Bianca Extra Band 40

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AM UFER DER HEIMLICHEN WÜNSCHE von DARCY, LILIAN
Joe Capelli ist wieder da! Mary-Jane Cherry muss auf ihr Herz aufpassen. Damals hat sie sich dem arroganten Kerl in einem schwachen Moment an den Hals geworfen. Mit schrecklichen Folgen! Das darf ihr kein zweites Mal passieren. Oder hat sich der Single- Vater tatsächlich geändert?

MIT DIR IST DAS LEBEN SÜß von MAJOR, MICHELLE
Die hübsche Bäckerin Katie Garrity sehnt sich so nach einer eigenen Familie, aber Mr. Right scheint für sie nicht zu existieren. Bis ihr alter Freund Noah einen Einsatz in der Kleinstadt hat. Es knistert aufregend! Der sexy Ranger will alles - außer einer Familie …

EMMAS KLEINER PLAN VOM GLÜCK von MEYER, KATIE
"Lieber Daddy …" Die Valentinskarte ihrer kleinen Tochter Emma bricht Cassie fast das Herz. Denn einen Daddy gibt es nicht, und wenn es nach ihr geht, wird es ihn auch nicht geben. Aber Emma hat einen Plan - und der neue Sheriff Alex Santiago auch …

LAND, LIEBE, BABYLACHEN von SIMS, JOANNA
Genug geweint! Die schöne Taylor will mit ihrem unerfüllten Babywunsch endlich abschließen. Nirgends geht das besser als auf der Ranch ihres Onkels, in der Freiheit des weiten Landes. Aber dort wartet ein Mann, der ihren Wunsch doch noch wahr machen könnte …


  • Erscheinungstag 17.01.2017
  • Bandnummer 0040
  • ISBN / Artikelnummer 9783733732677
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lilian Darcy, Michelle Major, Katie Meyer, Joanna Sims

BIANCA EXTRA BAND 40

LILIAN DARCY

Am Ufer der heimlichen Wünsche

Joe weiß, dass er Mary-Jane damals das Herz gebrochen hat. Ausgelacht hat er sie und dann eine andere geküsst. Was muss er tun, damit sie versteht: Er hat sich verändert – jetzt sucht er nach wahrer Liebe?

MICHELLE MAJOR

Mit dir ist das Leben süß

Tausendmal berührt, und plötzlich will Noah von Katie mehr als nur Freundschaft – zumindest für jetzt. Denn an ein Fürimmer- und-ewig glaubt er nicht! Doch manchmal ändert eine Nacht alles …

KATIE MEYER

Emmas kleiner Plan vom Glück

Zu Männern sagt Cassie lieber Nein. Denn das eine Ja tut immer noch weh. Doch dann steht der neue Sheriff Alex Santiago mit einem kleinen Kätzchen in ihrer Tierklinik! Und plötzlich ist sie einem Ja ganz nah …

JOANNA SIMS

Land. Liebe, Babylachen

„Hände hoch.“ Erwischt! Langsam hebt Clint die Hände. Wird die schöne Taylor ihm glauben, warum er ihr heimlich gefolgt ist? Um sie zu beschützen und zusammen mit ihr durch die Wildnis zu reiten …

1. KAPITEL

Mr. Capelli würde nicht sehr glücklich sein.

Während Mary-Jane in die Einfahrt der Capelli-Werkstatt fuhr, übte sie bereits ihre Entschuldigungen. Sie wusste, dass sie ihren blauen Kleinwagen längst hätte zum Service bringen müssen, aber im Spruce Bay Resort war wegen Beginn der Sommersaison so viel zu tun. Mary-Janes Auto gab bereits seit einiger Zeit ein seltsames Geräusch von sich. Es war mit der Zeit immer lauter geworden, und eigentlich hätte man es nicht ignorieren können.

Sie wusste, dass ihre Ausreden äußerst schwach klingen würden, und sie kannte Mr. Capellis halb toleranten, halb vorwurfsvollen Blick nur zu gut. Die Familie Cherry brachte ihre Autos schon zu ihm in die Werkstatt, seit Mary-Jane denken konnte.

Die Garage, ein altmodischer, aber sehr vertrauenerweckender Ort, befand sich in einer ruhigen Seitenstraße. Art Capelli war der Typ von grundehrlichem Kfz-Mechaniker, der nie zu viel berechnete. Er verdiente Mary-Janes nachlässiges Verhalten ihrem Wagen gegenüber nicht. Dad ließ nie einen Service aus, sie hingegen …

Seufzend parkte sie vor der Werkstatt, ließ den Zündschlüssel stecken und stieg aus. Durch die großen Glasscheiben konnte sie sehen, dass niemand im Büro war, aber aus der Werkstatt kamen Geräusche, also ging sie hinüber und trat ein.

Zwei Beine, die in einem ölbefleckten blauen Overall steckten, schauten unter einem roten Pick-up hervor. „Mr. Capelli?“

Es folgten ein Brummen und ein paar unartikulierte Laute, die wahrscheinlich „Geben Sie mir eine Sekunde“ bedeuten sollten.

Ergeben wartete sie auf den Moment, wo sie ihren Fehler gestehen musste. Wirklich, das Geräusch war erst in den letzten Tagen so schlimm geworden, obwohl es immer mal wieder zu hören war, und zwar seit … Oh, verflixt, seit ihrem dreitägigen Wellnessurlaub in Vermont, und das war Mitte März vor drei Monaten gewesen.

Das Problem war, dass das Geräusch einige Tage lang verschwunden gewesen war und sie geglaubt hatte, nun, dass der Wagen selbst wieder die richtige Ordnung hergestellt hatte.

Was? Autos können so etwas nicht?

Sie hörte ein weiteres Brummen, die Beine kamen ihr entgegen, und ein Paar Arbeitsstiefel kam kurz vor ihren Füßen zum Stehen.

„Hallo, Mr. …“ Sie hielt inne. Es war nicht Art Capelli, mit seinem gebräunten, faltendurchzogenen Gesicht, seinem drahtigen grauen Haar und seinen väterlich blickenden braunen Augen. Es war Joe, sein Sohn, der da vor ihr lag.

Joe, den sie bestimmt vierzehn Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Nein, noch länger.

Joe, der fantastisch aussah und neben seinem dichten schwarzen Haar und seinem perfekt durchtrainierten Körper so ziemlich jedes Attribut besaß, das einen Mann anziehend machte.

Der selbstbewusste, egoistische Joe, der immer gewusst hatte, wie unwiderstehlich er war, und seine Trümpfe stets ausgespielt hatte.

„Hallo“, begrüßte er sie und hob den Kopf von der rollenden Unterlage, mit der er sich unter den Wagen schieben konnte. „Mary-Jane, stimmt’s?“

„Ja.“

„Ich habe deinen Namen im Auftragsbuch gesehen.“

„Wo ist dein Vater?“, fragte sie etwas unbeholfen.

Er antwortete nicht sofort, sondern erhob sich von dem Rollbrett. „Ich helfe ihm aus. Eigentlich führe ich im Moment die Werkstatt. Die Gesundheit meines Vaters ist nicht mehr die beste.“

Als er vor ihr stand, konnte sie ihn besser betrachten. Er hatte sich nicht verändert. Er sah immer noch so gut aus wie auf der Highschool. Genau genommen noch besser. Auch Mary-Jane war in den letzten Jahren reifer geworden, und ihr gefielen die Lachfältchen um seine Augen.

„Es tut mir leid, das zu hören“, antwortete sie. „Ich meine, dass es deinem Vater nicht gut geht. Nicht, dass du die Werkstatt übernimmst.“

Ruhig, Mary-Jane. Bleib ganz ruhig.

Sie hatte mindestens hundert Fragen, die sie Joe gerne stellen würde. Was war aus seinen hochfliegenden Plänen für Hollywood geworden? War er für immer zurückgekehrt, oder war es nur ein vorübergehendes Arrangement, weil es seinem Vater nicht gut ging? Gab es niemand anderen, der die Werkstatt übernehmen könnte? Was war schiefgelaufen?

Es war geradezu lächerlich, wie überrumpelt sie war, ihn wiederzusehen, und wie sie unwillkürlich achtzehn Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt wurde. In jene Zeit, in der sie zusammen auf der Highschool gewesen waren und sie ihn mehr verabscheut hatte als jeden anderen Jungen.

Ja, sie hatte ihn verabscheut.

Hallo, Mary-Jane, bleib bei der Wahrheit.

Ja, sie musste zugeben, dass sie ihre Reaktion auf ihn noch mehr verabscheut hatte. Er war damals so großspurig und selbstbewusst aufgetreten und hatte seine Vorstellung von einer glitzernden, aufregenden Zukunft wie einen Armani-Anzug getragen. Nein, nicht wie einen Anzug. Joe war ungeschliffener als das. Sagen wir, wie eine Bikerjacke aus schwarzem italienischem Leder.

Mary-Jane hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu ignorieren und seinem Charme zu widerstehen. Diesen – wie hießen sie noch …? – Pheromonen, die ihr Herz jedes Mal schneller schlagen ließen, wenn er an ihr vorbeiging.

Die waren schuld daran, dass sie sprachlos war, errötete und kicherte, wenn Joe etwas Arrogantes oder Freches in der Klasse sagte. Arrogant und frech und normalerweise nicht sehr fundiert, weil er nie seine Hausaufgaben machte. Falls ihre Blicke sich nach einer dieser aufsässigen Bemerkungen trafen, starrte sie ihn immer an, damit er nicht auf die Idee kam, sie könnte ein Faible für ihn haben.

Und jetzt war er hier in der Werkstatt seines Vaters, die auch schon bessere Tage gesehen hatte und in der er schon als Teenager ausgeholfen und Autos repariert hatte.

Während Mary-Jane noch nach den richtigen Worten suchte, zog er sich den Overall bis zur Taille herunter. Darunter trug er ein dunkelblaues T-Shirt, das sich an seinen Oberkörper schmiegte und so seine Muskeln und sein Sixpack betonte. Dann griff er nach einer Wasserflasche, trank ausgiebig, nahm dann ein Handtuch und fuhr sich damit über das verschwitzte Gesicht.

Mary-Jane erwartete, Mitleid mit ihm zu haben, weil er hier gelandet war, oder Schadenfreude zu verspüren, weil er statt der großen Pläne von Reichtum und Hollywoodruhmnun doch wieder hier arbeitetet. In der Werkstatt seines Vaters.

Aber sie fühlte nichts dergleichen. Sie empfand Neugierde, Mitgefühl, vielleicht auch ein bisschen Traurigkeit und vor allem …

„Das Leben ist seltsam, nicht wahr?“, meinte Joe mit dem Anflug eines Lächelns, und sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Ach du lieber Himmel, wie lange war sie nicht mehr errötet? Gefühlte hundert Jahre?

„Hm, ja, das ist es.“ Sie holte tief Luft und atmete dabei seinen Duft mit ein – er war leicht salzig, vermischt mit einem würzigen Aftershave und dem schwachen Geruch von Maschinenöl – das auf sie sonst abstoßend wirkte, aber in Verbindung mit Joe seltsamerweise nicht.

Du lieber Himmel, wie schaffte dieser Mann das nur? Sie befand sich nur wenige Minuten in seiner Gesellschaft und war bereits wieder von seinem Aussehen und sogar von seinem Geruch fasziniert.

Sie räusperte sich rasch und zwang sich, wieder an das Geschäftliche zu denken. Sie würde auf keinen Fall fragen, was er seit dem College getan hatte und warum er nicht zu einem Hollywoodstar wie George Clooney oder Johnny Depp geworden war.

Und er erweckte auch nicht den Eindruck, dass er es ihr unbedingt erzählen wollte.

„Also, dein Wagen“, meinte er. „Normaler Service, hast du gesagt. Und es gibt da noch einige Probleme?“

„Ich habe ein Geräusch gehört.“

Er warf ihr einen ähnlichen Blick zu wie sein Vaters immer: geduldig, etwas vorwurfsvoll, allerdings dazu auch noch leicht verhangen. Ein Ausdruck, den sie niemals bei Mr. Capelli gesehen hatte. Joe hatte einen Mundwinkel lässig hochgezogen.

Mary-Jane kam nicht dagegen an: Sie wurde erneut in ihre Highschoolzeit versetzt. Damals hatte sie geglaubt, dass Joe diesen Blick und diese Mimik bewusst einsetzte – und vielleicht hatte er das auch getan. Jedenfalls erfolgreich, denn die Mädchen waren seinem Charme zu Dutzenden verfallen.

Aber heute kam es ihr eher so vor, als wäre dieser schräge Gesichtsausdruck einfach ein Ausdruck für Joes trockenen Humor.

„Ein Geräusch“, wiederholte er geduldig.

„Ja.“ Sie versuchte es wiederzugeben. „Rgrk-rgrk-rgkr. Oder zumindest so ähnlich.“

Zu ihrer Erleichterung lachte er nicht. „Ich werde nachschauen und dich anrufen, wenn ich weiß, woher es kommt“, erklärte er nur.

