Baccara Collection Band 497

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RÄTSEL UM DEN SEXY RANCHER von TERI WILSON

Annelise steht vor einem Rätsel: Vorhin hat Drake Fortune sie arrogant, fast kaltherzig abgewiesen. Und jetzt ist er so umwerfend charmant zu ihr, dass sie sich glatt in ihn verlieben könnte. Als ob er einen Doppelgänger hat! Aber das ist doch unmöglich, oder?

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  • Erscheinungstag 16.05.2026
  • Bandnummer 497
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537803
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Teri Wilson, Brenda Jackson, Carla Cassidy

BACCARA COLLECTION BAND 497

Teri Wilson

1. KAPITEL

Annelise Wellington hätte ihr gesamtes Vermögen, inklusive ihrer Villa in Texas, darauf verwettet, dass diejenigen, die diesen Unfug über strahlende Schwangere von sich gegeben hatten, nicht von ihren Partnern verlassen worden waren, nachdem sie das Wort Baby ausgesprochen hatten. Wenn sie in den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft gestrahlt hatte, dann lag das allein an ihrer hervorragenden Hautpflegeserie. Sie hatte die Produkte selbst entwickelt und mit Wasser aus den berühmten heißen Quellen ihrer Heimatstadt Emerald Ridge in Texas hergestellt.

AW GlowCare würde immer ihr erstes Baby bleiben – ungeachtet des kleinen Wesens, das jetzt in ihr heranwuchs. Ihr kleines Unternehmen florierte dank der Tatsache, dass das noble Spa auf der Fortune’s Gold Ranch nun die gesamte Produktpalette von AW GlowCare führte. Taylor Swift hatte kürzlich auf der Ranch übernachtet und laut Vogue benutzte sie nun Annelises GlamGlow-Moisturizer. Seitdem führten auch alle anderen Boutiquen in der Gegend ihre Schönheitsprodukte und ihr Bankkonto strahlte genauso wie ihr gepflegtes Gesicht.

Leider endete genau hier Annelises Glück. Sie käme damit klar, alleinerziehende Mutter zu sein, aber ihr Kind sollte nicht aufwachsen, ohne den Vater zu kennen. Ein Kind musste sich gewollt fühlen … geliebt. Vielleicht war Annelise in Bezug auf Väter auch besonders sentimental, weil sie selbst noch um ihren eigenen Vater trauerte, der vor knapp einem Jahr verstorben war. Wie auch immer, sie wollte, dass ihr Kind seinen Vater kennenlernte, auch wenn sie Brad erwürgen könnte.

Dazu musste sie ihn nur finden.

Annelise steuerte in ihren Designer-Stilettos das Coffee Connection im Zentrum von Emerald Ridge an. Schwanger oder nicht, sie hatte nicht vor, ihre Powerfrau-Garderobe aufzugeben, solange es nicht unbedingt notwendig war. Auch Schwangere konnten High Heels tragen, genauso wie sie ein eigenes Unternehmen leiten konnten. Doch selbst die kompetenteste Multitaskerin konnte sich nicht unbegrenzt von Wut allein antreiben lassen. Sie brauchte dringend einen Latte Macchiato, auch wenn sie wegen des Babys auf Koffein verzichten sollte. Aber ein entkoffeinierter Kaffee war besser als gar kein Kaffee.

Aber mal im Ernst, welcher Mann trennt sich von seiner Freundin, sobald er erfährt, dass sie schwanger ist?

Selbst wenn sie nicht bewusst an Brad dachte oder an die Spuren, die er hinterlassen hatte, als er in sein neues Leben davonbrauste – ausgerechnet nach Paris – diese Frage stellte sie sich mindestens zehn Mal am Tag.

Manchmal kam sie sogar laut über ihre Lippen, ohne dass es Annelise bewusst war.

„Wie bitte?“, fragte der Mann, der vor ihr auf dem Bürgersteig ging. Seine muskulösen Schultern schienen die gesamte Breite des Gehwegs einzunehmen. Langsam drehte er sich um.

Oh, nein. Annelise biss sich auf die Unterlippe. Hatte sie das tatsächlich laut gesagt? Schon wieder? Wie peinlich. Das Blut schoss ihr in die Wangen.

Sie straffte die Schultern, setzte das Beauty-Queen-Lächeln auf, das ihr einst den angesehenen Titel „Miss Emerald Ridge“ eingebracht hatte, hob das Kinn, um dem Fremden in die Augen zu sehen, und versuchte, so zu tun, als hätte sie von einer anderen bemitleidenswerten, schwangeren Frau gesprochen, die gerade verlassen worden war.

Doch zu ihrem Entsetzen war er kein Fremder.

„Du“, stieß Annelise hervor.

Ein verwirrter Ausdruck huschte über sein attraktives Gesicht. Denn ja, selbst Männer, die mit schrecklichen Menschen befreundet waren, konnten attraktiv sein. Das kam tatsächlich erschreckend oft vor.

„Ja. Du. Drake Fortune.“ Mit einem perfekt manikürten Finger stupste sie gegen seine Brust. Sie war hart wie Stein. Ein Wunder, dass ihr Fingernagel nicht abgebrochen war. „Was hast du zu deinem Freund zu sagen, hm?“

Drake und ihr Ex hatten zusammen die Texas A&M University in College Station besucht. Drake hatte Ranchmanagement studiert und Brad …

Hmm. War es nicht seltsam, dass Annelise keine Ahnung hatte, was der Mann, den sie eigentlich heiraten wollte, studiert hatte? Bot die A&M vielleicht einen Abschluss in Womanizing an? Das würde passen.

„Wie bitte?“, sagte Drake.

„Du hast mich verstanden.“ Sie verschränkte die Arme und verspürte bereits jetzt einen Beschützerinstinkt gegenüber ihrem ungeborenen Kind. „Wann hast du das letzte Mal mit Brad gesprochen?“

„Mit wem?“ Die Falte zwischen den Augenbrauen des Mannes vertiefte sich. „Ma’am, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Soll ich jemanden für Sie anrufen oder …“

„Erspar dir das, Drake.“ Annelise hob die Hand.

Sie hatte weder Zeit noch Lust auf das alberne Spiel, das der Idiot gerade spielte. Und er vermutlich auch nicht. Sollte er nicht eher eine Kuh einfangen oder Gewichte stemmen oder so etwas?

„Hör zu, wir müssen uns nicht mit irgendwelchen Gesprächen aufhalten. Du stehst auf seiner Seite, und das ist in Ordnung. Alles, was ich will, sind seine Kontaktdaten.“ Annelise atmete tief aus. Sie wollte es dabei belassen, wirklich, aber vielleicht sollte sie Drake doch erzählen, was wirklich geschehen war. Man konnte schließlich nicht wissen, wie Brad die Trennung dargestellt hatte.

„Nur damit du es weißt, dein Kumpel Brad ist ein ganz mieser Typ. Ich bin im dritten Monat schwanger mit seinem Kind. Als ich ihm die große Neuigkeit mitteilte, hat er mich verlassen und mir gesagt, dass er nach Paris ziehen würde. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Er muss entweder seine Nummer geändert oder mich blockiert haben, denn meine Anrufe gehen nicht durch.“

Drakes Blick war so ausdruckslos, dass sie fast mit der Hand vor seinem Gesicht gewedelt hätte.

„Habe ich erwähnt, dass die Trennung stattfand, als wir unser Sechsmonatiges feierten?“ Sie hatte gedacht, er würde ihr einen Heiratsantrag machen. Schließlich hatte er für diesen Abend einen Tisch im Captain’s Restaurant auf dem Dach des Emerald Ridge Hotels reserviert.

„Und es war mein Geburtstag“, fügte sie hinzu, und ihre Stimme klang nicht mehr ganz so giftig.

