laubgirlanden der Weihnachtsbeleuchtung gewichen waren. Schon kam er an Häusern vorbei, auf deren Fensterbänken Kastanienmännchen, Gestecke aus bunten Blättern und dicke orangefarbene Kerzen in Windlichtern standen. Auf den Stufen vor den Haustüren saßen Keramik-Igel, an den Türen selbst hingen Kränze aus Hagebutten und roten Beeren. Eine Kiste mit rotwangigen Äpfeln stand am Gehweg, mit einem „Zu verschenken“-Schild daran.

Matt beschleunigte seine Schritte. Warum tat er es sich an, ins Dorf zu gehen? Er verfluchte sich dafür, nicht mit dem Auto zum Supermarkt gefahren zu sein, sondern dem Dorfladen mit dem nicht sehr umfangreichen, dafür aber äußerst altbackenen Sortiment die Treue zu halten. Auch das war das Verschulden seiner Eltern.

Junge, wir müssen das Dorf unterstützen. Die Vorfahren dieser Menschen waren einmal unsere Pächter, und wir haben noch immer eine Verantwortung für sie!

Manchmal war es, als wäre die Zeit im Dorf stehen geblieben. Andererseits konnte Matt nicht anders, als es dennoch zu lieben. Es war sein Zuhause. Trotz allem, was geschehen war, hatte er es nicht über sich gebracht, es zu verlassen.

Er bog von der Main Street – die nicht nur namentlich die Hauptstraße, sondern die einzige Straße war, die diese Bezeichnung verdiente – in die Bakers Lane ein und steuerte auf den Dorfladen zu. Ein silberner Toyota Kombi mit deutlichen Gebrauchsspuren parkte halb auf dem Bürgersteig in unmittelbarer Nähe des Eingangs. Matt runzelte die Stirn. Ein Londoner Kennzeichen. Normalerweise kamen die Touristen erst kurz vor dem Kürbisfestival ins Dorf.

Gerade als er das Fahrzeug umrunden wollte, trat jemand aus dem Geschäft, in den Armen mehrere prallvolle Papiertüten, aus denen Lauchstangen, der Hals einer Milchflasche, eine Tüte Kartoffelchips und ein Bund Petersilie ragten. Auf dem Kopf, der gerade so über die Tüten hinausragte, saß eine knallrote Wollmütze, unter der zwei dicke geflochtene Zöpfe hervorschauten.

Kastanienbraune Zöpfe. Matt erstarrte.

„Danke, Mrs. Cole!“, rief Kitty über die Schulter zurück in den Dorfladen, ehe sich die Tür schloss. Das war doch ganz gut gelaufen. Die Eigentümerin des Lädchens war noch dieselbe wie damals, und sie hatte bereits gewusst, dass Chris und sie nach Merrywick kommen und beim diesjährigen Kürbisfestival aushelfen würden. Die Frau war schon immer eine der größten Klatschbasen des Dorfes gewesen, und davon gab es einige, sodass es Kitty nicht wunderte, dass alle bereits Bescheid wussten. Thomas hatte sie sicherlich darauf vorbereitet, dass er fortmusste.

Sie hatten ihn heute am frühen Morgen, keine achtundvierzig Stunden nach Chris’ Anruf, am Flughafen in Heathrow getroffen, und er war trotz seiner Diagnose guter Dinge und positiv gestimmt gewesen. Er hatte ihnen die Schlüssel zur Farm überlassen und ihnen alles Wichtige, was sie wissen mussten, mit auf den Weg gegeben. Dann hatte er sich auf den Weg in die USA gemacht – und sie und ihr Bruder waren mit seinem altem Toyota in Richtung Westen gestartet. Kitty konnte noch immer kaum glauben, dass sie alles innerhalb des gestrigen Tages organisiert hatten – ihren Urlaub, Maggies Einzug bei Max, Chris’ Abwesenheit von der Galerie, das Gepäck –, doch es war ihnen gelungen.