„Oh, danke, Cap. Das wäre großartig.“

Es entstand ein Schweigen, als Mary-Jane klar wurde, was sie da eben gesagt hatte. Cap. Jeder hatte ihn damals so in der Highschool genannt – Cap, als Abkürzung für Capelli, aber sie hatte keine Ahnung, ob es jetzt noch jemand tat.

Er hatte auch bemerkt, dass sie seinen Spitznamen verwendet hatte. „Joe ist besser“, meinte er.

„Entschuldige.“

„Cap ist … Nun, den Namen habe ich abgelegt.“

„Entschuldige“, meinte sie erneut und erinnerte sich auf einmal daran, dass sie irgendwann einmal darauf gestoßen war, dass Joe Capelli auch der Name eines Charakters in einem Videospiel war.

„Schon okay“, erklärte Joe. „Kann ich dich irgendwo hinfahren?“

Sie schüttelte den Kopf. „Meine Schwester holt mich ab. Sie sollte jede Minute hier sein.“

„Ich ruf dich an, wenn ich weiß, was mit deinem Wagen los ist.“

„Danke. Und bestell bitte deinem Vater Grüße von mir. Ich wünsche ihm alles Gute.“

„Das mach ich.“

Sie verließ die nach Schmieröl und Benzin riechende Werkstatt und atmete gerade die frische Juniluft ein, als ihre Schwester Lee vorfuhr.

Lee würde bald heiraten und war im fünften Monat schwanger. Sie war schon über das erste Drittel der Schwangerschaft hinweg, in dem Müdigkeit und Übelkeit regierten, und noch nicht im letzten Drittel, in dem man rund und schwerfällig wurde. Sie sah energiegeladen, glücklich und sehr lebendig aus. Ihr honigblondes, glänzendes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und ihre Haut strahlte. „Was ist jetzt mit diesem Geräusch?“, fragte sie, nachdem Mary-Jane auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.

„Das weiß ich noch nicht. Er schaut sich den Wagen an und meldet sich dann.“

„Er muss doch inzwischen langsam zu alt sein, um unter Autos herumzuliegen.“

„Es war nicht Mr. Capelli. Es war sein Sohn, Joe.“

„Joe. Wow!“, stieß Lee aus. „Ich dachte, er wäre in Hollywood und würde sich als Filmstar feiern lassen.“

„Daran erinnerst du dich noch? Du warst zwei Klassen unter uns.“

„Die ganze Schule wusste über Joe Capellis Pläne Bescheid. Und jeder hat an ihn geglaubt, oder?“

„Wirklich?“ Mary-Jane gab sich Mühe, etwas Skepsis in ihre Stimme zu legen, obwohl sie genau wie alle damals an seine Vorhaben geglaubt hatte. Sie hatte so sehr an Joe geglaubt, dass sie noch Jahre danach im Fernsehen oder Kino nach seinem Gesicht gesucht hatte. Einmal hatte sie sogar gedacht, ihn entdeckt zu haben. Er spielte den Handlanger eines Gangsters, der in einem Kugelhagel ums Leben gekommen war, ohne je ein Wort gesagt zu haben.

„Erinnerst du dich noch daran, wie er in der West Side Story gespielt hat?“, bemerkte Lee. „Jedes Mädchen im Publikum hat praktisch laut gestöhnt.“

„Ich nicht.“

„Nun, du warst nie der Stöhn-Typ. Ich habe nie verstanden, warum er nicht die Hauptrolle erhalten hatte.“

„Weil er nicht in der geforderten Stimmlage singen konnte“, antwortete Mary-Jane. „Er ist ein Bariton, kein Tenor.“

„Das weißt du noch?“

„Du hast recht, ich war nicht der Stöhn-Typ“, lenkte Mary-Jane schnell ab. „Außerdem konnte ich ihn nicht ausstehen.“

„Ich kann mich erinnern, dass er immer so gewirkt hat, als ob er ein Geschenk der Götter an die Frauen war. Es ist fast ein Witz, dass er hier in der Werkstatt endet, wenn man an seine ehrgeizigen Pläne denkt.“

„Das ist kein Witz. Und auch nicht das Ende. Er ist ja erst fünfunddreißig Jahre alt.“

„Jetzt verteidigst du ihn.“

„Weil ich sicher bin, dass er weiß, was jetzt alle denken“, erwiderte Mary-Jane. „Er war arrogant und spielte sich gerne auf, aber Spott verdient er trotzdem nicht. Er war kein schlechter Mensch, nur …“

„Nur viel zu egoistisch. Und du meinst trotzdem, dass man nicht darüber lästern sollte, wie tief er gefallen ist? In der Werkstatt seines Vaters zu arbeiten, hat nichts mit den Träumen zu tun, die er verwirklichen wollte.“

„Und an die wir alle geglaubt haben.“

„Ich weiß, was du meinst. Wenn einige Leute sagen: ‚Ich werde einmal ein Star sein!‘, verdreht man nur die Augen, aber bei ihm …“

„Wir haben die Augen aus anderen Gründen verdreht“, warf Mary-Jane ein.

„Wegen seiner Arroganz.“

„Genau, aber ich habe nie daran gezweifelt, dass er es schaffen würde.“

So wie Mary-Jane nie an ihrer eigenen Zukunft gezweifelt hatte. Nur dass sie keine großen Ambitionen gehabt hatte – eben das, was viele Frauen sich wünschen: eine gute Ehe, ein schönes Zuhause und gesunde Kinder.

Bisher hatte sie nur eines davon erreicht.

Einige Minuten später bog Lee in die Einfahrt, die zum Spruce Bay Resort führte, und Mary-Jane wurde mal wieder bewusst, dass sie wohl kaum an einem schöneren Ort leben könnte, umgeben von glitzerndem weißem Schnee im Winter und einem wundervollen Ausblick auf die Berge, die Wälder und den See im Frühjahr, Sommer und Herbst.

Und doch würde sie das alles für eine Vierzimmerwohnung über einem kleinen Geschäft tauschen, wenn sie dadurch eine gute Ehe und gesunde Kinder hätte.

Es war peinlich. Schmerzvoll peinlich. Viel peinlicher als die Geschichte von Joe Capelli, der jetzt statt am Filmset in Hollywood in der altmodischen Werkstatt seines Vaters arbeitete.

Es war unglaublich peinlich, dass sie sich nach etwas so Gewöhnlichem und Konventionellem sehnte und es trotzdem nicht bekam.

Peinlich … und schmerzlich … schrecklich … da sie spürte, wie langsam Bitterkeit in ihr Herz eindrang. Es fiel ihr oft schwer, ihren Schwestern, die glücklich verliebt, verheiratet oder verlobt waren und Babys bekamen, aus vollem Herzen Glück zu wünschen.

Tief in ihrem Inneren gab es eine kleine Liste, der sie jeden Tag ein Goldsternchen hinzufügte, wenn sie einmal keine Eifersucht oder Neid empfand oder sich nicht in Selbstmitleid badete.

Und obwohl diese Liste bereits viele goldene Sternchen aufwies, war es doch schlimm, dass sie überhaupt existierte. Und sosehr sie Joe verabscheute – nun, zumindest versuchte, ihn nicht zu mögen –, verstand sie ihn doch nur zu gut, wenn er sagte: Das Leben ist seltsam.

Mary-Jane Cherry gehörte zu den Frauen, die mit fünfunddreißig sehr viel besser aussahen als mit achtzehn, entschied Joe.

In der Highschool hatte sie eine Zahnspange getragen, oft unter Pickeln gelitten und ein wenig Babyspeck gehabt. Ihr Haar war langweilig braun und formlos lang gewesen. Jetzt reichten ihr die Haare in modischen Stufen geschnitten und mit blonden Strähnen aufgepeppt bis zu den Schultern. Ihre Haut war rein und gepflegt, und der Babyspeck hatte sich in frauliche Kurven verwandelt.

Es war seltsam, dass Joe sich so gut an sie erinnerte, aber auf der anderen Seite hatte er ja exzessiv Studien über Mädchen betrieben. Wenn er jemals zu einem Klassentreffen gehen sollte – was unwahrscheinlich war –, könnte er sich bestimmt an alle Mädchen erinnern.

Joe hörte dem Motorengeräusch von Mary-Janes Wagen zu und wusste sofort, dass sie ihn hätte fünfhundert Meilen früher in die Werkstatt bringen sollen. Nach einigen weiteren Untersuchungen war klar, dass der Wagen drei notwendige Reparaturen benötigte.

Mary-Jane konnte sich glücklich schätzen, dass sie so weit gekommen und nicht mit rauchendem Motor irgendwo stehen geblieben war. Joe würde den Motor in seine Einzelteile zerlegen müssen, um dann extra bestellte Einzelteile einbauen zu können. Heute war Dienstag. Mary-Jane würde ihr Auto frühestens am Freitag wieder fahren können.

Er wechselte das Öl an einem anderen Wagen und wuchtete Reifen an einem dritten aus, da die Kunden bald kommen würden. Mary-Jane musste noch warten, bis er ihr die schlechten Nachrichten überbrachte.

Was ein Jammer war, denn das gab ihm noch mehr Zeit, über sie nachzudenken.

Sie sah erstaunlich gut und noch sehr jugendlich aus. Und Joe war überrascht, dass sie noch hier war. Sie war intelligent, konnte sich gut ausdrücken, war fleißig und hatte immer gute Noten gehabt. Eigentlich hätte er erwartet, dass sie wegziehen und versuchen würde, ihren Horizont zu erweitern.

In der Highschool hatte es zwei Gruppen von Mädchen gegeben: diejenigen, die fanden, dass er gut aussah, und für ihn schwärmten, und die, die ebenfalls dachten, dass er gut aussah, ihn aber nicht ausstehen konnten.

Natürlich war Mary-Jane in der zweiten Gruppe gewesen, und natürlich war er nur mit Mädchen aus der ersten Gruppe ausgegangen.

Er hatte die hübschesten, verrücktesten und beliebtesten gedatet, weil das diejenigen waren, die gerne experimentierten und fast immer an Sex interessiert waren. Außerdem erblassten dadurch die anderen Jungen vor Neid und zollten ihm Respekt. Das hatte seine Stellung als coolster Junge auf der Schule zementiert.

Wenn er zurückblickte, konnte er erkennen, dass er geradezu ins Verderben gelaufen war. Manchmal wünschte er sich, die Zeit zurückdrehen zu können und seinem Teenager-Ich kräftig gegen den Kopf zu schlagen. Er wusste, es hatte nur an wenigen Dingen gelegen hatte, dass er es nicht geschafft hatte.

Er war so nahe dran gewesen.

Richtig nahe.

Selbst jetzt könnte er noch – mit ein wenig Anstrengung – eine gute Rolle in einer Krimi-Serie oder eine Filmrolle erhalten. Wie er Mary-Jane bereits gesagt hatte, das Leben war seltsam.

Nach vielen Castings war er einmal mit einem anderen Mann – der heute berühmt war – für eine Krimi-Serie, die ein weltweiter Erfolg wurde, ausgewählt worden. Der andere Mann hatte die Rolle erhalten. Dann hatte noch – genau in dieser Zeit – ein Lächeln einer schönen Frau in einem Restaurant ihn dazu verleitet, ihr zu folgen, statt sie einfach zu vergessen.

Es waren diese zwei Gegebenheiten gewesen, die sein Leben verändert hatten. Leider nicht in die Richtung, die er sich erwünscht hatte.

Aber obwohl er sein Ziel so knapp verfehlt hatte, konnte er es nicht bedauern, denn auf der anderen Seite hatte ihm das Leben etwas Wertvolles gegeben, das er nicht mehr missen wollte.

Die Besitzer der beiden anderen Wagen erschienen gleichzeitig. Er nahm das Geld entgegen und übergab ihnen die Autoschlüssel. Dann erinnerte er sich daran, dass er Mary-Jane Cherry noch immer nicht angerufen hatte, obwohl es fast sechzehn Uhr war. Er wollte gerade den Telefonhörer in die Hand nehmen, als sein Vater mit zwei siebenjährigen Mädchen hereinkam, die sich ähnelten wie ein Ei dem anderen. Joes Dad wirkte sehr müde.

Es waren die Mädchen, die das Kostbarste waren, was Joe besaß.

„Du wirst mir jetzt sagen, dass Autos zu reparieren einfacher ist, als auf diese beiden aufzupassen“, meinte er.

„Nein, wir hatten einen großartigen Tag.“ Aber einen ermüdenden, doch darüber wollte sein Dad sich nicht auslassen.

„Was habt ihr gemacht?“

„Wir waren am See und haben am Strand gespielt. Danach gab es noch eine Runde Minigolf auf dem Platz mit den Wasserspielen. Eis gegessen haben wir auch.“

Joes Dad würde den Sommer über nicht ständig diesen Einsatz bringen können. Er hatte Prostatakrebs. Das einzig Gute an dieser Geschichte war, dass der Arzt ihm versprochen hatte, der Krebs könnte so lange in Schach gehalten werden, dass Art nach Jahren vielleicht sogar an etwas anderem als an Krebs sterben würde.