Sie war immer etwas angeschlagen, wenn sie darüber sprach. Ihre Eltern hatten aus ihrem Geburtstag eine große Sache gemacht, als sie noch klein war. Zu ihrem neunten Geburtstag schenkten sie ihr ein Pferd. Ein gerahmtes Foto von diesem Tag – sie strahlend auf Sugar sitzend, einem wunderschönen Palomino, während ihr Daddy die Zügel hielt und breit grinste – hatte einen Ehrenplatz auf ihrem Schreibtisch bei AW GlowCare. Nach dem Tod ihres Vaters war dieses Bild ihr wertvollster Besitz geworden.

Doch nun war Annelises Geburtstag für immer ruiniert. Sie hatte Brad mit der Baby-Nachricht überrascht, kurz nachdem der Kellner im Captain’s Restaurant einen Kuchen an den Tisch gebracht hatte – ein dreistöckiges Meisterwerk aus ihrer Lieblingsbäckerei in Dallas. Sie hatte einen Ring erwartet. Ein Heiratsantrag war tatsächlich ihr Wunsch gewesen, als sie die Kerzen ausblies. Stattdessen platzte Brad mit der Nachricht heraus, dass er sich beruflich verändern und ohne sie nach Paris ziehen würde. Er hatte eigentlich vorgehabt, es ihr am Tag nach ihrem Geburtstag zu sagen …

Um nett zu sein.

Noch bevor sich der Qualm der erloschenen Kerzen verzogen hatte, war Annelises Geburtstagswunsch buchstäblich in Rauch aufgegangen.

„Wie gesagt, ich brauche wirklich Brads Kontaktdaten. Ich will nicht wieder mit ihm zusammenkommen. Ich will nur, dass mein Kind die Chance bekommt, seinen Vater kennenzulernen.“ Tränen traten ihr in die Augen, und sie blinzelte heftig, um sie zurückzuhalten. „Das ist mir wichtig. Das verstehst du doch, oder?“

Drake sah sie an, als wäre sie verrückt. „Ähm, ich glaube, Sie verwechseln mich mit jemandem.“

Im Ernst? Er tat lieber so, als würde er sie nicht kennen, als Brads Handynummer preiszugeben?

Sie warf Drake einen bösen Blick zu.

„Weißt du was?“, schnaufte sie. „Du bist genauso schlimm wie mein Ex. Vielleicht sogar noch schlimmer.“ Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Drake the Snake. So werde ich dich von nun an nennen.“

Annelise stürmte wütend an ihm vorbei. Wann war Drake Fortune zu so einem Mistkerl geworden? Sicher, sie kannte ihn nicht besonders gut, aber sie wusste, dass er einer von Brads ältesten Freunden war. Was verstand er nicht an ihrer misslichen Lage?

Sie würde bei der Geburt ihres Babys allein sein. Die einzige Familie, die sie noch hatte, waren ihr Bruder Jax, der Hunderte von Meilen entfernt in Galveston lebte, und ihre Stiefmutter Courtney, mit der sie nicht besonders gut klarkam.

Courtney ist gar nicht so schlimm, sagte sie sich. Seit dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr, hatte sie sich wirklich um ein besseres Verhältnis zu Annelise bemüht. Courtney leistete auch großartige Arbeit auf der Ranch der Familie und leitete den millionenschweren Rinder- und Schafbetrieb allein, sodass Annelise sich ganz auf ihr Unternehmen konzentrieren konnte. Dennoch war es etwas unangenehm, sich mit Courtney das Familienanwesen zu teilen. Annelise achtete darauf, in ihrem Flügel zu bleiben, weit weg von Courtneys Schlafzimmer. Privatsphäre war kein Problem, aber manchmal träumte sie davon auszuziehen, hatte sich bisher aber nicht dazu durchringen können. Die Ranch war alles, was ihr von ihren Eltern geblieben war. Ihre Mutter hatte vor wenigen Jahren den Kampf gegen Krebs verloren, und der erste Todestag ihres Vaters, der an einem Herzinfarkt gestorben war, rückte näher. Wenn sie doch noch da wären, und sie könnte ihnen von der Schwangerschaft erzählen …

Annelise war in Emerald Ridge aufgewachsen, aber sie hatte kaum noch Kontakt zu ihren früheren Freunden. Sie widmete ihre ganze Zeit AW GlowCare. Wie sollte sie andere um Hilfe oder auch nur um Gesellschaft bitten können, wenn sie selbst Geburtstage, Hochzeiten und Mädelsabende verpasste? Seit Kurzem war sie mit Poppy Fortune, Drakes Cousine und Leiterin des Spas auf der Fortune’s Gold Ranch, befreundet. Sie würde sich vermutlich sehr über Annelises Baby-Neuigkeit freuen. Aber ging die Freundschaft so weit, dass sie Poppy bitten könnte, den Geburtsvorbereitungskurs mit ihr zusammen zu besuchen?

Sie wünschte, sie könnte ihren Bruder Jax überreden, nach Emerald Ridge zurückzukommen. Bei dem Gedanken, sich mit Courtney als Geburtsbegleiterin begnügen zu müssen, schnürte sich ihr die Kehle zu. Wie tief konnte sie noch sinken? Es war zwar ungewiss, ob ihr Ex zur Geburt seines Kindes in die Stadt zurückkehren würde, und ein Paar würde aus ihnen sowieso nicht mehr, aber jetzt würde sie Courtney Wellingstons Hand halten müssen, während sie Brads Baby zur Welt brachte, weil Drake sich weigerte, ihr überhaupt die Telefonnummer ihres Ex’ zu geben. Das war ebenso ärgerlich wie niederschmetternd.

Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sich umdrehte, um Drake noch einmal die Meinung zu geigen, doch es war zu spät. Er saß bereits hinterm Steuer eines schnittigen silberfarbenen SUV und fuhr die Straße hinunter. Wow, er musste sich sofort reingesetzt haben, als sie an ihm vorbeigestürmt war.

Was für ein Mistkerl.

„Ich hätte gern einen koffeinfreien Skinny Vanilla Latte.“ Annelise lächelte den Barista an. Es war nicht sein Fehler, dass ihr Leben im Moment ein einziges Chaos war. „Ach, vergessen Sie die fettarme Variante. Ich hätte ihn gern mit extra viel Schlagsahne.“

Schließlich musste sie jetzt für zwei essen und trinken.

Sie bezahlte, setzte sich auf einen bequemen Sessel am Fenster und wartete auf ihren Kaffee. Sobald sie Platz genommen hatte, legte sie eine Hand an ihren Bauch, schloss die Augen und atmete dreimal tief durch. Sich während der Schwangerschaft so aufzuregen, konnte für das Baby nicht gut sein – und nichts war Annelise wichtiger als ihr Kind. Wirklich. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass einer von Brads Freunden gerade so getan hatte, als würde er sie nicht kennen.

Annelise übte sich darin, sich ein gesundes Neugeborenes in einem pastellfarbenen Strampler vorzustellen, die winzigen Händchen zu Fäusten geballt. Das Baby würde ihre blauen Augen haben, nicht Brads braune Knopfaugen. Weiche, zarte Haut. Vielleicht würde sie AW GlowCare um eine Pflegeserie für Babys erweitern. Sie könnte sie nach dem Baby benennen.

Endlich etwas beruhigter öffnete sie die Augen. Das Erste, was sie durch das Fenster sah, war Drake Fortune, der geschmeidig aus einem schwarzen Porsche stieg, der direkt vor dem Café parkte. Schon sank ihre Stimmung wieder.

Er war schon wieder zurück? Und jetzt mit einem schicken Sportwagen statt in dem silbernen SUV, den er zuvor gefahren hatte? Annelise runzelte die Stirn. Seltsam. Außerdem, wie hatte er sich so schnell umziehen können? Vor ein paar Minuten hatte er noch Jeans und T-Shirt getragen, was, wenn sie jetzt darüber nachdachte, untypisch für Drake war. Sie kannte ihn eigentlich nur von Kopf bis Fuß schick gekleidet, angefangen bei den hochwertigen Lucchese-Stiefeln bis hin zum Cowboyhut. Immer ein Stetson und stets in Drakes charakteristischer Farbe – einem satten Anthrazitgrau.