Kitty war mit jeder Meile, die sie Merrywick näher gekommen waren, nervöser geworden. Sie hatte nicht gewusst, was sie erwarten würde. Schließlich hatte sie sich von niemandem außer von Sally verabschiedet, als sie damals mit knapp zweiundzwanzig Jahren bei Nacht und Nebel abgehauen war. Chris war da schon zweieinhalb Jahre in London gewesen, er hatte sich direkt am Tag nach seinem achtzehnten Geburtstag auf den Weg gemacht. Im Gegensatz zu ihr hatte er seinen Abschied mit einem riesigen Fest im Pub gefeiert. Er war aber auch ein anderer Typ als sie, liebte Partys, während sie zwar auch gern in Gesellschaft war, es sich aber lieber zu Hause mit ihren Freunden gemütlich machte. Besonders in den letzten Jahren. Sie hatte schließlich für ein Kind zu sorgen und konnte sich nicht die Nächte um die Ohren schlagen.

Sie vermisste Max jetzt schon, obwohl sie sich erst am Morgen vor ihrem Aufbruch zum Flughafen voneinander verabschiedet hatten und er fröhlich und aufgeregt gewesen war, als Maggie mit Sack und Pack bei ihm eingezogen war. Er hätte Freude daran gehabt, durch die Gassen des Dorfes zu laufen und all die schönen Dinge zu betrachten, die in den Fenstern und vor den Häusern zu sehen waren. Zwar war es auch immer ein großer Spaß, durch ihre bunte, unkonventionelle Nachbarschaft in London zu spazieren, aber der Lärm, die schlechte Luft der Großstadt und der chaotische Verkehr mit seinen Gefahren waren allgegenwärtig.

Die Freiheit, die das Leben in einem Dorf Kindern bot, würde Max nie kennenlernen. Ihr wurde das Herz schwer bei dem Gedanken, dass sie ihrem Sohn nie würde zeigen können, wo sie aufgewachsen war. Denn so einsam und zerrissen sie sich den Großteil ihrer Kindheit und Jugend über – seit dem Unfalltod ihrer Eltern – gefühlt hatte, sie hatte das Dorf dennoch geliebt und sich für seine Bewohner eingesetzt. Was sie nicht geliebt hatte, war deren Verhalten. Oder vielmehr das von einigen von ihnen.

Was hatten sie und ihr Bruder schon dafürgekonnt, dass sie bei einer wunderlichen alten Dame hatten aufwachsen müssen, die im Dorf nicht den besten Ruf besessen hatte und mit zwei Kindern heillos überfordert gewesen war, sodass sie sich quasi selbst großgezogen hatten? Dass Kitty und Chris schon mit knapp neun und gerade einmal sieben Jahren Waisen geworden waren und ihre Eltern ihnen kaum Geld hinterlassen hatten, bedeutete schließlich nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmte! So hatte es aber des Öfteren geklungen, wenn über sie getuschelt worden war, und die kritischen Blicke hatte sie auch gespürt. Sie mochte sich nicht ausmalen, wie erst über sie geredet worden wäre, wenn ihre Schwangerschaft bekannt geworden wäre! Oder wie geredet werden würde, wenn sie nun mit einem bereits siebenjährigen Kind hier auftauchte. Nein, das durfte nie passieren.

Kitty balancierte ihre prallen Einkaufstüten zu ihrem Auto und mühte sich ab, die Kofferraumklappe zu öffnen. Da sah sie aus dem Augenwinkel eine hochgewachsene Gestalt mit großen Schritten um eine nahe Ecke verschwinden, und ihr setzte das Herz einen Schlag aus. War das Matt gewesen? Sie war sich fast sicher. Hatte er sie gesehen? War er deswegen beinahe gerannt, um nur schnell wegzukommen, damit sie ihn nicht entdeckte? Oder hatte sie sich das alles nur eingebildet?

Selbst wenn er es war – du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass du ihm hier an jeder Ecke begegnen könntest, erinnerte sie sich. Du bist erwachsen. Reiß dich zusammen!

Sie verstaute die Tüten im Kofferraum, stieg ein und fuhr langsam durch die engen Straßen hinaus zur Kürbisfarm. Sie widerstand dem Drang, dem großgewachsenen Mann zu folgen. Welchen Sinn hätte das? Was würde sie überhaupt zu Matt sagen, wenn sie ihm je gegenüberstehen sollte? Kitty seufzte. Das war ein Zukunftsproblem, und sie hatte wahrlich genügend, die es sofort zu lösen galt.

