Bianca Exklusiv Band 407

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Heiße Küsse und eisiger Schnee. Die scheue Rebecca glaubt zu träumen, als sie halb erfroren in den Armen eines Ranchers erwacht. Sie fühlt: Mit ihrem starken Retter will sie auch nach dieser Winternacht zusammen sein. Doch dann muss Rebecca eine schwere Entscheidung treffen …

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Ein arroganter Milliardär ist das Letzte, was die alleinerziehende Mya braucht. Aber leider ist Giles Wainwright der leibliche Daddy ihrer geliebten Adoptivtochter Lily und setzt alles daran, die Kleine zu gewinnen … Was dann doch etwas mit Myas Herzen macht: Sie verliert es!

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  • Erscheinungstag 07.11.2026
  • Bandnummer 407
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538282
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Caro Carson, Rochelle Alers, Meg Maxwell

BIANCA EXKLUSIV BAND 407

Caro Carson

1. KAPITEL

Mit achtzehn verließ James Waterson III die Ranch seiner Familie in Texas – bereit, die ohnehin schon hohen Erwartungen seiner Freunde und Familie, Lehrer und Trainer noch zu übertreffen. James der Dritte – unter den Rancharbeitern, unter Footballfans, Headhuntern und Reportern auch besser bekannt als Trey – hatte beim Highschoolfootball brilliert. Sogar die National Football League war schon auf ihn aufmerksam geworden.

Mit zwanzig war Trey dann komplett gescheitert.

Was stimmt bloß nicht mit dem Jungen? Er hatte doch so tolle Chancen!

Was stimmt denn nicht mit ihm? Er war doch immer so gut in der Schule.

Was stimmt eigentlich nicht mit dem Sohn der Watersons? Der nimmt doch bestimmt Drogen!

Was für eine Verschwendung, was für eine Schande, warum, warum, warum?

Seine Eltern waren etliche Male zu ihm nach Oklahoma gekommen, um das Gespräch mit seinen Trainern und den Professoren zu suchen, aber niemand konnte nachvollziehen, warum der vielversprechende Studienanfänger Trey Waterson im zweiten Studienjahr plötzlich beim Football komplett die Spielregeln zu vergessen schien.

Nein, Mr. Waterson, ich behaupte nicht, dass Ihr Sohn nicht mit Stress umgehen kann, aber viele junge Spieler verfallen durchaus in Panik, wenn sie plötzlich in einem großen Stadion spielen sollen. Wir sprechen hier immerhin von über hunderttausend Zuschauerinnen und Zuschauern!

Allerdings konnte niemand mehr leugnen, dass Trey auch nicht mehr locker Einsen schrieb, sondern mit Mühe und Not Vieren, oft genug sogar Fünfen.

Er sollte eigentlich direkt nach den Vorlesungen zum Nachhilfeunterricht in mein Büro kommen, Mrs. Waterson, aber Ihr Sohn ist nie bei mir aufgetaucht. Und wie ich dem Sportdirektor bereits mitgeteilt habe, kann ich niemandem helfen, der sich nicht helfen lassen will.

Treys Eltern hatten seinen Beteuerungen geglaubt, dass er nicht geschwänzt hatte und auch keine Drogen nahm. Dann war ihnen eingefallen, dass er vor einigen Monaten bei einem Heimspiel den Ball heftig an den Kopf bekommen hatte. Sie fragten sich, ob sein Zustand womöglich eine Spätfolge davon war.

Wir kümmern uns immer gut um unsere Spieler. Ihr Sohn hat eine Computertomografie und eine neurologische Untersuchung bekommen. Alles sieht völlig normal aus. Er hat keine Schäden davongetragen und auch keinen Gehirntumor oder etwas anderes, das sein verändertes Verhalten erklären würde.

Das war die niederschmetterndste Nachricht von allen gewesen: Trey war den Ärzten zufolge völlig gesund.

Für alle Fälle wurde noch eine Magnetresonanztomografie angeordnet. Anschließend teilte man Trey mit, das Ergebnis sei „unauffällig“. Er konnte auf einem Bein stehen, konnte seine Nase mit dem Zeigefinger berühren, seine Zunge gerade herausstrecken und den Präsidenten der Vereinigten Staaten nennen.

Als er schließlich doch den Weg ins Sprechzimmer seines Professors fand und ihm eine schwierige Algebraaufgabe vorrechnete, glaubte der den Ärzten ebenfalls. Mit Trey war anscheinend tatsächlich alles in Ordnung. Er durchlebte eben eine schwierige Phase oder schlief einfach schlecht, warum auch immer.

Nach dem Gespräch mit seinem Professor ließ dieser Trey einen verpassten Test nachschreiben, weil er immerhin die Zukunft des Footballteams von Oklahoma Tech war.

Trey versagte komplett.

Er verstand zwar die Theorie, konnte aber die einfachsten Rechenaufgaben nicht im Kopf lösen. Er wusste plötzlich noch nicht einmal mehr, wie viel fünf plus zwölf war. Er schwitzte sein Hemd durch und übergab sich fast vor Panik, als er sogar beim Abzählen mithilfe seiner Finger scheiterte. Siebzehn mal vier? Dafür reichten seine Finger nicht, so viel wusste er immerhin noch.

Es tut uns sehr leid, Mr. und Mrs. Waterson. Ich weiß, Ihr Sohn hat den Drogencheck bestanden, aber die Jungs sind oft sehr clever beim Vertuschen ihres Konsums. Okay, okay, vielleicht hat er tatsächlich keine Drogen genommen, aber wir haben ihn trotzdem aus dem Footballteam entlassen. Er hat bis Mai Zeit, seinen Notendurchschnitt zu verbessern.

In den Osterferien kehrte Trey nach Hause zurück, um beim alljährlichen Brandmarken der Kälber zu helfen. Tag für Tag warf er mühelos Lassos und markierte Kälber mit Brandzeichen. Sein Alltag fühlte sich so verdammt normal an, dass er nicht mehr nachvollziehen konnte, warum er so komplett versagt hatte. Nach den Ferien würde er einfach an die Uni zurückkehren und die versäumte Arbeit nachholen. Irgendwie würde er seinen neunzehnten Geburtstag schon überstehen.

Doch dann griff er eines Tages nach dem Brandeisen, um ein Kalb zu markieren, und wusste plötzlich nicht mehr, ob er das Eisen richtig herum hielt. Er befand sich auf der James-Hill-Ranch, das Brandzeichen bestand also aus den drei Initialen JHR. Doch das Eisen sah irgendwie verkehrt herum aus, und es umzudrehen, verschaffte ihm auch nicht mehr Klarheit.

Beeil dich, sonst kühlt es noch ab!

Er schien es richtig zu halten, wenn die Arbeiter ihn schon dazu drängten, sich zu beeilen. Und so brandmarkte James Waterson III ein Kalb seiner Familie für immer mit den Initialen der Ranch, allerdings in der verkehrten Reihenfolge. Er kehrte an die Oklahoma Tech zurück, fiel in sämtlichen Fächern durch, wurde zwanzig und kehrte nie wieder nach Hause zurück.

Am Telefon war es nämlich viel einfacher, seine Eltern zu belügen. Er lebte in einer hübschen Wohnung, hatte einen guten Job, ein gutes Leben. Nein, er würde nächstes Jahr nicht an die Uni zurückkehren, aber das war völlig okay so, weil er sowieso lieber etwas Praktisches arbeiten wollte. Das war seine Erklärung für alles: Er arbeitete lieber mit den Händen. Seine Eltern brauchten ja nicht zu wissen, dass er für eine Gartenbaufirma Mulch auf Beeten verteilte.