Bei seinem Anblick machte ihr Magen einen kleinen Sprung. Sie schob das auf die Schwangerschaftshormone, die gerade durch ihren Körper strömten. Denn wenn es eine Person in Emerald Ridge gab, die sie auf keinen Fall attraktiv finden durfte, dann war es Drake the Snake. Sie fragte sich, wohin er wohl gehen würde, denn in diesem Teil der Innenstadt gab es mehrere nette Geschäfte. Gerade, als sie sich sagte, dass ihr Drake Fortune und seine Besorgungen egal sein konnten, lenkte er seine Schritte direkt aufs Café zu.

Grr. Annelise versank so tief wie möglich in dem weichen Ledersessel. Sie hatte heute genug von ihm, vielen Dank auch.

Offensichtlich misslang ihr der Versuch, sich unsichtbar zu machen, denn kaum hatte Drake das Café betreten, trafen sich ihre Blicke.

„Annelise.“ Lächelnd ging er auf sie zu. „Lange nicht gesehen. Wie geht es dir?“

Na, na, na. Plötzlich kannte er sie?

„Wir sind uns gerade vor ein paar Minuten auf der Straße begegnet“, sagte sie knapp.

„Das kann nicht sein. Ich bin gerade erst gekommen.“ Drake deutete mit dem Daumen in Richtung seines Porsches, während sein Lächeln breiter wurde. „Außerdem würde ich mich daran erinnern, wenn ich dich gerade getroffen hätte. Schön, dich wiederzusehen.“

Was ist hier los?

Sie hatte sicherlich nicht versehentlich einen völlig Fremden angesprochen. Unmöglich. Der andere Drake hatte genauso ausgesehen wie der Drake, der jetzt vor ihr stand. Das gleiche kurz geschnittene blonde Haar. Die gleichen verträumten blauen Augen. Die gleiche muskulöse Statur, als würde er seine freie Zeit auf seiner Rinderfarm damit verbringen, Heuballen oder junge Kälber zu schleppen, statt hinter einem Schreibtisch in einem luxuriösen Büro zu sitzen, was für einen milliardenschweren Fortune wahrscheinlicher war.

Sie schluckte, wandte den Blick von seinem Bizeps ab und sah ihm wieder in die Augen. „Im Ernst, Drake. Du musst einen Doppelgänger haben. Ich habe gerade mit einem Mann gesprochen, der genauso aussieht wie du. Er könnte dein Zwillingsbruder sein. Abgesehen von der Kleidung.“

Und von seiner nervig distanzierten Art.

„Ich dachte wirklich, du bist es.“ Annelise biss sich auf die Lippe. Wow, sie hatte dem falschen Drake die Meinung gegeigt. „Ich habe ihn Drake the Snake genannt.“

Drake versuchte, nicht zu lachen. „Drake the Snake?“

„Es ist mir rausgerutscht. Ich war wütend, weil er so getan hat, als würde er mich nicht kennen.“ Annelise verzog das Gesicht. Die Untertreibung des Jahrhunderts.

Die Belustigung in seinem Gesicht wich etwas anderem … etwas, das ihr die Kehle zuschnürte. „Nur damit das klar ist, Annelise. Ich würde nie so tun, als würde ich dich nicht kennen. Einen Menschen wie dich vergisst man nicht so leicht.“

Ihr Herz machte einen Satz, weil er es so sagte, als wäre es etwas Gutes. Nicht so, als wäre sie die durchgeknallte Ex-Freundin seines Kumpels, die gerade sein Ebenbild angeschrien hatte.

„Wir haben uns schon eine Weile nicht mehr gesehen, aber ich habe gehört, dass du und Brad nicht mehr zusammen seid.“ Drake trat von einem Fuß auf den anderen. „Und ich weiß auch, dass er sich an deinem Geburtstag von dir getrennt hat. Das tut mir wirklich leid. Das ist einfach …“

Er schüttelte den Kopf, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Er war sprachlos – so, wie er es sein sollte, statt seltsam distanziert wie der andere Drake.

„Schlimm, oder?“ Annelise lachte gezwungen und platzte mit dem Rest der Geschichte heraus. „Noch schlimmer ist aber, dass ich ihm gerade gesagt hatte, dass ich ein Kind von ihm erwarte.“

Drake wusste das bestimmt schon. Er und Brad waren Freunde. Wahrscheinlich war er einfach nur höflich und sparte das Thema aus, um ihr nicht zu nahe zu treten.

Aber in dem Moment, als sie das Baby erwähnte, wurde ihr klar, dass sie sich getäuscht hatte. Drake fiel die Kinnlade hinunter. Dann wanderte sein Blick zu ihrem Bauch und schnell wieder zurück zu ihrem Gesicht. Offensichtlich hatte er keine Ahnung gehabt, dass sie schwanger war.

„Ach, Annelise“, sagte er und seine sanfte Stimme war zu viel für sie.

Sie wollte Drake Fortunes Mitleid nicht. Alles, nur das nicht.

Sie seufzte und legte die Hände in den Schoß. „Ich habe es auch deinem Doppelgänger gesagt. Nur ihr drei wisst davon – du, Brad und der falsche Drake.“

Aber wer war dieser falsche Drake? Und warum sah er dem echten, sehr charmanten Drake Fortune so ähnlich?

2. KAPITEL

Drake versuchte zu verarbeiten, was Annelise ihm gerade erzählt hatte.

Sie war schwanger. Und er war der Einzige, der davon wusste. Abgesehen vom Vater des Babys und dem Fremden, der offensichtlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm hatte, und den sie auf dem Bürgersteig angeschrien hatte.

Noch nie hatte er ein so bizarres Gespräch geführt. Dass sie davon überzeugt war, dass er einen Doppelgänger hatte, war noch das geringste Problem.

Das Wichtigste zuerst. Sein Freund Brad war ein unglaublicher Mistkerl. Er hatte seine schwangere Freundin an ihrem Geburtstag verlassen, nur wenige Augenblicke, nachdem sie ihm von dem Baby erzählt hatte. Drake konnte solch ein Verhalten nicht verstehen, obwohl er Brad gut kannte. Schon damals an der A&M war er kein besonders integrer Mensch gewesen. Sie waren hauptsächlich deshalb Freunde geworden, weil sie im ersten Studienjahr zufällig ein gemeinsames Apartment im Wohnheim zugeteilt bekommen hatten. Aber damals waren sie fast noch Kinder gewesen. Jetzt waren sie erwachsen. Drake war seit damals zweifellos gereift, und er war davon ausgegangen, dass seine Freunde aus dem College das auch waren.

Offensichtlich nicht.

Du bist zu gut für ihn. Bist es immer gewesen. Das wollte Drake sagen, aber er war sich nicht sicher, ob das angebracht war. Sie schien im Moment ein wenig labil – verständlicherweise – und er wollte nicht, dass sie meinte, er würde sie in dieser Situation anbaggern. Im Moment brauchte sie vor allem einen Freund.

„Ich hole dir deinen Kaffee.“ Drake nickte in Richtung Theke, wo ihr Latte bereitstand. „Ich hole auch etwas zu essen für uns, wenn du nichts dagegen hast, dass ich mich zu dir setze. Ich würde gern noch ein bisschen bleiben und mich mit dir unterhalten, wenn es dir recht ist.“

Eine leichte Nervosität erfasste ihn, als hätte er sie gerade um ein Date gebeten – was definitiv nicht der Fall war.

„Ähm …“ Annelise zögerte.

„Der Zitronenkuchen soll sehr lecker sein“, sagte er, obwohl er beim besten Willen nicht verstehen konnte, warum es ihm so wichtig war zu bleiben. „Und du musst jetzt für zwei essen.“

Er zwinkerte ihr zu.