Nach wenigen Minuten fuhr sie zum zweiten Mal an diesem Tag unter dem geschnitzten Torbogen mit den lachenden Kürbissen und Ranken hindurch und parkte auf dem gekieselten Hof vor dem Nebengebäude, in dem sich der Hofladen und die Küche befanden, in der die zum Verkauf bestimmten Lebensmittel hergestellt wurden. Kitty stieg aus, öffnete den Kofferraum und nahm die Tüte heraus, die die Zutaten für die Kürbissuppe enthielt, die sie an diesem Tag nach Thomas’ Rezept probekochen wollte. Auch wenn sie die Suppe selbst essen würden, wollte sie sie in der gewerblichen Küche zubereiten, um sich mit dem Herd vertraut zu machen.

Als sie am Abend vor zwei Tagen mit Thomas telefoniert und ihm die frohe Nachricht überbracht hatten, dass sie beide nach Merrywick kommen würden, hatte er gefragt, ob sich Kitty zutraute, die Zubereitung der Lebensmittel für den Hofladen und das Festival zu übernehmen. Da sie gern backte und kochte, hatte sie sich dazu bereiterklärt, denn sie wusste, warum er fragte: ihn und seine Köchin Vicky, die dafür üblicherweise zuständig war, verband mehr als nur eine Arbeitsbeziehung, und sie wollte ihn in die USA begleiten. Kitty war froh, dass sie es ihnen ermöglicht hatte. Bald würde Chris ohnehin eine neue Köchin finden müssen, denn Vicky wollte sich mit Thomas nach dessen Genesung, worauf sie alle hofften, zur Ruhe setzen. Und Kitty würde schon in wenigen Wochen wieder fort sein.

Sie schüttelte das seltsame Gefühl ab, das sie bei diesem Gedanken erfasste, und betrat den winzigen Hofladen. Zur Rechten befanden sich hohe Regale mit den hausgemachten Köstlichkeiten. Dort standen unzählige Schraubgläser voll mit süßer Marmelade, Gelee und würzigem Chutney, außerdem Weckgläser mit süßsauer eingelegtem Kürbis sowie Flaschen mit verschiedenen Soßen, Ölen und gewürzten Getränken. Zusätzlich gab es Gläser mit verschiedenen Gewürzmischungen und Tees sowie Honig vom Imker aus dem Nachbarort.

Links stand ein Tisch mit schönem Landhausgeschirr, passenden Servietten, Kerzen, Dekoartikeln und besonderen Kochbüchern, und geradeaus befanden sich der Kühltresen mit den frischen Suppen, Pies und Kuchen sowie der Holztresen, auf dem neben einem riesigen, bauchigen Glas mit Kürbiscookies die große, alte Registrierkasse stand.

Da bei ihrem Eintreten die Glocke über der Ladentür geklingelt hatte, kam Fiona, eine von Thomas’ langjährigen Angestellten, aus der Tür, die zur Küche führte.

„Ah, du bist es, Kitty.“

„Hallo, Fiona. Alles klar?“

„Klar doch.“ Die junge Frau zwinkerte ihr zu und deutete auf die Tüte. „Du willst dich an der Kürbissuppe versuchen? Noch haben wir ein paar Portionen im Verkauf“, sie deutete auf den Kühltresen, „aber sie ist beliebt und sicher bald weg.“

„Ich tue mein Bestes“, versprach Kitty, schob sich an Fiona vorbei und trat in die Küche. Der Raum war zweckmäßig eingerichtet und entsprach den geforderten Standards in Sachen Hygiene. Kitty war sicher, dass es ihr gefallen würde, hier zu arbeiten. Die Küche im Wohnhaus war allerdings viel gemütlicher, ein richtiger Wohlfühlraum mit einem riesigen alten Herd, der noch mit Holz befeuert wurde, stabilen Holzmöbeln mit Schnitzereien, karierten Vorhängen und Polstern auf den Stühlen und der Sitzbank.

Als Kitty zum Auto zurückging, um die restlichen Tüten auszuladen und ins Wohnhaus zu tragen, fiel ihr Blick auf den Schuppen schräg gegenüber – und auf die Unordnung, die sich davor ausbreitete. Mitten zwischen alten Möbeln, Gartengeräten, Blecheimern, riesigen Milchkannen und allem möglichen weiteren Plunder stand Chris mit einem der Jugendlichen aus dem Dorf, die neben der Schule ein wenig Geld verdienten, indem sie auf der Farm aushalfen. So wie Kitty und Chris es zu ihrer Schulzeit auch schon getan hatten. Kitty hatte schöne Erinnerungen an die Stunden auf den Kürbisfeldern, auch wenn die Erntezeit anstrengend gewesen war.