Seine Mutter sorgte sich schrecklich um ihn, doch es gelang ihm, sie bei ihren jährlichen Besuchen zusammen mit seinem Vater zu täuschen. Kurz vor ihrer Ankunft fuhr er so lange zwischen seiner Einzimmerwohnung und ihrem Hotel hin und her, bis er sich tatsächlich nicht mehr verfuhr. Er plante vorab, in welche Restaurants sie gehen würden, und übte auch die Fahrtwege dorthin ein. Er lächelte und ließ Namen fallen, als hätte er jede Menge Freunde, und wenn seine Eltern nach vier oder fünf Tagen wieder nach Hause fuhren, kehrte er in seine selbst gewählte Isolation und in seinen ihm Sicherheit gebenden Alltag zurück.

Doch wie es jetzt aussah, würde er bald zur James-Hill-Ranch zurückkehren müssen.

Ratlos betrachtete Trey die Hochzeitseinladung auf elfenbeinfarbenem Pergamentpapier. In dem Umschlag befanden sich kleine Quadrate aus Seidenpapier und Extraumschläge, was ihn komplett verwirrte, bis er sämtliche Teile auf seinem Küchentresen ausgebreitet hatte und die schwarze Gravur las.

Miss Patricia Ann Cargill

und

Mr. Luke Edward Waterson

laden Sie herzlich

zu ihrer Hochzeit ein.

Der Bräutigam war sein jüngerer Bruder – sein einziger Bruder. Die Hochzeit würde auf der Ranch stattfinden, die Trey zu einem Drittel gehörte. Es gab keine akzeptable Ausrede, nicht hinzugehen.

Ob er nun bereit dazu war oder nicht – nach zehn Jahren Abwesenheit musste Trey Waterson wieder zur James-Hill-Ranch zurückkehren.

Doch schon allein bei der Vorstellung brach ihm der kalte Schweiß aus.

Becky Cargill saß mit einem Glas Eiswasser auf ihrem Platz in der ersten Klasse und schwitzte sehr undamenhaft. Noch nie in ihrem Leben war sie so nervös gewesen. Allerdings hatte sie auch noch nie versucht, von zu Hause wegzulaufen.

Die Flugbegleiter waren ihr gegenüber auffällig diensteifrig, sogar für die erste Klasse. Becky fragte sich, ob sie womöglich so krank aussah, wie sie sich fühlte, oder ob man einfach ihren Namen auf der Passagierliste gesehen hatte. Becky war natürlich nur ein Allerweltsname, aber ihr Nachname … tja, der repräsentierte Geld. Klar, nicht jeder Cargill war mit den texanischen Ölbaronen verwandt, so wie nicht jeder Rockefeller oder DuPont einer der Rockefellers oder der DuPonts war. Beckys Mutter aber hatte tatsächlich einen der Cargills geheiratet und legte großen Wert darauf, dass das nie jemand vergaß.

Beckys leiblicher Vater war zwar kein Cargill, aber als der Mann, den alle Daddy Cargill nannten, ihr Stiefvater geworden war, hatte er seine neue Stieftochter seinen Nachnamen annehmen lassen, und ihre Mutter ließ sie ihn natürlich nicht mehr ablegen. Niemals.

Becky war ihre kleine Trophäe, stets wie ein niedliches Püppchen gekleidet, die personifizierte süße Unschuld. Bei den richtigen Leuten konnte Charlene äußerst charmant sein. „Ich bin Charlene Maynard“, stellte sie sich dann strahlend vor – oder Lexington –, je nachdem, welcher der Namen ihrer Ehemänner gerade mehr en vogue war, bevor sie auf Becky zeigte. „Und das hier ist meine reizende kleine Tochter, Becky Cargill.“

Beckys abweichender Nachname war für ihre Mutter eine sehr nützliche Eintrittskarte – der Beweis, dass sie in mehr als nur einer Dynastie als Ehefrau für die richtige Art Mann aufgenommen worden war.

Erst vor Kurzem hatte Becky es begriffen. Sie gehörte mit zu den Gründen, warum Männer ihrer Mutter einen Heiratsantrag machten. Mr. Lexington zum Beispiel hatte sich gern für Klatschmagazine als hingebungsvoller Stiefvater eines Mitglieds der Cargill-Dynastie ablichten lassen, weil dies auf eine Verbindung zwischen den Lexingtons und den Cargills schließen ließ. Für die Maynards steckte ein anderer Anreiz dahinter: Die Familie hatte mehrere junge Söhne. Würde Becky Cargill nicht eines Tages genau die richtige Art Mädchen für einen ihrer vielen Nachkömmlinge sein?

Bis dahin sollte man Becky sehen, aber nicht hören. Sie musste lächeln, anstatt zu weinen, und immer hübsch, rein, unschuldig und fügsam sein.

Becky berührte den Perlmuttknopf am züchtig hochgeschlossenen Bubikragen ihrer Kaschmir-Strickjacke. Seit der Scheidung ihrer Mutter von Daddy Cargill hatte sich Beckys Stil kaum verändert.

Damals war sie neun Jahre alt gewesen. Inzwischen war sie vierundzwanzig, auch wenn kein Mensch das je vermuten würde, der sie sah – dafür sorgte ihre Mutter schon. Becky hatte sich daher umso verbitterter gefühlt, als ihre Mutter im Sommer plötzlich Andeutungen über die richtige Art Männer hatte fallen lassen – Becky kam ihrer Meinung nach anscheinend allmählich in ein gewisses Alter.

Dieser Schock hatte sich dann an diesem Winterwochenende in schiere Verzweiflung verwandelt, als ihre Mutter ihr nicht ohne Gehässigkeit mitteilen ließ, dass Becky allmählich eine gewisse Dankbarkeit für den privilegierten Lebensstil zeigen sollte, dessen Nutznießerin sie war.

Eigentümer des Ferienhauses auf Cape Cod, in dem sie zurzeit wohnten, war ein Mann namens Hector Ferrique, der alt genug war, um Beckys Großvater zu sein. Beckys Mutter zufolge wurde es Zeit, sich bei ihm für ihre kostenlose Unterkunft erkenntlich zu zeigen, und zum ersten Mal in Beckys unschuldigem Leben erwartete ihre Mutter von ihrer Tochter, das zu übernehmen. Die Stimme ihrer Mutter hallte Becky noch im Ohr:

Hector kommt heute Abend, und morgen fliegen wir alle über Weihnachten in die Karibik. Ich habe deine Sachen schon gepackt.

Den Flugbegleitern fiel auf, dass Becky nach ihrer Brechtüte tastete. „Kann ich Ihnen noch etwas bringen? Vielleicht ein Ginger Ale oder ein paar Cracker?“

Warum reihen Sie nicht einfach fünf von diesen kleinen Scotch-Fläschchen auf meinem Klapptisch auf?

Nein, besser doch nicht, denn Becky hatte noch nie Alkohol getrunken. Außerdem war sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein unterwegs und musste daher bei klarem Verstand bleiben. Vermutlich würde man sie auch dazu auffordern, ihren Personalausweis vorzuzeigen, was ihr dann endgültig den Rest geben würde. Sie würde womöglich in Tränen ausbrechen oder wütend werden.

„Eiswasser reicht völlig, danke. Können Sie mir sagen, warum das Flugzeug noch nicht abgehoben hat?“

„Wir warten noch auf die Wettervorhersage für Austin. Wir können nicht starten, wenn der Flughafen dort wegen Schnee geschlossen wird.“

Becky betrachtete den verschneiten Flughafen Bostons durch das Fenster. „Es schneit doch jeden Tag.“

„Ja, aber in Texas ist das sehr ungewöhnlich.“ Die Flugbegleiterin tippte entschuldigend auf ihre Armbanduhr. „Wir bekommen stündlich Neuigkeiten, sodass wir bald wissen werden, ob wir das Okay bekommen. Keine Sorge, Miss Cargill, unsere Angestellten werden für alternative Transportmöglichkeiten sorgen, falls der Flug storniert wird. Sie werden natürlich bevorzugt behandelt. Wir bekommen Sie schon rechtzeitig bis Weihnachten nach Hause.“

Offensichtlich ging die Flugbegleiterin davon aus, dass Becky als ein Mitglied der Cargill-Dynastie in Texas zu Hause war. Statt sie zu korrigieren, lächelte Becky nur liebreizend, sodass die Flugbegleiterin zum Geschäftsmann eine Reihe vor Becky weiterging und diesem gegenüber ihre Erklärung wiederholte.

