Bianca Exklusiv Band 405

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DAMALS, HEUTE UND FÜR IMMERvonNANCY ROBARDS THOMPSON

Sie galten als das Traumpaar auf der Highschool: Jude und Juliette! Beim Klassentreffen sprühen sofort wieder die Funken zwischen ihnen. Aber Vorsicht: So sehr er Juliette immer noch begehrt, Jude darf nicht vergessen, warum sie einst seinen Heiratsantrag abgelehnt hat …

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  • Erscheinungstag 12.09.2026
  • Bandnummer 405
  • ISBN / Artikelnummer 0852260405
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Nancy Robards Thompson, Stella Bagwell, Teresa Southwick

BIANCA EXKLUSIV BAND 405

Nancy Robards Thompson

1. KAPITEL

„Das ist eine absolute Katastrophe“, jammerte die Braut. „Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst. Das alles ist nur deine Schuld, Juliette.“

Juliette biss sich auf die Zunge und unterdrückte das Verlangen, die Probleme von Tabatha Jones, ihres Zeichens Brautmonster des Tages, in die richtige Perspektive zu rücken. Überall auf der Welt mussten sich Menschen, denen es viel schlechter ging, mit lebensbedrohlichen Krisen auseinandersetzen. Die Erkenntnis, dass der Lavendelton der handgefärbten Pumps zwei Nuancen heller war als die Kleider der Brautjungfern, war vielleicht eine Enttäuschung, aber bestimmt keine Katastrophe, die einen Nervenzusammenbruch rechtfertigte.

„Du musst das wieder in Ordnung bringen.“ Tabatha quetschte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Beide standen in der Mitte der Campbell Wedding Barn, einer zu einem Festsaal umgebauten Scheune, wo die Zeremonie stattfinden sollte.

„Tief durchatmen, Tabatha“, sagte Juliette ruhig.

„Sag mir nicht, wie ich atmen soll“, fuhr Tabatha sie an. „Bring die Sache einfach in Ordnung.“

Juliette konnte nur mit den Schultern zucken, doch das war wahrscheinlich gut so. Immerhin hatte alles, was sie bisher gesagt hatte, nur für noch mehr Ärger gesorgt.

„Tabatha, es sieht wirklich nicht schlecht aus“, sagte Juliette und hielt einen der Seidenschuhe neben ein Kleid. „Außerdem sind die Kleider lang und die Leute werden gar nicht auf die Füße der Brautjungfern achten.“

Tabatha knurrte daraufhin, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. „Die Schuhe der Brautjungfern sind handgefertigt und aus Italien.“

„Ich weiß“, erwiderte Juliette. „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass die Farben vielleicht nicht hundertprozentig identisch sein werden, da die Materialien so unterschiedlich sind.“

Juliette hielt den Schuh wieder in die Höhe und drehte ihn hin und her. „Das ist doch sehr nah dran …“

„Aber nicht nah genug“, fauchte Tabatha. „Mich interessiert jetzt nur, dass du das bis zur Hochzeit in Ordnung bringst.“

Tabatha drückte Juliette den Schuh in die Hand und stakste aus der Scheune.

Du lieber Himmel.

Als Juliette dastand und versuchte zu verarbeiten, was hier gerade abgelaufen war, hatte sie plötzlich eine Erkenntnis. Sie versuchte jetzt schon ihr ganzes Leben lang, es immer allen recht zu machen. Früher wäre sie ihrer Kundin in so einem Fall sogar hinterhergerannt, doch heute schaffte sie das einfach nicht.

Sie wollte ja, dass Tabatha ihre Traumhochzeit bekam, aber die Frau war einfach komplett außer Rand und Band.

„Ich habe dich gewarnt“, murmelte Juliette, während sie das Kleid wieder in den Kleidersack steckte. Bevor sie die Pumps wieder in den Schuhkarton steckte, hielt sie noch mal einen davon hoch und versuchte die Farbe unvoreingenommen zu betrachten. Sie waren hübsch. Nun ja. So hübsch wie lila Seidenschuhe eben sein konnten.

Egal, sie musste dafür sorgen, dass die Braut glücklich war, also würde sie ihre Freundin Nora vom Schuhladen Sassy Feet Shoe Repair anrufen und um Hilfe bitten.

Juliette seufzte. „Es ist ein lila Schuh. Ich weiß nicht, was du noch willst, Tabatha. So wie du dich aufführst, könnte man denken, die hätten dir stattdessen giftgrüne Schuhe geschickt.“

„Hat Tabatha denn was gegen grüne Schuhe?“

Beim Klang der tiefen, männlichen Stimme lief Juliette unweigerlich ein Schauer über den Rücken und ihr wurde flau im Magen. Ihr Atem stockte und ihr Herz schlug schneller. Sie wusste, dass es Jude Campbell war, noch bevor sie sich umgedreht hatte und ihn in der Tür stehen sah.

Sie wollte ihn umarmen und sich im Schutz seiner starken Arme geborgen fühlen, doch schon im nächsten Augenblick verschwand dieser verrückte, berauschende Impuls wieder in dem Abgrund, der sich zwischen ihnen aufgetan hatte, seit sie Schluss gemacht hatten.

„Tabatha kann lila Schuhe nicht leiden, zumindest diese hier nicht.“

„War das die Dame, die gerade davongerast ist, dass der Schotter nur so geflogen ist?“

„Oh, sie ist weg? Wie schön.“

Jude nickte und schenkte ihr sein typisches strahlendes Lächeln, das sogar seine braunen Augen erfasste und dafür sorgte, dass sich Lachfältchen in seinen Augenwinkeln bildeten. Er sah unverändert aus, von den honigbraunen Locken über die breiten, muskulösen Schultern bis hin zu den Spitzen seiner abgenutzten Cowboystiefel. Juliette bekam sofort einen trockenen Mund. Sie war schon wieder kurz davor, alle guten Gründe, warum sie auf der Hut sein sollte, was ihn anging, über den Haufen zu werfen. Aber sie wusste es inzwischen besser.

Sie war schon immer stolz darauf gewesen, keinen Fehler zwei Mal zu machen.

Jude Campbell, mit seinem hypnotisierenden Lächeln und diesen muskulösen Armen und breiten Schultern, würde ganz bestimmt keine Ausnahme von dieser Regel darstellen.

„Was machst du hier, Jude?“

Er verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere. „Was denn, Juju? Freust du dich denn gar nicht, mich zu sehen?“

„Du hast nicht mehr das Recht, mich so zu nennen.“

Denn diesen Spitznamen zu hören, sorgte dafür, dass ihr verbotenerweise warm ums Herz wurde.

Verdammter Mistkerl. Wie konnte es sein, dass er nach all den Jahren immer noch diese Wirkung auf sie hatte? Wie konnte sie trotz allem, was er ihr angetan hatte, immer noch etwas für ihn empfinden?

„Ich hatte den Eindruck, dass du dich gefreut hast mich zu sehen, als ich zu Ethans und Chelseas Hochzeit zu Hause war. Was ist danach passiert?“

Die Wirklichkeit hatte sie eingeholt, das war passiert. Vor drei Monaten war er für eine Nacht in der Stadt gewesen, weil sein Bruder ihre beste Freundin geheiratet hatte.

Doch er war so kurz nach der Hochzeit wieder abgereist, dass sie nicht darüber hatte nachdenken müssen, was für Gefühle er immer noch in ihr weckte. Er war davor zehn Jahre lang nicht mehr in Celebration gewesen. Vielleicht würden weitere zehn Jahre vergehen, bevor er wieder zurückkehrte.

„Zu Hause?“ Sie betonte das entscheidende Wort. „Du bist hier so schnell durchgerauscht, dass ich mir nicht mal hundertprozentig sicher war, ob du wirklich da warst. Bist du denn dieses Mal länger zu Hause, Jude?“

Er zog eine Augenbraue nach oben. „Würde es dich denn glücklich machen, wenn ich Ja sage?“

Juliette antwortete nicht, sondern beschäftigte sich damit, den lila Schuh wieder einzupacken.