„Hey, ihr zwei!“, rief sie und ging zu ihnen hinüber.

Der Junge lächelte sie schüchtern an, während Chris über das ganze Gesicht grinste. „Schau mal, Schwesterchen. Was für eine Schatzkammer!“

Kitty verzog das Gesicht. „Du hast eine seltsame Vorstellung von Schätzen.“

Chris schnaubte. „Das denkst du nur, weil du keine Fantasie hast. Keine Vorstellungskraft. Dazu muss man eben den künstlerischen Blick haben.“ Er wies um sich. „Ich sehe schon alles vor mir. Diese Milchkannen und Eimer werden dort drüben stehen, natürlich schön aufbereitet. Da drinnen“, er nickte zum Schuppen, „sind Zaunelemente. Wir bauen ein Gehege und leihen uns zwei Kälbchen, als eine Art Streichelzoo für das Festival. Daneben die Milchkannen und weitere Deko. Das wird toll, oder, Jimmy?“ Der Junge nickte.

Kitty lächelte über die Begeisterung ihres Bruders. „Ich könnte mir vorstellen, dass es schwierig wird, einen Bauern zu finden, der dir Kälbchen leiht. Wenn es zu dieser Jahreszeit überhaupt Jungtiere gibt.“

„Ach, sonst nehmen wir eine erwachsene Kuh. Die sind doch auch niedlich. Oh, und schau mal, hier.“ Er zeigte auf etwas, das wie ein alter Pflug aussah. „Der kann auch irgendwo zur Deko dienen.“

Kitty zog die Augenbrauen hoch. „Einerseits willst du einen Streichelzoo anbieten, also etwas für Kinder, andererseits willst du ein Ding mit scharfen Messern irgendwo hinstellen? Das passt doch nicht zusammen.“

Chris machte ein beleidigtes Gesicht und sah mit einem Mal wieder aus wie der kleine Junge, den sie in seiner Überschwänglichkeit schon immer ein wenig hatte bremsen müssen. „Ich bin ja auch noch nicht fertig mit dem Konzept“, erklärte er.

Sie lächelte ihn versöhnlich an. „Es ist toll, dass du so viele Ideen hast.“ Besonders, da er seit Thomas’ Diagnose sehr geknickt gewesen war. „Und ich finde es super, dass du etwas für Kinder planst.“ Zwar war das Festival immer schon für Familien geeignet gewesen, aber spezielle Kinderbelustigungen hatte es, soweit Kitty wusste, bislang noch nicht gegeben. „Vielleicht könnten wir noch weiter in die Richtung denken.“

Chris’ Augen leuchteten auf. „Aber klar! Thomas hat ja außer uns nie kleine Kinder in seinem Leben gehabt, also ist es nur natürlich, dass er nicht so den Blick dafür hatte. Wir zwei aber wissen ja wegen Max, was Kindern …“ Er brach ab, als er Kittys warnenden Blick auffing. Er sah zu Jimmy hinüber, der fasziniert einen uralten Laubrechen hochhielt und von allen Seiten betrachtete.

„Genau“, sagte Kitty. „Lass uns heute Abend über das Konzept nachdenken. Ich koche Kürbissuppe. Weißt du, auf welchem Feld zuerst geerntet werden muss? Dann hole ich gleich einen Kürbis rein.“

„Ich mache das“, erbot sich Jimmy. „Ich habe schon beim Anpflanzen mitgeholfen und weiß, wo Thomas mit der Ernte anfangen wollte.“

Kitty lächelte den Jungen an. „Sehr gern, danke.“

Jimmy machte eine lustige kleine Verbeugung und stürmte los.