Becky betupfte sich die Oberlippe dezent mit einer Serviette. Es war ihr total peinlich, dass sie so schwitzte. Ein Schweißtropfen rollte sogar direkt zwischen ihre Brüste, aber natürlich würde sie sich dort nie betupfen.

Mutter hat meine Abwesenheit bestimmt schon bemerkt. Sie wird beim Flughafen anrufen, und man wird mich aus dem Flugzeug holen wie ein kleines Kind. Man wird noch nicht einmal nach meinem Ausweis fragen, wenn sie sagt, ihre Tochter halte sich ohne ihre Erlaubnis im Flugzeug auf.

Doch wie durch ein Wunder teilte die Pilotin in diesem Augenblick über die Lautsprecher mit, dass sie jetzt starten würden, und Beckys Übelkeit verwandelte sich in verzweifelte Hoffnung. Wenige Minuten später war der Flieger auf der Startbahn. Gleich würde sie Boston, ihre Mutter und den schrecklichen alten Sack hinter sich zurücklassen, dem Becky ihre Jungfräulichkeit hatte opfern sollen.

Becky fand es irgendwie beruhigend, dass eine Frau im Cockpit saß. Der einzige Mensch, der sie vor Hector Ferrique beschützen würde, war nämlich ebenfalls eine Frau.

Das Flugzeug hob ab. Becky war die Flucht anscheinend gelungen. Sobald sie in Texas gelandet war, würde sie erst einmal untertauchen müssen, sonst spürte ihre Mutter sie bald auf und holte sie zurück, falls Becky niemanden fand, der stark genug war, sich ihr entgegenzustellen – selbst wenn der Flughafen in Austin nach ihrer Ankunft geschlossen wurde. Und Becky war in ihrem ganzen Leben bisher nur einem Menschen begegnet, der es mit ihrer Mutter hatte aufnehmen können – Daddy Cargills leibliche Tochter Patricia.

Becky hatte ihre acht Jahre ältere Stiefschwester früher förmlich angehimmelt. Patricia war an den Wochenenden und in den Ferien immer vom Internat nach Hause gekommen, um Beckys Mutter in Schach zu halten. Einmal hatte Becky mit großen Augen beobachtet, wie Patricia ihrer Mutter sogar den Schlüssel zum Weinkeller aus der Hand genommen hatte. Ich glaube, es gibt jede Menge anderer Jahrgänge, die du trinken kannst. Heben wir den Côte de Nuits doch für einen passenderen Anlass auf, nicht wahr?

Danach hatte Patricia ihrer Stiefschwester eine ganze Dose Cola spendiert und sie diese in ihrem Zimmer austrinken lassen, während Becky vor Patricias dreiteiligem Toilettenspiegel saß und roten Lippenstift ausprobierte.

Aber natürlich war die Scheidung ihrer Eltern unvermeidlich gewesen. Also zogen Becky und ihre Mutter eines Tages aus, als Patricia im Internat gewesen war. Becky hatte weinend gesagt, dass sie eine Cargill bleiben wollte, und ihre Mutter hatte eingeräumt, dass es durchaus klug wäre, den Namen zu behalten. Allerdings hatte Becky etwas ganz anderes damit gemeint.

Als Charlene heute Morgen Hector Ferriques Besuch angekündigt hatte, war Becky in der Zeitung eine Anzeige für die Hochzeit von Patricia Cargill in Austin ins Auge gesprungen und sofort hatte sie die Gelegenheit zur Flucht ergriffen. Sie überzeugte nur noch den Chauffeur davon, dass ihr Flug schon vormittags ging und ihre Mutter erst nachmittags abreiste: „Wissen Sie, meine Schwester, Patricia Cargill, heiratet dieses Wochenende in Austin. Ich fliege zu ihrer Hochzeit, während Mutter und Hector schon nach Bimini vorfliegen. Nein, nur die drei blauen Taschen sind meine, der Rest gehört Mutter. Danke.“

Becky hoffte, dass ihr Nachname ihr den Zutritt zur Hochzeit gewähren würde, auch wenn sie gar nicht persönlich eingeladen war – und dass Patricia ihre Mutter in hohem Bogen rauswerfen würde, sollte die es wagen, ebenfalls aufzutauchen. Becky hoffte, selbst jedoch bleiben zu dürfen, möglichst für immer.

Dieser Plan war zwar ziemlich dürftig, aber etwas Besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen – unschuldig und folgsam, wie sie war.

Bitte, Patricia, wirf mich nicht raus! Ich bin immer noch die kleine Becky Cargill von früher und kann sonst nirgendwo hin.

Becky blinzelte durch die Schneeflocken auf die endlose zweispurige Landstraße, die noch nicht mal einen Namen hatte. Ein Stück weiter befand sich ein weiteres Ranchgatter. Zwei Pfosten und ein Querbalken – so sahen in Texas alle Ranchgatter aus.

Sie war schon bei zwei falschen Gattern abgebogen und war beim ersten Mal so nervös geworden, dass sie dem kleinen Wagen grässliche Geräusche im Rückwärtsgang entlockt hatte. Bei der zweiten falschen Einfahrt hatte sie daher den Rückwärtsgang vermeiden wollen und stattdessen gewendet, was ihr auch gelungen war, nur dass dabei auf dem holprigen Rückweg zur Straße ihr ganzes Gepäck durcheinandergewirbelt worden war.

Am nächsten Gatter konnte sie den Buchstaben J erkennen. Wenn dieses J für James stand, war sie endlich dort, wo sie hinwollte. Da ihr GPS schon vor Stunden versagt hatte, wusste sie nicht, wo sie sich befand. Sie hatte keine Ahnung.

Ihr Handy allerdings hatte immer noch Empfang, denn in diesem Augenblick klingelte es schrill. Unbeholfen fummelte Becky es aus ihrer Lederhandtasche. Der Name ihrer Mutter stand auf dem Display.

Nervös krampfte sie die Hände ums Lenkrad. Sie konnte jetzt nicht rangehen. Sie fuhr nur sehr selten Auto und war noch nie mit einem wie diesem hier gefahren, also musste sie sich konzentrieren.

Eigentlich hatte sie gar nicht selbst fahren wollen, doch als sie am Flughafen nach einem Taxi gefragt hatte, war sie nur herzhaft ausgelacht worden, sodass sie sich beim erstbesten Autovermieter angestellt hatte. Erst zu spät war ihr eingefallen, dass ihre Mutter bestimmt ihre Kreditkartenabrechnung überprüfen würde. Dann würde sie rasch herausfinden, wo ihre Tochter steckte.

Ihr Handy klingelte wieder. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter bereits herausgefunden, dass sie in Houston gelandet war.

„Mist!“, rief Becky, als ihr auffiel, dass sie vor lauter Aufregung am Gatter vorbeigefahren war. Sie trat auf die Bremse und wendete, doch der nasse Schnee war inzwischen überfroren, sodass der Wagen ins Schleudern geriet und ihr Kopf gegen das Seitenfenster knallte, bevor der Wagen falsch herum stehenblieb.

Ich werde jetzt nicht weinen!

Der Motor machte wieder das schreckliche Geräusch, als sie den Rückwärtsgang einlegte. Der gesamte Inhalt des Wagens ratterte – einschließlich ihrer Zähne –, als sie die Sandstraße bis zu einem eleganteren, schmiedeeisernen Tor entlangfuhr.

Ich werde jetzt nicht weinen. Ich bin völlig cool.