„Ja, ich bin dieses Mal länger zu Hause als bei meinem letzten Besuch.“

Verdammt. Unwillkürlich zog er ihren Blick wieder auf sich. In seinen Gesichtsausdruck schien sich Nachdenklichkeit und Enttäuschung zu mischen.

Er war nicht einmal ungewöhnlich groß – ungefähr eins achtzig. Für einen Cowboy, der auf Rodeos Stiere ritt, war das allerdings immer noch beachtlich. Außerdem machte er das, was ihm an Zentimetern fehlte, mit seinen breiten Schultern und dem sehnigen, muskulösen Körperbau wett. Noch dazu hatte er diese fatalen dunkelbraunen Augen und dieses schiefe Lächeln, das schon immer komplett entwaffnend auf sie gewirkt hatte.

Trotz allem, was passiert war, würde es ihr nichts ausmachen, wenn er ihr jetzt zur Begrüßung einen Kuss gab. Aber diese Wirkung hatte Jude Campbell auf praktisch jede Frau.

Und genau das durfte sie niemals vergessen.

„Ich habe läuten hören, dass du nicht zum zehnjährigen Klassentreffen kommst“, sagte sie.

„Meine Pläne haben sich geändert. Ist es zu spät, um mich doch noch anzumelden?“

Juliette zuckte mit den Schultern. „Da musst du Marilyn Harding anrufen. Sie ist die Vorsitzende des Organisationskomitees.“

Innerlich verfluchte Juliette Tabatha noch einmal. Wenn diese irrsinnig anstrengende Kundin nicht gewesen wäre, dann wäre sie heute gar nicht hier gewesen, als Jude sich entschieden hatte aufzutauchen. Juliette war nur die Hochzeitsplanerin, die Hochzeitsscheune gehörte Judes Schwester Lucy. Diese hatte das Anwesen geerbt, als ihre Eltern vor ein paar Jahren gestorben waren. Aus der alten, baufälligen Scheune hatte sie eine der beliebtesten Locations für Hochzeiten in der gesamten Gegend gemacht.

Weil Juliette ihr so viele Kunden vermittelte, hatte Lucy ihr vor Kurzem einen Schlüssel gegeben, damit sie je nach Bedarf kommen und gehen konnte. Schließlich machte es wenig Sinn, wenn sie sich beide den diversen Brautmonstern ausliefern mussten, und in letzter Zeit schien sich irgendwie jede Kundin in ein Brautmonster zu verwandeln.

Juliette holte tief Luft. Vielleicht lag das Problem ja bei ihr. In letzter Zeit fühlte sie sich so ausgebrannt, dass sie kaum noch klar denken konnte.

„Ich hätte gedacht, dass die damalige Ballkönigin bei der Organisation des zehnjährigen Klassentreffens mitten drin ist“, sagte er.

Juliette runzelte die Stirn. „Ach ja? Dann meinst du also, dass die Ballkönigin die Party planen soll und der Ballkönig dann einfach vorbeikommt? Bis heute warst du dir nicht mal sicher, ob du es überhaupt schaffst. Kannst du mir diese Logik bitte mal erklären?“

Jude schwieg einen Augenblick. Juliette musste sich zusammenreißen, um das Schweigen nicht zu brechen. Endlich fand er die Sprache wieder.

„Was hat Logik je mit dir und mir zu tun gehabt, Juju?“

Juliettes Magen verkrampfte sich.

„Wenn du hier bist, um Lucy zu sehen – sie ist gerade nicht da. Versuch es vielleicht mal auf dem Handy. Heute Abend ist keine Veranstaltung, also haben Zane und sie sich den Tag freigenommen.“

„Ich habe schon mit ihr gesprochen. Ich bin nur hier vorbeigekommen, weil ich dein Auto draußen gesehen habe.“

Sie bemühte sich, die Befriedigung zu ignorieren, die dieses Eingeständnis in ihr auslöste. Beinahe wollte sie ihn fragen, woher er ihr Auto kannte, aber sie biss sich auf die Zunge. Er hatte es natürlich gesehen, als er zur Ethans Hochzeit hier gewesen war. Bei diesem Anlass hatte sie Jude zum ersten Mal seit fast zehn Jahren wiedergesehen.

Er hatte gerade erst beim Rodeo einen Weltmeistertitel gewonnen, und war der Held der Stadt gewesen. Da hatte er natürlich vorbeikommen und den Ruhm genießen wollen.

„Wie lange bleibst du denn hier?“, fragte sie.

Er zuckte mit den Achseln. „Vielleicht zwei oder drei Wochen? Einen Monat? Das hängt von verschiedenen Dingen ab.“

Alle möglichen Fragen gingen ihr daraufhin durch den Kopf. Es war jetzt Anfang Oktober. Die Rodeo-Saison ging normalerweise bis Ende des Monats. Sie wollte ihn zuerst nach seiner Karriere fragen, aber ihr sechster Sinn warnte sie davor, dass sie sich damit auf gefährliches Terrain begeben würde, und ehrlich gesagt, ging es sie ja auch nichts an. Wenn er für das Championship noch im Rennen wäre, würde er jetzt bestimmt nicht in Celebration rumhängen. Also war es bestimmt besser, nicht nachzufragen.

„Wo wohnst du in der Zeit?“, fragte sie stattdessen.

„In dem Blockhaus auf der Ranch meiner Familie … auf meinem Land“, korrigierte er sich.

Jude und seine Geschwister hatten die neunzig Morgen geerbt, die seit drei Generationen der Familie Campbell gehörten. Das Land hatten sie daraufhin in drei gleichwertige Teile aufgeteilt.

„Es ist lange her, seit du das letzte Mal da draußen warst“, gab Juliette zu bedenken. „Fühlst du dich in dem Blockhaus denn wohl? Gibt’s da überhaupt Strom?“

„Keine Ahnung. Aber ich komme schon klar“, sagte er.

„Du warst noch nicht mal beim Blockhaus? Denn sonst würdest du doch wissen, ob der Strom eingeschaltet ist.“

„Ich bin gerade erst reingeschneit.“

Er lächelte sie an, und ihr wurde bewusst, dass er tatsächlich angehalten hatte, um sie als Erstes zu sehen … bevor er sich mit seiner Familie traf … bevor er auspackte.

„Es tut gut, dich zu sehen, Juju.“ Er trat von einem Fuß auf den anderen. „Wenn du Zeit hast, wie wär’s dann mit einem Bier?“

Oh ja.

Doch sie schüttelte den Kopf. „Es ist gerade mal halb zwölf, Jude.“

Er nickte. „Natürlich. Wie wär’s dann mit einer Tasse Kaffee?“

Wer auch immer gesagt hat, dass es unmöglich ist, nach Hause zurückzukehren, hat echt keine Ahnung, dachte Jude, als er Juliette die Tür des Redbird Diners aufhielt. Nichts hatte sich hier geändert. Es gab immer noch die gleichen roten Vinylsitzbänke und die gleichen hellgrauen Resopaltische. An den Wänden prangten noch immer gerahmte Poster mit den angebotenen Speisen, und auf jedem Tisch stand eine Mini-Jukebox, wo man sich für denselben Spottpreis Musik aussuchen konnte wie früher – für fünf Cent pro Song.

Ein alter Johnny Cash-Pappkamerad war der einzige Gast. Ein Hilfskellner, den Jude nicht kannte, war gerade dabei, einen Tisch abzuwischen.

Der anheimelnde Geruch von leckerem Essen ließ Judes Magen sofort laut knurren. Er hatte es so eilig gehabt, nach Celebration zu kommen, dass er sich nicht damit aufgehalten hatte, unterwegs eine Pause für einen Snack einzulegen.