Sie legte ihre Hand an den Bauch und lächelte. „Wenn du es so sagst, wie könnte ich dann ablehnen?“

Drake holte Annelises Latte und gab dann seine Bestellung auf. Minuten später saß er ihr gegenüber in der gemütlichen Nische am Fenster. Das Sonnenlicht fiel durch die Scheibe und umgab ihr langes braunes Haar mit einem goldenen Schein.

Ja, sie spielte definitiv in einer anderen Liga als Brad.

„Warum hast du niemandem sonst von dem Baby erzählt?“, fragte er ruhig, als er ihr ein Stück Kuchen vorsetzte.

„Ich weiß nicht.“ Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich bin aufgeregt und freue mich darauf, Mutter zu werden, aber ich bin noch ganz am Anfang der Schwangerschaft und es kann noch viel passieren. Außerdem fühle ich mich wegen meines aktuellen Beziehungsstatus’ etwas …“

„Verletzlich?“, fragte er.

Eigentlich hatte sie unbehaglich sagen wollen. Vielleicht sogar, dass es ihr peinlich war. Aber seine Formulierung gefiel ihr viel besser. „Ja, verletzlich ist das perfekte Wort. Ich weiß, dass meine Freundinnen mich nicht verurteilen würden, aber ich habe sie schon länger nicht gesehen. Ich denke, ich sage es, wenn ich mein Leben wieder im Griff habe. Bis dahin soll es niemand wissen.“

„Abgesehen von mir.“ Er grinste. „Und Drake the Snake.“

Er neckte sie, um die Stimmung locker zu halten. Aber dass sie alles allein durchstehen musste, gefiel ihm überhaupt nicht. Sie brauchte Unterstützung.

„Ja, abgesehen von euch beiden.“ Sie lachte, dann wurde ihr Blick wehmütig. „Ich habe mein Unternehmen erst vor einem Jahr gegründet, und seitdem habe ich fast die ganze Zeit gearbeitet, sodass mir nicht viel Zeit für mein Privatleben blieb. Brad hat sich immer darüber beschwert.“

„Du hast eine unglaubliche Marke entwickelt. Lass dir von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden. Du solltest stolz sein.“

Seit Monaten sah er AW GlowCare überall in der Stadt. Auch Fortune’s Gold Guest Ranch and Spa verkaufte die Produkte. Nach dem, was Drake gehört hatte, ging Annelises Hautpflegeserie weg wie warme Semmeln.

„Danke, dass du das sagst.“

„Ich meine es ernst. Es ist schwer, ein Unternehmen aufzubauen. Normalerweise dauert es Jahre, bis ein neues Produkt Fuß fasst, und du bist bereits damit in der Vogue.“

Annelise machte große Augen.

„Was?“, fragte Drake und trank einen Schluck Kaffee.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du die Vogue liest.“ Sie musterte ihn von oben bis unten. „Obwohl das vielleicht dein stylishes Aussehen erklärt.“

„Meine Schwester hat mir den Artikel gezeigt.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Aber erzähl mir ruhig mehr darüber, wie attraktiv ich bin.“

„Ich habe stylish gesagt“, korrigierte sie ihn, wurde aber trotzdem rot.

Flirteten sie? Es fühlte sich jedenfalls so an.

Drake räusperte sich und lenkte das Gespräch zurück auf sicheres Terrain. „Nur damit du es weißt, ich habe seit Monaten nicht mit Brad gesprochen. Von der Trennung habe ich aus der Gerüchteküche erfahren.“

Trotz der Nähe zu Dallas und dem Ruf, einer der reichsten Ferienorte des Bundesstaates zu sein, war Emerald Ridge noch das, was es immer gewesen war – eine kleine texanische Stadt. Neuigkeiten verbreiteten sich schnell.

„Das bedeutet wohl, dass du nicht weißt, wie ich ihn erreichen kann, jetzt wo er in Paris lebt.“ Annelise schob ihren Teller beiseite. Toll. Er hatte ihr gerade den Appetit verdorben.

„Leider nicht. Tut mir leid.“

Sie seufzte und senkte den Blick auf ihren Schoß. „Schon gut. Ich werde jemanden finden, der mir bei der Geburt zur Seite steht. Ich habe noch sechs Monate Zeit.“

„Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Brad gut darin wäre. Wir sind nicht besonders eng, aber ich weiß, dass er nicht der zuverlässigste Typ ist.“ Drake stupste mit seinem Stiefel an die Spitze ihres Stilettos, damit sie ihn wieder ansah. „Aber jeder hat seine guten Seiten, auch er. Ich bin sicher, dein Baby wird nur diese von ihm erben. Keine der schlechten.“

„Keine der schlechten“, wiederholte sie. Dann war ihr Lächeln zurück, und Drake hatte das Gefühl, endlich etwas Nützliches gesagt zu haben. „Genug von Brad. Erzähl mir, was bei dir und deiner Familie los ist. Gibt es schon etwas Neues darüber, wer der Drahtzieher hinter den Verbrechen auf den wohlhabenden Ranches in der Gegend ist? Und erzähl mir, wie es Baby Joey geht. Wisst ihr mittlerweile, wer die leibliche Mutter ist?“

Natürlich wollte sie etwas über Joey erfahren. Das Kind, das vor wenigen Monaten auf der Eingangstreppe des Haupthauses der Ranch seiner Familie ausgesetzt worden war, war das Thema in der Stadt.

Drakes Eltern, Hayden und Darla, teilten das Haupthaus mit Garth, dem Bruder seines Vaters, und dessen Frau Shelley. Drake war in der prächtigen Villa aufgewachsen, ebenso wie seine Geschwister Micah und Vivienne, seine Cousine Poppy und seine Cousins Rafe und Shane. Jetzt bewohnten alle Mitglieder der jüngeren Generation ihre eigenen stattlichen Häuser auf der Fortune’s Gold Ranch. Jeder hatte es zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt bekommen.

An dem Abend, als das Baby ausgesetzt worden war, waren Drakes Cousine Poppy und ihre Nachbarin Courtney Wellington bei seiner Tante gewesen. Da Courtney Annelises Stiefmutter war und sie sich die große Villa auf der Wellington-Ranch teilten, hatte sie vermutlich mehr als nur ein beiläufiges Interesse an dem Baby, zumal sie selbst schwanger war.

Das ausgesetzte Baby war nur die Spitze des Eisbergs, was die jüngsten Dramen in der Familie Fortune anging. Als Poppy an dem Abend an die Tür ging, fand sie den kleinen Jungen in einem Korb. Auf seinem Strampler stand „Joey“. In der Tasche steckte ein Zettel mit den Worten: Das Baby ist ein Fortune. Bitte kümmert euch um ihn, denn ich kann es nicht. Seitdem suchte die Familie zusammen mit den Strafverfolgungsbehörden nach der Mutter des Babys und versuchte, die Identität des Vaters zu ermitteln, um herauszufinden, ob Joey tatsächlich ein Fortune war. Drake und alle anderen Männer der Familie hatten sich bereits im Januar einem DNA-Test unterzogen, doch die Ergebnisse waren im Labor verloren gegangen.

Die Tests wurden wiederholt, und es stellte sich heraus, dass das Baby kein Fortune war, was die Sache nur noch komplizierter machte. Die mysteriöse Textnachricht, in der Garth Fortune der Vaterschaft bezichtigt wurde, war offensichtlich eine Lüge gewesen. Dann tauchte eine junge Frau namens Jennifer Johnson in der Stadt auf. Sie behauptete, Joey sei ihr Kind – auch eine Lüge – und versuchte, von den Fortunes eine halbe Million Dollar zu erpressen. Ein Versuch, das Baby zu verkaufen.

