Baccara Collection Band 457

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KONKURRENZ BELEBT DAS GEFÜHL von NADINE GONZALEZ
Bitte nicht Jackson Strom! Auch nach Jahren wühlt die bloße Anwesenheit ihres gut aussehenden Highschool-Rivalen die Anwältin Alexandra Lattimore auf. Aber sie ist nach Hause gekommen, um sich Familienangelegenheiten zu widmen, nicht um sich in den chaotischen Gefühlen von damals zu verstricken …

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  • Erscheinungstag 18.04.2023
  • Bandnummer 457
  • ISBN / Artikelnummer 9783751516334
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nadine Gonzalez, Joanne Rock, Jacquelin Thomas

BACCARA COLLECTION BAND 457

1. KAPITEL

„Eine Flasche Prosecco für Miss Alexandra Lattimore.“

„Stellen Sie sie hier auf den Tisch.“

„Wie Sie wünschen, Miss.“

Die Stimme des Kellners am Pool weckte Alexa aus ihrem Schlummer, in den sie bei der Hitze gesunken war. Seine Stimme besaß diesen süßen Akzent, der sie hätte verzaubern können – wenn Alexa leicht zu verzaubern gewesen wäre. Sie gähnte und reckte sich und tastete nach ihrer Tragetasche.

Die Hitze im August war unerbittlich. Eine Flasche Wasser wäre vielleicht die klügere Wahl gewesen, aber sie brauchte etwas Leichtes und Sprudelndes, das ihre Stimmung verbesserte. Sie war erst seit ein paar Tagen wieder in ihrer Heimatstadt, musste aber bereits jetzt an einer Benefizveranstaltung eines Country Clubs teilnehmen.

So lief das Leben in Royal, Texas. Ihre Mutter hatte die Eintrittskarte organisiert und alles eingefädelt, eine Migräne als Ausrede vorgeschoben und darauf bestanden, dass Alexa an ihrer Stelle teilnahm. Doch das bedeutete nicht, dass Alexa die Dinge nicht auf ihre Weise angehen würde: mit Prosecco, Eiscreme, ein paar Podcasts, die sie auf ihrem Handy hörte, und einer Cabaña, einem Poolhäuschen, das sie ganz für sich allein hatte.

Als ihre Schwester Caitlyn von Alexas Plänen erfahren hatte, hatte sie ihr vorgeworfen, fünfhundert Dollar für „ein besseres Zelt“ auszugeben.

„Das ist für wohltätige Zwecke“, verteidigte sich Alexa. „Es ist genau das, was man tun sollte.“

Daraufhin beschuldigte Caitlyn sie, ungesellig zu sein. „Alle werden dort sein. Das ist eine einmalige Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen oder neue Freunde zu finden. Du hast dich immer schon auf die Ranch zurückgezogen, wenn du nach Hause gekommen bist. Wir mussten dich ja förmlich mit Gewalt fortschleifen. Kapsel dich diesmal nicht ab. Man weiß ja nie.“

Das war die Art von Ratschlag, die Verliebte jedem erteilten, der gerade zuhörte. Caitlyn war schon ganz krank vor Liebe – sie tauchte am Arm ihres neuen Verlobten bei der Poolparty auf, mit einem Lächeln, das heller leuchtete als ihr Verlobungsring. Alexas ledige Brüder Jonathan und Jayden würden erst später kommen, daher konnte sie nicht mit ihnen abhängen.

„Soviel weiß ich jedenfalls“, hatte sie ihrer Schwester geantwortet. „Falls mich jemand wiedersehen möchte, dann müsste sich die Person erst die Mühe machen, mich zu finden.“

Alexa war eine Primadonna allererster Güte, und damit konnte sie ganz gut leben.

„Und was ist, wenn dir eine alte Flamme über den Weg läuft?“

„Bitte, Caitlyn“, entgegnete Alexa leicht verärgert. „Ich war siebzehn, als ich das College verließ. Die Jungs, die ich dort kannte, brachten nicht mal eine Flamme mit einer Schachtel Streichhölzer zustande.“

Selbst jetzt noch ärgerte Alexa sich bei dem Gedanken daran. Falls ihr eine alte Flamme über den Weg laufen sollte, würde sie sie austreten. Für so etwas hatte doch niemand Zeit.

Die Augen immer noch halb geschlossen hinter dunklen Brillengläsern, fand sie ihre Tasche unter dem Liegestuhl, zog sie auf ihren Schoß und suchte darin nach ihrem Portemonnaie. „Warten Sie einen Moment. Ich habe da noch was für Sie.“

„Kein Bargeld. Ein Lächeln reicht mir schon.“

Oh? Jetzt waren die Kellner im Texas Cattleman’s Club also schon durchtrieben. Das war ihr neu. Sie war eine Weile nicht zu Hause gewesen, aber die Bedienung im Country Club war eigentlich immer Weltklasse gewesen.

Alexa schob sich mit der Spitze des Zeigefingers die Sonnenbrille ein Stück weit auf die Nase. Sie rechnete damit, Blickkontakt mit irgendeinem eingebildeten Studenten zu haben, der während der Sommermonate im Klub jobbte. Aber der Mann, der vor ihr aufragte, war kein Teenager: Er war groß, dunkelhäutig und gut gebaut, trug ein weißes T-Shirt und Badeshorts. Alexa geriet in den Bann seines neckenden Lächelns.

Moment mal … oh, Gott … Nein!

Ihre Gedanken überschlugen sich, bis sie sich an etwas zu erinnern glaubte. Ein Name kam ihr über die Lippen. „Jackson Strom.“

Sein Lächeln wurde breiter. „Stets zu Diensten.“

Caitlyn hatte recht behalten. So gut wie jeder war hier. „Ich habe dich nicht mehr gesehen seit …“

„… der Highschool“, ergänzte er.

„Genau.“

Das letzte Mal hatte sie ihn am Tag nach der Abschlussveranstaltung gesehen, und zwar auf dem Parkplatz eines Lebensmittelladens. Sie wollte gerade hineingehen, und er war auf dem Weg zu seinem Auto, unterm Arm eine Papiertüte voller Snacks. Sie hatte „Hi“ gesagt, er hatte „Hey“ erwidert, und damit war die Sache erledigt.

Einen Monat später war sie nach New York City gezogen, um dort das College und die juristische Fakultät zu besuchen. Im Augenblick lebte sie in Miami und arbeitete für eine angesehene Anwaltskanzlei. Wenn sie zwischendurch nach Hause kam, so blieb sie meist nur kurz und überwiegend in ihrem Elternhaus. Alexa würde das zwar nie zugeben, aber bei dem Gedanken, allein im Texas Cattleman’s Club aufzutauchen, hatte sie kalten Schweiß auf der Stirn gehabt, deshalb auch die Cabaña.

„Und?“, fragte sie ihn, „bist du mein offizielles Empfangskomitee?“

„So in der Art, aber sie schicken mich nur, um sehr wichtige Leute zu empfangen.“

„Ich fühle mich geschmeichelt.“

„Und ich fühle mich geschmeichelt, dass du dich an meinen Namen erinnerst.“

„Wie könnte ich den vergessen? Er wurde immer an zweiter Stelle hinter meinem erwähnt.“

Er warf ihr einen leicht durchtriebenen Blick zu, der Alexa in ihrer Vermutung bestätigte, dass der Junge von früher und der Mann, der jetzt vor ihr stand, ein und dieselbe Person waren. Er sah umwerfend aus. Gut ausgesehen hatte er zwar schon damals, aber da war er nicht so kräftig gebaut gewesen wie heute. Die Mädchen mochten ihn, und die häufigste Bemerkung über ihn lautete: „Ist er nicht süß?“

Doch zehn Jahre später hätte ihn keine Frau mehr als süß oder niedlich beschrieben. Jackson sah verdammt gut aus. Seine jugendliche Großspurigkeit hatte sich in gesundes Selbstvertrauen verwandelt. Aber er hatte immer noch dieses Grübchen in der linken Wange, das selbst der gepflegte kurze Bart nicht überdecken konnte.

„Was führt dich wieder nach Royal, Alexa?“

„Ich kümmere mich um eine Familienangelegenheit.“

Das war die Kurzversion. Bei der „Angelegenheit“ handelte es sich um eine komplexe Rechtsfrage, die mit den Ölvorkommen der Familienranch zu tun hatte. Ihre Familie musste sich mit aggressiven Besitzansprüchen eines örtlichen Ranchers herumschlagen. So etwas ließ man nicht nebenbei in einer Unterhaltung fallen, deshalb hatte sie ihre Antwort absichtlich vage formuliert.

„Immer die pflichtbewusste Tochter.“

„Einige Dinge ändern sich eben nie.“

Sie war eine Lattimore, und die Lattimores hielten zusammen, selbst wenn es sie den letzten Tropfen Blut kostete.