Joe begann langsam die Aussage des Doktors anzuzweifeln. Aber vielleicht war es nur die ungeheure Energie seiner kleinen Töchter, die Art Capelli heute so erschöpft und müde aussehen ließ. „Ich werde sie für ein Ferienprogramm anmelden“, versprach er seinem Vater. „Ein Tagescamp oder so etwas.“

„Wo wir reiten können?“, fragten beide Mädchen wie aus einem Mund mit den gleichen hoffnungsvollen Stimmen.

Joe seufzte. „Vielleicht. Ich werde mich umsehen.“

Er wusste nicht, woher diese Pferdebegeisterung kam, aber es wurde immer schlimmer. An ihren Zimmerwänden hingen Pferde- und Ponybilder, und sie besaßen ein Regal voll mit Pferde- und Ponybüchern. Nicht nur Geschichten, sondern auch Sachbücher, in denen erklärt wurde, wie man ein Pony reitet und versorgt. Sie hatten ein Pony-Spielset aus Plastik, schliefen jede Nacht mit Plüschponys, und sie waren stolze Besitzerinnen von Einhorn-Socken – offensichtlich zählten Einhörner als Ponys – und Hufeisenanhängern und Pony-T-Shirts und Pyjamas mit aufgedruckten Ponys.

Jetzt, da er und die Mädchen Kalifornien verlassen und in den Osten gekommen waren, war es vielleicht sogar möglich, dass sie wirklich einmal Kontakt zu Ponys hatten.

„Du brauchst nicht meinetwegen die Kinder in irgendein Ferienprogramm abzuschieben“, erklärte Art.

„Pony-Camp! Pony-Camp!“, riefen die Mädchen begeistert.

„Das tu ich schon nicht, es sei denn, sie möchten es unbedingt“, versprach Joe, aber er wusste, dass er die Wahrheit ein wenig beschönigte.

Seine Mädchen würden es genießen müssen, ob sie nun wollten oder nicht, denn sein Dad konnte unmöglich den ganzen Sommer fünf Tage die Woche auf seine Mädchen aufpassen. Joe war nur hier in der Werkstatt, damit sein Dad sich eine Auszeit nehmen konnte, bis er eine Entscheidung getroffen hatte, ob er die Werkstatt verkaufen oder einfach schließen wollte. Dass sein Vater auf die Mädchen aufpasste, war nur eine Zwischenlösung, bis er sich mit den Kindern endgültig eingerichtet hatte. Sie waren erst vor zwei Wochen aus Kalifornien gekommen und hatten noch nicht einmal alles ausgepackt.

Holly und Maddie hatten die Hälfte ihres jungen Lebens – seit er das alleinige Sorgerecht erhalten hatte – in Kindertagesstätten oder Ferienprogrammen verbracht, einfach, weil er keine andere Wahl hatte. Doch all diese Kinderbetreuung war immer noch weitaus besser als ihre Situation, bevor sie zu ihm gekommen waren. Er hatte seinem Dad den größten Teil der Details erspart. Es war irgendwie herzerwärmend, dass Art in seiner Unschuld professionelle Kinderbetreuung als schlechte Wahl ansah.

Joe nahm sich vor, heute Abend, wenn sein Vater und die Kinder im Bett waren, weiter auszupacken. Er wollte seinen Dad zumindest nicht damit belasten. Joe hatte eigentlich keine Zeit, um einen kostbaren Abend lang Umzugskarton auszupacken; er musste dringend lernen. Aber wenn er seinen Dad nicht entlastete …

„Bist du so weit, die Werkstatt schließen zu können?“, fragte Art. Es war nicht schwer herauszuhören, dass er sich danach sehnte, sich im Haus auszuruhen.

„Noch nicht ganz. Ich habe noch einen Anruf zu tätigen. Mary-Jane wird wahrscheinlich den Leihwagen brauchen, also werde ich mich noch darum kümmern. Warum gehst du nicht mit den Mädchen nach Hause und setzt sie vor den Fernseher, damit du Ruhe hast? Wenn du ihnen ein Eis gibst, werden sie mit dem Abendessen noch warten können.“

Falsch.

„Wir haben Hunger!“, riefen Holly und Maddie gleichzeitig.

Sie sprachen unbewusst fast immer im Chor, und Joe war daran gewöhnt. Normalerweise fiel es ihm gar nicht mehr auf. Ältere Frauen fanden es „herzig“, aber wenn die beiden sich etwas wünschten – wie Reitstunden oder länger fernsehen zu dürfen –, war diese Angewohnheit auch für Joe eine Plage, obwohl er seine Töchter natürlich von ganzem Herzen liebte.

„Okay, sie haben Hunger“, verbesserte er sich. „Im Tiefkühlschrank liegt eine Tüte Kartoffel-Smileys. Gib die Hälfte in den Backofen und lass sie bei zweihundert Grad zehn Minuten darin. Stell am besten den Timer.“ Er schaute seine Töchter an. „Wenn euer Granddad den Timer nicht hört, sagt ihr ihm Bescheid, okay? Versucht nicht, die Smileys allein herauszuholen.“

Er wusste, dass sie es tun würden, wenn er es ihnen nicht ausdrücklich verbot. Sie besaßen einen unglaublichen Ehrgeiz, wenn es darum ging, praktische Aufgaben auszuführen, für die sie noch nicht alt genug waren.

Art, Holly und Maddie verließen die Werkstatt, und Joe beschäftigte sich mit der Frage, wie er den Leihwagen so schnell wie möglich zu Mary-Jane bringen konnte, da er seinen Vater nicht länger als notwendig mit den Mädchen allein lassen wollte.

2. KAPITEL

„Einen Leihwagen?“, fragte Mary-Jane verständnislos.

Sie musste immer noch die Nachricht verarbeiten, dass ihr kleines, vernachlässigtes Auto sehr viel reparaturbedürftiger war, als sie angenommen hatte, und erst am Freitag fertig sein würde.

„Ja, mein Dad hat einen netten kleinen Kompaktwagen, deinem sehr ähnlich, den er langjährigen Kunden leiht, wenn ihr Wagen länger in der Werkstatt bleiben muss“, erklärte Joe Capelli mit dieser Stimme, die zu tief und rau war, um in der Schulaufführung der West Side Story „Mari-i-aa!“ zu singen.

„Nun ja. Ich brauche ihn.“ Es war unmöglich, das Resort im Sommer ohne Wagen zu leiten. Sie musste ständig irgendwelche Besorgungen machen, egal, ob sie etwas für den Pool brauchte oder frisches Obst und Gemüse besorgen musste, weil eine Lieferung ausgefallen war. In der letzten Woche hatte sie einen Gast zur Notaufnahme des Krankenhauses fahren müssen.

„Könnte ich ihn dir in zwanzig Minuten bringen?“, fragte Joe, „und könntest du mich dann rasch nach Hause fahren? Wäre das okay? Es wäre eine große Erleichterung für mich, wenn du mir da entgegenkommen könntest.“

„Wohnst du noch in der North Street?“ Sie hatte keine Ahnung, warum ihr dieses Detail aus der Vergangenheit wieder eingefallen war.

Falls er überrascht war, zeigte er es nicht. „Richtig, bei meinem Dad.“

„Kein Problem“, meinte sie, während sie in Gedanken ihr Personal durchging. Nickie könnte in ihrer Abwesenheit das Büro übernehmen, und Piri würde bestimmt länger in der Restaurantküche arbeiten. „In zwanzig Minuten, hast du gesagt?“

„Mehr oder weniger.“

„Großartig. Du weißt, wo wir sind?“

Sie begann ihm den Weg zu schildern, aber er unterbrach sie mit einem „Ich weiß, wo es ist“.

Neunzehn Minuten später fuhr er vor dem Büro des Resorts vor. Als er ausstieg, wirkte der kleine rote Wagen viel zu klein für ihn, aber für Mary-Jane war er perfekt. Klein, spritzig, effizient.

Nickie war bereits im Büro am Telefon und nahm den Wunsch eines Gastes nach extra Handtüchern entgegen, sodass Mary-Jane hinauslaufen und von Joe die Wagenschlüssel entgegennehmen konnte. Er hatte den Overall ausgezogen und trug nun ein paar ausgewaschene Jeans und ein frisches T-Shirt.

Er hatte sich wohl auch Gesicht, Hals, Arme und Hände gewaschen, denn er duftete nach Seife.

„Oh, du kannst gerne fahren, bis wir bei dir sind“, meinte sie und wollte ihm den Schlüssel zurückgeben. Doch er wies ihn zurück.

„Es ist besser, wenn du dich schon einmal eingewöhnst. Vielleicht fährt er sich anders als deiner.“

„Okay, das ergibt Sinn. Aber ich komme sicher zurecht.“

Ihr Wort in Gottes Ohr!

Auf dem Beifahrersitz schien Joe noch weniger Platz zu haben als hinter dem Steuer, und dabei hatte er den Sitz ganz nach hinten geschoben. Mary-Jane war abgelenkt durch seinen muskulösen Arm, der sie fast berührte, durch die Tatsache, dass er auf Small Talk verzichtete, und durch ihre Einkaufsliste, die sie gerade mental erstellte. In dem Kühlschrank in ihrem Apartment über dem Büro befand sich kaum noch etwas Essbares. Sie hatte in den letzten Tagen einfach keine Zeit gehabt, einkaufen zu gehen.

Lee arbeitete im Spruce Bay nur vier Tage die Woche, was für eine Schwangere ohnehin zu lang war, um von ihrem zukünftigen Ehemann getrennt zu sein. Lee und Mac hatten für Ende Juli eine schlichte Hochzeit geplant, und Lee würde Ende August aufhören zu arbeiten, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Mary-Jane wollte ihrer Schwester eigentlich vorschlagen, noch früher aufzuhören.

Ich könnte jemanden einstellen, der sechs oder sieben Tage die Woche arbeiten möchte.

Lee und Mac schienen als Paar zwar sehr glücklich zu sein, aber sie waren in ihrer Beziehung rasend schnell von null auf hundert gegangen. Sie hatten sich kaum richtig gekannt, als Lee schwanger geworden war. In den letzten Monaten hatten sie sich über vieles klar werden müssen – unter anderem, wo sie sich langfristig niederlassen wollten. Diese Entscheidung war immer noch nicht gefallen, und Mary-Jane wurde langsam ungeduldig.

Entschließt euch endlich, damit ich weiß, wie ich das Resort weiterführen soll. Okay, es ist nicht fair, so zu denken, hier geht es um die beiden, nicht um mich.

Doch manchmal hatte sie das unglückliche Gefühl, dass es nie um sie, sondern immer nur um andere ging …

„Hier“, sagte Joe Capelli plötzlich.

„Was? Oh, entschuldige.“ Sie war die North Street entlanggefahren und hatte vergessen das Tempo zu drosseln, damit er ihr sein Haus zeigen konnte. Jetzt bremste sie zu hart und befürchtete, er als Kfz-Mechaniker würde ihren Fahrstil nicht gutheißen. „Welches?“

„Das da rechts.“

„Oh, wow, das ist wunderschön.“

Sie war viele Male an diesem Haus vorbeigefahren, hatte aber nicht gewusst, dass es den Capellis gehörte. Es war ein zweigeschossiges Haus, dessen Wände mit weißen Holzschindeln gedeckt waren und um das eine Veranda aus edlem Holz führte. Die Fensterläden waren dunkelgrün gestrichen, und es war von einem großen, üppig bepflanzten Garten mit wundervollem Rasen umgeben. Zu dieser Zeit des Jahres standen die Blumenbeete in voller Blüte, und die Bäume trugen ein prachtvolles Grün. Es sah fabelhaft aus.

Mary-Jane fuhr langsam in die Einfahrt, die nur aus zwei langen Reihen Ziegelplatten bestand, zwischen denen saftiges, kurz geschnittenes Gras wuchs. Weil sie das Lenkrad zu spät eingeschlagen hatte, kam sie mit dem Vorderreifen von den Steinen ab, und als sie den Kurs korrigieren wollte, hörte sie das Kratzen der Steine an den Reifen, bis sie wieder in der Spur war.

Sie begann zu schwitzen. Jetzt fuhr sie auch den Leihwagen schlecht, nachdem sie schon ihren eigenen Wagen so vernachlässigt hatte. Oje, sie war froh, wenn sie hier wieder weg war.