Als sie vor dem Haus ankam, stellte sie den Motor ab, stieg aus und klingelte an der Tür. Zu ihrer Überraschung trug die Haushälterin, die ihr die Tür öffnete, eine Jeans und begrüßte sie mit einem herzlichen „howdy“ statt einem „guten Morgen, Miss“. Becky bat sie liebreizend lächelnd, Miss Cargill über die Ankunft ihrer Schwester, Miss Cargill, zu informieren.

„Kommen Sie doch rein, Schätzchen“, sagte die ältere Frau in Jeans. „Es ist eiskalt da draußen.“

Erst jetzt fiel Becky ein, dass es sich bei der Frau vermutlich gar nicht um die Haushälterin handelte und sie wahrscheinlich gerade einer Verwandten des Bräutigams eine Anweisung erteilt hatte. Doch statt sie zu korrigieren, begann die Frau draufloszuschwatzen, als würden sie sich bereits seit einer Ewigkeit kennen.

„Falls Sie wegen der Hochzeit hier sind, habe ich leider schlechte Neuigkeiten, die Feier wurde nämlich abgesagt. Hat Ihre Schwester Sie nicht darüber informiert? Sie muss gestern an die hundert Leute angerufen haben. Wie dem auch sei – der Pastor hatte wegen des Wetters zu große Angst, zu fahren. Also haben Luke und Patricia beschlossen, direkt in die Flitterwochen aufzubrechen, weil sie doch mit dieser riesigen Segeljacht zu den Bahamas wollen. Deshalb haben sie sich gleich heute Morgen von einem Friedensrichter trauen lassen, und jetzt bringen Lukes Eltern die beiden zum Hafen, damit sie es noch rechtzeitig schaffen. Wir sollen trotzdem schon mal die Hochzeitstorte anschneiden und ihnen ein Video davon schicken.“

Patrica war also weg.

Beckys Handy klingelte wieder schrill.

„Darf ich mal Ihre Toilette benutzen?“, fragte Becky liebenswürdig lächelnd.

Sie schloss sich im Bad ein und brach in Tränen aus.

2. KAPITEL

„Na, wenn das nicht James Waterson der Dritte ist! Mensch, siehst du gut aus! Du bist ja sogar noch größer als dein Bruder. Wie groß bist du inzwischen? Einsneunzig? Einsfünfundneunzig?“

Trey war etwas überrumpelt. Er hatte noch keine Chance gehabt, sich das Gesicht der Frau näher anzusehen, die ihn umarmte und ihm die Wange tätschelte, als sei er noch ein Halbwüchsiger, obwohl er schon einunddreißig war. Sie kannte ihn offensichtlich, während er keine Ahnung hatte, mit wem er es zu tun bekam. Wenn sie doch nur einmal für einen Moment stillstehen würde, damit er ihr Gesicht betrachten konnte. Doch sie schwatzte einfach weiter, während sie ihn von der Tür wegzog.

Damit gab sie ihm auch keine Chance, sich umzusehen. Trey zog es nämlich vor, sich erst mal in Ruhe einen Eindruck von seiner Umgebung zu verschaffen, wenn er ein neues Gebäude betrat, aber die Fremde hier machte ihm das unmöglich. Sie zog ihn in einen großen Raum mit hoher Decke.

Als Treys Blick auf den hochzeitlich geschmückten Kamin fiel, erkannte er ihn sofort wieder. Er hatte oft vor ihm gelegen und sich die Kalksteine angesehen.

Plötzlich war ihm der ganze Raum wieder vertraut. Verdammt, das ganze Haus! Trey wusste genau, wo sich alles befand. Die Küche lag dort, der Vorraum dahinter, und sein Zimmer befand sich ein Stück weiter den Flur entlang. Nichts hier verwirrte ihn.

Gott sei Dank, er wusste, wo er war! Er würde sich hier also nicht zum Idioten machen. Er kannte sich tatsächlich aus!

„Ist das zu fassen, dass die beiden einfach so verschwunden sind? Ich meine, man kann ihnen vermutlich keinen Vorwurf daraus machen, wegen des Schnees und so, aber …“ Die Frau drückte ihm verschwörerisch einen Arm. „Die meisten Frauen wollen doch eine richtige Hochzeitsfeier, oder? Verreisen kann man schließlich jederzeit. Anscheinend sind die beiden ja total segelverrückt. Hättest du es je für möglich gehalten, dass dein Bruder mal segeln würde?“

Luke kam gar nicht zu Wort, denn die Frau schwatzte einfach weiter, ohne auf seine Antwort zu warten. Er konnte die Person immer noch nicht einordnen.

„Luke war doch immer Rancher und kein Seemann! Die Leute machen eben verrückte Dinge, wenn sie verliebt sind. Ich hoffe, die Ehe hält. Meine haben ja leider nicht lange gehalten. Ich kann dir daher nicht vorwerfen, nicht zu meinen Hochzeiten gekommen zu sein.“

Trey war zu ihren Hochzeiten eingeladen gewesen?! Wieder brach ihm der kalte Schweiß aus.

Das Knallen der Hintertür riss ihn aus seiner Panik. Seit zehn Jahren hatte er dieses Geräusch nicht mehr gehört, und trotzdem klang es noch total vertraut.

Doch die dröhnende männliche Stimme im Anschluss daran war ihm wiederum unbekannt. „Ich hatte leider keinen Erfolg, Schatz!“

„Oh je! Trey, komm her und lerne deinen neuen Onkel kennen.“

Onkel?! Das hieß, dass die Frau seine Tante sein musste. Trey sah sie wieder an, und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es handelte sich um die Schwester seiner Mutter, Tante June. Wie hatte er nur vergessen können, dass er eine Tante June hatte?

Er kam sich vor wie der letzte Vollidiot.

Sein neuer Onkel schüttelte ihm die Hand und sah Tante June kopfschüttelnd an. „Keine Spur von ihr, Schatz.“

Eine andere Frau, jünger als Tante June, kam von draußen in den Vorraum und klopfte sich den Schnee von den Stiefeln.

Trey erkannte auch sie nicht, aber sie offensichtlich ihn. „Großer Gott, Trey! Wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!“ Sie ließ ihre Jacke auf den Fußboden fallen und eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen.

Keine Panik! Ich muss nur kurz nachdenken. Tante June hat Töchter … Wie heißen sie noch?

June tätschelte ihm einen Arm. „Ich glaube, er erkennt dich nicht wieder, Emily“, sagte sie lachend. „Als er dich das letzte Mal gesehen hat, hattest du schließlich noch geflochtene Zöpfe und eine Zahnspange.“

Na klar – Emily! Wie konnte ich nur so blöd sein?!

Um zu beweisen, dass er wenigstens etwas wusste, öffnete er einen Schrank, um Kaffeebecher rauszuholen. Die Kaffeemaschine stand noch immer dort, wo sie auch früher gewesen war, also mussten die Filter noch im Schrank darüber stecken.

„Soll ich euch einen Kaffee kochen?“, fragte er. Ihm gehörte immerhin ein Drittel des Hauses, und die anderen waren folglich seine Gäste. Daher konnte er sich ruhig gastfreundlich verhalten.

„Gute Idee“, stimmte Emily zu. „Ich muss mich erst mal wieder aufwärmen, bevor ich weitersuche.“

Und schon wieder verstand Trey nur noch Bahnhof. Er konnte diesen Leuten einfach nicht folgen.

„Wonach sucht ihr denn?“, fragte er, während er Kaffeepulver in den Filter füllte und dabei die Löffel zählte. Eins, zwei, drei, vier …

„Ein Mädchen namens Becky ist verschwunden.“

… sechs, sieben … Scheiße! Er hatte sich verzählt. Aber da die Kaffeemenge ungefähr richtig aussah, schaltete er die Maschine trotzdem ein.

„Willst du nicht erst das Wasser einfüllen?“, fragte Tante June belustigt.

Verdammt!