Jackson nahm die Cabaña näher in Augenschein, während Alexa sich ihren Besucher näher anschaute. Einige Dinge hatten sich tatsächlich verändert. Jackson hatte inzwischen den durchtrainierten Körper eines Profisportlers, aber Alexa wusste besser als die meisten Leute, dass Jacksons beste Eigenschaft immer schon sein scharfer Verstand gewesen war. Ja, Jackson Strom war der cleverste Junge in ihrer Klasse gewesen. Sie das cleverste Mädchen. Punkt.

„Nettes Teil“, merkte er an.

„Ich mag es.“ Der mit Leinwand bespannte Rückzugsort bot eine Atempause vor der Hitze des Augusts. Darüber hinaus hatte man von der Cabaña die ganze Party im Blick. Wenn sich etwas Wichtiges ereignete, würde ihr das nicht entgehen. Und später hätte sie etwas, das sie ihrer Mutter erzählen könnte, irgendeinen Klatsch und Tratsch, mit dem man ihre Mutter zufriedenstellen konnte. „Nimmst du einen Drink mit mir?“

„Auch wenn du das langweilig findest“, sagte er und machte bereits die Flasche auf, „aber an einem heißen Tag ziehe ich ein kaltes Bier vor.“

Sie musterte ihn aus leicht verengten Augen. Wer würde diesen Mann je als langweilig bezeichnen? Damals in der Schule war er immer der Scherzkeks gewesen, der mit allen gut auskam. „Wir könnten ja Bier bestellen, wenn du magst.“

„Ist schon okay so“, erwiderte er. „Glaubst du wirklich, ich würde mir die Chance entgehen lassen, einen Drink mit Alexandra der Ersten zu genehmigen?“

Bei dem alten Spitznamen zuckte Alexa zusammen. Alexandra die Erste … in allen Belangen. Klassenbeste, die Beste der Besten, beste Studentin des Jahrgangs an der Uni. Aber wie alle Bezeichnungen dieser Art war auch diese nicht ganz passend. Alexa war einfach immer sehr gut in allem gewesen, abgesehen von Leichtathletik.

Diese Rolle hatte sie angenommen, aber sie hatte sich nie angebiedert, um es allen recht zu machen. Selbst in ihrer Familie hatte sie nie ins Schema passen wollen. Während sie still und leise in ihrem Zimmer in Bücher vertieft war oder sich mit Fremdsprachen beschäftigte, hatten ihre Geschwister ihren Spaß beim Angeln, Wandern, Reiten und allen möglichen Freizeitbeschäftigungen gehabt.

„Genau genommen muss es ‚Hochnäsige Königin Alexandra die Erste‘ heißen“, sagte sie. „Aber auf diesen Titel habe ich verzichtet und bin nun als Alexa bekannt.“

Sein schallendes Lachen hallte durch die Cabaña. „Du hattest immer auf alles eine Antwort parat.“

„Wir haben eben alle unser Talent.“

Er nahm die Flasche perlenden Weißwein aus dem Eisbehälter und schenkte zwei Gläser ein. Für einen Biertrinker hatte er erstaunlicherweise die geschmeidigen Bewegungen eines Sommeliers. Er reichte ihr ein Glas. „Ich hatte dich vorhin in der Lobby gesehen, aber du bist an mir vorbeigeschwebt.“

Sie war an allen vorbeigeeilt, hatte jeglichen Blickkontakt gemieden. Einer der Kellner hatte ihr den Weg zu der reservierten Cabaña gezeigt, und hier hatte sie sich seither versteckt. Es tat nichts zur Sache, dass sie eine erfahrene Anwältin war. Hier würde sie immer das fünfte Rad am Wagen sein.

„Oh, tut mir leid, dass ich dich übersehen habe“, meinte sie. „Setz dich doch.“

Er beäugte den leeren Liegestuhl neben ihrem. „Hast du auf jemanden gewartet?“

„Dich hatte ich jedenfalls nicht erwartet, so viel steht fest.“

Jackson stellte die Flasche zurück in den Eisbehälter, nahm Platz und streckte die langen Beine aus. Er hatte sich immer schon so bewegt, geschmeidig und ohne Hast. „Du warst immer lieber für dich, oder?“

„So kann man das nicht sagen.“

Sie war nicht absichtlich Einzelgängerin gewesen. Das Mädchen, das an der Uni die Beste war, hatte oft in allen anderen Belangen das Nachsehen, etwa bei dem Ansinnen, Freundschaften zu schließen oder einen Partner zu finden, der einen zum Abschlussball begleitete.

Er zog die Stirn in Falten. „Das musst du mir erklären.“

„Keine Sorge. Ich habe das alles mit meiner Therapeutin geklärt.“

Ganz gleich, auf welches Podest man sie in der High-School-Zeit gehoben hatte, Jackson war immer darauf erpicht gewesen, sie von dort herunterzuholen. Über vier Jahre lang hatten sie Kopf an Kopf um jede Medaille gewetteifert, um jede Auszeichnung und jede Anerkennung, die das Bildungssystem zu bieten hatte. Er hatte stets sein Bestes gegeben, aber an ihr vorbeigezogen war er nie. Doch sie dachte oft darüber nach, warum er so versessen darauf gewesen war, ihr Leben zu ruinieren. Denn die Beste in allen Belangen zu sein, war alles, was sie hatte. Ohne dieses Alleinstellungsmerkmal war sie ein Niemand und hatte nichts, auf das sie stolz hätte sein können.

„Bei dir klingt es ja so, als hättest du dich abmühen müssen“, sagte er. „Du hast uns alle weit abgeschlagen zurückgelassen.“

„Kannst du es mir verübeln?“

„Ernsthaft? Ja! Du warst das coolste Mädchen in der Klasse. Ich hätte sonst was getan, um dein Freund sein zu können.“

Alexa warf den Kopf in den Nacken und lachte.

„Was ist daran so lustig?“

„Entschuldige.“ Sie unterdrückte ein Kichern. „Es fällt mir schwer, das zu glauben.“

Er nahm einen langen Schluck von dem Wein. „Was war nur los mit uns?“

Das war ja wohl eine Fangfrage. „Es fing im zweiten Collegejahr an—“

„Nein“, entgegnete er rundheraus. „Das fing schon viel früher an.“

Seit dem Kindergarten waren sie in einer Klasse gewesen. Aber die Rivalität hatte erst so richtig im zweiten Jahr auf dem College begonnen. Jackson war Zweiter im örtlichen Wissenschaftswettbewerb geworden. Für gewöhnlich war bei dieser Art von Wettbewerben ein Mädchen namens Stephanie Davies auf dem zweiten Platz gelandet, aber sie war weggezogen. An jenem Tag sah Alexa Jackson mit anderen Augen. Sie nahm sein übermütiges Grinsen wahr, als er seine kleinere Trophäe hochhielt. Damals hatte sie kaum widerstehen können, ihm dieses freche Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen.

„Ich kann nur für mich selbst sprechen“, meinte Alexa. „Alles begann bei dem Wissenschaftswettbewerb in der zehnten Klasse. Am liebsten hätte ich dir deine Trophäe aus der Hand gerissen.“

Jackson machte es sich noch bequemer auf der Liege und ließ ein Lächeln erahnen. „Hört sich scharf an. Das hätte mir gefallen.“

Mit einem Mal war es Alexa viel zu heiß. „Wann hat es denn deiner Meinung nach angefangen?“

„Beim Schachturnier in der achten Klasse.“

„Was?“

„Das spezielle Matheprojekt von Miss Thomson.“

„Ja, ich erinnere mich.“ Wie lange das alles zurücklag! Ihre Mathelehrerin hatte ein Schachturnier organisiert, bei dem man Extranoten einheimsen konnte. Bis dahin hatte Alexa nie Schach gespielt, aber nach ein paar Online-Tutorials hatte sie so richtig Fahrt aufgenommen. Sie hatte gewonnen, aber … „Ich kann mich nicht erinnern, gegen dich gespielt zu haben.“

„Das überrascht mich nicht. Du hast mich nämlich schon nach zwölf Zügen matt gesetzt.“

Es mochte an der Hitze liegen, vielleicht auch an dem perlenden Wein, aber die Vergangenheit war wie eine trübe Brühe. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich erinnerte. „Ah! Du hattest deine Dame nicht gedeckt. Wer macht denn so was?“

„Du bestimmt nicht, Königin Alexandra.“

„Hm.“ Draußen vor dem Kokon der Cabaña kam die Party allmählich in Schwung. Musik, Lachen und Gesprächsfetzen vermischten sich zu einer Geräuschkulisse im Hintergrund. Alexas Geist kam zur Ruhe. „Das warst du, oder nicht? Du hast mit diesem Königin-Alexandra-der-Ersten-Zeug angefangen.“

Jackson nahm noch einen Schluck aus seinem Glas. „Das werde ich weder bestätigen noch leugnen.“

„Und all das, weil Miss Thomson ein Schachturnier organisierte, bei dem man sich Extranoten abholen konnte?“

„Seither wollte ich dich immer in allem besiegen.“

„Ich nehme es jederzeit mit dir auf.“

Jackson winkte einen der anderen Kellner heran, aber anstatt sich ein kühles Bier zu bestellen, fragte er den jungen Mann nach einem Schachbrett.