Kitty musste lachen. „Da hast du ja einen eifrigen Helfer an deiner Seite.“

Chris erwiderte das Lächeln nicht. „Tut mir leid, dass ich mich fast verplappert hätte, Kit.“

Kitty seufzte. „Schon gut. Aber bitte versuch, daran zu denken.“

Ihr Bruder raufte sich die Haare. „Es fällt mir schwer, das gebe ich zu. Max ist eben ein großer Teil meines Lebens. Und ehrlich gesagt verstehe ich es nicht. Was wäre so schlimm daran, wenn die Leute von ihm erfahren würden?“

„Das habe ich dir schon so oft erklärt.“

„Erklärungen sollten Sinn ergeben. Das tun deine nicht.“

Kitty verdrehte die Augen. „Also gut, noch einmal zum Mitschreiben. Ich habe keine Lust auf Gerede. Die Leute hier sind konservativ. Sie haben früher genug über uns getratscht. Nun stell dir vor, sie wüssten, dass ich alleinerziehend bin.“

„Na und? Was macht das schon aus?“

„Mir macht es etwas aus. Kannst du das bitte einfach akzeptieren?“

„Nein.“

„Dieses Gerede früher, das hat mich verletzt“, fuhr sie fort und zermarterte sich das Hirn, wie sie ihn überzeugen sollte, ohne ihm die Wahrheit zu sagen. „Du hast es nicht so mitbekommen wie ich. Du warst jünger und schon mit achtzehn weg, und du hast dich ja nicht mal geoutet, solange du noch hier warst. Über dich wurde auch einfach nicht so viel getratscht wie über mich. Über Frauen wird immer noch strenger geurteilt als über Männer.“

Ihr Bruder verengte die Augen. „Das ist doch nicht alles. Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, du zwingst mich seit sieben Jahren, meinem Patenonkel meinen Neffen, mein eigenes Patenkind, zu verheimlichen, nur damit nicht über dich getratscht wird. An einem Ort, an den du nie geplant hattest zurückzukommen.“

„Na schön“, platzte sie heraus. „Ich will nicht, dass Matt von ihm erfährt, okay?“ Das hatte sie nie so deutlich sagen wollen, aber er gab ja einfach keine Ruhe!

„Dann gibst du endlich zu, dass er der Vater ist?“

Kitty erschrak. „Was? Nein, das … ist er nicht.“

Nun war es an Chris, die Augen zu verdrehen. „Hör auf“, sagte er harsch. „Schlimm genug, dass du mich seit acht Jahren anlügst. Es reicht. Denkst du, ich bin blind? Max sieht genau aus wie Matt. Wie die ganze Familie Bellingham!“

„Das bildest du dir ein.“ Kitty hörte selbst, wie lahm es klang.

Chris lachte auf. „Ich mag mir vieles einbilden, aber gewiss nicht diese krasse Familienähnlichkeit.“

Kitty schluckte schwer. Er hatte ja recht, Max war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Dennoch machte sie einen letzten Versuch. „Ich will einfach nicht, dass Matt glaubt, ich wäre so schnell nach unserer Trennung mit einem anderen ins Bett gestiegen.“

„Aber genau das hast du nach deiner Aussage doch getan.“

„Schon, aber … ich muss Matt doch nicht noch mehr verletzen, als ich es mit meinem Weggang sicherlich schon getan habe.“

„Sehr fürsorglich von dir.“ Der Spott klang deutlich aus seiner Stimme heraus. Dann aber wurde seine Miene plötzlich weich. „Kit, ich kenne dich“, sagte er sanft. „Du bist doch gar nicht der Typ für One-Night-Stands. Ich habe all die Jahre nichts gesagt und nicht viel gefragt, weil es nun mal dein Leben ist und du mich für meines auch nie verurteilt, sondern mich immer unterstützt hast. Also habe ich das für dich auch getan. Aber jetzt sag mir bitte die Wahrheit. Als du damals nach London gekommen bist, habe ich doch gemerkt, wie fertig du wegen der Trennung warst. Du hast diesen Mann doch geliebt. Ich habe dir nie geglaubt, dass du keine Gefühle mehr für ihn hattest und deshalb das Dorf verlassen hast. Du warst schon schwanger, oder?“

Tränen brannten Kitty in den Augen, und sie nickte. „Ich habe ihn gefragt, ob er sich jetzt schon eine Familie vorstellen könnte“, wisperte sie. „Er hat Nein gesagt.“

Chris trat zu ihr und zog sie in seine Arme. „Ach Schwesterchen. Warum trägst du denn so etwas mit dir herum? Weiß irgendwer davon?“

„Nein“, murmelte sie in seinen Pullover.