Die Vertrautheit seiner Umgebung wärmte ihm augenblicklich das Herz. Es war bestimmt mindestens neun Jahre her, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Als er für Ethans und Chelseas Hochzeit in der Stadt gewesen war, hatte er leider keine Zeit gehabt, ins Diner zu gehen.

Davor war er das letzte Mal zur Beerdigung seiner Mom zu Hause gewesen.

Sein Dad war bei einem Autounfall gestorben, den ein betrunkener Fahrer verursacht hatte. Das war zehn Monate vor dem Tod seiner Mom gewesen. Sein Vater war der Säufer am Steuer gewesen. Nach dem Unfall war seine Mutter querschnittsgelähmt gewesen und hatte sich nie wieder wirklich erholt.

Jude war nach Hause gekommen, um seine Mutter zu beerdigen, für das Begräbnis seines alten Herrn hatte er sich diese Mühe nicht gemacht.

Er hatte keine Ahnung, warum der alte Trunkenbold ihm ausgerechnet jetzt in seinen Gedanken herumspukte. Bei ihrem letzten großen Streit hatte er Jude ins Gesicht geschlagen und ihn rausgeschmissen. Jude hatte daraufhin die Stadt verlassen und seinem Vater keine Gelegenheit mehr gegeben, sich zu entschuldigen.

Dabei hatte Jude den Zorn seines Vaters damals voll und ganz verdient, nur das blaue Auge nicht.

Doch jetzt gab es nichts mehr, was er deshalb tun konnte. Also schüttelte er den Gedanken ab und legte Juliette den Arm um die Taille. Sie gingen zu ihrem alten Tisch ganz hinten in der Ecke. Dort setzten sie sich genau auf die Plätze, wo sie als Schüler schon so viele Stunden miteinander verbracht hatten. Mit ihr hier zu sein fühlte sich fast wie eine Zeitreise an. Das Diner war praktisch unverändert und Juliette sah noch fast genauso aus wie vor all den Jahren – vielleicht noch besser, falls das möglich war. Er ließ den Blick über ihr Gesicht gleiten. Ihr langes, dunkles, seidiges Haar fiel ihr offen über die Schultern. Er war versucht, die Hand auszustrecken und es zu berühren. In ihren himmelblauen Augen, mit denen sie ihn jetzt so durchdringend ansah, konnte er sich immer noch verlieren. Oh ja, sie war mittlerweile definitiv noch schöner als damals. Es war eine reifere Schönheit – eine, die auf einem Selbstvertrauen beruhte, das offenbarte, wie wohl sie sich in ihrer Haut fühlte.

Die Zeit hatte es wirklich gut mit ihr gemeint.

Bei diesem Gedanken lächelte er.

„Was ist los?“ Juliette griff nach der Speisekarte.

„Ich habe nur nachgedacht“, sagte er. „Es ist schön, dich zu sehen.“

„Es ist auch schön, dich zu sehen.“ Sie hörte sich jetzt fast schüchtern an.

Wieso hatten sie so viel Zeit vergehen lassen, ohne, dass sich einer von ihnen beim anderen gemeldet hatte? Die kurze Antwort war, dass sie beide stur waren. Ihr Stolz war verletzt gewesen, also waren sie ihrer Wege gegangen. Doch jetzt waren sie wieder hier … so viele Jahre später. Jude wollte sie bitten, ihm alles zu erzählen … alles, was er verpasst hatte. Er wusste ja nicht einmal, ob sie zurzeit einen Partner hatte.

Als sie sich bei Ethans Hochzeit wieder getroffen hatten, war er keine vierundzwanzig Stunden in Celebration geblieben. Mehr Zeit hatte er leider nicht erübrigen können, doch schon die kurze Begegnung hatte ausgereicht, um zu merken, dass die besondere Chemie zwischen ihm und Juliette immer noch da war.

Diese Erkenntnis war eine treibende Kraft für seinen Entschluss gewesen, nach Hause zurückzukehren, nachdem einige Gehirnerschütterungen und eine Rückenverletzung dafür gesorgt hatten, dass er dieses Mal nicht ins Finale der Weltmeisterschaft gekommen war. Mittlerweile ging es ihm wieder besser, aber manchmal wachte er immer noch mit höllischen Kopfschmerzen auf und der ganze Körper tat ihm weh. Aber er war zu jung, um sich über seine Wehwehchen zu beschweren.

„Also, erzähl schon“, sagte Juliette. „Ich will alles wissen.“ Ihre blauen Augen funkelten. Einen Augenblick lang konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Alles?“, fragte er. „Das ist aber eine ganze Menge.“

„Fang einfach am Anfang an.“

An welchem Anfang? Als er ihr einen Heiratsantrag gemacht und sie ihn abgewiesen hatte? Oder sollte er das lieber überspringen und damit beginnen, wie er sich mit einer anderen verlobt hatte und Juliette daraufhin geschworen hatte, nie wieder ein Wort mit ihm zu reden. Diesen Schwur hatte sie auch tatsächlich gehalten. Jedenfalls, bis er sie bei der Hochzeit seines Bruders wiedergesehen hatte.

Jetzt waren sie hier. Wenigstens redeten sie wieder miteinander. Er spielte mit der Speisekarte. „Dann wären wir aber eine ganze Weile hier.“

Ihm war nicht klar, wie vielsagend dieser Satz war, bis er sah, wie sie eine Augenbraue hochzog.

Er grinste so vorwitzig, wie er konnte. „Kann ich aus diesem Blick schließen, dass du heute Nachmittag noch nichts vorhast?“

„Das bleibt abzuwarten“, scherzte Juliette. „Fang an zu erzählen, dann sehen wir weiter.“

Ihre freche Art hatte ihm schon immer gefallen … neben ungefähr einer Million weiterer Dinge.

„Wie wäre es, wenn du damit anfängst, warum du hier bist. Die Saison ist doch noch gar nicht vorbei. Solltest du nicht gerade irgendeinem Bullen zeigen, wer der Boss ist?“

Ach ja. Da war ja noch was.

„Ein Grund für meine Rückkehr ist, dass jemand mein Land kaufen will“, sagte er.

Sie beugte sich neugierig vor. „Du denkst also ernsthaft darüber nach, deinen Anteil an der Campbell Ranch zu verkaufen?“

Er nickte. Aber bevor er mehr sagen konnte, kam Dottie Wilde, die schon seit Ewigkeiten im Redbird Diner bediente, mit einem strahlenden Lächeln an ihren Tisch.

„Lieber Himmel, wenn das nicht Jude Campbell ist! Süßer, bist du’s wirklich?“

Er schenkte ihr sein schönstes Lächeln. „Jawohl, Ma’am. Ich bin es.“

Sie beugte sich vor und umarmte ihn herzlich.

Dann wandte sich Mrs. Wilde Juliette zu. „Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich euch beide wieder so vereint sehe. Ganz wie in alten Zeiten.“

Dottie tat so, als ob sie Tränen des Glücks trocknen musste, aber dann schüttelte sie die Sentimentalität ab und strahlte. „Was darf es sein? Es geht alles aufs Haus. Egal was. Schließlich kommt nicht jeden Tag ein Rodeo-Star hier vorbei. Du bist ein Held und das sollte gefeiert werden.“

Sie bestellten Kaffee und ein Stück Blaubeerkuchen, das sie sich teilen wollten.

Als Dottie verschwand, sagte Juliette: „Ich schätze mal, es lohnt sich, der Held zu sein. Ich hab hier nämlich noch nie was umsonst bekommen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich lasse ihr nachher ein ordentliches Trinkgeld da.“

Dieses ganze Heldengerede war ihm ehrlich gesagt äußerst peinlich.