„Oh, das finden Sie gleich dort drüben.“ Der Kellner verwies auf eine Weidenkiste in der Ecke. Darin befanden sich einige Brettspiele für Kinder. „Wir haben Schach, Dame, Scrabble …“

„Wir nehmen das Schachspiel.“

Er steckte dem Mann eine Zwanzig-Dollar-Note zu und fing an, die Schachfiguren auf dem Brett aufzubauen, das nun auf dem runden Cocktailtisch zwischen ihnen stand.

Alexa setzte sich gerade hin. „Meinst du das ernst? Wir spielen doch nicht Schach bei einer Poolparty.“

„Würdest du lieber Volleyball spielen?“

„Dann lieber ein Nickerchen machen.“

„Du musst mir die Gelegenheit geben, mich zu rehabilitieren. Das ist der einzige Weg, um diese aufblühende Freundschaft zu retten.“

„Okay.“ Es war schon eine Weile her, dass sie zuletzt Schach gespielt hatte. Gut möglich, dass heute sein Glückstag war.

Er baute die weißen Bauern auf der Grundlinie auf. „Bist du wirklich allein hier?“

„Irgendwann müssten meine Geschwister auftauchen.“ Caitlyn stolzierte bereits mit Dev über das Gelände. Ihre Brüder Jonathan und Jayden kamen bestimmt jeden Augenblick.

„Darauf zielte meine Frage nicht ab.“ Sein Blick galt dem Schachbrett, auf dem er nach und nach die Plastikfiguren aufstellte. Ihr konnte man nichts vormachen. Er wartete auf eine Antwort.

„Willst du wissen, ob ich Single bin?“

Er schaute auf. „Und? Bist du es?“

„Kein Ring an meinem Finger.“

„Wäre dort einer, hätte ich längst davon erfahren. Was die Lattimores auch immer tun, es verbreitet sich wie ein Lauffeuer.“

„Aber auch nur in Royal.“

„Ich dachte, nur Royal ist von Belang.“

„Da bin ich anderer Ansicht. Da draußen wartet die große weite Welt.“

„Von der ich schon das meiste gesehen habe. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich weiß, wo mein zu Hause ist.“

Sie bewunderte sein Selbstbewusstsein. Sie waren im gleichen Alter, achtundzwanzig. Die meisten Leute in ihrem Alter hatte es in alle Winde verschlagen. Doch Jackson wusste, wohin er gehörte, wo man am besten Wurzeln schlug und gedieh. Das hatte sie noch nicht für sich selbst herausgefunden.

„Und du bist Anwältin in Miami?“

„Genau.“ Alexa nahm einen Schluck von dem Prosecco, um das leichte Unbehagen zu verdrängen, das sie verspürte. Sie hatte keine Lust, über ihren Job zu sprechen. „Ich schätze, alles, was wir Lattimores tun, verbreitet sich tatsächlich wie ein Lauffeuer.“

„Sagte ich ja.“

„Liegt es an meiner Mutter? Langweilt sie jeden zu Tode mit dem letzten Update zu meinen sogenannten Abenteuern?“

„Deine Brüder machen das auch.“

„Verflucht.“

Die Figuren standen an Ort und Stelle. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme über seinem Kopf. „Du bist dran.“

„Okay.“ Alexa nahm einen Schluck Prosecco. „Bist du denn Single?“

Ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „So hatte ich das zwar nicht gemeint mit ‚Du bist dran‘, aber das ist kein Problem.“

Alexa durchfuhr es schon wieder siedend heiß. Trotzdem gelang es ihr, ihn mit einem kühlen Blick zu mustern. „Beantworte einfach meine Frage.“

„Ich bin Single. Keine Ringe. Keine Verpflichtungen.“

„Das kann ich mir gut merken.“ Sie schaute aufs Spielbrett und bewegte ihre erste Figur. „Klingt wie ein Kalenderspruch.“

Er lachte und bewegte einen der Bauern nach vorn. „Alexa … ich habe dich vermisst.“

Hatte er sie vermisst, weil sie eine scharfe Zunge hatte? Klang interessant. Noch interessanter war es, dass sie auch ihn vermisst hatte. Das war ihr erst jetzt aufgegangen. Alexa hatte sämtliche Erinnerungen an die Highschool aus ihrem Gedächtnis getilgt. Letzten Endes hatte sie alles darangesetzt, alte Flammen auszutreten. Und er gehörte in diese Kategorie.

Wie die anderen Mädchen damals, hatte auch sie ihn süß gefunden, sehr süß sogar. Er war der einzige Junge, dem sie ihre Aufmerksamkeit länger als gewöhnlich schenkte. Ihre gegenseitige Rivalität hatte sie stets auf Trab gehalten. Tatsächlich war sie deshalb immer auf der Bestenliste geblieben und hatte den Uni-Abschluss als Jahrgangsbeste gemacht. Trotzdem hatte Alexa keinen Moment daran gedacht, dass Jackson in ihr etwas anderes gesehen hatte als eine wandelnde Zielscheibe.

„Er mag dich“, hatte eins der Mädchen eines Tages nach dem Englischunterricht zu ihr gesagt. „Merkst du das denn gar nicht?“, fügte ihre Klassenkameradin ein wenig arrogant hinzu. Die Botschaft war klar: Das klügste Mädchen der Schule war in anderen Dingen nicht unbedingt ein Schnellmerker. Damals lachte Alexa ihr ins Gesicht. Aber heute dachte sie darüber nach. Es dauerte nicht lange, und sie hatte zwei von Jacksons Bauern und einen Turm erobert.

2. KAPITEL

Jackson Strom hatte schon in seiner Kindheit von der Legende der Familie Lattimore gehört. Dieser Familienclan stammte aus der Gegend von Royal und blickte auf etliche Generationen zurück. Augustus Lattimore war zum Patriarchen geworden, als er die Familienranch gründete und über Jahre leitete. Bald überließ er seinem ältesten Sohn Ben die Zügel. Ben und seine Frau Barbara hatten vier Kinder, darunter Alexandra.

Von den vieren war ihm Caitlyn oft eher schüchtern vorgekommen, aber Alexa war die unbestrittene Königin, elegant und vornehm in allem, was sie tat. Und sie war eine echte Schönheit. Kastanienbraune Haut, Haar so schwarz wie Kaffee, unbeschreiblich braune Augen mit langen Wimpern – ein Blick von Alexa, und die Jungs bekamen weiche Knie. So hatte Jackson es jedenfalls in Erinnerung behalten.

Ab der dritten Klasse hatten sie und Jackson nebeneinandergesessen. Aber er glaubte nicht, dass er ihr groß aufgefallen war – was er zum Anlass nahm, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen. Dann kam das Schachturnier in der achten Klasse. Alexa besiegte ihn im Handumdrehen und entließ ihn mit einem Nicken, als wäre er bloß reine Zeitverschwendung. Von jenem Tag an schwor er sich, sie bei irgendetwas zu besiegen, ganz egal in welcher Disziplin. Es gelang ihm nicht. Als er älter wurde, formulierte er seine Ziele neu. Er versuchte, sich ihren Respekt zu verdienen, scheiterte aber auch dabei. In den höheren Klassenstufen konzentrierte er sich darauf, sie zu fragen, ob sie abends mit ihm ausgehen wollte. Das Schuljahr war zu Ende gegangen, doch er hatte nie den Mut aufgebracht, sie tatsächlich zu fragen.

Zuletzt hatte er sie vor einem Lebensmittelgeschäft gesehen. Er hatte ihr „Hey“ zugerufen, war aber weitergegangen. Ihre Abschlussrede war ihm noch frisch in Erinnerung. Niemand sonst hätte auch nur annähernd so treffende Worte finden können. Wenn er damals auf dem Parkplatz gewusst hätte, dass er Alexa zehn Jahre nicht sehen würde, hätte er sich anders verhalten.

Seit der letzten Begegnung hatte er die Uni besucht, ein Mädchen kennengelernt, sich verliebt, die Beziehung dann wieder beendet, hatte seinen Abschluss gemacht, ein Unternehmen gegründet und war von einem Erfolg zum nächsten geeilt. Aber er hatte Alexa im Auge behalten. Ihre Familie war erpicht darauf, mit Alexas Erfolgen zu prahlen: juristische Fakultät, ein Job in einer angesehenen Kanzlei und, zuletzt, der Umzug nach Miami.