„Vielen Dank für den Leihwagen“, erklärte sie. „Es tut mir leid, dass ich so schlecht gefahren bin.“

„Ist doch alles in Ordnung.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich rufe dich an, wenn dein Wagen fertig ist. Hier ist meine Karte“, sagte er und reichte ihr seine Visitenkarte. „Für den Fall, dass du dich erkundigen willst, wie weit ich mit der Arbeit bin.“

Er schien nicht darauf erpicht zu sein, die gemeinsame Zeit mit ihr auszudehnen. Mit einem schnellen „Also bis dann“ stieg er aus dem Wagen und lief auf das Haus zu. Er sah in den Jeans schlank und trainiert aus. Der weiche, verwaschene Stoff schmiegte sich um seinen knackigen Hintern …

Hör sofort damit auf, Mary-Jane!

Bevor er die Haustür erreichte, fuhr sie rückwärts die Einfahrt hinaus und auf die Straße hinaus. Sie hoffte, dass er nicht gehört hatte, dass sie schon wieder mit einem Reifen einen Stein geschrammt hatte.

Oder dass sie ihm auf den knackigen Hintern gestarrt hatte.

So, jetzt in den Supermarkt! rief sie sich zur Vernunft. Was musste sie noch gleich kaufen? Butter, Milch, Brot, Eier, Käse, Salat, vielleicht Pasta und dazu eine fertige Soße oder ein Steak und Gemüse für eine asiatische Pfanne. Hatte sie noch Reis zu Hause? Und hatte Daisy ihr nicht auch noch einige Dinge genannt, die sie für das Restaurant besorgen sollte? Sie versuchte, sich an die Unterhaltung zu erinnern.

„Wir haben keine …“ Nichts. Null Erinnerung.

Denk nach, Mary-Jane! Sie fuhr auf den Highway und beschleunigte. Joe hatte recht. Dieser Wagen war ihrem so ähnlich, dass sie beim Fahren gar nicht nachzudenken brauchte.

Also überlegte sie stattdessen, was Daisy sie gebeten hatte, zu kaufen. Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Sahne und … sie wusste, dass es noch zwei weitere Dinge waren. Zwei Sachen aus dem Kühlregal. Sahne und …

Kein Käse. Keine Milch.

Sie bog vom Highway ab und fuhr auf eine rote Ampel zu. Als sie grün wurde, wollte sie gleich wieder Gas geben, aber der Wagen, der bei Rot vor der Ampel gestanden hatte, fuhr nicht weiter. Der Fahrer telefonierte und hatte nicht gesehen, dass die Ampel grün war. Als er dann hektisch losfahren wollte, kam die Kupplung zu schnell, und der Motor ging aus. Mittlerweile hatte die Ampel auf Gelb geschaltet, und der Fahrer gab es auf. Bevor Mary-Jane wusste, wie ihr geschah …

Krach! Bumm! Capellis Leihwagen stieß mit der Vorderfront gegen das Heck des stehenden Autos und schob den Wagen einen Meter weit in die Kreuzung hinein. Die Ampel wurde gerade wieder rot, und andere Autofahrer hupten und starrten zu ihnen herüber. Mary-Jane zitterte wie Espenlaub, als sie aus dem Wagen stieg.

Die ganze Vorderfront des Leihwagens war eingedrückt. Den Wagen des Mannes hatte es weniger schlimm getroffen; trotzdem war der Fahrer wütend. Immerhin war niemand verletzt worden. Der Mann wollte Mary-Janes Namen, Adresse und die Versicherungsnummer, und sie schrieb mit zitternden Händen alles auf ein Stück Papier, das sie in ihrer Handtasche fand, das, wenn sie ein wenig organisierter gewesen wäre, eine Einkaufsliste hätte sein können – mit der wahrscheinlich erst gar nichts passiert wäre.

Mary-Jane wusste, dass es ihre Schuld war.

Sie war zerstreut gewesen und hatte einen Wagen gefahren, der ihrem in der Fahrweise ähneln mochte, aber trotzdem nicht der gleiche war. Sie hätte vorsichtiger und aufmerksamer sein müssen. Der Bremsweg des Leihwagens war länger. Nach ihrer Vollbremsung vor Joes Haus hätte sie das bereits wissen müssen.

Einige Menschen hatten geparkt und waren ausgestiegen, um zu helfen. Irgendjemand musste die Polizei gerufen haben, denn ein Wagen mit Blaulicht kam auf sie zu. Das folgende Prozedere dauerte ziemlich lange, und als die Polizisten Mary-Jane schließlich aufforderten, ihren Wagen von der Straße zu fahren, sprang der Motor nicht an. Sie mussten ihn an den Rand schieben.

„Sie werden ihn abschleppen lassen müssen. Kann Sie jemand abholen?“, fragte einer der Polizisten.

„Ja.“

Leider wusste sie, wer der Einzige war, der ihr jetzt helfen konnte.

Die Mädchen saßen in der Badewanne, als das Telefon klingelte. Joe ließ sie kurz allein, um den Telefonhörer zu holen, und ging damit ins Badezimmer zurück, noch bevor er wusste, wer der Anrufer war. Selbst jetzt, da seine Kleinen sieben Jahre alt waren, ließ er sie nur ungern unbeobachtet in der Badewanne und hielt sich normalerweise während ihres Bades im angrenzenden Schlafzimmer auf, faltete Wäsche oder arbeitete am Laptop.

„Joe?“ Die Stimme war weiblich und sehr zittrig. Der Empfang war nicht gut, und für einen schrecklichen Moment dachte er, es wäre die Mutter der Mädchen. Nur so konnte er über sie denken. Es war die Frau, die seinen Töchtern das Leben geschenkt hatte, nicht mehr und nicht weniger. Zumindest das konnte man ihr an Gutem zusprechen.

Zum Glück war sie nicht die Anruferin.

„Joe, ich bin es, Mary-Jane Cherry.“

„Was ist los?“

„Ich habe … Es ist etwas Schreckliches passiert. Es tut mir so leid. Ich habe mit dem Leihwagen einen Unfall gebaut.“

„Du hast was?“

„Ich bin auf jemanden aufgefahren. Die Front ist eingedrückt, und der Motor springt nicht mehr an. Der Wagen muss abgeschleppt werden, bestimmt am besten zu deiner Werkstatt, und vielleicht kannst du mir jemanden empfehlen, der das übernehmen kann.“ Sie hörte sich sehr mitgenommen an. Joe musste seine Wut im Zaum halten.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte er.

„Mir geht es gut. Denke ich auf jeden Fall. Ich stehe nur ein wenig unter Schock. Die Polizei hat alles aufgenommen. Ich weiß, dass es meine Schuld war.“

„Mach dir keine Sorgen. Der Wagen ist versichert.“

„Das war mir klar. Trotzdem, es tut mir so leid. Ich entschädige euch natürlich für den zusätzlichen Aufwand.“

„Mach dir jetzt deswegen keine Gedanken.“ Er schluckte seinen Ärger hinunter und sagte sich, dass diese Geschichte für sie viel ärgerlicher war als für ihn. So etwas konnte jedem passieren. „Ich geb dir jetzt die Nummer eines Abschleppdienstes, der den Wagen zur Werkstatt bringen soll. Hast du jemanden, der dich nach Hause fahren kann?“

„N…nein, habe ich nicht.“ Jetzt klang sie, als ob sie gleich losweinen würde, aber dann riss sie sich zusammen. „Aber ich werde mir ein Taxi rufen. Das ist okay.“

„Ich werde dich abholen.“

„Das musst du nicht.“

„Ich möchte mir den Wagen anschauen.“

„Ach so, natürlich.“

„Sag mir, wo du bist.“

Sie erklärte es ihm, und er wusste sofort, wo sie stand. Er kannte den Supermarkt in der Nähe und auch die Kreuzung mit den Ampeln.

„Bin in fünf Minuten da“, versprach er.

„Ich danke dir.“

„Mädchen, es wird Zeit, aus der Wanne zu kommen!“, rief er, als er das Gespräch beendet hatte.

Sie protestierten natürlich, da sie gerade ihre Plastikponys schwimmen ließen. Offensichtlich waren es magische Kreaturen, die wie fliegende Fische auf- und wieder untertauchten. Als Ergebnis befanden sich schon einige Wasserlachen auf dem Badezimmerboden.

Art war unten auf der Couch bereits eingeschlafen, und Joe weckte ihn nicht.

Er wickelte Holly und Maddie in die Badetücher und schickte sie in ihr Zimmer, damit sie ihre Pyjamas anzogen, während er das Wasser abließ und mit einem Handtuch rasch den Boden trocken wischte. Schließlich ging er zur offenen Tür des Kinderzimmers hinüber. „Ich muss jemanden abholen, der einen Blechschaden hatte.“

„Was ist ein Blechschaden?“, fragten sie sofort.

„Na ja, ein Auto ist auf das andere aufgefahren, und das Blech ist zerbeult worden. Zum Glück ist niemand verletzt, also ist es nur ein Blechschaden. Aber die Frau ist durch den Unfall ein wenig mitgenommen, ich kann sie nicht warten lassen. Ihr hattet ja eure Kartoffel-Smileys, also seid ihr noch nicht hungrig …“

„Doch, sind wir.“

„Nun, ihr müsst trotzdem warten. Ich werde so schnell wiederkommen, wie ich kann. Ihr spielt hier und stört Granddad nicht, okay? Es sei denn, es handelt sich um einen Notfall.“

„Was für ein Notfall?“

„Eine von euch hat sich verletzt, oder es brennt. Und benehmt euch! Nicht dass noch so etwas passiert.“

Verdammt, sollte er besser seinen Vater aufwecken? Aber er wusste, dass er oft überfürsorglich war, und er kannte auch den Grund dafür. Er versuchte in letzter Zeit, die Dinge ein wenig lockerer zu sehen und daran zu denken, dass seine Kleinen schon etwas vernünftiger geworden waren. Sie waren jetzt sieben und intelligente, brave Mädchen, die sich immer seltener in Gefahr brachten. Sie waren weniger impulsiv und wussten Gefahren besser einzuschätzen. Und falls sie aus irgendeinem Grund anfingen zu schreien, würde Art aufwachen. Er war fünfundsechzig und keine fünfundachtzig. Er war nur ein wenig erschöpft.

„Sagt Granddad, wohin ich gefahren bin – okay? – und dass ich bald wieder zurück sein werde.“

„Aber du hast doch gesagt, wir sollen ihn nicht aufwecken?“

„Sagt es ihm, wenn er von alleine aufwacht.“

Nach ein wenig mehr Hin und Her verließ Joe das Haus und ging hinüber zu der alten Holzgarage. Art hatte seinen eigenen Wagen an der Straße geparkt und darauf bestanden, dass Joes Minivan in die Garage kam, denn in diesem wurden die Mädchen immer chauffiert.

Joe schob die quietschenden alten Holztüren auf, fuhr den Van heraus und stieg wieder aus, um die Garage zu schließen. Sein Dad bewahrte Werkzeuge darin auf, die älter waren als die Unabhängigkeitserklärung und die für ihn kostbarer waren als Gold, also mussten sie gut verwahrt werden.

Joe hatte bereits mehr als fünf Minuten gebraucht, bis er überhaupt losfahren konnte.

3. KAPITEL

Was ist, wenn er gar nicht kommt?

Joe hatte gesagt, er würde in fünf Minuten kommen, und weil er das letzte Mal so pünktlich gewesen war, klammerte Mary-Jane sich daran. Sie wurde immer nervöser.

Es waren schon fünfzehn Minuten vergangen, seit sie mit ihm telefoniert hatte. Der Abschleppwagen war gekommen und hatte das kleine Capelli-Auto mitgenommen. Die hilfsbereiten Zeugen waren von der Polizei befragt worden und hatten den Unfallort verlassen. Der Fahrer, in dessen Wagen sie hineingefahren war, hatte sich längst verabschiedet, die Polizei ebenfalls vor einer Minute.

Zumindest war es Juni und um kurz nach neunzehn Uhr immer noch taghell. Aber der Himmel hatte sich zugezogen, und es war ein kühler Wind aufgekommen. Gänsehaut überzog ihre Arme, und Mary-Jane begann zu zittern – sie wusste nicht, ob die Temperatur oder ein Schock der Grund dafür war.

Sie kam sich vor wie ein verlassenes Kind, wie sie so am Rand der Kreuzung stand. Die vorbeifahrenden Autos ignorierten sie. Mary-Jane dachte gerade daran, sich doch ein Taxi zu rufen – glücklicherweise hatte sie ihre Handtasche aus dem Wagen genommen, bevor er abgeschleppt wurde –, als ein Minivan abbremste und langsam an sie heranfuhr. War das Joe Capelli?

Ja, es war Joe Capelli, der am Steuer dieses älteren roten Minivans saß. Er lehnte sich über den Beifahrersitz und öffnete die Tür. „Nichts wie herein“, meinte er. „Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“

„Ist … schon gut. Ich kann doch nicht erwarten, dass du meinetwegen alles stehen und liegen lässt.“

„Nun, das hab ich schon getan; trotzdem hat es eine Weile gedauert.“

„Oh, okay.“ Sie hätte gern gefragt, was genau er meinte, aber sie war zu sehr damit beschäftigt, ihr Zittern zu unterdrücken. Seit dem Mittagessen – einer Banane und einem Pfirsich – hatte sie nichts mehr gegessen. Ihr war leicht übel, kalt sowieso, und sie fühlte sich hundeelend. Ihr Kopf fühlte sich an wie in den Schraubstock geklemmt.