Ja, letztes Jahr hatte er die Weltmeisterschaft gewonnen, aber in dieser Saison hatte er sich nur gequält und sich mit einer Verletzung nach der anderen herumgeschlagen. Letztes Jahr, als er den großen Preis gewonnen hatte, hatte sich seine ganze harte Arbeit endlich ausgezahlt. Alles hatte geklappt. Aber seither schien sich das Universum irgendwie gegen ihn verschworen zu haben. Mit achtundzwanzig Jahren war er einer der ältesten Cowboys, die professionell Rodeo ritten. Dieses Jahr schienen seine Reflexe auf einmal nicht mehr ganz so schnell zu sein; manchmal schien selbst sein Instinkt zu langsam zu arbeiten.

Nach all den Rückschlägen war er deshalb in dieser Saison nicht mehr im Rennen, was die Weltmeisterschaft anging. Also war er nach Celebration gekommen, um über alles nachdenken zu können, und um sich zu überlegen, ob er es noch einmal schaffen könnte, oder ob er lieber aufhören sollte, bevor sein Körper permanenten Schaden davontrug, wie es ihm die Ärzte prophezeit hatten.

Die Glocke über der Eingangstür bimmelte jetzt und drei Mädchen kamen herein. Sie ließen sich am Nebentisch nieder, und eine von ihnen lächelte ihn an. Er erwiderte das Lächeln aus Höflichkeit.

„Du willst doch dein Land nicht wirklich verkaufen, oder?“, fragte Juliette und runzelte die Stirn.

Als seine Eltern gestorben waren, hatten er, sein Bruder Ethan und seine Schwester Lucy gleichwertige Grundstücke erhalten. Ethans Grundstück war zwar kleiner als die beiden anderen, aber dafür hatte er die Stallungen bekommen, wo er jetzt seinen Pferdezuchtbetrieb hatte. Vor ein paar Jahrzehnten war die Ranch ihrer Familie eine der erfolgreichsten in der gesamten Gegend gewesen, aber als Donovan Campbell sich der Trunksucht hingeben hatte, war der Betrieb in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Eine Weile hatte es sogar so ausgesehen, als ob Ethan nach dem Tod seiner Eltern und dem Scheitern seiner ersten Ehe genauso enden würde. Aber er hatte an sich gearbeitet und dafür gesorgt, dass die Triple C Ranch bald wieder schwarze Zahlen schreiben würde.

Lucy hatte das Grundstück mit dem alten Haus ihrer Großeltern bekommen. Sie war in das Haus gezogen und hatte die baufällige Scheune in eines der gefragtesten Veranstaltungslokale der Gegend verwandelt.

Das Stück Land, das Jude geerbt hatte, lag am Ende des Familienbesitzes. Es handelte sich hauptsächlich um Weideland, aber es gab dort auch zwei Gebäude. Ein altes Blockhaus, das direkt am See lag, und einen Bungalow, in dem die verstorbene Mutter von Lucys Verlobtem Zane bis zu ihrem Tod gelebt hatte. Jetzt stand das Haus leer, und Jude machte sich Sorgen, dass das Land zu einer finanziellen Belastung werden könnte.

„Ich weiß noch nicht, ob ich verkaufen werde“, sagte er ehrlich. „Ich bin nach Hause gekommen, um darüber nachzudenken.“

„Entschuldigen Sie bitte …“ Das Mädchen, das ihn angelächelt hatte, stand jetzt vor ihrem Tisch. „… sind Sie nicht Jude Campbell?“

Er warf Juliette einen Blick zu, der hoffentlich ausdrückte, wie unangenehm ihm dieser Moment war.

„Ja, das bin ich“, sagte er.

„Ich bin ein Riesenfan. Ich habe dieses Shirt nur gekauft, weil es ein Copenhagen On-Off ist.“

Copenhagen war ein Hersteller für Sportbekleidung und einer seiner Sponsoren. Das On-Off Shirt war eine Erfindung, die auf einen besonders harten Ritt in seinem Weltmeisterjahr zurückging. Nachdem er sich zehn Sekunden lang auf einem richtig fiesen Bullen gehalten hatte, hatte das Biest ihn nicht nur abgeworfen, sondern ihn auch noch gejagt. Jude war dem Vieh nur knapp entronnen, und das auch nur, nachdem eines seiner Hörner sich in seinem Hemd verfangen und es ihm vom Leib gerissen hatte. Er hatte daraufhin mit nacktem Oberkörper um sein Leben rennen müssen.

Ein Video davon war viral geworden und das Bild von ihm mit nacktem Oberkörper hatte schließlich seine eigene Kollektion inspiriert, das On-Off Shirt.

Eigentlich handelte es sich dabei um ganz normale Shirts. Sie kamen nicht im Fetzenlook daher und waren auch nicht leichter an oder auszuziehen als jedes andere x-beliebige Oberteil. Doch die Fans waren trotzdem total wild auf die Dinger. Wenigstens eine Zeitlang. In letzter Zeit waren die Verkaufszahlen nämlich gesunken. Sein Agent versuchte gerade verzweifelt, den Werbevertrag zu erneuern.

Zu dem Deal gehörte – und in diesem Punkt würde Jude niemals nachgeben –, dass Copenhagen zehn Prozent des Gewinns an eine wohltätige Organisation zahlte, die sich um gefährdete Teenager kümmerte.

Andererseits waren zehn Prozent von nichts immer noch nichts.

„Würden Sie es bitte für mich signieren? Ich heiße Shari.“ Das Mädchen hielt einen schwarzen Permanentmarker in die Höhe.

„Klar“, sagte Jude.

„Genau hier.“ Shari berührte ihre linke Brust und beugte sich vor, damit Jude die Stelle erreichen konnte. „S-H-A-R-I“, buchstabierte sie und tippte erneut auf ihren Busen.

Jude wurde bleich. Das Mädchen war viel zu jung für so etwas. Er warf Juliette, die gerade ein paar Münzen aus einem kleinen Geldbeutel fischte, einen hilfesuchenden Blick zu.

Wie peinlich.

Es wäre gelogen, wenn Jude nicht zugeben würde, dass so etwas bei den Rodeos regelmäßig passierte, doch die Frauen dort waren, nun ja, erwachsene Frauen eben. Keine Teenager.

Beim Rodeo gehörte das irgendwie dazu. Er flirtete, die Frauen flirteten zurück. Er gab Autogramme – ja, manchmal auch auf den nackten Bauch oder dem Ausschnitt. Das gehörte einfach zu dem Image des unkonventionellen Cowboys, das er pflegte.

Doch hier, mit Juliette an einem Tisch zu sitzen, während dieses Mädchen ihm die Brust ins Gesicht reckte, das war einfach nicht richtig.

Er lehnte sich zurück, um ein wenig Abstand zwischen sich und das Mädchen zu bringen, dann deutete er auf den langen Ärmel des Oberteils. „Ich unterschreibe lieber hier.“

Sie wirkte enttäuscht. Er unterschrieb und sagte dann, so professionell wie er nur konnte: „Vielen Dank für deine Unterstützung, Shari.“

Zum Glück wandte sich das Mädchen jetzt einfach ab und ging wieder an ihren Tisch zurück. Nachdem sie weg war, sagte Jude beschämt: „Tut mir leid.“

„Geschäftsrisiko, was?“

„So was in der Art.“

Juliette fütterte nun die Jukebox und gab ein paar Nummern ein. Der erste Song war „To The Moon And Back“ von Luke Bryan.

„Wenn du das mit dem Verkauf wirklich ernst meinst, hättest du das Ganze nicht über irgendwelche Anwälte abwickeln können?“, fragte sie.

Er war erleichtert, dass die Sache mit Shari sie offenbar nicht weiter gestört hatte, oder dass sie wenigstens bereit war, darüber hinwegzusehen.