„Nicht einmal Maggie, Paula oder Billie?“

„Nein.“ Sie machte sich von ihrem Bruder los und rieb sich mit dem Ärmel über die Augen. Dann straffte sie die Schultern. „Es ist besser so. Ich komme schon klar. Ich wollte das alles einfach nur vergessen.“

„Du hast Matt diese Frage theoretisch gestellt, oder? Er hatte keine Ahnung, dass du schon schwanger warst?“

„Genau.“

„Denkst du, das war klug?“

„Hätte ich riskieren sollen, dass er nur aus Pflichtgefühl mit mir zusammenbleibt, obwohl er noch gar keine Familie gründen wollte?“ Kitty schüttelte den Kopf. „Das wäre unerträglich für mich gewesen. Ich bin lieber allein als mit jemandem zusammen, der mich vielleicht gar nicht will. Der mein Kind nicht will, sondern es als Belastung ansieht.“ Sie schluckte gegen den Kloß in ihrem Hals an. „Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Und du doch auch, oder nicht?“

Chris schwieg. Kitty sah in seiner Miene, dass er genau wusste, wovon sie sprach. Großtante Jane hatte sie nach dem Unfalltod ihrer Eltern vor mittlerweile zwanzig Jahren aufgenommen, ja, und sie hatte sie auch nicht schlecht behandelt. Aber gewollt oder gar geliebt hatten sie sich nie gefühlt.

„Du hast recht“, sagte er leise. „Entschuldige. Tu, was du für richtig hältst, ich stehe hinter dir.“

„Danke, kleiner Bruder.“ Kitty lächelte ihn an.

In diesem Moment ertönte eine Hupe. Sie wandten sich der Einfahrt zu, in die soeben ein knallrotes Mini-Cabrio mit heruntergelassenem Verdeck einbog. Am Steuer saß eine blonde Frau, die ihnen wild zuwinkte. Kitty brauchte einen Augenblick, um sie zu erkennen, dann stolperte ihr Herz. Sally. Ihre ehemalige beste – oder vielmehr einzige – Freundin, die sie über Matt kennengelernt hatte. Die beiden waren zusammen zur Grundschule gegangen und schon ewig befreundet. Als Matt und Kitty nach seiner Rückkehr vom Studium erst Freunde und dann ein Paar geworden waren, hatten sie viel zu dritt mit Sally unternommen, und Kitty und sie hatten sich schnell angefreundet.

Nervosität erfasste Kitty. Nicht nur, weil sie nicht recht wusste, wie sie mit Sally umgehen sollte – schließlich war der Kontakt schon lange abgebrochen –, sondern vor allem, weil sie sicherlich über Matt reden würden. Kitty war sich nicht sicher, ob sie dazu bereit war.

Ihr blieb keine Wahl, denn Sally hielt neben ihnen an, sprang aus dem Auto und fiel Kitty um den Hals. „Du bist wieder da!“, rief sie strahlend. „Ich freue mich so! Es ist schön, dich zu sehen!“

Kitty musste sich zwingen, die Arme um Sally zu legen. Dieser Freudenausbruch erschien ihr ein wenig übertrieben.

Wenn es so schön ist, warum hast du dich dann all die Jahre nicht gemeldet? Warum war ich für dich aus den Augen, aus dem Sinn?

Vielleicht sollte sie nicht so streng urteilen. Menschen waren unterschiedlich, und es passte durchaus zu Sally, dass sie den regelmäßigen persönlichen Kontakt brauchte, damit eine Verbindung hielt. Ihre Mutter war Amerikanerin, und sagte man denen nicht nach, dass sie oberflächlich wären? Im direkten Kontakt herzlich und freundlich, aber nicht gut darin, tiefe Beziehungen aufrechtzuerhalten, wenn man sich nicht täglich sah? Vielleicht hatte Sally diese Eigenart geerbt.

Sofort schalt sie sich. Diese Vorurteile waren doch Unsinn! Sally war einer der wenigen Menschen in ihrem alten Leben gewesen, der sie aufrichtig gemocht hatte. Dessen war sie sich sicher. Sally hatte ihr beigebracht, was Freundschaft bedeutete, und ohne sie hätte Kitty es nie geschafft, sich ihren Londoner Freundeskreis aufzubauen.