„Leider tappen wir immer noch im Dunkeln.“ Drake schüttelte den Kopf. „Auch wenn wir bewiesen haben, dass Jennifer Johnson nicht Joeys Mutter ist, glauben wir immer noch, dass sie weiß, wer wirklich die leibliche Mutter ist.“

„Wie könnt ihr da so sicher sein?“

„Nun, sie hat es geschafft, das kriminaltechnische Labor mit einer gefälschten Probe für den DNA-Test zu täuschen. Sie muss die Probe von jemandem bekommen haben.“

Annelise beugte sich näher und senkte die Stimme. „Aber sie will eurer Familie nicht den Namen der Mutter nennen?“

„Nein. Sie versucht immer noch, fünfhunderttausend Dollar von uns zu bekommen.“ Die Dreistigkeit war unglaublich. Drake sah rot, wenn er nur daran dachte, zumal seine Cousine Poppy den kleinen Kerl von Tag zu Tag inniger liebte. „Wir geben ihrer Forderung natürlich nicht nach. Die Frau hat bereits bewiesen, dass man ihr nicht trauen kann. Aber wir halten sie hin, um Zeit zu gewinnen, während wir weiter nach der Wahrheit suchen. Wenn sie die Stadt verlässt, sind wir wieder ganz am Anfang.“

„Was für ein Chaos.“

„Das kann man wohl sagen.“ Drake atmete tief aus.

„Es ist so nett von Poppy und Leo, dass sie sich um Joey kümmern. Ich wette, sie werden den Kleinen schrecklich vermissen, wenn er seinen leiblichen Eltern zurückgegeben wird.“ Annelise legte sanft eine Hand an ihren Bauch. Sie verspürte bereits jetzt eine solch enge Bindung mit dem Kind, dass sie sich nicht vorstellen konnte, sich einmal von ihm verabschieden zu müssen. Das stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Drake hatte einen Kloß im Hals. Er mochte Annelise. Er wollte nicht, dass sie die gesamte Schwangerschaft allein durchstehen musste. Und ein Baby brauchte alle Liebe, die es bekommen konnte.

Er musste es wissen. Drake war von Hayden und Darla Fortune als Baby adoptiert worden. Über seine leiblichen Eltern wusste er nichts. Manchmal fragte er sich, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er nicht so viel Glück gehabt hätte.

Annelise würde zweifellos eine wunderbare Mutter werden, trotzdem empfand er ein wenig Mitleid mit ihrem Baby. Wenn Brad bereits seine Telefonnummer geändert hatte, um Annelise aus dem Weg zu gehen, dann hatte er auch nicht vor, sich um sein Kind zu kümmern.

„Poppy und Leo würden Joey gern adoptieren“, sagte Drake. Sie liebten das Kind wie ein eigenes.

Annelise war nicht die Einzige, die nur an Babys dachte.

Drake verdrängte den Gedanken an Wiegen, Rasseln und Vaterschaft und lächelte. „Was die Sabotage auf der Ranch angeht, bin ich ratlos. Meine Schwester Vivienne und ihr Verlobter Jonathan sind davon überzeugt, dass der Drahtzieher ein anderer Rancher ist, der die Konkurrenz ausschalten will. Aber nur zwei Ranches in der Gegend sind nicht betroffen, und die Familien, die diese Betriebe führen, sind Menschen, die wir seit Jahren kennen. Gute Menschen.“ Er seufzte. „So vieles ergibt keinen Sinn, und ein Ende ist nicht in Sicht. Hattet ihr vor einiger Zeit nicht auch Probleme?“

Annelise nickte. „Ja. Das erste Mal schnitten die Kriminellen ein Loch in einen unserer Zäune, das so groß war, dass vier Rinder ausbrechen konnten. Zum Glück gelang es Courtney, sie zurückzuholen.“

Das schloss die Wellingtons definitiv aus. Nicht, dass Drake sie jemals wirklich verdächtigt hätte, auch wenn zwischen den Fortunes und den Wellingtons eine langjährige Feindschaft geherrscht hatte. Angeblich hatte vor einem Jahrhundert ein Bräutigam aus der Familie Fortune eine Braut aus der Familie Wellington vor dem Altar stehen lassen, ihr das Herz gebrochen und sie öffentlich gedemütigt. Mittlerweile war diese Geschichte fast zu einer Legende geworden, und Courtney Wellington war häufiger Gast im Haupthaus der Fortune’s Gold Ranch. Und Annelise …

Drake konnte sich nicht vorstellen, dass sie etwas Derartiges tun würde. Sie war eine hart arbeitende Geschäftsfrau, die wie er privilegiert aufgewachsen war. Aber sie wollte etwas Besonderes schaffen, etwas Neues und Eigenes. Und sie war erfolgreich.

Drake konnte nicht anders, als sie zu bewundern.

„Irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht. Das ist immer so.“ Er hoffte nur, dass das Rätsel gelöst wurde, bevor noch jemand zu Schaden kam. Es war schon schlimm genug, dass Pferde und Rinder verschwunden waren. Aber Joey war ein hilfloses Baby. Er hatte es nicht verdient, wie ein Stück Müll vor jemandes Haustür abgelegt zu werden.

Allein der Gedanke daran verursachte Drake Übelkeit.

Dieses ungewollte Kind hätte ich sein können.

„Oh nein, ich muss los!“ Annelise sprang auf. „Ich habe einen Termin bei meiner Gynäkologin. Wenn ich mich nicht beeile, komme ich zu spät.“ Annelise schob sich eine Strähne ihres dunklen Haars hinters Ohr.

„Natürlich. Lass dich nicht aufhalten. Ich bringe unsere Tassen und Teller zurück. Du kümmerst dich um dein Kleines.“ Er zwinkerte ihr zu. „Und keine Angst, dein Geheimnis ist bei mir sicher.“

Sie verzog das Gesicht. „Bei deinem Doppelgänger könnte das anders sein.“

„Für den Kerl kann ich natürlich nichts versprechen.“ Er lachte. „Wenn ich ihm zufällig begegne, werde ich dafür sorgen, dass er seinen Mund hält.“

Annelise lachte, und der Klang ihrer Stimme beruhigte ihn wie das Läuten der Kirchenglocken am Sonntagmorgen.

Er mochte es, sie zum Lachen zu bringen, und ihm wurde klar, dass er gern mehr für sie tun würde … So verrückt es auch klang, er wünschte, sie könnten den Rest des Tages hier verbringen, nur sie beide in dieser gemütlichen kleinen Nische, während der Rest der Welt sich ohne sie weiterdrehte.

„Danke, Drake“, sagte sie leise und ihr Gesichtsausdruck wurde bittersüß. „Ich meine es wirklich ernst. Danke für alles.“

„Jederzeit“, erwiderte er und verfluchte erneut Brad Nichols.

Er hatte ihr wehgetan, und so verlockend es auch sein mochte, sich als Ersatz zu sehen – selbst nur für die letzte Stunde – Drake war es nicht. Er und Annelise hatten lediglich zusammen Kaffee getrunken. Brad und Annelise hatten ein Baby zusammen. Der Gedanke schnürte ihm die Brust zu.

„Tschüss“, sagte Annelise, und Drake verspürte den unsinnigen Drang, ihr anzubieten, sie zu ihrem Arzttermin zu begleiten.

Er verwarf den Gedanken, bevor er ihn versehentlich laut aussprach. „Tschüss, Annelise. Pass auf dich auf, und lass mich wissen, wenn du etwas brauchst. Wirklich.“

„Das werde ich.“ Sie nickte.

Und dann war sie weg.

3. KAPITEL

Drake warf seinen Stetson auf den Beifahrersitz und setzte sich hinter das Steuer seines schwarzen Porsche 911 Coupé. Die Junihitze war drückend, also drehte er die Klimaanlage auf, reihte sich in den Verkehr ein und tat sein Bestes, alle Gedanken an Annelise Wellington aus dem Kopf zu bekommen.

Er hatte genug Sorgen, da musste er sich nicht noch mehr Probleme aufhalsen.

Doch als sein Handy vibrierte und eine SMS einging, nahm er es ohne zu zögern aus der Mittelkonsole, für den Fall, dass es Annelise war. Vielleicht brauchte sie doch jemanden, der ihr beim Arzttermin zur Seite stand.