Als Trey die Kanne mit Wasser füllte, witzelten die anderen ein bisschen über Altersvergesslichkeit, bevor June ihm erklärte, wer vermisst wurde. Anscheinend war vorhin eine junge Frau wegen der Hochzeit aufgetaucht. Angeblich war sie Patricias Schwester, obwohl sie noch nie gehört hatten, dass Patricia überhaupt eine Schwester hatte.

„Sie ist eine ganz liebe“, erzählte Tante June.

„Und bildhübsch“, ergänzte Treys Onkel.

„Sie wirkte ziemlich nervös“, schaltete Emily sich ein. „Ich habe gehört, wie sie telefoniert hat. Danach hat sie ihre Jacke, ihre Handschuhe und ihre Mütze angezogen und ist rausgegangen. Ich dachte, sie will nur etwas aus ihrem Wagen holen, aber seitdem ist sie nicht zurückgekommen.“

„Und das war vor mehreren Stunden“, erklärte Tante June.

Trey sah durchs Fenster und betrachtete den Himmel. Es sah nicht so aus, als würde es bald aufhören zu schneien. „Seid ihr sicher, dass sie nicht zu einem Hotel gefahren ist?“

„Sie hat die hiergelassen.“ Emily hielt eine Damenhandtasche hoch.

Sogar Trey wusste, dass Frauen nie ohne Handtasche das Haus verließen.

Emily gab ihm einen Führerschein. „Hier, so sieht sie aus.“

Die Unterschrift war hübsch und gut lesbar. Rebecca Cargill. Ein attraktives Mädchen, brünett und mit Ponyfrisur. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Vertrautes … oder vielmehr ihr angestrengtes Lächeln. Becky – ich glaube, ich weiß ganz genau, wie du dich fühlst. Ich hatte auch Angst, die Führerscheinprüfung nicht zu bestehen.

Vielleicht war sie aber auch wegen etwas ganz anderem angespannt gewesen. Trey hob den Blick vom Führerschein. „Wenn sie da draußen keinen Unterschlupf findet, dann wird sie womöglich erfrieren. Es soll heute Nacht richtig kalt werden.“

Als Tante Jane entsetzt aufkeuchte, verfluchte Trey sich selbst. Er war nicht immer so direkt gewesen. Während seiner Highschool- und Collegezeit hatte er den Ruf eines Charmeurs besessen, aber inzwischen musste er ziemlich gut aufpassen, dass er nicht brutal mit allem herausplatzte, das ihm gerade so durch den Kopf schoss.

„Habt ihr den Sheriff schon informiert? Es wird bald dunkel, da bleibt nicht mehr viel Zeit, um einen Suchtrupp zusammenzustellen.“

„Dein Vormann lässt die Hilfsarbeiter schon das Gelände durchkämmen. Ihr Wagen ist noch hier, sie kann also nicht weit gekommen sein.“

Sein Vormann? Trey hatte keinen Vorarbeiter, nur sein Bruder Luke hatte einen solchen. Denn Trey hatte seit zehn Jahren keinen Fuß mehr auf die Ranch gesetzt.

„Aber der Sheriff hat Hubschrauber und wir nicht“, widersprach er. „Ruft ihn an!“

Emily eilte sofort zum Festnetztelefon, das immer noch am gewohnten Platz an der Wand in der Küche hing.

„Mein Lieber, der Flughafen ist schon seit Stunden geschlossen“, sagte Tante June zu ihm. „Der Sheriff wird bestimmt keinen Hubschrauber losschicken, solange es schneit.“

„Das mag ja sein, aber diese Entscheidung überlasse ich lieber ihm. Ich bin kein Pilot. Ich bin nur …“

Er verstummte abrupt, drehte sich um und ging zur Haustür, um seinen mit Schaffell gefütterten Mantel überzustreifen, der an einem Haken an der Wand hing.

Tante June folgte ihm. „Was machst du da?“

Er griff nach dem erstbesten Stetson, den er finden konnte. „Ich bin gerade der einzige Waterson hier und will am Hochzeitstag meines Bruders keine junge Frau auf dieser Ranch erfrieren lassen.“

Er setzte sich den Hut auf und ging nach draußen.

Ich will nicht sterben!

Es fiel Becky immer schwerer, nicht unter dem Baum zusammenzusacken.

Haltung, Becky, Haltung! Gerade hinstellen, kerzengerade! Tu doch zumindest so, als hättest du etwas Selbstsicherheit, um Himmels willen!

Die Landschaft hier sah überall gleich aus – braunes Gras und hüfthohes Buschwerk, so weit das Auge reichte. Für Farbe sorgte nur ihr rosa Skiparka, den ihre Mutter für sie ausgesucht hatte, weil er niedlich aussah – er taugte nicht dazu, damit im Freien zu überleben.

Wen soll ich denn hier mit diesem aufgesetzten Cargill-Selbstbewusstsein beeindrucken, Mama?

Kein Schutz in Sicht, weit und breit. Als sie mit dem vierrädrigen Geländefahrzeug losgefahren war, hatte Eis unter den Reifen geknirscht, und der eisige Fahrtwind hatte ihr ins Gesicht gestochen, aber sie war trotzdem weitergefahren, weil ihr der laute Motor das Gefühl gegeben hatte, wenigstens noch etwas im Griff zu haben.

Sie hatte einfach den Kragen hochgestellt, das Kinn darin vergraben und war drauflosgefahren, ganz egal, wohin. Hauptsache weg von dem Haus, in dem ihre Mutter sie früher oder später finden würde.

Als irgendwann die Sonne hinter der nächsten Schneewolkenfront verschwunden war, hatte sie zu ihrem Schreck festgestellt, dass der Tank fast leer war. Sofort war sie umgekehrt, doch leider nicht weit gekommen, weil kurz darauf der Motor versagt hatte.

Das war inzwischen Stunden her. Um Schutz vor dem heftiger wehenden Wind und dem Schnee zu finden, war sie auf ein paar Bäume zugegangen – windgebeugte alte Eichen und Tannen. Es waren nicht viele, aber sie boten mehr Schutz als das Fahrzeug.

Leider befanden sie sich weiter entfernt als gedacht. Während sie sich den Weg über das unwegsame Land gebahnt hatte, begann sie zu schwitzen und hatte den Reißverschluss ihrer Jacke geöffnet – eins der Dinge, die sie im Skiurlaub in Aspen gelernt hatte, war, dass man auf keinen Fall nass werden durfte, wenn es draußen kalt war.

Die Skischule hatte auch Kurse angeboten, in denen man lernte, wie man im Notfall einen Unterschlupf bauen konnte. Schade, dass sie keine Skier und Skistöcke dabeihatte; damit hätte sie jetzt gut etwas anfangen können. Und schade auch, dass es so wenig Schnee gab. In Aspen hatte der Schnee so hoch gelegen, dass sie einen Graben ausgehoben hatten, um Schutz vor dem Wind zu finden.

Na ja, ehrlich gesagt hatten die Lehrer den Graben ausgehoben. Die Kids wohlhabender Eltern einschließlich Becky hatten sich nur reingesetzt. Tolles Überlebenstraining …

Tränen schossen ihr in die Augen, aber sie durfte jetzt nicht weinen. Die Tränen würden nur auf ihren Wangen gefrieren.

Erschöpft lehnte sie sich gegen den Stamm der größten Eiche, die etwas Schutz vor dem Wind bot, aber nicht vor dem feuchten Schnee, der vom Himmel fiel.

Ihr war so schrecklich kalt. Am liebsten würde sie sich am Stamm hinuntergleiten lassen, um ein bisschen zu schlafen … und womöglich nie wieder aufzuwachen …

Stell dich endlich gerade hin! Um Himmels willen, Becky, so weh können dir die Füße doch nicht tun! Du wirst so lange hier stehenbleiben und dem Clubpräsidenten die Hand schütteln, bis ich dir die Erlaubnis gebe, zu gehen! Ist das klar?!