„Du frierst ja.“ Er schaltete schnell die Klimaanlage aus und drehte stattdessen die Heizung an. „Entschuldige, bei uns war es so warm. Mir war nicht bewusst, wie kühl es geworden ist.“

„Es wird bestimmt gleich besser.“

Er hatte nicht erwähnt, dass er sie nach Hause bringen würde, und fuhr Richtung Werkstatt. Vielleicht konnte sie sich dort ein Glas Wasser holen und zwei Schmerztabletten einnehmen, die sie in ihrer Handtasche hatte. Diese Art von Spannungskopfschmerzen entwickelte sich schnell zu einer schlimmen Migräne, wenn Mary-Jane nicht sofort Tabletten nahm.

Der Abschleppwagen stand schon vor der Werkstatt, und der Fahrer war gerade dabei, den Leihwagen abzuladen. Das Auto sah schrecklich aus. Wer hätte gedacht, dass bei einer so geringen Geschwindigkeit so viel Schaden entstehen konnte?

„Es tut mir so leid“, sagte Mary-Jane erneut, und ihr Kopfschmerz wurde mit jedem Moment unerträglicher.

„Der Wagen ist mindestens acht Jahre alt. Bitte mach dir keine Sorgen deswegen.“

„Kann ich mir irgendwo ein Glas Wasser holen?“

„Der Wasserspender steht im Büro. Du hast Kopfweh, nicht wahr?“, erriet er.

„Ja.“

„Hast du Schmerztabletten dabei?“

„Ich brauche nur das Wasser.“

„Ich hole es dir, warte.“ Er sprang aus dem Minivan und ging kurz zu dem Fahrer des Abschleppdienstes und dann ins Büro. Mary-Jane fühlte sich so schlecht, dass sie ihm nicht einmal mehr nachsehen konnte. Sie saß ganz still, beugte sich leicht vor und versuchte, langsam und gleichmäßig durchzuatmen. Ein –aus, ein –aus … Sie konzentrierte sich auf einen Punkt. In diesem Fall auf ein pinkfarbenes Plastikpony, das auf dem Boden des Minivans lag.

Joe Capelli hatte eine Familie.

Selbst in ihrem Zustand konnte Mary-Jane noch eins und eins zusammenzählen.

Jetzt fühlte sie sich noch schlechter. Er würde wegen der Schwierigkeiten, die sie ihm bereitete, zu spät kommen zu seinem Abendessen mit einer netten Frau mit Schürze und braunäugigen Kindern.

Sie wusste nicht, woher das mit der Schürze kam. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendeine Frau von „Cap“ jemals so ein Ding tragen würde.

Er kam mit einem Plastikbecher Wasser zurück, und sie atmete tief durch, während sie langsam die Tabletten aus ihrer Tasche holte. „Bist du sicher, dass es kein Schleudertrauma ist?“, meinte er, nachdem sie die Tabletten geschluckt hatte.

„Spannungskopfschmerzen“, erklärte sie. „Ich bekomme sie … wenn ich unter Stress stehe.“

Er stieg wieder in den Minivan ein, und sie hörte, wie der Abschleppwagen auf die Straße hinausfuhr.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Ja, für heute. Und was ist mit dir? Passt jemand auf dich auf, wenn du nach Hause kommst?“

Sie antwortete nicht sofort und suchte nach einer guten Antwort, um ihm zu erklären, dass sie an diesem Abend auf sich allein gestellt wäre.

Daisy und das Personal wären mit den Gästen zu beschäftigt, und Nickie würde wegfahren, sobald Mary-Jane da wäre. Nickie war erst achtzehn Jahre alt, intelligent und geschickt, aber nicht gerade fürsorglich.

„Nicht wirklich“, sprach sie schließlich einfach die Wahrheit aus.

„Hast du Hunger?“, fragte er.

„Mhm. Ich denke, deswegen sind die Kopfschmerzen besonders schlimm“, gab sie zu.

„Komm doch zum Abendessen mit zu mir. Vielleicht sind danach deine Kopfschmerzen fast verschwunden, und wir können darüber reden, wie wir für dich ein Transportmittel bis Freitag finden.“

„Das ist wirklich nicht dein Problem, Joe. Ich habe dir schon genug Ärger gemacht.“

„Wir werden etwas finden“, meinte er ruhig, aber bestimmt. „Wirf den Becher nach hinten, wenn du willst, da liegt schon genug herum. Ich muss sowieso aufräumen.“

Da Joe so gut zu ihr war, konnte sie sich nicht zu dieser respektlosen Geste durchringen, also hielt sie den Becher fest.

Die North Street befand sich nur wenige Minuten entfernt. Sie schloss die Augen während der Fahrt und öffnete sie erst, als er in die Einfahrt einbog. Er parkte vor der Garage und schaute sie dann an. „Geht es ein wenig besser?“

„Noch nicht.“

„Meine Mädchen sind sehr lebhaft. Möchtest du eine Weile hier im Wagen sitzen, bis die Tabletten gewirkt haben, und dich dann zu uns gesellen? Ich kann dir auch etwas herausbringen.“

„Nein, danke. Aber ich bleibe gerne im Wagen.“

„Einen Saft? Eine Packung Cracker?“

„Nein, danke, wirklich nichts.“

„Also gut. Die Haustür ist offen, du kommst, wann immer du möchtest. Klopf auch nicht an, komm einfach herein.“ Er schloss, so leise es ging, die Tür des Minivans, und sie dankte es ihm innerlich.

Zwei Sekunden später war er im Haus. Mary-Jane war allein – in seinem Minivan, vor seinem Haus.

Die Mädchen, hatte er gesagt. Zwei oder mehr also. Es könnten Teenager oder kleinere Kinder sein, wobei das Plastikpony eher Letzteres andeutete.

Nun, sie würde es bald herausfinden.

Sie lehnte den Kopf zurück und atmete regelmäßig tief ein und aus. Sie dachte an seine Bemerkung mit dem Schleudertrauma. Sie hoffte sehr, dass es nicht so war. Nach zwanzig Minuten ließen der Schmerz und die Übelkeit endlich nach, und sie wusste, dass es an der Zeit war, ins Haus zu gehen.

„Möchtet ihr die helle oder die rote Soße?“, fragte Joe seine Mädchen.

Die beiden sahen sich an und hatten anscheinend mit einem Blick ihre Meinung ausgetauscht. „Die helle“, verkündeten sie gleichzeitig.

Er hoffte, Mary-Jane hätte genauso gewählt. Er schob tiefgefrorenes Knoblauchbaguette in den Backofen, nahm eine Packung Käse-Ravioli aus dem Gefrierschrank, öffnete zwei Tüten gepflückten und vorgewaschenen gemischten Salat und gab ihn in eine Schüssel. Die Mädchen liebten Käse-Sahne-Ravioli. Sie könnten sie dreimal die Woche essen.

Nun, manchmal taten sie es auch.

Es war ein einfach zuzubereitendes Abendessen für einen viel beschäftigten Mann, wenn er die Käse-Ravioli mit einer Sahnesoße aus dem Supermarkt kombinierte. Und durch den Salat war die Mahlzeit auch nicht so ungesund. Er hoffte nur, dass das, was er auftischte, für ihn selbst, für seinen Dad, die Kinder und Mary-Jane reichen würde.

Und da war sie.

Sie war leise in die Küche gekommen und sah immer noch etwas mitgenommen aus, aber schon viel besser als zuvor. Sie hatte schöne Haut, ebenmäßig und feinporig. Das war ihm bereits in der Werkstatt aufgefallen, und jetzt im Küchenlicht sah man es noch deutlicher. Sie war auch nicht mehr ganz so blass wie vorhin, sondern ihre Haut war rosiger geworden, und ihre Lippen waren voll und sinnlich. Sie war hübsch. Nicht auffallend schön, aber sie besaß etwas äußerst Ansprechendes und wirkte sehr weiblich. Noch vor zehn Jahren hätte er diese Art von unauffälliger Schönheit nicht geschätzt. Jetzt wusste er es besser.

„Die Tabletten haben gewirkt?“, fragte er.

„Ja, langsam.“

Er schüttete einige Cracker aus einer Packung auf den Teller. „Nimm ein paar davon, vielleicht hilft das, bis das Essen fertig ist. Möchtest du auch ein Glas Saft?“

„Ja, gerne.“

„Die Gläser sind dort drüben.“ Er wies mit dem Kinn zum Schrank, während er Parmesan rieb. Ja, man konnte ihn auch fertig gerieben kaufen, aber er hatte schließlich nicht umsonst einen italienischen Familiennamen. „Saft ist im Kühlschrank.“

„Kann ich dir bei irgendetwas helfen?“

„Nein, wir kommen schon klar. Ich werde die Mädchen rufen. Sie sollen den Tisch decken. Wenn sie fertig sind, können wir essen. Es gibt Käse-Sahne-Ravioli mit Salat und Knoblauchbaguette.“

„Hört sich großartig an.“

„Nicht hausgemacht“, warnte er sie.

„Oh, das habe ich auch nicht erwartet.“ Sie zögerte einen Moment. „Ich weiß doch, dass du keine Zeit dafür hattest.“

Er fragte sich, was sie dachte und ob er ihr eine Erklärung geben sollte. Er war alleinerziehender Vater. Keine Mutter weit und breit. Nun, sie würde das schon mitbekommen. Er hasste Erklärungen.

Sie wirkte ein wenig verlegen, und er zerbrach sich das Gehirn, wie er sie ein wenig aufmuntern konnte, als Holly und Maddie ihn retteten. Die beiden liefen genau in diesem Moment in ihren Pony-Pyjamas in die Küche. „Ist das Essen schon fertig?“ Zwei Stimmen, ein Gedanke.

„Das wird es sein, wenn ihr den Tisch gedeckt habt. Mary-Jane, das sind meine Töchter, Holly und Maddie.“ Als er sie vorstellte, sah er die beiden für einen Moment mit den Augen eines Fremden – zwei dunkelhaarige, schlaksige, lebhafte Mädchen, die mit ihren großen braunen Augen zum Anbeißen süß aussahen. Dazu waren sie auch noch in Pink gekleidet. „Ich habe sie im Sonderangebot bekommen: ‚Nimm zwei, zahl eins‘“, witzelte Joe.

Sie lachte und schien, wie die meisten Leute, von den Zwillingen entzückt zu sein. Sie beugte sich leicht vor und legte die Hände einen Moment auf die Oberschenkel, um sie in Augenhöhe begrüßen zu können. Für ihr Alter waren die Mädchen ziemlich klein. „Hallo, Maddie. Hallo, Holly. Ich wette, ihr wart ein Schnäppchen.“

Das waren sie nicht. Sie hatten ihn über die Jahre ein Vermögen an Anwalts- und Gerichtskosten und medizinischer Versorgung gekostet. Aber das würde er ihr nicht sagen und den Mädchen auch nicht.

Noch nicht.

Erst, wenn sie sehr viel älter waren.

Und erst, wenn sie Fragen stellten.

Sie fragten ihn hin und wieder mal: „Sag schon, Daddy. Warum haben wir keine Mommy?“ – „Weil sie nicht für euch sorgen konnte.“ – „Warum konnte sie das nicht?“ – „Weil sie es nicht konnte.“ Weil sie drogensüchtig und gewissenlos ist und ihre Liebhaber gefährlich sind. Einer von ihnen hatte dafür gesorgt, dass Maddie für eine Woche ins Krankenhaus musste.

Joe würde unter keinen Umständen mehr zulassen, dass sie wieder zu ihrer Mutter zurückgingen. „Und deshalb haben wir beschlossen, dass ich für euch sorge.“ Nun, eine Reihe von Richtern hatte das entschieden. Es dauerte allerdings eine Weile.

„Wo ist sie jetzt, unsere Mommy?“ – „Weit, weit weg.“ Im Drogenwunderland, und glaube mir, da möchtest du niemals hin. „Ist sie krank? Kann sie deswegen nicht auf uns aufpassen?“ – „Ja, sie ist krank“, hatte er auf ihre Frage geantwortet. Drogenabhängigkeit, die so selbstzerstörerisch ist, war doch eine Art Krankheit, oder etwa nicht?

„Wird sie wieder gesund werden?“ – „Nein, meine Süßen. Sie will gar nicht, dass es ihr besser geht. Das ist das Problem. Wenn sie es wollte, könnten die Dinge anders sein.“ – „Warum will sie denn nicht, dass es ihr besser geht?“ Mit dieser Frage schlugen sie ihn jedes Mal aufs Neue. „Nun, wir müssen warten, bis ihr älter seid, bevor ich euch das erklären kann. Es ist schwer zu verstehen, wenn man erst sieben Jahre alt ist.“

Mary-Jane würde es verstehen. Mary-Jane wäre wahrscheinlich schockiert. Aber es gab ja keinen Grund, es ihr zu sagen.