Sally löste sich von ihr und wandte sich ihrem Bruder zu. „Hey, Chris.“

„Hey.“ Chris lächelte unverbindlich. Er kannte Sally nicht gut, denn Kitty und sie waren erst Freundinnen geworden, als er schon nicht mehr im Dorf gelebt hatte. Er wies in Richtung der Felder. „Da kommt Jimmy mit deinem Kürbis zurück, Kit.“

„Perfekt“, erwiderte sie, dann sah sie Sally an. „Ich will später kochen. Aber erst einmal trinken wir einen Tee, ja?“

„Darauf hatte ich gehofft.“ Sally zwinkerte ihr zu, und dabei bemerkte Kitty, dass sich in den Augenwinkeln der Freundin die ersten Fältchen bildeten. Sally war einige Jahre älter als sie, Matts Jahrgang. Ob ihr an ihm auch Veränderungen auffallen würden?

„Komm mit rein“, sagte sie schnell, um den Gedanken zu verdrängen. „Nimmst du Jimmy bitte den Kürbis ab? Ich hole den restlichen Einkauf aus dem Auto.“

Kitty ging zum noch immer offenen Kofferraum und hob die Tüten heraus. Als sie sich Sally wieder zuwandte, sah sie, dass diese den Kürbis mit gestreckten Armen von sich weghielt. Offenbar klebte etwas Erde daran, und sie wollte sich nicht den weißen Cardigan beschmutzen. Darüber hatte Kitty gar nicht nachgedacht, als sie sie gebeten hatte, den Kürbis zu nehmen. Sie selbst trug außer im Büro meist robuste Kleidung. Anders ging es mit einem kleinen Kind kaum, und hier auf dem Hof hätte sie sich seit ihrer Ankunft heute Vormittag schon dreimal umziehen können, hätte sie nicht das dicke Flanellhemd und Jeans getragen. Darauf waren sicherlich bereits Flecken, aber diese waren zum Glück nicht zu sehen.

Sie betraten das Haus durch die Seitentür, die direkt in die Küche führte. „Leg ihn ins Spülbecken“, sagte sie zu Sally, während sie die Tüten abstellte. Dann nahm sie die Mütze ab, feuerte schnell den Herd an, füllte den Kessel mit frischem Wasser und platzierte ihn auf einer der Herdplatten.

Sally hatte sich mittlerweile auf die Küchenbank gesetzt. „Es gibt einen elektrischen Wasserkocher“, sagte sie. „Nur falls du ihn noch nicht gesehen hast.“

Kitty drehte sich lächelnd zu ihr um. „Doch, doch. Ich mag aber den Herd lieber. Das Holzfeuer macht so eine gemütliche Wärme.“

Sally gluckste und spielte mit ihrem dicken hellblonden Zopf, der ihr akkurat geflochten über der Schulter hing. „Ich sehe schon, du bist immer noch ein bisschen seltsam, so wie früher.“

Seltsam … Das Wort löste Unbehagen in Kitty aus. Vieles von dem, was die Dorfbewohner über sie gesagt hatten, hatte Sally ihr erzählt, die es mitgehört hatte, weil sie in ihrer Gegenwart nicht so wachsam waren wie in Kittys. Und das Wort „seltsam“ war dabei öfter gefallen.

„Ich meinte nicht seltsam, sondern … besonders!“, versicherte Sally schnell. Offenbar hatte sie Kittys Blick bemerkt.

Kitty wollte ihr Wiedersehen nicht mit schlechter Laune verderben. Versöhnlich sagte sie: „Na, ich weiß nicht, ob das besser klingt.“ Sie zwinkerte Sally zu, dann gab sie Earl-Grey-Tee in die Kanne und stellte Tassen, Milch und Zucker bereit.

Als sie einander schließlich gegenübersaßen, jede mit einer dampfenden Tasse vor sich, trat ein Moment der Stille zwischen ihnen ein, so als wüssten sie nicht, worüber sie nach all den Jahren sprechen sollten. Und tatsächlich hatte Kitty Mühe, ein Thema zu finden. Dabei fiel es ihr bei den Londoner Freundinnen und Freunden so leicht, eine Unterhaltung zu führen. Die teilten aber auch ihre aktuelle Lebensrealität, während Sally und sie kaum noch etwas gemeinsam hatten. Vielleicht musste sie auch in dieser Beziehung erst wieder lernen, sich in Merrywick zurechtzufinden. Halbherzig stellte sie einige Fragen über Sallys Arbeit für ein großes amerikanisches Unternehmen und erfuhr, dass sie neben einigen Geschäftsreisen hauptsächlich im Homeoffice arbeitete. Ihr Zuhause war noch immer das villenähnliche Haus ihrer Eltern am Ende der Main Street.