Als Becky mit den Füßen aufstampfte, um wach zu bleiben, konnte sie diese plötzlich nicht mehr spüren.

Ich könnte noch heute hier sterben.

Es wäre so unfair, wenn ausgerechnet jetzt ihr letztes Stündlein schlagen würde! Wurden junge Frauen in Not nicht eigentlich dafür belohnt, einem Schicksal zu entrinnen, das schlimmer war als der Tod? Ihr war es immerhin gelungen, der Reise auf die Bahamas mit Hector Ferrique zu entgehen, aber inzwischen war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob das nicht das kleinere Übel gewesen wäre. War es wirklich so schlimm, Sex mit einem Mann zu haben, den man nicht mochte? Ehrlich gesagt hatte sie keine Ahnung. Sie hatte nämlich noch gar keine Erfahrungen mit Sex.

Ich werde anscheinend als vierundzwanzigjährige Jungfrau sterben. Niemand wird hier draußen meine Leiche finden, vielleicht jahrelang nicht …

Vor lauter Angst wurde ihr noch kälter als ohnehin schon. Sie durfte sich ihrer Angst nicht hingeben! Irgendwie musste sie ihren Kopf schützen, denn der Schnee oder Regen oder Hagel oder was auch immer es war durchtränkte schon ihre Mütze.

Suchend sah sie sich nach Zweigen um und sammelte ein paar auf, wobei sie merkte, dass auch ihre Arme allmählich taub wurden. Sie stopfte die Zweige in die Gabel eines niedrigen Astes, was jedoch kaum etwas brachte. Sie betrachtete die immergrünen Zypressen, die zwar nur schmal waren, aber immerhin voll mit nadelförmigen Blättern. Solche belaubten Zweige würden ihr vielleicht mehr Schutz bieten.

Doch die Zypressen weigerten sich, Zweige abzugeben. Ständig rutschten ihre glatten Handschuhe an den Zweigen ab, sodass Rebecca vor Frust wieder die Tränen in die Augen schossen. Von der Anstrengung wurde ihr viel zu heiß in ihrer Jacke, obwohl ihre Füße immer noch eiskalt blieben.

Sie versuchte es anders und trat mit ihren klobigen Frankensteinfüßen gegen die niedrigsten Äste. Dabei verlor sie mehrmals das Gleichgewicht, doch es gelang ihr, ein paar Äste abzubrechen.

Triumphierend trug sie diese zurück zu ihrem provisorischen Dach aus Zweigen und legte sie oben drauf. Dann stellte sie sich darunter, umschlang den Stamm und wartete.

Worauf eigentlich?

Es gab ja nichts, worauf sie warten konnte. Es würde keine Hilfe kommen. Niemand kannte sie auf der Ranch, und es wurde schon dunkel. Heute würde sie bestimmt niemand mehr finden.

Kaum hatte sich die liebe, süße Becky Cargill, kreuzbrave und folgsame Tochter ihrer Mutter, zum ersten Mal den Erwartungen anderer Menschen widersetzt und war weggelaufen, schon musste sie anscheinend abtreten.

Trey würde Rebecca Cargill früher oder später finden, daran zweifelte er keine Sekunde. Die Frage war nur, ob er sie noch rechtzeitig finden würde.

Halten Sie durch, Miss, ich komme!

Wo konnte sie nur stecken?

Wäre sie zu Fuß losgegangen, hätten Gus und die Hilfsarbeiter sie längst gefunden. Trey sah für alle Fälle im Stall nach, obwohl er wusste, dass sie sich kein Pferd ausgeliehen haben konnte, denn das wäre den Cowboys ja längst aufgefallen. Blieben also nur noch die Geländefahrzeuge.

Trey ging um den Stall herum zur Hütte mit den beiden Geländefahrzeugen. Wie zu erwarten fehlte eins.

Beim Anblick der Ersatzgasflasche auf dem Fußboden erstarrte Trey. Wenn Rebecca Cargill sie nicht mitgenommen hatte, war ihr bestimmt unterwegs das Gas ausgegangen. Er musste ihr sofort hinterherfahren.

Er stapelte Proviant und Ausrüstung auf den Rücksitz des zweiten Geländefahrzeugs, schob es aus dem Schuppen und startete den Motor. Da die Wege vereist waren, konnte er keine Reifenspuren erkennen und hob den Blick daher zum Horizont. Er versuchte, das Gelände mit Rebeccas Augen zu sehen, um einen Anhaltspunkt zu haben, in welche Richtung sie gefahren sein mochte.

Das angespannt wirkende Mädchen auf dem Führerscheinfoto hatte anscheinend weggewollt. Sie war auf einer Hochzeit aufgetaucht, bei der niemand sie kannte, und ein Anruf hatte sie direkt aus der Tür gejagt. Er hatte zwar keine Ahnung, wovor sie weglief, aber sie hatte offensichtlich allein sein wollen.

Okay, wahrscheinlich hatte sie eine Strecke gewählt, auf der sie schnell vorankam. Trey entschied sich für die Richtung, in welcher der Untergrund am ebensten wirkte, und wählte an jeder Abzweigung den einfachsten Weg. Als sein Gastank schließlich fast leer war, entdeckte er das andere Geländefahrzeug mitten auf einer abgelegenen Weide.

Er hatte Rebecca Cargill also gefunden. Und das nur, weil er irgendwie gespürt hatte, dass sie einem Schicksal entfliehen wollte, dem sie sich hilflos ausgeliefert fühlte. Er wusste nämlich genau, wie sich so etwas anfühlte.

Denn mit neunzehn war es ihm genauso gegangen.

Der Schneesturm wurde heftiger, und Becky wurde immer kälter. Es fiel ihr inzwischen sogar schwer, zu atmen. Sie sehnte sich so schrecklich nach Schlaf. Wenn sie sich doch nur zu Boden gleiten lassen und die Augen schließen könnte …

Aber dann würde sie sterben. Wenn sie jetzt die Augen schloss, würde sie diese nie wieder aufschlagen. Und sie war einfach nicht so weit.

Es gab so viel, was sie noch nicht erlebt hatte. Sie wartete schon ihr ganzes Leben darauf, dass ihr eigentliches Leben endlich anfing. Im Grunde wartete sie nur auf eine Art Erweckungserlebnis.

Auf die Erlaubnis zum Beispiel, einem wundervollen Mann zu begegnen. Ein eigenes Zuhause zu haben – ein festes Zuhause –, etwas, wohin Kinder gern zu Weihnachten zurückkehrten, auch wenn sie selbst schon Nachwuchs hatten. Becky wartete auf die Art Leben, das andere Menschen führten – ein Leben mit völlig normalen Höhen und Tiefen.

Und jetzt wartete sie auf nichts weiter als auf ein Wunder.

Sie schlang die Arme noch enger um sich selbst, glitt am Baumstamm hinunter und hob den Blick zu dem kleinen Dach aus Zypressenzweigen, das den Schnee mehr schlecht als recht von ihr fernhielt. Sie befürchtete jedoch, dass dieser dürftige Schutz das Unvermeidliche nur hinauszögerte. Sie hatte so schreckliche Angst!

Sie war zu erschöpft, um noch länger zu stehen, hielt aber trotzdem die Augen offen, weil sie noch nicht sterben wollte. Es musste nur ein kleines Wunder eintreten.

„Rebecca Cargill!“

Sie erschauerte, als sie glaubte, die Stimme eines Mannes zu hören, der wütend ihren Namen rief. Litt man unter Wahnvorstellungen, bevor man erfror?

„Rebecca?!“

Himmel, das klang so echt!

„Wo stecken Sie?!“

Das Wunder passierte also! Irgendwo in der Nähe war ein Mann, der sie verzweifelt suchte.

Hier, ich bin hier, versuchte sie zu rufen, doch ihr Unterkiefer war wegen der Kälte so taub, dass sie die Zähne nicht auseinanderbekam. Ich bin hier, ich bin hier! Geh nicht weg. Bitte verlass mich nicht!