Im Zimmer nebenan zählten die Mädchen gerade die Teller für den Esstisch ab. „Einen für Daddy, einen für Granddad. Und einen für die Frau“, setzten sie flüsternd hinzu. Sie hatten ihren Namen vergessen.

„Mary-Jane“, rief er ihnen zu.

„Einen für Mary-Jane“, sagte Holly.

„Einen für mich“, erklärte Maddie.

„Und einen für mich“, beendete Holly die Zählung.

„Es tut mir leid“, gestand Mary-Jane und schaute Joe an, „aber es wird sehr schwer für mich sein, die Zwillinge auseinanderzuhalten.“

„Das ist in Ordnung. Das ist am Anfang für alle schwer, aber es gibt einen Trick: Maddie hat eine Narbe an ihrem Haaransatz und deshalb fällt ihr Haar etwas anders als das von Holly.“

„Ich werde versuchen, darauf zu achten.“

Die Ravioli schwammen jetzt in dem großen Topf ganz oben, und das Wasser kochte so heftig, dass es überzusprudeln drohte. Joe drehte das Gas aus, holte mit einem Löffel eine Teigtasche heraus und hielt sie Mary-Jane entgegen. „Möchtest du probieren, ob sie gut sind?“

Sie lächelte etwas zaghaft. „Okay.“ Sie trat vor, blies leicht auf die Pasta und schob rasch eine Haarsträhne zur Seite, die in den Weg fallen wollte. Ihm wurde klar, dass man Mädchen probieren ließ, aber nicht erwachsene, fünfunddreißigjährige Frauen, die hübsch und kurvenreich waren und auf die man bereits ein Auge geworfen hatte.

Denn die Mädchen bliesen nicht auf den Löffel mit solch vollen, sinnlichen Lippen, die Mary-Jane jetzt zu einem unwiderstehlichen Kussmund formte.

Joe versuchte, seine Gedanken von dieser gefährlichen Beobachtung abzubringen, aber das war nicht einfach. Im Gegenteil: Aus alter Gewohnheit schätzte er Mary-Janes Qualitäten und ihre mögliche Verfügbarkeit als Bettgespielin ein. Das taten Männer, wenn sie auf der Jagd waren, und er war von seinem fünfzehnten Lebensjahr bis ungefähr zum Alter von sechsundzwanzig ein Jäger weiblicher Schönheit gewesen.

Mary-Jane schnitt gut ab. Sie war nicht der Typ, auf den er gewöhnlich stand – wenn es in den letzten Jahren überhaupt so etwas gegeben hätte –, aber wie er zuvor schon bemerkt hatte, besaß sie eine unauffällige Schönheit. Sie hatte nicht nur ein ansprechendes Gesicht, sondern auch eine gute Figur. Er war sicher, dass er sie dazu bringen könnte, mit ihm ins Bett zu gehen, trotz der kühlen, verächtlichen Blicke, die sie ihm in der Highschool zukommen ließ. Es umgab sie etwas Unschuldiges, aber in ihren Augen entdeckte er auch ungestilltes Verlangen, unterdrückte Leidenschaft und eine gewisse Traurigkeit.

Gefährlich! Lass das!

Er suchte weder einen One-Night-Stand noch eine feste Beziehung. Er suchte nach gar nichts. Er wäre auch verrückt, wenn er das tun würde, obwohl er hin und wieder Anfälle von Einsamkeit erlitt. Er war mit der Verantwortung für seine Töchter sehr viel vorsichtiger geworden. Für sie und ihre gemeinsame Zukunft. Im Moment hatte er einfach zu viel Belastung. Er wollte niemanden, auch sich selbst nicht verletzen oder die Mädchen verwirren oder seinem Dad noch mehr Sorgen machen, als dieser bereits hatte.

Nein. Ganz einfach nein.

Er riss sich zusammen. Mary-Jane mochte so verführerisch aussehen, wie sie wollte. Ihr Sex-Appeal würde an ihm abprallen. Dazu war er fest entschlossen. „Gut. Ich werde dann das Wasser abschütten. Das Knoblauchbaguette ist im Ofen. Wenn du möchtest, kannst du es mit dem Topflappen herausholen, dort auf das Brett legen und zum Tisch bringen.“ Dann sah er ins Wohnzimmer hinüber. „Mädchen, ruft bitte Granddad.“

Art war wahrscheinlich jetzt geduscht und frisch angezogen. Er duschte immer um diese Zeit, selbst wenn er nicht mehr das Öl aus der Werkstatt abwaschen musste. Dads Gewohnheiten und auch die seiner Mom hatten Joe verrückt gemacht, als er noch ein Teenager war. Sie waren ihm so langweilig erschienen.

Er hatte sich damals geschworen, diesen Ort nach der Highschool zu verlassen und nach Kalifornien zu gehen. Doch dann war seine Mom krank geworden, und ihr Herz wäre gebrochen, wenn er gegangen wäre. Er war damals ziemlich egoistisch und auf sich selbst bezogen gewesen, aber er hatte genug italienischen Familiensinn, um sein Ego zu überwinden, wenn es um seine Mutter ging.

Also war er geblieben und hatte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, um seinen Eltern eine Freude zu bereiten. „Dann hast du etwas, worauf du zurückgreifen kannst, wenn das mit dem Schauspielern nicht funktioniert.“ Natürlich hatte er sich geschworen, Plan B nie zu brauchen.

Dann war seine Mutter gestorben, und er hatte von da an ein Jahr lang in der Werkstatt seines Vaters gearbeitet. Mit zweiundzwanzig war er schließlich ausgezogen, um sein Glück in Hollywood zu versuchen. Dad hatte noch Joes drei ältere Brüder, die zwar nicht im Ort, aber in erreichbarer Nähe lebten: Danny, Buchhalter in Albany, John, Sanitäter in Burlington, und Frank, Anwalt in New York City.

Dreizehn Jahre später hatten seine Brüder immer noch die gleichen Berufe und allesamt eine Familie gegründet. Mochte Dad noch immer vor dem Abendessen duschen; jetzt waren die Routine und die Gewohnheiten beruhigend und wohltuend, verglichen mit dem Chaos, der Angst, der ständigen Sorge und der harten Arbeit, die Joe in den letzten sieben Jahren durchlebt hatte.

Wenn er so ein Zuhause für sich selbst und die Mädchen aufbauen könnte, würde er das Gefühl haben, einen Schatz sein Eigen nennen zu können. Sechs Jahre lang hatte er neben der Arbeit, mit der er sich und die Mädchen über Wasser gehalten hatte, Jura studiert und das Examen gemacht. Jetzt musste er nur noch Ende Juli vor der Anwaltskammer in New York eine Prüfung ablegen, um hier als Anwalt praktizieren zu dürfen. Auf der Highschool hatte er kaum gelernt, aber jetzt verbrachte er in einer einzigen Nacht mehr Stunden an seinem Schreibtisch als damals in einem Monat.

Das Leben war wirklich seltsam.

Mary-Jane erschien wieder in der Küche und hatte ihren Auftrag, das Knoblauchbaguette auf den Tisch zu bringen, erledigt. Sie stand ein wenig verlegen herum und sah so aus, als ob sie eine neue Aufgabe erwartete, aber es gab nichts mehr für sie zu tun. Die Mädchen hatten bereits den Salat und den geriebenen Käse hinausgebracht, und Joe hatte die große blaue Keramikschüssel mit den Ravioli in der Hand. „Nimm bitte Platz“, forderte er seinen Gast auf. „Wir können essen.“

Das Wort Mommy wurde nicht ausgesprochen.

Mary-Jane wartete darauf. Sicher würde man irgendwann auf das Mommy-Thema kommen, und sie könnte sich dann aus dem Zusammenhang heraus selbst einige Fragen beantworten. Aber bis jetzt kam nichts dergleichen.

Die Mädchen waren herzerfrischend und zuckersüß, und sie konnte tatsächlich sehen, dass Maddies Haar anders fiel als das von Holly. Sie studierte auch aufmerksam die Gesichter der beiden Kleinen, damit sie sie in Zukunft auseinanderhalten konnte.

An was für eine Zukunft dachte sie eigentlich? Das hier war ein einziger Abend, kein Beginn von etwas.

Sie konnte es nicht glauben, dass sie hier in diesem gemütlichen Esszimmer mit einer Drei-Generationen-Familie am Tisch saß. Es gefiel ihr viel zu gut, und es wärmte den lange verschlossenen und fast erfrorenen Teil ihres Herzens so sehr, dass sie instinktiv spürte, wie gefährlich das für sie war.

Bevor sie ins Haus ging, hatte sie Daisy angerufen und ihr erklärt, was geschehen war. Daisy hatte sie beruhigt und ihr versichert, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. „Entspann dich.“

Also entspannte Mary-Jane sich. Entspannte sich ein wenig zu sehr. Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden. Das Essen war köstlich. Mr. Capelli – Art – war liebevoll, väterlich und tröstend. „Komm, iss noch ein paar Ravioli, Mary-Jane!“, hatte er sie aufgefordert und war unglaublich verständnisvoll wegen des Unfalls, während Joe einen ganz entzückenden Dad abgab.

Ich kann nicht glauben, dass ich das denke.

Über Joe Capelli!

Er ermahnte seine Töchter liebevoll, dass sie auf ihre Tischmanieren achten sollten, und in seinen Augen lag dabei ein Ausdruck, den nur ein Mann haben konnte, der lange gelitten hatte. Dann, nachdem Holly unbewusst etwas sehr Komisches gesagt hatte, wechselte er einen amüsierten Blick mit Mary-Jane über die kleinen dunklen Haarschöpfe hinweg, und dasselbe schwärmerische Gefühl wie einst in der Highschool machte sich in ihr breit.

Er ist fantastisch, hat diese zwei reizenden Mädchen und lächelt mich an!

Die Mädchen waren hinreißend, aber auch anstrengend. Mary-Jane erfuhr ihren Geburtstag, die Namen ihrer Freundinnen und Freunde in Kalifornien, die Haarfarbe ihrer ehemaligen Lehrerin und eine lange Liste ihrer Lieblingsgerichte. Sie erfuhr, dass sie an einem Roman mit dem Titel „Das glückliche Pferd und seine Freunde“ arbeiteten, und sie hörte, dass sie weder Puppen noch Pistolen mochten.

Aber die beiden erwähnten nie ihre Mutter, genauso wenig wie Art und Joe, und das war ein wenig seltsam. Als die Mädchen beim Erzählen mal eine Pause einlegten, um eine weitere Gabel Ravioli zu essen, fragten die beiden Männer nach Spruce Bay. Sie hatten gehört, dass es ausgebaut worden war, und wollten wissen, wie das Resort lief.

„Das Resort läuft mittlerweile wieder auf voller Kapazität“, erklärte sie ihnen.

„Ihr seid am Wochenende also ausgebucht?“, fragte Art hoffnungsvoll.

„Bis zum Labor Day sogar unter der Woche. Wir sind sehr zufrieden. Das Spa und der mit Solarzellen beheizte Pool sind ein Magnet. Ebenso der neue Barbecue-Bereich und die vergrößerte Terrasse des Restaurants.“

„Es freut mich, dass der Umbau geholfen hat, mehr Leute anzuziehen. Das hilft der ganzen Region.“

„Stimmt, umso besser.“

Die Capelli-Werkstatt war indirekt ebenso abhängig von den Touristen wie Spruce Bay, denn durch das Resort und die anderen Motels und Restaurants hatten die Menschen der Region Arbeit und konnten es sich leisten, ihr Auto auch zum Service zu bringen, und nicht erst, wenn es fast zusammenbrach.

Oh, dieser Gedankengang gefiel Mary-Jane gar nicht. Hätte sie selbst etwas früher gehandelt und das Auto in die Werkstatt gebracht, wäre dieses Desaster mit dem Auffahrunfall vielleicht nicht passiert und …

Denk an etwas anderes, Mary-Jane.

„Geht ihr im September in die Schule?“, fragte sie die Mädchen rasch.

Sie nickten. „Aber wir wissen noch nicht genau, in welche.“

„Wir müssen uns noch ein wenig umschauen“, erklärte Joe.

„Und im Sommer? Was habt ihr vor? Ihr habt doch bestimmt alle möglichen Pläne.“

„Pony-Camp“, riefen sie wieder wie aus einem Mund. Sie konnte nicht glauben, wie oft die beiden das taten – dieselben Worte, dieselbe Betonung.