Im Grunde war Jackson über die Vernarrtheit aus Kindheitstagen hinweg. Doch dann war Alexa in der Lobby des Texas Cattleman’s Club an ihm vorbeigerauscht, sah mit ihren nach hinten gegelten Haaren aus wie ein Filmstar, dazu dunkle Sonnenbrille, Bustier und hoch taillierte Shorts. Sie war, wie immer, an ihm vorbeigezogen, war mit ihren langen, wohlgeformten Beinen durch die Lobby stolziert. Jackson wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Diesmal würde er dafür sorgen, dass sie auf ihn aufmerksam wurde. Und die Art und Weise, wie sie ihn ansah, ließ in ihm den Gedanken reifen, dass er sich nicht allzu sehr anstrengen musste. Jetzt deklassierte sie ihn beim Schach, aber das machte ihm wirklich nichts aus.

Caitlyn Lattimore platzte in die Cabaña, im Schlepptau eine Freundin. Sie blieb abrupt stehen, warf einen Blick auf das Schachspiel und meinte: „Wenn das nicht gemütlich ist!“

Alexa machte einen Zug mit ihrem Läufer. „Du hast mich gefunden, juhu!“

„Wollte nur kurz nach dir sehen. Mehr nicht.“

„Nun, das hast du ja jetzt. Mir geht es gut, du kannst wieder gehen.“

Doch Caitlyn ließ sich neben ihrer Schwester auf die Liege plumpsen. „Kommt gar nicht infrage! Dev spielt gerade Volleyball, deshalb habe ich eine Weile Zeit für mich.“

Ihre Freundin Alice holte ihr Handy heraus und machte Fotos. „Sorry, das muss ich dokumentieren. Der Einser-Jacks schlägt wieder zu!“

„Moment, was?“, quietschte Caitlyn. Sie war eher klein, hatte langes, lockiges Haar, einen hellbraunen Teint und große braune Augen. Früher war sie immer sehr zurückhaltend gewesen. So aufgedreht hatte Jackson sie noch nie erlebt. Mit einer Hand umklammerte sie eine eiskalte Margarita. Offenbar mit einem gehörigen Schuss Tequila, was vielleicht ihr Verhalten erklärte.

Ihre Freundin brachte sie auf den neusten Stand. „Diese beiden hier waren Legenden auf der Highschool. Ständig wetteiferten sie um irgendein blaues Band und Trophäen aller Art.“

Alexa behielt das Spielbrett im Auge. „Blaues Band? Das hört sich ja so an, als wären wir Rennpferde gewesen.“

Caitlyn gab ein Schnauben von sich. „Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an, wie es so schön heißt, was?“

Alexa berührte ihren Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger. „Und da wundern sich die Leute, warum ich nicht öfter nach Hause komme.“

„Jedenfalls“, fuhr Caitlyns Freundin fort, „waren deine Schwester und Jackson ein Power-Paar.“

„Das erklärt einiges“, meinte Caitlyn. „Ich wusste gar nicht, dass meine große Schwester ein Teil eines Power-Paars war.“

„Wir waren überhaupt kein Paar, in keinster Weise.“ Alexa hatte einen frostigen Ton angeschlagen. „Und das hier ist auch nur ein Freundschaftsspiel.“

„Wenn das so freundschaftlich gemeint ist, wieso willst du dann Blut sehen?“, fragte Jackson.

Alexa eroberte mit ihrem Turm gerade den letzten Bauern von Jackson. „Das ist meine Natur. Gewöhn dich dran.“ Genervt wandte sie sich ihrer Schwester zu: „Ihr beide solltet jetzt besser gehen.“

„Wie gemein von dir“, rief Caitlyn. „Dabei habe ich mich so angestrengt, dich zu finden.“

„Du hast mich ja auch gefunden, und mir geht’s bestens.“

„Dir geht es besser als bestens! Du lässt eine alte Flamme wieder aufleben, genau wie ich es vorausgesagt habe.“

Jackson brach in Lachen aus. Betrunken war Caitlyn der Renner.

„Jackson ist keine alte Flamme von mir“, betonte Alexa.

„Er könnte ja eine neue werden“, warf Caitlyns Freundin ein.

Caitlyn erhob ihr Glas. „Auf neue Anfänge!“

Alexa vergrub verzweifelt ihr Gesicht in den Händen. Jackson wusste nicht, wann er sich zuletzt so gut amüsiert hatte.

„Der Einser-Jacks“, sinnierte Caitlyn. „Irgendwie niedlich.“

„Danke“, meinte er. „Ist ja auch meine Idee gewesen.“

Alexa sah ihn missgelaunt an. „Soll das ein Witz sein? Das hast du dir also auch ausgedacht? Hattest du keine Hobbys?“

Jackson grinste sie an. „Mir fällt eben immer etwas ein.“

Caitlyns Freundin suchte seinen Blick. „Kein Wunder, dass du in der PR-Branche arbeitest. Du bist ein Naturtalent.“

Alexa bewegte einen ihrer Bauern vorwärts. „Du bist in der PR-Branche?“

Alice übernahm die Antwort für ihn: „Er ist der Eigentümer und der CEO von Strom Management. Eine sehr bekannte Public-Relations-Firma.“

„Das kann ich mir denken.“

Caitlyn legte Alexa einen Arm um die Schulter und drückte ihre Schwester kurz an sich. „Kein Grund, schnippisch zu werden.“

Letzten Endes war es der Duft des Barbecues, der Alexa von ihren Qualen erlöste.

Caitlyn war schon aufgesprungen. „Der Koch-Wettbewerb! Komm schon, Alice. Das dürfen wir nicht verpassen!“

Alexa winkte zum Abschied. „Ich werde euch jedenfalls nicht vermissen!“

Caitlyn warf ihr eine Kusshand zu und versprach, bald wiederzukommen. Jackson hatte daran keinen Zweifel. Er erhob sich und streckte Alexa die Hand entgegen. „Komm, gehen wir.“

„Wohin gehen wir denn?“

„Zum Koch-Duell.“

„Oh, bloß nicht. Ich bin nicht der Koch-Duell-Typ.“

„Bist du aber, wenn du bei mir bleibst“, sagte er. „Da gibt es Spareribs, die rufen schon nach mir.“

„Können wir nicht einfach welche bestellen?“

„Du warst einfach zu lange nicht in Texas“, stellte Jackson amüsiert fest. „Barbecue muss richtig heiß vom Grill kommen.“

„Und was wird aus unserem Spiel?“

Er betrachtete das Brett. „Du bist am Zug. Na los, mach mich fertig.“

Ihr Blick glitt vom Spielbrett zu seinem Gesicht. „Das macht mir keinen Spaß.“

„Nein, überhaupt nicht!“ Er grinste.

Mit einer geschmeidigen Bewegung zog sie ihre Dame einmal diagonal über das Brett und setzte seinen König matt. Jackson klatschte Beifall. Auch wenn es ihr keinen Spaß machte, er hingegen amüsierte sich köstlich.

In der Hitze stehen, Qualm vom Grill in der Luft, Fleisch von den Knochen nagen, klebrige Soße an den Fingern: Nicht gerade das, was sich Alexa unter Spaß vorstellte. Aber irgendwie amüsierte sie sich trotzdem. Allerdings wäre sie lieber halb an einem Stück Spareribs erstickt als zuzugeben, dass sie Spaß hatte. Jackson hatte daran großen Anteil. Sie stibitzte das Fleisch von seinem Teller, in der anderen Hand eine Margarita, und lachte über seine albernen Bemerkungen, aber irgendwie fühlte sich das wie das Natürlichste auf der Welt an.

„Also mein Favorit ist bislang Nr. 2.“ Er notierte seine Entscheidung auf einer Wertungstafel.

Nr. 2 war unter dem Namen Bourbon Lovers in das Duell eingestiegen. „Sei nicht albern“, wisperte sie. „Das machst du doch nur, weil du gern Bourbon trinkst.“

„Exakt.“

„Das Geschmacksprofil ist aber nicht komplex genug.“

„Alexa, wir reden hier über Spareribs.“

„Es ist ein Wettbewerb, oder? Sie sollten höhere Ziele stecken.“

„Wer ist denn dein Favorit?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Schauen wir uns mal den mit der Papayasauce an.“

„Nichts für mich. Tropische Früchte und Grillfleisch passen nicht zusammen.“

„Aber Bourbon schon?“

Jackson lachte leise anzüglich. „Bourbon passt praktisch zu allem.“

Jetzt musste auch Alexa lachen.

Eine Countryband coverte einen klassischen Rock-Song. Die Musik überlagerte ihr Lachen und den Hintergrundlärm der Party. Alexa kannte hier fast alle. Ihre Geschwister waren hier irgendwo unterwegs. Ihr ältester Bruder Jonathan war kurz vorbeigekommen, um wenigsten Hallo zu sagen. Etwas später war das grinsende Gesicht ihres Bruders Jayden auf einer Großleinwand aufgetaucht. Für die Feier hatte man extra Videobeiträge aufgezeichnet, sodass sich die Klubmitglieder über den Stellenwert von Wohltätigkeitsveranstaltungen austauschen konnten.