„Ja, schon, aber ich muss das Land vorher noch mal mit eigenen Augen sehen. Meine Maklerin hat gesagt, dass der Käufer ein paar Fragen hat. Außerdem muss ich mit Ethan persönlich darüber reden.“

Sie nickte. „Das ist eine gute Idee. Er könnte das Ganze vielleicht nicht ganz so gut aufnehmen.“

Juliette verstand es. Sie wusste noch immer, wie die Dinge in seiner Familie liefen.

Genau das wollte er ihr gerade sagen, als die Türglocke erneut bimmelte und Tony Darcy, ein alter Kumpel von der Highschool, mit zwei kleinen Kindern hereinkam.

„Hey, Tony“, rief Jude. „Was geht ab, Mann?“

„Campbell? Was zur … was in aller Welt machst du denn hier?“

Sie schüttelten sich die Hand und umarmten sich kurz, dann begrüßte Tony Juliette.

Eine Weile unterhielten sie sich und tauschten Neuigkeiten aus.

Tony erzählte ihm, dass er mittlerweile an der Celebration Highschool Mathematik unterrichtete. Vor fünf Jahren hatte er seine Jugendliebe geheiratet. Sie hatten zwei Kinder und das dritte konnte jederzeit auf die Welt kommen.

„Ich freue mich, dass ich dich getroffen habe. Denn jetzt, wo die Geburt so kurz bevorsteht, schaffen Janet und ich es wahrscheinlich nicht zum Klassentreffen. Deshalb bist du doch in der Stadt, oder nicht? Wie lange bleibst du denn?“

Jude zuckte mit den Achseln. „Das ist momentan noch nicht ganz sicher.“

„Wenn du länger bleiben solltest, wärst du dann vielleicht bereit, mal den Rodeo-Club der Highschool zu besuchen? Ich bin der Betreuungslehrer und ich weiß, dass alle unheimlich begeistert wären, mal einen echten Champion kennenzulernen.“

„Klar, ich komme gern.“

Als sie ihre Telefonnummern austauschten, brachte Dottie den Blaubeerkuchen und den Kaffee und die Sachen, die Tony telefonisch zum Mitnehmen bestellt hatte. Tony bezahlte und verschwand wieder, aber erst, nachdem er geschworen hatte, dass er Jude suchen und finden würde, wenn dieser nichts mehr von sich hören lassen würde.

„Weißt du noch, wie wir draußen am See ein Lagerfeuer gemacht haben?“, fragte Juliette ihn jetzt. Ihre Augen funkelten. „Wie Tony und Isaac sich zum Affen gemacht haben, als sie beschlossen haben, nackt schwimmen zu gehen, um alle Mädchen zu schockieren?“

Jude schmunzelte. „Dann sind ihre Klamotten irgendwie aus Versehen im Feuer gelandet.“

Juliette lachte heftig. „Wir mussten ihnen eine Verkleidung basteln, damit sie nicht wegen unsittlicher Entblößung verhaftet wurden.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wir hatten damals wirklich Spaß, was?“ Ein geistesabwesendes Lächeln ließ ihre Gesichtszüge noch weicher wirken, als sie nach ihrer Tasse Kaffee griff.

Jude nahm einen Bissen von dem Kuchen. „Weißt du noch, als mein Dad betrunken war und hinter der Scheune den Kojoten nachgestellt hat, die versucht haben, an die Pferde ranzukommen? Er hat mich beinahe erschossen, weil er gedacht hat, ich wäre ein wildes Tier. Dabei habe ich nur versucht, mich nach dem Zapfenstreich ins Haus zu schleichen.“

„Oh, du warst schon ein ganz Wilder.“ Wieder lachte sie, und ihr Lachen war wie Balsam für seine Seele. „Weißt du noch, wie wir den Baum beim Blockhaus gepflanzt haben? Ich frage mich, ob er noch da ist.“

„Keine Ahnung. Warum finden wir es nicht heraus?“

Juliette hätte Nein sagen sollen. Bei einem Kaffee in Erinnerungen zu schwelgen war eine Sache; an den Ort zurückzukehren, an dem sich das meiste zugetragen hatte, was sie gemeinsam erlebt hatten, war etwas ganz anderes.

Doch jetzt saß sie hier in Judes Truck, und warf ihm aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Das Problem war, dass sie nur ein bisschen Zeit mit ihm verbringen musste und schon drohten all die Gefühle zurückzukehren, die sie in der Vergangenheit für ihn gehabt hatte. Sie fühlte sich bereits jetzt wieder wie ein Teenager … als sie so verliebt gewesen war, dass sie ihre Bedürfnisse nicht von seinen hatte unterscheiden können. Sie hatte die Grenzen zwischen seinem Leben und ihrem Leben nicht wahrnehmen können, denn damals hatte es keine Grenzen gegeben.

Jetzt war sie nicht mehr in ihn verliebt, aber die Chemie zwischen ihnen, diese Elektrizität, die ihre Beziehung stets gekennzeichnet hatte, war immer noch da, und sie war stärker denn je. Sie war sich ziemlich sicher, wenn sie jetzt die Hand ausstreckte und ihn berührte, würden Funken sprühen.

Genau aus diesem Grund musste sie unbedingt auf der Hut sein.

Der Truck rumpelte über die Fahrrinnen, die jetzt langsam in Gras übergingen. Schließlich hielt Jude unter einer großen Lebenseiche an. In den Stamm hatten sie damals ihre Initialen geschnitzt. Das alte Blockhaus war ihr Haus am See gewesen.

Hierher hatten sie sich verzogen, um in ihrer eigenen kleinen Welt zu verschwinden. Himmel, sie waren wirklich zwei verrückte Teenager gewesen, die so heiß aufeinander gewesen waren, dass sie die Finger nicht voneinander hatten lassen können. Aber sogar schon davor, als Kinder, waren sie miteinander befreundet gewesen. Sie waren zusammen ausgeritten, er hatte ihr das Tonnenreiten beigebracht – das Hindernisrennen im Westernstil um Tonnen herum. Sie hatte ihm dafür den Unterschied zwischen einer Salatgabel und einer normalen Gabel erklärt. Er hatte sie festgehalten, wenn sie sich an seiner Schulter ausgeweint hatte, als ihr Dad gestorben war. Sie hatte ihm Ratschläge gegeben, wie er die Beziehung zu seinem Vater verbessern könnte. Sie konnte sich nicht mal mehr daran erinnern, wann sie ihre Beziehung offiziell gemacht hatten. Sie hatten einfach schon immer zusammengehört.

Jude und Juliette.

Juliette und Jude.

Alles war wunderbar gewesen. Bis es das eines Tages nicht mehr gewesen war.

„Sieht gut aus hier“, sagte Jude jetzt. Er sah sich anerkennend um. „Ethan hat sich offenbar für mich darum gekümmert.“

Juliette schnallte sich ab und drehte sich zu ihm um. Es hätte sich ganz normal angefühlt, jetzt zu ihm rüberzurutschen und sich an ihn zu schmiegen.

Aber nein, das durfte sie nicht.

Sie stiegen aus dem Truck und gingen auf den See zu.

„Du lieber Himmel“, sagte Juliette fassungslos und zeigte auf einen hohen Baum am Ufer. „Ist das etwa unser kleiner Schössling?“

„Das muss er sein“, sagte Jude. Denn es war der einzige Baum zwischen dem See und dem Blockhaus, der nicht uralt war. „Sieht ganz so aus, als ob er sich richtig gut gemacht hat.“

„Ich bin so froh, dass er noch da ist“, sagte sie. „Wir haben ihn gepflanzt, Jude. Du und ich. Schau ihn dir an. Er ist wunderschön.“

Er sah stattdessen sie an. „Wenigstens etwas haben wir richtig gemacht. Ich glaube, das ist ein Zeichen.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ein Zeichen wofür?“

Er schenkte ihr ein Lächeln. „Ein gutes Omen für die Zukunft.“

Sie wusste oft nicht, was sie sagen sollte. Als sie jetzt dastand und überlegte, was sie darauf antworten sollte, drehte er sich schon um und ging hinunter zum See.