„ Ihr geht in ein Pony-Camp? Ja, das ist bestimmt lustig.“

„Nun …“, bemerkte Joe etwas widerwillig. „Ich weiß nicht, ob ein Pony-Camp so gut ist.“

„Dadd-yyy…!“

„Ich weiß schon. Ich habe verstanden. Ihr wollt unter allen Umständen in ein Pony-Camp, aber ich weiß noch nicht einmal, wo es in dieser Gegend eines gibt. Vielleicht könntest du mir da ein wenig helfen, Mary-Jane. Wahrscheinlich musst du Gästen auch oft Fragen dieser Art beantworten, oder?“

„Ja, sehr oft.“

„Dann weißt du also, wo es eines gibt, das ein Tagesangebot anbietet?“

„Es gibt eines, aber ich kann es nicht mit gutem Gewissen empfehlen. Ich habe ein paar Gäste dorthin geschickt, aber die kamen mit Beschwerden zurück.“ Sie schwieg und fragte sich, ob sie die Idee, die ihr gerade gekommen war, mitteilen sollte. Wenn sie es tat, würde sie eine Verbindung zwischen sich und Joe und den Mädchen herstellen. Und vielleicht wäre es klüger, das von Anfang an zu unterbinden. „Allerdings gibt es einen Platz, der vielleicht gut wäre …“

Penelope Beresford machte keine Werbung für ihren Reitstall, war aber trotzdem immer gefragt. Sie war Engländerin, eine ehemals berühmte Reiterin, sogar Olympia-Gewinnerin und ein hoch angesehener Coach für Dressur und Springreiten. Top-Reiter kamen regelmäßig zum Intensivtraining zu ihr. Sie gab für die hiesige Bevölkerung auch Reitunterricht, und hin und wieder fanden zweiwöchige Reit-Camps für Kinder statt.

Sie bot keine Unterkunft an, nur Pferde und Unterricht, also wohnten ihre Reiter normalerweise in dem nächstgelegenen Resort, das zufällig das Spruce Bay war.

Im Moment war ein Ehepaar bei Penelope, beides bekannte Reiter. Sie hatten zwei Kinder mitgebracht, einen sechs Jahre alten Jungen und ein acht Jahre altes Mädchen.

Da die beiden länger bleiben würden, war es möglich, dass ihretwegen ein Tagescamp für Kinder arrangiert würde und dass sie durch ihre Beziehungen Joes Töchter dort unterbringen könnte. Was wünschenswert wäre, nicht nur wegen der Mädchen, sondern auch, weil sie dann etwas von der Schuld wegen des heutigen Unfalls abtragen könnte.

Sie fühlte sich bereits in das Leben von Joe und seinen Kindern hineingezogen. War es nicht besser, wenn sie noch Abstand hielt?

„Ich habe noch einiges zu klären, bevor ich Details für euch habe“, meinte sie schließlich. „Ich möchte euch keine falschen Hoffnungen machen.“

„Zu spät“, formte Joe die Worte mit den Lippen und wies mit dem Kopf auf die Mädchen, die sie anstarrten, als wäre sie eine Halbgöttin.

Mary-Jane zuckte innerlich zusammen und formte ein „Sorry“ zurück. Sein Mundwinkel verzog sich leicht, und der Ausdruck in seinen Augen war so vielschichtig und so intensiv, dass sie nicht alles deuten konnte, aber sie wusste, dass sie am liebsten alle Probleme für ihn gelöst hätte. Ihre Selbstkontrolle war geschmolzen wie Eis in der Sonne, und es gab keinen Weg zurück.

Sie hatte sich innerhalb weniger Stunden in eine Situation manövriert, die ihr größte Probleme bereiten würde.

Ernsthafte, peinliche, höchst unangemessene Probleme.

Wegen „Cap“ Capelli aus der Highschool und seinen zwei hübschen siebenjährigen Töchtern.

4. KAPITEL

Joe fuhr sie direkt nach dem Abendessen ins Spruce Bay. Mary-Jane hatte darauf bestanden. „Ich bin sicher, dass du noch viel zu tun hast, Joe.“ Sie hatte begonnen, einige Teller abzuspülen und sie in den Geschirrspüler zu stellen, doch er hatte ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollen.

Er widersprach auch nicht, als sie ihn bat, sie nach Hause zu fahren. Auf dem Weg ins Resort redeten sie über den Wagen.

Über Autos.

Über ihres und das einzige, das der Capelli-Werkstatt gehörte.

„Es tut mir leid, dass ich dir keinen zweiten Leihwagen anbieten kann“, erklärte Joe.

„Ich bin froh, dass du es nicht tust, denn ich würde auch keinen zweiten wollen. Ich besorge mir einen Mietwagen. Und den Schaden übernimmt meine Versicherung.“

„Darüber können wir noch reden.“

„Wir reden jetzt darüber, und es ist entschieden.“

„Nein, es sei denn, du kannst gut handeln“, widersprach er. „Es gibt vielleicht etwas, das ich nur zu gerne hätte, und das könnte unser kleines Problem lösen.“

Wovon redete er …?

„Ich meine“, fuhr er rasch fort, „das Pony-Camp-Ding.“

Ach so. Er redete nicht davon, dass sie ihm ihren Körper verkaufen sollte. Nur um das klarzustellen.

Was ist los mit dir, Mary-Jane? Was hast du für komische Ideen?

„Du hast mir den Eindruck vermittelt, als könntest du einen besonderen Deal mit dem Besitzer eines Reitstalls ausarbeiten“, erklärte Joe. „Wenn du mir helfen könntest, ein Treffen zu organisieren, und ein Wort für uns einlegen kannst, dann werden die Kinder und ich dir im Sommer im Resort so gut es geht helfen, und du musst mir dafür ganz bestimmt kein Geld für die Reparatur des Leihwagens zahlen.“

„Ich werde Penelope morgen anrufen und mit den Richards darüber reden.“ Sie erzählte Joe von ihr, von dem Reiterehepaar und deren Kindern.

„Und ruf mich bitte sofort an, wenn du etwas erreicht hast.“

„Natürlich.“

„Es tut mir leid, dass ich dich damit so unter Druck setze, aber in der Werkstatt zu arbeiten und auf die Kinder aufzupassen, ist zu viel für Dad und mich. Vor allem wird es zu viel für meinen Vater.“

„Natürlich. Sie sind bezaubernd, haben aber unglaublich viel Energie.“ Irgendwie klang das in ihren Ohren nicht richtig. Das Gleiche hätte sie auch über die Kinder sagen können, die im Spruce Bay Urlaub machten. Manche waren sogar sehr anstrengend. Mary-Jane bekam hautnah mit, dass – je größer sie wurden – Kinder nicht immer nur niedlich und schon gar nicht pflegeleicht waren. Was allerdings absolut nichts an ihrem Kinderwunsch änderte.

Joes Mädchen waren definitiv niedlich. War es der Mann oder die Mädchen, die sie so anrührten? Falls sie eine Mutter hatten, dann … Aber wenn Joe alleinerziehend war?

Es macht mir Angst, dass ich so schnell so etwas denke …

„Dad wird dagegen sein, dass ich sie in irgendein Ferienprogramm aufnehmen lasse“, meinte Joe. „Er findet, das wäre nicht gut genug. Aber durch ein Pony-Camp würden ihre Träume wahr werden, und nachdem …“ Er hielt inne und stieß ganz leise einen Fluch aus. „Die Details brauchst du nicht erfahren.“

„Nein, ist schon okay“, meinte sie, dabei starb sie fast vor Neugierde. Sie wünschte sich so sehr, mehr über die Umstände zu erfahren.

Das war nicht gut. Mary-Jane, pass auf!

Sie wartete darauf, dass er weiterredete, und als er es nicht tat, war ihre Enttäuschung darüber ein weiteres gefährliches Signal auf einer immer länger werdenden Liste. Sie wollte alles über ihn wissen, und sie wollte es von seiner tiefen, sexy Baritonstimme hören.

Es machte ihr allerdings Angst, mit welch atemberaubender Schnelligkeit er ihr wichtig geworden war.

Sie fuhren jetzt die mit Bäumen gesäumte Einfahrt des Spruce Bay Resorts entlang und erreichten den Parkplatz vor dem Büro. Joe hielt mit laufendem Motor an. „Danke für alles, was du heute für mich getan hast“, erklärte sie bewusst formell. „Für den Wagen, dass du mich abgeholt hast und für das Abendessen. Selbst wenn ich helfen kann, ein Reit-Camp zu arrangieren, wäre das lange noch nicht Entschädigung genug.“

„Vergiss es“, sagte er so cool wie ein Mafiaboss in einem Film, und sie fragte sich, warum er keinen Erfolg als Schauspieler gehabt hatte. Er besaß das Aussehen, die Stimme und mehr Charisma, als für eine Frau gut war.

„Ich rufe dich an, sobald ich die Möglichkeiten geklärt habe“, meinte sie.

„Großartig.“

„Dann bis später.“

Sie war so entschlossen, keine Sekunde länger in seinem Minivan zu sitzen, dass sie fast hastig ausstieg. Dann fuhr er davon, ohne ihr noch einmal zuzuwinken. Nachdem er hinter den Bäumen verschwunden war, blieb sie noch einen Moment stehen. Sie fühlte sich seltsam benommen und erfüllt von einer Sehnsucht, die nicht erwünscht war. Vor allem aber war sie wütend auf sich selbst.

Der Teil mit der Wut war ihr vertraut, und sie wusste, wie sie damit umgehen musste: Arbeit war das beste Gegenmittel.

Sie lief in das Büro und sah Nickie in ihrem Schreibtischsessel. Sie hatte die Beine angezogen und telefonierte. „Sie will was? Ist das dein Ernst?“, fragte sie mit fast hysterischer Teenagerstimme.

Sie redete also nicht mit einem Gast.

Als Nickie Mary-Jane sah, beendete sie rasch das Telefongespräch, nahm die Beine herunter und straffte den Rücken, als ob sie einen Verweis fürchtete. Ihr Verhalten ärgerte Mary-Jane fast mehr als die Tatsache, dass sie Privatgespräche geführt hatte. Offensichtlich hielt sie ihre Chefin für einen Drachen.

„War viel zu tun?“, fragte Mary-Jane bewusst ungezwungen.

„Bungalow zwölf hat das Badezimmer überflutet, und Zimmer vier konnte die Klimaanlage nicht einschalten, aber es ist alles wieder in Ordnung.“

„Okay, gut gemacht. Könntest du noch fünf Minuten bleiben? Ich muss nur noch kurz ins Restaurant schauen, dann kannst du nach Hause gehen.“

„Danke.“ Sie lächelte und schaute auf die Uhr auf ihrem Handy. „Um wie viel Uhr soll ich morgen kommen?“

„Sagen wir gegen Mittag.“

Das Bürotelefon klingelte, und Nickie hob ab. „Spruce Bay Resort. Sie sprechen mit Nickie. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Mary-Jane ging hinüber zu Daisy, aber der große Ansturm des Abends war bereits vorbei, und alles war gut gelaufen. Daisy bestand darauf, dass Mary-Jane sich ein wenig Ruhe gönnte.

„Warum gehst du nicht?“, schlug Mary-Jane vor. „Möchtest du nicht zu deinem Mann fahren und die Füße hochlegen?“

Daisy schob eine losgelöste blonde Locke aus ihrem vom Dampf der Küche leicht geröteten Gesicht. „Ich gehe doch sowieso in einer halben Stunde.“

„Ich weiß nicht, woher du deine Energie nimmst.“

Daisy lächelte. „Ich genieße sie noch. Wenn ich erst im letzten Drittel der Schwangerschaft bin, werde ich sie wahrscheinlich in dieser Form so in meinem ganzen Leben nicht mehr haben.“

„Oh, woher hast du das denn?“

„Von einer klugen Frau im Wartezimmer des Arztes, die mit Kind Nummer fünf schwanger ist.“

„Oh.“ Mary-Jane ignorierte den dumpfen Schmerz in ihrer Brust – eine Mischung aus Neid und Trauer.

So hätte es bei mir auch sein sollen. Mutter von vielen Kindern, die sich voller Hingabe und Umsicht um ihre Familie kümmerte.

Es war sicher nicht der Traum einer jeden Frau, aber es war ihrer gewesen, und er hatte sich nicht erfüllt.

Nachdem sie Daisy eine gute Nacht gewünscht hatte, ging sie zurück ins Büro und erinnerte sich an die erste Zeit mit Alex, vor ungefähr zwölf Jahren, als sie anfing, über eine Heirat nachzudenken. Mary-Jane war zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, als sie ein Paar wurden, und dreiundzwanzig, als sie beschloss, dass er der richtige Mann war.

Sie hatte angenommen, dass er bald um ihre Hand anhalten würde – für sie hatte sich ihre Beziehung gut angefühlt – und dass sie dann mit vierundzwanzig Jahren verheiratet sein würde. Ihr Plan war, das erste Baby mit sechsundzwanzig Jahren zu bekommen und das zweite mit achtundzwanzig. Bis sie dann Ende dreißig sein würde, hätte sie locker sechs Kinder. Sechs schien für sie eine gute Zahl zu sein, dann hätte man Platz in einem achtsitzigen Van.