Von irgendwo aus der Menge johlte jemand: „Einser-Jacks hat’s wieder vor!“

Alexa hatte dafür nur Kopfschütteln übrig. „Wenn wir nicht aufpassen, denken die noch, wir sind ein Paar.“

„Die denken sowieso, was sie wollen, ob wir nun aufpassen oder nicht.“

„Stimmt auch wieder.“ In Royal kamen Gerüchte in Umlauf, die nicht einmal ein Körnchen Wahrheit hatten.

„Mach dir keinen Kopf und probiere es mal mit diesem hier. Nr. 5. Und sag mir, dass du so was Gutes noch nie gekostet hast.“

Er hielt ihr ein Stück von den Spareribs hin, und Alexa nahm einen Bissen. Sie kaute, ohne recht zu schmecken, denn ein gänzlich anderer Appetit überkam sie.

„Ist gut, oder?“

Sie nickte. „Absolut.“

„Keine Papaya. Das ist geräucherte Paprika.“

Erst jetzt entfaltete sich der Geschmack in ihrem Mund. „Ja, könnte mein Favorit werden.“

Jackson zwinkerte ihr zu. Um das Verlangen zu unterbinden, ihn zu küssen, nahm Alexa einen Schluck von der eisgekühlten Margarita und schaute weg. Auf der Tanzfläche entdeckte sie Caitlyn, die mit Dev tanzte und lauthals über irgendetwas lachte, das ihr Freund gesagt hatte. Ach, zum Teufel mit den beiden!

Die Band machte eine Pause, während auf der Großleinwand wieder jemand erschien und seine Ansichten zu „was Wohltätigkeit für mich bedeutet“ verbreitete. Immerhin sollte die üppige Poolparty ja eine Benefizveranstaltung sein.

„Und, werde ich das Vergnügen haben, dein Gesicht auf der Leinwand zu sehen?“, fragte Alexa ihn.

Seine Augen verharrten länger auf ihrem Gesicht. „Du hast das Vergnügen, mein Gesicht direkt vor dir zu sehen, persönlich. Ist das nicht genug?“

Alexa hatte es den Atem verschlagen, doch äußerlich ließ sie sich nichts anmerken. Sie war ein harter Verhandlungsführer, im Privatleben wie im Beruf, und fackelte nicht lange. Wenn sie etwas haben wollte, fragte sie direkt danach und legte ihre Bedingungen offen. Aber wollte sie das hier?

Etliche Dinge gingen ihr durch den Kopf. Ihre Karriere hatte eine unangenehme Wendung genommen. Ihre Familie bäumte sich gegen eine Anfechtungsklage auf, in deren Verlauf das Leben aller Familienmitglieder auf den Kopf gestellt werden könnte. Klar, heute war Spaß angesagt. Aber schon morgen musste sie wieder bei der Arbeit sein.

Wie sich herausstellte, wurde kein Gesicht auf die Leinwand projiziert. Anstatt einer weiteren ernsten Ansprache über die Vorzüge, etwas zurückzugeben und dadurch Gutes zu bewirken, wurden die Gäste Zeuge, wie eine Frau ein übertriebenes Liebesgeständnis über das Mikro ablegte.

„Jonathan ist einfach fantastisch. Er ist einfach … ich kann es nicht erklären, aber ich sehe mich an seiner Seite. Er würde einen tollen Ehemann abgeben und hätte das Zeug dazu, ein großartiger Vater zu sein.“

Die Menge verstummte plötzlich, überall flüsterten die Leute und übertrafen sich gegenseitig mit Spekulationen. Alexa fasste Jackson am Arm. „Habe ich das gerade richtig gehört?“

„Ja, du und alle anderen auch, schätze ich.“

Okay, dann waren die Gäste also in den Genuss einer Episode aus „Was Jonathan für mich bedeutet“ gekommen. Aber die Frau konnte unmöglich ihren Bruder meinen. Es musste doch mehr als einen Jonathan in Royal geben. „Glaubst du, sie hat von unserem Jonathan gesprochen?“

„Oh, Alexa.“ Vorsichtig strich er ihr einen kleinen Klecks Sauce mit dem Daumen von der Wange. „Diese Seite kenne ich gar nicht an dir.“

Alexa schob seine Hand beiseite und schaute sich nach Jonathan um. Wo auch immer er steckte, offenbar war er das Ziel von unerwünschter Aufmerksamkeit geworden. Jayden hätte das ganz bestimmt genossen, aber Jonathan konnte schwierig sein. Er war geschieden und immer noch stinksauer wegen der Scheidung. Seit einiger Zeit war er Single.

Jackson schaute sich nach einem Kellner um. Nach der scharfen Paprika brauchte er dringend einen kühlen Drink. Alexa bot ihm etwas von ihrer eisgekühlten Margarita an und führte das Glas bereits an seine Lippen. Ihre Blicke trafen sich, als er einen Schluck nahm. Ihr fiel auf, wie tiefgründig seine braunen Augen waren. Ein Mädchen konnte darin ertrinken.

Sie verlor sich in diesem Blick … bis Caitlyn plötzlich auftauchte und etwas zu ungestüm gegen sie und Jackson prallte. Eiskalte Margarita schwappte über den Rand des Glases und spritzte auf Jacksons T-Shirt und Alexas Bustier.

„Sorry, Leute!“ Caitlyn schnappte sich eine Handvoll Servietten vom Tablett eines vorbeikommenden Kellners und drückte sie den beiden in die Hände. „Bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Habt ihr gehört, was die Frau da gerade gesagt hat?“

Das arme Mädchen hyperventilierte noch. Alexa drängte sie, durchzuatmen und sich zu beruhigen. „Ich bin mir sicher, dass sie nicht von Jonathan gesprochen hat.“

Unterdessen zog Jackson das feuchte T-Shirt aus. Seine Brust war hart wie gemeißelter Granit.

Caitlyn ließ den Einwand ihrer Schwester nicht gelten. „Sie hat sich wie Natalie Hastings angehört. Ich habe selbst gesehen, wie sie Jonathan schöne Augen gemacht hat.“

Alexa unterdrückte ein Lachen. „Wie ein Emoji mit herzförmigen Augen?“

„Ach, hör auf damit. Du weißt, was ich meine.“

Alexa wusste nur, dass Jackson halb nackt vor ihr stand, dank Caitlyn. In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen.

Die Leinwand wurde dunkel, und die Moderatorin des Abends eilte auf die Empore, die eigentlich für die Band bestimmt war. „Das ist ganz schön aufregend, was?“, sprach sie ins Mikro. Doch die Menge war so sehr mit Klatsch und Tratsch beschäftigt, dass niemand ihr richtig zuhörte. „Nur kurz diese Ankündigung: Das Koch-Duell geht in die letzte Phase. Das heißt, genau der Zeitpunkt für euch, eure Wertungen abzugeben.“

Jackson machte sich auf den Weg, um die Karten abzugeben. Als er zurückkam, sagte er: „Doch, es stimmt. Alle meinen, dass Natalie Hastings sich schmachtend nach Jonathan sehnt. Eurem Jonathan.“

„Gut gemacht“, meinte Caitlyn nur dazu. „Wie fandest du die Bourbon-Ribs?“

„Ganz oben auf meiner Liste. An zweiter Stelle die gedünstete Paprika.“

„Da stimme ich dir zu. Etwas zu sehr gewürzt.“

Alexa wollte sich nicht von der Diskussion über Barbecuesoßen ablenken lassen. „Jemand muss dieser armen Frau doch sagen, dass sie nur ihre Zeit vergeudet. Jonathan ist happy als Single.“

„Jedenfalls wird er all diese Aufmerksamkeit hassen“, bestätigte Caitlyn. „Ich schaue mich mal um, ob ich ihn hier irgendwo finde.“ Schon eilte sie davon.

Alexa sah ihrer Schwester nach und wandte sich dann Jackson zu. Er zuckte mit den Schultern. „Jetzt musst du mit mir vorliebnehmen.“

„Scheint eine Menge los zu sein.“

„Sollen wir den Bourbon-Ribs eine zweite Chance geben?“, fragte er.

„Meinst du das ernst?“

„Barbecue ist immer eine ernste Angelegenheit.“

Alexa drückte ihren Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger. „Wenn ich zustimme, könnten wir dann wieder in die Cabaña, um uns etwas abzukühlen?“

„Was immer du möchtest.“

Sie seufzte tief. „Okay, ich mache es.“

Alexa gab den Ribs eine zweite Chance. Sie waren gar nicht so übel. Sie wischte sich die Finger ab. „Bist du jetzt zufrieden?“

Ein Lächeln erschien auf seinem hübschen Gesicht. „Kann mich nicht erinnern, je zufriedener gewesen zu sein.“

Die Moderatorin hatte sich wieder das Mikro geschnappt. „Ladies und Gentlemen! Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten! Wir geben jetzt das Ergebnis des diesjährigen TCC-Grill-Duells durch!“

„Ich habe mein Geld auf Bourbon gesetzt“, sagte Alexa leise zu Jackson.

Die Moderatorin räusperte sich. „Der Gewinner ist …“

Ein krachendes Geräusch ertönte plötzlich – die Empore fiel in sich zusammen und verschluckte die Moderatorin.