Die warme Brise zerzauste ihr Haar. Im Wasser sorgte der Wind für leichte Wellen. Es war der perfekte Tag, um draußen zu sein. Das Gras sah aus, als ob es gerade erst frisch gemäht worden war.

Einen Meter von ihnen entfernt glitt plötzlich eine schwarze Schlange dahin.

Juliette stieß einen leisen Schrei aus, machte einen Satz und griff erschrocken nach Judes Arm. Die Reaktion war ein reiner Reflex und sie zog die Hand sofort weg, als sie merkte, wie gut er roch.

Sie verzog das Gesicht zu einem Grinsen. „Du weißt ja, was ich von Schlangen halte.“

Er lächelte. „Ich erinnere mich. Aber mach dir keine Sorgen, die da ist harmlos. Auch wenn es hier natürlich auch noch andere Viecher gibt, die das nicht sind. Haben wir damals wirklich unsere Kleider ausgezogen, um in diesem Wasser zu schwimmen? Nachts?“

„Wir waren total dämlich, was?“

Und verrückt nacheinander.

Sie waren in dem See nicht nur geschwommen. Als ob sie Gedanken lesen konnten, schenkten sie einander nun ein wissendes Lächeln. Jude benahm sich wie ein Gentleman und sagte nichts weiter dazu. Sie wusste, dass sie dankbar dafür sein sollte, aber ihr innerer Teenager war enttäuscht.

„Ich muss mir ein paar Sachen ansehen, während ich hier bin“, sagte er. „Das hier gehört dazu. Der Makler des Käufers hat nämlich behauptet, dass der See beinahe ausgetrocknet ist. Er hat auch gesagt, dass es ein Problem mit dem Fundament geben würde, das mein Dad gelegt hat, als er damals einen Schuppen bauen wollte. Der Makler benutzt all diese Argumente, um den Preis runterhandeln zu können.“

Als sie zu der Stelle gingen, sagte Juliette: „Das klingt, als ob die mit ganz schön harten Bandagen kämpfen würden, Jude.“

Jude zuckte mit den Schultern. „So ist das eben, wenn’s ums Geschäft geht.“

„Was macht der Käufer denn so? Ist er Rancher?“

Als sie zu dem Betonfundament kamen, stieg Jude hinauf und reichte Juliette dann seine Hand, um ihr nach oben zu helfen. Der Zement war verwittert und gesprungen, so wie es zu erwarten war, nachdem er fast zehn Jahre der Witterung ausgesetzt gewesen war.

„Ideal ist das zwar nicht, aber zwanzigtausend Dollar kostet es auch wieder nicht, das Fundament zu entfernen“, sagte Jude.

„Zwanzigtausend Dollar? Soll das ein Witz sein?“

„Wie gesagt, die sind knallhart. Weil ich nicht mehr in Celebration wohne, haben sie wohl geglaubt, ich würde das alles nicht überprüfen.“

„Wer sind diese Betrüger denn überhaupt?“

„Eine Firma, von der ich noch nie zuvor gehört habe. Ich wollte erst mal sehen, was an ihren Behauptungen dran ist. Aber jetzt, wo ich hier bin, werde ich meine Hausaufgaben gründlich machen.“

Juliette nickte. Wenigstens war er nicht schon felsenfest entschlossen, alles diesem Käufer zu überlassen. Sie wusste, dass es albern war, aber der Gedanke daran, dass er das Grundstück verkaufen könnte, machte sie unfassbar traurig. Es fühlte sich irgendwie so an, als ob er damit auch den letzten Rest von dem, was von ihnen beiden als Paar noch übrig war, verschachern wollte. Aber das war selbstsüchtig, denn auch wenn er das Land nicht mehr bewohnte, musste er trotzdem noch Grundsteuer und andere Abgaben dafür bezahlen. Der Gedanke ließ ihr aber trotzdem das Herz schwer werden. Das hier war schließlich ihr Zufluchtsort gewesen.

„Lass mich noch mal die E-Mail von meiner Maklerin ansehen.“ Jude holte sein Handy heraus.

Er tippte und scrollte herunter, dann reichte er Juliette sein Mobiltelefon.

„Hier.“

Sie nahm das Handy und ignorierte, wie sich ihre Hände streiften.

Die E-Mail lautete:

Hi Süßer,

das Angebot für das Grundstück in Celebration, habe ich angehängt. Ruf mich an, wenn du noch Fragen hast. Ruf mich aber auch an, wenn du keine Fragen hast. Ruf mich einfach an.

Küsschen, Afton.

„Küsschen?“, fragte Juliette mit hochgezogenen Augenbrauen, bevor sie sich daran hindern konnte. „Was für eine Maklerin unterschriebt ihre E-Mails denn bitte mit Küsschen?“

Jude lachte. „So ist Afton eben.“

„Also, Afton hört sich ganz so an, als ob sie dich mag. Ist das nicht irgendwie gegen die Regeln? Wie bei Ärzten, die sich nicht mit ihren Patienten einlassen dürfen?“

„Zwischen Afton und mir läuft nichts.“

„Wirklich? Klingt aber so, als ob sie das glaubt, Süßer.“

Er lachte. „Du bist ja eifersüchtig.“ Obwohl sein vertrautes Lachen sie beruhigte, stieg ihr sofort die Hitze in die Wangen.

„Bin ich nicht.“ Sie reckte das Kinn. „Warum sollte ich auch?“

„Weil du mich immer noch liebst.“ Er scherzte, das wusste sie. Er zog sie nur auf, wie er das immer gemacht hatte. Weil sie mit jedem Wort, das sie von sich gab, anscheinend alles nur noch schlimmer machte, antwortete sie nicht. Stattdessen gab sie ihm das Handy zurück.

„Du hast dir den Anhang ja gar nicht angesehen.“

„Das überlasse ich dir.“

Sein Blick begegnete ihrem. Einen Sekundenbruchteil lang sah er aus, als ob er etwas sagen wollte, doch dann konzentrierte er sich wieder auf sein Mobiltelefon. „Das Angebot stammt von einer Firma namens MAG Holdings Limited Partnership. Von denen habe ich noch nie zuvor gehört. Du etwa?“

Juliette schüttelte den Kopf. „Gib das doch mal in die Suchmaschine ein und schau nach, was dabei herauskommt.“

„Es heißt hier, dass MAG Holdings der Mutterkonzern von Metro Arrow Homes ist.“

Das klang gar nicht gut. „Jude, die bauen Häuser. Diese Schuhschachteln, die alle gleich aussehen. Doch der Bebauungsplan hier sieht keine Wohnhäuser vor.“ Juliette sah ihn intensiv an. „Die müssen irgendein Ass im Ärmel haben, denn ich bezweifle, dass die eine Menge Geld bezahlen wollen, um das Grundstück in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln.“

Er runzelte die Stirn, während er die Informationen auf dem Display weiterstudierte. „Nein, das hört sich echt nicht gut an … Ich denke, aus dem Geschäft wird nichts.“

Beide schwiegen, während sie beobachteten, wie ein paar Kraniche über sie hinwegflogen und im flachen Wasser des Seeufers landeten.

„Ich denke, das wäre sicherer“, sagte Juliette. „Bei der Nummer, die sie schon mit dem See und dem Fundament abziehen wollten, habe ich nicht den Eindruck, als ob das ehrliche Geschäftsleute sind.“

Schweigend machten sie sich auf den Rückweg. Juliette wurde bewusst, wie unverändert schön dieser Ort war, und gab sich Mühe, nicht darüber nachzudenken, ob er Afton bitten würde, einen anderen Käufer dafür zu finden. Das saftige grüne Gras, die Bäume, die große Lebenseiche auf der anderen Seite des Blockhauses, wo sie an heißen Sommertagen immer im Schatten Zuflucht gesucht hatten. Es war wie ein Wiedersehen mit einem alten Freund, oder auch wie eine Zeitreise. Wenn sie die Augen zukniff, dann fühlte sie sich augenblicklich in eine einfachere Zeit zurückversetzt, als sie und Jude noch verliebt gewesen waren und sie sich nur Sorgen darüber hatte machen müssen, mit einem Lagerfeuer nicht die Aufmerksamkeit des Sheriffs zu erregen.