Sie hatte sich selbst als die große Erdmutter gesehen. Die Art von Mutter, der andere Frauen Respekt zollten, mit Kindern, die glücklich waren und gut erzogen und sich für Dinge, die sie liebten, einsetzten.

Sie hatte geglaubt, dass sie kochen und backen und ihr eigenes Gemüse anpflanzen würde, dass sie ihr Heim mit wunderschönen selbst gemachten Dingen verschönern, ihre Kinder zu Musik- und Sportunterricht fahren und ihnen jeden Abend vorlesen würde.

Sie hatte die Rolle der Ehefrau, Mutter und Haushälterin als eine wichtige und interessante Aufgabe gesehen, die sie erfüllen und immer wieder aufs Neue herausfordern würde.

„Ich weiß nicht, wie du das alles mit so vielen Kindern schaffst“, hätte jeder gesagt. Und sie hätte kluge, bodenständige Antworten gegeben. „Du musst nur gut organisiert sein und darfst nie deinen Sinn für Humor verlieren“, oder: „Ich habe den richtigen Mann und Vater gefunden.“

Doch leider war Alex nicht der richtige Vater gewesen. Er war für überhaupt nichts der Richtige gewesen.

Da er nicht in der gewünschten Zeit um ihre Hand anhielt, hatte sie das Thema angeschnitten. „Alex, kannst du dir vorstellen, dass wir bald heiraten könnten?“

Er erklärte ihr, dass er nicht in Eile sei. Waren sie nicht auch so glücklich? Sie hatten noch so viel Zeit, warum sollten sie nicht leben, bevor die Dinge ernst wurden. Und dann zerstreute er sie mit einer Reise nach Cancún, die sie gemeinsam planten.

Später, als sie sechsundzwanzig Jahre alt wurde und sie eigentlich schon das erste Kind hatte haben wollen, fragte sie ihn erneut, ob er heiraten und Kinder bekommen wollte.

Natürlich, wenn die Zeit dafür reif ist, hatte er ihr erklärt. Es gäbe aber doch noch gar keinen Grund zur Eile. Ihre biologische Uhr wäre doch noch lange nicht abgelaufen. Warum sollten sie jetzt schon so viel Verantwortung übernehmen, wenn sie noch so viel Spaß zusammen haben könnten.

Ja, aber sie würde dann vielleicht nicht mehr sechs Kinder bis Ende dreißig haben können, wenn sie nicht bald damit begann.

Natürlich teilte sie Alex diese Bedenken nicht mit. Sie wollte ihn mit ihrem Wunsch nach einer großen Familie nicht vertreiben. Vielleicht muss ich ja gar nicht sechs haben, entschloss sie sich. Vier wären ja auch genug. Oder nur drei, wenn er nicht die gleiche Liebe zur Großfamilie hegte wie sie.

Noch mehr Zeit verging. Sie hatte fast die dreißig erreicht, und sie waren noch immer nicht offiziell verlobt. Manchmal fragte sie sich, ob er sie überhaupt liebte, weil er manchmal so abwesend und kühl wirkte, aber wenn sie ihn darauf hinwies und sie stritten, beruhigte er sie immer mit einer romantischen Geste. Kurzurlaube, Blumen, Schmuck – er war sehr geschickt in solchen Dingen.

Aber einen Monat vor ihrem dreißigsten Geburtstag stritten sie sich besonders heftig, und bevor er sie wieder mit einem Trick einlullen konnte, stellte sie ihm die Frage, auf die es ankam. Würden sie jetzt heiraten oder nicht?

Nein, das würden sie nicht.

Sie konnte sich immer noch an die Worte erinnern, die er benutzt hatte: „Sei doch mal ehrlich. Wir haben uns doch nie wirklich in diese Richtung bewegt“, meinte er gelassen und tat so, als ob sie auch in dem Glauben gewesen wäre, sie hätten keine ernsthafte Beziehung. Tat so, als ob sie nie Heirat oder Kinder diskutiert hätten. Aber das hatten sie! Er hatte ihr etwas vorgemacht und sie Dinge glauben lassen, die nicht der Wahrheit entsprachen.

Er hatte sie angelogen.

Sie war so schockiert gewesen, dass sie sofort mit ihm Schluss gemacht und dann darauf gewartet hatte, dass er zurückgekrochen kommen würde. Es vergingen sechs Wochen, bis ihr klar wurde, dass es endgültig vorbei war.

Weniger als ein Jahr später – und das war das, was sie am meisten geschmerzt hatte – hörte sie, dass er eine andere Frau geheiratet hatte. Wahrscheinlich hatte er sich bereits in ihrer Zeit mit der anderen getroffen. Wie auch immer, sie wollte es nicht mehr wissen. Vorbei war vorbei. Sie hatte auch ihren Stolz.

Nachdem sie die Beziehung mit Alex beendet hatte, hatte sie sich allein ihr Leben aufgebaut. Sie verreiste zweimal im Jahr, wenn Spruce Bay saisonbedingt geschlossen war. Sie hielt sich fit und war aktiv, las viel und informierte sich gut. Sie setzte alles daran, aus Spruce Bay das Beste zu machen. Sie bemühte sich um ihre Freundschaften und um eine gute Beziehung zu ihren Schwestern und zu den Eltern, die sich jetzt in South Carolina zur Ruhe gesetzt hatten. Sie lebte ihr Leben so erfüllt, wie sie konnte, aber es war eben ein ganz anderes Leben, als sie es sich gewünscht und geplant hatte.

Fast fünf Jahre später war sie über Alex hinweggekommen – aber nicht über die den Verrat, den Verlust des Traumes, der ihr einmal so leicht zu erfüllen schien. Das Gefühl, sieben Jahre an einen Mann verschwendet zu haben, der sie nie geliebt, sondern nur als Lückenbüßerin benutzt hatte, bis er die Passende gefunden hatte – das alles hatte Spuren hinterlassen.

Sie würde im Oktober sechsunddreißig Jahre alt werden.

Und der fantastisch aussehende Joe Capelli hatte zwei reizende kleine Mädchen, aber offensichtlich keine Mutter dazu.

Diese Dinge gehörten nicht zusammen.

Sie ging rasch ins Büro, schickte Nickie nach Hause und stürzte sich auf die liegen gebliebene Arbeit. Nichts lenkte besser ab.

5. KAPITEL

„Hat die Frau ein Pony-Camp für uns gefunden?“

„Ihr Name ist Mary-Jane“, erinnerte Joe die Mädchen.

„Hat Mary-Jane ein Pony-Camp für uns?“

Sie begannen diese Frage um sieben Uhr morgens zu stellen und hörten nicht mehr auf. Art opferte sich und ging mit den Mädchen vormittags in den Park, damit sie dort spielen konnten, aber kaum kehrten sie zurück, nervten sie ihn erneut mit dieser Frage.

Er konnte sie verstehen; er war genauso gespannt, ob Mary-Jane etwas für sie tun konnte. Er musste unbedingt einen Platz für seine energiegeladenen Töchter finden, oder sein Dad oder er würden irgendwann zusammenbrechen. Oder zumindest würde die Arbeit in der Garage darunter leiden.

Er hatte gerade die Kinder mit seinem Vater nach Hause geschickt, um zu Mittag ein Hühnchen-Sandwich zu essen, und ihnen ein Eis versprochen, wenn sie Granddad danach ausruhen ließen, als das Telefon im Büro klingelte. Er fühlte sich unglaublich erleichtert, als er Mary-Janes Stimme hörte.

„Ich denke, ich habe einen Plan für euch“, sagte sie. Sie hatte eine sehr angenehme Stimme, klar und warm. „Ich habe mit Vanessa, Phil und ihrem Kindermädchen Lucy gesprochen, und ihnen gefiel die Idee, für ihre Kinder und deine Mädchen ein Kinder-Pferde-Programm auszurichten. Aber Penelope möchte deine Töchter erst kennenlernen.“

„Wann?“, fragte er so ungeduldig und abrupt, dass er es gern wieder zurückgenommen und etwas gelassener ausgesprochen hätte.

„Wann immer du willst, denke ich. Sie meinte, sie wäre heute Nachmittag frei. Ich kann auch; zumindest kann ich es mir einrichten. Aber wahrscheinlich kommt das zu spontan für dich …“

„Heute Nachmittag hört sich großartig an!“ Er könnte die Arbeit an dem Wagen, der gerade in der Garage stand, noch beenden. Ein weiterer war schon fertig, und sein Dad könnte im Büro sitzen und auf die Kunden warten. Alles, was er brauchte, waren zwei weitere Stunden. „Um wie viel Uhr?“, fragte er. „Kann es auch etwas später sein? So gegen fünfzehn Uhr dreißig?“

Er wusste, dass er zu forsch vorging, sie zu sehr bedrängte. Er konnte es an ihrem verlegenen Lachen erkennen. „Hm, klar. Ich werde Penelope anrufen und fragen. Wie wäre es, wenn ich nur dann zurückrufe, wenn ihr der Nachmittag nicht passt?“

„Wenn du dich also nicht meldest, komme ich mit den Kindern um fünfzehn Uhr dreißig zu deinem Büro?“

„Das wäre gut. Die Richardsons teilten mir mit, dass die Mädchen keine Sandalen, sondern festes Schuhwerk tragen sollten, ansonsten würde Penelope einen Anfall bekommen. Ich zitiere nur.“

„Schuhe, keine Sandalen. Verstanden.“

Es gab keinen Gegeneinwand von Penelope, und Mary-Jane sah Joe und die Mädchen durch das Bürofenster aus dem Wagen steigen. Wobei die Mädchen eher sprangen, dann herumliefen und aufgeregt auf die neue großzügige Poolanlage und den großen Abenteuerspielplatz zeigten, der dahinter lag. Sie trugen dunkelblaue Leggings, T-Shirts mit kalifornischen Sehenswürdigkeiten darauf und Rucksäcke mit Disneyfiguren.

Auch Joe sah gut aus. Verdammt gut sogar. Mit heller Hose und dem blau gemusterten Hemd wirkte er sportlich-elegant und respektabel. Trotzdem war seine rebellische Ader deutlich zu spüren. Ein erregender Schauer durchlief Mary-Jane bei dieser Feststellung.

Nicht. Lass das!

Sie selbst trug Jeans und ein blau-weißes Top, und als sie hinausging und Nickie das Büro überließ, konnte sie nicht glauben, wie gut sie – zumindest äußerlich – zusammenpassten. Sie hatte sogar ein wenig Make-up aufgetragen und Schmuck angelegt. Über ihre Gründe dafür musste sie sich nichts vormachen.

Sie wollte Joe bewusst beeindrucken, wollte, dass er sie als Frau bemerkte.

Nein, es war noch komplizierter als das.

Komplizierter, aber nicht akzeptabler. Eher weniger.

Sie wollte aussehen wie der Typ Frau, den er normalerweise datete.

Und sie schämte sich deswegen.

Hör sofort mit diesem Unsinn auf.

Aber Joe faszinierte sie weitaus mehr, als sie wollte. Er hatte sich seit der Highschool so verändert.

Jeder hätte sich verändert, ermahnte sie sich. Es war ja so viel Zeit vergangen.

Aber in seinem Fall interessierte sie das Warum, Wann und Weshalb: Hatte ihn das Schicksal zu einem anderen Menschen gemacht? Welche Entscheidungen hatte er treffen müssen, und welche hatte er freiwillig getroffen?

Als sie in seinem Minivan saßen und losfuhren, wies sie ihm den Weg. Schon bald erreichten sie Penelope Beresfords Anwesen mit dem Reitstall und den großen Weiden und Übungsplätzen.

„Wenn ich mein Pony sehe, werde ich es sofort umarmen“, verkündete Holly.

„Ich auch“, meinte Maddie. „Ich klettere sofort auf seinen Rücken und reite es.“

„Nein, das werdet ihr ganz bestimmt nicht tun“, widersprach Joe bestimmt. „Ihr werdet weder ein Pony umarmen noch es reiten. Das wäre eine Garantie dafür, dass gar kein Pony-Camp stattfindet.“

Für einen Moment war es auf dem Hintersitz mucksmäuschenstill. „Warum, Daddy?“

Autor

Lilian Darcy

Die Australierin Lilian Darcy hat einen abwechslungsreichen Weg hinter sich. Sie studierte Russisch, Französisch und Sprachwissenschaften und ging nach ihrem Abschluss als Kindermädchen in die französischen Alpen. Es folgten diverse Engagements am Theater, sowohl auf der Bühne als auch als Drehbuchautorin. Später hat Lilian Darcy als Lehrerin für Französisch und...

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Die USA-Today-Bestsellerautorin Michelle Major liebt Geschichten über Neuanfänge, zweite Chancen - und natürlich mit Happy End. Als passionierte Bergsteigerin lebt sie im Schatten der Rocky Mountains, zusammen mit ihrem Mann, zwei Teenagern und einer bunten Mischung an verwöhnten Haustieren. Mehr über Michelle Major auf www.michellemajor.com.
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