Alexa entfuhr ein keuchender Laut. Schon rief Jackson ihr zu, sie sollte zurückbleiben, ehe er zum Ort des Unglücks lief. Sie hatte jedoch nicht die Absicht, untätig herumzustehen, daher machte sie sich auf die Suche nach Caitlyn. War ihre Schwester in der Nähe der Empore gewesen, als der Boden nachgab? Oder war sie bei Dev? Und wo waren überhaupt Jonathan und Jayden?

Schließlich fand sie alle auf einmal in der Cabaña, wo ihre oft lästigen Geschwister und ihr vielleicht zukünftiger Schwager alle durcheinander redeten. Offenbar hatte jeder von ihnen eine andere Version des Unglücks zu bieten. Kurz darauf kam Jackson zurück und verkündete, der Moderatorin ginge es gut, Sanitäter wären bereits bei ihr.

Während ihre Geschwister sich nach und nach wieder verdrückten, streckte Alexa Hilfe suchend die Hand nach Jackson aus. Er schloss sie in die Arme und wisperte: „Bist du okay?“

Sie schaute lächelnd zu ihm auf. „Ich mag dich, Jackson Strom.“

„Danach hatte ich nicht gefragt, aber ich lasse das gelten.“

Sie mochte seine entspannte, lockere Art. Es gefiel ihr, dass er Bourbon-Ribs mochte, es gefiel ihr, dass er zu der Unglücksstelle gelaufen war, anstatt nichts zu unternehmen. Und natürlich gefiel ihr, wie leicht er die Niederlage beim Schach weggesteckt hatte. Also, ja, Einser-Jacks war wieder im Rennen.

„Komm, ich fahre dich nach Hause“, sagte er.

Sie blickte kurz auf das Schachbrett. „Keine Revanche?“

„Ich habe ja schon gewonnen“, lautete seine Antwort.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen erwachte Alexa mit heftigen Kopfschmerzen. Ihre Erinnerungen waren leicht verschwommen. Hatte sie die Ereignisse des Vortags nur geträumt? Hatte sie wirklich an einer ziemlich verrückten Poolparty teilgenommen, auf der jemand seine Liebe über die Großleinwand verkündet hatte und die Empore unter der Moderatorin zusammengebrochen war? Und was war mit Jackson Strom? Hatte sich das nur in ihrer Fantasie abgespielt, dass er mit einer eisgekühlten Flasche Prosecco und einem verführerischen Lächeln in ihrer Cabaña aufgetaucht war?

Sie stolperte ins Schlafzimmer und benetzte ihr Gesicht mit Wasser. Sie durfte keine Zeit verlieren. Eine heiße Dusche, Kaffee, Toast und noch mehr Kaffee müssten die Sache hinbiegen. Auf Alexa wartete jede Menge Arbeit, und das Zeitfenster, diese Arbeit in Angriff zu nehmen, war klein. Schließlich war sie nicht in der Stadt, um sich im Country Club zu vergnügen, mit Männern zu flirten oder Cocktails am Pool zu schlürfen. Sie hatte eine ernsthafte Angelegenheit zu regeln. Und je eher sie damit fertig sein würde, desto eher könnte sie nach Miami zurückkehren und dort die Arbeit erledigen, die liegen geblieben war. Sie durfte jetzt nur nicht den Stress an sich herankommen lassen.

Ihre Familie und die Grandins hatten sie beauftragt, eine sehr wichtige Sache zu regeln. In der Dusche ging sie mit geschlossenen Augen die Einzelheiten gedanklich durch. Sie nahm immer alles streng methodisch in Angriff, um herauszufinden, ob es Denkfehler in ihren Thesen gab oder Punkte, die sie übersehen hatte. Alles begann mit Jackson – verflucht, gleich der erste Fehler! Nein, alles begann mit Heath Thurston. Das Shampoo brannte in ihren Augen, sie spülte den Schaum weg und wiederholte den Namen. Heath Thurston.

Sie musste alles miteinander verbinden und in Ruhe betrachten.

Heath Thurston, ein neureicher Rancher aus der Gegend, hatte den Grandins juristische Dokumente zukommen lassen, aus denen hervorging, dass Thurston ein Anrecht auf die Ölvorkommen hatte, die sich unter den Farmen der Grandins und der Lattimores befanden. Daraufhin hatten die Grandins die Dokumente offiziell prüfen lassen. Wie sich herausstellte, hatte Victor Grandin die Ölrechte an Heaths Mutter Cynthia Thurston überschrieben. Damit nicht genug, denn Alexas Großvater Augustus hatte bei dieser Transaktion als Zeuge unterschrieben. All das war lange her. Ihr Großvater und Victor Grandin waren die beiden einzigen Menschen, die in der Lage wären, das aufzuklären. Aber Victor lebte schon nicht mehr, und das Gedächtnis ihres Großvaters hatte im Alter stark gelitten.

Aber warum hatten diese beiden klugen Geschäftsleute einem Fremden Rechte von unschätzbarem Wert überschrieben? Tja, wie sich herausstellte, war Cynthia Thurston keine Fremde, jedenfalls nicht aus Sicht von Victors Sohn David. Denn Cynthia hatte Davids Sohn zur Welt gebracht, und damit gehörte sie zur Familie. Trotzdem, Ölrechte zu überschreiben, um Unterhaltszahlungen für das Kind zu umgehen und einen Skandal zu vertuschen, war schon ein ziemlich extremer Schritt.

Alexa war Juristin mit dem Schwerpunkt auf Umwelt und Ökologie. Sie kannte sich mit Prozessen aus, bei denen es um die Nutzung des Bodens ging, aber bislang hatte sie noch keinen Fall gehabt, der so verworren war wie dieser. Die Grandins hatten sie beauftragt, die Interessen der Familie zu vertreten. Das hätte sie auch umsonst gemacht. Denn die Familien waren seit Jahrzehnten Nachbarn und gut befreundet. Wenn sich also herausstellte, dass Heath Thurston im Recht war und Anspruch auf das Ölvorkommen unter den Farmen hatte, dann würde sich dieser Mann gewiss nicht als so geduldig erweisen wie die verstorbene Cynthia. Er würde auf sein Recht pochen, und was würde dann aus den Grandins und den Lattimores?

Auch wenn Alexa nicht in die Familiengeschäfte verwickelt war, so verstand sie doch, was es bedeutete, eine Ranch zu haben und zu bewirtschaften: Das war harte Arbeit, bei der man manche persönlichen Opfer brachte. Für gewöhnlich hoffte man, dass die Ranch von einer Generation an die nächste überging, im Idealfall brachten es die Familien zu Wohlstand und einer gesicherten Existenz. Niemand, der bei klarem Verstand war, würde so etwas leichtfertig aufs Spiel setzen. Die Frage blieb also: Was hatte sich ihr Großvater damals nur dabei gedacht?

Alexa traf ihre Brüder im Esszimmer, sie waren bereits so gut wie auf dem Weg zur Arbeit. „Sieh an, wer da kommt“, sagte Jayden zu seinem Bruder, während er sich Rührei auf den Teller lud. „Die Schöne vom gestrigen Ball.“

Alexa ignorierte das und schenkte sich großzügig Kaffee ein. „Wo ist Mom?“

„Auf dem Wochenmarkt.“

„Echt jetzt?“ Sie versuchte sich vorzustellen, wie ihre Mutter mit ihren Designersandalen und ihrer Sonnenbrille von einem Stand zum nächsten ging und den Käse der Region probierte.

Jayden stupste sie frech von der Seite an. „Und? Was war gestern Abend noch so?“

„Was soll gewesen sein?“

„Komm schon, wir wollen Einzelheiten hören.“

„Da würde ich aber lieber Einzelheiten aus Jonathans Mund hören“, konterte sie. „Wie war das noch gleich mit der Liebesbeteuerung übers Mikro?“

Jonathan stöhnte auf. Jayden konnte sich vor Lachen kaum halten. „Alexa, du kommst immer direkt zur Sache“, rief er. „Ich mag es, wenn du zu Hause bist.“

Jonathan war vom Tisch aufgestanden. „Ich habe zu arbeiten.“

Alexa gab nicht nach. „Eine Frau gesteht dir ihre unsterbliche Liebe. Was wirst du also tun?“

„Nichts.“

„Nichts?“, riefen sie und Jayden wie aus einem Munde.

„Gar nichts. Ich tue so, als wäre nichts gewesen.“

„Diese Frau will Kinder von dir“, fuhr Alexa fort. „Da wirst du doch wohl etwas unternehmen?“

„Was wirst du denn als Nächstes mit Jackson Strom unternehmen?“, hielt er dagegen.