„Gehst du zurzeit mit jemandem aus?“, fragte er jetzt unvermittelt.

Die überraschende Frage ließ sie unwillkürlich nach Luft schnappen. Dabei war es durchaus logisch, dass alte Freunde sich diese Frage stellten.

„Im Augenblick gehst du neben mir“, sagte sie lächelnd.

„Das interpretiere ich dann mal als ein Nein. Dann hast du zurzeit also keine feste Beziehung?“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Was ist mit dir? Gibt es jemand Besonderen in deinem Leben oder immer nur mal was für zwischendurch …?“

Okay, das war abgedroschen. Eigentlich hatte sie witzig sein wollen, aber offensichtlich lag ihr das einfach nicht.

„Nein, im Augenblick gibt es niemanden, und nur um das mal klarzustellen, für eine Frau für zwischendurch habe ich keine Zeit. Was soll das überhaupt heißen?“

Juliette zuckte mit den Schultern. „Na ja, du weißt schon, jeden Samstag eine andere Afton.“

„Samstagabend ist meistens ein Rodeo, und wenn ich damit fertig bin – nachdem ich durchgeschüttelt, abgeworfen und vielleicht auch noch getreten worden bin –, bin ich nicht mehr unbedingt in der Stimmung für irgendwas zwischendurch.“

Juliette lächelte. „Gut zu wissen. Ich meine, nicht, dass du abgeworfen wirst.“ Sie verzog das Gesicht. „Genau darum ist es mir immer so schwergefallen, dir zuzuschauen. Ich konnte es nie ertragen, zu sehen, wie du verletzt wirst. Du hast meine ursprüngliche Frage übrigens nie beantwortet. Was machst du in Celebration, wenn die Rodeo-Saison doch noch einen Monat dauert? In zwei Wochen ist schließlich die Weltmeisterschaft. Was ist los, Jude?“

Er verschränkte defensiv die Arme vor der Brust. Sie zog die Augenbrauen hoch.

„Ich bin in dieser Saison ein paar Mal ein bisschen zu heftig gestürzt und muss deshalb die nächsten Wettkämpfe aussetzen.“

„Oh, nein. Geht es dir gut?“

Jude schaute weg, und bohrte die Stiefelspitze in den Erdboden, als ob er so mehr Zeit herausschinden könnte, um seine Antwort zu formulieren.

„Ich hab ein paar schwere Gehirnerschütterungen gehabt. Deswegen konnte ich nicht reiten. Dadurch habe ich jetzt nicht genug Punkte, um für die Weltmeisterschaft qualifiziert zu sein.“ Er fluchte leise. „Was sagst du dazu? Ich bin der amtierende Weltmeister und ich kann nicht mal meinen eigenen Titel verteidigen.“

Er lachte, aber es hörte sich trocken und brüchig an.

Sie kämpfte gegen den Drang an, ihn spontan zu umarmen. „Jude, ich bin unfassbar stolz auf dich, weil du das Richtige tust. Deine Gesundheit ist viel wichtiger als eine Meisterschaft.“

Er machte ein langes Gesicht. „Das ist aber mein Lebensunterhalt, Jules. Es ist nicht einfach nur eine Meisterschaft. Das ist mein Beruf! Es ist das Einzige, was ich kann. Es ist, was ich bin.“

„Aber wenn die Ärzte sagen, dass es keine gute Idee ist, wenn du reitest, dann könnten die Folgen …“

Sie verkrampfte sich. Sie brachte es nicht über sich, das Wort auszusprechen – tödlich. Allein der Gedanke daran sorgte dafür, dass ihr das Herz brach.

Jude zuckte mit den Schultern. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er anderer Meinung war.

Am besten wechselte sie jetzt das Thema, denn sie wollte nicht mit ihm streiten. Nicht am ersten Tag des Wiedersehens nach so vielen Jahren. Sie wusste nicht, was er für Pläne hatte, und ob sie überhaupt viel von ihm zu sehen bekommen würde, solange er zu Hause war. Doch in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie sich das wünschte. Aber egal. Sie hatten diesen Augenblick. Vielleicht war das alles, was eine Rolle spielte.

Als sie den Truck wieder erreichten, ging Jude zur Ladefläche, öffnete die Klappe und zog die Deckplane zurück.

„Ich muss jetzt erst mal meine Sachen ausladen“, rief er ihr über die Schulter hinweg zu.

Während er sein Gepäck auslud, ging Juliette zu dem uralten Baum neben dem Blockhaus, in dem sie einst ihre Initialen in die Rinde geschnitzt hatten.

„Weißt du noch?“, fragte sie lächelnd und fuhr mit dem Finger über die Linien, die in die raue Rinde gekerbt waren; verwittert und dunkel, wie bei einer Wunde, von der eine Narbe zurückgeblieben ist.

„Jude und Juliette 4-ever.“ Judes Stimme klang heiser. „Und hier sind wir wieder.“

Er stellte seine Sachen ab, streckte die Hand aus und fuhr behutsam die Buchstaben nach, dann legte er seine Hand über ihre. Einen Augenblick lang stand sie nur stumm da und versuchte sich einzuprägen, wie warm seine Hand sich auf ihrer anfühlte.

„Jude.“

Er beugte sich vor, bis sie seine Körperwärme spüren konnte, aber sie drehte sich bewusst nicht um. Zurück wich sie aber auch nicht.

Sie wusste plötzlich ganz sicher, wenn sie sich jetzt umdrehen würde, wären seine Lippen ihr viel zu nahe. Am Ende würde sie ihn küssen. Das wollte sie gerade jedenfalls so sehr. Sie wollte seine Lippen wieder schmecken, um herauszufinden, ob sein Kuss noch immer so war wie früher … ob er noch so schmeckte … ob er sich noch so anfühlte.

„Ich wollte eigentlich nur nach dem Schössling sehen, den wir gepflanzt haben“, sagte er. „Diesen Baum habe ich ganz vergessen. Wie konnte ich ihn nur vergessen?“

Juliette zuckte mit den Achseln. Sie konnte jetzt seinen speziellen Geruch wahrnehmen – eine Mischung aus Leder, Zitrone und Gras. Wie war es möglich, dass so viel Zeit vergangen war und Jude immer noch genauso roch wie damals? Sie holte tief Luft.

Seine Nähe ließ sie unweigerlich erschauern. „Er ist immer noch da. Er hat sich bewährt“, flüsterte sie.

„Ich bin froh, dass du mich nie vergessen hast, Jules.“

Wenn sie jetzt nicht auf Abstand ging, würde sie etwas tun, das sie später vielleicht bereuen würde.

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht.

„Dich vergisst man nicht so leicht.“

Es war seltsam, wieder an dem Ort zu sein, wo alles angefangen hatte … und wo es geendet hatte. Als ob sie wegen einer zweiten Chance hergekommen waren … um alles wieder in Ordnung zu bringen.

Er drehte sie zu sich um, legte die Arme um sie, zog sie an sich und gab ihr einen sanften Kuss auf die Lippen. Sie umfing sein Gesicht mit beiden Händen und presste den Mund auf seinen. Der Kuss fing langsam und sanft an, aber nur eine Sekunde lang. Dann schloss Jude die Arme fester um sie und ergriff vollständig Besitz von ihrem Mund. Die Leidenschaft entzündete augenblicklich ein unbändiges Verlangen in ihr. Sie öffnete die Lippen und vertiefte den Kuss, dann lehnte sie sich an ihn, als ob ihr nächster Atemzug nur von ihm abhing.