Mühsam zog sie sich am Baumstamm hoch.

„Rebecca … Großer Gott!“

Bevor sie sich umdrehen konnte, riss jemand sie vom Baum weg und presste sie an sich. Sie wollte dem Mann die Arme um den Hals schlingen – nicht, weil sie Angst hatte, dass er sie sonst fallenlassen würde, sondern vor lauter Dankbarkeit. Doch sie war so steifgefroren. Ihre Arme wollten ihr einfach nicht gehorchen.

„Bleiben Sie wach! Ihnen wird bald wärmer sein.“

Sie hörte seine Stiefel im Schnee knirschen. Er schien große Schritte zu machen und sehr schnell zu gehen. Sie war nicht mehr allein. Endlich war sie nicht mehr allein!

„Alles okay, Rebecca?! Sind Sie noch wach?“

Ich versuche ja, etwas zu sagen. Lass mir etwas Zeit. Ihr Unterkiefer war immer noch steifgefroren, aber es gelang ihr zu nicken.

„War das ein Nicken?“, fragte er. „Oder haben Sie nur gezittert?“

Sie sah zu ihm auf. Der Mann war schön. Schon die bloße Tatsache, dass er überhaupt hier war, machte ihn zum schönsten Menschen auf der ganzen Welt. Sie versuchte, ihrem schönen Retter zuzulächeln, aber es gelang ihr nicht.

Sie kamen bei einem Geländefahrzeug an, einem schwarzen. Der Mann setzte sie auf den Beifahrersitz. „Ich gebe Ihnen eine Decke … Hey!“

Becky verlor das Gleichgewicht. Sie versuchte zwar, sich an der Lenkstange festzuhalten, doch ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen. Der Mann schien jedoch Reflexe wie ein Ninja zu haben, denn er fing sie geschickt auf. Sie mit einer Hand festhaltend, wühlte er hinter ihrem Sitz herum und zog etwas hervor, was aussah wie eine riesige Aluminiumfolie. Becky wusste, dass es sich um eine Rettungsdecke handelte.

Leider wärmte sie nicht besonders. Der Mann zog Becky seitlich auf seinen Schoß und legte sich ihre Arme über die Schultern. Das Gesicht an seinen kalten Mantel pressend, versuchte sie, sich irgendwie an ihm festzuhalten.

Er startete den Motor. „Halte nur noch ein paar Minuten durch, Rebecca, dann hast du das Schlimmste geschafft!“ Er legte das Kinn auf ihren Kopf und fuhr los.

Schon bei der ersten Unebenheit rutschten ihre Arme von seinen Schultern, doch er hielt sie immer noch fest und lenkte das Fahrzeug weiter. Die Folie hielt den meisten Fahrtwind ab, aber ihr war immer noch eiskalt. In diesem Tempo würden sie Stunden bis zum Ranchhaus brauchen. So lange würde sie nicht durchhalten können.

Sie gab den Kampf gegen die Kälte auf. Wenigstens würde sie nicht allein sterben. Bei dieser Erkenntnis erfüllte sie ein seltsames Gefühl inneren Friedens.

Das Wunder ist passiert. Er hat mich gefunden!

Rebecca schloss die Augen und verlor, geborgen in den Armen ihres Retters, das Bewusstsein.

3. KAPITEL

Trey spürte die Arme der Frau von seinem Hals gleiten. Während er sie weiterhin festhielt, sah er sich nach markanten Punkten in der Landschaft um. Er wusste, dass etwa eine halbe Meile entfernt unweit des Bachs eine alte Hütte stehen musste, die seit Jahren unbewohnt war; nur Hilfsarbeiter suchten dort gelegentlich bei Regengüssen Unterschlupf.

Eine bestimmte Biegung im Bachlauf verriet Trey, dass er fast da war. Gott sei Dank! Das Letzte, das er jetzt gebrauchen konnte, wäre, sich zu verfahren.

„Rebecca?! Atmen Sie weiter.“ Er schüttelte sie sanft. „Atmen Sie, verdammt! Mehr verlange ich doch nicht von Ihnen.“

Die Hütte stand zwischen den drei größten Mesquite-Bäumen, die Trey je in Texas oder Oklahoma zu sehen bekommen hatte. Vor längerer Zeit hatte mal jemand ein Metalldach ergänzt, wofür Trey jetzt sehr dankbar war, weil es die Hütte trocken hielt. Der aus Steinen gemauerte Schornstein schien noch intakt zu sein.

Trey parkte das Fahrzeug unter einem der Bäume, nahm Rebecca auf den Arm und betrat vorsichtig mit ihr die schmale Veranda. Die Hälfte der Bodendielen fehlte, doch was davon noch übrig war, hielt seinem Gewicht stand. Er hob den schlichten Querbalken vor der Tür und öffnete die Tür.

Als er Rebecca mitsamt der knisternden Silberfolie auf den Boden legte, fühlte sie sich so leblos an wie eine Stoffpuppe. Eine Unterkühlung lief sehr schnell ab und konnte tödlich enden, ihm blieb also kein bisschen Zeit mehr. Er rannte zurück zum Fahrzeug und holte alles, was er mitgebracht hatte.

Während er den Schlafsack auspackte und ihn auf eine zweite Isolierdecke legte, rief er laut ihren Namen und ermahnte sie zu atmen, bevor er begann, sie und sich auszuziehen. Wenn man in dieser Kälte überleben wollte, dann brauchte man Hautkontakt, um warm zu bleiben. Er hatte keine Zeit, um Holz zu sammeln und Feuer zu machen. Und weiterfahren konnte er auch nicht.

Er begann mit den Stiefeln, Socken und Hosen. Da Kleidungsstücke, die man direkt auf der Haut trug, Feuchtigkeit speicherten, musste auch die Unterwäsche weg. Wenn man vom Tod bedroht war, war falsche Scham fehl am Platz.

In der Hütte war es bitterkalt, aber Trey wollte Rebecca erst in den Schlafsack legen, wenn sie splitternackt war. Wenn der Schlafsack wegen feuchter Kleidung von innen nass wurde, würden sie nämlich nie warm werden.

„Komm schon, Rebecca! Wach auf! Hilf mir wenigstens ein bisschen.“

Schwach regte sie sich auf der Silberfolie. Nur eine schwache Reaktion, aber immerhin. Sie war also nicht komplett bewusstlos. Mit etwas Glück war sie einfach nur erschöpft.

Trey zog sich seine letzten Kleidungsstücke aus und machte sich an Rebeccas Bekleidung. Obwohl er nur wenige Sekunden brachte, um ihre Mütze, ihre Handschuhe und ihren Mantel zu entfernen, zitterte er selbst vor Kälte. Unter diesen Umständen würde es eine Ewigkeit dauern, die winzigen Perlmuttknöpfe ihrer Strickjacke zu öffnen. Nach dem zweiten kapitulierte er und riss die Jacke einfach auf.

Mit zitternden Händen hakte er Rebeccas BH auf und warf ihn zur Seite. Rasch rollte er sie in den Schlafsack, zog den Reißverschluss bis zu ihrer Taille hoch und schlüpfte neben sie, bevor er den Reißverschluss komplett schloss. Anschließend zog er noch die Kapuze so weit zu wie möglich.

Rebecca fühlte sich an wie ein Eiswürfel. „Es wird Zeit, dich aufzuwärmen.“ Trey rieb ihre eisige Haut, um die Blutzirkulation anzuregen.

Rebecca rührte sich nicht, aber er setzte seine Bemühungen trotzdem fort. Sie würde schon noch warm werden, und sein möglicherweise seltsam anmutendes Vorgehen war einfach die wirkungsvollste Methode. Auch wenn die Hütte sie nicht vor Kälte und Wind schützte – der Schlafsack war für wesentlich kältere Gegenden gemacht. Sie würden darin überleben, auch ohne Feuer.