Bei der Erwähnung des Namens war Alexa in Gedanken wieder in seinen Armen und fühlte sich sicher und geborgen. Sie räusperte sich. „Er ist nur ein alter Freund aus der Highschool.“

„Wow“, rief Jayden. „So willst du dich also herausreden?“

Jonathan lachte. „Sie stehen kurz davor, einen Meineid zu leisten, Frau Anwältin.“

„Aber es ist wahr!“

„Ich weiß, was ich gesehen habe“, meinte Jayden. „Ihr beide wart Feuer und Flamme.“

Alexa wollte nicht klein beigeben. „Moment mal. Du warst ja gestern nicht mal in der Nähe von uns.“

„Stimmt“, gab er zu. „Aber ich hatte meine Spione.“

„Du meinst Caitlyn?“

„Genau.“

Alexa nahm einen Schluck Kaffee. „Caitlyn sieht alles durch die rosarote Brille. Auf ihre Worte würde ich nicht viel geben. Jackson und ich, wir haben nur ein bisschen über die alten Zeiten geplaudert.“

Jonathan und Jayden grinsten und tauschen wissende Blicke aus. „Ich muss dann mal los“, meinte ihr älterer Bruder. „Euch einen schönen Tag!“

Schon hatte Jonathan das Esszimmer verlassen, in Jeans, Stiefeln und einem zerknitterten T-Shirt, bereit für den Arbeitstag auf der Ranch. Die Ranch war sein Leben. Der Gedanke, dass jemand von außerhalb der Familie mit einem Dokument Anspruch auf den Grund und Boden erhob, machte Alexa wütend. Das war nicht fair.

Jayden grinste immer noch. „Du und Jackson, ihr habt jedenfalls meinen Segen.“

Als hätte sie den nötig! „Bewahre dir deinen Segen für Caitlyn und Dev auf. Ich bin nur für ein paar Wochen hier in der Stadt, und da werde ich wohl kaum mein Leben mit einem Jungen hier aus der Gegend verkomplizieren.“

„Ich würde mich nicht so aufs hohe Ross setzen“, erwiderte Jayden. „Wir Jungs hier aus der Gegend, wir können unseren Willen durchsetzen.“

Augustus saß in seinem geliebten Schaukelstuhl auf der Veranda hinterm Haus. Er war vierundneunzig, aber dennoch wie aus dem Ei gepellt.

Sein bester Freund, Victor Grandin, war erst vor wenigen Monaten verstorben. Heath Thurston hatte umgehend seinen Anspruch auf die Ölrechte geltend gemacht. Victor Grandin war kaum unter der Erde gewesen, da hatte Thurston schon die entsprechenden Papiere geschickt. Was für ein Idiot! Da Victor nicht mehr lebte, gab es fortan nur noch einen Zeugen: Augustus. Er war zwar körperlich noch recht fit, aber sein Gedächtnis ließ nach.

„Guten Morgen, Grandpa.“

„Guten Morgen, meine Liebe.“

Ob er jetzt wusste, dass sie es war, seine Enkelin Alexa? „Hast du Lust, einen kleinen Spaziergang mit mir zu machen?“

„Aber gerne.“

Sie bot ihm ihre Hand. Wenn es nach ihrem Großvater ging, würde er am liebsten den ganzen Tag in seinem Schaukelstuhl sitzen, vor dem Mittagessen, nach dem Mittagessen, bis es Abendbrot gab. Aber der Arzt hatte ihm tägliche Bewegung empfohlen.

Er nahm ihre Hand und ließ sich von Alexa vom Stuhl hochziehen. Sie half ihm bei der Stufe hinunter in den Hof, und so spazierten sie über den Steinpfad, den Alexas Mutter rund um den Rosengarten angelegt hatte.

„Was für ein schöner Morgen“, bemerkte Augustus.

Noch ließ die morgendliche Frische nichts von der drückenden Sommerhitze erahnen. Der Duft der Rosen hing in der Luft. Alexa hatte schon vergessen, wie sehr sie den Morgen in Royal liebte.

Nachdem sie sich beide einen Moment über die Rosenstöcke ausgetauscht hatten, tastete Alexa sich mit ihrer ersten Frage vor: „Kannst du dich noch an einen Mann namens Heath Thurston erinnern?“

Ihr Großvater verzog das Gesicht. Der abrupte Themenwechsel traf ihn unerwartet. Alexa war gut darin, ihre Fragen geschickt zu stellen, das verlangte ihr Beruf. Sie war nicht dafür bekannt, die Leute mit Samthandschuhen anzufassen. Diese Frage hatte sie ihrem Großvater schon einmal gestellt, in seinem alten Arbeitszimmer. Augustus hatte sogleich dichtgemacht, und seither versuchte es Alexa bei jeder Gelegenheit. Ein ermüdender Prozess, aber ihr blieb keine andere Wahl.

„Nicht, dass ich wüsste“, lautete seine Antwort.

„Bist du sicher, dass dir dieser Name nichts sagt?“

„Ja, da bin ich mir sicher.“

Für Alexa war das frustrierend. Manchmal wusste ihr Großvater Einzelheiten von früher, er erzählte von Dingen, die Jahrzehnte zurücklagen, aber jetzt konnte er sich nicht erinnern, Zeuge gewesen zu sein, als Ölrechte im Wert von Millionen Dollar an eine andere Person gegangen waren?

„Und wie steht es mit Cynthia Thurston?“, bohrte sie weiter. „Ihren Namen wirst du doch bestimmt kennen?“

„Ist das eine Freundin von dir aus der Schulzeit?“

„Warte kurz, vielleicht hilft ein Foto von ihr deiner Erinnerung auf die Sprünge.“

Wenn er sich tatsächlich nicht an Cynthia erinnerte, wie sollte er sich dann an irgendeine obskure Transaktion erinnern, die damals vor sich ging?

Alexa suchte übers Handy online ein Foto der verstorbenen Cynthia Thurston. Augenblicklich wurde sie mit den Resultaten ihrer letzten Internet-Recherche konfrontiert: Strom-Management.com. Erst letzte Nacht hatte sie nach Jackson gegoogelt. Er war tatsächlich ein erfolgreicher Unternehmer. Rasch schloss sie den Browser, eine flüchtige Röte stieg ihr in die Wangen.

„Weißt du was? Wir gehen noch ein bisschen spazieren, Grandpa.“

Ihr Großvater beäugte sie eingehend. „Du siehst heute Morgen anders aus als sonst, junge Dame.“

„Oh, das ist die Müdigkeit. Ist spät geworden gestern.“

„Ich sehe keine Spur von Müdigkeit. Du hast ein Strahlen im Gesicht.“

Alexa bezweifelte das, bedankte sich aber trotzdem für das Kompliment.

„So glücklich habe ich dich noch nie gesehen.“

„Wirklich?“

„Würde ich dich anlügen?“

Vielleicht – indem du bewusst Dinge verschweigst. „Ich war gestern auf einer Poolparty, da hatte ich vielleicht ein bisschen zu viel Sonne.“

„Wie auch immer“, meinte er. „Es steht dir. Wenn du die Schule als Klassenbeste abschließt, steht dir die ganze Welt offen.“

Sie blieben bei einer steinernen Vogeltränke stehen. Augustus setzte sich schwer auf eine Bank.

„Grandpa, ich gehe nicht mehr zur Schule. Ich bin Anwältin in einer großen Kanzlei in Miami.“

„Ja, sicher!“

Wenn sie Pech hatte, würde sie seine Aufmerksamkeit ganz verlieren.

„Behandeln die dich gut bei der Arbeit?“

Sie setzte sich zu ihm auf die Bank und ergriff seine Hand. Für einen alten Mann, der nur noch schlecht sah und sein Gedächtnis verlor, wusste er trotzdem, wo ihr wunder Punkt war? „Mach dir um mich keine Sorgen. Es könnte nicht besser laufen. Ich bin nur ein bisschen müde.“

„Du bist eine Lattimore. Wir ermüden nicht schnell.“

Womit er recht hatte! Ihr Großvater hatte bis ins hohe Alter gearbeitet und die Ranch erst dann Alexas Vater übergeben, als seine Gedächtnislücken ein Problem wurden.

„Bist du glücklich mit dem Leben, das du führst?“, fragte er weiter.

Ihr wurde warm ums Herz, weil ihr Großvater so um sie besorgt war. Als sie damals das College verließ, hatte sich niemand aus der Familie Sorgen um sie gemacht, weil alle davon ausgingen, dass sie gut zurechtkam.

„Absolut! Aber eigentlich wollte ich Antworten von dir auf meine Fragen, nicht andersherum.“

„Es tut mir leid, wenn ich nicht weiterhelfen konnte, Barbara. Ich verstehe nur nicht, worum es bei dieser ganzen Sache geht.“

Doch, sie hatte ihn verloren. Er hielt sie für ihre Mutter. „Ich verbringe gern etwas Zeit mit dir, Grandpa.“ Alexa gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Kurz darauf kam ihre Großmutter den Steinpfad herunter und begleitete Augustus zurück zum Haus. Alexa blieb noch eine Weile auf der Bank sitzen und sah den beiden nach. Der Tag, der vor ihr lag, war so weitläufig und offen wie die hypothekenfreien Ländereien der Familienranch. Der private Ermittler, der auf den Fall angesetzt war, hatte sich noch nicht wieder gemeldet. Somit gab es für Alexa nicht allzu viel zu tun. Vielleicht würde sie Layla Grandin einen Besuch abstatten und sich mal wieder mit ihr unterhalten.