Einen Augenblick lang setzte ihr gesunder Menschenverstand vollständig aus und die Welt verschwand. Er presste sie noch enger an sich, als ob er so seinen Anspruch auf sie geltend machen wollte. So viele unausgesprochene Gefühle lagen in dieser wortlosen Beichte.

Er schmeckte nach dem Blaubeerkuchen, den sie sich geteilt hatten, nach Kaffee, und nach dem Zimtkaugummi, den er im Truck gekaut hatte. Außerdem nach etwas, das ihr einen Stich ins Herz versetzte. Nach dem Trost ihrer gemeinsamen Vergangenheit vermischt mit der Verheißung einer Zukunft.

Endlich … nach all den Jahren.

Juliette hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als sie sich endlich voneinander lösten. Der Kuss war sogar noch besser gewesen, als sie Judes Küsse in Erinnerung gehabt hatte, denn sie waren nun keine Teenager mehr. Sie mussten sich nicht mehr für einen verstohlenen Augenblick wegschleichen. Das hier war Jude, der sie an sich zog, Jude, der ihre Lippen küsste, Jude, der die verlorenen Jahre irrelevant erscheinen ließ.

„Es gibt noch so viel, was wir nicht getan haben.“ Seine Lippen waren nur ein Flüstern weit von ihren entfernt. „Was sollen wir deswegen unternehmen?“

Wie war damals alles so schiefgegangen? Es war schwierig, sich daran zu erinnern.

Doch das war die große Preisfrage, und die sorgte dafür, dass sie urplötzlich wieder zu sich kam. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatten sie einander unendlich viel bedeutet, aber nachdem sie Schluss gemacht hatten, hatte es den Anschein gehabt, als ob es wirklich und wahrhaftig aus zwischen ihnen gewesen war. Jahrelang hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Aber jetzt, nur ein paar Stunden nach dem Wiedersehen … waren sie hier.

Juliette wusste, was sie wollte und was sie brauchte. Aber wer konnte wissen, wie lange Jude überhaupt hierbleiben würde. Sie mussten zuerst einmal über alles reden – darüber, was damals passiert war. Ganz egal, wie gut sich alles gerade anfühlte, sie konnten die Vergangenheit nicht einfach begraben und so tun, als wäre nie etwas passiert. Doch sie wusste nicht, wie viel sie von den dunklen Seiten ihrer gemeinsamen Vergangenheit wieder ans Tageslicht zurückzerren wollte.

2. KAPITEL

Jude zu küssen war wie eine Zeitreise. Sie waren plötzlich wieder achtzehn. Sie hatten keine Sorgen. Wie immer, wenn sie zusammen waren, gab es den Rest der Welt nicht mehr. Aber fünfundvierzig Minuten später war Juliette wieder zu Hause. Jude hatte sie an der Campbell Wedding Barn abgesetzt, wo sie ihr Auto stehengelassen hatte. Sie hatte nicht vorgehabt, den Abschied peinlich zu machen, aber Zanes Truck stand vor Lucys Haus. Also waren Zane und Lucy von ihrem Ausflug zurück. Wenn Lucy sehen würde, wie sie aus Judes Truck stieg, würde ihre Freundin sie sofort mit Fragen bombardieren, die sie im Augenblick aber nicht beantworten konnte und wollte. Außerdem hatte ihr ein Blick in den Rückspiegel zerzaustes Haar, geschwollene Lippen und verschmierte Make-up-Spuren offenbart. Sie sah definitiv gut geküsst aus.

Also hatte Juliette ihre Handtasche gepackt, Jude ein hastiges Küsschen gegeben und war sofort zu ihrem Auto gehuscht.

Als sie wegfuhr, hatte Jude leicht konsterniert ausgesehen. Er hatte schnell mit dem Daumen am Ohr und dem kleinen Finger am Mund die internationale Geste für Ich ruf dich an gemacht.

Juliette hatte nur gewinkt.

Himmel. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte … was sie tun wollte. Oder ob es eine gute oder eine schlechte Idee war, darüber überhaupt nachzudenken. Natürlich war das keine gute Idee. So viel sagte ihr schon der gesunde Menschenverstand, aber anscheinend kam die Botschaft bei ihrem Herz nicht an.

Als ob das nicht schon genug wäre, warteten zu Hause noch dringendere Probleme auf sie. Ihre Mutter und Chelsea hatten in Juliettes Auffahrt geparkt. Also musste Juliette am Straßenrand parken und ihr Bestes versuchen, um den verschmierten Mascara unter ihren Augen zu entfernen. Plötzlich fühlte sie sich wieder wie der Teenager von einst, wenn sie sich nach einem verbotenen Nachmittag mit Jude wieder ins Haus zurück geschlichen hatte. Ihre Mutter war nämlich noch nie ein Fan von Jude Campbell gewesen.

Was in aller Welt machten ihre Mutter und Chelsea hier? Natürlich wartete ihre Mutter gar nicht erst auf eine Einladung. Als Juliette die Haustür aufsperrte, wappnete sie sich innerlich schon einmal für welche Krise oder welches Drama auch immer ihre Mutter hergelockt hatte.

Bevor sie das Foyer durchquert hatte, kam ihr kleiner Corgi Franklin bereits angerannt. Er schlitterte über das Parkett und bellte laut zur Begrüßung. Juliette bückte sich, um ihn zu streicheln. „Du bist mir vielleicht ein Wachhund, Franklin. Du sollst doch dafür sorgen, dass die Leute draußen bleiben, und nicht dafür, dass sie reinkommen.“

Der kleine Hund rollte sich daraufhin auf den Rücken, damit sie ihn am Bauch kraulen konnte. „Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall. Hast du ein Glück, dass du so niedlich bist.“ Sie stand auf. „Hallo?“

„Hallo“, rief ihre Mutter zurück. „Juliette, Liebling? Bist du das? Wir sind in der Küche. Komm doch bitte zu uns.“

Juliette war schwer versucht, sich bei ihrer Mutter für die Einladung in ihre eigene Küche zu bedanken, aber sie hatte überhaupt keine Lust auf einen Streit. Als sie in die Küche kam, saß ihre Mutter mit ein paar Dutzend Stoffmustern vor sich auf dem Tisch da. Sie trank Tee, während Chelsea verschiedene Farbkombinationen in die Höhe hielt und diese verglich. Ihre Mutter bewertete die Optionen mit einem knappen Ja oder Nein. Chelsea, die ausgebildete Dekorateurin war, legte die Muster danach auf die entsprechenden Stapel.

„Ah, da bist du ja“, sagte ihre Mutter, als sie Juliette erblickte. „Ich brauche dringend deinen Rat als Expertin. Aber Chelsea ist so ein Schatz. Sie hat sich bereiterklärt, mir zu helfen, die Stoffe für das neue Haus auszusuchen. Ich habe versucht, dich zu erreichen, abe...

Autor

Stella Bagwell

Eigentlich ist Stella Bagwell gelernte Friseurin, tragischerweise entwickelte sie aber eine Haarspray-Allergie. Schlecht für sie, gut für ihre Leserinnen. Denn so verfolgte Stella ihr kreatives Talent in eine andere Richtung weiter und begann mit viel Enthusiasmus, Romane zu schreiben. Was ganz bescheiden auf einer alten Schreibmaschine begann, entwickelte sich auch...

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Teresa Southwick

Teresa Southwick hat mehr als 40 Liebesromane geschrieben. Wie beliebt ihre Bücher sind, lässt sich an der Liste ihrer Auszeichnungen ablesen. So war sie z.B. zwei Mal für den Romantic Times Reviewer’s Choice Award nominiert, bevor sie ihn 2006 mit ihrem Titel „In Good Company“ gewann. 2003 war die Autorin...

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