Und ohne Kleidung. Trey fand es unter diesen Umständen zwar total unpassend, aber als er Rebecca eng an sich zog, wurde ihm nur allzu bewusst, dass sie eine Frau war.

Er klemmte ihre Beine zwischen seine. Sie fühlte sich zwar immer noch so kalt wie ein Eiswürfel an, glatt und weiblich gerundet. Bestimmt würde ihnen diese Situation eines Tages total peinlich sein, aber besser, es quälte einen auf ewig eine blöde Erinnerung, als dass man tot war.

„Komm schon, wach auf! Steh diesen peinlichen Augenblick mit mir zusammen durch! Wach auf und rede mit mir, Rebecca!“

Sie lagen auf der Seite, die Gesichter einander zugewandt, fast Nase an Nase. Er bog den Kopf zurück, um ihr Gesicht zu betrachten, und hörte für einen Moment auf, ihr den Rücken zu reiben.

Sie war fast übernatürlich schön mit ihrem herzförmigen Gesicht und den tiefdunklen Augenbrauen und Wimpern. Ihre Haut sah wegen der Kälte aus wie Porzellan, und ihre Lippen waren blau. Sie ähnelte dem Porzellanengel, den seine Mutter immer an den Weihnachtsbaum hängte.

Instinktiv presste Trey die Lippen auf ihre, um sie zu wärmen, wobei er die Augen offenhielt. Er wollte nicht, dass diese schöne Frau hier vor Kälte derart blaue Lippen hatte.

Als er spürte, wie ihr Mund unter seinem nachgab, hob er den Kopf und strich ihr das Haar hinter ein Ohr. Ihre Lippen sahen schon etwas rosiger aus. Welche Farbe wohl ihre Augen hatten?

„Komm schon, Schneewittchen, es wird Zeit, aufzuwachen. Lass mich sehen, ob deine Augen genauso schön sind wie der Rest von dir.“ Diesmal schloss Trey die Augen, als er sie wieder küsste – wie bei einem echten Kuss.

Als Becky die Augen geschlossen hatte, war sie nicht davon ausgegangen, sie je wieder zu öffnen, aber wider Erwarten kehrte sie doch zu den Lebenden zurück. Ihr war immer noch kalt und sie zitterte von Kopf bis Fuß.

Kaum wurde ihr bewusst, dass sie noch am Leben war, da fiel ihr etwas noch viel Interessanteres auf: der Unterkiefer eines Mannes nämlich – eines echten Mannes mit Dreitagebart und schön geformten Lippen. Und noch während sie diese Lippen betrachtete, küsste der Mann sie.

Wieder schloss sie die Augen. Seine Lippen waren angenehm weich, aber vor allem warm. Ach, so herrlich warm! Noch nie hatte sie sich so nach Wärme gesehnt.

Zögernd erwiderte sie seinen Kuss und schloss die Lippen erst um seine Unterlippe und dann um seine Oberlippe. Seine Zunge fühlte sich sogar noch heißer an. Hungrig begann sie, daran zu saugen.

Als er den Kopf zurückbog, schlug sie die Augen wieder auf und betrachtete seine Lippen, die sich beim Sprechen bewegten.

„Okay, Sie sind jetzt offensichtlich wach.“

Fasziniert sah sie ihm in die Augen, die so blau wie ein Sommerhimmel waren. Trotzdem war ihr immer noch kalt, und sie hatte das Gefühl, nie wieder aufhören zu können zu zittern. Sie spürte warme Hände auf ihrem Rücken und dass ihre Brüste an seinen warmen Oberkörper gepresst waren. Seinen nackten Oberkörper …

Erschrocken zuckte sie zurück, wobei ihre glatten Beine seine rauen berührten. Sie waren anscheinend überall nackt!

„Oje. Wir sind ja … wir sind …“

„Irgendwie unangenehm, oder? Aber so werden wir zumindest nicht erfrieren.“

Rebecca riss den Blick von seinen blauen Augen los und sah sich um. Sie lagen in einer Art Kokon, aber durch die Öffnung konnte sie ihre Umgebung erkennen. Anscheinend hatte der Mann sie in eine Holzhütte hineingezaubert, während sie geschlafen hatte.

„Wo sind wir?“

Mann, bin ich feige! Eigentlich sollte sie ihn fragen, warum sie komplett nackt waren, aber was machte sie? Sie befragte ihn nach ihrem Aufenthaltsort. Sie erinnerte sich selbst an ihre Mutter, die schwierigen und unangenehmen Themen grundsätzlich auswich. Als sie zum Beispiel einmal von einer Frau erfahren hatte, dass deren neuester Liebhaber verheiratet war, hatte sie nur auf deren Handtasche gezeigt und nach dem Designer gefragt.

„Wir sind in der alten Tate-Hütte. Zu unserem Glück hat man damals solide gebaut.“

Rebecca sah die Ritzen zwischen den Holzstämmen, durch die der Wind blies. Zitternd kuschelte sie sich in den Schlafsack … und an den Mann. „Der Wind weht ja direkt durch die Hütte hindurch“, murmelte sie an seinem warmen Hals.

„Ja, ein bisschen, aber ganz ohne Wände wäre es noch schlimmer.“

„Wie kommen wir zurück zur Ranch?“

„Gar nicht. Wir bleiben hier und halten uns gegenseitig warm.“

„Nackt?“ So, sie hatte es ausgesprochen. So feige war sie also doch nicht.

„Ja. So bleiben wir am besten warm.“

Und Wärme war Becky gerade wichtiger als alles andere. „Ich habe die Schnauze voll, zu zittern. Es tut geradezu weh.“

„Kann ich mir vorstellen. Die ständigen Muskelkontraktionen sind sehr anstrengend für den Körper, aber keine Sorge, das geht vorbei. Sie sind nicht mehr bewusstlos, das ist schon mal ein Pluspunkt. Ich bin jedenfalls froh, dass Sie wach sind.“

Wieder wurde ihr bewusst, dass er ihre nackte Haut rieb. „Wirklich? Immerhin haben Sie meinen bewusstlosen Zustand dazu ausgenutzt, mich auszuziehen.“

„Das war eine reine Überlebensstrategie, Miss Cargill. Wenn ich eine Frau zum Vergnügen ausziehe, dann nur, wenn sie wach und damit einverstanden ist.“

Ausziehen zum Vergnügen? Rebecca wusste natürlich, dass man sich ausziehen musste, um Sex zu haben, aber sie hätte nicht gedacht, dass schon allein das Ausziehen Spaß machen konnte. Hörte sich eigentlich ganz verlockend an.

„Mich zu küssen auch? War das auch eine Überlebensstrategie?“

„Ihre Lippen waren ganz blau.“

Als er den Blick zu ihrem Mund senkte, hörte sie für einen Moment auf zu zittern. Auf seine Cowboy-Art sah der Naturbursche verdammt gut aus. Und er hatte sie gerettet. Er war das Wunder, das sie sich so sehnlich gewünscht hatte.

„Wie heißen Sie?“, fragte sie, während er immer no...

Autor

Rochelle Alers

Seit 1988 hat die US-amerikanische Bestsellerautorin Rochelle Alers mehr als achtzig Bücher und Kurzgeschichten geschrieben. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Zora Neale Hurston Literary Award, den Vivian Stephens Award for Excellence in Romance Writing sowie einen Career Achievement Award von RT Book Reviers. Die Vollzeitautorin ist Mitglied der...

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Meg Maxwell

Melissa Senate hat viele Romane für Harlequin Enterprises und andere Verlage geschrieben, inklusive ihres ersten veröffentlichten Romans „See Jane Date“, der für das Fernsehen verfilmt wurde. Unter dem Pseudonym Meg Maxwell war sie auch Autorin von sieben in der Harlequin Special Edition-Reihe erschienenen Büchern. Ihre Romane werden in über fünfundzwanzig...

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