Ihr Handy brummte, als eine SMS hereinkam, die Nummer hatte Alexa abgespeichert unter Jackson Strom – Nicht beim ersten Klingeln rangehen. Offenbar war sie etwas beschwipst gewesen, als sie letzte Nacht ihre Nummern vor ihrer Tür ausgetauscht hatten. Sie starrte auf das Display und las die SMS mehrmals, auf der Suche nach einer tieferen Bedeutung.

Im Display stand: Du schuldest mir eine Revanche.

Sie schrieb: Du hast deine Revanche verschmäht. Außerdem schuldest du mir ein Essen, das nicht aus Spareribs besteht.

Jackson legte sein Handy auf den Schreibtisch. Okay, ich bin im Spiel. Vergangene Nacht hatte er überlegt, wie es ihm gelingen könnte, Alexa wiederzusehen. Er konnte es sich nicht leisten, die Sache lässig anzugehen. Wer wusste schon, wie lange sie wirklich in der Stadt bleiben würde? Damals in der Schule hatte er die Gelegenheit ungenutzt gelassen, Alexa wirklich kennenzulernen. Stattdessen hatte er sie ständig zum Wettstreit herausgefordert. Es hatte ihm Spaß gemacht, aber er war kein Schuljunge mehr.

Er antwortete auf die SMS: Morgen zusammen essen?

Ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Heute zum Mittagessen. Sag du, wo, ich komme dann zu dir.

Er schickte ihr eine Adresse, und sie einigten sich auf die Uhrzeit.

Wenn sie glaubte, es würde ihm nicht gelingen, ein Essen unter Freunden zu etwas Besonderem zu machen, dann kannte sie ihn nicht gut genug.

Er sah, dass Alexa vor ihm im Restaurant angekommen war und schon am Tisch wartete. Sie trug Businesskleidung: einen maßgeschneiderten cremefarbenen Blazer über einer seidenen, cremefarbenen Bluse. Das schwarze Haar hatte sie zu einem Knoten hochgesteckt und bot einen ansehnlichen Anblick, aber irgendwie wirkte sie auch unnahbar, was daran liegen mochte, dass sie mit kritisch verengten Augen auf ihr Handy starrte. Für den Bruchteil einer Sekunde war Jackson wieder der unsichere Schuljunge. Er musste seinen Mut aufbieten, um den nächsten Schritt zu wagen.

Er kam zu ihr an den Tisch, der direkt an der Fensterfront stand, etwas abseits des Trubels, mit Blick auf einen Springbrunnen im Innenhof.

„Jackson“, sagte sie, ohne aufzuschauen. „Setz dich. Ich habe mir deinen Lebenslauf angesehen.“

War er jetzt in ein Vorstellungsgespräch bei der Personalabteilung geraten?

Er nahm gegenüber von ihr Platz. „Oh, wirklich?“

Sie schaute auf. Ganz kurz glitt ihr bewundernder Blick über seine Erscheinung. „Steht ja alles hier auf deiner Website.“

„Und?“ Er ließ die Frage in der Luft hängen.

„Und du hast es weit gebracht.“

Er nahm einen Schluck Wasser. „Das will ich meinen.“

„Wie ich sehe, hast du ein paar Preise für deine Arbeit gewonnen.“

„Was siehst du noch?“

Sie legte das Handy auf den Tisch. „Was ich damit sagen will: Ich bin stolz auf dich.“

Er beugte sich leicht vor. „Das musste mal gesagt werden.“

„Du hast viel erreicht. Aber lass dir das jetzt nicht zu Kopfe steigen.“

„Oh, zu spät. Mein Kopf ist so groß wie ganz Texas.“

„Du bist ein echter Texas-Junge.“

„Und stolz drauf.“

Als der Kellner die Karte und eine separate Weinkarte brachte, entschied Alexa sich ohne zu überlegen für einen Sauvignon blanc und kleine Crab Cakes. Sie wusste immer, was sie wollte. Das liebte er so an ihr. Halt, das war etwas, das ihm an ihr gefiel. Jackson hielt sich an den Wein, bestellte aber keine Vorspeise.

„Du hättest nicht unbedingt dieses schicke Lokal aussuchen müssen“, meinte sie. „Wir hätten auch Burger essen können.“

„Dafür hast du gerade nicht die passende Kleidung.“ Er grinste.

Sie blickte an sich herab, und ihre Mundwinkel gingen ein ganz klein wenig nach unten, was er süß fand. „So kleide ich mich eben.“

„Nimmst du dir nie einen Tag frei?“

„Doch. Einmal im Monat. Dann gönne ich mir einen Tag in einem Spa.“

Jackson nickte. „Hört sich gut an.“

„Was machst du, wenn du entspannen willst?“, fragte sie und wirkte plötzlich defensiv.

„Ich fahre raus zu meinem Blockhaus und ziehe den Stecker.“

„Spannend. Aber wie zieht Jackson Strom tatsächlich den Stecker?“

„Ich gehe schwimmen, jogge, geh angeln, mach den Grill an, schenk mir Bourbon ein, höre nachts noch Platten, schlafe im Freien, über mir die Sterne …“

Sie schaute auf ihre verschränkten Hände. „Hört sich nett an.“

„Ist im Grunde wie eine Auszeit im Spa, nur nicht mit Kerzen und stimmungsvoller Musik.“

„Hey, nicht so schnell, ich brauche Kerzen, wenn es stimmungsvoll sein soll. Am liebsten mit Lavendelduft.“

Jackson hatte eine Idee. „Wenn ich überall im Blockhaus Lavendel-Kerzen aufstelle, würdest du dann für ein paar Tage mit mir rausfahren?“

„Eine oder zwei Kerzen würden schon reichen“, sagte sie. „Aber die Antwort lautet Nein.“

„Gibt es einen bestimmten Grund?“

„Ich brauche keine Gründe zu nennen. Ich bin hier, weil ich zu arbeiten habe, da bleibt keine Zeit für Waldspaziergänge.“

Die Grandins hatten sie engagiert, um einen Klageanspruch auf die Ölvorkommen auf ihrem Grund und Boden abzuwehren – zumindest das wusste er. Und offenbar wollte da jemand auch an das Öl unter der Ranch von Alexas Eltern. Er konnte ihr nicht verdenken, diesen Job ernst zu nehmen.

„Wie sieht es im Augenblick bei diesem Rechtsstreit aus?“, wollte er wissen.

„Wir warten noch auf den Bericht des privaten Ermittlers. Sobald wir mehr wissen, leiten wir rechtliche Schritte ein.“

„Dann bist du also in der Warteschleife.“

„Stimmt.“

„Könntest du dann nicht genauso gut in meinem Blockhaus abwarten?“

„Nimm’s mir nicht übel, aber ich bevorzuge fließendes Wasser und WLAN, während ich warte.“

„Oh, keine Sorge.“ Er lächelte. „Das Blockhaus bietet sämtliche Annehmlichkeiten der Moderne. WLAN, Satellitenfernsehen, Handyempfang. Du verpasst keinen Anruf, auch keine Episode einer Serie. Es gibt dort aber auch eine Feuerstelle am See. Du kannst Wein trinken und in den Sternenhimmel gucken.“

„Wie weit ist das Haus entfernt?“

„Die Fahrt dauert eine knappe Dreiviertelstunde. Klingt nicht schlecht, oder?“

Sie wiegte leicht den Kopf hin und her. „Okay, sagen wir, ich stimme zu, rein hypothetisch natürlich.“

„Natürlich.“

„Denn ich habe mich noch nicht festgelegt.“

„Verstanden.“ Jackson war bereit für das Tauziehen. Alexa war so clever, aber sie musste immer erst alles hypothetisch durchspielen.

„Wie lange wären wir weg?“

„Wir könnten Freitag los und hätten das Wochenende“, sagte er. „Montagmorgen zurück, weil ich immer gern den Sonntag genießen möchte.“

„Am Montagmorgen? Hast du keine Firma, die du leiten musst?“

„Das lass nur meine Sorge sein. Und, was denkst du?“

„Unter normalen Umständen würde ich dir eine Absage erteilen. Das ist dir schon klar?“

„Vollkommen.“ Er gab sich keinen Illusionen hin. „Zurzeit als...

Autor

Nadine Gonzalez
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Jacquelin Thomas ist eine preisgekrönte Bestsellerautorin und hat bereits mehr als fünfundfünfzig Bücher veröffentlicht. Wenn sie nicht schreibt, liest sie viel, nimmt an Sportevents teil und verwöhnt ihre Enkelkinder. Jacquelin lebt mit ihrer Familie in North Carolina.
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