Doch die SMS stammte nicht von der hübschen Brünetten. Sie war von seinem Bruder Micah. Bevor Drake sie lesen konnte, poppte eine weitere auf, dann noch eine. Die Nachrichten kamen so schnell nacheinander, dass Drake schließlich am Straßenrand anhielt.

So schnell er konnte blätterte er durch die Nachrichten. Sie stammten alle von seinen Geschwistern und Cousins, und der Tonfall wurde mit jeder Nachricht dringlicher.

Micah: Wo bist du?

Shane: Hey, Mann. Du musst nach Hause kommen.

Poppy: Wie schnell kannst du auf der Ranch sein?

Rafe: Komm nach Hause. Es gibt ein … Problem.

Micah: WO BIST DU?

Vivienne: In zwei Sekunden rufe ich an. Bitte geh ran. Es ist dringend.

Drakes Puls raste. Was war los?

Sein Handy klingelte, bevor er auch nur eine einzige Nachricht beantworten konnte. Der Name seiner Schwester Vivienne blinkte auf dem Display auf.

Panisch nahm er den Anruf entgegen. „Viv?“

„Ja, ich bin es.“ Sie holte tief Luft. Das kann nichts Gutes bedeuten. „Auf der Ranch ist etwas passiert.“

„Das habe ich mir gedacht. Mein Telefon steht gerade nicht still.“

„Du musst so schnell wie möglich kommen. Zum Haupthaus.“

„Worum geht es?“ Sein Kopf schwirrte vor lauter Möglichkeiten. Hatte jemand einen Unfall gehabt? Seine Eltern? Onkel Garth oder Tante Shelley?

„Ich kann es dir am Telefon nicht erklären. Komm einfach sofort her“, beharrte sie und legte dann auf.

Drake fuhr weiter. Weite Felder mit frisch gerollten Heuballen und grasenden Rinderherden zogen an ihm vorbei. Er erreichte die Ranch und parkte vor der stattlichen Villa. Er stieg aus und lief immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf, die zu der großen Eingangstür führte.

„Hallo?“, rief er, als er eintrat. Seine Eltern kamen ihm entgegen, die Mienen versteinert. Drake wurde mulmig, als sein Blick von seinem Vater zu seiner Mutter wanderte. Doch dann trat jemanden hinter ihnen hervor …

Und Drake traute seinen Augen nicht.

„Ich bin sicher, dass es dafür eine völlig vernünftige Erklärung gibt. Aber glaube mir, dein Vater und ich sind genauso fassungslos wie du“, sagte seine Mutter mit ruhiger, kaum hörbarer Stimme.

Der Mann, der neben seinen Eltern stand, sah genauso aus wie er. Abgesehen von der Kleidung war es, als würde er sein Spiegelbild betrachten.

„Der Doppelgänger“, flüsterte Drake.

Annelise hatte schon von einem Doppelgänger gesprochen, aber er hatte sie nicht ernst genommen. Er hatte vermutet, dass sie ihn mit jemandem verwechselt hatte, der ihm vielleicht ein wenig ähnlich sah. Aber das hier …

Das war mehr als eine leichte Ähnlichkeit. Das war ein echter Doppelgänger. Sein Ebenbild. Kein Wunder, dass seine ganze Familie versucht hatte, ihn zu erreichen.

Drake Fortune hatte einen Zwilling.

Er starrte vor sich hin und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Sein Doppelgänger blinzelte ihn an, der Gesichtsausdruck genauso verwirrt wie der von Drake.

Drakes Mom, Darla, rang die Hände, während sein Dad, Hayden, mit angespanntem Gesicht neben ihr stand. Irgendjemand musste etwas sagen, aber wer? Und was? Alle im Foyer waren sprachlos.

„Entschuldige, dass ich so direkt bin“, sagte Drake schließlich zu seinem Doppelgänger. „Aber wer zum Teufel bist du?“

Der Mann wischte sich die Hände an seinen Jeans ab, bevor er auf Drake zuging und ihm die Hand reichte. „Ich bin Cameron Waite.“

„Drake Fortune.“ Er schüttelte dem Mann die Hand. Der Name kam ihm vage bekannt vor, doch er konnte ihn nicht zuordnen.

Cameron atmete tief aus. „Ich muss sagen, das ist überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte, als ich vor einiger Zeit die Einladung per Post bekam. Ich bin adoptiert. Ich nehme an, du bist es auch?“

„Ja, bin ich, aber du hast eine Einladung erwähnt …“ Drake runzelte die Stirn. Er konnte nicht klar denken. „Was für eine Einladung?“

„Mr. Waite hat eine Gift-of-Fortune-Einladung erhalten“, sagte Darla und bedeutete ihm, den Brief zu zeigen.

„Hier ist sie.“ Cameron zog einen cremefarbenen Umschlag aus seiner Tasche und reichte ihn Drake.

Cameron Waite stand auf dem Umschlag. Jetzt wurde Drake klar, warum ihm der Name bekannt vorgekommen war.

Im vergangenen Monat hatte er gehört, wie eine der Empfangsdamen im Gästehaus der Ranch erwähnte, dass ein Cameron Waite angerufen habe, weil er die Gift-of-Fortune-Einladung für einen einwöchigen Aufenthalt erhalten hatte. Die Gift-of-Fortune-Initiative hatten Drake und sein Cousin Rafe ins Leben gerufen, um Menschen, die einen Ort zur emotionalen Heilung brauchten, etwas Gutes zu tun. In den letzten Monaten hatten sie Gäste beherbergt, die mit gebrochenem Herzen, psychischen Problemen, Eheproblemen und vielem mehr zu kämpfen hatten.

Die Idee stammte von Drake, inspiriert durch seine eigene Adoption als Neugeborenes. Er wusste nichts über seine leiblichen Eltern, hatte aber oft über sie nachgedacht und sich gefragt, welche Umstände dazu geführt hatten, dass seine Mutter ihr Kind weggegeben hatte. Er schätzte das Leben, das er jetzt führte, und wollte anderen helfen, die nicht so viel Glück hatten wie er und besonders verletzlich waren.

So wie Annelise.

Drake schluckte. Er konnte später über sie nachdenken. Jetzt musste er zunächst einmal herausfinden, wie Cameron Waite an die Einladung gekommen war. Er hatte niemanden namens Cameron Waite eingeladen, und Rafe auch nicht.

Und Gift-of-Fortune-Einladungen waren nicht leicht zu bekommen. Kurz nachdem sie das Projekt gestartet hatten, hatte Rafe ein Online-Formular eingerichtet, über das Personen benannt werden konnten, die von einem kostenlosen Aufenthalt profitieren könnten. Der Prozess war streng und Entscheidungen wurden nicht leichtfertig getroffen. Andere Familienmitglieder halfen mit und lasen die Bewerbungen – selbst Hayden, der anfangs nicht gerade begeistert gewesen war.

Aber wenn weder Rafe noch er Cameron Waite eingeladen hatten, wer dann? Er fuhr mit dem Daumen über die goldgeprägte Einladung.

Jemand hatte offenbar gewusst, dass Drake einen Zwilling hatte.

Aber warum hatten sie ihn nach Emerald Ridge gebracht? War das eine Art Angriff aus dem Hinterhalt? Es fühlte sich ganz danach an.