Bald senkte sich wieder Schweigen über sie.

„Kitty, sag mal …“, begann Sally dann mit gesenkter Stimme und sah sie forschend an. „Was ist aus“, sie wedelte mit der Hand in Richtung von Kittys Bauch, „dem Kind geworden?“

Kitty presste die Lippen zusammen. Aus irgendeinem Grund widerstrebte es ihr zutiefst, Sally von Max zu erzählen. Ja, die Frage war nur natürlich, da die Schwangerschaft der Grund für ihren Weggang gewesen war, aber sie hätte sie all die Jahre stellen, sich in irgendeiner Weise für sie interessieren können, Entfernung hin oder her. Ganz egal, ob Sally der Typ für Fernbeziehungen jeglicher Art war oder nicht.

„Kitty?“ Noch immer ruhte der Blick aus Sallys hellblauen Augen fragend auf ihr.

Schuldgefühle überkamen Kitty. Sollte sie ihr Kind wirklich verheimlichen? Verleugnen beinahe? Das Verlangen, über ihren Sohn zu reden, auf den sie unglaublich stolz war und den sie bereits jetzt wie verrückt vermisste, war riesengroß. Trotz der Zweifel darüber, ob sie Sally wahrhaftig immer noch als Freundin betrachten durfte, wenn sich alles gerade noch so fremd anfühlte – sie war schließlich die Einzige, die wusste, dass es ein Kind gab. Oder zumindest irgendwann gegeben hatte. Demnach war sie der einzige Mensch abgesehen von Chris, mit dem sie überhaupt über Max reden konnte. Kitty atmete tief durch und setzte zu einer Antwort an.

Matt wollte gerade die Kopfhörer aufsetzen, als er das Klopfen an der Tür hörte. Ein Schreck durchfuhr ihn.

Ist sie das? Hat sie mich erkannt und ist nun hergekommen, um … Ja, was? Um mit ihm zu reden? Sich zu erklären? Als ob eine Erklärung nach all den Jahren irgendetwas geändert hätte.

„Matt?“, erklang eine vertraute Stimme, und Erleichterung durchflutete ihn. Sally. Der einzige Mensch, den er all die Jahre überhaupt an sich herangelassen hatte.

Er legte die Kopfhörer weg, ging zur Haustür und öffnete.

„Oh, welch Ehre, dass du mich nicht wieder vor der Tür stehen lässt wie so häufig.“ Sally schnaubte und schob sich an ihm vorbei ins Innere des Cottages.

Matt schloss seufzend die Tür. „Es ist auch schön, dich zu sehen, Sally. Mir geht es gut, danke der Nachfrage.“ Dabei ging es ihm gar nicht gut. Seit er sie vor ein paar Stunden gesehen hatte, drängten die Erinnerungen mit Macht in seinen Kopf.

Ein erneutes Schnauben, dann warf sich Sally in ihren Lieblingssessel, in dem sie immer saß, wenn sie ihn besuchte, und zog die Füße unter den Po. Matt holte seine Teetasse und die Kanne aus dem Arbeitszimmer und aus der Küche eine zweite Tasse für Sally. Dann setzte er sich aufs Sofa und schenkte ihnen ein.

„Matt, ich muss dir was sagen.“ Sally beachtete die Tasse nicht, sondern sah ihn eindringlich an.

„Ich weiß es schon“, gab er düster zurück. „Ich habe sie gesehen. Und danke für nichts. Du hättest mich gern mal vorwarnen können.“

In einem Ausdruck tiefer Empörung klappte Sally der Mund auf. Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr ...

Autor

Penny Roberts

Hinter Penny Roberts steht eigentlich ein Ehepaar, das eines ganz gewiss gemeinsam hat: die Liebe zum Schreiben. Schon früh hatten beide immer nur Bücher im Kopf, und daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Und auch wenn der Pfad nicht immer ohne Stolpersteine und Hindernisse war – bereut haben...

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Emily Lark

Emily Lark hatte schon als Kind einen Traum: Geschichten zu erzählen und diese groß herauszubringen. Nach kurzen Stationen in anderen Berufen hat sie sich diesen Wunsch nun endlich erfüllt. Die in Norddeutschland lebende Autorin veröffentlicht bei mehreren großen Publikumsverlagen Romane, die sie an die verschiedensten Orte in ganz Europa bringt,...

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