Er gab Cameron die Einladung zurück. „Sie scheint echt zu sein, aber ich weiß nicht, wer sie geschickt hat. Sie muss ohne Wissen des Gift-of-Fortune-Teams verschickt worden sein.“

„Ich habe keine Ahnung, wer sie geschickt hat, aber irgendjemand scheint irgendetwas damit zu bezwecken.“ Zwei Falten bildeten sich zwischen den Augenbrauen des Mannes. Seine Körpersprache deutete darauf hin, dass auch er genau wie Drake überfordert war. „Ursprünglich klang es wie eine gute Gelegenheit, hierherzukommen, aber ich war gerade zwanzig Minuten in der Stadt, da wurde ich schon ständig mit jemandem verwechselt. Jetzt weiß ich warum.“ Er sah Drake an und lachte leise. „Irgendjemand wollte offensichtlich, dass wir uns treffen. Aber warum?“

Drake hatte nicht die geringste Ahnung, wer das gewesen sein könnte. Er wandte sich seinen Eltern zu, die immer noch fassungslos Drake und seinen Doppelgänger anstarrten. „Mom? Dad? Habt ihr eine Ahnung, was hier vor sich geht?“

Hayden schüttelte den Kopf. „Nein. Aber die Adoptionsagentur hat eine Menge zu erklären.“

Seine Mutter legte sanft ihre Finger auf Drakes Unterarm. „Sie haben uns nicht gesagt, dass du einen Zwilling hast, Honey. Hätten sie es getan, hätten wir euch beide adoptiert.“

„Auf jeden Fall.“ Hayden nickte.

„Cameron, haben Sie ein enges Verhältnis zu Ihren Adoptiveltern?“, fragte Darla.

„Hatte“, korrigierte er. „Ja, Ma’am. Meine Eltern waren wundervolle Menschen, aber sie sind verstorben. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, das diesem sehr ähnlich ist.“ Er lächelte, worauf Darla sich ein wenig entspannte.

So wie Drake seine Mutter kannte, nagte der Gedanke an ihr, ein Baby zurückgelassen zu haben, auch wenn sie von Camerons Existenz nichts gewusst hatte. Zumindest klang es, als wäre er in einem guten Zuhause aufgewachsen.

„Und Sie haben die ganze Zeit in Texas gelebt?“, fragte Hayden.

Cameron nickte. „In Dallas.“

„Wenn ich denke, dass Sie nur eine Stunde entfernt waren.“ Darla legte die Hand an den Hals.

„Mom, setz dich doch hin. Dies ist ein großer Schock für uns alle.“ Drake sah seinen Vater an, der nickte und legte seiner Frau die Hand auf die Schulter, bereit, sie in die Küche zu führen und ihr ein Glas von dem süßen Tee zu geben, den sie so sehr liebte. „Ich bringe Cameron zur Gift-of-Fortune-Hütte. Aber wo sind die anderen? Mein Telefon hat vorhin nur so geklingelt. Ich habe das Gefühl, dass ich der Letzte bin, der erfahren hat, dass ich einen Zwilling habe.“

Darla winkte ab. „Wir haben alle nach Hause geschickt, als du gesagt hast, dass du unterwegs bist. Wir dachten, du und Cameron braucht vielleicht etwas Zeit für euch, bevor mehr Fortunes dazukommen.“

„Gute Idee“, sagte Drake. Allein der Gedanke, in dieser Situation die ganze Familie um sich herum zu haben, reichte aus, ihm eine Migräne epischen Ausmaßes zu bescheren.

„Führ Cameron herum. Wir sind hier, wenn ihr Fragen habt, auch wenn wir leider wohl nicht viel mehr wissen als ihr. Ich hole die Adoptionspapiere aus dem Safe.“ Hayden schlug Cameron auf den Rücken. „Es freut mich, Sie kennenzulernen. Genießen Sie Ihren Aufenthalt hier auf der Gold Ranch.“

Drake war froh, dass seine Eltern Cameron freundlich und nicht skeptisch begegneten. Zwar war es seltsam, dass er aus heiterem Himmel aufgetaucht war, doch Drake hatte das unbestimmte Gefühl, dass jemand hinter den Kulissen die Fäden zog. In letzter Zeit waren in Emerald Ridge zu viele ungewöhnliche Dinge passiert. Sie mussten zusammenhängen …

Er musste nur herausfinden wie.

Doch zuerst wollte er mit Cameron sprechen und ihn kennenlernen. Er hatte einen Zwillingsbruder. Wie konnte es sein, dass er nicht die leiseste Ahnung davon gehabt hatte, dass es jemanden gab, der genauso aussah wie er?

„Was möchtest du zuerst sehen?“, fragte Drake, als sie auf die große, überdachte Veranda traten.

„Weißt du, eigentlich würde ich einfach nur gern in die Gästehütte gehen, wenn es dir nichts ausmacht. Den ganzen Tag lang haben mich die Leute angesehen und gedacht, ich wäre du. Ich brauche etwas Zeit, um mich zu sortieren, bevor wir herumspazieren und die Leute völlig ausflippen.“

Drake lachte. „Das verstehe ich. Aber sobald du dich eingelebt hast und die Neuigkeiten etwas sacken konnten, würde ich gern versuchen, mehr über unsere Adoption herauszufinden. Ich habe nie nach Informationen über meine – sorry, unsere – leiblichen Eltern gesucht, aber angesichts der Umstände halte ich es langsam für eine gute Idee, das zu tun.“

Irgendwie mussten all diese Puzzleteile zusammenpassen. Und wenn Drake und sein Zwilling etwas mit den seltsamen Ereignissen in Emerald Ridge zu tun hatten, war er bereit, alles zu tun, um die Wahrheit aufzudecken. Auch wenn es bedeutete, den schmerzhaftesten Teil seiner Vergangenheit auszugraben.

Es gab einen guten Grund, warum er nie etwas über seine leiblichen Eltern hatte wissen wollen. Eltern gaben ihre Kinder nicht auf, es sei denn, sie hatten das Gefühl, sie müssten es tun. Was auch immer die Geschichte sein mochte, sie war mit Sicherheit traurig. Vielleicht würde die Anwesenheit eines Bruders, von dem er nichts gewusst hatte, den Schmerz ein wenig lindern.

„Mehr über unsere leibliche Familie herauszufinden, ist eine gute Idee.“ Cameron nickte. „Ich habe so viele Fragen, und du sicherlich auch.“

Drake sah seinen Zwillingsbruder an und fragte sich, ob er sich jemals daran gewöhnen würde, sein Ebenbild anzuschauen. „Wollen wir gemeinsam nach Antworten suchen?“

Über Camerons Gesicht zog ein Lächeln, und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung schien er sich ein wenig zu entspannen. „Unbedingt.“

4. KAPITEL

Annelise blickte sich im Wartezimmer der Arztpraxis um und ihr Herz zog sich zusammen. Überall nur Paare, die sich verliebt in die Augen schauten. Rechts von ihr streichelte ein Mann liebevoll den Babybauch seiner Partnerin. Nehmt euch doch ein Zimmer, dachte sie und verdrehte die Augen. Aber ihr wurde sofort klar, dass sie sich über diese süße Liebesbekundung nicht ärgerte.

Sie war neidisch.

Kopf hoch. Viele alleinstehende Frauen bekommen ein Baby. Sie straffte die Schultern und ging zur Anmeldung. Nur hier, in dieser Praxis, schien das nicht der Fall zu sein. Sie war die einzige werdende Mutter, die ohne Begleitung zu ihrem Termin erschienen war.

Gynäkologen sollten einen speziellen Tag für alleinstehende Schwangere einrichten. So etwas wie eine Ladys Night in einer Bar, nur mit Gurken, Eiscreme und Fußmassagen statt alkoholischer Getränke zum halben Preis. Vielleicht sollte sie mal einen entsprechenden Vorschlag machen. Vielleicht hatte sie auch völlig den Verstand verloren.

Vermutlich Letzteres.

„Hallo, ich bin Annelise Wellington. Ich habe einen Termin“, sagte sie.

Die Frau in der rosafarbenen Praxiskleidung blickte von ihrem Computerbildschirm auf und reichte Annelise ein Klemmbrett. „Sehr gut. Bitte füllen Sie dieses Anmeldeformular aus und bringen Sie es mit einer Kopie Ihrer Versicherungskarte zurück. Sind Sie allein gekommen, oder ist jemand bei Ihnen?“

Klar. Der Vater des Babys will mich in dieser besonderen Zeit unbedingt unterstützen, aber er ist unsichtbar. Deshalb können Sie ihn nicht sehen.

„Nein, ich bin allein.“ Annelises Gedanken wanderten seltsamerweise direkt von Brad zu Drake Fortune.

Er war so nett zu ihr gewesen. So nett, dass sie darüber nachgedacht hatte, wie anders ihr Leben jetzt wäre, wenn er der Vater ihres Babys wäre und nicht Brad. Was völlig absurd war, denn sie kannten sich kaum. Drake hatte vermutlich keinen Gedanken mehr an sie verschwendet.

„Alles in Ordnung?“

Annelise blinzelte. Die Empfangsdame sprach immer noch mit ihr, während sie in Gedanken bei einem bestimmten Paar blauer Augen gewesen war, die unter dem Rand eines grauen Stetsons blitzten.

Drake hatte sie ermutigt, anzurufen, wenn sie etwas brauchte. Sie hatte versprochen, es zu tun, obwohl sie nicht die Absicht hatte, dieses Versprechen einzuhalten. Aber allein der Gedanke daran war schön, besonders in einer Zeit wie dieser.

„Entschuldigung. Ich war kurz abgelenkt.“ Annelise lächelte die Frau an und umklammerte das Klemmbrett fest. „Mir geht es gut.“

Absolut, hundertprozentig alles in Ordnung.

Wenn sie sich das immer wieder sagte, würde sie es vielleicht tatsächlich glauben.

Die nächste Stunde verbrachten Drake und Cameron in der Gift-of-Fortune-Gästehütte. Sie sprachen über ihr Leben und ihre Kindheit. Obwohl sie von zwei unterschiedlichen Familien adoptiert worden waren, ähnelten sich ihre Lebenswege sehr.

Wie die Fortunes waren auch Camerons Adoptiveltern, die Waites, wohlhabende Landbesitzer in Texas. Er war in Highland Park aufgewachsen, einem legendären Viertel des alten Geldadels in Dallas, hatte Privatschulen besucht und leitete jetzt das Familienunternehmen, genau wie Drake. Die Waites war Bankiers statt Rancher. Nach dem Tod seiner Eltern hatte Cameron den Platz seines Vaters als CEO eingenommen. Er hatte die University of Texas in Austin besucht, die rivalisierende Hochschule zu Drakes Alma Mata, der Texas A&M, was erklärte, warum sie sich zuvor nicht begegnet waren.

Es würde länger als einen Nachmittag dauern, seinen Bruder wirklich kennenzulernen, aber Drake mochte Cameron. Er schien ein toller Kerl zu sein. So sehr er sich auch darauf freute, die Beziehung zu vertiefen, fühlte er sich doch emotional ausgelaugt, als er zu seinem Haus zurückkehrte. Der Tag war voller Überraschungen und Reizüberflutung gewesen. Er blieb noch einen Moment in seinem Porsche sitzen und genoss das Alleinsein, bis die Julihitze unerträglich wurde.

Als er das Haus betrat, nahm er seinen Stetson ab, warf seinen Schlüssel auf das Tischchen im Foyer und überprüfte sein Handy, das während der Zeit, die er mit Cameron verbracht hatte, auf lautlos gestellt gewesen war. Obwohl es unwahrscheinlich schien, hoffte er, dass Annelise sich vielleicht gemeldet hatte, um ihm von ihrem Arzttermin zu erzählen.

Sie hatte es nicht getan. Stattdessen fand er eine ganze Reihe verpasster Anrufe und SMS von seinen Cousins und Geschwistern vor, die Antworten zu seinem Doppelgänger haben wollten. Es schien, als hätten sie alle früher am Tag individuelle Begegnungen mit Cameron in der Stadt gehabt. Jetzt wollten sie Details wissen, obwohl Drake selbst bisher nur sehr wenig Informationen hatte.

Er öffnete den Familien-Chat und schickte eine Nachricht.

Sorry, Leute. Ich brauche etwas Zeit, alles zu verdauen. Nur so viel: Ich habe einen Zwillingsbruder, von dem ich nichts wusste. Ihr hört von mir, sobald ich mehr weiß, aber jetzt schalte ich mein Handy erst einmal aus.

Kaum hatte er auf „Senden“ gedrückt, schaltete Drake sein Handy tatsächlich aus. Er trommelte mit den Fingern auf die Armlehne des Sofas, doch schon nach kürzester Zeit wurde ihm langweilig.

Er hatte schon in der Schule nicht stillsitzen können. Selbst heute hatte er in seinem Büro noch ein Stehpult, da ihm langes Sitzen Unbehagen bereitete. Heute Vormittag mit Annelise war das erste Mal gewesen, dass er über längere Zeit still gesessen und sich gut gefühlt hatte. Geerdet. Zufrieden.

Er fühlte sich zu Annelise hingezogen. Sie hatte etwas an sich, das ihn dazu brachte, den Moment genießen zu wollen, statt wie sonst über unzählige Dinge gleichzeitig nachzudenken. Und ja, das verstieß vermutlich gegen jede Version des Bro-Codes, aber nach dem, was Brad ihr angetan hatte, war Drake das ziemlich egal. Es war ja nicht so, als würde er seinen Gefühlen nachgeben. Das war nicht die Art von Unterstützung, die Annelise jetzt brauchte.

Drake stand auf, schnappte sich seine Schlüssel und stieg wieder in sein Auto. Ziellos durch die vielfältige Landschaft von Texas zu fahren, half ihm immer, den Kopf freizubekommen. Doch heute hatte er ein Ziel.

Die Wellington Ranch …

Annelise.

„Drake Fortune? Das ist ja eine Überraschung.“

„Hallo, Courtney“, sagte er. „Ist Annelise zu Hause?“

Courtneys Augen, die wegen der extrem langen Wimpern ohnehin schon etwas zu groß für ihr Gesicht wirkten, weiteten sich. „Sie wollen zu Annelise? Wie interessant.“

„Wir sind uns heute Morgen in der Stadt begegnet“, erklärte Drake. Nicht, dass es Courtney unbedingt etwas anging.

„Kommen Sie rein“, sagte die Frau und winkte ihn herein. „Ich weiß nicht, ob sie zu Hause ist. Ich schicke ihr eine SMS.“ Courtney tippte mit ihren langen Fingernägeln auf den Bildschirm ihres Handys.

„Danke. Das ist sehr nett.“ Drake räusperte sich.

„Ah, da ist sie ja.“ Courtney nickte in Richtung der geschwungenen Treppe.

„Drake?“ Annelise schwebte die Stufen herunter und als ihre Blicke sich trafen, verzog sie den Mund zu einem verlegenen Lächeln. „Was machst du denn hier?“

Am liebsten wäre er zu ihr gelaufen und hätte ihr die Treppe heruntergeholfen, damit sie nicht stolperte und dem Baby etwas passierte.

Was war nur in ihn gefahren? Annelise war in diesem Haus aufgewachsen. Sie war Tausende, wenn nicht sogar Zehntausende Male diese Treppe hinauf- und hinuntergelaufen.

Er hätte nicht hierherkommen sollen. Das war ihm bereits klar. Er überschritt eine Grenze und schien damit nicht aufhören zu können. Seit der Ankunft von Cameron Waite war seine...

Autor

Brenda Jackson

Brenda ist eine eingefleischte Romantikerin, die vor 30 Jahren ihre Sandkastenliebe geheiratet hat und immer noch stolz den Ring trägt, den ihr Freund ihr ansteckte, als sie 15 Jahre alt war. Weil sie sehr früh begann, an die Kraft von Liebe und Romantik zu glauben, verwendet sie ihre ganze Energie...

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Carla Cassidy
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Teri Wilson

Teri Wilson ist bekannt für ihre herzerwärmenden Romances mit Figuren, die oft auch eine kleines bisschen liebenswerte Schrulligkeit an den Tag legen. Die beliebte Autorin hat bereits am RITA Award teilgenommen und wurde als USA Today Bestselling Author ausgezeichnet.

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